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Jugend und Politik – Wie geht das heute? - Liebfrauenschule

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Jugend und Politik –
Wie geht das heute?
Von Corinna Unterricker
Jugend und Politik – Wie geht das heute?
Wie ist heute, auf Grundlage der Shell-Studie 2010 und der Sinus Milieustudie
2008, das Verhältnis von Jugendlichen zur Politik, und durch welches politische
Partizipationsmodell kann man das Verhältnis der Jugendlichen zur Politik
heute basierend auf den beiden Studien verbessern?
Eine Seminararbeit von Corinna Unterricker
Liebfrauenschule Sigmaringen
im Schuljahr 2011/2012
zum Thema „Zukunft“
19.06.12
Inhaltsverzeichnis
Einleitung und Aufbau der Arbeit
S.1
I. Wie ticken Jugendliche heute?
S.3
1. Einteilung der Jugend in Milieus (Sinus-Milieu U27–Studie)
1.1. Die Sinus-Milieu U27–Studie im Vergleich zur Shell-Studie
1.2. Kritikpunkte an der Sinus-Studie
2.1. Grundorientierungen der Milieus
2.1.1. Traditionelle Werte
2.1.2. Modernisierung
2.1.3. Neuorientierung
S.4
S.4
S.5
S.5
S.5
S.7
2. Das Verhältnis der Jugendlichen zur Politik
2.1. Politisches Interesse der Jugendlichen
2.1.1. Definition – Was ist politisches Interesse?
2.1.2. Gesamte Jugend – Ist die Jugend von heute politisch interessiert?
2.1.3. Im Bezug auf Milieus – Welche Milieus zeigen Interesse an Politik?
2.1.4. Der Bezug der Erkenntnisse der Shell-Studie
auf die Milieus (Sinus-Studie)
2.2. Engagement der Jugendlichen
2.2.1. Definition – Was ist Engagement?
2.2.2. Gesamte Jugend – Sind Jugendliche heutzutage allgemein engagiert?
2.2.3. Im Bezug auf Milieus – Die Jugendlichen welcher Milieus sind engagiert?
2.2.4. Der Bezug der Erkenntnisse der Shell-Studie
auf die Milieus (Sinus-Studie)
2.3. Politisches Engagement
2.3.1. Definition – Was ist politisches Engagement?
2.3.2. Gesamte Jugend – Wie stehen die Jugendlichen zu
politischem Engagement?
2.3.3. In Bezug auf Milieus – Welche Milieus engagieren sich politisch?
2.3.4. Der Bezug der Erkenntnisse der Shell-Studie
auf die Milieus (Sinus-Studie)
3. Fazit –Welches Verhältnis haben Jugendliche im Jahr 2011 zur Politik?
S.8
S.8
S.10
S.16
S.18
S.20
S.21
S.28
S.30
S.32
S.34
S.37
S.40
S.41
II. Vergleich der Partizipationsmodelle
Jugendgemeinderat und Jugendforum
S.47
1. Kriterien für gelingende Partizipation
1.1. Allgemeine Kriterien für ein gelingendes Partizipationsmodell
1.2. Kriterien für ein gelingendes Partizipationsmodell in Bezug
auf die Milieus
S.48
S.49
2. Parlamentarische Partizipationsformen
2.1. Jugendgemeinderat (JGR)
2.1.1. Was ist ein Jugendgemeinderat?
2.1.2. Beispiel JGR Weingarten
2.1.3. Vorteile und Nachteile des JGR
2.1.4. Einschätzung des Partizipationsmodells JGR
S.51
S.51
S.55
S.56
S.66
3. Offene Partizipationsformen
3.1. Jugendforum (JuFo)
3.1.1. Was ist ein Jugendforum?
3.1.2. Beispiel JuFo Sigmaringen
3.1.3. Vorteile und Nachteile des JuFos
S.68
S.68
S.69
S.72
3.1.4. Einschätzung des Partizipationsmodells JuFo
S.76
4. Fazit
4.1. Vergleich der Partizipationsmöglichkeiten in Bezug auf die Kriterien
4.2. Ist eine Partizipationsform geeignet um das Verhältnis
Jugendlicher zur Politik zu verbessern?
4.2.1. Erfüllt eine Partizipationsform die Kriterien als
„gutes“ Partizipationsmodell?
4.3. Zukunftstrend – Bleiben Jugend und Politik zwei Welten?
S.80
S.84
S.84
S.86
Schluss
S.88
Kritikpunkte der Arbeit
S.89
Literaturliste
S.90
Einleitung
Jugend und Politik – wie geht das heute? Eine sehr weitläufige Frage die nur schwer zu beantworten
ist. Ich persönlich konnte diese Frage von Anfang an sehr gut für mich beantworten: „gut“, war
meine Antwort. Ich würde mich selbst als politisch interessiert bezeichnen, ich schaue meistens die
20-Uhr-Nachrichten, werfe hin und wieder morgens einen Blick in die Zeitung, kann mich politisch
positionieren und habe auch eine politische Meinung zu den meisten Themen. Für meine politischen
Überzeugungen bin ich auch schon auf die Straße zum Demonstrieren gegangen, habe jahrelang eine
Ware boykottiert oder bei einer Unterschriftensammelaktion mitgemacht. Außerdem kann es mir
auch Spaß machen mit meiner Familie oder anderen Erwachsenen über politische Themen zu
diskutieren.
Aber ich bin nun mal nicht „die Jugendlichen“, sondern nur eine einzige von ihnen. Daraufhin stellt
sich natürlich unverzüglich dir Frage, welche Einstellung zur Politik nun die anderen Jugendlichen alle
haben. Die gleiche Einstellung wie ich? Bin ich eine Ausnahme, als politisch interessierte 17-jährige?
Oder bin ich der Durchschnitt? Da in meinem persönlichen Umfeld und im eigenen Freundeskreis die
politischen Meinungen meist sehr ähnlich sind, bekommt man selten eine wirklich überraschende
Meinung zu Gesicht und fragt sich immer mehr, wie wohl die „ganz Anderen“ und dann auch „die
ganze Jugend zusammen“ zu der Politik steht.
Nachdem mein Interesse geweckt war, beschloss ich, dieses interessante Thema für meinen
Seminarkurs zu wählen. In der folgenden Arbeit werde ich also versuchen, das aktuelle Verhältnis der
Jugendlichen zur Politik zu beschreiben und im zweiten Teil versuchen zu erörtern, wie es möglich
wäre, dieses Verhältnis der jungen Menschen zur Politik zu verbessern. Genauer gesagt habe ich
mich mit der Frage: „Wie ist heute, auf Grundlage der Shell-Studie 2010 und der Sinus-Milieu-Studie,
das Verhältnis von Jugendlichen zur Politik, und durch welches politische Partizipationsmodell könnte
man das Verhältnis der Jugendlichen zur Politik verbessern?“, beschäftigt.
Aufbau der Arbeit
Meine Arbeit ist in zwei Sinnabschnitte gegliedert. Zuallererst werde ich im Teil I die sogenannte
Milieueinteilung der Sinus-Milieu-Studie erläutern um die Studie später in mein Thema einzubauen.
Hier beziehe ich meine Arbeit auf die Sinus-Milieu Studie U27 aus dem Jahre 2008 mit dem Titel „Wie
ticken Jugendliche?“.
Danach möchte ich zunächst herausfinden, wie es um das Verhältnis Jugendlicher gegenüber zur
Politik steht und warum dieses Verhältnis gut oder schlecht ist. Unter Verhältnis verstehe ich sowohl
das politische Interesse, als auch das politische Engagement der jungen Menschen. Diese beiden
Faktoren werde ich untersuchen um das aktuelle Verhältnis der Jugendlichen zur Politik
herauszufinden. Die aktuellste Shell-Studie (2010) und die aktuelle Jugendsurvey (2011) liefen mir
hoffentlich die entsprechenden Fakten, um diese beiden Bereiche zu erläutern. Parallel dazu werde
ich immer den Bezug zur Sinus-Milieu-Studie suchen um nicht nur oberflächlich von allen
Jugendlichen zu sprechen sondern den anderen Blickwinkel, den die „Sinus-Studie“ bietet,
miteinzubeziehen und somit ein vermutlich differenzierteres Ergebnis zu erhalten. Danach erhoffe
ich mir, das „Verhältnis der Jugendlichen zur Politik“ in Bezug auf meine Quellen beschreiben zu
können.
Teil II meiner Arbeit dreht sich um das „Verbessern“ des Verhältnisses von Jugendlichen zur Politik.
Ich werde also die Partizipation an den Partizipationsmodellen Jugendgemeinderat und Jugendforum
als Möglichkeit, um das Verhältnis der Jugendlichen zur Politik zu verbessern, vorstellen.
Zunächst werde ich allgemeine Kriterien für gelingende Partizipation aufstellen, daraufhin werde ich
die Kriterien auf zwei der heutigen Partizipationsmodelle beziehen und schauen, ob sie den
Kritikpunkten standhalten. Ich werde die beiden Partizipationsmodelle Jugendgemeinderat und
Jugendforum untersuchen, indem ich deren Grundstrukturen beschreibe, ein konkretes Beispiel
vorstelle (der JGR Weingarten und das JuFo Sigmaringen), und danach meine allgemein aufgestellten
Kriterien auf das jeweilige Modell beziehe. Anschließend werde ich Vor- und Nachteile des Projekts,
welche ich einerseits im allgemeinen Rahmen, andererseits in Bezug auf die Sinus-Studie (Welche
Milieus sind für dieses Projekt zu begeistern?) aufzustellen gedenke, darstellen und ausführlich
beschreiben. Je nachdem inwiefern das Partizipationsmodell meine Kriterien erfüllt werde ich dann
zu einer Bewertung des Modells kommen. Daraufhin kann ich dann hoffentlich das Projekt auf seine
Erfolgschancen (kann das Projekt wirklich das Verhältnis Jugendlicher zur Politik verbessern?) prüfen.
Im nächsten Schritt werde ich direkt Jugendgemeinderat und Jugendforum vergleichen und dann
erneut anhand der Kriterien versuchen eine Wertung über die beiden auszusprechen, ob sie für eine
erfolgreiche Partizipation geeignet sind oder nicht. Mit den entsprechenden Informationen aus
Literatur, den Informationen des Landesjugendrings und den Interviewen mit Mitgliedern der
Partizipationsformen „Jugendforum“ und „Jugendgemeinderat“ kann ich hoffentlich eine versuchen
eine sinnvolle Beurteilung zu den Partizipationsmodellen schreiben. Zuletzt werde ich in einem Fazit
das Ergebnis meiner Arbeit zusammenfassen und das Überthema des diesjährigen Seminarkurses
„Zukunft“ mit einem kurzen Zukunftsausblick miteinbringen.
I. Wie ticken Jugendliche?
1
1
http://www.kirchliche-dienste.de/upload/15/Jugendliche.jpg (26.06.2012)
1. Einteilung der Jugend in Milieus
(Sinus-Milieu-U27 Studie)
1.1. Die Sinus-Milieu U27–Studie im Vergleich zur Shell-Studie
Die Shell-Studie ist seit vielen Jahren die deutschlandweit wohl bekannteste Jugendstudie, die sich
sehr ausführlich und detailliert mit der Meinung von Jugendlichen zu sehr vielen Themen beschäftigt.
Somit ist es nicht überraschend, dass sie für meine Arbeit erste Wahl in Bezug auf aktuelles Material
war und ich sie an sehr vielen Stellen einbezogen habe. Die Shell-Studie liefert zumeist jedoch Daten
von den gesamten befragten Jugendlichen. Bei vielen Fragen differenziert die Shell-Studie noch
zwischen Dingen wie Bildungsgrad der Jugendlichen und die soziale Herkunftsschicht, und so kann
der Leser der Studie noch ein bisschen genauer erfahren woher das Ergebnis kommt und wie es sich
erklären lässt.
Da ich jedoch in meine Arbeit noch einen ganz anderen Blickwinkel einbauen wollte, habe ich mich
dazu entschlossen als zweite „Hauptquelle“ die Sinus-Milieu-U27 Studie in meine Arbeit mit
einzubeziehen. Während es in der Shell-Studie nur „den Jugendlichen“ gibt, differenziert die SinusStudie sehr genau. Die ganze Einordnung der Jugendlichen wird von einer neuen Seite her gemacht:
es wird nicht nach Bildung oder sozialer Schicht eingeteilt, sondern nach dem Umfeld in dem
Jugendliche leben und aufwachsen. So wird der bunten Haufen von Jugendlichen, die nun mal alle
sehr verschieden und unterschiedlich sind, in eine neue Ordnung gebracht. Eine Ordnung die sich auf
das Lebensumfeld von jungen Menschen bezieht, und sie so versucht die jeweiligen Jugendlichen den
verschiedenen Milieus – also den verschiedenen Lebensumfeldern - zuzuordnen. Für meine Arbeit ist
es aus meiner Sicht sehr wichtig, diese Erkenntnisse über die Psychologie von Jugendlichen für den
Alltag anzuwendenden, weil dieser neue Blickwinkel auf die Jugendlichen mir eventuell noch
Erkenntnisse bezüglich meines Themas verschaffen könnte, die ich durch die Shell-Studie nicht
erlangen könnte.
Deshalb werde ich in meiner Arbeit versuchen die Erkenntnisse der Sinus-Studie auf mein Thema, die
„Einstellung der Jugendlichen zur Politik“ zu beziehen. Dies bedeutet, dass ich versuchen werde, die
Einstellung der Jugendlichen zur Politik in den Milieus zu erarbeiten. Daraufhin werde ich weiter
überlegen, inwiefern es möglich ist, so viele Jugendmilieus wie möglich (und damit natürlich auch
insgesamt so viele Jugendliche wie möglich) beim Thema Politik mit ins Boot zu holen.
Doch zunächst werde ich die Milieus der Sinus-Studie in aller Kürze vorstellen um einen
Gesamteindruck der jeweiligen Jugendmilieus zu schaffen.
1.2. Kritikpunkte an der Sinus-Studie
Selbstverständlich ist es schwer die Milieu-Studie zu 100% Prozent im Alltag wieder zu finden, denn
kaum ein Jugendlicher gehört ganz rein zu nur einem Milieu. Es gibt sicherlich viele Jugendliche die
ihren Charakter weitgehend mit einem Milieu charakterisieren können und sagen können „das bin
ich“, aber genauso gibt es auch Jugendliche bei denen zwei Milieus ähnlich großen Einfluss auf den
Charakter haben oder die in einem kleinen Teil sich von ihrem eigentlichen Milieu unterscheiden.
Somit hat die Sinus-Studie in ihrer Aussagekraft natürlich Grenzen.
2.1. Grundorientierung der Milieus
Als Jugendliche werden in den folgenden Abschnitten, auf Basis der Sinus-Milieu-Studie, die „frühe
Jugend“ von 9-13 Jahren, die „mittlere bis späte Jugend“ von 14-19 Jahren und die „Postadoleszens“
von 20-27 Jahren betrachtet.
2.1.1. Traditionelle Werte (Grundorientierung)
2.1.1.1. Traditionelle Jugendliche (4% der gesamten Jugend)
Jugendliche dieser Gruppe haben ein gutes Verhältnis und vor allem Respekt vor Erwachsenen und
zu den eigenen Eltern, sie respektieren die Ansichten und Vorstellungen von Erwachsenen und sehen
sie oft als „Gleichgesinnte“. Traditionelle Jugendliche sind selbst auch sehr reif und meist sehr früh
erwachsen. Dadurch fühlt sich diese Gruppe der Jugend den anderen des Öfteren überlegen und
sucht nach Anerkennung. Sie wollen ein moralisch gutes Leben führen und schätzen Solidarität und
traditionelle Werte. Die beste und wichtigste Stütze im Leben ist die Familie, im Freundeskreis will
man jedoch auch akzeptiert und eingebunden sein. Traditionelle Jugendliche sind ebenfalls sehr
leistungsorientiert und wollen auf die eigenen Leistungen (z.B. gute Noten) stolz sein. 2
2.1.2. Modernisierung (Grundorientierung)
2.1.2.1. Bürgerliche Jugendliche (14% der gesamten Jugend)
Diese Gruppe definiert sich vor allem durch das Lebensmotto: Vorankommen im Leben und Ziele
verfolgen jedoch dennoch Spaß haben und das Leben genießen. Um die Ziele im Leben zu erreichen,
hat man auch hohe Erwartungen an sich selbst und hat auch nicht selten mit dem Stress zu kämpfen.
Das wichtigste soziale Gefüge ist der Freundeskreis, gegenüber den Eltern bleiben sie leicht auf
Distanz, jedoch sind sie nicht grundlegend ablehnend gegenüber Erwachsenen eingestellt. Durch das
starke Zugehörigkeitsgefühl in der Clique richtet man sich stark nach anderen und will den anderen
gefallen. Es ist sehr wichtig „normal“ das heißt angepasst und modisch zu sein, deshalb lassen sie
diese Jugendliche stark von ihrem Umfeld/ihrer Clique beeinflussen, denn ihr Lebensstil, ihre
Interessen und Freizeitaktivitäten passen sich sehr stark an das eigene Umfeld an. 3
2
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen,
S.4-6
3
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen,
S.7-9
2.1.2.2. Konsum-materialistische Jugendliche (11% der gesamten Jugend)
Das „Markenzeichen“ dieser Jugendgruppe ist die demonstrative Selbstdarstellung durch
Konsumgüter wie z.B. Modemarken und andere Luxusgüter aber auch durch Körperorientierung
(gute Figur usw.). Ziel im Leben ist es voranzukommen und aufzusteigen, dazu gehört auch, sich von
den Eltern loszulösen um später ein besseres eigenes Leben führen zu können. Allgemein werden die
Werte der Eltern jedoch nicht in Frage gestellt. Diese Distanz gegenüber den Eltern lässt sich oft
durch schwierige Familienverhältnisse erklären. Die Jugendlichen wünschen sich eine perfekte
Familie und einem intakten eigenen Freundeskreis. Unter anderen Jugendlichen sind sie offen und
kontaktfreudig, suchen Anschluss und passen sich schnell an, denn man will ja sowohl modisch als
auch im Sinne von Interessen und Aktivitäten „cool“ und „in“ sein. 4
2.1.2.3. Postmaterielle Jugendliche (6% der gesamten Jugend)
Das Lebensziel für diese Jugendliche ist die Selbstverwirklichung der eigenen Existenz. Oft tun sie dies
auf eine kreative oder künstlerische Art und Weise (z.B. durch Musik oder Kunst). Nach Außen hin
leisten sie Widerstand und kritisieren, doch im Inneren ist ihr Selbstbild von starken Selbstzweifeln
geprägt. Sie haben hohe Ansprüche an wahre Freunde und deshalb meist nur eine(n) wirkliche(n)
Freund(in). Gegenüber Anderen sind sie jedoch offen, tolerant und auch neugierig, Von der Konsumund Mediengesellschaft distanzieren sie sich kritisch und wollen ihren eigenen Weg finden – die
„breite Basis“ der Jugendlichen, sind zwar Bekannte, doch Postmaterielle beäugen sie meist kritisch.
Ihr Kontakt zu den Erwachsenen kann sich sehr unterschiedlich gestalten: Gegenüber sehr
konservativen Erwachsenen (oder auch den eigenen Eltern) wollen sich diese Jugendlichen häufig
komplett abgrenzen, gegenüber „neumodischeren“ und toleranten Erwachsenen hingegen zeigen sie
Solidarität und sind dementsprechend offen für Kontakt. Wenn der Kontakt zu den konservativen
Eltern schlecht ist, versuchen diese Jugendlichen sich eigene moralische Werte und eine eigenen
Selbsterkenntnis zu suchen.5
2.1.2.4. Hedonistische Jugendliche (26% der gesamten Jugend)
Hedonistische Jugendliche wollen vor allem eines: das „Leben im Hier & Jetzt“ genießen und nicht an
die Zukunft denken. Sie wollen die eigenen Bedürfnisse in der eigenen Lebenswelt ausleben (zum Teil
auch mit Rauschmittel und Drogen), oft geschieht dies in Szenen wie z.B. Punk-, oder HipHop-Szene.
Sie leisten einen kompletten Widerstand gegen die eigenen Eltern und auch gegen die gesamte
Erwachsenenwelt, gegen deren Werte, Interessen und Anschauungen. Sie fühlen sich wohl indem sie
zu der Minderheit der Unangepassten gehören, die sich nicht von den Erwachsenenb beinflussen
lassen und auch sonst immer einfach das machen, auf das sie gerade „Bock“ haben. Der
4
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen,
S.10-12
5
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen,
S.13-16
Freundeskreis, welcher locker und witzig, mit guter Atmosphäre sein sollte, verwirklicht die
spaßorientierte Lebensweise. Als wahre Freunde haben diese Jugendlichen allerdings nur ein- bis
zwei feste Ankerpersonen in den jeweiligen großen Freundeskreisen. „Party machen“, als
wichtig(st)es Hobby können die Hedonisten jedoch auch gut mit den Bekannten und auch mit Leuten,
die sie nicht so gut kennen. 6
2.1.3. Neuorientierung (Grundorientierung)
2.1.3.1. Performer-Jugendliche (25% der gesamten Jugend)
Performer wollen sich für die eigene Zukunft alle Möglichkeiten und Wege offen, sie legen sich nicht
auf eine Gruppe, Meinung oder Ansicht fest. Die hohe Lifestyle-Ansprüche und die Vorstellung vom
Lebensglück als Ziele vor Augen, blicken dies Jugendliche optimistisch in die Zukunft. Auf eigene
Faust wollen sie diese Ziele verwirklichen und sind bereit das Nötige dafür zu tun. Sie sind
zielorientiert, ehrgeizig und selbstsicher und fühlen sich anderen Jugendlichen oft überlegen (vor
allem gegenüber den „Tagträumern“, also den Hedonisten). Jedoch ist für die Performer Karriere und
Beruf nicht alles im Leben, auch Familie und Freundeskreis und ebenso die Freizeit sind enorm
wichtig. Der Alltag besteht also sowohl aus Feiern, Mode, Sport und Surfen im Internet, als auch aus
dem Umgang mit der Familie und dem Arbeiten für die Schule. Sie wollen die Welt sehen und kennen
lernen und viele Erfahrungen in vielen Bereichen sammeln. Insgesamt gehen diese Jugendlichen also
lustvoll und gleichzeitig verantwortungsbewusst mit dem Leben um. 7
2.1.3.2. Experimentalistische Jugendliche (14% der gesamten Jugend)
Das Hauptziel dieser Gruppe von Jugendlichen ist es sich vom Hauptstrom der Jugendlichen
abzugrenzen, und auf eine eigene Weise ans Leben heranzugehen, auszuprobieren, und neues zu
entdecken und zu erleben. Durch diese Abgrenzung fühlen sich diese Jugendlichen den anderen
überlegen und lehnen deren Lebensstil ab. Es ist eine Horrorvorstellung, so zu sein wie „alle“. Was
verboten ist, reizt (zum Teil auch Drogen), es gibt keine Tabus. Stilbruch der Masse und neue eigene
Kreationen gehören dazu. Experimentalisten wollen nirgendwo festgebunden sein, sie haben selten
längerfristige Bindungen mit Freunden oder Partnern und auch die demonstrative Abgrenzung
gegenüber den Eltern und deren Lebensstil sind charakteristisch. Lose Freundeskreise werden
akzeptiert, man betrachtet sich jedoch selbst als Einzelgänger. 8
6
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen,
S.17-20
7
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen,
S.21-23
8
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen,
S.24-26
2. Das Verhältnis der Jugendlichen zur Politik
2.1. Politisches Interesse der Jugendlichen
2.1.1. Definition – Was ist politisches Interesse?
Der Begriff „Interesse!, der in vielen latinischen Sprachen vorhanden ist, stammt aus dem
Altlateineinischen. „Inter-esse“ bedeutet soviel wie ein „Dazwischensein in Raum und Zeit“ .9 Man
kann im Großen und Ganzen darunter also „dabeisein“, „gegenwärtig sein“ oder „Anteil nehmen“
verstehen. Das Interesse könnte man sich als, bildlich gesprochen, als eine Art unsichtbare virtuelle
Brücke zwischen einem Wesen und einem anderen Wesen oder Ding vorstellen, durch die Kontakt
aufgenommen werden soll. Es liegt außerdem in der Natur des Menschen Interesse zu entwickeln
und so in Kontakt zu treten.10
Eine eindeutige Definition des Wortes „Interesse“ ist unmöglich zu finden, sowohl die verschiedenen
wissenschaftlichen Disziplinen haben mehr oder weniger unterschiedliche Vorstellungen von
„Interesse“ als auch wir Menschen im Alltag. Wo fängt Interesse an? Hat man beispielsweise im
menschlichen Umgang schon Interesse an einer anderen Person wenn man sie anschaut? Die
Antworten auf diese Frage würden vermutlich sehr unterschiedlich ausfallen, je nach dem wie jedes
Individuum für sich persönlich Interesse definiert. 11
Man kann in fast allen Wissenschaften, Philosophie, Psychologie, Pädagogik, Ökonomie,
Rechtswissenschaften, Politikwissenschaften und Soziologie eine eigene Begriffsdefinition finden,
besonders in den Politikwissenschaften jedoch ist „Interesse“ ein Begriff von sehr zentraler
Bedeutung. In dieser Wissenschaft wird das Interesse als „zentrale Triebkraft des menschlichen
Handelns“12 und außerdem als „Grundlage des gesamten gesellschaftlichen Lebens“13 gesehen. Da
das „Interesse“ als Kategorie, die jeder menschlichen Tätigkeit zugrunde liegt gedeutet wird, hat sie
auch eine riesige Bedeutung in der Politik und im Staat. Doch auch in diesem Fall, wenn Interesse nun
auf Politik bezogen wird, ist die Diskussion um den Begriff „politisches Interesse“ wiederum laut. Ist
einmal im Monat eine Zeitung aufschlagen und den Hauptartikel lesen schon politisches Interesse?
Würde man hierzu eine Umfrage machen käme man wahrscheinlich auf sehr zwiespältige Ergebnisse.
9
Nohlen, Dieter (Hrsg.) und Schultze, Rainer-Olaf (Hrsg.) (2004): Lexikon der Politikwissenschaften, C.H. Beck,
Nördlingen, S.375
10
vgl. Nohlen, Dieter (Hrsg.) und Schultze, Rainer-Olaf (Hrsg.) (2004): Lexikon der Politikwissenschaften, C.H.
Beck, Nördlingen, S.375
11
vgl. Nohlen, Dieter (Hrsg.) und Schultze, Rainer-Olaf (Hrsg.) (2004): Lexikon der Politikwissenschaften, C.H.
Beck, Nördlingen, S.374-375
12
Nohlen, Dieter (Hrsg.) und Schultze, Rainer-Olaf (Hrsg.) (2004): Lexikon der Politikwissenschaften, C.H. Beck,
Nördlingen, S.376
13
Nohlen, Dieter (Hrsg.) und Schultze, Rainer-Olaf (Hrsg.) (2004): Lexikon der Politikwissenschaften, C.H. Beck,
Nördlingen, S.376
Auch die Fragen, ob politisches Interesse nur dann politisches Interesse ist, wenn es dauerhaft, also
über einen längeren Zeitraum, besteht, würde von den meisten Menschen sehr unterschiedlich
beantwortet werden. Hieraus kann man also schließen, dass die Meinung in der Gesellschaft zum
Thema „Was ist politisches Interesse?“ sehr unterschiedlich ist und dass sich außerdem die
wenigsten Menschen schon einmal mit dieser Frage beschäftigt haben. Wenn also in unserer
Gesellschaft Umfragen zum Thema „politisches Interesse“ gemacht werden, ist es schwer, die
Ergebnisse zu interpretieren und aus ihnen allgemeingültige Schlüsse zu ziehen.
Die Shell-Studie, auf welche sich der folgende Absatz aufgrund ihrer Aktualität (2011) in großen
Teilen bezieht, lässt die Jugendlichen demnach selbst definieren, was für sie „politisches Interesse“
ist. Die Frage ist, ob man sich selber als politisch interessiert bezeichnen würde, was wiederum
politisch interessiert bedeutet, steht nirgendwo, und somit muss jeder Jugendlicher spontan
zunächst für sich definieren, was für ihr politisches Interesse bedeutet und dann einschätzen, ob er
selbst dieser Definition gerecht wird. 14 Eine Kritik an der Shell-Studie ist also, dass man sich beim
interpretieren der Studienergebnisse die Frage stellen muss, ob sich die Jugendlichen der Definition
von „politischem Interesse“ bewusst sind. Des Weiteren ist natürlich ebenfalls offensichtlich, dass die
persönliche Meinung zu „politischem Interesse“ sehr auseinander geht, weil der eine sich schon als
politisch interessiert bezeichnet, wenn er die 2Minuten-Nachrichten im Radio gehört hat und der
Andere dies eben noch gar nicht als politischen Interesse sieht. Viele Jugendliche definieren
politisches Interesse mit „politischen sich-Informieren“, das heißt, je nachdem wie sehr man sich
selbst informiert (z.B. durch das Fernsehen oder durch die Printmedien), ist man interessiert an der
Politik. 15 Jedoch ist der Haken an dieser Definition selbstverständlich, dass „Informiert sein“ und
„Interessiert sein“ zwar stark miteinander verknüpft sind, jedoch eben nicht das Gleiche sind.
Ich bin trotz aller Kritik der Meinung, dass die Ergebnisse der Shell-Studie zum Thema „Bist du
politisch Interessiert?“ durchaus eine Aussagekraft haben. Ich wage die Behauptung aufzustellen,
dass jeder Jugendliche aufgrund seiner Lebenserfahrung und Bildung einen grundsätzlichen inneren
Maßstab hat. Dieser sollte ihm zumindest eine grobe Idee von politischem Interesse geben, sodass er
ein Gefühl dafür hat zu sagen, ob er nun politisch interessiert ist oder nicht. Dieser Maßstab wird
beispielsweise durch den Kontakt zu den Mitmenschen oder auch durch den Politik-Unterricht in der
Schule aufgebaut. Natürlich gibt es viele Abweichungen und detaillierte Meinungsverschiedenheiten
in den Maßstäben, die die Jugendlichen innerlich ausbilden, doch der Kern, und somit das
Einschätzungsvermögen ist meiner Meinung nach sehr ähnlich. Sicherlich können sich einige
Jugendliche besser einschätzen als Andere, doch ich vertrete die Meinung, dass die spontane
Reaktion auf die Frage „Politisch interessiert – ja oder nein?“ schon viel Information liefert, die man
ernst nehmen und weiterverarbeiten kann. Deshalb ist die Aussagekraft der Shell-Studie zu der Frage
„Wie politisch interessiert bist du?“ mit den folgenden Antwortmöglichkeiten „Sehr stark
interessiert“, „Interessiert“, „Nicht interessiert“ und „Gar nicht interessiert“ eigentlich diese, dass
trotzdem, dass jeder Jugendliche politisches Interesse anders definiert, durch die Selbsteinschätzung
14
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.130
15
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.132
und die Spontanreaktion ein Meinungsbild der jungen Menschen klar wird. Dieses Meinungsbild zeigt
ohne dabei eine Definition zu benötigen die Einstellung der Jugendlichen zum politischen Interesse.
Die Definition von „politischem Interesse“, die ich in meiner Arbeit verwenden werde, ist recht
schwammig, da ich mich auf die einzig aktuelle Quelle, nämlich die Shell-Studie beziehen muss, in
welcher zu dieser Frage im Prinzip keine Definition vorhanden ist. Um mich jedoch an dieser Quelle
zu halten, werde ich als meine Definition in dieser Arbeit die Definition verwenden, von der ich
glaube, dass sie der Definition von „politischem Interesse“ der Shell-Studie am meisten gerecht wird.
Natürlich müssen die Grenzen meiner Definition bedacht werden, denn es ist unmöglich eine
Definition von „politischem Interesse“ zu finden, die alle Jugendlichen ohne Änderungen und
Abweichungen unterschreiben würden.
Politisches Interesse bedeutet, dass man Interesse daran hat, bei politischen Themen mitzureden zu
können. Das man außerdem aus freien Stücken und ohne Zwang sich für solche Themen interessiert.
Vielleicht wird man von Eltern oder Freunden oder auch der Schule an ein die Politik „herangeführt“,
doch von wirklichem Interesse kann man erst reden, wenn man ganz unabhängig von anderen etwas
über politische Themen wissen will und somit als aus freiem Willen Interesse an ihnen zeigt.
2.1.2. Gesamte Jugend – Ist die Jugend von heute politisch interessiert?
Politisches Interesse der Jugendlichen - früher und heute
Das politische Interesse der Jugendlichen, also der 12-27 Jährigen, kann man natürlich grundsätzlich
vom Interesse der Gesamtbevölkerung abgrenzen. Insgesamt liegt das politische Interesse dieser
Altersgruppe um einiges niederer als das Interesse der älteren Generationen. 16 Dieser Abstand
zwischen dem Interesse der Erwachsenen und dem Interesse der Jugendlichen ist seit den 1980er
Jahren konstant und verändert sich kaum. 17
Der Trend der 1970er und 1980er, dass es zu einem guten Image als junger Mensch gehörte, politisch
interessiert zu sein und beim Thema Politik mitreden zu können, ist nun seit mehreren Jahrzehnten
zurückgegangen. Der Stellenwert der Politik bei den Jugendlichen ist niedrig, die Bedeutung der
Politik für die Jugendlichen sehr gering. Politisch auf dem Laufenden zu sein – früher populär – ist
heute nicht gerade „in“. Ganz im Gegenteil gibt es heutzutage auch häufig politisch apathische
Jugendliche, die auf Politik „null-Bock“ haben. 18
16
vgl. Kroh, Martin (2006): Jugend und Politik „Voll normal!“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden,
S.192
17
vgl. Kroh, Martin (2006): Jugend und Politik „Voll normal!“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden,
S.204
18
vgl. Kroh, Martin (2006): Jugend und Politik „Voll normal!“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden,
S.204
Wenn man die „politische Interessenskurve“ der Jugendlichen von den 80ern bis heute betrachtet,
dann beginnt diese Kurve hoch und fällt mit den Jahren immer weiter ab. Bis hin zum Tiefpunkt 2002
waren weder eine Stagnation noch eine Zunahme des politischen Interesses anhand der Kurve in
Sicht. Nach diesem absoluten Tiefpunkt konnte wieder eine leichte Zunahme des Interesses
verzeichnet werden, bis hin zu den 55% Jugendlichen, die sich im Jahre 1984 als „politisch
interessiert“ bezeichneten ist es jedoch noch ein weiter Weg. Denn vom Tiefpunktwert von 2002 von
nur 34% „interessierten Jugendlichen“ hat sich die Kurve mittlerweile wieder auf 37% im Jahre 2010
angehoben. 19 Gerade historische Ereignisse wie die deutsche Wiedervereinigung hatten
beispielsweise auch einen erkennbaren Einfluss auf das politische Interesse der gesamten
Bevölkerung und auch der Jugend. Auch in den Jahren der Bundestagswahlen kann man mehr
politisches Interesse bei Jugendlichen verzeichnen, da die Politik in diesen Jahren und vor allem
unmittelbar vor den Wahlen immer „nahe“ ans Volk gebracht wird, z.B. durch Plakate oder TVSendungen zu den entsprechenden politischen Themen. 20
in %
60
50
40
30
20
10
0
1984
Diagramm:
Anzeige:
1991
1996
1999
2002
2006
2010
Politisches Interesse aller Jugendlichen von 1984 bis 2010
Prozentanteil der Jugendlichen, die sich in diesem Jahr als „politisch interessiert“
bezeichneten 21
19
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.130
20
vgl. Kroh, Martin (2006): Jugend und Politik „Voll normal!“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden,
S.193
21
Diagramm, Corinna Unterricker (04.04.12), basierend auf: Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine
pragmatische Generation behauptet sich, Shell Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am
Main
Gesamttrend
Um noch einmal die Ergebnisse des Jahres 2010 detailliert zusammenzufassen: Es bezeichnen sich
31% der Jugendlichen als „politisch interessiert“, 6% der Jugendlichen als „sehr interessiert“,
hingegen der ganze Rest, also 63% der Jugendlichen „gar nicht“ oder „wenig“ interessiert sind. 22
stark interessiert
interessiert
wenig Interesse
gar kein Interesse
Diagramm:
Anzeige:
Politisches Interesse aller Jugendlichen (2010)
Anteil der Bereiche „stark interessiert“, „interessiert“, „wenig interessiert“ und
„gar nicht interessiert“ 23
Obwohl nur 37% der Jugendlichen als politisch interessiert gelten, ist im Vergleich zu den
vorhergegangenen Jahren (2006: 36%, 2002: 34%) ist ein Anstieg des politischen Interesses zu
verzeichnen. 24 Man kann somit das steigende Politikinteresse als schwach ausgeprägten
wiederkehrenden Trend betrachten. 25
Natürlich geben weiterhin 63% der Jugendlichen an, „gar nicht“ oder „wenig“ interessiert zu sein,
doch aufgrund des Gesamttrends könnte man zu der Hypothese gelangen, dass das Politikinteresse
im „Aufwärtstrieb“ ist und dass wir in einigen Jahren noch mehr politisches Interesse bei den
Jugendlichen vorfinden könnten.
