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Der Geburtstermin ist verstrichen – jetzt heißt es warten. Aber wie

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Der Geburtstermin ist
verstrichen – jetzt heißt es
warten. Aber wie lange?
Sieben Tage? Zehn? 14? In
Deutschland gibt es
einen Trend, Geburten immer
früher einzuleiten.
Nicht immer zu Recht, wie
Experten meinen
Text Juliane Büttinghaus
64 ELTERN september 2012
enn zum errechneten Geburtstermin die Fruchtblase
noch nicht geplatzt ist und
keine Wehen kommen, geschieht mit schwangeren Frauen in
Deutschland dennoch eine Menge: Ab jetzt
müssen sie alle zwei bis drei Tage zur Vorsorgeuntersuchung.
Ist das Baby eine Woche später immer noch nicht auf der Welt,
entscheiden die Ärzte inzwischen häufig: Einleiten!
Gut 20 Prozent aller Babys kommen heute mit Nachhilfe
auf die Welt, wiederum 31 Prozent davon wegen Terminüberschreitung. Vor zehn Jahren waren es noch 15 Prozent der
Geburten, die eingeleitet wurden – und nur bei zehn Prozent
war der überschrittene Termin der Grund. Dabei ist erwiesen,
dass eine eingeleitete Geburt länger dauert, wenn der Muttermund noch nicht reif genug ist. Und was vielleicht noch mehr
zählt: Die Mutter fühlt sich des Gefühls beraubt, dass ihr Kind
jetzt auf die Welt kommen wollte.
Woher kommt dieser Trend zum frühen Einleiten?
Seit 2010 gibt es eine Leitlinie der Deutschen Gesellschaft
für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), die diese Empfehlung für Schwangerschaftswoche 41+0 ausspricht. Sie soll den
Ärzten mehr Sicherheit und Verbindlichkeit bringen – denn:
Wann eingeleitet wurde, das war in der Vergangenheit von
Klinik zu Klinik höchst unterschiedlich. Nicht zuletzt sollte ein
rechtlicher Rahmen geschaffen werden, der die Geburtsmediziner vor Regressforderungen schützen kann.
Wie allerdings viele Ärzte mit den Empfehlungen umgehen
– das nennt Professor Rainhild Schäfers „vorauseilenden Gehorsam“. Schäfers ist Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft
für Hebammenwissenschaft und wirft den Ärzten vor, sie hätten nur die Schwangerschaftswoche im Blick, statt darauf zu
schauen, wie es Mutter und Kind geht. Die Leitlinie selbst, sagt
sie, sei gar nicht so strikt formuliert, wie sie von manchen
Medizinern ausgelegt werde. Aber sie kritisiert auch das Papier
selbst: Die verwendeten Studien seien methodisch unsauber
und oft falsch interpretiert. Laut Leitlinie steigt das Risiko eines
Ungeborenen, im Mutterleib zu sterben, nach der 41. Schwangerschaftswoche erheblich – doch die zugrunde liegenden Daten, so Rainhild Schäfers, belegten das nicht. Zwischen dem
Risiko in der 42. und dem in der 37. Woche bestehe kein Unterschied. Kritisch wird es erst nach der 42. Woche – ab jetzt
FOTO: Masterfile
Vorbei
mit der
Geduld W
Schwangerschaft & Geburt
spricht man von „Übertragung“. Sogar Ärzte, die selbst an der
Leitlinie beteiligt waren, nennen die Datenlage problematisch,
da alle verwendeten Studien aus den 80er- und 90er-Jahren
stammen und keine davon aus Deutschland.
Unterstützung bekommt Schäfers von vielen renommierten
Geburtshelfern: „Es gibt gar keine verlässlichen Daten“, sagt
Professor Ralf Schild, Chefarzt der Geburtshilfe Henriettenstiftung in Hannover. Und Professor Thorsten Fischer, Chefarzt
der Universitätskliniken für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Salzburg, betont: „Die Biologie und somit unser Körper unterliegt dynamischen Prozessen“ – dem könnten statische Termine überhaupt nicht gerecht werden.
Tatsächlich wäre es vielen Experten lieber, man würde nicht
mehr von einem festen Geburtstermin sprechen, sondern von
einem Geburtszeitraum, denn: Die Formel, mit der der Geburtstermin errechnet wird, ist rund 200 Jahre alt.
Nur etwa vier Prozent aller Babys kommen an diesem Zeitpunkt zur Welt, 90 Prozent in den zwei Wochen davor und
danach. Zu individuell ist der Zyklus jeder Frau. Auch das
Geschlecht des Babys und die Tatsache, ob die Frau ihr erstes,
zweites oder drittes Kind erwartet, scheinen die Länge der
Schwangerschaft zu beeinflussen.
