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Die insolvente Wilhelm Becker GmbH will so schnell wie möglich

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Objekt: TWXX - Ausgabennummer: 051 - Seite: X022/ 22 - Datum: 20.12.05 - Uhrzeit: 16:32’01’’ - Belichter: FSD- Farbigkeit: CMYK- Weitere Auszüge
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Aufbruch
in Aachen
Die insolvente Wilhelm Becker GmbH will so
schnell wie möglich wieder profitabel werden.
Aus diesem Grund wurde der Tuchweber in den
vergangenen Monaten umstrukturiert. Die
Entwicklung der Aachener ist ein Musterbeispiel
für die Probleme der Textilindustrie.
Von beschaulicher Vorweihnachtszeit kann in
Aachen in diesen Tagen keine Rede sein. Die
drei Geschäftsführer der insolventen Tuchfabrik Wilhelm Becker GmbH, Peter Recker, Dieter
Biervert und Christoph Königs sowie der Insolvenzverwalter Prof. Rolf-Dieter Mönning stecken bis über beide Ohren in der Sanierung des
traditionsreichen Tuchwebers. Ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk bekamen sie aber
trotzdem. In der vergangenen Woche hat die
Gläubigerversammlung dem Sanierungs- und
Fortführungskonzept ohne Gegenstimme zugestimmt. Ziel ist es, die Sanierung des Unternehmens bis Mitte kommenden Jahres möglichst über eine Reorganisation abzuschließen.
Für das sprichwörtliche Netz und den doppelten
Boden sorgt zu einem großen Teil die Rasteder
Daun & Cie AG. Claas E. Daun hatte schon Mitte
2004, ein Jahr vor der Einleitung des Insolvenzverfahrens, alle Bank-Verbindlichkeiten der
Tuchfabrik Wilhelm Becker übernommen.
„Daun ist unser Hauptgläubiger. Dadurch, dass
Ein Teil der Produktionseinheiten wurde im Laufe des Jahres von Aachen in das
Werk Neue Palla im sächsischen St. Egidien verlagert.
er seine Forderungen momentan stehen lässt,
finanziert er den Betrieb“, erklärt Peter Recker.
Aber das ist noch nicht alles: Die Daun-Gruppe
hat bereits Interesse an der Übernahme des
Tuchwebers angemeldet, wenn das Unternehmen aus der Insolvenz entlassen wird. „Voraussetzung ist aber, dass das Sanierungskonzept
weiter zielstrebig und ohne Abstriche umgesetzt wird und dass der Turnaround gelingt“,
sagt Mönning. Bereits bei der Übernahme der
Bankschulden hatte Claas E. Daun erklärt, er
könne sich in einem späteren Schritt eine Beteiligung an Becker vorstellen, „wenn das Kartellamt mitspielt“.
Schlankheitskur. Die Schwierigkeiten, mit
denen die Tuchfabrik Wilhelm Becker zu kämpfen hat, sind schon fast symptomatisch für die
deutsche und europäische Textilindustrie: Zunehmende Konkurrenz von Billiganbietern, das
Wegbrechen europäischer Kunden und die seit
Jahren andauernde Konsumflaute. Vor einigen
Jahren machten die Insolvenzen des deutschen
Webers Wolbo und des Veredlers Otten aus Österreich Schlagzeilen – um nur zwei Beispiele zu
nennen. Bereits damals stellte sich die Frage, ob
die entgegen der landläufigen Meinung personalintensive Textilindustrie an Hochlohnstandorten überhaupt profitabel zu betreiben ist.