22
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.130
23
Diagramm, Corinna Unterricker (04.04.12), basierend auf: Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine
pragmatische Generation behauptet sich, Shell Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am
Main
24
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.131
25
vgl. Kroh, Martin (2006): Jugend und Politik „Voll normal!“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden,
S.200
Welche Einflüsse bestimmen das politische Interesse von Jugendlichen?
Zunächst ist, wie zu erwarten war, ein leichter Altersunterschied zu bemerken: von den älteren
Jugendlichen (12-25 Jahre) zu den Jüngeren (bis 12). Werden nur die älteren Jugendlichen befragt, so
bezeichnen sich mehr von ihnen als interessiert als bei den Jüngeren. 26
Einen Unterschied der Geschlechter, kann man ebenfalls geringfügig wahrnehmen: Junge Männer
sind etwas interessierter als junge Frauen, von ihnen geben 42% an, politisch interessiert zu sein
während von den jungen Frauen nur 31% dies behaupten. 27
Einen deutlicheren Unterschied kann man in Bezug auf die sozialen Schichten erkennen: Das
politische Interesse „fällt“ sozusagen mit der sozialen Schicht, in der Oberschicht der Jugendlichen
(51%) und in der obere Mittelschicht (48%) sind Politikinteresse wesentlich häufiger vorhanden als in
der unteren Mittelschicht (26%) und in der Unterschicht (16%). 28
Oberschicht
obere Mittelschicht
untere
Mittelschicht
Unterschicht
0
Diagramm:
Anzeige:
10
20
30
40
50
60
Politisches Interesse in den sozialen Schichten (2010)
Politisches Interesse in % 29
26
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.130
27
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.132
vgl. Kroh, Martin (2006): Jugend und Politik „Voll normal!“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden,
S.201
28
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.131
vgl. Kroh, Martin (2006): Jugend und Politik „Voll normal!“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden,
S.194
29
Diagramm, Corinna Unterricker (04.04.12), basierend auf: Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine
pragmatische Generation behauptet sich, Shell Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am
Main
Ebenso hat die Bildung einen erkennbaren Einfluss auf das Politikinteresse von Jugendlichen und
auch hier muss man eine fallende Kurve von hohem Bildungsniveau zu Niedrigem betrachten:
Während bei Abiturienten (bzw. Gymnasiasten) (50%) und Studierenden (66%) Politikinteresse
anscheinend hoch im Trend liegt, sind Realschüler (28%) und Hauptschüler (18%) merklich weniger
interessiert. 30
Studenten
Gymnasiasten
Realschüler
Hauptschüler
0
Diagramm:
Anzeige:
10
20
30
40
50
60
70
Politischen Interesse in den verschiedenen Bildungsschichten (2010)
Politisches Interesse in % 31
Ein weiterer entscheidender Faktor für das politische Interesse der Jugendlichen können die Eltern
sein. Der Familieneinfluss wirkt sich bei vielen Jugendlichen stark auf die eigenen Werte, Aktivitäten
und Interessen aus. 32 Dies bedeutet, dass Kinder von politisch interessierten Eltern mit einer
höheren Wahrscheinlichkeit sich ebenfalls politisch interessieren, denn von ihnen geben 47-56% an,
politisch ebenfalls interessiert zu sein. Hingegen Kinder von Eltern, die politisch eher uninteressiert
sind, sind deutlich weniger oft selbst im Gegensatz zu den Eltern interessiert, nur ca. 18% selbst
geben dies an. 33 Das politische Interesse scheint somit zum Teil durch das Elternhaus weitergegeben
zu werden.
30
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.131
vgl. Kroh, Martin (2006): Jugend und Politik „Voll normal!“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden,
S.200
31
Diagramm, Corinna Unterricker (04.04.12), basierend auf: Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine
pragmatische Generation behauptet sich, Shell Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am
Main
32
vgl. Kroh, Martin (2006): Jugend und Politik „Voll normal!“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden,
S.203
33
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.131
vgl. Kroh, Martin (2006): Jugend und Politik „Voll normal!“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden,
S.201
Ein weiterer Punkt, der auf die Jugendlichen häufig Einfluss nimmt, ist der aktuelle Trend der
Jugendlichen insgesamt. Was denken die Anderen und was ist angesagt? – dies sind häufig die
entscheidenden Fragen, welche sich die Jugendlichen immer zuerst stellen. Es kommt bei vielen
Jugendlichen also häufig sogar soweit, dass sie die Jugendtrends über ihre eigenen Interessen und
Bedürfnisse stellen. Dies ist jedoch nicht bei allen Jugendlichen der Fall. Viele Jugendliche richten
nämlich einen Großteil ihrer Interessen und Aktivitäten nach den anderen Jugendlichen, denn sie
wollen „cool“ und „in“ sein. 34
Auch die Freizeit ist ein relevanter Punkt für das Maß an politischem Interesse bei den Jugendlichen.
Je nachdem welchen Freizeitangeboten die Jugendlichen nachgehen, ob sie beispielsweise lieber
„Party machen“ oder lieber ein Musikinstrument lernen, oder ob sie lieber fernsehen oder lieber
lesen, sind sie auch unterschiedlich „drauf“ und haben dementsprechend auch verschiedene
Ansichten und Prioritäten. Die Freizeitaktivitäten prägen also einerseits den Charakter des
Jugendlichen selber und andererseits auch seine Interessen, wie das politische Interesse. 35
Zuletzt ist noch anzumerken, dass jugendliche Migranten, oder Jugendliche, deren Eltern Migranten
sind, insgesamt weniger politisch interessiert sind, als der „Durchschnittjugendliche“. Hier sind
allerdings nur geringfügige Unterschiede zu verzeichnen. 36
Die Faktoren für das unterschiedlich hohe Interesse an der Politik sind zusammengefasst also der
„natürliche“ Faktor: das Alter, da sich junge Menschen desto älter und somit auch reifer und
verantwortungsbewusster sie werden auch immer mehr für gesellschaftliche Themen wie Politik
interessieren. Außerdem die Lebenssituation in die sie hineingeboren werden. Die soziale
Herkunftsschicht ist ein entscheidender Faktor, die spielt ebenso eine große Rolle, da Jugendliche
aus den oberen sozialen Schichten deutlich öfters interessiert an Politik sind als die der unteren
Schichten. Ebenso sind die Eltern als Teil der eigenen Lebenssituation ein ernst zu nehmender
Einfluss, denn die Jugendlichen mit politisch interessierten Eltern sind deutlich öfters auch selbst
interessiert als Jugendliche mit Eltern, die mit Politik nichts am Hut haben wollen. Des Weiteren ist
das Bildungsniveau der Jugendlichen ein weiterer Faktor für deren Politikinteresse, es ist deutlich zu
beobachten, dass umso höher der Bildungsgrad, umso höher auch das politische Interesse der
Jugendlichen ist. Der letzte sehr entscheidende Faktor, der Einfluss darauf hat, wie es um das
politische Interesse der Jugendlichen steht, ist der aktuelle Trend der gesamten Jugend, also die
Frage, ob politisch interessiert sein gerade „in“ oder „out“ ist, dieser Trend variiert natürlich
zwischen den verschiedenen Jugendlichen und deren Kreisen, doch es lässt sich immer auch ein
Gesamttrend herauskristallisieren.
Welcher der soeben genannten Faktoren nun den größten Einfluss auf die Jugendlichen hat ist
schwer zu sagen und vermutlich bei jedem Jugendlichen anders. Beim einen haben die Eltern einen
sehr großen Einfluss, die andern lassen sich mehr vom Trend der Clique beeinflussen.
34
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.7-9
35
vgl. Kroh, Martin (2006): Jugend und Politik „Voll normal!“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden,
S.203
36
vgl. Kroh, Martin (2006): Jugend und Politik „Voll normal!“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden,
S.201
2.1.3. In Bezug auf Milieus – Welche Milieus zeigen Interesse?
2.1.3.1. Traditionelle Werte
2.1.3.1.1. Traditionelle Jugendliche
Wird das politische Interesse dieses Jugend-Milieus betrachtet, so lässt sich feststellen, dass die
Jugendlichen zwar nicht überdurchschnittlich interessiert sind, jedoch auch nicht ganz abgeneigt der
Politik gegenüber sind. Es kommt immer auf die Umstände an wie interessant traditionelle
Jugendliche ein politisches Thema finden. Politisch positioniert diese Gruppe sich häufig ähnlich oder
gleich wie die eigenen Eltern, weil man diese ja häufig als Vorbilder sieht und so deren
Wertvorstellungen und auch Politikeinstellungen übernimmt. 37
2.1.3.2. Modernisierung
2.1.3.2.1. Bürgerliche Jugendliche
Die Interessen dieses Milieus sind sehr stark vom Umfeld geprägt, also von der Clique, den Freunden
und den allgemeinen Jugendtrends. So auch im Bereich des „politischen Interesses“: Wenn es im
Freundeskreis „in“ ist interessiert zu sein, so wirk sich dies auch stark auf die eigene Interessenslage
aus. Sind wiederum alle um einen herum politikverdrossen, so lehnt man auch selbst dieses Thema
ab. Interesse gegen die Meinung der Gruppe und des Trends bilden diese Jugendlichen nur selten
aus, da sie sehr stark von Anderen beeinflusst werden. 38
2.1.3.2.2. Konsum-materialistische Jugendliche
Die Jugendlichen dieser Gruppen zeigen absolut kein Interesse an Politik. Sie sind uninformiert und
haben kein Interesse daran etwas zu ändern, beispielsweise sind sie sich der Bedeutung von PLOSchals völlig unbewusst, obwohl sie aus modischen Gründen täglich getragen werden. Die „null-BockHaltung“ gegenüber der Politik ist fest verankert und die Jugendlichen sind stolz auf diese
Abgrenzung, sie lassen sich in dieser Haltung weder vom Trend der Jugend noch von der Clique
beeinflussen. Sie fühlen sich eben cool diese „altmodischen Dinge“ abzulehnen. 39
2.1.3.2.3. Postmaterielle Jugendliche
Spaß und Politik sind vereinbar! Nach diesem Motto geht diese Gruppe an die Politik heran. Daraus
folgt ein großes Interesse an Politik und eine Begeisterung für das Führen von Diskussionen mit
anderen. Jedoch neigen diese Jugendlichen des Öfteren auch zu radikalen Perspektiven und
37
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.4-6
38
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.7-9
39
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.10-12
Denkweisen. Auch für diese Gruppe ist die Meinung der Anderen nicht entscheidend, sie ziehen ihr
Ding durch und sind stolz auf ihre Interessen. Somit kann kein Trend oder Freundeskreis ihrer
Begeisterung an Politik etwas anhaben. 40
2.1.3.2.4. Hedonistische Jugendliche
Für diese Jugendlichen ist Politik eine Art Fremdwort, das sie nicht im Duden nachschlagen wollen.
Politisches Interesse ist bei Hedonisten also absolut nicht angesagt. Man hat das langweilige
Politikerleben und hinzukommend auch noch die Planung der Zukunft vor Augen, wenn man sich mit
dem Thema Politik beschäftigen würde. Die Politik ist für Hedonisten daher allgemein „altertümlich“,
sie haben insgesamt keine Lust sich zu informieren und sehen die gesamte Politik als für die
Jugendlichen absolut unbedeutend. 41
2.1.3.3. Neuorientierung
2.1.3.3.1. Performer-Jugendliche
Die Gruppe dieser Jugendliche ist für Politik und Politische Themen gleichermaßen offen, jedoch zeigt
die Gruppe der Performer kein überdurchschnittliches Interesse.
Das Interesse der Performer ist allgemein sehr unterschiedlich und außerdem sehr weitläufig in sehr
unterschiedlichen Themenbereichen. Dies bedeutet vermutlich ebenso, dass mal ein politisches
Thema interessant ist - aber eben nicht die große und ganze Politik insgesamt. Performer ändern
auch im Interessensbereich häufig ihre Meinung, weil ihnen schnell langweilig wird, somit sind sie
auch politisch nicht oder zumindest nur sehr schwer dauerhaft zu begeistern. 42
2.1.3.3.2. Experimentalistische Jugendliche
Ein Grundinteresse zur Politik ist auch bei dieser Gruppe von Jugendlichen vorhanden, doch auch hier
sind die Meinungen der Jugendlichen innerhalb des Milieus recht unterschiedlich, da
Experimentalisten immer sehr individuelle Ansichten und Interessen haben. Im Großen und Ganzen
kann man dieses Milieu jedoch im Schnitt als „politisch interessiert“ bezeichnen, dessen Jugendliche
es vor allem lieben eigene Ideen (auch politischen Sinne) zu entwickeln. 43
40
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.13-16
41
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.17-20
42
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.21-23
43
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.24-26
2.1.4. Der Bezug der Erkenntnisse der Shell-Studie auf die Milieus (Sinus-Studie)
Die Erkenntnisse der Shell-Studie (siehe 2.1.2.) lassen sich gut auf die Milieus der Sinus-Studie
beziehen. Ich werde im folgenden Abschnitt versuchen die Faktoren, „Bildungsniveau“ und „Aktueller
Trend“, da diese Faktoren in Zusammenhang mit den Milieus stehen könnten, in Bezug auf die
jeweiligen Milieus zu erörtern um zu versuchen, den Zusammenhang zu erklären.
Das Bildungsniveau in Bezug auf die Milieus
Wie in 2.1.2. beschrieben, nimmt das politische Interesse der Jugendlichen mit zunehmendem
Bildungsgrad ebenfalls zu. Es ist jedoch schwer, ein komplettes Milieus einem Bildungsniveau
eindeutig zuzuordnen, da es viele Abweichungen und individuelle Jugendliche gibt.
Die Sinus-Studie gibt zu jedem Milieu jeweils an, aus welchen weiterführenden Schulen, die
Jugendlichen der jeweiligen Milieus zum Großteil stammen, somit kann man die Milieus recht gut
den verschiedenen Bildungsniveaus zuordnen. Jugendliche, die zum Milieu der Performer, der
Postmateriellen oder der Experimentalisten gehören, kommen größtenteils vom Gymnasium.
Traditionelle Jugendliche sowie Bürgerliche hingegen sind überwiegend im mittleren Bildungsniveau
also auf der Realschule zu finden während Konsum-Materialisten und Hedonisten zum Großteil die
Hauptschule besuchen.44
Wenn man nun die Ergebnisse der beiden Studien nebeneinander legt, sind die Aussagen erneut sehr
ähnlich. Die drei „höhergebildeten“ Milieus werden auch in der Sinus-Studie als mehr oder weniger
politisch interessiert beschrieben, Postmaterielle sind sowieso politikbegeistert und Performer wie
auch Experimentalisten sind unter gewissen Umständen ebenfalls politikinteressiert – eben auf ihre
eigene Art und Weise. Bürgerliche und Traditionelle, die aus der mittleren Bildungsschicht stammen,
werden ebenfalls als potentiell interessiert in der Sinus-Studie beschrieben, diese Aussage trifft die
Shell-Studie ebenfalls, denn in ihr werden die Jugendlichen aus den mittleren Bildungsschichten ja
auch als „eventuell interessiert“ beschrieben. Auch in Bezug auf das letzte Bildungsniveau stimmen
die Studien weitgehen überein: Hedonisten und auch Konsum-Materialisten werden als absolut
uninteressiert beschrieben, und da diese Milieus der unteren Bildungsschicht, die wiederum von der
Shell-Studie als uninteressiert beschrieben wird, zugeordnet wird, sind sich beide Studien sehr einig,
dass diese Milieus politisch uninteressiert sind.
In Bezug auf das Bildungsniveau stimmen in meinen Augen also die Aussagen die beiden Studien sehr
gut überein, da sie in Bezug auf alle Milieus zu der gleichen Aussage über dessen Politikinteresse
kommen: Postmaterielle sind laut Sinus-Studie sehr interessiert und werden durch ihre meist höhere
Bildung auch laut Shell-Studie als politisch eher interessiert eingestuft. Performer, Experimentalisten,
Bürgerliche und Traditionelle werden von der Sinus-Studie teilweise oder unter bestimmten
Umständen ebenfalls als interessiert bezeichnet – die Shell-Studie ordnet Jugendliche mit mittlerem
Bildungsgrad ebenfalls als mittelmäßig interessiert ein, somit ist auch hier ein Schnittpunkt zwischen
den Aussagen der beiden Studie vorhanden. Die Milieus der unteren Bildungsschicht hingegen,
Hedonisten und Konsum-Materialisten, werden in der Sinus-Studie schon als eher gar nicht
44
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.3-26
interessiert beschrieben und die Shell-Studie kommt zum selben Ergebnis, da sie ebenfalls
Jugendliche mit geringem Billdungsniveau als potentiell eher uninteressiert bezeichnet.
Aktueller Trend der Jugendlichen in Bezug auf die Milieus
Ein weiterer Faktor, der einen erheblichen Einfluss auf das politische Interesse der Jugendlichen in
der heutigen Zeit hat, ist, wie in 2.1.2. beschrieben, auch der aktuelle Trend der Jugendlichen. Da
viele Jugendliche sich in ihrem Alltag, ihrer Lebenseinstellung und ihren Interessen stark nach ihrem
Umfeld , also der Clique und eben der aktuellen Meinung der Jugendlichen, was „cool“ und was
„uncool“ ist, richten, ist dieser Jugendtrend ein ernst zu nehmender Faktor. Welche Jugendlichen aus
welchen Milieus sich aber nun wirklich in dieser Hinsicht beeinflussen lassen und was für folgen das
für das allgemeine Politikinteresse der Jugendlichen hat, dies möchte ich im folgenden Abschnitt
näher betrachten.
Zunächst kann man aus meiner Sicht auf Basis der Sinus-Studie wahrscheinlich davon ausgehen, dass
nur die Jugendlichen der Grundorientierungsgruppe „Modernisierung“, wie der Name schon sagt,
sich überhaupt vom Umfeld stark beeinflussen lassen – denn die Großgruppe „Traditionelle Werte“
hält in großen Teilen an ihren traditionellen Werten fest, und die Großgruppe „Neuorientierung“ will
kurz gesagt zwar Neues schaffen, sich aber damit individualisieren und sich von den andren
abgrenzen. 45
Somit sind Bürgerliche, Hedonisten, Konsum-Materialisten und Postmaterielle, die 4 Milieus der
Grundorientierung „Modernisierung“, die Milieus, die vermutlich gerne angepasst und „in“ sind und
deshalb wahrscheinlich auch schnell ihre Interessen an einen Trend anpassen könnten. Vor allem
Bürgerliche Jugendliche lassen sich in meinen Augen sehr stark beeinflussen, denn für sie ist der
Freundeskreis meist die zweite Familie und oft haben sie dort die wichtigsten Bezugspersonen im
Leben. Dementsprechend wäre es ihnen sehr wichtig im Freundeskreis angenommen und akzeptiert
zu sein. Für diese Akzeptanz im Freundeskreis wäre, denke ich, in vielen Fällen auch die
Interessenslage eines Jugendlichen entsprechend wichtig. Damit meine ich beispielsweise, dass es für
einen Jugendlichen der gerne ließt zum Beispiel schwer wird in seiner Clique nicht von den Anderen
vernachlässigt zu werden wenn sie alle Skater sind. Wenn dem Jugendlichen nun seine Clique so
wichtig ist (und die Sinus-Studie beschreibt die Clique als sehr wichtig im Leben der „modernisierten
Jugendlichen“ 46) wird er wahrscheinlich eher das Buch in die Ecke legen und sich ebenfalls ein
Skateboard zulegen.
Im Großen und Ganzen unterstützt die Sinus-Studie in diesem Punkt also weitgehend die Aussage der
Shell-Studie: denn beim Betrachten der Milieus und deren Bezug zum Trend, komme ich zu dem
Schluss, dass die Aussage der Shell-Studie, dass nämlich der Trend einen erheblichen Einfluss auf das
politische Interesse von Jugendlichen hat, wahrscheinlich berechtigt ist. Über die Hälfte der
Jugendlichen gehören zu der Gruppe der „Modernisierung“ und sind somit vermutlich in ihrem
ganzen Alltag quasi dauerhaft darauf bedacht bloß nichts „uncooles“ zu machen und zu den Anderen
45
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.3-26
46
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.3-26
zu gehören.
Vielleicht lässt sich sogar das allgemein recht geringe Politikinteresse der Jugendlichen mit dieser
Hypothese erklären. Dadurch, dass der Gesamttrend der Jugendlichen im Moment noch deutlich
„Politik ist gleich uncool und langweilig“ ist, wird die ganze Modernisierungsgruppe von diesem
Trend beeinflusst, obwohl sie sich im Prinzip für Politik in gewissen Bereichen interessieren würde.
Doch dadurch, dass der Trend seit einigen Jahren (siehe 2.1.2.) so tief verankert ist, ist es nur
langfristig möglich, ihn wieder umzudrehen.
Die Modernisierungsgruppe ist insgesamt sehr groß, sie macht bis zu 57% der kompletten Jugend
aus. Und sie ist auch eindeutig das „Problemkind“ unter den Milieugruppen in Bezug auf das
politische Interesse. Denn während Performer, Experimentalisten und Traditionelle an Politik
durchaus interessiert sind, gibt es in dieser Gruppe zwar einerseits die Postmateriellen und
Bürgerlichen, die politisches Interesse zeigen können, aber andererseits auch Konsum-Materialisten
und Hedonisten, die zusammen etwa ein Drittel der Jugendlichen ausmachen, die aber politisch eher
uninteressiert sind.
Mein Fazit aus dieser Hypothese wäre nun, dass, um wirklich wieder Umfragewerte (in Studien wie
der Shell-Studie) von 50% oder mehr für das politisches Interesse von Jugendlichen zu erreichen, der
Gesamttrend eine sehr entscheidende Rolle spielt. Denn die ganze Modernisierungsgruppe wird
ansonsten aus meiner Sicht immer „Problemkind“ bleiben, und ohne diese Großgruppe (mehr als die
Hälfte der gesamten Jugend!) wird ein hohes Politikinteresse nun einmal nie möglich sein.
2.2. Engagement der Jugendlichen
2.2.1. Definition – Was ist Engagement?
Engagement heißt ins Deutsche aus dem Französischen übersetzt so viel wie „Verpflichtung“ oder
„Einsatz“. Als Engagement wird in unserer heutigen Gesellschaft das Handeln für einen bestimmten
Zweck bezeichnet. Normalerweise ist damit ein dauerhaftes oder länger andauerndes Handeln
gemeint, welches außerdem in der Regel auch mit einem konkreten praktischen Einsatz für ein
gewisses Ziel verbunden sein kann. Der oder die Engagierte ist also für eine gewisse Zeit aktiv.
Engagement beruht meist auf den Prinzipien der Ehrenamtlichkeit und der Freiwilligkeit. Wird für die
Tätigkeit Geld bezahlt wird nicht mehr von Engagement sondern von einem Dienst gesprochen. 47
Man unterscheidet allgemein natürlich zunächst zwischen persönlichem Engagement, also
Engagement, das man nur für sich selbst tätigt, und gesellschaftlichem Engagement, also
Engagement, welches man für die Gesellschaft und eben nicht für sich selbst vollbringt. Innerhalb des
gesellschaftlichen Engagements gibt es wiederum verschiedene Engagementsformen.
Soziales Engagement ist ein unterschiedlich motiviertes soziales Handeln für andere Menschen. Es
bedeutet also, man investiert Zeit in ein Projekt, das einem guten Zweck dient. In dieser Bedeutung
47
vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Engagement (26.02012)
unterscheidet es sich vom wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Engagement.
Soziales Engagement kann in einer Umweltschutz-, Menschenrechts-, Tierschutz- oder anderen
karitativen Organisation geleistet werden. Der Beitritt zu einer Organisation ist nicht immer
vonnöten, doch erst bei sich wiederholenden „sozialen Taten“ kann auch wirklich von „sozialem
Engagement“ gesprochen werden. Der Begriff fand in den siebziger Jahren auch Eingang in die
christliche Reflexion der Diakonie bzw. Caritas (siehe auch Sozialethik). 48
2.2.2. Gesamte Jugend – Sind Jugendliche allgemein heutzutage engagiert?
Zunächst muss man natürlich unterscheiden zwischen der Bereitschaft, sich zu engagieren und dem
tatsächlichen Engagement. Diese beiden Bereiche entwickeln sich unabhängig voneinander: die
Bereitschaft, sich zu engagieren, nimmt immer weiter zu. Wohingegen das tatsächliche Engagement
seit den 90er Jahren eher leicht rückläufig ist, etwa 35% der Jugendlichen geben an, aktiv zu sein.
Für die konkrete Übernahme von Aktivitäten ist die Quote der Jugendlichen also recht nieder, doch
die Bereitschaft ist nach wie vor vorhanden und auch die Bedeutung von Engagement für die
Jugendlichen ist hoch. Das heißt, sich engagieren ist angesagt und liegt im Trend. 49
Diese Aussage kann man seit nunmehr fast einem Jahrzehnt treffen, denn am Engagement der
Jugendlichen hat sich in diesem Zeitraum kaum etwas verändert – Engagement ist bei den meisten
Jugendlichen hoch angesehen. 50
In welchen Themenbereichen engagieren sich die Jugendlichen?
Am meisten Interesse haben die Jugendlichen am Engagement für ihresgleichen – für die
Jugendlichen selbst. Im Jahre 2010 geben 48% der Jugendlichen an, sich oft oder gelegentlich für
„eine sinnvolle Freizeitgestaltung von Jugendlichen“ zu engagieren, wie z.B. das Organisieren von
Veranstaltungen (Partys, Sportwettbewerbe, Konzerte etc.) oder das Erbauen einer Skatebahn. An
einem ähnlichen Projekt, ein Projekt für „die Interessen von Jugendlichen“, also beispielsweise eine
bessere Busverbindung für die Schulen oder eine Erweiterung des Jugendhauses der Stadt, beteiligen
sich sogar noch mehr junge Menschen, nämlich 51%.51
48
vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Engagement (26.02012)
49
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.152
vgl. Schmid, Miriam (2011): Jugendsurvey 2011, Jugendstiftung Baden-Württemberg , Mainz, S.49
50
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.155
vgl. Schmid, Miriam (2011): Jugendsurvey 2011, Jugendstiftung Baden-Württemberg , Mainz, S.47
51
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.153
vgl. Schmid, Miriam (2011): Jugendsurvey 2011, Jugendstiftung Baden-Württemberg , Mainz, S.49
Im sozialen Bereich sind jedoch ebenfalls zahlreiche Jugendliche aktiv. So engagieren sich 47% oft
oder zumindest gelegentlich für hilfebedürftige ältere Menschen, helfen also beispielsweise
ehrenamtlich in einem Altersheim, oder kümmern sich eigene Oma, die alleine nicht mehr einkaufen
gehen kann. 33% der jungen Menschen sind im Bereich der gelingenden Migration, also für das
„erfolgreiche Zusammenleben mit Migranten“ aktiv, ein Beispiel hierfür wäre das freiwillige
Mitarbeiten in einer Flüchtlingsunterkunft, oder auch einfach nur die Nachhilfe in Deutsch für den
türkischen Freund. Des Weiteren engagieren sich einige Jugendliche (28%) im sozialen Bereich idem
sie sich für das „Bessere Zusammenleben am Wohnort“ einsetzen. Eine Form diese Engagements
könnte es beispielsweise sein, Babysitting in der Nachbarschaft anzubieten oder dem Nachbar zu
helfen, den Gartenmüll zu entsorgen und weitere 26% für ein ähnliches Thema, dass die Umgebung
betrifft, die „Sicherheit und Ordnung am Wohnort“ setzten sich also z.B. dafür ein, einen Zaun um
dem See in der Nähe des Spielplatzes zu bauen etc.
Im sozialen Bereich engagieren sich außerdem 23% der Jugendlichen für behinderte Menschen
indem sie beispielsweise Ausflüge mit ihnen machen oder einfach einem Spielenachmittag
beiwohnen. Ebenfalls die „Sozial schwachen Menschen“ liegen den Jugendlichen am Herzen, 39% der
jungen Menschen sind für diese Menschen aktiv indem sie z.B. in einem Tafelladen aushelfen, oder in
einer Küche mitarbeiten, die billiges Essen für sozial benachteiligte Kinder kocht. Ein Alltagsbeispiel
für dieses Engagement wäre wiederum, dem Freund, der eben nicht so viel Taschengeld bekommt,
ein Stück des Pausenbrots zu geben oder ihm Klamotten zu schenken, die einem selber nicht passen
oder nicht gefallen.
Die Bildern von farbigen Kindern aus Afrika oder Südamerika, die traurig gucken und nur eine Hand
Reis in der Hand halten, hab ebenfalls eine Auswirkung auf die meist sensiblen Jugendlichen – ihr
Mitgefühl ist sofort geweckt. Rund 33% der Jugendlichen sind in diesem sozialen Bereich, für
„Menschen in armen Ländern“, aktiv. Ob bei einer Organisation, wie der evangelischen „Brot für die
Welt“- Organisation, oder privat mit eigenem Sparschwein oder mithilfe eines Standes auf dem
Weihnachtsmarkt, an dem selbstgemachte Kerzen verkauft werden, die Jugendlichen sind sofort
dabei, wenn es darum geht den Armen zu helfen.52
Im Bereich des sozialen Engagements ist insgesamt eine deutliche Zunahme an Engagement zu
bemerken, denn immer mehr Jugendliche engagieren sich im Alltag für andere. 53
Im traditionellen Bereich engagieren sich im Vergleich zu den bereits genannten Bereichen eher
weniger Jugendliche. Nur 23% der Jugendlichen geben an sich hin und wieder in dem Bereich „Pflege
der deutschen Kultur und Tradition“ zu engagieren. Solches Engagement würde beispielsweise das
52
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.153
vgl. Schmid, Miriam (2011): Jugendsurvey 2011, Jugendstiftung Baden-Württemberg , Mainz, S.49
53
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.154
vgl. Schmid, Miriam (2011): Jugendsurvey 2011, Jugendstiftung Baden-Württemberg , Mainz, S.49
organisieren eines traditionellen Volksfestes oder im Privaten Bereich oder auch an einem
Straßenumzug der Fastnacht als Mitglied der traditionellen Zunft mitzuwirken.54
Der letzten Bereiche in denen Jugendliche sich sehr aktiv einbringen, sind der Umweltschutz und der
Tierschutz. Insgesamt 36% engagieren sich für einen der beiden Bereiche. Ob man im Falle Tierschutz
nun das Essen der Schulkantine aufgrund von Fleisch aus Massentierhaltung verweigert oder am
Wochenende mit Hunden aus dem Tierheim Gassi geht, oder im Bereich Umweltschutz
beispielsweise selbst auf den Kohlenstoffdioxidverbrauch achtet oder mit einer „Anti-AtomkraftGruppe“ in der Fußgängerzone auf die negativen Seiten der Atomkraftwerke aufmerksam macht,
diese beiden Themen haben die dritthöchste „Engagement-Quote“, und viele Jugendliche sind mit
Begeisterung dabei.55
An welchen Orten engagieren sich junge Menschen?
Unabhängig von den Themenbereichen, in denen sich Jugendliche engagieren bleibt die Frage, wo
und in welcher Form sich die Aktivitäten der Jugendlichen im Alltag vollziehen. Also beispielsweise
welche Initiativen oder Einrichtungen diese Orte sind, in denen junge Menschen sich engagieren.
Spitzenreiter sind nach wie vor die Vereine, hier sind ganze 47% der Jugendlichen „oft oder
gelegentlich“ aktiv. Das Engagement dort ist meistens für gesellschaftliche oder soziale Zwecke, zum
Beispiel als Mitglied einer Kapelle, die ein Konzert auf Spendenbasis für ein soziales Projekt gibt, oder
als Mitglied des Sportvereins, der einen Spendenlauf organisiert.
Zweitplatziert sind Schulen und Hochschulen, hier engagieren sich rund 22% der Jugendlichen z.B. in
Ämtern oder Funktionen, wie Schulsprecher, oder auch als Mitglieder in Arbeitskreisen/Initiativen
z.B. als Mitglied in eines AKs, der beispielsweise die Pausenhalle umgestaltet.
In Kirchengemeinden und kirchlichen Organisationen sind ebenfalls aktive Jugendliche zu finden, 16%
der Jugendlichen sind in diesem Bereich aktiv, zum Beispiel als Ministrant(in) in der Messe.
15% der jungen Menschen sind außerdem in einem selbst organisierten Projekt engagiert, ein
extremes Beispiel hierfür wäre ein Jugendlicher, der auf eigene Faust versucht streunende Hunde zu
pflegen.
In einer Jugendorganisation engagieren sich nur 12% der Jugendlichen, also beispielsweise einer
Jugendorganisation von einer Partei (Junge Union, JuSos) oder in einem Jugendforum einer Stadt.
Wichtig sind ebenfalls die Rettungsdienste (z.B. DRK, Malteser) oder auch die freiwillige Feuerwehr,
hier sind es 7% der Jugendlichen, die aktiv dabei sind.
5% der Jugendlichen geben des Weiteren an für andere soziale Hilfeprojekte wie Amnesty
International oder Greenpeace aktiv zu sein.
Und weitere 3% sind in Bürgerinitiativen ihrer Region engagiert, genauso wie auch 3% in
Gewerkschaften und 3% in Jugendlichenräumen (z.B. Jugendhaus) aktiv engagiert sind.
In Parteien hingegen sind nur wenige Jugendliche engagiert, sie bilden das Schlusslicht der vielen
54
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.153
vgl. Schmid, Miriam (2011): Jugendsurvey 2011, Jugendstiftung Baden-Württemberg , Mainz, S.49
55
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.153
vgl. Schmid, Miriam (2011): Jugendsurvey 2011, Jugendstiftung Baden-Württemberg , Mainz, S.49
Orten, in denen Jugendliche engagiert sind. Nur 2% der Jugendlichen geben an in diesem Bereich
aktiv zu
sein.56
persönliche Aktivität
Partei
Bürgerinitiative
Gewerkschaft
Amnesty, Greenpeace etc.
Rettungs- freiwilligendienst
Jugendorganisation
Projektgruppe
Kirchengemeinde
Schule/Hochschule
Verein
0
Diagramm:
Anzeige:
10
20
30
40
50
Orte, an denen Jugendliche, welche aktiv sind, sich engagieren
Engagement der Jugendlichen in % 57
Zusammengefasst sind die Orte, an denen Jugendliche sich am häufigsten engagieren,
gesellschaftliche und soziale Aktivitäten im persönlichen Umfeld, die in der Regel Bezug zum eigenen
Leben haben (Clique, Nachbarschaft, Stadtteil) oder sie engagieren sich weil sie sich zu etwas
verpflichtet oder zugehörig fühlen, meist einem Verein oder einer anderen Gruppe. Die Jugendlichen
haben meistens Spaß an diesem Engagement und engagieren sich dementsprechend gerne.
Andererseits stehen die Jugendlichen dem Engagement für die klassischen politischen
Organisationen recht skeptisch gegenüber – die persönlichen Aktivitäten und die Vereine machen
das Rennen und können Jugendliche für sich begeistern. Während fast die Hälfte der Jugendlichen in
einem Verein aktiv ist sind nur 2% aktiv in eine politische Organisation eingebunden und kaum mehr
in politischen Initiativen, Gewerkschaften oder anderen klassisch-politischen Organisationen.
Insgesamt jedoch gibt es eine große Vielzahl von Bereichen, in denen Jugendliche aktiv sind, und man
kann sogar von einer Zunahme der Bereitschaft zum Engagement in vielen Bereichen reden, während
56
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.155
vgl. Schmid, Miriam (2011): Jugendsurvey 2011, Jugendstiftung Baden-Württemberg , Mainz, S.49
57
Diagramm, Corinna Unterricker (04.04.12), basierend auf: Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine
pragmatische Generation behauptet sich, Shell Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am
Main
die Bereitschaft zum Engagement in anderen Bereichen hingegen eher bergab zu gehen scheint.58
Welche Einflüsse bestimmen, wie engagiert Jugendliche sind?