In Deutschland wird der Geburtstermin deshalb seit einigen
Jahren zusätzlich per Ultraschall im ersten Schwangerschaftsdrittel überprüft – und je nach Größe des Kindes auch korrigiert. Trotzdem: „Auch wenn eine Frau ganz sicher ist, wann
das Kind entstanden sein muss, wird das oft nicht berücksichtigt“, kritisiert Rainhild Schäfers.
Wenn es aber um die Frage geht, wann die Geburt eingeleitet werden soll, bürdet man den werdenden Müttern eher
zu viel Verantwortung auf, so Thorsten Fischer: „Laut Leitlinie
müssen der Frau alle – nicht belegten – Risiken genannt werden, und dann soll sie selbst entscheiden. Das ist eine Katastrophe.“ Wie kann man es besser machen?
„Bei einer unkomplizierten Schwangerschaft spricht nichts
dagegen, abzuwarten und zu beobachten“, so Fischer. Das
heißt, die Fruchtwassermenge mittels Ultraschall und die Herztöne mit einem CTG regelmäßig zu kontrollieren. Man kann
auch einen Dopplerultraschall einsetzen, um den Blutfluss
zwischen Mutter und Kind zu untersuchen. Die Verlässlichkeit
dieser Untersuchungen ist umstritten – aber immerhin geben
sie Anhaltspunkte für eine Entscheidung.
Auch die Kindsbewegungen sind ein Indikator, sagt Rainhild
Schäfers. Zudem können erfahrene Geburtshelfer durch Abtas­
ten des Bauchs erkennen, ob das Fruchtwasser weniger geworden sei – ein Zeichen für eine Mangelfunktion der Plazenta.
Rainhild Schäfers wie auch Thorsten Fischer und Ralf
Schild setzen auf einen regelmäßigen Austausch zwischen
werdender Mutter und ihrem Arzt. Im Salzburger Uniklinikum
sprechen die Mediziner zehn Tage nach Termin mit der Frau
über eine mögliche Einleitung. Professor Fischer: „Eine deutliche Terminüberschreitung ist nichts Unnormales – aber eine
spätere, medizinisch notwendige Einleitung auch nicht.“ Dass
bei dem ganzen Thema etwas mehr Besonnenheit angebracht
wäre, sehen möglicherweise auch die Verfasser der strittigen
Leitlinie so: Ende 2012 soll sie überarbeitet werden.
Probleme, bei denen meist
eingeleitet wird:
➽ Wenn das Kind nicht mehr wächst
Kleine Babys sind an sich völlig normal: Nur wenn das Ungeborene ab der 30. Woche nicht oder kaum mehr wächst, arbeitet die Plazenta womöglich nicht mehr richtig. Dann muss
die Geburt sofort eingeleitet werden.
➽ Bei einem Fruchtwassermangel
Der hängt oft mit einer Wachstumsretardierung zusammen.
Denn weniger Fruchtwasser kann Sauerstoffmangel bedeuten.
Das Baby reguliert dies zunächst selbst, indem das Gehirn
weiter gut, die Nieren dafür weniger durchblutet werden. Die
Folge: Es kommt kaum noch Urin ins Fruchtwasser – und die
Flüssigkeit wird insgesamt weniger.
➽ Bei insulinpflichtigem Diabetes
warten die Ärzte in der Regel nur bis zum errechneten Termin.
Bei den anderen Formen von Diabetes kommt es auf die Größe des Kindes an: Kinder von diabeteskranken Müttern sind
oft sehr schwer, deshalb werden die Ärzte auf das richtige
Verhältnis zur Statur der Mutter achten.
➽ Nach einem Blasensprung
Damit es nicht zu einer Infektion kommt. Oft leiten die Ärzte
nicht sofort ein, sondern warten, ob die Wehen nicht von selbst
einsetzen. Nach zwölf Stunden bekommt die Frau dann zur
Sicherheit meist ein Antibiotikum. Ist das Baby nach 24 Stunden noch nicht da, kommt die Mutter an den Wehentropf.
➽ Bei einer Präeklampsie
In schweren Fällen der Schwangerschaftsgestose (erhöhter Blutdruck, Ödeme und Eiweiß im Urin), wird nach der 34. Woche
die Geburt eingeleitet (oder das Kind per Kaiserschnitt geholt),
damit sich der Zustand der Mutter stabilisieren kann.
Fachliche Beratung: Dr. Christiane Schausberger, Universitätsklinik
für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Salzburg
WEBTIPP
Wie Sie Ihr Baby sanft locken können, wenn
der Geburtstermin überschritten ist, erfahren Sie
unter www.eltern.de/wehen-locken
september 2012 ELTERN 65
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Seele and Geist
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