Für den Tuchweber Becker mit Werken in Aachen und im sächsischen St. Egidien kommt es
jetzt vor allem darauf an, das Vertrauen der
Kunden zurückzugewinnen und durch eine neue
Ausrichtung wieder zu alter Stärke zurückzufinden. Denn immerhin zählt die Tuchfabrik Wilhelm Becker zu den wichtigsten Lieferanten für
viele deutsche und internationale Konfektionäre. „Wir müssen auf individuelle Kundenwünsche eingehen und kurzfristig Modetrends umsetzen können“, erklärt Dieter Biervert, den
neuen Weg. Wenn das funktioniere, könne sich
der Tuchweber auch aus dem unteren Preisbereich und damit von riesigen Losgrößen verabschieden. Denn dort sehen die Aachener für
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Objekt: TWXX - Ausgabennummer: 051 - Seite: X023/ 23 - Datum: 20.12.05 - Uhrzeit: 16:32’27’’ - Belichter: FSD- Farbigkeit: CMYK- Weitere Auszüge
Nr. 51
22.12. 2005 TextilWirtschaft
BUSINESS
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sich keine Zukunftschancen. Recker: „Mit den
Anbietern aus Asien können wir preislich nicht
mithalten, aber wenn wir uns auf modische, anspruchsvolle Teile konzentrieren, können wir
es schaffen.“
Schritte in diese Richtung waren die Halbierung
des Produktionsvolumens auf heute 8,5 Mill.
Meter pro Jahr und die Konzentration der Kollektion. Um nach der Insolvenz-Anmeldung kontinuierlich weiter am Markt agieren zu können,
wurde im Spätsommer die Vertriebsgesellschaft Becker & Führen Tuche GmbH in Aachen gegründet. Unter dem Dach der Vertriebsgesellschaft wurden das hochwertige Label Führen und die breiter aufgestellte Wolltuch-Kollektion Becker zusammengefasst. „Künftig gibt es
für Wollstoffe nur noch die Kollektion Becker
Fabrics“, sagt Biervert. Daneben wird noch die
Baumwoll-Linie Hoon angeboten.
Mit der Zusammenführung ging auch eine Straffung der Kollektion einher. Statt früher 270 werden heute nur noch rund 160 verschiedene Stof-
fe angeboten. Die Preisrange beginnt bei 7,95
Euro pro Meter und reicht bis 13 Euro. Der
Schwerpunkt liegt bei 9 bis 10 Euro.
Der Großteil der Becker-Kunden kommt nach
wie vor aus Deutschland, wobei die HAKA-Konfektionäre zwei Drittel ausmachen, die DOB
aber deutlich zulegt, sagt Recker. Zu den Kunden der Tuchfabrik zählen der Filialist C & A
genauso wie Dressler, Boss und Windsor sowie
Escada. Gut aufgestellt sei das Unternehmen
auch bei der Fertigung von Stoffen für Corporate Fashion. Dort zählen unter anderem die Lufthansa und die Deutsche Bahn zu den Kunden.
Biervert: „Solche Stoffe müssen ganz andere
Anforderungen erfüllen, beispielsweise in Bezug auf Haltbarkeit und Strapazierfähigkeit.“
Und dann gibt es auch noch die Spezialanfertigungen für die Kunden, die die Hälfte der Produktion ausmachen. 90 % der Produktion entfallen auf Wollstoffe, der Rest sind Baumwolle und
Mischungen. Die Fertigung wurde mittlerweile
so umgestellt, dass auch kleine Losgrößen pro-
blemlos produziert werden können. Eine Mindestabnahme-Menge gibt es aber trotzdem. Sie
liegt bei 500 Metern. „Wenn wir noch kleinere
Lose anbieten, verzetteln wir uns heillos“, so
Biervert.
Die Voraussetzungen für kleinere, schlagkräftigere Einheiten wurden im Laufe dieses Jahres
geschaffen. Teils durch Verlagerung von Produktionseinheiten von Aachen ins Werk Neue
Palla in St. Egidien, teils durch die Verringerung
der Mitarbeiterzahl. In Aachen wurden in diesem Jahr 265 Mitarbeiter entlassen, in St. Egidien waren es 90. Insgesamt ist die Zahl der
Mitarbeiter von 1077 auf 700 gesunken.
Zweigleisig. Die Neue Palla ist, von den technischen Möglichkeiten her gesehen, sehr breit
aufgestellt. Neben der Stückfärberei gibt es
auch ein modernes Hochregallager, eine ausgeklügelte Logistik und seit neuestem eine Weberei. „Gerade kleine Losgrößen können wir
problemlos in Sachsen fertigen. Das wäre in
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Objekt: TWXX - Ausgabennummer: 051 - Seite: X024/ 24 - Datum: 20.12.05 - Uhrzeit: 16:33’18’’ - Belichter: FSD- Farbigkeit: CMYK- Weitere Auszüge
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BUSINESS
THEMA
Mit neuen
Konzepten
wollen die drei
Geschäftsführer Peter
Recker,
Christoph
Königs und
Dieter Biervert
(v. li) den
Turnaround
schaffen.