Zunächst gibt es einen interessanten Unterschied beim Betrachten der verschiedenen Altersklassen,
also den jüngeren und älteren Jugendlichen. In der jüngsten Jugendgruppe der Befragten, den
Jugendlichen zwischen 12 und 14 Jahren, bezeichnen sich rund 41% der jugendlichen als „oft aktiv“.
In der nächst höheren Altersgruppe, den 15 bis 17 Jährigen, bezeichnen sich als „oft aktiv“ etwas
mehr, nämlich 48% der Jugendlichen. In den beiden ältesten Gruppen, den 18-21 jährigen n den 2225 jährigen, bezeichnen sich nur 36% als „oft aktiv“. 59
60
50
40
"oft aktiv" in %
30
20
10
0
12-14jährige
Diagramm:
Anzeige:
15-17jährige
18-21jährige
22-25jährige
Allgemeines Engagement in den verschiedenen Altersstufen (2010)
Jugendliche, die sich als „oft aktiv“ beschreiben in % 60
Des Weiteren ist ein geringer Unterschied zwischen Jungen und Mädchen zu bemerken: während
40% der männlichen Jugendlichen sich als „oft aktiv“ bezeichnen, tun dies nur 38% der weiblichen
Jugendlichen. 61
Eine weitere Differenz lässt sich wiederum bei Betrachtung der sozialen Schicht feststellen. Die
unteren Schichten, also Unterschicht und untere Mittelschicht, sind weniger engagiert, nämlich nur
22 bzw. 37%, als obere Mittelschicht (46%) und Oberschicht (50%). Das Engagement der
Jugendlichen nimmt also merklich mit zunehmender sozialer Stellung ebenfalls zu.
Diese Schichtabhängigkeit lässt sich vermutlich ansatzweise durch die unterschiedlichen
58
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.157
vgl. Schmid, Miriam (2011): Jugendsurvey 2011, Jugendstiftung Baden-Württemberg , Mainz, S.49
59
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.154
60
Diagramm, Corinna Unterricker (04.04.12), basierend auf: Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine
pragmatische Generation behauptet sich, Shell Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am
Main
61
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.154
weltanschaulichen Kompetenzen der Jugendlichen aus den unterschiedlichen Schichten erklären. So
wären beispielsweise Jugendliche aus der Oberschicht aktiver, weil ihre Werte und ihre
Vorstellungen so vorhanden sind, dass sie dies tun wollen. 62
Oberschicht
obere Mittelschicht
untere
Mittelschicht
Unterschicht
0
Diagramm:
Anzeige:
10
20
30
40
50
Engagement nach sozialen Schichten
Jugendliche, die sich als „oft aktiv“ bezeichnen in % 63
Außerdem gibt es wiederum Unterschiede zwischen den unterschiedlichen Bildungsschichten. Mit
zunehmenden Bildungsgrad nimmt das Engagement der Jugendlichen zu, das heißt, während nur
31% der Hauptschüler engagiert sind, sind immerhin 38% Realschüler und sogar 43% der
Gymnasiasten aktiv. Auch hier ist der Erklärungsansatz, dass es unterschiedliche weltanschauliche
Kompetenzen der Jugendlichen aus den unterschiedlichen Bildungsschichten gibt, welche sich auf
deren Engagementverhalten auswirken.
62
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.154
63
Diagramm, Corinna Unterricker (04.04.12), basierend auf: Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine
pragmatische Generation behauptet sich, Shell Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am
Main
Gymnasiasten (oder
höherer Bildungsgrad)
Realschüler
Hauptschüler
0
Diagramm:
Anzeige:
10
20
30
40
50
Engagement nach Bildungsschichten
Jugendliche, die sich als „oft aktiv“ bezeichnen in % 64
Des Weiteren gibt es markante Unterschiede zwischen Jugendlichen aus deutschen Familien und
Jugendlichen aus Migrantenfamilien. Im Vergleich zur Engagementsquote aller Jugendlichen (35%
sind „oft engagiert“), sind von den Jugendlichen mit Elternteilen, die beide nicht in Deutschland
geboren sind, nur 30% „oft engagiert“.65
Der letzte Faktor in dem man die Jugendlichen in Bezug auf ihr Engagementverhalten unterscheide
kann ist deren Wertorientierung. Im Sinne der Wertorientierung unterscheidet man folgende
Gruppen:
Idealisten haben die Lebenseinstellung, dass sie selbst altruistische Ideen bzw. Ideale verfolgen. Also
beispielsweise Ideale für die Menschheit. Er handelt somit nicht egoistisch sondern im Sinne des
Wohlergehens für alle, er strebt beispielsweise nicht nach materiellen Gütern.66
Der individualistische Macher ist ein selbstbewusster und sehr unabhängiger Mensch, der vor allem
individuell und einzigartig sein will. Er ist ein sehr spontaner und impulsiver Mensch, der gerne
seinen plötzlichen Eingebungen folgt und neue Aufgaben in Angriff nimmt. Für
Zwischenmenschliches hat er allerdings weniger feine Antennen und wundert sich, wenn er bei
anderen durch seine direkte und unverblümte Art gelegentlich aneckt.67
64
Diagramm, Corinna Unterricker (04.04.12), basierend auf: Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine
pragmatische Generation behauptet sich, Shell Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am
Main
65
vgl. Schmid, Miriam (2011): Jugendsurvey 2011, Jugendstiftung Baden-Württemberg , Mainz, S.48
66
vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Idealismus (27.01.12)
67
vgl. http://www.ipersonic.de/typ/IM.html (27.01.12)
Ein weiterer Typ ist der Zögerliche, welcher keine genauen Zielsetzungen und Pläne für sein Leben
hat und, wie der Name schon sagt, bei Entscheidungen oft dreimal überlegt, ob er nun richtig
entscheidet. Er ist im Alltag sehr vorsichtig und hat Angst Fehler zu machen.
Ein Materialist ist in etwa das Gegenteil von einem Idealist, er schaut in allen Entscheidungen immer
zuerst auf sich und strebt im Leben hauptsächlich nach materiellem Besitz und Wohlstand. Er sorgt
sich wenig um Dinge wie Gemeinwohl und hat somit eine recht egoistische Einstellung im Alltag.68
Die Wertorientierung als Merkmal ist signifikant für das Engagement der Jugendlichen. 45% der
Jugendlichen, die zu der Gruppe der Idealisten gehören engagieren sich, ebenfalls 43% der Macher
und etwas weniger, nämlich 38%, der Gruppe Zögerliche. Nur aus der Gruppe Materialisten sind
merklich weniger Jugendliche engagiert, hier sind es nur 32% der Jugendliche. Allerdings kann man
insgesamt sagen, dass die Prozentzahl zwischen den Wertorientierungsgruppen nicht sehr groß
schwankt.69
Wie oft engagieren sich die Jugendlichen?
Ein wichtiger Faktor bei der Bewertung des Engagements Jugendlicher ist auch dessen Häufigkeit. Die
Antwort auf diese Frage ist sehr erfreulich, denn über die Hälfte der Jugendlichen engagieren sich
einmal oder öfter pro Woche. Und über drei Viertel der Jugendlichen engagieren sich immerhin
einmal im Monat. 70
Im Großen und Ganzen kann man nun wohl durchaus sagen „die Jugend von heute ist engagiert!“,
denn rund ein Drittel der Jugendlichen sind tatsächlich durchgängig engagiert und noch ein größerer
Anteil der Jugendlichen wäre für das entsprechende Projekt, das einem zusagt, ebenfalls bereit sich
aktiv in eine Aufgabe hineinzuknien.71 Man könnte sogar die Hypothese aufstellen, dass es unserer
heutigen Jugendgesellschaft nicht an Engagement fehl sondern, dass es einfach an Plätzen und
Projekten fehlt, an denen sich Jugendliche engagieren können. Als Motivation für ihr Engagement
geben die Jugendlichen viele verschiedene Gründe an, Hauptgrund ist jedoch eindeutig, dass das
Engagement den Jugendlichen Spaß macht. Weitere Gründe sind, dass die Jugendlichen für andere
Menschen da sein wollen und dass die Jugendlichen etwas lernen wollen. Damit ist „sich engagieren“
ein fester Bestandteil des Alltags dieser Jugendlichen und Teil ihrer Freizeitbeschäftigung.
68
vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Materialismus (27.01012)
69
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.154
70
vgl. Schmid, Miriam (2011): Jugendsurvey 2011, Jugendstiftung Baden-Württemberg , Mainz, S.50
71
vgl. Schmid, Miriam (2011): Jugendsurvey 2011, Jugendstiftung Baden-Württemberg , Mainz, S.48
2.2.3. In Bezug auf Milieus – Die Jugendlichen welcher Milieus sind engagiert?
2.2.3.1. Traditionelle Werte
2.2.3.1.1. Traditionelle Jugendliche
Traditionelle Jugendliche schätzen Engagement, vor allem soziales Engagement, sehr. Sie legen viel
Wert auf Engagement im direkten eigenen Umfeld. Sowohl in Schule, Kirche oder auch in Vereinen
sind diese Jugendlichen stolz Verantwortung übernehmen zu können. Sie binden sich in ihrem
Engagement gerne an eine Gruppe und fühlen sich dort geborgen und angenommen. Typische
Beispiele sind der Ministrantendienst in der Kirche, oder das Mitmachen bei den Pfadfindern.
Insgesamt macht es diesen Jugendlichen Spaß eine Tradition weiterzuführen – im Sinne des
Engagements machen die „traditionellen“ Jugendlichen ihrem Namen also alle Ehre. 72
2.2.3.2. Modernisierung
2.2.3.2.1. Bürgerliche Jugendliche
Die bürgerlichen Jugendlichen sind insgesamt meist bereit zu jederlei Engagement. Laut Sinus-Studie
entscheiden sie sich jedoch selten aus freien Stücken zur Mitarbeit – oft wirkt der Einfluss von
Anderen (Freundeskreis oder Familie) auf diese Jugendlichen ein. Diese jungen Menschen werden
also von der Clique mitgerissen oder von Freunden überredet und so passiert es unter Umständen,
dass sie so das eigene Engagement auf Andere ausrichten. Insgesamt engagieren sich diese
Jugendlichen somit im direkten eigenen Umfeld, jedoch in vielen Fällen nur weil sie sich zugehörig
fühlen oder mitgerissen werden. 73
2.2.3.2.2. Konsum-materialistische Jugendliche
Die Jugendlichen dieser Gruppen sehen weder Politik noch sonstiges Engagement als eigene Pflicht.
Sie rechnen es zwar Anderen hoch an, engagiert zu sein, doch sie selbst kümmern sich lieber um „die
eigenen Probleme“. Engagement im sozialen Bereich hat eine nahezu abschreckende Wirkung auf
diese Jugendlichen, während Engagement für den entsprechenden Zweck, aus dem man selber einen
gewissen Vorteil ziehen kann, also im eigenen Umfeld, eventuell noch denkbar wäre. Beispielsweise
beim Bau einer Skaterbahn könnten diese Jugendlichen Interesse am Engagement bei der Mitarbeit
zeigen – jedoch nur, wenn sich kein anderer darum kümmert. 74
72
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen,
S.4-6
73
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen,
S.7-9
74
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen,
S.10-12
2.2.3.2.3. Postmaterielle Jugendliche
Bei der Gruppe der postmateriellen Jugendlichen ist Engagement fast schon so etwas wie ein
„Lebenssinn“. Für einen Postmateriellen ist Engagement somit äußerst hoch angesehen – gerade
soziales Engagement, wie mithilfe beim Roten Kreuz oder ein Altenpflegedienst sind Dienste, für die
Postmaterielle gerne Bereitschaft zeigen. Insgesamt lassen sich Postmaterielle für fast jede Form von
Engagement begeistern, egal in welchem Rahmen, für welchen Zweck oder mit welchen Leuten. 75
2.2.3.2.4. Hedonistische Jugendliche
Die Jugendlichen dieses Milieus haben insgesamt keine Lust sich sozial zu engagieren, entscheidend
für das eigene Engagement an einer Aktion sind der Spaßfaktor der Arbeit und der Erfolgsfaktor. Mit
Spaßfaktor ist gemeint, dass diese Jugendlichen im Vorhinein das Projekt betrachten und sich dabei
überlegen, ob sie ihre kostbare Zeit damit verbringen sollen und ob sie dabei so viel Spaß haben
werden wie bei anderen Aktivitäten, die sie in dieser Zeit ausüben könnten. Sie „berechnen“ den
Spaßfaktor eines Projekts anhand von dem Projekt selbst, also was genau gemacht werden soll
(beispielsweise ist Müllsammeln weitaus weniger spaßig wie das Graffiti-Sprayen zur Verzierung
einer städtischen Unterführung zu planen), ebenso von Bedeutung sind die Projektpartner - also mit
wem sie zusammenarbeiten müssen. Sind die Partner Erwachsene oder gleichaltrige Jugendliche?
Sind es außerdem Leute, die „cool“ drauf sind oder „Spießer“? Der Erfolgsfaktor wird von diesen
Jugendlichen ebenfalls kritisch betrachtet: sie überlegen sich also explizit, wie hoch die
Wahrscheinlichkeit des Erfolges des Projekts ist, also beispielsweise wie wahrscheinlich es ist, die
eigenen Graffitivorstellungen einbringen zu können. Insgesamt muss man die Hedonisten als
unengagiert betrachten, doch es ist unter bestimmten Bedingungen möglich sie zum Engagement zu
„überreden“. 76
2.2.3.3. Neuorientierung
2.2.3.3.1. Performer-Jugendliche
Die Gruppe dieser Jugendliche ist für Engagement offen, jedoch zeigt die Gruppe der Performer kein
überdurchschnittliches Engagement. Sie übernehmen gerne repräsentative Aufgaben (z.B.
Klassensprecher) oder übernehmen die Koordination und Leitung von Projekten. Sie sehen sich selbst
gerne in Führungspositionen und glauben auch, dass sie „das Zeug dazu haben“. Neues gestalten,
ganz nach den eigenen Ideen und sich an etwas neuem ausprobieren – das sind die Vorstellungen
vom „perfekten Engagement“ eines Performers. Wenn ein Projekt diesen Eigenschaften zusagt, oder
auch einfach nur die Möglichkeit gibt, sich beweisen zu können, dann sind Performer Jugendliche
75
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen,
S.13-16
76
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.17-20
Feuer und Flamme. Nach anfänglich hoher Begeisterung ist es jedoch schwer diese Jugendlichen
langfristig an einem Projekt zu beteiligen denn sie sind kaum dauerhaft für ein Engagement zu
begeistern. Während sie beispielsweise als erste begeistert bei der Planung für den neuen Sportplatz
einspringen und 2 Wochen total fasziniert mitarbeiten, haben sie häufig einige Wochen später keine
Lust mehr und treten aus der Projektgruppe wieder aus.77
2.2.3.3.2. Experimentalistische Jugendliche
Bei experimentalistischen Jugendlichen ist die Bereitschaft zum Engagement für eigene Projekte
vorhanden. Sie beteiligen sich eher weniger an „klassischem“ Engagement, wie sozialem
Engagement, sondern machen am liebsten ihr „eigenes Ding“. Protestbewegung oder eigene
Musikideen verwirklichen – das sind die Engagementsgedanken dieses Jugendmilieus. Sie lassen sich
sehr ungern in eine „bestehende Hierarchie“ (wie beispielsweise die Altershierarchie in einer
Projektgruppe, dass nämlich Erwachsenen den Ton angeben) eingliedern sondern engagieren sich
lieber auf eigene Faust. Unter entsprechenden Umständen jedoch wäre auch ein „normales“
Engagement, wie beispielsweise eine Jugendhausrenovierung oder ein Mithelfen im Kindergarten
denkbare Projekte.78
2.2.4. Der Bezug der Erkenntnisse der Shell-Studie auf die Milieus (Sinus-Studie)
Die Erkenntnisse der Shell-Studie (siehe 2.2.2.) lassen sich gut auf die Milieus der Sinus-Studie
beziehen. Ich werde im folgenden Abschnitt wie bereits in 2.1. versuchen den Faktor
„Bildungsniveau“ in Bezug auf die jeweiligen Milieus zu erörtern, weil dieser in Zusammenhang mit
den Milieus stehen könnte und erneut versuchen den Zusammenhang zu erklären.
Das Bildungsniveau in Bezug auf die Milieus
Wie in 2.2.2. beschrieben, nimmt das Engagement der Jugendlichen mit zunehmendem Bildungsgrad
ebenfalls zu. Es gibt wiederum Schwierigkeiten bei der Zuordnung der Milieus zu einem
Bildungsniveau, da die Jugendlichen wie bereits mehrfach gesagt oft nicht „rein“ einem Milieu
zugeordnet werden können. Ebenso wenig kann ein Milieu „rein“ einem Bildungsgrad zugeordnet
werden, sondern es wird immer von der „breiten Basis“, also der Mehrheit der Jugendlichen des
jeweiligen Milieus ausgegangen.
Wie bereits im Bezug des „Politischen Interesses auf das Bildungsniveau“ genannt, gibt die SinusStudie zu jedem Milieu jeweils an, aus welchen weiterführenden Schulen, die Jugendlichen der
jeweiligen Milieus zum Großteil stammen, somit kann man die Milieus recht gut den verschiedenen
Bildungsniveaus zuordnen. Jugendliche, die zum Milieu der Performer, der Postmateriellen oder der
Experimentalisten gehören, kommen größtenteils vom Gymnasium. Traditionelle Jugendliche sowie
77
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.21-23
78
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.24-26
Bürgerliche hingegen sind überwiegend im mittleren Bildungsniveau also auf der Realschule zu
finden während Konsum-Materialisten und Hedonisten zum Großteil die Hauptschule besuchen.
Werden nur die Ergebnisse beider Studien in Bezug auf das Engagement betrachtet, so ergänzen sich
die Studien im Großen und Ganzen. Die drei „höhergebildeten“ Milieus werden in der Sinus-Studie
als recht engagiert beschrieben, Performer sind absolut engagiert und Postmaterielle wie auch
Experimentalisten sind unter gewissen Umständen ebenfalls engagementbereit – auch wenn jede
dieser Gruppe andere Kriterien für das persönliche Engagement aufstellt. Während
Experimentalisten die Individualisierung des Projekts wichtig ist, ist Performern hingegen wichtiger,
dass das Projekt nicht langweilig wird. Bürgerliche und Traditionelle, die aus der mittleren
Bildungsschicht stammen, werden ebenfalls als potentiell engagiert in der Sinus-Studie beschrieben,
diese Aussage trifft die Shell-Studie ebenfalls, denn in ihr werden die Jugendlichen aus den mittleren
Bildungsschichten ja auch als „eventuell engagiert“ beschrieben. Auch in Bezug auf das letzte
Bildungsniveau stimmen die Studien weitgehen überein: Hedonisten und auch Konsum-Materialisten
werden als eher unengagiert beschrieben, und da diese Milieus der unteren Bildungsschicht, die
wiederum von der Shell-Studie als eher unengagiert beschrieben wird, zugeordnet wird, sind sich
beide Studien sehr einig, dass diese Milieus eher weniger bereit zum Engagement sind.
Insgesamt kann ich also beim Betrachten des Bildungsniveau feststellen, dass die Aussagen der
beiden Studien wesentliche Schnittpunkte aufweisen, da sie in Bezug auf alle Milieus zu ähnlichen
Aussagen über dessen Politikinteresse kommen: Postmaterielle sind laut Sinus-Studie sehr engagiert
und werden durch ihre meist höhere Bildung auch laut Shell-Studie als recht engagiert eingestuft.
Performer werden ebenfalls als sehr engagiert in der Sinus-Studie dargestellt – die Shell-Studie
kommt dadurch, dass Performer zum höheren Bildungsgrad gehören ebenfalls zu diesem Schluss,
denn sie bezeichnet ja höher gebildete Jugendliche auch als engagiert. Experimentalisten, ebenfalls
gehörend zum „hohen Bildungsniveau“ werden demnach ebenso von der Shell-Studie als engagiert
bezeichnet und die Sinus-Studie wiederspricht wiederum nicht: sie bezeichnet diese Jugendlichen als
recht engagiert. Bürgerliche und Traditionelle werden von der Sinus-Studie teilweise oder unter
bestimmten Umständen ebenfalls als „bereit zum Engagement“ bezeichnet – die Shell-Studie ordnet
Jugendliche mit mittlerem Bildungsgrad ebenfalls als mittelmäßig engagiert ein, somit sind auch hier
die Aussagen der Studien identisch. Die Milieus der unteren Bildungsschicht hingegen, Hedonisten
und Konsum-Materialisten, werden in der Sinus-Studie schon als eher gar nicht engagiert
beschrieben, es müssten schon sehr viele Bedingungen erfüllt sein, damit diese Jugendlichen wirklich
aktiv werden. Die Shell-Studie kommt hier zu einem ähnlichen Schluss, da sie ebenfalls Jugendliche
mit geringem Bildungsniveau als potentiell eher unengagiert einstuft.
2.3. Politisches Engagement der Jugendlichen
2.3.1. Definition – Was ist politisches Engagement?
Was ist „politisches Engagement“? Mit dieser Frage habe ich mich recht ausführlich beschäftigt und
bin zu dem Schluss gekommen, dass eine einheitliche oder allgemeingültige Definition des Begriffs
nicht möglich ist. Ich werde jedoch versuchen auf Basis der beiden Definitionen und Erläuterungen zu
„politischem Interesse“ und „politischem Engagement“ eine mögliche Definition des Begriffs
darzustellen.
Jeder Mensch hat eine persönliche Vorstellung von „politischem Engagement“. Für den einen muss
man, um politisch engagiert zu sein, nur die Zeitung gelesen und mit dem Kollegen darüber diskutiert
haben, für den nächsten muss man, um politisch engagiert zu sein, zum Beispiel an politischen
Demonstrationen teilnehmen und für einen Dritten muss man, um des Begriffes „politisch engagiert“
würdig zu sein schon mindestens Mitglied einer Partei sein. Ob politisches Engagement nur dann
politisches Engagement ist, wenn es dauerhaft, also über einen längeren Zeitraum, besteht, ist
ebenfalls sehr umstritten.
Die Shell-Studie definiert den Begriff „politisches Engagement“ nicht, die Jugendlichen müssen auf
die Fragen zu diesem Thema, wie auf bei „politisches Interesse“, selbst spontan ihre Definitionen
finden und dann wiederum sich selbst in Bezug auf seine Definition einschätzen.79 Die Kritik an der
Shell-Studie ist also wie bereits in 2.1., dass man sich beim interpretieren der Studienergebnisse die
Frage stellen muss, ob sich die Jugendlichen der Definition von „politischem Engagement“ bewusst
sind. Die Meinungen darüber, wann ein Jugendlicher politisch engagiert ist, gehen sowohl in der
ganzen Bevölkerung als auch bei den Jugendlichen wie gesagt sehr weit auseinander.
Mit derselben Begründung wie in 2.1., nämlich dass ich glaube, dass durch den „inneren Maßstab“
der Menschen doch eine grobe Ähnlichkeit der Definitionen der Menschen vorhanden ist, bin ich
wiederum entgegen aller Kritik der Meinung, dass die Ergebnisse der Shell-Studie zum Thema
„Politisches Engagement“ eine gewisse Aussagekraft haben. Durch die Shell-Befragung entsteht kein
klares Ergebnis, denn dadurch, dass den Jugendlichen keine klare Definition vorgelegt wird was
„politisch engagiert“ ist, beantworten sie die Fragen immer nur anhand ihrer eigenen Definitionen.
Doch im Großen und Ganzen kann man meiner Ansicht nach durch die Shell-Befragung eine Art
spontanes Meinungsbild zu diesem Thema erhalten, ohne dabei eine Definition zu benötigen. Dieses
Meinungsbild gibt aus meiner Sicht die Einstellung der Jugendlichen zum politischen Engagement in
groben Zügen wieder, da die Spontanreaktion bei den Jugendlichen auf die Frage auch eine
Aussagekraft hat.
Ich werde nun eine Hypothese als meine persönliche Definition in dieser Arbeit aufstellen, wie ich
aufgrund meiner Nachforschungen einen politisch engagierten Menschen charakterisieren würde.
Zunächst ist die allgemeine Voraussetzung für Engagement immer Interesse (siehe 2.2.), dass einem
also eine Sache wichtig ist. Das politische Interesse ist demnach Grundvoraussetzung um in einem
weiteren Schritt politisch engagiert zu werden. Wenn man politisches Interesse entwickelt hat, so
79
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.130
kommt man meistens zu dem Punkt, an dem man sich mit den vorherrschenden Verhältnissen nicht
mehr zufriedengeben will – man hat nicht mehr nur Interesse, man will etwas verändern. Wenn man
sich beispielsweise ausführlich über Umweltproblematik der globalen Erwärmung beschäftigt kommt
man sicherlich bald zu dem Punkt, an dem man sich nicht mehr mit allem zufriedengibt, was in der
Umwelt geschieht, sondern man etwas verändern will. Aus dem Interesse folgt also ein allgemeiner
Veränderungswille. Und da es im Normalfall nicht bei dem bloßen Willen bleibt, sondern der
Überzeugung meist auch Taten folgen kommt es letztendlich zum Engagement, dem aktiven
Eingreifen der Person in das entsprechende Umfeld, für das er zuerst Interesse und dann den
Veränderungswillen entwickelt hat. In unserem Fall könnte sich die Person jetzt im privaten Kreis
engagieren und beispielsweise weniger Autofahren oder nur regionale Produkte kaufen, oder sie
könnte einer Umweltorganisation beitreten und sich auf diese Weise öffentlich engagieren.
Natürlich läuft die Entwicklung des „politischen Engagement“ nicht immer so ab, es gibt auch den
(wesentlich kürzeren) Weg, dass die Person einfach von anderen durch Gruppenzwang oder die
Überzeugungsarbeit anderer mitgerissen wird, und das eigenen Interesse sich so erst im Nachhinein
entwickelt. Vielleicht wird man von Eltern oder Freunden oder auch der Schule „herangeführt“, doch
„wirklich“ politisch engagiert ist man aus meiner Sicht jedoch erst, wenn man sich wirklich aus freien
Stücken und ohne Zwang politisch engagiert. Ich definiere „politisches Engagement“ also
zusammengefasst als „Engagement, das aus dem politischen Interesse resultiert“, um diese
Definition zu verstehen muss man natürlich wissen, was „politisches Interesse“ (siehe 2.1.) und
„Engagement“ (siehe 2.2) allgemein sind.
Politisches Engagement bedeutet im Großen und Ganzen also, dass man Engagement im großen
Rahmen der Politik zeigt. Es ist also das aktive Eingreifen einer Person in das politische Umfeld.
Die Definition von „politischem Engagement“, die ich in meiner Arbeit verwenden werde steht also
weder in der Shell-Studie noch in einem wissenschaftlichen Werk. Ich werde mich demnach auf
meine persönliche Definition beziehen. Somit müssen auch die Grenzen meiner Definition bedacht
werden, denn es ist nur eine persönliche Definition, die aus meiner Sicht zwar recht zutreffend,
jedoch aus der Sicht von Anderen möglicherweise auch sehr nicht so zutreffend sein könnte.
2.3.2. Gesamte Jugend – Wie stehen die Jugendlichen zu politischem Engagement?
Bei den Jugendlichen in Deutschland ist der Bezug zu dem politischen System des Landes und der
Demokratie seit einigen Jahren stabil und fällt positiv aus. 80 Dennoch bleiben die jungen Menschen
in Bezug auf ihr eigenes Engagement deutlich auf „Distanz zur Politik“. Sich in die Politik selbst
einzumischen ist bei den Jugendlichen deutlich „out“, diese Antwort geben 71% der Jugendlichen im
Jahr 2010. Nur 24% finden, dass es „in“ ist sich politisch einzumischen und 5% geben zu dieser Frage
keine Angabe ab. Die Werte sind jedoch kaum verwunderlich, da bereits in den Shell-Studien der
Jahre 2002 und 2006 die Umfragewerte auf diese Frage ähnlich niedrig waren. Jedoch scheint sich
80
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.143
der Trend, dass die Politik für die Jugend „out“ ist sogar eher noch zu verstärken – im Jahre 2002 war
bei nur 66% „sich in die Politik einmischen“ out, 2006 schon bei 68% und 2010 nun sogar bei 71%.81
Eine weitere Frage, mit der die Jugendlichen in der Shell Studie konfrontiert werden ist, ob es für sie
persönlich wichtig ist, sich politisch zu engagieren. Im Jahr 2010 ist es für 23% der Jugendlichen
„wichtig“, in den vorhergegangenen Jahren 2006 waren es nur 20% und 2002 22%. Von der anderen
Seite her betrachtet war es im Jahre 20010 52% der Jugendlichen unwichtig, wobei es in den
vorhergegangenen Shell-Studien noch deutlich mehr Jugendlichen (2006: 57% und 2002: 56%)
unwichtig war, sich persönlich zu engagieren. 82
Man muss hier jedoch deutlich trennen: die Tatsache, dass es einem Jugendlichen wichtig ist, sich zu
engagieren heißt noch nicht, dass er dies auch tut. Natürlich hängen die beiden Faktoren, dass einem
etwas wichtig ist und dass man sich für die entsprechende Sache engagiert eng zusammen, doch
nicht immer resultiert aus „mir ist etwas wichtig“ auch aktives Engagement. Deshalb ist die
Aussagekraft dieser Beantwortung nur eingeschränkt zu betrachten.
Die beiden Faktoren „politisches Interesse“ und „politisches Engagement“ hängen natürlich in der
realen Welt sehr eng zusammen, wie bereits in der Definition zuvor beschrieben. So ist es nicht
verwunderlich, dass laut Shell-Studie auch die Jugendlichen, die sich selbst als „politisch interessiert“
bezeichnen deutlich öfters auch politisch engagiert sind. 83
Die Wahlbeteiligung ist ein typisches Beispiel für politisches Engagement. In ihr kann man die oben
festgestellten Daten wiederfinden, da die Wahlbeteiligung sehr nieder ist. Wenn nämlich die
Wahlbeteiligungen der jungen Erwachsenen in den Wahljahren 2002, 2005 und 2009 betrachtet
werden kommt man zu ähnlichen Ergebnissen. Während die jungen Menschen mit einer
Wahlbeteiligung von 79,6% (2002) und 78,3% (2005) in diesen Jahren in zwar auch schon in
geringerer Zahl zu den Wahlen erschienen, scheint das Interesse an der Beteiligung an den Wahlen
im Jahre 2009 durch die sehr geringe Wahlbeteiligung von 71,4% noch weiter abgesunken zu sein.
Jedoch gilt diese Information nur teilweise, da ja nicht alle Jugendlichen, sondern nur die 18-27
jährigen wählen gehen dürfen.
Auf die Frage hin, ob die Jugendlichen Wählen mit 16 für eine gute Idee halten antwortet die
Mehrheit (56%) der jungen Menschen mit einem „keine gute Idee“, nur 23% halten es für eine „gute
Idee“, das Wahlalter nach unten auszudehnen. Der schlechte Wert lässt sich vermutlich dadurch
erklären, dass die meisten Jugendlichen wohl „eh nicht“ zur Wahl gehen würden und es deshalb für
sinnlos befinden, das Wahlalter zu senken. 84
81
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.143
82
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.142
83
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.150
84
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.144
Diese beiden Beispiele zum Thema Wahlbeteiligung sind weitere Indikatoren dafür, wie es um das
politische Engagement der Jugendlichen momentan steht.
Wenn nun das aktive Wählen bei den Jugendlichen schon absolut nicht gefragt ist, was für politisches
Engagement würde denn dann reizen? Die Shell-Studie hakt im Jahr 2010 bezüglich dieser Frage nach
und erhält folgende Antworten: Bei einer Unterschriften Aktion beispielsweise sind die Jugendlichen
dem Engagement gegenüber nicht abgeneigt, 77% könnten es sich vorstellen, sich in dieser Form zu
engagiert. Des Weiteren könnten sich 44% der Jugendlichen vorstellen, den Boykott einer Ware aus
politischen Gründen persönlich zu unterstützten, 45% würden sich an einer Protestversammlung
beteiligen und 39% würden auch bei einer Bürgerinitiative mitmachen. An Internetaktionen zu
politischen Themen (z.B. auf Twitter) mitzumachen würden ebenfalls 31%. Nur die Bereitschaft zum
Mitmachen in politischen Organisationen und Parteien fällt im Vergleich zu den anderen
Engagementsformen recht gering aus, denn nur 17% können sich vorstellen sich in dieser Form zu
beteiligen.
Welche Einflüsse bestimmen das politische Engagement von Jugendlichen?
Zunächst hängt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass ein junger Mensch sich politisch engagiert in
erster Linie damit zusammen, ob er „politisch interessiert“ ist, oder nicht. Ist er nämlich politisch
Interessiert, so ist natürlich auch die Basis für das Interesse geschaffen und die Wahrscheinlichkeit
für politisches Engagement fällt weitaus größer aus als bei einem Jugendlichen, der sich von
vorneweg als „uninteressiert an Politik“ bezeichnet. 85
Durch diesen Zusammenhang ist nun natürlich auch zu beachten, dass sämtliche Einflüsse auf die
Jugendlichen, die das „politische Interesse“ beeinflussen somit auch indirekt das politische
Engagement beeinflussen, beispielsweise die Eltern, der Gesamtjugendtrend oder die soziale Schicht,
die als Einflüsse auf das politische Engagement in der Shell-Studie nicht ausdrücklich erwähnt
werden.
In Bezug auf das politische Engagement kann man einen Unterschied zwischen den Geschlechtern
wahrnehmen: Junge Frauen sind wesentlich engagierter als junge Männer, von ihnen geben 44% an,
politisch interessiert zu sein während von den jungen Männern nur 33% dies behaupten. Dies ist sehr
widersprüchlich, da, wie in 2.1. beschrieben, eigentlich die Männer interessierter an der Politik sind,
jedoch die Frauen dennoch sich mehr im politischen Rahmen engagieren was vermutlich damit
zusammenhängt, dass sie im Allgemeinen (siehe 2.2.) aktiver sind als Männer.86
85
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.150
86
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.150
Einen deutlicheren Unterschied kann man in Bezug auf die Bildungsschichten erkennen: Das
politische Engagement in den höheren Bildungssichten (vor allem Abiturienten und Studierende) fällt
deutlich höher aus als in den unteren Bildungsschichten. 87
Des Weiteren bezeichnen sich junge Menschen, die sich selbst als politisch eher links stehend
bezeichnen auch öfters als „engagementsbereit“ als die Jugendlichen, die sich politisch eher rechts
positionieren. 88
Gesamttrend
Um noch einmal die Ergebnisse des Jahres 2010 möglichst kompakt zusammenzufassen: Bei 37% der
Jugendlichen ist laut eigener Einschätzung die Bereitschaft zum politischen Engagement vorhanden,
bei 38% ist eine überdurchschnittlich hohe Bereitschaft vorhanden, bei 15% der Jugendlichen ist die
Bereitschaft nur gering und 8% zeigen gar keine Bereitschaft. 89
hohe Bereitschaft
normale Bereitschaft
geringe Bereitschaft
keine Bereitschaft
Diagramm:
Anzeige:
Bereitschaft zum politischen Engagement aller Jugendlichen (2010)
Anteil der Bereiche „hohe Bereitschaft“, „normale Bereitschaft“,
„geringe Bereitschaft“ und „keine Bereitschaft“ 90
Die Bereitschaft der jungen Menschen zum politischen Engagement ist entgegen aller Erwartungen
gar nicht so gering – insgesamt über 70% der Jugendlichen wären zum politischen Engagement
bereit. Obwohl sich die Mehrheit der Jugendlichen als eher distanziert gegenüber politischem
Engagement charakterisiert, darf dies nicht damit gleichgesetzt werden, dass deshalb keine
87
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.150
88
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.150
89
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.150
90
Diagramm, Corinna Unterricker (04.04.12), basierend auf: Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine
pragmatische Generation behauptet sich, Shell Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am
Main, S.150
Bereitschaft zum politischen Engagement vorhanden wäre. Die Mehrheit der Jugendlichen (siehe
oben) stuft das politische Engagement als „out“ ein und es ist offensichtlich, dass weit weniger als
70% der Jugendlichen, die ja eigentlich dazu bereit wären, sich in der Tat dann wirklich politisch
engagieren. Zwar macht die Shell-Studie zu der Frage „Wie viele Jugendliche engagieren sich
WIRKLICH politisch?“ keine Angabe, doch ich vermute sehr, dass der Prozentanteil der Jugendlichen
in Bezug auf diese Frage weit geringer wäre.
Woran liegt es also, dass die Bereitschaft der Jugendlichen zum politischen Engagement recht hoch
und das reelle politische Engagement jedoch so gering und der Trend so negativ sind?
Es ist schwer eine klare Antwort auf diese Frage zu geben, doch die Ergebnisse der Shell-Studie
deuten darauf hin, dass Jugendliche wählerisch in der Engagementsform sind, sie sind nicht
gegenüber jeder Form von Engagement gleichermaßen offen. Flexible oder einmalige Beteiligungen
wie beispielsweise an einer Unterschriftensammlung oder an einer Demonstration sind für die
Jugendlichen gut vorstellbar, wohingegen das langfristige verbindliche Engagement beispielsweise in
den Parteien eher abschreckt. Dies scheint der aktuelle Gesamttrend der Jugendlichen zu sein. 91
Wenn also nun ein Jugendlicher sich als „bereit zum politischen Engagement“ erklärt, so meint er
damit vermutlich nur, dass er bereit wäre eine Unterschrift zu geben, nicht aber an einer
Demonstration oder einem politischen Vortrag teilzunehmen.
Wenn man den Blickwinkel in Bezug auf das Thema „Politische Engagement“ ein bisschen erweitert,
so ist es recht wahrscheinlich, dass die Parteien ein Stück weit dafür verantwortlich sind, dass die
Jugendlichen das „wirkliche“ politische Engagement im Vergleich zu ihrer Bereitschaft, so
verschmähen. Denn ihr Image bei den Jugendlichen ist schlecht, die Jugendlichen haben kein
Vertrauen in die Parteien und Politiker – sie geben ihnen nur 2,5 von 5 Vertrauenspunkten 92 .
Wahrscheinlich verbinden viele Jugendlichen also mit dem Begriff „politisches Engagement“ sofort
die Parteien und die eher unsympathischen Politiker, denen sie eigentlich eher aus dem Weg gehen
wollen.
2.3.3. In Bezug auf Milieus – Welche Milieus engagieren sich politisch?
Ich werde im folgenden Abschnitt meiner Arbeit versuchen, in Bezug auf die einzelnen Milieus
darzustellen, wie sich n deren Vorstellung politisches Interesse mit Engagement verbindet
beziehungsweise, ob dieses Milieus politisch engagiert ist oder eher nicht. Ich werde mich hierbei auf
meine Ergebnisse aus 2.1.3. und 2.2.3. beziehen und diese möglichst präzise verarbeiten.
91
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.151
92
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.142
2.3.3.1. Traditionelle Werte
2.3.3.1.1. Traditionelle Jugendliche
Das politische Interesse dieser Milieugruppe ist unter bestimmten Umständen teilweise vorhanden.
In Bezug auf ihr Engagement sind sie in erster Linie in den Vereinen im eigenen Umfeld tätig. Da sie
sich in ihrem Engagement jedoch gerne in eine Gruppe einfügen und auch gerne traditionelle Formen
von Engagement akzeptieren, sind die Jugendlichen vermutlich auch bereit sich in politische
Organisationen oder Gruppen einzufügen und sich dort zu engagieren – auch wenn sie das soziale
Engagement im Normalfall vorziehen. 93
2.3.3.2. Modernisierung
2.3.3.2.1. Bürgerliche Jugendliche
Das Leben dieses Milieus wird allgemein häufig von anderen (z.B. Freundeskreis oder Familie)
beeinflusst. Die Interessen dieser Jugendlichen sind sehr stark vom Umfeld geprägt, ebenso die
Engagementsbereitschaft. Clique, Freunde und der allgemeine Jugendtrend sind somit die Faktoren,
die auch im Bereich des „politischen Engagements“ einen starken Einfluss auf die bürgerlichen
Jugendlichen und deren Handeln haben. Wenn es im Freundeskreis „in“ ist interessiert zu sein oder
sich für eine bestimmte Sache zu engagieren, so wirkt sich dies auch stark auf die eigene
Interessenslage oder die eigene Bereitschaft für das entsprechende Projekt aus. Die Jugendlichen
sind also unter bestimmten Umständen für politisches Engagement offen, wobei diese Umstände
nicht das Projekt selbst und dessen Inhalt betreffen sondern eher die Meinung von anderen zu
diesem Projekt beinhalten, denn diese Meinung ist den bürgerlichen meist sehr wichtig.94
2.3.3.2.2. Konsum-materialistische Jugendliche
Die Konsum-Materialisten sehen sich die Politik und auch das Engagement nicht als „ihre Welt“. Sie
überlassen solche Dinge gerne den Anderen und fühlen sich „cool“ dabei nicht an solchen
„uncoolen“ Dingen teilzuhaben. Da sie allgemein schon eher wenig engagiert sind, auch nicht im
sozialen oder privaten Bereich, und sich damit wohl fühlen und nicht den Bedarf oder die
Zugehörigkeit zu einer Aktivität verspüren ist deren politisches Engagement auch dementsprechend
gering. Denn auch die Grundeinstellung zur Politik ist wie gesagt sehr negativ, was die
Wahrscheinlichkeit für politisches Engagement nochmals erniedrigt.95
93
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.4-6
94
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.7-9
95
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.10-12
2.3.3.2.3. Postmaterielle Jugendliche
In diesem Jungend-Milieu ist die Wahrscheinlichkeit für politisches Engagement sehr hoch. Da
Postmaterielle schnell für fast jede Form von Engagement zu haben sind und Engagement sozusagen
eine Art Hobby für sie ist, das in deren Leben eine wichtige Rolle spielt, liegt es sehr nahe, dass sie
auch auf politischer Ebene aktiv sind. Noch hinzukommt, dass sie an politischen Themen Spaß haben
und sich gerne mit ihnen beschäftigen. Die Begeisterung für Politik zusammen mit der allgemeinen
Freude an Engagement machen diese Jugendlichen zu den perfekten Ansprechpartnern für
politisches Engagement. 96
2.3.3.2.4. Hedonistische Jugendliche
Für dieses Milieu sind die absolute Distanz zur Politik und ein eher schlechten Verhältnis zum
allgemeinen Engagement, welches für diese Milieugruppe immer nur unter ganz bestimmten
gegebenen Voraussetzungen (Spaßfaktor und Erfolgsfaktor) in Frage kommt, charakteristisch. Da die
Wahrscheinlichkeit zum Engagement bei den Hedonisten sowieso schon recht gering ist, und jedes
Projekt genauestens gemustert wird bevor man sich für eine Teilnahme entscheidet, ist die
Wahrscheinlichkeit für politisches Engagement nochmal geringer, denn schon mit dem Wort „Politik“
verbinden diese Jugendlichen nur Negatives. Für „altertümliche“, „uncoole“ und vor allem auch, nach
Meinung der Hedonisten, absolut unwichtige Dinge, wie politische Projekte, die eigenen Zeit zu
opfern ist eher weniger realistisch für diese Gruppe von Jugendlichen.97
2.3.3.3. Neuorientierung
2.3.3.3.1. Performer-Jugendliche
Die Gruppe dieser Jugendlichen ist für Politik und Engagement schnell zu haben, denn sowohl
politisches Interesse für sehr viele Themenbereiche als auch Engagementsbereitschaft für viele
verschiedene Bereiche sind bei diesen Jugendlichen vorhanden. Dementsprechend wäre es gut
denkbar, dass diese Jugendlichen politisch aktiv werden und mit dem bekannten Eifer, der für
Performer typisch ist, an politische Projekte herangehen und sich beteiligen. Sie sind in Bezug auf die
Wahl der Projekte wählerisch und suchen sich ihren Bereich für das Engagement genau aus. Jedoch
entsteht auch im Themenbereich Politik sicher das typische Problem, dass diese Jugendlichen nach
kurzer Zeit schon wieder die Lust verlieren oder ihre Einstellung zum entsprechenden Thema ändern
was dazu führen kann, dass sie das entsprechende Thema langweilig und trocken finden und somit
auch das politische Engagement fallen lassen.98
96
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.13-16
97
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.17-20
98
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.21-23
2.3.3.3.2. Experimentalistische Jugendliche
Engagement: ja, aber immer unter dem Vorbehalt, dass auch das Thema stimmt und man von
niemanden eigeschränkt oder bevormundet wird - das ist die zentrale Meinung dieser Gruppe von
Jugendlichen zum allgemeinen Engagement. Wenn diese Jugendlichen ein Ziel vor Augen haben, dass
sie begeistert und motiviert (meist haben sie dieses Ziel auch selbst entworfen), dann sind sie nicht
mehr zu stoppen engagieren sich sehr aktiv. Ein Grundinteresse zur Politik ist bei Experimentalisten
vorhanden, doch innerhalb des Milieus, da sie schwer zu charakterisieren sind, muss man zwischen
den individuellen Jugendlichen stärker als bei den anderen Milieu-Gruppen unterscheiden, da diese
Jugendlichen eben individuelle Einstellungen zur Politik haben und dementsprechend politisches
Engagement für sich in Betracht ziehen oder nicht. Im Großen und Ganzen könnten Jugendliche
dieses Milieus sich möglicherweise politisch engagieren, doch es ist schwer über diese so
differenzierbare Gruppe eine allgemeine Aussage zu machen. 99
2.3.4. Der Bezug der Erkenntnisse der Shell-Studie auf die Milieus (Sinus-Studie)
Wie in 2.1.4. und 2.2.4. beim „politischen Interesse“ und dem „Engagement“ sollte ich nun eigentlich
die beiden Studien übereinanderlegen und deren Aussagen in Bezug auf das „politische Engagement“
vergleichen.
Jedoch bin ich der Meinung, dass dieser Vergleich mir aufgrund der Quellen, die mir derzeit zur
Verfügung stehen nicht möglich ist. Denn die Shell-Studie differenziert im Befragungsbereich zum
Thema „politisches Engagement“ nicht. Es gibt keine Unterteilung in soziale Schichten oder
Bildungsschichten – bei allen Fragen wird nur der allgemeine Prozentanteil der Jugendlichen als
Antwort angegeben. Somit kann ich die beiden Studien mit ihren unterschiedlichen
Differenzierungen an dieser Stelle nicht vergleichen.
Ich wage die Vermutung, dass ich bei der Untersuchung des politischen Interesses auf ähnliche
Ergebnisse wie zuvor kommen würde, beispielsweise, dass höher gebildete Jugendliche politisch
engagierter sind als niederer gebildete. Zu dieser Hypothese gelange ich, da Engagement und
politisches Interesse eng mit dem politischen Engagement verflochten sind. Daher ist es
wahrscheinlich, dass z.B. in Bezug auf das Bildungsniveau, sich die Aussagen der ersten beiden
Untersuchungsbereiche auf das „politische Engagement“ übertragen lassen. Deshalb vermute ich,
dass sich diese Hypothese bestätigen würde.
99
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.24-26
3. Fazit – Welches Verhältnis haben Jugendliche im Jahr 2011 zur
Politik?
Das 1968 vorherrschende Bild der politisch interessierten rebellischen Jugend ist spätestens in den
1990er Jahren endgültig zerplatzt. Die politische Protestbewegung und das Engagement der
Jugendlichen blieben seither weitgehend aus. 100
Heute schlägt man die Zeitung auf und in Verbindung mit den Wörtern Jugendliche und Politik steht
meistens nur noch das Schlagwort „politikverdrossen“. „Die Jugend von heute ist politikverdrossen“
– diese Aussage machen auch alle von mir gelesenen Studien und Lektüren in Bezug auf die heutige
Zeit. 101 Ich werde nun noch einmal zusammenfassend die Ergebnisse des ersten Abschnittes meiner
Arbeit betrachten und versuchen beim Betrachten meiner Ergebnisse zu den Themen „politisches
Interesse“ und „politisches Engagement“ zu erörtern, ob ich der Aussage „Die Jugend von heute ist
politikverdrossen“ zustimmen kann.
Um das Wort politikverdrossen zu verdienen, muss jemand meiner Meinung nach ein sehr schlechtes
Verhältnis zur Politik haben .Ich werde nun zunächst erläutern, wie ich das „Verhältnis zur Politik“
definieren würde.
Begriffsdefinition – „Verhältnis zur Politik“
Was ist das „Verhältnis zur Politik“? Wie ist es charakterisiert? Wann ist ein Verhältnis positiv und
wann negativ? Dies alles sind Fragen, die zu beantworten ich wiederum nur als Hypothesen
formulieren kann. Ich bezeichne als „Verhältnis zur Politik“ einerseits das politische Interesse und
andererseits das politische Engagement. Es ist sehr wichtig sich des Unterschiedes zwischen diesen
beiden Begriffen bewusst zu werden. Das Interesse für die Politik ist der entscheidende
Grundbaustein für eine gutes Verhältnis zu ihr, ohne Interesse an der Politik kann meiner Meinung
nach auch kein gutes Verhältnis zur ihr geschaffen werden. Folglich würden viele Menschen das
politische Interesse allein als Definition dafür, ein „gutes Verhältnis zur Politik zu haben“ verwenden,
doch ich möchte die Definition noch auf einen gewissen Bereich ausdehnen. Auf dem Grundbaustein
des „politischen Interesse“ baut meiner Ansicht nach noch der andere Teilaspekt, nämlich das
politische Engagement auf. Aus meiner Sicht ist dieser zweite Baustein, der zu einem guten
Verhältnis zur Politik nötig ist, deshalb so wichtig, weil nur durch ihn ein Gewinn für die Gesellschaft
geschaffen wird. Wenn jemand nämlich nur für sich alleine politisch interessiert ist, ist der Nutzen
daraus für die Gemeinschaft ziemlich gering, wenn jedoch politisches Engagement hinzukommt, so
können teilweise viele anderen davon profitieren.
100
vgl. Scherr, Albert (2005): Jugendsoziologie – Einführung in die Grundlagen und Theorien, VS Verlag für
Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S.173
101
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.132
vgl. Scherr, Albert (2005): Jugendsoziologie – Einführung in die Grundlagen und Theorien, VS Verlag für
Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S.173
Schäfer, Julia (2006): Sozialkapital und politische Orientierung von Jugendlichen in Deutschland, VS Verlag für
Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S.187
Meine Definition von „ein gutes Verhältnis zur Politik haben“ ist also, dass man einerseits politisch
interessiert ist und dann aber auch noch zusätzlich politisch engagiert ist.
Welche „Verhältnis“ haben die Jugendlichen denn nun aktuell zur Politik?
Um noch einmal den Gesamttrend in Bezug auf das politische Interesse im Jahr 2010 detailliert
zusammenzufassen: Es bezeichnen sich 31% der Jugendlichen als „politisch interessiert“, 6% der
Jugendlichen als „sehr interessiert“, hingegen der ganze Rest, also 63% der Jugendlichen „gar nicht“
oder „wenig“ interessiert sind.
Diagramm:
Politisches Interesse aller Jugendlichen (2010) 102
Werden die Milieus betrachtet, so könnte man bei traditionellen-, bürgerlichen-, postmateriellen-,
Performer- und experimentalistischen Jugendlichen theoretisch politisches Interesse wecken.
Konsum-Materialistische- und hedonistische Jugendliche hingegen sind eher weniger die Milieus, die
sich für Politik interessieren würden. Werden die Anzahl an Jugendlichen in den verschiedenen
Milieus nun zusammengezählt, so müssten laut Sinus-Studie also 63% der Jugendlichen (traditionelle, bürgerliche-, postmaterielle-, Performer- und experimentalistische Jugendliche) potentiell Interesse
an der Politik zeigen und nur 37% (Konsum-Materialistische- und hedonistische Jugendliche) dürften
der Politik gegenüber uninteressiert sein.
In der Realität zeigt sich allerdings aber, dass hier die Sinus-Studie nur sehr hypothetisch arbeitet –
denn die „Belege“, die die Shell-Studie liefert sprechen gegen die Hypothesen, die die Sinus-Studie
aufgrund der Charakterisierungen der einzelnen Jugendmilieus macht (genaueres zum Unterschied
der Arbeitsweise und Aussagekraft der beiden Studien siehe 1.1.). Es sind in der „realen Welt“
nämlich viel weniger Jugendliche, die sich für Politik interessieren. Diese „Fehler“ der Sinus-Studie
lässt sich vermutlich dadurch erklären, dass kaum ein Jugendlicher genau einem Milieu zugeordnet
werden kann, also fast jeder Jugendliche in gewissen Lebensbereichen auch einmal eher einem
anderen Milieu als dem Milieu, das ihn grundlegend charakterisiert, zugeordnet werden kann. Eine
mögliche Hypothese wäre also, dass sich viele Jugendliche wenn es um den Bereich „politisches
Interesse“ geht wohl eher in die Richtung der Hedonisten und Konsum-Materialisten orientieren.
102
Diagramm, Corinna Unterricker (04.04.12), basierend auf: Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine
pragmatische Generation behauptet sich, Shell Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am
Main
Der Gesamttrend im Bereich des politischen Engagements des Jahres 2010 kann man in den Fragen
nach dem „tatsächlichen“ politischen Engagement und der „Bereitschaft“ zum politischen
Engagement zusammenfassen:
Bei 37% der Jugendlichen ist laut eigener Einschätzung die Bereitschaft zum politischen Engagement
vorhanden, bei 38% ist eine überdurchschnittlich hohe Bereitschaft vorhanden, bei 15% der
Jugendlichen ist die Bereitschaft nur gering und 8% zeigen gar keine Bereitschaft.
Diagramm:
hohe
Bereitschaft
normale
Bereitschaft
geringe
Bereitschaft
keine
Bereitschaft zum politischen Engagement aller Jugendlichen (2010) 103 Bereitschaft
In Bezug auf die Milieus zeichnet sich ein ähnliches Bild ab wie beim politischen Interesse, denn
wiederum sind traditionelle-, bürgerliche-, postmaterielle-, Performer- und experimentalistische
Jugendliche die Milieus, die eine eventuelle Bereitschaft zum Engagement zeigen. Dieselben Milieus
wie beim politischen Interesse neigen auch hier eher dazu sich nicht zu engagieren, nämlich die
Hedonisten und Konsum-Materialisten. Hier stimmt der hypothetische Wert von 63% (traditionelle-,
bürgerliche-, postmaterielle-, Performer- und experimentalistische Jugendliche) schon eher mit dem
realen Wert der Shell-Studie von 75% überein. Die Abweichungen der Werte der Sinus-Studie von
denen der Shell-Studie könnte man wieder auf die Ungenauigkeit der Sinusstudie zurückführen
(siehe erneut 1.1.).
Diese „Bereitschaftswerte“ scheinen recht hoch zu sein, doch sie täuschen über den wahren Stand
der Dinge hinweg. Denn in der realen Umsetzung, also dem „tatsächlichen“ Engagement, sind es
deutlich weniger Jugendlichen, die sich politisch engagieren, als die, die nur Bereitschaft für
politisches Engagement unter bestimmten Umständen zeigen.
Der große Unterschied zwischen der Bereitschaft etwas zu tun und der Umsetzung dieser
Bereitschaft ist, dass Bereitschaft eben nur bedeutet, dass man unter bestimmten Umständen oder
für ein bestimmtes Thema das Engagement in Betracht ziehen würde – in der Realität sieht es dann
eben anders aus und die Bereitschaft schwindet schnell, da die Umstände, die man sich wünscht
eben nicht immer gegeben sind.
Leider fragt die Shell-Studie in Bezug auf die „tatsächlichen“ Werte nicht nach, sie befragt die
Jugendlichen lediglich zu ihrer Bereitschaft. Die Jugendsurvey 2011 jedoch stellt diese Frage. Auf die
Frage hin, in welchem Bereich die Jugendlichen sich in ihrer Freizeit engagieren, geben nur 4% an,
103
Diagramm, Corinna Unterricker (04.04.12), basierend auf: Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine
pragmatische Generation behauptet sich, Shell Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am
Main, S.150
sich im Bereich der Politik zu engagieren104 – ein niederschlagendes Ergebnis, wenn man betrachtet
wie hoch laut Shell-Studie doch eigentlich die Bereitschaft dazu wäre.
Wenn ich nun diese Werte betrachte muss ich leider eingestehen, dass es wirklich den Anschein
mach, als ob die Jugendlichen ein schlechtes Verhältnis zur Politik hätten. Nur eine Minderheit ist
politisch interessiert und auch das politische Engagement fällt trotz angeblich hoher Bereitschaft
recht gering aus. Der Begriff „politikverdrossen“ ist zwar hart, aber gerechtfertigt, denn die jungen
Menschen sind am politischen Geschehen heutzutage offensichtlich weder interessiert noch haben
sich groß Interesse daran sich in jenes Geschehen einzubringen. Politik ist bei den jungen Menschen
in der heutigen Zeit genauer gesagt laut den aktuellen Studien (Shell und Jugendsurvey) also
allgemein „out“.
Warum haben die jungen Menschen ein schlechtes Verhältnis zur Politik?
Wenn ein junger Mensch in den Entwicklungsprozess der „Teenagerphase“ eintritt, verändert er sich
geistig in vielen Bereichen. Es läuft eine Art Sozialisationsprozess ab, „in dessen Verlauf sich junge
Menschen zunehmend Wissen aneignen, öffentliche Räume erschließen und Verantwortung in
[verschiedenen Bereichen und auch im] öffentlichen Rollen übernehmen.“ 105
Sobald der junge Mann oder die junge Frau also nun ein Verantwortungsbewusstsein für die
Gesellschaft und das soziale Umfeld entwickelt sollte er oder sie also prinzipiell sofort politisches
Interesse entwickeln und sich durch das neue Verantwortungsbewusstsein auch sofort engagieren.
Dies ist jedoch nur recht selten auf diese unkomplizierte Weise der Fall. Die jungen Menschen
werden sich in ihrer Jugendphase zwar nach und nach der Probleme bewusst, doch für sie ist das
„Leben, und nicht die Politik“ wichtig. Dies bedeutet, dass die Jugendlichen sich in dieser
Entwicklungsphase, trotz dem, dass sie sich der weltlichen Probleme immer bewusster werden, mehr
um sich selbst und um das eigene Leben kümmern als um Dinge, die sie selbst eben nur bedingt
betreffen. Diese „egoistische“ Weltanschauung ist und bleibt typisch für die Jugendlichen unserer
Gesellschaft. 106 Also kein Wunder, dass Jugendliche sich nicht für Politik interessieren? Ganz so
schnell lässt sich diese Frage nicht beantworten, denn schließlich gab es gerade in den 60er Jahren
auch junge Menschen, die ganz und gar nicht der „egoistischen Weltanschauung“ folgten. In dieser
Zeit lagen die Werte auf die Frage nach dem politischen Interesse weit über der 50% Hürde. 107 Allein
diese Hürde ist für die heutige Zeit unerreichbar, doch damals liefen anscheinend der komplette
Jugendtrend und die Weltanschauung der Jugendlichen darauf zu, eine gute Einstellung zur Politik zu
haben. Somit ist die Erklärung, dass in der Jugendphase sie sowieso alles nur m die eigenen
104
vgl. Schmid, Miriam (2011): Survey Jugend 2011 Baden-Württemberg, Jugendstiftung Baden-Württemberg,
Mannheim, S.49
105
Schäfer, Julia (2006): Sozialkapital und politische Orientierung von Jugendlichen in Deutschland, VS Verlag
für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S.186
106
vgl. Schäfer, Julia (2006): Sozialkapital und politische Orientierung von Jugendlichen in Deutschland, VS
Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S.186
107
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.131
Entwicklung drehen würde und es sozusagen unmöglich sei, dass ein junger Mensch in dieser Phase
politisch interessiert oder engagiert sein könnte, entkräftet. Denn was die Jugendlichen vor 60 Jahren
konnten, könnten das die Jugendlichen von heute theoretisch nicht auch?
Der Ursprung für das schlechte Verhältnis zur Politik und die geringe politische
Engagementsbereitschaft muss also woanders liegen. Ich wage die Hypothese aufzustellen, dass
dieses schlechte Verhältnis zur Politik durch das schlechte Image der Parteien in der heutigen Zeit
zustande kommt.
Die Rolle der Parteien
In unserer Demokratie in Deutschland haben die Parteien eine besondere und sehr wichtige
Funktion. Laut dem Grundgesetz Artikel 21 Absatz 1 sind sie dafür da, „an der Bildung des politischen
Willens des Volkes“ mitzuwirken, sie sind eine Art Brücke zwischen dem Volk und der Regierung, da
durch die parlamentarische Demokratieform und die Wahlen über die Parteien die
Regierungsbildung vonstattengeht. 108
Die Jugendlichen jedoch, scheinen diese Brücke zur Politik, die über die Parteien führt nicht zu
akzeptieren. Es ist sowohl in den Jahren der früheren Shell-Studien als auch zum heutigen Zeitpunkt
charakteristisch für die Jugendlichen, dass sie sich von den Parteien fernhalten. Wird auf einer Skala
betrachtet wie viel Vertrauen die jungen Menschen in die Politik haben, so ist ganz deutlich
erkennbar, dass es keine Institution gibt, gegenüber der es so wenig Vertrauen gibt wie gegenüber
den Parteien (für den Überblick der Vertrauensskala siehe 2.2.). Die Jugendlichen haben auf einer
Skala von 1 (sehr wenig) bis 5 (sehr viel) Vertrauenspunkten den Parteien im Schnitt nur 2,5 Punkte
gegeben. Dieser negative Wert blieb seit 2005 konstant schlecht. 109
Gibt es eine Möglichkeit, dieses schlechte Verhältnis zur Politik zu verändern?
Natürlich beraten in unserem Land täglich Menschen darüber welche Möglichkeiten es gibt, dieses
schlechte Verhältnis zu verbessern und wie sinnvoll welche Möglichkeit ist. Von „Wahlen ab 16“ über
mehr Politikunterricht an Schulen bis hin zu verpflichtenden Beitritt in Jugendparteiorganisationen
sind viele Möglichkeiten im Gespräch, die alle Vor- und Nachteile haben. Eine perfekte Lösung ist
nicht gefunden, sonst würde sie schon längst praktiziert werden, doch ich haben mich dafür
entschieden die „Lösungsmöglichkeit“ der politischen Partizipation in dieser Arbeit näher zu
betrachten und auszuführen.
108
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.142
109
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.143
Ein Lösungsansatz: Partizipation von Jugendlichen
Die Begründung dafür, warum ich mich dafür entschieden habe, genau diese Lösungsmöglichkeit zu
bearbeiten sind die aktuellen Forschungen von Hooghe und Stolle (2003) 110, laut denen
„partizipatorische Erfahrungen im Jugendalter wichtig für politische Einstellungen und
Verhaltensweisen im späteren Leben sind.“ 111 Ich schließe mich deren Aussage, dass Partizipation
eine gute Möglichkeit ist um das Verhältnis zur Politik zu verbessern vollkommen an.
Ich bin nämlich auch persönlich der Meinung, dass Partizipation, also die Beteiligung in der Politik der
beste Weg ist um gleichzeitig politisches Interesse und politischen Engagement zu schaffen. Auch
wenn ich von mir persönlich ausgehe, denke ich, dass ich am wahrscheinlichsten mein Verhältnis zur
Politik verbessern würde, mich also mehr politisch engagieren und interessieren würde, wenn ich
durch Partizipation die Möglichkeit hätte auch aktiv an der Politik teilzuhaben.
Es ist aus meiner Sicht zusammengefasst also sicherlich eine gute Idee die Partizipation als Mittel
gegen „die Politikverdrossenheit“ der Jugendlichen zu nutzen. Es gibt sicherlich noch viele andere
Möglichkeiten und Ansätze, mit denen man die Einstellung von Jugendlichen zur Politik verbessern
könnte, doch ich habe mich dazu entschieden dem Modell der Partizipation weiter nachzugehen.
110
vgl. Kroh, Martin (2006): Jugend und Politik „Voll normal!“, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden,
S.203
111
Schäfer, Julia (2006): Sozialkapital und politische Orientierung von Jugendlichen in Deutschland, VS Verlag
für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, S.184
II. Vergleich der
Partizipationsmodelle
Jugendgemeinderat und
Jugendforum
112
112
http://www.hennef.de/uploads/pics/KiJuP-1-72dpi-online.jpg (26.06.12)
1. Kriterien für gelingende Partizipation
Im folgenden zweiten Teil meiner Arbeit werde ich versuchen, die Partizipationsmodelle weitgehend
zu vergleichen um meine Wertung der Modelle begründen zu können. Die Kriterien für ein
gelingendes Partizipationsmodell orientieren sich aus meiner Sicht an den im folgenden ersten
Abschnitt dargestellten Kriterien, die ich für meine Wertung der Partizipationsmodelle aufgestellt
habe.
Gewichtung der einzelnen Kriterien
Ich habe die folgenden Kriterien bewusst in einer bestimmten Reihenfolge angeordnet. Hierdurch
versuche ich deutlich zu machen, wie wichtig in meinen Augen die verschiedenen Kriterien in Bezug
auf die gelingende Partizipation sind. Die ersten vier genannten Kriterien lassen sich meiner Ansicht
nach nur schwer in eine Reihenfolge bringen, da sie alle von größter Bedeutung für ein
Partizipationsmodell sind. Alle weiteren Kriterien sind natürlich ebenfalls sehr wichtig und dürfen in
keiner Weise vernachlässigt werden.
1.1. Allgemeine Kriterien für ein gelingendes Partizipationsmodell
Die Kriterien :
1. Den wichtigsten Kritikunkt, den ein Partizipationsmodell erfüllen muss, ist selbstverständlich,
dass möglichst viele Jugendliche angesprochen werden und sich somit auch möglichst viele
Jugendliche beteiligen. Ebenso wichtig ist es auch die ganze Altersspanne, von 12jährigen bis
25jährigen, zu motivieren.
2. Der organisatorische und materielle Rahmen des Partizipationsmodells sollte eine langfristig
angelegte Partizipation ermöglichen, denn Jugendliche sollen sich ja dauerhaft für Politik
interessieren.
3. Das Partizipationsmodell sollte Spontaneität und Spielraum der Projekte nicht unnötig
einzuschränken, denn Jugendliche handeln gerne spontan und flexibel.
Die Partizipationsform sollte demnach ganz und gar nach den Interessen Jugendlicher
gestaltet und verändert werden können, und es sollte auch keine Scheu geben, das
Partizipationsmodell weiterzuentwickeln – je nach den Interessen der jungen Menschen.
4. Das Partizipationsmodell sollte zunächst nicht aus Interessensgründen Anderer (z.B. des
Bürgermeisters) angelegt sein und die Jugendlichen so zu Objekt erwachsener Interesslagen
machen. Ausnutzen von Jugendlichen sollte in keinem Fall vorkommen. Die Jugendlichen
sollten frei und selbständig handeln und Subjekte, nicht nur Objekte, des
Partizipationsmodells sein.
5. Das Partizipationsmodell muss durch seine Methoden und sei Angebot den Jugendlichen
gegenüber möglichst die breite Basis aller Jugendlichen ansprechen. Es sollten sowohl
männliche als auch weibliche Jugendliche sich angesprochen fühlen, ebenso wie Jugendliche
aus allen sozialen Schichten und aus allen Bildungsschichten. Gleichfalls sollten auch
Jugendliche mit unterschiedlichem Artikulationsvermögen sich zugehörig fühlen und auch die
Jugendlichen mit verschiedenen Nationalitäten, wie Jugendlichen mit Migrationshintergrund,
sollten durch das Partizipationsmodell angesprochen werden.
6. Die Methoden des Partizipationsmodells sollten auf jeden Fall angemessen an die zu
erreichende Gruppe sein, also auf jeden Fall zeit- und altersgemäß. Außerdem sollten
jederzeit auch unkonventionelle Aktions- und Arbeitsformen möglich sein.
7. Die Ergebnisse von Partizipation Jugendlicher müssen Konsequenzen haben, damit das
Engagement Jugendlicher auch belohnt wird und die Ergebnisse sollten auf jeden Fall ernst
genommen werden. Dieser Erfolg der Beteiligung muss kurzfristig erkennbar sein.
8. Natürlich sind bei der Partizipation von Jugendlichen in einem angemessenen Maße auch
immer Erwachsene als Berater und Begleiter wichtig, die kompetente Beratung und
Unterstützung bieten und mit den Jugendlichen gut zusammenarbeiten können. Gleichzeitig
ist es jedoch auch sehr wichtig, dass der Einfluss der Erwachsenen so gering wie möglich
bleibt und sie die Jugendlichen nicht beeinflussen sondern nur unterstützen.
9. Das Partizipationsmodell sollte unmittelbar im direkten Umfeld der Jugendlichen ansetzen,
sodass sie es gut in den Alltag integrieren können. Dann wird es nicht zu einer zusätzlichen
Verpflichtung. Angesichts einer hohen schulischen Belastung sollten Spontaneität und
Freiheit der Jugendlichen möglichst wenig eingegrenzt werden.
10. Die Jugendlichen sollten durch die Partizipation natürlich auch etwas mitnehmen, also etwas
für die Zukunft lernen. Einerseits im Umgang miteinander, andererseits auch in Bezug auf
die Politik und deren Organisation.
11. Das ideale Partizipationsmodell ist im Bezug auf das Alter der Jugendlichen, welche sich
beteiligen können nach unten hin, möglichst offen. So können sich auch Jüngere zunächst auf
die Partizipation vorbereiten und später aktiv mitwirken, Ziel ist natürlich das Mitwirken und
Interesse dieser jungen Generation so früh wie möglich zu erreichen.113
1.2. Kriterien für ein gelingendes Partizipationsmodell in Bezug auf
die Milieus
Das Kriterium für ein gutes Partizipationsmodell in Hinsicht auf die Milieus ist einfach formuliert: Das
ideale Partizipationsmodell sollte möglichst alle Milieu-Gruppen ansprechen, sowohl traditionell
113
vgl. Chyle, Brigitte (1997): Leitfaden Partizipation – Viele Wege ein Ziel, Druckerei Riederer, Stuttgart
S. 28,29, Internet:
http://www.ljrbw.de/ljr/service/publikationen/pubilkationen_download/handbuecher/leitfaden_partizipation.
pdf
orientierte, als auch modernisierte und neuorientierte Jugendliche sollten sich angesprochen fühlen.
Schwierig ist es grundsätzlich, Hedonisten und Konsum-Materialisten für politisches Engagement zu
gewinnen.
Natürlich muss man immer auch die Grenzen eines jeden Partizipationsmodelles im Auge behalten –
es ist letztendlich doch nur Wunschdenken, alle Jugendlichen, also 100%, für Politik zu begeistern. Es
liegt in der Natur des Menschen einige Dinge im Leben interessanter zu finden als Andere, genau das
macht uns zu Individuen. Doch in Bezug auf die Partizipationsmodelle kann man den Erfolg eines
Modells natürlich schon recht gut und auskunftsreich daran messen, wie groß die Zahl an
Jugendlichen ist, die sich beteiligen.
Des Weiteren ist ziemlich klar, dass besser gebildete Jugendliche (sowie Erwachsene) vermutlich
immer mehr Interesse zeigen würden als ihre Altersgenossen aus den niedereren Bildungsschichten,
da durch Politik-Unterricht am Gymnasium beispielsweise, ein anderer Zugang und ein anderer
Umgang mit der Politik vermittelt wird.
Was ist also nun in Bezug auf politische Beteiligung realistisch? Wenn ich die Milieu-Landschaft und
deren Bereitschaft zum politischen Engagement für mich auswerte komme ich zu dem Schluss, dass
zum jetzigen Zeitpunkt des 21. Jahrhunderts es zwar schlecht um das politische Engagement steht –
dies aber nicht so bleiben muss. Mehr als die Hälfte der Jugendlichen würden sich laut Sinus-Studie
potentiell beim Thema Politik mit ins Boot holen lassen. Denn sowohl Traditionelle Jugendliche als
auch Bürgerliche, Postmaterielle, Performer und auch Experimentalisten lassen sich (unter den
entsprechenden Umständen), wie in „Politisches Engagement“ beschrieben, von Politik ansprechen,
und diese Gruppen machen zusammen weit über die Hälfte der Jugendlichen aus. Es ist dennoch vor
allem aufgrund des aktuellen „Anti-Politik“-Trends der Jugend vermutlich schwer etwas an dem
schlechten Verhältnis von Jugendlichen zur Politik zu ändern. Die Bereitschaft wäre im Prinzip
vorhanden, doch bildlich gesprochen blockiert der Trend wahrscheinlich die allgemeine
Verbesserung des politischen Engagements von Jugendlichen. Im Moment wäre es schon ein riesiger
Erfolg, wenn 40 oder sogar 50% der Jugendlichen den Kopf ein wenig in Richtung Politik renken
würden.