Aachen nicht möglich“, erklärt Recker. In den
vergangenen drei Monaten wurde deshalb die
komplette Weberei für Wolle und Baumwolle
von Aachen zur Neuen Palla verlagert. Recker:
„Das war ein enormer Kraftakt. Mit der Verlagerung von Maschinen allein ist es nicht getan. Für die Tuchmacherei braucht es auch
handwerkliches Fingerspitzengefühl.“ Von den
rund 500 Mitarbeitern der Neuen Palla sind 60
Auszubildende.
Ohne das Werk in Aachen geht es aber auch
nicht. Dort werden die großen Einheiten produziert, die nicht so viel Personal erfordern. Von
den rund 200 Beschäftigten am Stammsitz arbeiten rund 100 in der Produktion. Der Rest
kümmert sich um Entwicklung, Verkauf und
Controlling. Herzstück der Aachener Produktion ist die Garnfärberei. „Es wäre nicht auszudenken, wenn wir die nicht hätten“, sagt Biervert. Eine Verlagerung nach Sachsen kommt für
die Geschäftsführer nicht in Frage. „Das wäre
nicht einfach ein Transport der Maschinen von
hier nach da, sondern eine komplette Neuinvestition, die uns einen Betrag in zweistelliger Millionenhöhe kosten würde.“ Mit der Kombination
aus beiden Standorten könne Becker gut leben.
Einen Teil der benötigten Rohgewebe kauft die
Tuchfabrik zu. Und dort kommt dann auch wieder die Firmengruppe von Claas E. Daun ins
Spiel. Lieferant für die Rohgewebe ist das li-
tauische Unternehmen Eurotextil, eine ehemalige Tochter der Tuchfabrik Wilhelm Becker, die
allerdings schon vor der Insolvenz verkauft wurde. Käufer war die Daun & Cie AG. Eurotextil
arbeitet ausschließlich für Becker. „Theoretisch
könnten die Litauer auch Dritte beliefern, aber
wir füllen die kompletten Produktionskapazitäten aus“, sagt Peter Recker. Und noch ein Unternehmen der Daun-Gruppe steht ganz oben auf
der Lieferantenliste: Von der Kammgarnspinnerei Stöhr aus Mönchengladbach bezieht der
Tuchweber einen Großteil seiner Garne.
Schwere Jahre. Dass die Geschäftsführung
der Wilhelm Becker GmbH in diesem Sommer
den Gang zum Amtsgericht antreten musste,
hat eine Reihe von Ursachen. Hauptgrund aber
war die Errichtung der Neuen Palla im Jahr
1999. Recker: „Als die Umsätze einbrachen, war
eine Finanzierung der beiden Werke nicht mehr
möglich.“ Beflügelt durch den anhaltenden Erfolg, hatten sich die Becker-Eigentümer Josef,
Matthias und Hubert Becker zur Investition in
St. Egidien entschlossen (siehe Kasten). Ein
Fehler, wie sich herausstellen sollte. „Mit dieser
Großinvestition hatten wir uns verhoben“, sagt
Recker. In den Spitzenjahren 1998 und 1999
wurden rund 250 Mill. Euro umgesetzt, danach
ging es stetig bergab. Die Märkte sind nach und
nach weggebrochen, die Anbieter aus Osteuro-
pa wurden immer stärker. 2002 zogen sich die
Eigentümer aus der Geschäftsführung zurück
und übergaben die Firmenleitung an ein familienfremdes Management, dem auch Peter Recker angehörte. Die ersten 130 Mitarbeiter in
Aachen wurden entlassen. Ein Jahr später wurde die Belegschaft um weitere 300 Beschäftigte
verkleinert und die erfolglose Suche nach Investoren begann. 2004 übernahm die
Daun & Cie AG die Bankschulden von Becker.