2. Parlamentarische Partizipationsformen
2.1. Jugendgemeinderat (JGR)
2.1.1. Was ist ein Jugendgemeinderat?
Die Entstehung von Jugendgemeinderäten
Nach dem Vorbild der französischen „conseils des jeunes“ und des belgischen Jugendparlaments in
Waremme wurden in Deutschland ab 1985 vor allem in Baden-Württembergs Jugendgemeinderäte
als politische Gremien gegründet. 114
In ganz Deutschland werden seither (vor allem in Baden-Württemberg) immer mehr JGR gegründet.
115
Seit 1985 ist dies laut Gemeindeordnung möglich:
㤠41a Beteiligung von Jugendlichen
(1) Die Gemeinde kann Jugendliche bei Planungen und Vorhaben, die ihre Interessen berühren, in
angemessener Weise beteiligen. Sie kann einen Jugendgemeinderat oder eine andere
Jugendvertretung einrichten. Die Mitglieder der Jugendvertretung sind ehrenamtlich tätig.“ 116
Als eine der ersten Formen zur Jugendpartizipation hatte der Jugendgemeinderat die Ziele einerseits
die Jugendlichen an der Öffentlichkeitsarbeit und an anderen Projekten in der Kommune zu
beteiligen und andererseits auch die allgemeine politische Einstellung der Jugendlichen durch diese
Mitarbeit zu verbessern. Diese verbreitete Form der Jugendpartizipation ist gegenüber anderen
Beteiligungsformen durch Kontinuität und Verbindlichkeit gekennzeichnet, Jugendgemeinderäte sind
also ein auf Dauer und Kontinuität angelegter Prozess. 1985 in Weingarten und 1987 in Filderstadt
gründeten sich die ersten Jugendgemeinderäte, denen weitere zunächst in Baden-Württemberg vor
allem in Großstädten im Südwesten Deutschlands eingeführt, später in ganz Deutschland, folgten.
1993 wurde schließlich der Dachverband der „Jugendgemeinderäte in Baden-Württemberg“
gegründet, der sowohl als Hilfe für Städte in Baden-Württemberg zur Neugründung von
Jugendgemeinderäten agiert, als auch die Erfahrungsberichte der Jugendgemeinderäte in
verschiedenen Städten sammelt und auswertet und so einen Erfahrungsaustausch ermöglicht. Seit
der Gründung des Dachverbandes ist ein rapider Anstieg der Jugendgemeinderäte in BadenWürttemberg zu verzeichnen. Im Jahr 2005 existierten dennoch nur in 89 von 1110 Kommunen
Baden-Württembergs Jugendgemeinderäte. 117
114
vgl. http://www.jgrw.de/ (31.12.11)
115
vgl. Herrmann, Michael C. (1998): Zu Organisation und Bewährung von Jugendparlamenten, Difo-Druck
GmbH, Bamberg, S.21
116
Gemeindeordnung für Baden-Württemberg
(GemO) (2006), S.25f, im Internet: http://www.kommunalwahl-bw.de/fileadmin/kommunalwahlbw/pdf/GemO-BW.pdf (am 31.12.11)
117
vgl. http://www.jgrw.de/ (31.12.11)
Entwicklung der Anzahl der Jugedgemeinderäte in Baden-Würrtenberg 1985-2007 118
Jugedgemeinderäte in Baden-Würrtenberg im Jahr 2010 119
118
vgl. Müller, Sebastian (2011): Jugendgemeinderäte in Baden-Würrtenberg und Finnland, S.11
http://www.lpb-bw.de/fileadmin/Abteilung_III/jugend/pdf/literatur/zulassungsarbeit_mueller.pdf
119
vgl. Müller, Sebastian (2011): Jugendgemeinderäte in Baden-Würrtenberg und Finnland, S.11
http://www.lpb-bw.de/fileadmin/Abteilung_III/jugend/pdf/literatur/zulassungsarbeit_mueller.pdf , S.47
Quelle:
Dachverband der Jugendgemeinderäte:
http://www.jugendgemeinderat.de/dokumente/tabelle/jgrkarte.pdf (April 2010)
Aufbau des Jugendgemeinderates
Der Jugendgemeinderat sollte als demokratisch legitimiertes, überparteiliches Gremium
Jugendlichen eine Stimme in der Politik verleihen. Auf kommunaler Ebene sollten die Interessen der
Jugend in der Stadt oder Gemeinde gegenüber, den Erwachsenen, also (Ober-)Bürgermeister,
Gemeinderat und Stadtverwaltung, vertreten werden.120
Die Wahlen des Jugendgemeinderates
Das passive und aktive Wahlrecht und das Ablaufen des Wahlvorganges sind an die Wahlen des
Gemeinderates angelehnt, jedoch von Stadt zu Stadt unterschiedlich. Meist aber haben Jugendliche
zwischen 12 und 21 Jahren (zum Teil jedoch auch nur zwischen 13 und 18 Jahren) das Wahlrecht, die
ihren Wohnsitz in der entsprechenden Gemeinde haben (also auch zugezogene bzw. ausländische
Jugendliche). In etwa der Hälfte der Fälle laufen die Wahlen über die Schulen einer Stadt ab, die
andere Hälfte sind freie Wahlen. Die baden-württembergischen Jugendräte haben meist zwischen 7
und 25 (in Stuttgart sogar 87) Mitglieder. Den Vorsitz über die Versammlung führt meist ein Mitglied
des JGR oder (in ca. 60% der JGR121) der (Ober-)Bürgermeister.122
Arbeitsweise des JGR
Der Jugendgemeinderat beschäftigt sich mit kommunalen Fragen, seine Politikprozesse und
Arbeitsweisen sind an denen des Gemeinderates orientiert. 123 Die öffentlichen Sitzungen des Rates
sind 4-20mal im Jahr (je nach Gemeinde).124 Hinzu kommen nichtöffentliche Sitzungen des JGR zur
Vorbereitung. Meist gibt es innerhalb des JGR auch noch Treffen von verschiedenen Arbeitskreisen,
die sich zum Besprechen verschiedener Themen zusammensetzen. 125
Die Projekte des Jugendgemeinderats laufen meist im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit, als
Veranstaltungen und sonstige Projekte ab. Typische Themen sind zum Beispiel Gestaltung und
Einrichtung von Spiel- und Sportplätzen um die eigene Stadt für Jugendliche attraktiver zu machen.
Weit verbreitete Anliegen sind beispielsweise „Rad- und Verkehrswegeplanung, die Umgestaltung
von Schulhöfen, Skateanlagen, der Öffentliche Personen Nahverkehr(…), die Gestaltung und
Erhaltung von Jugendhäusern, politische und unpolitische Veranstaltungen, Umweltaktionen,
120
vgl. Dachverband der Jugendgemeinderäte in BW : http://www.jugendgemeinderat.de/about.php
(13.01.12)
121
vgl. Herrmann, Michael C. (1998): Zu Organisation und Bewährung von Jugendparlamenten, Difo-Druck
GmbH, Bamberg, S.31
122
vgl. http://www.jugendgemeinderat.de/about.php (31.12.11)
123
vgl. Chyle, Brigitte (1997): Leitfaden Partizipation – Viele Wege ein Ziel, Druckerei Riederer, Stuttgart
S. 20,21, Internet:
http://www.ljrbw.de/ljr/service/publikationen/pubilkationen_download/handbuecher/leitfaden_partizipation.
pdf
124
vgl. Herrmann, Michael C. (1998): Zu Organisation und Bewährung von Jugendparlamenten, Difo-Druck
GmbH, Bamberg, S.30
125
vgl. Dachverband der Jugendgemeinderäte in BW : http://www.jugendgemeinderat.de/about.php
(13.01.12)
Bandcontests und vieles mehr.“ 126
Wenn im Jugendgemeinderat Beschlüsse getroffen wurden, kann er im Normalfall nicht auf eigene
Faust handeln sondern muss sich an den Gemeinderat wenden. Dort wird der Beschluss erneut
diskutiert und letztendlich hat der Gemeinderat mit einer Abstimmung das letzte Wort.
Angenommene Beschlüsse des Jugendgemeinderates werden dann einerseits direkt vom
Bürgermeister ausgeführt, andererseits an die zuständigen Gremien weitergeleitet. 127
Insgesamt besitzt der Jugendgemeinderat einer Stadt im besten Fall Rede- und Antragsrecht im
Gemeinderat.
Dies drückt sich gesetzlich ebenfalls in § 41a angesprochen:
„(2) Durch die Geschäftsordnung kann die Beteiligung von Mitgliedern der Jugendvertretung an den
Sitzungen des Gemeinderats in Jugendangelegenheiten geregelt werden; insbesondere können ein
Vorschlagsrecht und ein Anhörungsrecht vorgesehen werden.“ 128
Zum Teil verfügt er über ein eigenes Jahresbudget für eigene Projekte zur freien Verfügung (bei ca.
80% der JGR ist dies der Fall129). Das Budget beträgt durchschnittlich 3500€ kann jedoch auch mehr
(höchstes Budget in Heilbronn: 15.900€) oder weniger betragen oder gar nicht vergeben werden.
Der Vorsitzende des JGR, ein anderes ausgewähltes Mitglied, oder im Idealfall mehrere Vertreter
können an den „echten“ Gemeindeversammlungen teilnehmen und haben je nach Gemeinderat
sogar ein Stimmrecht. Dies ist jedoch nicht gewährleistet.130 Im Jahr 2011 ist weder die Gründung des
Jugendgemeinderates, noch die reale Mitwirkung oder das Bereitstellen eines Etats in einer Stadt
selbstverständlich und somit auch nicht für jeden Jugendgemeinderat in gleichem Maße gültig. Es
bestehen also keine festgeschriebenen Rechte für die deutschen Jugendgemeinderäte. 131 Deshalb
variiert die Arbeitsweise von JGR zu JGR.
126
http://www.jugendgemeinderat.de/about.php (31.12.11)
127
vgl. Chyle, Brigitte (1997): Leitfaden Partizipation – Viele Wege ein Ziel, Druckerei Riederer, Stuttgart
S. 20,21, Internet:
http://www.ljrbw.de/ljr/service/publikationen/pubilkationen_download/handbuecher/leitfaden_partizipation.
pdf
128
Gemeindeordnung für Baden-Württemberg
(GemO) (2006), S.25f, im Internet: http://www.kommunalwahl-bw.de/fileadmin/kommunalwahlbw/pdf/GemO-BW.pdf (am 31.12.11)
129
vgl. Herrmann, Michael C. (1998): Zu Organisation und Bewährung von Jugendparlamenten, Difo-Druck
GmbH, Bamberg, S.31
130
131
vgl. http://www.jugendgemeinderat.de/about.php (31.12.11)
vgl. Chyle, Brigitte (1997): Leitfaden Partizipation – Viele Wege ein Ziel, Druckerei Riederer, Stuttgart
S. 20,21, Internet:
http://www.ljrbw.de/ljr/service/publikationen/pubilkationen_download/handbuecher/leitfaden_partizipation.
pdf
2.1.2. Beispiel Jugendgemeinderat Weingarten
Logo des Jugendgemeinderats Weingartens132
Der älteste Jugendgemeinderat Deutschlands in Weingarten hat zurzeit 42 Mitglieder zwischen 13
und 21 Jahren. Der JGR ist sowohl das „Sprachrohr“ der Jugendlichen der Stadt, als auch
Ansprechpartner des Gemeinderats in vielen Fragen.133
JGR Wahlen
Das Wahlsystem des JGR-Weingarten ist ein rollierendes Wahlsystem:
Für den Jugendgemeinderat Weingarten finden jedes Jahr Wahlen der 8-Klässler aller Schulen der
Stadt sowie St. Konrad statt. Durch eine an die Gemeinderatsordnung angelehnten demokratischen
Wahl sind nur die 8-Klässler aufgerufen, einen oder mehrere Abgeordnete (je nach Schüleranzahl der
Schule 1-3 Abgeordnete pro Schule) als Vertreter ihrer Schule zu wählen. Dieses rotierende
Wahlverfahren, welches nur in Weingarten und Heidenheim Anwendung findet, lässt also jedes Jahr
einen neuen Jahrgang die Vertreter wählen.134 Realschule und Gymnasium als große Schulen
entsenden jeweils drei, die Talschule, St. Konrad, KBZO und Wilhelm Hoffmann Schule nur jeweils
einen Delegierten. Einmal gewählt, bleibt der Vertreter nun 3 Jahre im JGR, danach dürfen sie selbst
entscheiden, ob sie ihre „Amtszeit“ um 3 Jahre verlängern wollen, oder ob sie ihren Platzt für die
nächste Wahl freigeben. Jedoch kann ein Delegierter insgesamt nur 6 Jahre im Amt bleiben, danach
muss er den Platz frei machen. 135
Arbeitsweise des JGR-Weingarten
Im Jahr gibt es mehrere öffentliche Sitzungen des JGR, zu denen die Öffentlichkeit Zugang hat. Es gibt
außerdem inoffizielle Sitzungen in denen die Jugendlichen sich auf diese öffentlichen Sitzungen
vorbereiten.
Außerdem sind die Mitglieder des JGR in verschiedene AGs aufgeteilt (AG Soziales, AG Grillfest, AG
132
http://www.google.com/imgres?q=jugendgemeinderat+weingarten&hl=en&client=safari&sa=X&rls=en&biw=1
016&bih=853&tbm=isch&prmd=imvns&tbnid=tbYCnsfLJIlVaM:&imgrefurl=http://www.jgrw.de/&docid=ycMIN7YXeXH0M&imgurl=http://www.jgrw.de/wp-content/uploads/2010/11/JGR-Logo-farbiggro%2525C3%25259F.jpg&w=1361&h=503&ei=N5wAT4_OE5DUsgaPlITWDw&zoom=1&iact=rc&dur=285&sig=
110595157062945507815&page=1&tbnh=73&tbnw=197&start=0&ndsp=18&ved=1t:429,r:3,s:0&tx=55&ty=41
(01.01.12)
133
vgl. Homepage Jugendgemeinderat Weingarten : http://www.jgrw.de/ (13.01.12)
134
vgl. Herrmann, Michael C. (1998): Zu Organisation und Bewährung von Jugendparlamenten, Difo-Druck
GmbH, Bamberg, S.27
135
vgl. Homepage Jugendgemeinderat Weingarten : http://www.jgrw.de/ (13.01.12)
Öffentlichkeitsarbeit, AG Frühstück im Schlossgraten, AG Ausflug, AG Sport, AG Spray-Contest
Graffiti, AG Weingarten sucht das Talent)136 welche sich zusätzlich treffen um die entsprechenden
Projekte zu planen.
Aktuelle Projekte (Frühling 2012) des JGR
Jährlich werden Projekte wie Sporttuniere, Partys, die Jugendfreizeitmesse137, oder ein
Weihnachtsmarktverkauf organisiert. Außerdem wird als spezielles Projekt zur
Generationenverständigung jedes Jahr eine Wanderung mit den Senioren vom “Haus am Mühlbach”
nach Nessenreben gemacht.
Im Jahr 2011 speziell, wurde ein Beachvolleyballturnier, eine Osteraktion und ein Frühstück im Park
organisiert. Im Jahr zuvor sogar eine gemeinsame Reise nach Straßburg, Wanderungen und eine
soziale Aktion im Krankenhaus.138
Ein Großprojekt des JGR Weingartens ist derzeit der Bau des Bike-Parks in Nessenreben.. Die
Umgestaltung der Unterführung am Charlottenplatz, ist daraufhin das nächste Projekt, das der
Jugendgemeinderat in Angriff nehmen will. 139
2.1.3. Vorteile und Nachteile des Modells Jugendgemeinderat
Vorteile des Modells
Durch das Partizipationsmodell JGR werden Jugendliche sehr direkt an die parlamentarische
Arbeitsweise herangeführt. Sie lernen, wie man in einem Parlament, also z.B. dem Gemeinderat,
arbeitet, was sie natürlich ideal auf die Zukunft und vermutlich auch einmal auf die Mitarbeit an
einem „echten“ Gemeinderat vorbereitet. Diese Vorbereitung kann natürlich auch im späteren
beruflichen Leben von großem Vorteil sein, wenn man beispielsweise einem Vereinsvorstand oder
auch Betriebsvorstand angehört, denn man kennt in diesem Fall dann ja bereits viele Dinge wie die
Arbeitsweise, die Wahlen oder auch die formelle Sprache, mit der man in solchen Vorständen zu tun
haben wird. Erfahrungen für das ganze Leben können im JGR gemacht werden und die Jugendlichen
können etwas „für die Zukunft lernen“ (siehe Kriterium Nummer 10).
Die Arbeit des JGR ist langfristig angelegt, das heißt, dass über mehrere Jahre hinweg die
Jugendlichen in die Partizipation eingebunden sind und so auch bei der Sache bleiben. Somit ist ein
langfristiges Mitwirken der Jugendlichen, die sich einmal dafür entschieden haben, damit ist durch
die Partizipation in diesem Modell auch ein dauerhaftes politisches Interesse recht wahrscheinlich.
Außerdem werden Jugendliche, die Mitglieder das JGR waren auch nach ihrer Zeit im Amt weiterhin
Interesse und Engagement in der Politik zeigen – viele treten zum Beispiel zu einer
136
vgl. http://www.jgrw.de/?page_id=27 (31.12.11)
137
vgl.http://www.jgrw.de/?page_id=21 (31.12.11)
138
vgl. http://www.jgrw.de/?page_id=212 (31.12.11)
139
vgl. http://www.jgrw.de/?page_id=212 (31.12.11)
Jugendorganisation einer Partei über um sich weiterhin zu engagieren. 140 Somit erfüllt der JGR in
dieser Hinsicht den Faktor, dass das Partizipationsmodell „eine langfristig angelegte Partizipation
ermöglichen“ sollte (siehe Kriterium Nummer 2). Das Ziel, dass das Interesse der Jugendlichen an
Politik geweckt wird und vermutlich das ganze Leben lang bleibt, könnte durch dieses
Partizipationsmodell in diesem Fall also erreicht werden.
Die Frage, ob die Jugendlichen bei diesem Partizipationsmodell nun Subjekte oder Objekte sind, also
ob sie nur „auf dem Abstellgleis“ stehen, nicht ernst genommen werden und von den Erwachsenen
kontrolliert oder „benutzt“ (zur genaueren Erklärung siehe „Nachteile des JGR“) werden, oder ob sie
wirklich beteiligt und von den Erwachsenen mit ihrer Arbeit wahrgenommen werden, kann in vielen
Fällen nur schwer beantwortet werden. In Weingarten beispielsweise gibt es für die Jugendlichen
jederzeit die Möglichkeit, ganz eigene Vorschläge auszuarbeiten und vorzutragen, welche dann auch
ernsthaft aufgenommen und begutachtete werden. Dort hat ein Vertreter im Gemeinderat sogar
wirklich die Möglichkeit an allen Themen der Kommune mitzuarbeiten, und über ihn kann also der
JGR „sehen“, welche Themen gerade von der Gemeinde bearbeitet werden um sich dann bei den
entsprechenden Themen einmischen zu können.141 Es ist also bei diesem Partizipationsmodell
möglich, dass wie in Weingarten, die „Jugendlichen […] frei und selbständig handeln“ können (siehe
Kriterium Nummer 4). Jedoch kann das Zutreffen dieses Kriteriums von JGR zu JGR unterschiedlich
sein.
Es gibt des Weiteren JGR, die auch für jüngere Jugendliche, also auch für welche, die noch keine
Teenager (also noch keine 13) sind offen stehen - nach unten hin sind viele JGR relativ offen
gestaltet. Perfekt wäre es natürlich, wenn jeder Jugendliche und auch alle Kinder jeden Alters, sobald
sie sich dazu bereit fühlen, das aktive Wahlrecht hätten, doch es ist schon ein guter Anfang, das
Wahlalter niedrig zu halten (12 oder sogar 10 Jahre) und so eine Mitwirkung vieler junger Menschen
zu ermöglichen. Es kann beim Beteiligungsmodell JGR also durchaus das Kriterium erfüllt sein, dass
auch das „Interesse [der] jungen Generation [für die Beteiligung] so früh wie möglich [erreicht wird]“
(siehe Kriterium Nummer 11). Allerdings hängt dies auch stark vom Wahlverfahren der Kommune ab,
wenn wie in Weingarten nur 8-Klässler wählen dürfen wäre dieses Kriterium wiederum nicht
erreicht, da dann ja nur eine einzige Altersgruppe in die Wahlen integriert werden würde.142
Außerdem ist nicht außer Acht zu lassen, dass die Jugendlichen des JGR ein Gemeinschaftsgefühl
entwickeln können und zu einer Gruppe zusammenwachsen. Dadurch, dass die Jugendlichen sich
häufig sehen, können sich also Beziehungen und sogar Freundschaften entwickeln, denn
gemeinsame Projekte schweißen zusammen. Da in vielen Gemeinden der JGR über die Schule
gewählt wird, können so natürlich auch Beziehungen zwischen Schülern aus verschiedenen Schulen
geknüpft werden, was ja bei den meisten Jugendlichen nicht so häufig vorkommt, weil man Freund
eben häufig durch die Schule kennenlernt. Das Entstehen von Bekanntschaften und Freundschaften
ist natürlich ein sehr positiver Nebeneffekt der Arbeit im JGR. 143
140
Interview Simon Bayer (26.04.12), Mitglied JGR Weingarten
141
Interview Simon Bayer (26.04.12), Mitglied JGR Weingarten
142
vgl. http://www.jugendgemeinderat.de/about.php (31.12.11)
143
Interview Simon Bayer (26.04.12), Mitglied JGR Weingarten
Nachteile des Modells
Die Kritik am Jugendgemeinderat wird jedoch immer lauter. In einigen Gemeinden wurden die JGR
sogar bereits wieder aufgelöst (z.B. Donaueschingen). Der Grund für diese Auflösungen sind
entweder zu wenige Kandidaten, die sich aufstellen lassen, zu geringe Wahlbeteiligungen an den
Wahlen, oder Konflikte zwischen Jugendlichen und den Erwachsenen, die bei der Arbeit zustande
kamen.
In Stuttgart beispielsweise, wurde der erste dieser Problemfälle, die zu geringe Wahlbeteiligung ab
1997 zum Problem, dort wurden nämlich für 3 der 5 Stadtbezirke nicht genügend Kandidaten
gefunden.144 Es werden im Großen und Ganzen zwar immer mehr JGR gegründet, aber die Zahl der
Kandidaten, welche sich für ein Amt aufstellen lassen, geht allgemein immer weiter zurück, sodass
die Wahlen kaum noch zustande kommen. Es gibt aus meiner Sicht natürlich vereinzelte Gemeinden
(siehe Weingarten oder „Vorteile des JGR“) in denen Kandidatenandrang sowie Wahlbeteiligung
hoch sind, doch dies lässt sich auf individuelle positive Aspekte in Bezug auf den JGR in dieser
Gemeinde erklären, wie beispielsweise gute Wahlwerbung oder entsprechender Ansporn durch gute
Projekte (z.B. ein großes Budget für den JGR) oder einfach nur sympathische Erwachsene, die im
Gemeinderat sitzen.
Auch Problemfall Nummer 2, eine sehr geringe Wahlbeteiligung, wird immer problematischer, denn
in vielen Gemeinden (meist bei freien Wahlen, welche nicht über die Schulen organisiert sind) sinkt
die Wahlbeteiligung der Jugendlichen immer weiter.145 Beispiele hierfür sind Gemeinden wie
Wiesbaden, dort gab es im Jahre 2009 eine sehr geringe Wahlbeteiligung von nur 11,9%146, ein
ähnliches Bild entstand im Jahre 2012 in der Stadt Worms: 10,4% Wahlbeteiligung147, in Eichwald
ebenfalls nur 17,2% im Jahr 2010148 und in der Stadt Erding sogar nur 9,2% (2010) 149.
Der letzte Problemfall, die Konflikte mit den Erwachsenen, wirft auch ein immer negativeres Licht auf
die Jugendgemeinderäte: Fast ein Drittel der Jugendgemeinderatsmitglieder sind der Meinung, dass
die Umsetzung der im Jugendgemeinderat verabschiedeten Beschlüsse nicht gut sei, was dann oft zu
Konflikten und Meinungsverschiedenheiten mit den Erwachsenen führt. Aufgrund von diesem dritten
Punkt könnte dann oft auch das Desinteresse am JGR folgen und somit die anderen beiden Punkte
(nur noch Wenige stellen sich zur Wahl auf und Wenige gehen wählen) könnten daraufhin folgen.
Aus dem dritten Punkt könnte sich also ein wahrer Kreislauf des Desinteresses entwickeln.
Donaueschingen ist das beste Beispiel für einen auf diese Weise gescheiterten JGR: Eine Projekt, dass
144
vgl. Herrmann, Michael C. (1998): Zu Organisation und Bewährung von Jugendparlamenten, Difo-Druck
GmbH, Bamberg, S.22
145
vgl. Herrmann, Michael C. (1998): Zu Organisation und Bewährung von Jugendparlamenten, Difo-Druck
GmbH, Bamberg, S.32
146
http://www.wiesbaden.de/rathaus/stadtpolitik/jugend-politik/jugendparlament.php (31.05.12)
147
http://www.wormser-zeitung.de/region/worms/meldungen/11941486.htm (31.05.12)
148
http://www.eichwalder-nachrichten.de/2012/03/14/kinder-und-jugendliche-waehlten-ihr-parlamenteichwalde/ (31.05.12)
149
http://www.sueddeutsche.de/muenchen/erding/erding-jugendparlament-gewaehlt-nachwuchs-fuer-denstadtrat-1.1013249 (31.05.12)
für die Jugendlichen sehr wichtig war, wurde zunächst vom Gemeinderat abgelehnt. Da sich die
Jugendlichen jedoch weiter dafür stark machten, dass die Erwachsenen dem Projekt doch noch eine
Chance geben mögen, kam es zum Konflikt mit den Erwachsenen. Zuletzt setzte sich der
Gemeinderat durch und das Projekt, welches den Jugendlichen so am Herzen gelegen hatte, wurde
vom Tisch gefegt. In der folgenden Wahlperiode folgen geringe Wahlbeteiligung und zu wenige
Kandidaten. Aufgrund dessen kam es letztendlich zur Auflösung des JGR in Donaueschingen. 150
Mein Hauptkriterium, dass „viele Jugendliche angesprochen werden“ (siehe Kriterium Nummer 1),
sehe ich aufgrund der zurückgehenden Zahlen – einerseits an Kandidaten, andererseits an Wählern –
nicht als erfüllt. Denn würde das Prinzip des JGR bei den Jugendlichen gut ankommen, würden diese
Zahlen steigen und nicht immer tiefer in den Keller klettern.
Ebenso muss in Frage gestellt werden, ob die Jugendlichen wirklich ernst genommen werden – und
dies ist und bleibt in vielen Gemeinden fraglich, da bisher keinerlei Rechte für den JGR wirklich
feststehen. Es wird davon ausgegangen, dass die „echten“ Politiker wenig Interesse an den
Wünschen und Meinungen der Jugend haben. 151 In jeder Gemeinde hat zu fast allen Themen der
Gemeinderat das letzte Wort, dadurch müssen die Jugendlichen auch Enttäuschungen hinnehmen
und bekommen so (je nach Gemeinde unterschiedlich) oft das Gefühl, eben doch nicht ernst
genommen zu werden. In Rheinlandpfalz beispielsweise ist es im Bezug auf diese Partizipationsform
beispielsweise nur üblich, die Beschlüsse der Jugendlichen an die entsprechenden Gremien
weiterzuleiten, sodass diese dann selbst entscheiden können, ob sie die Beschlüsse umsetzen oder
nicht.
Es könnte also wahrscheinlich vorkommen, dass die Jugendlichen nicht nur umsonst gearbeitet
haben, sonder noch nicht einmal eine Rückmeldung bekommen warum und wieso ihr Projekt
abgelehnt wurde. Es kann also leider nicht immer gesagt werden, dass „das Engagement
Jugendlicher belohnt wird“ (siehe Kriterium Nummer 7), die Situation und Position der Jugendlichen
in der Gemeinde variiert stark.152
Dieses Beispiel zeigt, dass es oftmals fraglich ist, ob die Arbeit der Jugendlichen immer
wahrgenommen wird. Das Gefühl des „nicht-ernst-genommen-werdens“ kann zu einem noch
tieferen Desinteresse an Politik führen, sodass man sich noch weiter von Politik distanziert und die
Motivation an der Beteiligung noch weiter verringert wird. Eine Spirale nach unten beginnt.
Dies würde natürlich dem Konzept einer guten Partizipation grundlegend widersprechen, da es ein
Grundbaustein der gelungenen Partizipation ist, dass die „Ergebnisse von Partizipation Jugendlicher
[…] Konsequenzen haben“ (siehe erneut Kriterium Nummer 7).
150
vgl. Chyle, Brigitte (1997): Leitfaden Partizipation – Viele Wege ein Ziel, Druckerei Riederer, Stuttgart
S. 22, Internet:
http://www.ljrbw.de/ljr/service/publikationen/pubilkationen_download/handbuecher/leitfaden_partizipation.
pdf
151
vgl. Chyle, Brigitte (1997): Leitfaden Partizipation – Viele Wege ein Ziel, Druckerei Riederer, Stuttgart
S. 22, Internet:
http://www.ljrbw.de/ljr/service/publikationen/pubilkationen_download/handbuecher/leitfaden_partizipation.
pdf
152
Dokumentation (2004): 20.Schüler-Landtag Rheinland-Pfalz 2004, Heft 27, Mainz, S.14
Außerdem werden die Jugendlichen zur Teilnahme für meist 2, oder auch 3 Jahre im JGR verpflichtet.
Dieser längerfristigen Bindung stehen sie eher kritisch gegenüber, denn die Mehrheit der
Jugendlichen ist gerne spontan und frei, was Verpflichtungen angeht. Jugendliche in der Pubertät
verändern sich sehr schnell, es ist also schwer zu beurteilen, ob ein Jugendlicher, der heute
begeistert an Politik ist, nach einer so langen Zeitspanne wie 2 bzw. sogar 3 Jahren immer noch voller
Begeisterung dabei ist. Dieses dauerhafte Interesse und Engagement ist zu bezweifeln, da
Jugendliche dieses Alters sich bekanntlich grundsätzlich ungern binden und lieber spontan und
kurzfristig handeln. Die einfache Erklärung für dieses „typisch jugendliche“ Verhalten ist der
Individualisierungsprozess, in dem jeder Jugendliche in dieser Lebensphase steckt, und durch den er
eben individuelle Handel will – um selbstbewusster zu werden und so zu einer eigenen Identität
finden zu können. Durch die jahrelange Bindung im JGR ist im dies nicht immer möglich.153
Die Tatsache, dass die Amtszeit im JGR entsprechend lang ist würde demnach erstens grundlegend
dem Vorsatz widersprechen, dass ein gutes Partizipationsmodell „Spontaneität und Spielraum der
Projekte“ (siehe Kriterium Nummer 3) beinhalten sollte. Und zweitens würde es dem ebenfalls
wichtigen Faktor, dass ein Partizipationsmodell immer ganz und gar „nach den Interessen
Jugendlicher gestaltet und verändert“ werden können sollte (siehe Kriterium Nummer 3), nicht
nachkommen.
Insgesamt sagt den Jugendlichen eine Partizipationsform, bei der ihre Beteiligung eine Art „Kopie (…)
von formaldemokratischen Beteiligungsformen Erwachsener“ eher nicht zu.154 Der Gemeinderat für
die Erwachsenen wird bei diesem Partizipationsmodell als Jugendgemeinderat auf die Jugendlichen
übertragen. Die meisten Jugendlichen in diesem Alter möchten jedoch lieber von Erwachsenen und
den Eltern unabhängig sein. Das Gleiche zu machen wie die Eltern ist allgemein „uncool“, denn man
will sich ja von ihnen loslösen und abgrenzen.155. Außerdem ist zu bezweifeln, dass Jugendliche des
Alters, auf welche der JGR abzielt, wirklich schon in dieser Lebensphase die Reife besitzen, um genau
wie die Erwachsenen zu arbeiten und genau wie die Erwachsenen politisch zu artikulieren.
Es ist also zu bezweifeln ob dieses Partizipationsmodell wirklich in „jedem Fall zeit- und altersgemäß“
ist (siehe Kriterium Nummer 6), da man sich einerseits die Frage stellen muss „Können 12-jährige
(meist passives Wahlrecht ab 12) schon in dieser parlamentarischen Form arbeiten?“ und
andererseits „Ist es für die Teenager zeitgemäß in dieser Form zu arbeiten?“.
Der Verdacht beim Beteiligungsmodell des JGR liegt außerdem nahe, dass in vielen Gemeinden
Erwachsene (also der (Ober-)Bürgermeister/Gemeinderat) darauf hoffen könnten, durch den
Jugendgemeinderat die Jugend „unter Kontrolle“ zu bringen, denn alle Projekte des JGR sind im unter
Aufsicht des Gemeinderats, da dieser sie genehmigen muss. In sehr vielen Gemeinden ist s auch der
Fall, dass der Gemeinderat oder der (Ober-)Bürgermeister selbst beschließt, an welchen Projekten
die Jugendlichen beteiligt werden. Eine weitere Frage zu diesem Kritikpunkt ist auch, wer die
Tagesordnung des JGR entwirft. Denn zum Teil wird auch diese eben von Erwachsenen entworfen, so
153
vgl. Fedke, Christoph (1996): Jugend als politische Herausforderung, Schulz-Kirchner-Verlag, Idstein,
S.75,76,77
154
155
Riegler, Anna – Kommunale Beratungsstelle für Kinder und Jugendinitiativen in Graz
vgl. Fend, Helmut (1998): Eltern und Freunde – Soziale Entwicklung im Jugendalter, Verlag Hans Huber,
Kempten, S.10ff
sind es in diesen Fällen eben wieder Erwachsene, die den Jugendlichen also mehr oder weniger
vorschreiben, über was sie zu diskutieren haben. Wenn im schlimmsten Fall dem JGR nur Themen
vom Gemeinderat vorgesetzt werden, die er bearbeiten soll, und die Jugendlichen auch noch ständig
kontrolliert werden, sind diese nur der verlängerte Arm der Erwachsenen. Wenn jedoch die
Jugendlichen auch spontan neue Ideen einbringen können, die vom Gemeinderat ernst genommen
werden, dann entfällt dieser Kritikpunkt. Da es eben für JGR weder Rechte noch Pflichten gibt, ist
dieser ganz entscheidende Punkt von Kommune zu Kommune verschieden geregelt.
Diese Unsicherheit, ob die Jugendlichen nun als Mittel zum Zweck eingespannt werden oder ob man
sie wirklich beteiligen will – dies ist nach wie vor schwer zu entscheiden. Es kann also in vielen Fällen
nicht gewährleistet werden, dass es wirklich den JGR „für die Jugend“ gibt und dass nicht „aus
Interessensgründen Anderer“ die Partizipation in der Gemeinde verwirklicht wird (siehe Kriterium
Nummer 4). Ebenso wenig ist überprüfbar und gewährleistet, dass „der Einfluss der Erwachsenen so
gering wie möglich bleibt“ (siehe Kriterium Nummer 8).
Ein damit zusammenhängender Kritikpunkt ist, dass bestimmte Parteien, bekannter Weise meist die
„traditionellen Parteien“ wie CDU/CSU oder deren Jugendorganisation (z.B. Junge Union), sich oft für
die Gründung eines JGR einsetzten. In einigen Gemeinden sind bzw. waren sie also der Drahtzieher
zum Aufbau eines JGR.156 Das Motiv jener Parteien hierfür kann vermutlich nicht nur der Wunsch
nach einer allgemeinen Politikbeteiligung Jugendlicher sein – ich wage die Hypothese aufzustellen,
dass in einer solchen Partei, die sich ja offiziell als konservativ und traditionell gibt vermutlich
hauptsächlich Personen der Hauptgruppe „Traditionelle Werte“ Mitglieder sein würden. Eine weitere
Hypothese (welche ansatzweise in dem Punkt „Fazit – Bezug auf die Milieus belegt ist) ist nun, dass
das Partizipationsmodell JGR auch am meisten diese Milieugruppe der Jugendlichen anspricht. Wenn
also beide aufgestellten Hypothesen zutreffen würden, dann wären sowohl die Mitglieder der
traditionellen Partei aus der Milieugruppe „Traditionelle Werte“ als auch die eine große Zahl der JGRMitglieder (da nur diese sich zur Wahl aufstellen lassen würden (siehe „JGR – In Bezug auf die
Milieus“) und in den JGR gewählt werden würden). Wenn nun also eine so große Zahl „traditioneller
Jugendlicher“ die Jugendlichen einer Stadt repräsentieren, wäre dies ein klarer Bonuspunkt für die
jeweilige traditionelle Partei: Einerseits würden die Jugendlichen im JGR, da sie ähnliche Werte und
Ansichten wie die Partei haben, auch nur Projekte und Veranstaltungen planen, die mit den
„traditionellen Werten“ übereinstimmen, es gibt also keine Konflikte zwischen Jugendlichen und der
traditionellen Partei selbst. Durch offene Partizipationsformen, würde es weit mehr Konflikte mit der
traditionellen Partei geben, da hier auch „nicht-traditionelle“ Vorschläge von Jugendlichen anderer
Milieus gemacht werden würden. Andererseits wäre es außerdem auch sehr wahrscheinlich, dass die
Jugendlichen aus dem JGR, da bei ihrer Arbeit in jenem das Interesse für Politik geweckt werden
könnte, später in eine Partei eintreten – und aufgrund ihrer Werte kann man davon ausgehen, dass
genau die traditionelle Partei hier Zuwachs bekommen würde. Die traditionelle Partei würde also
mehrere Fliegen mit einer Klappeschlagen, sie bekäme erstens keine Probleme mit Jugendlichen der
Stadt, da sie mit dem Argument „Wir haben doch einen Jugendgemeinderat, der die Jugend vertritt,
und das genügt!“ keine andere Partizipation mehr billigen müsste. Zweitens könnte sich die Partei
auch noch rühmen, etwas für die Jugendarbeit in der Gemeinde zu tun und Jugendlichen
Möglichkeiten zur Beteiligung zu geben. Drittens würden Jugendliche „für sie“ gute „traditionelle“
156
vgl. Herrmann, Michael C. (1998): Zu Organisation und Bewährung von Jugendparlamenten, Difo-Druck
GmbH, Bamberg, S.22,23
Projekte (die Ansichten und Projektvorstellungen von traditionell orientierten Jugendlichen und
Erwachsenen sind ja wahrscheinlich ähnlich) planen - jene Projekte hätten sonst vermutlich auch die
Erwachsenen planen müssen. So würde ein Projekt ganz im Sinne der traditionellen Partei geschaffen
werden, das dem Ansehen der ganzen Gemeinde zugutekommen würde. Und Viertens könnte die
traditionelle Partei sogar noch Zuwachs von Parteimitgliedern bekommen. Also könnte der JGR eine
entsprechen lohnende Sache für eine solche Partei sein, insofern meine Hypothesen zutreffen. Mit
dem Wunsch nach einer „Besseren Einstellung der Jugendlichen zur Politik“ hätte der JGR in diesem
Extremfall dann leider kaum mehr etwas zu tun.
Wenn die Wahlen nicht über die Schulen sondern als freie Wahlen abgehalten werden liegt nahe,
dass sich sehr wahrscheinlich nur die Jugendlichen der oberen Bildungsschichten (Gymnasium und
Realschule) an der Wahl beteiligen. Die Jugendlichen, welche Haupt und Sonderschule besuchten,
werden die Möglichkeit höchst wahrscheinlich nicht wahrnehmen. Denn diese Jugendlichen fühlen
sich der Politik absolut nicht verbunden, für sie ist es „uncool“ an irgendeiner politischen Aktion
teilzunehmen. An solchen freien Wahlen, wie sie in vielen Orten abgehalten werden, beteiligt sich
also nur ein Bruchteil der Jugendlichen, und viele Meinungen werden gar nicht vertreten. Ein im
freien Wahlverfahren gewählter JGR ist also streng genommen kein repräsentativer. 157
Bei den Schulwahlen hingegen können gar keine Vertreter gewählt werden, welche nicht zur Schule
gehen, d.h. ehemalige Haupt- (ab 15 Jahren) und Realschüler (ab 16 Jahren) mit Ausbildungsplatz
oder Arbeitsstelle fallen schon nach der 9. bzw. 10. Klasse aus dem Wahlsystem und insgesamt
können über 18 jährige im Normalfall (durch das 8-jährige Abitur) gar nicht mehr wählen und
gewählt werden. 158 In Weingarten beispielsweise kann jeder Schüler nur einmal in seinem ganzen
Jugendleben der JGR mitwählen (aktiv), da nur die 8ten Klassen der Schulen wählen dürfen. Alle
anderen Altersgruppen haben auf die aktive Wahl so keinen Einfluss, ältere Schüler können sich
lediglich durch die aktive Wahl am System beteiligen – genaugenommen werden also mit dem
Projekt alle Achtklässler, da sie wahlberechtigt sind, und alle politisch sehr interessierten und sehr
engagementbereiten älteren Schüler angesprochen (die sich wählen lassen können). Diese Gruppen
machen vermutlich jedoch nur einen Bruchteil der gesamten Weingartener Jugend aus und somit
wäre. Außerdem wäre wiederum in keiner Weise die gesamte „Altersspanne“ an Jugendlichen
angesprochen (siehe Kriterium Nummer 1).
In meinen Augen kann man solche Wahlen drehen und wenden – die Suche nach einem wirklich
repräsentativen JGR ist vergeblich.
Des Weiteren ist beim Betrachten dieses Aspekts zu bemerken, dass sich zwar die wenigen
Jugendlichen des JGR das gesamte Jahr mit den politischen Themen beschäftigen, alle anderen
Jugendlichen jedoch weder Motivation noch Möglichkeit hierzu haben, da sie wiederum keine
Chance auf Gehör bei den Erwachsenen haben. Dadurch werden vielleicht wenige Jugendliche (die
im JGR sitzen) politisch motiviert (die sogar meistens im Vorfeld schon politikinteressiert sind), doch
es ist zu vermuten, dass die breite Basis der Jugendlichen eben die Person wählt, die man am besten
kennt und sich daraufhin nicht weiter um die politischen Themen kümmert. Die komplett
157
vgl. Schneekloth, Ulrich (2010): Jugend 2010 – Eine pragmatische Generation behauptet sich, Shell
Deutschland Holding, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, S.130
158
vgl. Homepage Jugendgemeinderat Weingarten : http://www.jgrw.de/ (13.01.12)
uninteressierten Jugendlichen werden nicht erreicht. Selbst wenn man davon ausgeht, dass sich die
8-Klässler, was ja doch einige Jugendliche sind, im Vorfeld der Wahl wirklich informieren und sich
interessiert zeigen – man kann vermutlich nicht davon ausgehen, dass sie nach der Wahl, nach der
sie „das Ruder aus der Hand gegeben haben“ und nie wieder ein Stimmrecht haben werden, immer
noch in gleichem Maße motiviert sind.
Wirklich als Motivation zum politischen Engagement wirken die Wahlen im Endeffekt also eher nicht.
Somit ist mein Hauptkritikpunkt, dass die Jugendgemeinderäte letztendlich nur einen kleinen Teil der
Jugendlichen erreichen, meist sogar den Teil, der bereits engagiert und politikinteressiert ist und sich
z.B. auch in einer Partei engagiert.159
Somit ist beim Modell des JGR im Gesamten also wahrscheinlich nicht gewährleistet, dass das Modell
„möglichst die breite Basis aller Jugendlichen“ anspricht (siehe Kriterium Nummer 5). Denn ich wage
die These, dass politisch generell uninteressierte Jugendliche sich eher nicht beteiligen würden, und
dass deshalb nicht wirklich eine repräsentative Meinung der Jugend im JGR repräsentiert werden
könnte.
2.1.4. Einschätzung des Partizipationsmodells Jugendgemeinderat
Fazit – Welche Milieus werden vom Partizipationsmodell JGR angesprochen?
Die Jugendlichen, die sich mit dem Partizipationsmodell JGR wohl fühlen, und die sich mit diesem
Modell auch aktiv beteiligen würden, müssten folgende Eigenschaften besitzen:
Einerseits müssen sie natürlich Interesse an kommunaler Politik haben und auch an der eigenen
Gemeinde. Sie sollten sich mit ihrer Gemeinde identifizieren können und sich ihr zugehörig fühlen.
Nur so können sie an den Projekten mitarbeiten und mitdiskutieren, wer keine Lust hat, etwas für die
Gemeinde zu tun, ist im JGR falsch. Viel Engagement für eine Gemeinde zu bringen, in der man sich
nicht zuhause fühlt, ist nämlich eher unwahrscheinlich.
Die grundlegenden Voraussetzungen, nämlich der Wille etwas zu bewegen, und Interesse am
Gemeinwohl und am Wohl der Jugendlichen zu haben vermischt mit ein bisschen politischen
Interesse – das sind die idealen Voraussetzungen für ein JGR-Mitglied. Die JGR-Mitglieder sollten
Verantwortung für andere übernehmen können, schließlich vertreten sie die komplette Jugend der
Stadt und müssen sich dieser Verantwortung auch bewusst sein. Teamfähigkeit ist eine weitere
wichtige Eigenschaft, die jedes JGR-Mitglied unbedingt besitzen sollte, da ja viele Projekte und auch
die allgemeinen Sitzungen in Gruppen abgehalten werden, und man somit immer mit anderen
zusammenarbeiten muss. Kooperation und Kompromisse schließen sind das a und o bei den Arbeiten
des JGR.
159
vgl. Chyle, Brigitte (1997): Leitfaden Partizipation – Viele Wege ein Ziel, Druckerei Riederer, Stuttgart
S. 22, Internet:
http://www.ljrbw.de/ljr/service/publikationen/pubilkationen_download/handbuecher/leitfaden_partizipation.
pdf
Um von den Erwachsenen angenommen und akzeptiert zu werden sollten sie außerdem
redegewandt sein und sich sowohl mündlich als auch schriftlich gut und formell ausdrücken können.
Da der JGR außerdem auch einen erheblichen Zeitaufwand erfordert, sollte der Jugendliche auch
bereit sein einen Teil seiner Freizeit für dieses Projekt zu opfern.
Eine der wichtigsten Eigenschaften ist des Weiteren die Bereitschaft sich mit Erwachsenen
auseinander zu setzen und ihnen nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber zu stehen. Der
Jugendliche sollte also kooperativ und kompromissfähig den Erwachsenen gegenüber sein., und zwar
einerseits selbstbewusst seine Meinung vertreten können – und sie gegenüber Erwachsenen
verteidigen können, und andererseits aber auch mal einen Kompromiss oder auch eine Niederlage
hinnehmen können.
Zuletzt sollte er noch die lange Bindung (bis zu 3 Jahre) an den JGR akzeptieren und sich darüber im
Klaren sein, was diese Bindung für ihn und seinen Alltag bedeutet z.B. wie bereits genannt
Freizeiteinschränkung.
Auf welche Milieus treffen diese Eigenschaften nun zu?
Meiner Meinung nach gibt es nur zwei Milieus, welchen diese Form von Politikbeteiligung
offensichtlich zusagt:
Für traditionelle Jugendliche wäre das Modell eine Möglichkeit sich in das Politiksystem zu
integrieren. Aus meiner eigenen Erfahrung mit dieser Gruppe von Jugendlichen kann ich sagen, dass
diese Jugendlichen sich gerne binden und sich dabei wohl fühlen, da sie eine Sache, die sie einmal
begonnen haben, auch „richtig“ zu Ende bringen wollen. Sie sind die einzige Gruppe die definitiv ein
gutes Verhältnis zu Erwachsenen (auch zu den eigenen Eltern) hat und sich nicht demonstrativ von
ihnen abgrenzen will. Sie haben den nötigen Respekt vor den Erwachsenen um mit ihnen zu
diskutieren und sich von ihnen auch Vorschläge machen zu lassen. Ihr Politikinteresse ist zwar nicht
überdimensional, aber sie fühlen sich gerne in einer Gemeinschaft geborgen und kümmern sich um
Andere. Die „Führungsposition“ in einem JGR als Mitglied, das anderen Jugendlichen somit überlegen
ist, steht ihnen sehr gut, denn sie sind stolz auf ihre Leistungen und fühlen sich oftmals auch Anderen
überlegen. Sie sind ebenfalls leistungsorientiert und wollen von allen akzeptiert und anerkannt
werden. Nach der Sinus-Studie würde also für diesen Typ bzw. dieses Milieu der JGR ein passendes
Modell sein.
Des Weiteren könnten auch bürgerliche Jugendliche sich an diesem Partizipationsmodell beteiligen,
da teilweise auch sie die entsprechenden Eigenschaften besitzen. Diese Jugendlichen lassen sich
stark von Anderen beeinflussen, was positive als auch negative Auswirkungen auf deren
Politikinteresse haben kann. Auch sie wollen ihre Ziele verfolgen und im Leben etwas erreichen – die
Lösung hierzu sehen sie oft im Engagement im direkten Umfeld. Die Möglichkeit zum Engagement im
direkten Umfeld kann der JGR ihnen bieten. Die Frage ist zwar, ob sie den JGR als Lösung sehen um
etwas zu erreichen, es ist jedoch denkbar, dass sie dies so sehen. Gegenüber Erwachsenen bleiben
sie zwar in einigen Fällen lieber auf Distanz (man will ja nicht „uncool“ vor den Freunden sein), aber
sie lehnen die Zusammenarbeit mit ihnen nicht ab, und können auch Spaß an der Zusammenarbeit
haben. Da diese Jugendlichen immer modern und angepasst sein wollen, kommt es vor allem auf
deren Clique, und die Einstellung der Clique gegenüber politischen Projekten an. Auch für diesen
Milieutyp könnte laut Sinus-Studie der JGR eine funktionierende Partizipationsform sein.
Alle weiteren Milieugruppen sagt diese Partizipationsform eher nicht zu, die dauerhafte
Verpflichtung ist für alle anderen Milieus ein Problem, genauso wie die dauernde Zusammenarbeit
mit den Erwachsenen, denn die Mehrheit der Jugendlichen will auf eigenen Beinen stehen.
Die absolut uninteressierten Konsum-Materialisten sind wohl für keine Partizipationsform zu
begeistern, da sie absolut uninteressiert und unengagiert sind. Man kann davon ausgehen, dass diese
Gruppe allgemein kein Interesse an Engagement hat und somit auch mit dem JGR nichts am Hut
haben will. Gerade ehrenamtliches Engagement wird absolut nicht als eigenen Pflicht – und dann
auch noch eine Pflicht für mehrere Jahre – wahrgenommen. Die Milieu-Studie zeigt zu diesem
Milieutyp also, dass die Methode des JGR wahrscheinlich nicht die richtige zur Beteiligung wäre.
Die Postmateriellen Jugendlichen, sind eher misstrauisch, denn es bleibt sehr fraglich, ob sie ihre
eigenen kreativen Ideen im JGR verwirklichen können, denn oft grenzen sie sich eben mit eigenem
Lebensstil und daraus folgenden eigenen Ideen von Anderen ab. Sie haben eine Hochachtung vor
Personen, die sich ehrenamtlich engagieren, und auch sie selbst tuen dies häufig z.B. in Form von
sozialem Engagement. Sie streben nach Abwechslung und Selbstverwirklichung im Leben, welche
leider im Jugendgemeinderat weder garantiert sind, noch gefördert werden. Postmaterielle sind zwar
in jedem Fall politisch interessiert, aber umso höher stellen sie ihre Ansprüche an eine PartizipationsOrganisation, um sich wirklich einzubringen. Um sich langfristig zu binden, müssten sie demnach zu
100% von einer Partizipationsinstitution überzeugt sein. Fraglich ist dies natürlich vor allem wenn
man sieht, dass es gut sein kann, dass die Abwechslung und die eigene Selbstverwirklichung, welche
diesen Jugendlichen sehr am Herzen liegen, im JGR eher weniger zur Geltung kommen.
Also scheint laut Studie so, dass auch dieses Milieu sich eher weniger an dem Modell JGR zu
beteiligen würde.
Hedonisten, welche allgemein wenig gemeinsame Ansichten mit Erwachsenen und noch weniger mit
traditionellen Einstellungen haben, sind grundsätzlich schwer für gemeinnützige oder ehrenamtliche
Arbeit zu begeistern, wenn Erfolg und Spaß nicht garantiert sind. Der Spaß am JGR hält sich in deren
Augen sicher stark in Grenzen, denn die Hedonisten lassen sich ihr „Partyleben“ grundsätzlich ungern
durch irgendwelche dauerhaften Verpflichtungen einschränken, und des Weiteren ist die so geliebte
lockere und witzige Atmosphäre ist außerdem im JGR eher selten gewährleistet.
Der zweite Faktor nach dem sich Hedonisten in Sachen Engagement richten, ist der Erfolg eines
Projektes. Wie viel Erfolg die Arbeit eines JGR hat kann wiederum nicht genau definiert werden, da er
von Kommune zu Kommune variiert. Es ist jedoch anzunehmen, dass ihnen die Umsetzung von
Projekten und der damit verbundene Erfolg zu lange dauern. Grundsätzlich würden sie außerdem
wahrscheinlich nie Projekte mitmachen, die „uncool“ sind, und z.B. Seniorentreffen zu organisieren
ist eben definitiv keine Party In Bezug auf die Sinus-Studie ist demnach festzuhalten, dass die
Jugendlichen dieses Milieus von der Partizipationsform JGR wohl eher weniger angesprochen
werden.
Ein Performer-Jugendlicher hält sich grundsätzlich gerne alle Wege offen und wird so ein einziges
ganz entscheidendes Problem mit den JGR haben: wie alle anderen Jugendlichen, nur noch viel
extremer ausgeprägt, würde er der ein bis dreijährigen Bindung absolut negativ gegenüberstehen,
denn ein Performer ist zwar begeisterungsfähig aber das eben nicht dauerhaft. Ihm sagen Projekte
zu, die spontan und interessant sind, und auf Dauer Flexibilität ohne feste Bindungen zeigt.
Beispielsweise das Organisieren von Turnieren oder ähnlichen einmaligen Events, oder Aktivitäten,
bei denen sie problemlos aussteigen können, wenn sie keine Lust mehr haben. Zusammengefasst
würde sich dieses Jugend-Milieu also, auf Grundlage der Milieu-Studie, auch eher nicht am JGR
beteiligen.
Experimentalisten würden vermutlich gar nicht erst in den Rat gewählt werden, da es ihnen an
Freunden und Popularität und somit schlicht und ergreifend an Wählern fehlen würde, weil sie eben
in gewisser Weise Einzelgänger sind. Aber auch als aktive Wähler würden sie sich nicht repräsentiert
fühlen, da sie nun einmal oft andere Ansichten als die breite Masse haben, welche sie bei diesem
Partizipationsmodell jedoch nicht einbringen könnten. Soziales oder gemeinnütziges Engagement
sagt ihnen daher allgemein nicht zu, da es hierbei ja größtenteils um Andere gehen würde. Ihnen
würde eher Aktivitäten wie die Teilnahme oder Organisation eines Talent-Wettbewerb oder etwas
Vergleichbarem zusagen, weil sie sich hier frei entfalten könnten. Auch ihre grundsätzliche
ablehnende Ansicht gegenüber bestehenden Hierarchien, lassen die JGR für sie nicht in ein besseres
Licht rücken. Somit werden die Jugendlichen dieses Milieus, laut Milieu-Studie, ebenfalls eher
weniger von diesem Partizipationsmodell angesprochen.
Insgesamt komme ich nun also zu dem Schluss, dass traditionelle und vielleicht auch bürgerliche
Jugendliche angesprochen werden könnten, die anderen Milieugruppen jedoch höchst
wahrscheinlich kein großes Interesse zeigen werden. Nur 4% der Jugendlichen gehören der Gruppe
„traditionelle Jugendliche“ an, weitere 14% gehören zu den „bürgerlichen Jugendlichen“, die anderen
Jugendlichen (Performer 25%, Hedonisten 26%, , Postmaterielle 6%, Konsum-Materialisten 11% und
Experimentalisten 14%), also 82% der Jugendlichen, würden sich hingegen wahrscheinlich eher
weniger für diese Partizipationsform begeistern lassen. Alles in allem könnte man also
zusammengerechnet vermutlich nur 18% der Jugendlichen, nämlich Traditionelle und Bürgerliche, für
das Mitwirken am JGR begeistern. 160
Allgemeines Fazit zum Jugendgemeinderat
Durch meine Nachforschungen komme ich zu dem Schluss, dass der JGR eher weniger ein geeignetes
Partizipationsmodell für Jugendliche darstellt.
Das erste scheinbar unlösbare Problem ist, dass man in den wenigsten Fällen den JGR wirklich als
repräsentativ für die ganze Jugend einer Stadt nennen kann. Auch in Bezug auf die Milieus zeigt sich
sehr deutlich, dass eine Beteiligung nur sehr geringfügig ausfallen kann, und auch nur sehr einseitig
traditionelle Jugendliche anspricht.
Natürlich könnte man durch einige Änderungen einige der Probleme beseitigen. Man könnte z.B. an
den Schulen die Wahlen des JGR nicht nur einer Stufe überlassen, sondern sich die Zeit nehmen und
alle Schüler ab der achten Klasse wählen lassen und eventuell sogar eine Diskussion in der Schule vor
der Wahl veranstalten. Das würde einigen Problemen entgegenwirken.
160
vgl. Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen, S.6
Ebenfalls unumgänglich für einen repräsentativen JGR wäre es, den Versuch zu wagen, Jugendliche
aus anderen Milieus zu motivieren eine Kandidatur zu wagen, z.B. bei öffentlichen Veranstaltungen,
wie Festen oder in Diskotheken, Werbung zu machen und eventuell sogar dort Kandidaten zu
suchen, da dort eben jene Milieus vertreten sind, welche angesprochen werden sollten.
Außerdem sollte die Amtszeit im JGR definitiv auf 1 Jahr(oder weniger) beschränkt sein, denn es
können im Leben der Jugendlichen immer mal schnell andere Dinge schlagartig wichtig werden
(Beispiel: ein Schüler steht in Gefahr die Versetzung nicht zu schaffen), und die Jugendlichen sollten
sich nicht 3 Jahre gebunden und verpflichtet fühlen sondern spätestens nach einem Jahr die
Möglichkeit zum Ausstieg haben, ohne dass sie dadurch Ärger durch vorzeitigen Ausstieg mit den
Anderen oder dem BM bekommen.
Ein weiteres Problem kommt bei der Partizipationsform des JGR durch die dauerhaft „Überwachung“
durch die Erwachsenen zustande. Es kann in den meisten Kommunen leider nicht ausgeschlossen
werden, dass die Jugendlichen in ihrem Rat nicht von den Erwachsenen bevormundet bzw.
kontrolliert werden (z.B. durch das Aufstellen der Tagesordnung). Ein Lösungsansatz hierfür wäre, ein
(älteres) Mitglied des JGR den Vorsitz über die Sitzungen führen zu lassen – nicht der Bürgermeister,
weil dieser einerseits die Stimmung der Jugendlichen und andererseits auch auf die Themen einen
entscheidenden Einfluss haben könnte.
Letztendlich kann jedoch nicht beeinflusst werden, wie die Erwachsenen im Gemeinderat mit den
Jugendlichen umgehen und ob Jugendliche mit ihrer Arbeit akzeptiert und ernst genommen werden.
Somit ist und bleibt der JGR eine sehr schwierige Form der Partizipation, die nur schwer allgemein
beurteilt werden kann, da sie von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich praktiziert wird und
dadurch auch unterschiedlich erfolgreich ist. Weingarten hat, wie Simon Bayer161 sagt, sein
Partizipationsmodell gefunden, doch Weingarten kann hier nicht mit anderen Gemeinden verglichen
werden, vor allem weil in Weingarten der JGR Tradition hat, und diese Tradition ihm einen größeren
Einfluss auf den Gemeinderat gibt, als ein neu gegründeter JGR in einer Gemeinde, in welcher die
Gemeinderatsmitglieder an die Arbeit mit Jugendlichen in keiner Weise gewohnt sind.
Insgesamt komme ich bei den Untersuchungen zu dem Thema JGR zu dem Schluss, dass die JGR
wahrscheinlich wenig motivierend auf Jugendliche wirken, die Einstellung zur Politik, also das
Interesse an der Politik, wird vermutlich allerhöchstens bei einer Hand voll Jugendlichen wirklich
verbessert. Politisch engagieren werden sich ebenso nur recht wenige Jugendliche, nämlich die, die
in den Rat gewählt werden. Um Jugendliche wirksam anzusprechen, ist es wichtig,
Beteiligungsformen an ihren Interessen und Bedürfnissen auszurichten, traditionelle Ansätze also
immer kritisch zu überprüfen keine Scheu zu haben, neue Methoden der Interessenartikulierung zu
wählen. Der Jugendgemeinderat erfüllt diese Voraussetzung meines Erachtens nach nicht.
Abschließend wage ich die Behauptung aufzustellen, dass man der er allgemeinen
Politikverdrossenheit mit diesem Modell eher nicht entgegenwirken kann
161
Simon Bayer (26.04.12), Mitglied JGR Weingarten
3. Offene Partizipationsformen
3.1. Jugendforum (JuFo)
3.1.1. Was ist ein Jugendforum?
Das Jugendforum ist eine breit angelegte sehr offene Form der Beteiligung junger Menschen auf
Kommunalpolitischer Ebene. Es bietet eine Möglichkeit für viele Jugendliche, sich aktiv an der Politik
zu beteiligen. Jugendforen sollen „wirkliche Jugendpartizipationsmodelle“ sein, die da angelegt sind
wo auch die jungen Menschen sind (in den entsprechenden Stadtteilen der Schul- bzw. Freizeitorte
der Jugendlichen). Im Jugendforum kommen alle Themen zur Sprache, die für Jugendliche im
Stadtteil (oder in kleineren Gemeinden auch in der ganzen Stadt) von Bedeutung sind. Das können
zum Beispiel fehlende Freizeit- oder Sportmöglichkeiten, die Einrichtung einer Skaterbahn oder ein
besseres Veranstaltungsangebot für junge Menschen im Stadtbezirk sein. Die Themen das JuFos sind
also „Ganz egal: Thema ist, was Jugendliche zum Thema machen“162. Im Gegensatz zu den
parlamentarischen Partizipationsformen gibt es beim Jugendforum weder Wahlen noch feste
Amtszeiten von Mitgliedern. Alle Mitglieder sind jederzeit frei und können sich außerdem ihre AGs
bzw. Projekte frei auswählen.
Der zeitliche Umfang des Engagements im Forum ist in der Regel (je nach Projekt) also überschaubar,
da gut einzuschätzen ist, wie lang einzelne Projekte dauern werden. Im Großen und Ganzen können
die Jugendlichen ihre eigenen Vorstellungen und Ideen diskutieren und verwirklichen, jeder kann
jederzeit Vorschläge für neue Projekte machen.163
Das Projekt Jugendforum besteht meist aus 4 Etappen:
1. Die Kommune versucht zunächst natürlich möglicht viele Jugendliche durch Werbung wie z.B.
Plakate oder Flyer anzusprechen und sie auf das Jugendforum aufmerksam zu machen. Interessierte
Jugendliche können sich über Kontaktpersonen aus der Gemeinde melden, und können dann
beginnen sich einige Monate zuvor zu treffen, und, (eventuell mit der Hilfe von Erwachsenen) ihre
Wünsche zusammentragen und formulieren. Dann müssen sie gemeinsam überlegen und
diskutieren, ob, und wenn ja wie, eine Umsetzung des Projekts möglich wäre. Oft finden mehrere
Vortreffen statt, bis ein Beschluss soweit ausgearbeitet ist, dass er präsentiert werden kann. Oft
arbeiten die Jugendlichen, indem sie sich in Arbeitsgruppen zusammentun. So kann jeder dem
Projekt nachgehen, welches ihm selbst am meisten am Herzen liegt und muss sich nicht mit allen
Themen befassen. Oft werden Themen auch durch Umfragen gesammelt und dann mit
entsprechendem Material vorbereitet. 1
2. An einem Termin wird nun häufig der (Ober-)Bürgermeister, und/ oder ein Vertreter der Stadtoder Gemeindeverwaltung oder des Gemeinderats (sogenannte „Patinnen“ und „Paten“ aus den
Reihen der Politik) zur Verfügung gestellt und es können alle Probleme und Wünsche zu Gehör
gebracht werden und auch die Projekte vorgestellt werden. Als Vermittler zwischen den
162
http://www.newpolitics.de/jufo2/dokus/infovai.pdf (01.01.12)
163
vgl. http://www.newpolitics.de/jufo2/dokus/infovai.pdf (01.01.12)
Jugendlichen und dem Vertreter agiert hier meist ein Moderator, der versucht eine reibungslose
Kommunikation zu ermöglichen.
3. Nach dem Treffen sollten die Kommunenvertreter „nacharbeiten“ und die von den Jugendlichen
vorgetragenen Themen noch einmal begutachten. Eventuell müssen auch noch andere Gremien oder
der Gemeinderat zu einer Abstimmung hinzugezogen werden.
Auch die Jugendlichen müssen ihre Projekte oft nochmals überarbeiten oder im schlechtesten Fall
sogar verwerfen.
4. Im letzten Zug folgt nun die Umsetzung des Projekts durch die Gemeinde. Oft gibt es eine
Nachkonferenz aller Teilnehmer nach geraumer Zeit. Um Klarheit zu schaffen, ob die Erwachsenen
ihre Versprechungen eingehalten haben, bzw. ob ein Projekt stattfinden kann. 164
3.1.2. Jugendforum Sigmaringen
Logo Jugendforum Sigmaringen165
Die Stadt Sigmaringen bevorzugt das Partizipationsmodell des Jugendforums. Interessierte
Jugendliche, die Schüler in Sigmaringen sind, und deren Wohnsitz entweder direkt in der Kreisstadt
oder aber in einer der Nachbargemeinden liegt, können sich an diesem Jugendforum beteiligen. Sie
können somit das „Gemeinwesen Sigmaringen“ nach ihren Möglichkeiten beeinflussen. Das
Jugendforum soll die Jugendlichen nicht fest verpflichten sondern ihnen einen Spielraum
verschaffen, indem sie Einfluss auf die Politik nehmen können, die Anliegen der jungen Menschen
sollen so gehört und verwirklicht werden.166
Arbeitsweise des JuFo Sigmaringen
Im Jugendforum kommen derzeit circa 30 Jugendliche (2011) im Alter zwischen 14 und 21 Jahren, die
auf das Gymnasium, die Realschule und die Werkrealschule der Stadt gehen, zusammen. Jedoch sind
164
vgl. Schweitzer, Barbara (1997): Leitfaden Partizipation – Viele Wege ein Ziel, Druckerei Riederer, Stuttgart
S. 12, Internet:
http://www.ljrbw.de/ljr/service/publikationen/pubilkationen_download/handbuecher/leitfaden_partizipation.
pdf
165
166
vgl. http://www.jugendforum-sigmaringen.de/arbeitsgruppen/ (01.01.12)
vgl. http://hobix.de/k4cms/de/buerger/familie_kinder-undjugend/jugend/jugendbeteiligung/jugendforum.html (01.01.12)
die Anwesenheitszahlen sehr schwankend und es kommen immer wieder neue Gesichter hinzu, die
neue Ideen und kreative Vorschläge einbringen können. Im Jahre 2012 kommen nur noch 15
Jugendliche regelmäßig zu den Sitzungen.
Stolz berichtet der Bürgermeister im Pressegespräch: „Die gesamte Palette (von Jugendlichen) ist
vertreten“ 167 , nach meinem Eindruck kann ich dem Bürgermeister hier weitgehend zustimmen.
Zwar ist auffällig, dass von den Jugendlichen fast alle das Gymnasium und nur einige wenige die
Realschule und gar keiner die Hauptschule besucht, doch mein Eindruck des JuFos war, dass dort
viele verschiedene Jugendliche, also viele verschiedene Typen von Menschen mit vielen
unterschiedlichen Ideen zusammentreffen.
Außerdem bemerkte er, dass das „Zusammenspiel“ des JuFos sehr gut funktioniere. 168 Hiermit
meint er einerseits das Zusammenspiel der Jugendlichen untereinander und andererseits auch das
Arbeiten mit den betreuenden Erwachsenen zusammen. Schärer betont des Weiteren, dass der
Gemeinderat die Arbeit sehr positiv aufnähme. Es kommt beispielsweise häufig vor, dass einzelne
Projekte von einem Vertreter des JuFos im Gemeinderat vorgestellt werden, woraufhin der
Erwachsenen mit ihm ernsthaft über das Projekt diskutieren und daraufhin darüber abstimmen
können.
Das JuFo trifft sich jeweils am ersten Dienstag im Monat im Sitzungssaal des Rathauses, mit
Bürgermeister Thomas Schärer als Vorsitzendem und mit weiteren Vertretern aus den Fraktionen des
Gemeinderates, die sich zur Arbeit mit den Jugendlichen bereiterklärt haben und die Treffen
begleiten. In den Sitzungen wird über die Arbeit der themenbezogenen Projektgruppen berichtet, die
weitere Vorgehensweise des Jugendforums wird abgestimmt und konkrete Vorschläge an den
Gemeinderat formuliert. Ich hatte den Eindruck von einer sympathischen und entspannten
Atmosphäre während den Gesprächen und Diskussionen, die Erwachsenen und der Bürgermeister
ziehen nicht „ihr Ding“, also ihre eigene formelle „Erwachsenensprache“, durch, sondern unterhalten
sich meist im angemessenen Ton und mit angemessener Sprache mit den Jugendlichen. Die
Erwachsenen gehen größtenteils sehr nett mit den Jugendlichen um, und erweisen ihnen auch
Respekt indem sie alle gesiezt werden und jeder Vorschlag beachtet und diskutiert wird.
Aktuell gibt es im Forum drei Projektgruppen, die Gruppen „Öffentlichkeitsarbeit“, „Gartenschau
2013“ sowie „Kino“. Allen Jugendlichen steht es natürlich frei die Gruppe zu wechseln oder sich in
zwei Gruppen zu engagieren. Natürlich sind die Gruppen nur grobe Richtungsangaben, denn die
Projekte bestimmen die Jugendlichen natürlich selbst. Diese AGs treffen sich zusätzlich zu den
gemeinsamen Treffen in regelmäßigen Abständen um ihre speziellen Projekte zu planen. Hierbei
wird jede AG von einem Erwachsenen betreut, der die Gruppe unterstützen soll und sich auch in der
Sitzung mit Bürgermeister Schärer für die Gruppe einsetzt. 169
Aktuelle Projekte des JuFos
Die „AG Kino“ plant mehrmals im Jahr einen Kinoabend einerseits für Familien mit Kindern, an dem
Filme wie „Ice Age“ oder „Sammys großes Abenteuer“ zum günstigen Eintrittspreis von 1€ pro Person
167
Stadtspiegel der Stadt Sigmaringen, Thomas Schärer (Februar 2012)
168
Stadtspiegel der Stadt Sigmaringen, Thomas Schärer (Februar 2012)
169
vgl. http://www.jugendforum-sigmaringen.de (01.01.12)
gezeigt werden, und andererseits für Jugendliche mit Filmen wie „Wall-E“ oder „Wer früher stirbt ist
länger tot“, der immer viele Besucher ins Hoftheater oder an die entsprechenden Veranstaltungsorte
bringt. Für diese Filmabende wird aufwendig im Internet und mit Plakaten und Flyern geworben. Die
Erfolge des Kinosabends werden in der JuFo-Sitzung kurz vorgestellt und der finanzielle Gewinn wird
der Gruppe präsentiert. Ebenso werden die weiteren Vorstellungen und die anstehenden Kosten für
Werbung und Film für alle JuFo-Mitglieder erläutert. Anschließend stimmen alle Jugendlichen über
das weitere Vorgehen ab, also ob der von der AG ausgewählte Film gut ist etc. Die Ausarbeitung liegt
also bei der jeweiligen AG selbst, während jedoch das gesamte JuFo dem zustimmen muss.170
26.11.11 Volle Besetzung des Kinos beim Kinderfilm „Ratatouille“
Die AG Landesgartenschau plant für das Sigmaringer Großprojekt 2013 – die „Landesgartenschau“ –
in erster Linie ein „Jugendspielplatz“. Nach langen Diskussionen ist eine große Skateranlage in
Planung, ebenso wie ein Beachfeld und ein „Chillerbereich“ für die Jugendlichen. Die Jugendlichen
dieser AG suchen beispielsweise die verschiedenen Teile für die Skateranlage aus und erstellen
dreidimensionale Skizzen ihrer geplanten Arbeit, welche im JuFo später vorgestellt, und über welche
natürlich ebenfalls abgestimmt wird. Die Stadt hat den Jugendlichen für dieses Projekt einen sehr
großen Flächenbereich und auch ein sehr hohes Budget zur Verfügung gestellt. Die Gruppe versucht
in der Planung einerseits auf die Wünsche der Jugendlichen einzugehen und andererseits auch die
Realisierung des Projekts immer im Auge zu behalten. 171
Presseberichte und die Repräsentation des JuFos nach außen sind ein wichtiger Teil der vielseitigen
AG Öffentlichkeit. Mit eigenen Texten und Artikeln, als auch mit eigenen Fotos sind diese Jugendliche
stets dabei, die Öffentlichkeit über das JuFo und sein Vorgehen auf dem Laufenden zu halten. Für
diese Arbeiten haben die Mitglieder der AG ein Seminar des Kreisjugendrings mit SÜDKURIERRedakteur Karlheinz Fahlbusch besucht, indem sie Grundkenntnisse in der Pressearbeit erworben
haben. Auch das Gestalten der Homepage des Jugendforums wird von dieser Gruppe übernommen.