Gleichzeitig reduzierten Josef, Matthias und
Hubert Becker ihre Anteile am Unternehmen
auf jeweils 5 %. Hauptanteilseigner wurden die
drei Geschäftsführer Recker (Finanzen, Controlling), Biervert (Vertrieb, Marketing) und
Königs (Technik, Produktion).
Obwohl Becker 2004 noch 115 Mill. Euro umsetzte und damit sogar ein Plus von 3 % erzielte,
ging es dem Unternehmen immer schlechter.
Und dann kam 2005 der Quotenfall. „Dadurch
haben wir im ersten Halbjahr nochmals rund
30 % Umsatz eingebüßt“, so Recker. Mittlerweile gehört den drei Geschäftsführern das Unternehmen ganz, da die Becker-Brüder noch vor
der Insolvenz ihre Anteile an sie abgegeben haben.
Mit der neuen, schlankeren Struktur und dem
veränderten Produktangebot ist die Tuchfabrik
gut aufgestellt, sind die Geschäftsführer und der
Insolvenzverwalter überzeugt. Auch wenn den
europäischen Tuchwebern in Zukunft noch ein
stärkerer Wind entgegen bläst, sieht Peter Recker trotzdem Zukunftschancen. „Es können
nicht alle Stoffe aus Asien kommen. Die großen
Konfektionäre in Europa brauchen verlässliche
Partner, die ihre Ansprüche kurzfristig und mit
viel Service erfüllen können.“ Das alles könne
die Tuchfabrik Wilhelm Becker jetzt leisten. Um
das zu zeigen, will sich der bislang als sehr verschlossen geltende Tuchweber jetzt auch in seiner Kommunikation öffnen. Recker: „Vertrauen
gewinnt man auch durch Ehrlichkeit.“ ࡯
ULRIKE WOLLENSCHLÄGER
Die Chronik des Tuchwebers Becker
1927 legte Wilhelm Becker in Aachen-Brand durch die
Gründung einer Lohnweberei mit vier Webstühlen den
Grundstock der Tuchfabrik Wilhelm Becker. Während
des Zweiten Weltkriegs ruhte die Produktion. Ab 1948
wurde wieder gefertigt. In den 50ern wurde am heutigen Hauptsitz des Unternehmens die erste Webhalle
gebaut und die Umstellung von der Lohnproduktion auf
eine eigene Produktpalette vollzogen. Die 60er Jahre
standen ganz im Zeichen des Kapazitätsausbaus. Die
Tuchfabrik wurde um eine Zwirnerei, weitere Webhallen, eine Stückfärberei sowie eine Appretur erweitert.
Anfang der 70er Jahre startete der Tuchweber die
Expansion, die bis in die 90er andauerte. Produktionsflächen wurden erweitert, Beteiligungen erworben
und Tochterfirmen gegründet. Bei ihrem 50-jährigen
Bestehen im Jahr 1977 beschäftigte die Wilhelm Becker GmbH & Co KG 480 Mitarbeiter und verfügte über
eine Kapazität von 450 000 Laufmeter Webware pro
Monat.
1985 wurde für die Fertigung günstiger Rohware in
Berlin die SWW-Spandauer Woll-Weberei GmbH & Co
KG gegründet. 1991 übernahm Becker den Tuchhersteller Gebr. Hoon aus einer Konkursmasse, um auch
Baumwollgewebe und -mischungen für die DOB-Konfektionäre anbieten zu können. 1993 wurde die Tochter Eurotextil im litauischen Vilnius gegründet, die
preiswerte Rohgewebe fertigen sollte. Vier Jahre später begann der Bau der Neuen Palla in St. Egidien. Im
gleichen Jahr erwarb Becker die Marke Führen. Damals setzten die Aachener mit 1743 Mitabeitern rund
Becker will mit dem neuem Produktangebot punkten.
252 Mill. Euro um und produzierten die Kollektionen
Becker HAKA, Becker DOB, Hoon, Führen, Palla, Futura, Königsberger und Rummeny. Im September 1999
wurde die Neue Palla mit einer Nutzfläche von 80 000
m² eingeweiht. UB ࡯
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