Das neue Projekt für 2012 ist nun das Drehen eines Werbespots zum Jugendforum um noch mehr
Jugendliche zu erreichen um möglichst viele neue Gesichter für das JuFo Sigmaringen zu gewinnen.
172
Besondere Projekte für das Jahr 2012 sind einmal eine stärkere Verbindung mit der Partnerstadt
Boxmeer (Niederlande) und Sigmaringen zu knüpfen, das hieße z.B. Fahrten in die andere Stadt
170
vgl. http://www.suedkurier.de/region/linzgau-zollern-alb/sigmaringen/Jugendforum-zeigt-Filme-imHoftheater;art372574,5157178 (01.01.12)
171
vgl. http://www.jugendforum-sigmaringen.de (01.01.12)
172
vgl. http://www.jugendforum-sigmaringen.de (01.01.12)
über’s Wochenende oder Ähnliches zu organisieren. Eine Verbindung zu den Nachbarstaaten liegt
sowohl dem Bürgermeister als auch den Jugendlichen selber sehr am Herzen.
Außerdem wollen die Jugendlichen mit Unterstützung des Kreismedienzentrums im Landratsamt
einen 3 minütigen Werbefilm über das Jugendforum Sigmaringen drehen um andere Jugendliche auf
ihr Forum aufmerksam zu machen.173
In Sigmaringen scheinen die Jugendlichen gut wahrgenommen zu werden, auch in der Haushaltsrede
der CDU zum Jahreswechsel 2011/2012 steht deutlich, dass man im kommenden Jahr wieder mit
dem Forum zusammenarbeiten will. Besonders hervorgehoben wird der neue „Jugendspielplatz“ für
die Landesgartenschau, welcher in Planung ist und zu dem das JuFo einen entscheidenden Teil
beiträgt.
Unterschiede zwischen dem allgemeinen Jugendforum-Konzept und der Ausführung des JuFos in
Sigmaringen sind deutlich zu erkennen. Es wird eine höhere Disziplin an den Tag gelegt, d.h.
einerseits gibt es Anwesenheitskontrollen und eine Anmeldeliste, und andererseits ist die Bindung an
das Forum wesentlich größer, als im ursprünglichen Konzept des JuFos. Hiermit meine ich, dass im
JuFo eigentlich ganz flexibel und locker die Projekte ausgearbeitet werden sollten um sie
anschließend vorzustellen und danach in den meisten Fällen erst mal eine „Politikpause“ einzulegen,
weil es ja schließlich nicht immer ein aktuelles Projekt gibt, das einen anspricht. Doch in Sigmaringen
tritt man einer AG bei und arbeitet dort dauerhaft mit, egal ob das aktuelle Thema einen persönlich
interessiert oder nicht. Des Weiteren wird in Sigmaringen statt dem üblichen Moderator, der
Bürgermeister als Vorsitzender der Sitzung eingesetzt. Er leitet den Ablauf und die Diskussion in
weiten Zügen und erteilt den Jugendlichen und der Erwachsenen das Wort. Ebenso unüblich ist die
Regelmäßigkeit der Treffen des JuFos.
Meiner Ansicht nach könnte man das JuFo in Sigmaringen fast als eine Art „Zwischending“ zwischen
JuFo und Jugendgemeinderat sehen, da viele Eigenschaften näher am Konzept des JGR liegen als am
Konzept des flexiblen JuFos. Die regelmäßigen Sitzungen und die Anwesenheit über einen langen
Zeitraum hinweg sind Beispiele hierfür.
3.1.3. Vorteile und Nachteile am Partizipationsmodell JuFo
Vorteile des Modells
In Bezug auf mein Hauptkriterium, dass sich nämlich „möglichst viele Jugendliche“ an dem
Partizipationsmodell beteiligen und sich angesprochen fühlen (siehe Kriterium Nummer 1), kann ich
leider keine genauen Schlüsse ziehen, da man nur schwer den Erfolg eines JuFos messen kann. Keine
Zahl an Kandidaten oder Wahlbeteiligungen kann festgehalten werden, das einzig bleibende sind die
Erfolge, denn die Jugendlichen kommen und gehen. Rein hypothetisch können viele Jugendliche
angesprochen werden, wenn man das Verhalten und die Bedürfnisse und Wünsche von Jugendlichen
betrachtet, doch es gibt keine „handfesten Beweise“ für die Erfolge von JuFos, unter anderem
natürlich auch, weil dieses Partizipationsmodell noch nicht so entdeckt und populär ist, wodurch
173
vgl. http://www.jugendforum-sigmaringen.de (01.01.12)
noch nicht so viele Werke und Statistiken zu diesem Modell existieren. Im JuFo Darmstadt
beispielsweise gibt es ca. 6 bis 7 Jugendliche, die sich wirklich dauerhaft engagieren also immer an
irgendeinem Projekt arbeiten, hinzu kommen dann immer bis zu 15 andere Jugendliche, die sich nur
einmalig für das bestimmte Projekt engagieren wollen und danach erst mal wieder eine Pause
einlegen. Die Mitglieder haben schon viele Projekte verwirklicht und planen derzeit die Aktion „Rock
gegen Rechts“ in ihrer Stadt mit großem Rock-Konzert, an deren Planung sich viele Jugendliche der
Stadt beteiligen. 174
Das aktuelle Projekt des JuFos Darmstadt, dass nämlich Jugendliche ganz aus freien Stücken ein RockKonzert planen, ist ein gutes Beispiel für einen weiteren positiven Aspekt des JuFos. Dass nämlich,
wer Lust hat, kommen und mitmachen kann, wem es zu viel wird, oder wer einfach keine Lust mehr
hat, der kann auch wieder aussteigen oder ein halbes Jahr lang pausieren. Somit könnte man die
Aussage machen, dass das JuFo für die Beteiligten Spontanität und Flexibilität bietet. Das Prinzip des
JuFos passt recht gut in den Alltag und den Stil der „Jugend von heute“, denn die „Spontanität und
(einen) Spielraum der Projekte“ (siehe Kriterium Nummer 3) sind vorhanden und gleichzeitig kann
wer will natürlich nach dem Erfolg oder Misserfolg seines ersten JuFo-Projekts sofort ein Weiteres
und ein Weiteres starten, denn es sind dem Engagement keine Grenzen gesetzt. Somit ist das JuFo
auch gleichzeitig eine „langfristig angelegte Partizipation“ (siehe Kriterium Nummer 2), denn in jeder
Gemeinde kann immer noch ein neues Projekt für die Jugendlichen gefunden werden – es gibt immer
etwas zu tun.
Die Partizipation durch das JuFo ist nicht sehr zeitaufwendig und passt deshalb aus meiner Sicht recht
gut in den meist „lockeren“ Lebensstil der Jugend. Keine allzu lange allzu große Belastung sollte das
Engagement sein, denn mit der Schule ist meistens eine Belastung geschaffen, die den meisten
Jugendlichen zum Großteil bei weitem ausreicht. Die Projekte des JuFos können in vielen Fällen
warten – das heißt man kann oft auch bis zur nächsten JuFo-Sitzung warten, wenn man eben nicht
fertig wird und steht somit nicht so arg unter Zeitdruck. Dies trifft aber nicht auf alle Projekte zu. Das
Partizipationsmodell JuFo setzt also „unmittelbar im direkten Umfeld und in Alltag“ (siehe Kriterium
Nummer 9) der Jugendlichen an und lässt sich gut im Leben der Jugendlichen positionieren. Es ist
keine zweite Schule mit Verpflichtungen und Regeln sondern kommt eher einem Verein gleich,
indem man sich gerne und freiwillig engagiert. Man kann sich als Projektgruppe auf Facebook für den
Samstag-Mittag verabreden, dann zunächst ein paar Stunden alleine und später mit dem
Jugendreferenten an dem aktuellen Projekt arbeiten und danach noch zusammen eine Pizza essen
gehen.
Durch die „flexible Form“ des JuFos, die jedem Teilnehmer die Möglichkeit gibt, auf seine Art und
Weise sein Projekt zu entfalten, kann man ebenfalls davon ausgehen, dass das Projekt durchaus
„altersgemäß“ ist (siehe Kriterium Nummer 6), denn eine Gruppe von Jüngeren kann sich
beispielsweise auf ihre Art um das eigene Projekt kümmern (z.B. einen Abenteuerspielplatz zu
renovieren) während die Älteren ich auf ihre Projekte fixieren können (z.B. eine Nachtbusverbindung
zu beantragen). Man kann also das JuFo auch so anlegen, dass möglichst viele Jugendliche, also auch
10jährige willkommen sind, damit wäre das „Mitwirken und Interesse der jungen Generation“
ebenfalls miteingebunden (siehe Kriterium Nummer 11).
174
Interview Rebecca Berker (01.05.12), Mitglied JuFo Darmstadt
Außerdem kann man das Modell JuFo auch jeder Zeit verändern bzw. „weiterentwickeln“ (siehe
Kriterium Nummer 3), es kann jederzeit erneut an die Jugendlichen angepasst werden. Man kann
beispielsweise flexibel je nach Teilnehmerzahl andere Maßnahmen oder Räumlichkeiten für die
Sitzungen bereitstellen oder auch je nach dem Bereich, den ein Projekt der Jugendlichen betrifft,
auch unterschiedliche Gremien der Stadt einladen. Allerdings könnte dieser Pluspunkt für das JuFo in
vielen Gemeinden auch entfallen, wenn nämlich die Erwachsenen, die ja maßgeblich an der
Organisation beteiligt sind, sich quer stellen und den Fortschritt und die Weiterentwicklung lieber
unterdrücken wollen, sei es aus praktischen als auch aus Bequemlichkeitsgründen.
Des Weiteren kann mit dem Partizipationsmodell Jugendforum vermutlich wirklich die „breite Basis“
(siehe Kriterium Nummer 5) angesprochen werden. Der entscheidende Anreiz hierfür ist wiederum
die Offenheit und die Uneingeschränktheit bei der Wahl der Projekte. Mädchen wie Jungen können
ihre typischen Projekte entwerfen (z.B. Bau einer Tanzschule/eines Fußballplatzes), wie auch die
Jugendlichen mit verschiedenen Nationalitäten oder Migranten, die ihre eigenen Ideen ausarbeiten
können (z.B. ein französisches Fest in der Stadt organisieren). Gleichermaßen können Jugendliche aus
allen Stadtbezirken einer Stadt für Projekte in ihrem Umfeld einstehen (z.B. die Renovierung einer
Unterführung fordern), und auch aus den verschiedenen Bildungsschichten und sozialen Schichten
kann theoretisch jeder kommen und versuchen, sein Projekt zu verwirklichen.
Beim Modell des JuFos kann man natürlich auch einen Lerneffekt für die Jugendlichen und deren
Zukunft erkennen. Sie lernen auf „professionelle“ Art und Weise ein Projekt auszuarbeiten (denn sie
müssen es formell präsentieren können). Die Gruppe lernt sicherlich auch vieles bei der Präsentation
selber, denn die Präsentationstechniken sind im heutigen Geschäftsleben von enormer Bedeutung.
Auch die Diskussion mit den Erwachsenen über das Projekt ist wahrscheinlich eine wichtige
Erfahrung und umso größer ist die Erfahrung natürlich, wenn das eigene Projekt dann tatsächlich
Anwendung findet und die Planung und der Rat der Jugendlichen für die Umsetzung gefragt sind. Die
Aussage ist also durchaus berechtigt, dass die Jugendlichen, die am JuFo teilnehmen etwas „für die
Zukunft lernen“ (siehe Kriterium Nummer 10).
Nachteile des Modells
Der Hauptkritikpunkt an diesem Partizipationsmodell ist vermutlich, dass bisher keinerlei Rechte
oder Regeln im Bezug auf Jugendforen existieren. In jeder Gemeinde, wie beispielsweise
Sigmaringen, können die entsprechenden Erwachsenen bzw. der Bürgermeister das JuFo genau so
erstellen, führen und leiten, wie es ihnen gefällt. Dies könnte in vielen Fällen sicherlich ein Nachteil
sein, denn wie am Beispiel Sigmaringen erkennbar ist, wird das „ursprüngliche“ Konzept des freien
JuFos hier mehr oder weniger ausgenutzt. In Sigmaringen werden die Jugendlichen mit einer
Anwesenheitsliste kontrolliert, in feste Gruppen eingeteilt, die feste Aufgaben haben und diese in
gewissen Zeitfenstern zu erfüllen haben und haben nicht die Möglichkeit etwas ganz eigenes
auszuarbeiten oder zu entwickeln. Auch in anderen Gemeinden, wie beispielsweise in Laupheim,
Kissleg und anderen Kommunen scheint sich eine ähnliche Entwicklung bei der offenen
Partizipationsform vor Ort abgespielt zu haben. Die Jugendreferenten der Orte beschreiben die
Situation dort vor Ort so, dass die Bürgermeister sich die Beteiligungsmodelle nur als gutes Image für
die Stadt und den eigenen Namen aufbauen würden. 175 Solange es keine Rechte oder Pflichten gibt,
die eine Gemeinde im Bereich des JuFos erfüllen muss, kann keiner den Gemeinderat bzw. den
Bürgermeister daran hindern, dass dieser das JuFo auf diese Art und Weise verändert. Im Großen
und Ganzen, wie das Beispiel Sigmaringen zeigt könnte es in der Gemeinde mit dem
Partizipationsmodell JuFo also passieren, dass die großgeschriebene Beteiligung von Jugendlichen in
der Gemeinde sozusagen nur vorgespielt wird und in Wirklichkeit, wenn ein Erwachsener
Vorsitzender des JuFos ist, ein Erwachsener die Tagesordnung entwirft und ein Erwachsener alle
Projekte beaufsichtigt und beeinflusst, nur noch wenig vom Konzept des JuFos übrig ist.
Im ursprünglichen Konzept des JuFos dürfte dies alles kein Problem sein – hier sind die Erwachsenen
nur als Begleiter und Unterstützer und nicht als Leiter vorgesehen. Doch da keine festgelegten Regeln
existieren kann dies nie sicher gewährleistet werden. Bei der „Mischform“, die in Gemeinden wie
Sigmaringen entsteht, die dem JGR sehr ähnlich ist, ist es durch die starke Bindung an Erwachsene
nicht auszuschließen, dass die Erwachsenen die Jugendlichen für ihre Zwecke einspannen könnten.
Damit meine ich, dass sie dem JuFo Projekte nur übertragen, die ohne JuFo auch gemacht werden
würden und die ansonsten eben Erwachsenen der Gemeinde planen müssten. Selbstverständlich ist
dies nicht in jeder Gemeinde der Fall, doch wie Sigmaringen zeigt, ist das Risiko hoch, dass ein JuFo
zu einer Art JGR nur ohne Wahlen werden kann. Man kann deshalb leider nicht sagen, dass die
Jugendlichen des JuFos immer „selbständig und frei handeln“ können (siehe Kriterium Nummer 4),
die Kontrolle durch die Erwachsenen ist in vielen Fällen nie ausgeschlossen und außerdem wird in
manchen JuFos doch eine Bindung wie an einen Verein geschaffen, der den flexiblen und spontanen
Grundsatz des JuFos außer Kraft setzt.
Ein weiterer Kritikpunkt ist außerdem, dass die Möglichkeit besteht, dass die Erwachsenen die
„dahergelaufenen“ Jugendlichen nicht ernst nehmen könnten, und deren Arbeit nicht würdigen
könnten. Dass also die Beliebigkeit der Zusammensetzung und die fehlende „Legitimation“ durch
Wahlen ein Grund für die Erwachsenen wäre zu sagen, dass es nicht so wichtig ist den Jugendlichen
Gehör zu schenken. Es könnte sozusagen der gewisse Druck auf die Erwachsenen, die Jugendlichen
ernst zu nehmen, fehlen. Allgemein kann die Tatsache, dass es keinen festen Ablauf gibt und die
Projekte in großen Teilen auf Spontaneität beruhen, zum Problem werden, da die Arbeit der
Jugendlichen dann von den Erwachsenen auch weniger ernst genommen werden könnte.
Das Projekt kann auch insofern an den Vertretern der Gemeinde scheitern, wenn diese sich nicht
ausreichend auf die Gesprächsrunde vorbereiten. Sie könnten sich im Gespräch verpflichtet fühlen,
sofort eine Antwort auf diese Frage der Jugendlichen parat zu haben und so könnte es leicht zu
falschen Aussagen seitens der Gemeindevertreter kommen. Einerseits könnte der Vertreter falsche
Versprechungen machen, welche später nicht eingehalten werden können, andererseits ist es
ebenso gut möglich, dass ein Projekt, das eventuell doch umsetzbar wäre, schnell abgewimmelt
werden würde, ohne dass es wirkliche Gründe für die Ablehnung des Projekts geben würde.
Ein weiteres Problem kommt zustande, wenn die Kontinuität der Sitzungen und unterbrochen wird.
Wenn die Jugendlichen das Gefühl bekommen, dass sie keine Rückmeldung zu ihren Themen
bekommen, könnte für sie schnell das Gefühl entstehen, die Arbeit umsonst gemacht zu haben.176
175
176
Gespräch mit den Jugendreferenten der Kommunen (25.05.12)
vgl. Schweitzer, Barbara (1997): Leitfaden Partizipation – Viele Wege ein Ziel, Druckerei Riederer, Stuttgart
S. 12, Internet:
Die Veranstaltung einer Nachkonferenz wiederum bedeutet mehr Aufwand für die Paten und
Patinnen des Gemeinderates und wird deshalb häufig unterschlagen.
Wenn die drei zuvor genannten Aspekte betrachtet werden, kann man nicht in jedem Fall davon
ausgehen, dass die „Ergebnisse von Partizipation Jugendlicher (…) Konsequenzen haben“ (siehe
Kriterium Nummer 7).
Es könnte des Weiteren Schwierigkeiten bei der Kommunikation im Gespräch mit den oftmals
politisch sehr unerfahrenen Jugendlichen und den Erwachsenen geben. Sehr zentral ist somit die
Rolle des Moderators bzw. Sitzungsleiters. Doch eben diese Verantwortung des Moderators kann
auch Grund des Scheiterns sein, denn durch einen schlechten Moderator, der die eine oder andere
Seite nicht versteht oder nicht verstehen will, ist ein Forum definitiv zum Scheitern verurteilt. Im
schlechtesten Fall wird wie in Sigmaringen einfach eine bestehende hochgestellte Person
(Bürgermeister) als Moderator eingesetzt, ohne sich Gedanken über die wichtige Rolle dieses
Vermittlers, der eigentlich unparteiisch sein sollte, zu machen. Die Jugendlichen könnten sich in diese
Situation eventuell unterlegen fühlen wenn sie den Anschein haben, dass auch der „Mittelsmann“
auf der Seite der Erwachsenen ist. Dieses Gefühl wäre wahrscheinlich keine gute Ausgangslage für
eine gute Gesprächsatmosphäre und könnte die Jugendlichen dementsprechend demotivieren.
Es könnten außerdem Konflikte zwischen den Jugendlichen und den „Helfern“, mit deren Hilfe sie
ihre Projekte vorbereiten, auftreten, da viele Jugendliche sich allgemein eher ungern von
Erwachsenen etwas sagen lassen und so deren Hilfe, nicht annehmen wollen könnten. Im JuFo
Sigmaringen beispielsweise spielt dieses Problem eine zentrale Rolle. Auch von Seiten der
Erwachsenen musste ich leider feststellen, dass oft eben sehr traditionelle Gemeinderatsmitglieder
die Projekte begleiten und mit den Jugendlichen in Konflikt kommen bzw. ihnen sogar die Lust
verderben indem sie streng und ernst auch mit den Jüngsten umgehen.
3.1.4. Einschätzung des Partizipationsmodells Jugendforum
Fazit – Bezug zu den Milieus
Die Eigenschaften der Jugendlichen, die dem Partizipationsmodell Jugendforum zustimmen würden,
und sich dieses als Beteiligungsform vorstellen könnten müssten folgende Eigenschaften besitzen:
Sie müssen einerseits natürlich Interesse an kommunaler Politik und an der eigenen Gemeinde
haben. Sie sollten sich mit ihrer Gemeinde identifizieren können und sich ihr zugehörig fühlen.
Allgemeines Interesse für Politik ist zwar hilfreich aber nicht unbedingt vonnöten. Viel wichtiger sind
die grundlegenden Voraussetzungen, nämlich der Wille etwas zu bewegen und zu verändern, und
das Interesse am Gemeinwohl und am Wohl der Jugendlichen. Sie sollten mit Erwachsenen
kooperieren können, einerseits in der Vorbereitung des Projekts, in der sie mit ihren „Helfern“
zusammenarbeiten wollen und andererseits in der abschließenden Diskussionsrunde mit den
Vertretern der Gemeinde. Sich in Gegenwart der Erwachsenen gut ausdrücken zu könne ist in jedem
http://www.ljrbw.de/ljr/service/publikationen/pubilkationen_download/handbuecher/leitfaden_partizipation.
pdf
Fall hilfreich, doch man kann ein JuFo-Projekt auch mit einfacheren Worten vorstellen und trotzdem
respektiert werden. Die Jugendlichen müssen auch einige Stunden Freizeit auf das Projekt
verwenden, je nach Projekt ist eben eine entsprechende Vorbereitung nötig, eine große
Alltagsumstellung ist dies in aller Regel jedoch nicht.
Auf welche Milieus treffen diese Eigenschaften nun zu?
Meiner Meinung nach gibt es hier sechs Milieus, die an dieser Partizipationsform Gefallen finden
könnten:
Besonders Performer können mit Begeisterung einsteigen und sich ohne Verpflichtung engagieren.
Deren Begeisterung (und man bedenke, dass es 25% der Jugendlichen sind), wird überschwappen
und andere mitreißen. Ihr Interesse an Politik hält sich zwar vorerst in Grenzen, doch die
Begeisterung für eigene neue Projekte nimmt Überhand. Sich kurz und präzise für etwas einzusetzen
trifft genau deren Geschmack. Performer-Jugendliche saugen sozusagen alle Möglichkeiten um sich
herum auf und werden somit sicher die Chance nutzen, ein eigenes Projekt aufzubauen. Diese meist
sehr zielorientierten Jugendlichen verwirklichen gerne auf eigene Rechnung Dinge und koordinieren
gerne Projekte. Sie wären auch wie gemacht dafür, eine Projektgruppe zu führen und die
Verantwortung zu übernehmen.
Die Gruppen der bürgerlichen und traditionellen Jugendlichen stehen dem JuFo sicherlich
aufgeschlossen gegenüber. Beide Gruppierungen lassen sich leicht von Anderen beeinflussen, da sie
ja angepasst sein wollen und „einfach dazugehören“ wollen. Diese Gruppen ziehen es zwar vor, sich
in einer Gemeinschaft in einer festen Bindung einzufügen um sich geborgen zu fühlen, doch sie sind
nicht generell ablehnend Projekten gegenüber, bei denen dies nicht der Fall ist. Ich denke, dass
sowohl bürgerliche als auch traditionelle Jugendliche sich am Jugendforum beteiligen würden.
Einerseits aus Eigeninteresse und andererseits, weil sie zum mitmachen dadurch animiert werden,
dass sie mitgezogen werden.
Politisch sowieso begeisterte Postmaterielle werden ebenfalls den Versuch nicht scheuen, einmal ein
Projekt zu planen und es vorzustellen. Ihre Begeisterung für das Führen von Diskussionen mit
anderen können sie voll einbringen um für ihre Projekte zu kämpfen. Dieser Kampf macht ihnen Spaß
und wenn sie verlieren, haben sie eben trotzdem ihren Spaß gehabt. Ihre politischen Interessen und
ihr politisches Engagement werden hier voll wahrgenommen und die Jugendlichen können in ihrer
Rolle als JuFo-Mitglieder vollkommen aufgehen. Meiner Meinung nach würde sich diese Gruppe von
Jugendlichen in der Atmosphäre des JuFos pudelwohl fühlen.
Wenn das JuFo in der Kommune auch entsprechend in den Freizeitorten von Hedonisten Werbung
macht, dann könnten auch diese aufmerksam auf das JuFo werden. Der zweite wichtige Faktor für
die Hedonisten ist zu sehen, was für Erfolge das JuFo in der Gemeinde schon erzielt hat, wenn das
JuFo beispielsweise schon etwas größeres erreicht hat, könnte für die Jugendlichen nämlich das
Image entstehen, dass man mit dem JuFo wirklich Erfolg haben kann. Und wenn nun wirklich eine
direkte Aussicht auf Erfolg besteht, könnten sogar Hedonisten hellhörig werden, sich über das JuFo
informieren und am Ende vielleicht sogar mitmachen und beginnen, ihre eigenen Projekte im JuFo zu
planen. Für das Gemeinwohl, werden diese Jugendlichen eher weniger Projekte planen. Wenn sie
Projektideen haben, die z.B. typischerweise eben ihr Leben im Hier&Jetzt positiv beeinflussen
werden, und sie die „richtigen Leute“, also einerseits die jugendlichen Teamkollegen und
andererseits aber auch sympathische Betreuer, die für den Spaßfaktor im Arbeitsteam sorgen noch
dabei haben, dann könnte ich mir auch gut ein „Hedonisten-Projekt“ in einem JuFo vorstellen z.B. das
Organisieren von Nachtfahrbussen, die an Wochenenden abends zur Disko in den nächsten Ort
fahren würden. Problematisch könnte für diese Jugendgruppe eventuell die Zusammenarbeit im
Vorfeld mit den Erwachsenen werden, doch einmal zum Projekt entschlossen, zeigt dieses Milieu
auch das Durchhaltevermögen um den Vorschlag letzten Endes wirklich zu präsentieren.
Für die sehr „speziellen“ Experimentalisten wäre das JuFo eine Möglichkeit, ihre ganz eigenen Ideen
zu präsentieren und einzubringen. Da sich diese Jugendlichen absolut ungern in bereits bestehende
Systeme eingliedern wollen, stellt eine offene Partizipation also weitaus größere Möglichkeiten dar.
Da es keine bestehenden Systeme gibt bzw. jederzeit neue entstehen können, in die die
Experimentalisten sie sich für dieses Partizipationsmodell eingliedern müssten – sie können ihre ganz
eigenen Vorstellungen in ihren Projekten ausarbeiten. In einer Projektgruppe des JuFos müssen ja
nicht immer 10 Mitglieder, die von dem Projekt überzeugt sind zusammenkommen, es reichen auch
drei oder vier. Das heißt, wenn ein Experimentalist „Anhänger“ für sein Projekt findet (klassische
Beispiele wären Traditionelle und Bürgerliche, da sie leicht zu beeinflussen sind), kann er die
Gruppenleitung seines Projekts übernehmen und seine ganz eigenen Ideen mit der Zustimmung
Anderer ausarbeiten.
Konsum-Materialisten würden mit ihrem absoluten politischen Desinteresse sich wohl eher nicht für
ein solches Projekt interessieren. Sie reden sich mit der Frage „Warum denn ICH?“ aus des Sache
heraus – und wollen absolut keine Arbeit übernehmen, aufgrund dieser wenig pflichtbewussten
Haltung würden sie sich eher nicht an gemeinnützigen Projekten wie dem JuFo beteiligen.
Im Großen und Ganzen könnten also vor allem Performer (25%), Bürgerliche (14%), Traditionelle (4%)
und Postmaterielle (6%) und eventuell sogar Hedonisten (26%) mit dem JuFo angesprochen werden.
Lediglich die Konsum-Materialisten bleiben nach wie vor desinteressiert. Das Projekt Jugendforum
könnte also bis zu 89% der Jugendlichen erreichen. Entscheidend wird sein, wie die Idee des JuFo den
jeweiligen Jugendlichen aufgeboten wird.
Allgemeines Fazit zum Partizipationsmodell
Beim Betrachten dieses Modells komme ich nun leider zu dem Schluss, dass “Jugendforum“ auch
kein „Allheilmittel“ wäre, um dem Desinteresse der Jugend gegenüber Politik entgegenzuwirken.
Das Konzept des JuFos mag recht makellos für die Jugend von heute erscheinen: spontan, flexibel
und trotzdem wirksam und erfolgreich. Ein genereller Vorteil dieses Modells für alle Milieus ist
beispielsweise, dass es jeder Zeit de Möglichkeit zum Ausstieg gibt. Wenn das eigene Projekt
abgelehnt wird, muss man ja nicht ein Neues aufstellen, sondern kann aus den JuFo aussteigen.
Daher kommt auf die Jugendlichen im Normalfall eine feste Bindung von nur wenigen Monaten zu.
Ein breites Spektrum von Jugendlichen kann angesprochen werden, die Aussicht auf Erfolg könnte
anspornen und motivieren.
Doch der entscheidende Kontrapunkt ist die Umsetzung dieses „perfekten“ Konzepts. Es gibt so viele
„Hintertürchen“ durch die das Konzept JuFo vernichtet werden könnte, also die Kriterien nicht mehr
erfüllt werden. Es besteht z.B. die Wahrscheinlichkeit, dass die Erwachsenen sich in die Jugendarbeit
einmischen. In Sigmaringen ist dies ganz offensichtlich durch die strenge Kontrolle der Jugendlichen
der Fall, und auch in der Stadt Kissleg scheint der Bürgermeister durch die Partizipation nur den
„Schein“ nach außen hin wahren zu wollen und sein Wahlversprechen erfüllen zu wollen. 177
Entscheidende Faktoren für das Gelingen der Partizipationsform JuFo müssen immer berücksichtigt
werden. Die entsprechende Werbung, z.B. auf Jugendfesten, in Schulen, in Jugendhäusern oder
Vereinen der Stadt, spielen eine entscheidende Rolle, da hier alle Milieus, und somit alle Jugendliche,
angesprochen werden sollten. Flyer und Plakate in den Schulen, Plakate in den Jugendhäusern und
Vereinen, direkte Werbung auf Partys und außerdem mehr Berichte im kommunalen Teil der
Zeitungen, würden wahrscheinlich Interesse in Bezug auf die Beteiligung der JuFos wecken. Noch viel
wichtiger ist allerdings heute die Werbung mit den aktuellen Medien, damit die Werbung zeitgerecht
bei den Jugendlichen ankommt. Das JuFo als Veranstaltung in Facebook zu gründen wäre
beispielsweise eine sehr gute Idee die Jugendlichen zu erreichen (z.B. Jugendforum/Jugendhearing
Emmendingen hat viele Fans auf Facebook178). Denn die allermeisten Jugendlichen gehen heutzutage
fast täglich in diese „online Welt“.
Auch die richtigen „Paten“ und „Helfer“ sind ganz entscheidend für das Gelingen des Projekts, denn
es gibt immer, in jeder Gemeinde Erwachsene, die unterschiedlich gut mit den Jugendlichen
umgehen und Arbeiten können. Wie bereits gesagt, sollte auch der Moderator mit Bedacht gewählt
werden. Menschen aus dem Bereich der Jugendarbeit, die viel Erfahrung im Umgang mit
Jugendlichen haben und auch mit Gruppen wie den Hedonisten gut umgehen können, wären
vermutlich gute Helfer, sowohl als Berater in den Gruppenprojekten, als auch als Moderatoren.
„Wir setzen uns für die Interessen der Jugendlichen […] ein:
Jeder Jugendliche kann bei uns seine Wünsche und Vorschläge äußern und evtl. zusammen mit
anderen Jugendlichen im Jugendforum umsetzen.“ 179
Dieses Zitat erscheint groß auf der Seite des Jugendforums in Darmstadt. Doch es kann keiner den
Jugendlichen der Stadt garantieren, dass sie wirklich Gehör bei den Erwachsenen bekommen. Dies
kann in keinem JuFo garantiert werden, denn es existieren bislang keine Regeln, auf die sich die
Jugendlichen berufen könnten. Die Gemeinde kann somit ein JuFo ganz nach den eigenen Wünschen
kreieren und führen.
177
vgl. anonymes Gespräch mit einer Jugendreferentin (24.05.12)
178
vgl. http://www.facebook.com/pages/Jugendhearing-Emmendingen/171625669562650 (26.02.12)
179
http://www.jugendforum-darmstadt.de/ (26.04.12)
4. Fazit
4.1. Vergleich der Partizipationsmöglichleiten in Bezug auf die Kriterien
Ich werde nun im folgenden Abschnitt meiner Arbeit die beiden Partizipationsmöglichkeiten
Jugendgemeinderat und Jugendforum in Bezug auf die zuvor aufgestellten Kriterien direkt
vergleichen.
Mein Kriterium Nummer 1 für die gelingende Partizipation besagte, dass möglichst viele
Jugendliche angesprochen werden und sich an der Partizipation beteiligen.
In Bezug auf den JGR sehe ich dieses Kriterium nicht als erfüllt, denn die Wahlbeteiligung und
auch die Anzahl an Kandidaturen für viele JGR gehen immer weiter zurück was ein Indikator
dafür darstellt, dass viele Jugendliche dieses Modell nicht annehmen um sich politisch zu
beteiligen.
Wird das JuFo betrachtet, so komme ich zwar zu dem Schluss, dass „theoretisch“ sehr viele
Jugendliche angesprochen werden könnten, denn in dem flexiblen JuFo kann jeder individuell in
der Gruppe im individuellen Zeitraum sein Projekt ausarbeiten. Doch gibt es kein Beweismaterial
für Erfolge von JuFos, oder Statistiken von Beteiligungszahlen, die wirklich belegen könnten, dass
viele Jugendliche im JuFo aktiv sind.
Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass möglichst die ganze Altersspanne, also möglichst 12 bis
25jährige angesprochen werden.
Wird der JGR betrachtet, so kommt es stark auf das Wahlverfahren des JGR an. Denn insofern
kann das Kriterium einerseits, wenn nämlich das Wahlverfahren so aufgebaut ist, dass das
Wahlalter eine große Altersspanne umfasst, erfüllt sein aber andererseits auch nicht erfüllt sein,
wenn das Wahlalter entsprechend begrenzt wird z.B. wenn die Wahlen über die Schulen
organisiert sind und nur bestimmte Klassenstufen wählen dürfen (in Weingarten beispielsweise
nur Klassenstufe 8). Ob dieses Kriterium also nun erfüllt wird oder nicht hängt von dem
jeweiligen JGR und dessen Wahlverfahren ab.
Beim Modell des JuFo ist dieses Kriterium meiner Meinung nach weitgehend erfüllt, denn jeder
Jugendliche der Kommune, egal welches Alters, kann dort sein Projekt ausarbeiten und zu Gehör
bringen. Im JuFo Sigmaringen beispielsweise wird dieses Kriterium recht gut erfüllt, hier sind
Jugendliche von der 7. Bis hin zur 12. Klasse aktiv.
Das Kriterium Nummer 2 ist, dass das Partizipationsmodell eine langfristig angelegte
Partizipation ermöglichen sollte, sodass die Jugendlichen sich dauerhaft an der Politik beteiligen.
Beim Beteiligungsmodell JGR ist dieses Kriterium in meinen Augen nur zur Hälfte erfüllt.
Natürlich wird eine langfristige Partizipation ermöglicht (je nach Kommune entsprechend 2 bis 5
Jahre, die die Jugendlichen einen Sitz im JGR haben) und somit sind die Jugendlichen langfristig
politisch aktiv. Andererseits muss man sagen, dass nur die wenigen Jugendlichen, die im JGR
sitzen, auch wirklich politisch aktiv werden. Alle anderen Jugendlichen der Stadt sind nach wie
vor nicht beteiligt und haben bis zu den nächsten Wahlen (die ja erst einige Jahre später sind)
keine Chance hierzu. Das JuFo erfüllt das Kriterium aus meiner Sicht besser, denn im JuFo kann
jeder mitmachen und das jederzeit und solange er oder sie will. Die langfristige Beteiligung ist
nicht wie beim JGR „gesichert“, durch eine feste Amtszeit, dennoch ist eine langfristige
Beteiligung auch im JuFo möglich. Dem Engagement im JuFo sind keine Grenzen gesetzt,
engagierte Jugendliche können sich insofern dauerhaft beteiligen, dass sie nach der Ausarbeitung
des ersten Projekts ein Weiteres beginnen können usw. Jedoch erfüllt das JuFo andererseits nur
in der Theorie problemlos dieses Kriterium – in der Praxis ist es schwer festzustellen wie
langfristig die Beteiligung der Jugendlichen wirklich ist.
Das folgende Kriterium Nummer 3 besagt nun, dass das Partizipationsmodell Spontanität und
Spielraum der Projekte zulassen sollte. Es besagte auch des Weiteren, dass eine
Partizipationsform ganz nach den Interessen der Jugendlichen gestaltet werden sollte und immer
nach deren Bedürfnissen auch weiterentwickelt und verändert werden können sollte.
Der JGR kann diesem Kriterium aus meiner Sicht nicht entsprechen, da er eine festgelegte Form
der Partizipation ist und diese konventionelle Form sich schlecht verändern lässt. Der JGR
bedeutet eine langfristige feste Bindung, denn durch die lange Zeit, in der die Jugendlichen fest
in das JGR-System der Gemeinde eingebunden sind, denke ich, dass man kaum von Spontanität
oder Flexibilität bei diesem Partizipationsmodell reden kann.
Das JuFo erfüllt dieses Kriterium aus meiner Sicht. Es ist ein Spielraum für die Jugendlichen
vorhanden. Denn im JuFo kann mitmachen wer will, kann hinzukommen, wer will, und kann
aussteigen, wer will. Die Partizipationsform des JuFos kann man also als ziemlich flexibel
bezeichnen. Des Weiteren kann das JuFo theoretisch auch durch den größeren
Handlungsspielraum auch in seinen Regeln und Anwendungen verändert werden. Doch dies ist
wiederum nur die „Theorie des JuFo“, in der Praxis zeigen Beispiele wie Sigmaringen, dass in
keinem JuFo ausgeschlossen ist, dass das JuFo in eine „feste Form“ hineingezwungen werden
könnte. Sigmaringen ist wie gesagt das beste Bespiel für ein JuFo in dem es keinen
Handlungsspielraum für die Jugendlichen gibt. Zusammengefasst kann man also sagen, dass eine
gute Chance besteht, dass das JuFo dieses Kriterium erfüllt, jedoch gibt es keine Gewährleistung
oder Garantie hierfür.
Das vierte Kriterium besagt, dass es bei der gelingenden Partizipation auf keinen Fall passieren
darf, dass durch die Beteiligung Jugendliche ausgenutzt werden.
In Bezug auf dieses Kriterium schneiden beide Modelle schlecht ab. Sowohl in einem JGR als auch
in einem JuFo kann es theoretisch passieren, dass die Leitung durch die Erwachsenen so geregelt
ist, dass die Jugendlichen den Erwachsenen untergestellt werden. Durch eine „extreme
Rangordnung“, die den Erwachsenen die Möglichkeit gibt, über die Projekte der Jugendlichen zu
bestimmen, beispielsweise indem ihnen eine Tagesordnung der Sitzungen aufgedrängt wird,
oder wenn sie in Projektgruppen mit bestimmten Themenbereichen gezwungen werden. Diese
Arbeit, die die Jugendlichen in solchen Fällen vollbringen würden würde also vor allem den
bevormundenden Erwachsenen zu Gute kommen, denn sie könnten deren Arbeit lenken und so
zum eigenen Vorteil nutzen, also z.B. die Jugendliche Projekte planen lassen, die eigentlich die
Verwaltung planen müsste etc. Eine solche Ausnutzung kann sowohl in Jugendgemeinderäten als
auch in Jugendforen stattfinden. Als Beispiele hierfür sehe ich den JGR-Weingarten und das JuFo
Sigmaringen, in beiden Fällen wird die Tagesordnung der Sitzungen von einem Erwachsenen
entworfen und die Jugendlichen können nur bedingt Einfluss auf die Themen der Sitzungen
haben.
Kriterium Nummer 5 der Bewertungskriterien ist, dass das Partizipationsmodell die „breite Basis“
der Jugendlichen, das heißt Jugendlichen aller Altersgruppen, Jungen und Mädchen, aus allen
sozialen Schichten usw. ansprechen sollte.
In Hinsicht auf dieses Kriterium schneidet in meinen Augen das JuFo besser ab. In den JGR
können zwar in vielen Fällen auch sehr unterschiedliche Jugendliche hineingewählt werden, doch
ich bin der Meinung, dass viele Gruppen von Jugendlichen, die z.B. aus den unteren sozialen
Schichten kommen oder ein niederes Bildungsniveau haben, eher weniger durch einen JGR
vertreten werden können. Für viele Jugendliche ist beispielsweise schon die lange Amtszeit so
abschreckend, dass die Mitgliedschaft im JGR gar nicht erst in Frage kommt. Das JuFo hingegen
bietet die Möglichkeit, dass jeder Jugendliche individuell an seinem Vorschlag arbeiten kann, was
theoretisch dazu führt, dass die „breite Basis“ der Jugendlichen durch diese Partizipationsform
angesprochen werden kann, denn jeder, egal woher er kommt, wohin er geht oder wer er ist,
kann hier sein „Ding“ machen und hat trotzdem Chancen auf Erfolg. Die Grenze der Aussage „das
JuFo kann alle Jugendlichen ansprechen“ muss natürlich beachtet werden, denn es ist für die
Jugendlichen, gerade für die aus unteren Gesellschaftsschichten oder für bestimmte Milieus
(Hedonisten und Konsum-Materialisten), immer schwer einfach loszugehen und auf die
Verantwortlichen des JuFos in ihrer Stadt zuzugehen um zu beschließen, dass sie ein Projekt
ausarbeiten wollen. Einige trauen es sich aufgrund von Druck vonseiten der Clique (die die ganze
Politik ablehnt und als absolut „uncool“ ansieht) nicht den Schritt in Richtung Partizipation zu
wagen. Andere haben wieder eigene Gründe, sie wollen beispielsweise die Stadt sowieso bald
verlassen wenn sie mit der Schule fertig sind und sind deshalb nicht an den Veränderungen
interessiert, um sich nicht zur Partizipation „berufen“ zu fühlen.
Ob die Partizipationsmodelle das Kriterium Nummer 6, dass nämlich ein Partizipationsmodell
zeit- und altersgemäß sein muss erfüllen, dies ist schwer zu beurteilen, da die Adjektive
„zeitgemäß“ und „altersgemäß“ nur schwer zu definieren sind. Als zeitgemäß versteht man im
Zusammenhang mit den Partizipationsmodellen, dass das Partizipationsmodell modern und an
die Zeit und Lebensumstände der Jugendlichen so angepasst ist, dass es für die jungen Menschen
also attraktiv ist. In Bezug auf diese Definition könnte man zu dem Ergebnis gelangen, dass die
konventionelle Form des JGR für die „Jugend von heute“ nicht mehr zeitgemäß ist, da es nur
schwer in den „Lifestyle“ der jungen Menschen passt, da die Jugendlichen heute aus meiner Sicht
keine Lust auf „die Jugend im Sitzungssaal verbringen“ haben. Ob der JGR wiederum altersgemäß
ist, dass kommt auf das Wahlverfahren und das passive Wahlrecht der jeweiligen Kommune an
und kann somit zutreffen oder auch nicht (Beispiel hierfür wäre Weingarten: nur die 8-Klässler
dürfen wählen).
Ob die Beteiligungsform des JuFo nun „zeitgemäß“ ist ebenfalls schwer zu beurteilen. Aber ich
vermute, dass das JuFo aus der Sicht der Jugendlichen wesentlich „zeitgemäßer“ ist als der eher
konservative JGR. In den lockeren und spontanen „Lifestyle“ passt es vermutlich besser. Dass das
JuFo altersgemäß ist, ist sehr wahrscheinlich – denn alle Jugendlichen aller Altersklassen können
im JuFo ihren Projekten nachgehen, es gibt keine Altersbeschränkung. Sigmaringen ist, wie
bereits bei Kriterium 2 angesprochen, ein Beispiel dafür, dass sich eine große Altersspanne von
Jugendlichen von dem JuFo angesprochen fühlen können. Das JuFo könnte diese Kriterien aus
Sicht der Jugendlichen also erfüllen, jedoch kommt es natürlich auf das jeweilige JuFo, dessen
Organisation und die betreuenden Erwachsenen an. Die Erfüllung des Kriteriums ist also in der
Praxis auch beim JuFo nicht garantiert.
Kriterium Nummer 7 besagt, dass die Ergebnisse, die die Jugendlichen durch die Partizipation
erzielen Konsequenzen haben müssen. Damit die Jugendlichen sich ernst genommen fühlen.
In Bezug auf dieses Kriterium kann man zu beiden Partizipationsmodellen keine Aussage machen.
Bei beiden Formen ist es möglich, dass die Erwachsenen der Gemeinde so oder so mit den
Jugendlichen und deren Arbeit umgehen – eine allgemeingültige Aussage lässt sich nicht treffen.
Allgemein kann man nur sagen, dass immer bei jedem JGR und jedem JuFo das Risiko besteht,
dass dieses Kriterium nicht erfüllt wird.
Ein weiteres Kriterium, Kriterium Nummer 8, lässt sich wie das vorhergegangene Kriterium nicht
allgemeingültig beantworten. Dass nämlich der Einfluss von Erwachsenen auf die Arbeit von
Jugendlichen so gering wie möglich bleibt, und sie immer nur als Berater und Unterstützer, nie
aber als Übergestellte Leiter sich in die Partizipation einmischen, dies allgemeingültig zu
beantworten ist nicht möglich. Sowohl im JuFo als auch im JGR können sich die Erwachsenen in
die „Angelegenheiten“ der Jugendlichen einmischen, beispielsweise durch das Leiten der
Sitzungen durch einen Erwachsenen, die Projektverteilung durch einen Erwachsenen oder das
Vorschreiben einer Tagesordnung durch einen Erwachsenen. Es besteht als wiederum ein Risiko,
in jeder Gemeinde, dass dieses Kriterium nicht erfüllt wird. Wie bereits angesprochen, sehe ich
dieses Kriterium weder im JGR Weingarten noch im JuFo Sigmaringen als erfüllt. In beiden Fällen
haben Erwachsene großen Einfluss auf die Arbeit der Jugendlichen, sie können die Jugendlichen
in meinen Augen kontrollieren und ihnen beispielsweise Aufgaben auferlegen, auf die sie keine
Lust haben.
Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass das Partizipationsmodell unmittelbar im direkten Umfeld und
Alltag der Jugendlichen ansetzen sollte.
Dadurch, dass die Jugendlichen in der heutigen Zeit möglichst viel Freiheit und Spontanität in
ihren Alltag einbauen und dabei gegenüber Belastungen eher flexibel bleiben wollen, komme ich
zu dem Schluss, dass der JGR diesem Kritikpunkt eher weniger entspricht. Im JGR müssen die
Jugendlichen sich für einige Zeit verpflichten und werden auch in Bezug auf Projekte, festgelegte
Sitzungen und Regelmäßigkeit in eine feste Form gedrängt, was aus meiner Sicht nicht gerade
das ist, was die Jugendlichen der heutigen Zeit sonderlich mögen.
Das JuFo hingegen ist in Bezug auf dieses Kriterium dem JGR ein Stück voraus – im Prinzip hat
dieses nämlich eine sehr flexible Form und arbeitet weniger mit festgelegten Regeln und
Vorschriften als der JGR. Das ist wahrscheinlich ein Pluspunkt aus der Sicht der Jugendlichen.
Doch auch hier muss wieder zwischen dem „Modell des JuFos“ und der tatsächlichen Umsetzung
des Modells in der Realität differenziert werden. Man kann demnach auch beim JuFo nicht mit
100%tiger Sicherheit davon ausgehen, dass dieses Kriterium erfüllt wird, denn es gibt eben auch
JuFos, die die flexible Form eher ablehnen (Bsp. Sigmaringen: dauerhafte Beteiligung in AGs,
Anwesenheit Kontrollen etc.). Zwar ist es eher wahrscheinlich, dass das Kriterium bei einem JuFo
erfüllt wird, doch es ist nicht garantiert.
Kriterium Nummer 10 besagte, dass die Jugendlichen durch die Partizipation mi dem
Partizipationsmodell etwas für die Zukunft lernen sollen, das für sie im späteren Leben einen
Nutzen haben sollte.
Der JGR erfüllt in meinen Augen dieses Kriterium, denn in ihm lernen die Jugendlichen wie in der
Politik z.B. in einem Gemeinderat gearbeitet wird und haben so schon im Jugendalter Erfahrung
mit dem Aufbau dieser Form von Politik gemacht. Außerdem lernen die Jugendlichen die
Arbeitsweise und den Umgang mit dem Erwachsenen beispielsweise aus dem Gemeinderat
kennen, sie lernen politische Projekte auszuarbeiten und zu präsentieren.
Das JuFo erfüllt dieses Kriterium im Vergleich zum JGR nur teilweise, denn die Jugendlichen
lernen die Politik nicht von der Seite kennen, wie sie sie später als Erwachsene erleben werden.
Doch im JuFo lernen die Jugendlichen auch den Umgang mit Erwachsenen kennen und sie lernen
ebenso das Präsentieren der eigenen Arbeit – nur ist eben im Normalfall, da das Engagement im
JuFo nicht dauerhaft ist, der Lerneffekt im JGR größer.
Das elfte und letzte Kriterium besagt, dass auch schon die ganz junge Generation durch das
Partizipationsmodell zur Beteiligung inspiriert werden sollte, also dass das Partizipationsmodell
in Bezug auf das Alter nach unten hin offen gestaltet werden sollte.
Der JGR kann dieses Kriterium erfüllen indem er das aktive und passive Wahlrecht weit unten
ansetzt, sodass eine Beteiligung der Jüngeren gut ermöglicht wird. Doch die Erfüllung dieses
Kriteriums ist beim JGR nicht gewährleistet – je nach Kommune variieren die Wahlrechte und so
besteht wiederum ein Risiko, das der JGR dieses Kriterium nicht erfüllt.
Im JuFo hingegen können im Normalfall alle Jugendlichen ihre Projekte beginnen, egal welches
Alter sie haben. Somit müsste das JuFo theoretisch dieses Kriterium erfüllen. Wie jedoch die
Umsetzung des Partizipationsmodells vor Ort in den Gemeinden ist, kann wiederum nicht
kontrolliert werden, und somit ist es auch möglich, dass das Kriterium z.B. wenn die
erwachsenen Begleiter 10jährige, die ein Projekt beginnen wollen abweisen, doch nicht erfüllt
wird.
4.2. Ist eine Partizipationsform geeignet um das Verhältnis der
Jugendlichen zur Politik zu verbessern?
4.2.1. Erfüllt eine Partizipationsform die Kriterien als „gutes“ Partizipationsmodell?
Meine Untersuchungen führten für mich nun zu einem Ergebnis, das ich im folgenden Fazit zum
Thema „Partizipationsmodelle“ zusammengefasst wiedergeben will.
Die beiden Partizipationsmodelle in Bezug auf die allgemeinen Kriterien für gelingende
Partizipation
Wenn ich die beiden Partizipationsmodelle neben die Kriterien für gelingende Partizipation lege
und die Auswertung betrachte, so stelle ich fest, dass
1. Beide Partizipationsmodelle sind auf ihre Art und Weise sinnvoll – sie zielen auf
unterschiedliche Jugendliche und unterschiedliche Lerneffekte ab, doch beide haben Schwächen
und können sich auch negativ für sie beteiligten Jugendlichen auswirken.
Während der JGR eher traditionelle und hochgebildete Jugendliche anzieht, ist das JuFo
vermutlich ein Partizipationsmodell für eine größere Gruppe von Jugendlichen. Der JGR fasst eine
langfristige und sehr stark an der „Erwachsenenpolitik“ orientierte Partizipation ins Auge, das
JuFo ist eher kurzfristig und spontan und passt sich an den „Lifestyle“ der Jugendlichen an. Die
Schwächen der beiden Partizipationsmodelle sind im Grunde jedoch dieselben: Da keine Regeln
oder Rechte für Jugendliche bei der Partizipation existieren, können die leitenden Erwachsenen
der Gemeinde (häufig der Bürgermeister) mit der Partizipation machen was sie wollen. Damit ist
gemeint, dass sie die Jugendlichen auch ausnutzen können, ihnen beispielsweise Aufgaben
übertragen können, die die Jugendlichen kaum interessieren, oder sie einfach deren Arbeit
unbeachtet lassen. Kurz, dass sie den Jugendlichen das Gefühl geben, dass ihre Meinung und
Arbeit für sie nichts zählt.
2. Keines der beiden Partizipationsmodelle erfüllt alle Kriterien.
Nun muss man natürlich bedenken, dass es zu viel verlangt wäre, dass ein Modell wirklich alle
Kriterien erfüllt – dies ist wahrscheinlich kaum erfüllbar.
3. Beide Partizipationsmodelle erfüllen jedoch wichtige Kriterien nicht, meiner Ansicht nach
erfüllt keines der beiden Modelle alle Kriterien, die wichtig wären um das Partizipationsmodell
als „gut“ einzustufen und es als Basis in jeder Kommune einzuführen. Ich bin der Meinung, dass
zumindest die ersten fünf Kriterien für gelingende Partizipation erfüllt sein sollten. Diese
Kriterien, dass sich nämlich erstens die Jugendlichen angesprochen fühlen, zweitens die
Jugendlichen allen Alters angesprochen fühlen, drittens die Partizipation eine Partizipation auf
Dauer ist, viertens alle verschiedenen Jugendlichen aus allen sozialen Schichten und Milieus an
der Partizipation teilhaben können und fünftes die Ausnutzung und Kontrolle durch die
Erwachsenen ausgeschlossen ist, sind Basis der Partizipation von Jugendlichen. In einem Satz
zusammengefasst werden durch das JuFo und den JGR zu wenige Jugendliche angesprochen und
ach in Bezug auf die Milieus fühlen sich bei diesen Partizipationsmodellen zu wenige Jugendliche
zu der Beteiligung hingezogen.
4. Das zentrale Kriterium, dass das Partizipationsmodell nämlich das „Verhältnis von
Jugendlichen zur Politik verbessern sollte“ wird durch keines der Modelle garantiert erfüllt.
Ich muss deshalb aus meiner Arbeit das Fazit ziehen, dass keines der beiden Modelle zum
jetzigen Zeitpunkt die „Lösung“ zum Verbessern der Einstellung Jugendlicher zur Politik ist.
Weder der JGR noch das JuFo erfüllen meine Kriterien so, wie ich es erwartet hätte. Ich halte
nach wie vor die Partizipation für die ideale Lösung um das Problem der Politikverdrossenheit zu
bekämpfen. Aber aufgrund meiner Nachforschungen musste ich nun eindeutig feststellen, dass
alles nicht so einfach ist, wie man sich das zunächst vorstellt. Das große Problem sehe ich nach
wie vor darin, dass keine Regeln oder bundesweit/landesweit vorgeschriebenen Gesetze
existieren, die helfen würden, dass möglichst viele Kriterien erfüllt werden würden.
Beispielsweise, dass ein Jugendlicher die Tagesordnung des JGR entwirft und ein Jugendlicher,
oder zumindest ein Vermittler den Vorsitz über ihn führt, dies wären Möglichkeiten um gewisse
Kriterien zu erfüllen. Im JuFo könnte fest eingeführt werden, dass Jugend-Referenten die Arbeit
der Jugendlichen betreuen und dass die Jugendlichen nach spätestens 2 Monaten eine
schriftliche Rückmeldung auf ihre Vorstellung des eigenen Projekts erhalten. Es können sicherlich
viele Lösungsansätze geschaffen werden, doch es muss einerseits Fachkräfte geben, die diese
Lösungsansätze entwickeln und andererseits Kommunen bzw. Politiker in den Kommunen geben,
die diese Kritik und die Lösungsansätze ernst nehmen und entsprechend beherzigen.
Natürlich könnte man nun sagen, dass alles, was ich vorschlage nur „Wunschdenken“ ist und
dass es aufgrund von materiellen und finanziellen Ressourcen in einer Kommune nie möglich sein
wird so viel „Energie“ für ein Thema wie Partizipation aufzubringen. Doch ich hoffe, dass es in
Zukunft mehr Bürgermeister und Politiker geben wird, denen das Thema Partizipation wirklich
am Herzen liegt und die es nicht nur als Bonuspunkt in ihr Wahlprogramm schreiben wollen.
Letztendlich muss jede Kommune Prioritäten setzen, wie sie ihr Geld ausgibt und ob sie
beispielsweise eine extra bezahlte Person in der Kommune, die sich nur mit diesem Thema „Wie
partizipieren wir die Jugendlichen der Kommune?“ beschäftigt, einstellt oder nicht.
4.3. Zukunftstrend – Bleiben Jugendliche und Politik zwei Welten?
Politik ist „out“ – das ist der aktuelle Trend, doch eine Trendwende ist nicht ausgeschlossen!
Jugendliche beim Thema Politik mit ins Boot zu holen, ist keine und wird auch in Zukunft keine
einfache Aufgabe werden. Denn es ist schwer Jugendliche dauerhaft zu begeistern und ihren
Erwartungen zu entsprechen. In meinen Augen ist Partizipation auch in Zukunft die vermutlich
einzige Lösung um genau dies zu bewirken.
Da ich in meiner Arbeit zu dem Schluss gekommen bin, dass von den bereits existierenden
Partizipationsformen keine wirklich die Lösung für das Problem der Politikverdrossenheit ist,
habe ich mir natürlich letztendlich die Frage gestellt, was man wohl in Zukunft tun kann, dass
Partizipation für Jugendliche attraktiv und sinnvoll wird. Wie kann man für die Jugendlichen den
Impuls geben, dass sie auf die ganze „Politik-Geschichte“ Lust bekommen? Die Beantwortung
dieser Fragen ist zwar nicht Teil meiner Arbeit, dennoch will ich kurz ansprechen, wie ich mir die
Partizipation der Zukunft vorstelle.
Der baden-württembergische Jugendbeauftragte Udo Wenzl, der seit Jahren Fachmann für das
Gebiet „Partizipation von Jugendlichen“ ist, bietet beispielsweise in Kommunen an, das
„Gesamtpaket“ in Sachen Partizipation zu schaffen. Bei seinen aufwendigen Projekten analysiert
er zunächst die Kommune und deren Jugendliche und schneidert dann ein Partizipationsmodell
nach Maß für dies jeweilige Kommune. Attraktive Angebote in den Kommunen wie spannende
Projekte zum Thema Politik könnten einerseits den Impuls geben, dass Politik interessant sein
kann. Projekte wie „Deine Stimme“, bei dem Jugendliche im Internet zu ihrer politischen
Meinung und zu politischen Verbesserungsvorschlägen in der Region aufgerufen werden, können
den Jugendlichen das Gefühl geben, das ihre Meinung den Erwachsenen wichtig ist. Auf solche
Politikbeteiligungswerkstätte, die beispielsweise an Schulen durchgeführt werden könnten (oder
bereits mit Erfolg durchgeführt werden!) und zusätzlich auf Umfragen wie „Deine Stimme“, die
das Meinungsbild der Jugendlichen wiederspiegeln, kann dann sehr gut die Partizipation folgen.
Udo Wenzls Projekte sind immer mit großen Erfolgen und hohen Beteiligungszahlen aus Seiten
der Jugendlichen verbunden. Natürlich habe ich die Arbeiten von Udo Wenzl nun nicht näher
untersucht, doch ich vermute, dass seine Projekte die sehr gute Lösung in Sachen Partizipation
sind. Er überwacht seine Projekte und steht auch den Jugendlichen immer zur Seite und lässt
keine Lücken für Ausnutzung oder Überwachung durch Erwachsene offen. 180
Ich persönlich würde mir für die Zukunft die Lösung des „Partizipationsmodellproblems“ so
vorstellen, dass es mehr kompetente Fachleute wie Udo Wenzl in unserem Bundesland geben
180
Vortrag Udo Wenzl (25.05.12), Referent für Jugendbeteiligung beim Landesjugendring Baden-Württemberg
sollte, die die Partizipation in die Hand nehmen und vorantreiben. Es ist ein langer Weg, doch
letztlich glaube ich, dass nur der Ansatz das Partizipationsmodell an die Jugendlichen anzupassen
eine Zukunft hat. Ich stelle mir also die Partizipation der Zukunft so vor, dass gute Fachleute in
eine Kommune kommen, dort genau die Jugend unter die Lupe nehmen und dann analysieren,
wie man die Jugendlichen zur Mitarbeit bewegen könnte. Nachdem ein passendes
Partizipationsmodell gefunden worden ist, sollten feste Vorschriften für dieses in Bezug auf die
Erwachsenen aufgestellt werden. Dies heißt, dass den Jugendlichen gewisse Rechte gegenüber
den Erwachsenen zugestanden werden sollten. Ansonsten wird nie ausgeschlossen werden
können, dass die Partizipation durch kontrollierende Erwachsene blockiert werden könnte und
dann die Jugendlichen durch „Nicht-ernst-genommen-werden“ demotiviert werden würden.
Zuletzt würde dann die Kluft zwischen den Jugendlichen und der Politik fast gar noch größer
werden.
Ein letzter Punkt, der für die Partizipation in der Zukunft meiner Meinung nach eine ganz
entscheidende Rolle spielen wir ist die Durchleuchtung der ganzen Partizipationsangelegenheit in
einer Kommune. Viel zu oft wird hinter Propaganda oder Wahlkampfsprüchen („Wenn ich
Bürgermeister werde, werde ich für die Jugendlichen…“) vertuscht, wie es wirklich in der
Kommun um die Jugendlichen steht. Solch ein falsches Bild von der Jugendarbeit in einer
Gemeinde gibt es wahrscheinlich oft und es ist ein schweres Hemmnis für die erfolgreiche
Partizipation. Es ist schade, wenn ein Politiker sich nur aus Wahlkampfgründen „kurzfristig
einmal“ um Partizipation kümmert um das Thema später sozusagen im Schnellverfahren, ohne
dabei an die Jugendlichen zu denken, versucht abzuhaken, damit sein Wahlkampfversprechen
erfüllt ist. Von einem solchen Verhalten hat mir ein Jugendreferent aus Baden-Württemberg im
Gespräch berichtet. 181 Ich meine im Allgemeinen, dass nur dadurch, dass wirklich von den
Politikern mit offenen Karten im Bereich der Partizipation gespielt wird, die Möglichkeit besteht,
dass in Problemfällen in eine schlechte Partizipation auch eingegriffen werden kann. Solange die
Politiker sich nicht hinter die Jugendlichen stellen und Partizipation in ihrer Kommune wirklich wollen, ist es sozusagen unmöglich die
(ohnehin schon schwere) Partizipation für die Jugendlichen dieser Kommune zu ermöglichen.
Wenn nach diesem Prinzip, dass sich Politiker wirklich für deren Wohl interessieren und ihnen die
Chance durch Partizipation geben, Partizipation ablaufen würde, dann hätte die Beteiligung aus
meiner Sicht recht gute Chance zu gelingen. Mit „gelungener“ Partizipation meine ich, dass
Jugendliche durch diese dann eine Beziehung und noch dazu eine gute Beziehung zur Politik
aufgebaut haben würden.
Entscheidende Faktoren für das Gelingen einer Partizipationsform müssen jedoch aus meiner
Sicht immer berücksichtigt werden. Die entsprechende Werbung, z.B. auf Jugendfesten, in
Schulen, in Jugendhäusern oder Vereinen der Stadt, spielen eine entscheidende Rolle, da hier alle
Milieus, und somit alle Jugendlichen, angesprochen werden kommen. Flyer und Plakate in den
Schulen, Plakate in den Jugendhäusern und Vereinen, direkte Werbung auf Partys und außerdem
mehr Berichte im kommunalen Teil der Zeitungen würden wahrscheinlich Interesse in Bezug auf
die Beteiligung an der Politik der Kommune wecken. Noch viel wichtiger ist allerdings heute die
Werbung mit den neuen Medien (z.B. das Internet), damit die Werbung bei den Jugendlichen
ankommt. Ein JuFo beispielsweise als Veranstaltung in Facebook zu gründen wäre eine gute Idee
181
Anonymes Gespräch mit Jugendreferenten aus Baden-Württemberg (25.05.12)
die Jugendlichen zu erreichen (z.B. Jugendforum/Jugendhearing Emmendingen hat viele Fans auf
Facebook 182 ). Denn die allermeisten Jugendlichen gehen heutzutage fast täglich in diese „online
Welt“.
Zuletzt hängen viele politische Projekte wie auch die Partizipation von Jugendlichen aus meiner
Sicht viel zu sehr an einzelnen Politikern wie z.B. dem Bürgermeister. Es ist in meinen Augen
traurig mitanzusehen, wie durch den richtigen Bürgermeister einer Gemeinde die Jugendarbeit
steigt oder fällt und Fachkräfte im Bereich Jugendarbeit nur Tatenlos zusehen können, da der
Bürgermeister ihr Vorgesetzter ist und sie so auf ihn angewiesen sind. Deshalb wünsche ich mir
für die Zukunft mehr Bürgermeister und Gemeinderatsmitglieder, die sich wirklich von Herzen
um uns Jugendliche und unsere Zukunft sorgen und dementsprechend auch die Partizipation in
der Gemeinde wirklich ernst nehmen.
Schluss und persönliches Fazit
Nachdem ich mich nun recht ausführlich mit dem Thema „Jugend und Politik“ beschäftigt habe,
komme ich zu dem Schluss, dass ich als „politisch interessierte Jugendliche“ wohl eher einer
Minderheit angehöre. Der Großteil meiner Generation wird als „politikverdrossen“ beschrieben,
ein Adjektiv, das leider zutrifft. Doch was kann ich als Jugendliche selbst an dieser Situation
ändern? Natürlich könnte ich ein paar Freunden die Politik ein bisschen schmackhafter machen
aber im Großen und Ganzen liegt die Macht in dieser wichtigen Angelegenheit nicht bei den
Jugendlichen selber sondern eher bei den Erwachsenen. Die Geste, dass man den Jugendlichen
die Chance zum „gehört-werden“ gibt, muss von den Erwachsenen kommen. Ich denke, sobald
diese Geste in die Tat umgesetzt wird, besteht insgesamt eine Möglichkeit, dass sich die
Jugendlichen nicht mehr ganz so weit von der Politik distanzieren.
Jugend und Politik. Momentan zwei Welten. Eine „altmodische“, „uncoole“ Welt, eine moderne
und veränderte Welt. Beide Seiten müssen die Zusammenführung dieser Welten wollen damit
eine Annäherung möglich ist. Doch diese Annäherung wird eine wichtige Bedeutung für die
Zukunft unserer Gesellschaft haben. Die Jugend von heute wird morgen erwachsen sein und
selbst die Politik machen müssen. Und nur wenn die Jugendlichen wieder einen Bezug zu der
uncoolen Politik finden, wird es mit unserer Politik in der Form, wie wir sie heute haben,
weitergehen. Von der Partizipation von heute hängt also gewissermaßen die zukünftige Politik
und somit auch die gesamte Zukunft unserer Gesellschaft ab. Das Thema Partizipation sollte
deshalb groß geschrieben werden und nicht wie in vielen Gemeinden unter den Tisch gekehrt
werden, denn unser aller Zukunft könnte von ihr abhängen.
182
vgl. http://www.facebook.com/pages/Jugendhearing-Emmendingen/171625669562650 (26.02.12)
Kritikpunkte der Arbeit
Die Shell-Studie liefert in dem Bereich, indem ich mit ihr gearbeitet habe, keine Definitionen
(siehe Beispiel „politisches Interesse“). Dies hat den Nachteil, dass durch die Beantwortung der
Fragenstellung durch die Jugendlichen zwar klar wird, wie sie sich selbst einschätzen, jedoch ist
weiterhin unklar, wie viele von ihnen beispielsweise wirklich politisch interessiert sind. Der eine
kreuzt schon „sehr interessiert“ im Fragebogen an, wenn er nur einmal die Woche die Zeitung
aufschlägt und ein anderer, der die Zeitung täglich aufschlägt, aber eine andere Vorstellung von
„politischem Interesse“ hat, bezeichnet sich nur als „durchschnittlich interessiert“ . Aufgrund von
dem Fehlen einer Definition ist deshalb die Aussagekraft der Shell-Studie begrenzt.
Die Sinus-Studie hat zunächst die gleiche Schwäche wie die Shell-Studie. Des Weiteren kommt
bei ihr noch hinzu, dass die Milieus, die in der Studie voneinander unterschieden werden, in der
Realität kaum in dieser „reinen“ Form vorhanden sind. Damit ist gemeint, dass es kaum einen
Jugendlichen gibt, der nur ausschließlich in das Bild des „Performers“ hineinpasst und sich nur
mit diesen Eigenschaften charakterisiert. Jeder Jugendliche ist individuell und kann nur schwer in
eine „Lifestyle-gruppe“ zugeordnet werden.
Im zweiten Teil meiner Arbeit habe ich mich nicht ganz so ausführlich mit dem Modell des JuFos
beschäftigen können wie mit dem Modell des JGR, da diese Beteiligungsform noch recht neu ist
und noch wenig Literatur zu diesem Thema existiert. Jedoch habe ich persönlich das JuFo in
Sigmaringen besucht und mir die Sitzung angeschaut, woraufhin ich meine Eindrücke in die
Arbeit miteingebaut habe. Somit ist jedoch mein gesamter Abschnitt zum Thema JuFo zu einem
Teil basierend auf meine persönlichen Eindrücke, die wissenschaftliche Aussagekraft ist damit
natürlich eingeschränkt. Allgemein beziehe ich mich auch in meinen Beispielen größtenteils auf
den JGR Weingarten und das JuFo Sigmaringen. Dies bedeutet, dass ich wiederum nur einen
kleinen Teil meines Themengebietes untersucht habe und dies in Bezug auf die Aussagekraft
meiner Arbeit beachtet werden muss.
Des Weiteren gibt es außerdem noch viele weitere Beteiligungsmodelle, die ich in meiner Arbeit
nicht behandelt habe wie z.B. das Jugendhearing. Es könnte sein, dass in Betracht auf diese
Partizipationsmodelle mein Urteil im zweiten Teil der Arbeit anders ausgefallen wäre.
Literaturliste
Bücher (Monographie)
Brändle, Linus (2008): Wie ticken Jugendliche? Sinus-Milieustudie U27, DAJU Verlag, St.Gallen
Chyle, Brigitte (1997): Leitfaden Partizipation – Viele Wege ein Ziel, Druckerei Riederer, Stuttgart
Fedke, Christoph (1996): Jugend als politische Herausforderung, Schulz-Kirchner-Verlag, Idstein
Fend, Helmut (1998): Eltern und Freunde – Soziale Entwicklung im Jugendalter, Verlag Hans Huber,
Kempten
Herrmann, Michael C. (1998): Zu Organisation und Bewährung von Jugendparlamenten, Difo-Druck
GmbH, Bamberg
Kroh, Martin (2006): Jugend und Politik „Voll normal!“, VS Verlag für Sozialwissenschaften,
Wiesbaden
Müller, Sebastian (2011): Jugendgemeinderäte in Baden-Württemberg und Finnland, S.11
Nohlen, Dieter (Hrsg.) und Schultze, Rainer-Olaf (Hrsg.) (2004): Lexikon der Politikwissenschaften,
C.H. Beck, Nördlingen
Schäfer, Julia (2006): Sozialkapital und politische Orientierung von Jugendlichen in Deutschland, VS
Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden
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Zitate, Vorträge und Interviews
Interview Simon Bayer (26.04.12), Mitglied JGR Weingarten
Interview Rebecca Berker (01.05.12), Mitglied JuFo Darmstadt
Interview Leopold Heckel (15.02.12), Mitglied JuFo Sigmaringen
Vortrag Udo Wenzl (25.05.12), Referent für Jugendbeteiligung beim Landesjugendring BadenWürttemberg
Gespräch mit Jugendreferenten der Kommunen Landkreis Ravensburg/Biberach/Sigmaringen
(25.05.12)
Zitat: Riegler, Anna – Kommunale Beratungsstelle für Kinder und Jugendinitiativen in Graz
Zitat: Stadtspiegel der Stadt Sigmaringen, Thomas Schärer (Februar 2012), Bürgermeister der Stadt
Sigmaringen
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Seele and Geist
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