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Stephan Wittmer / Ramon Hungerbühler
Heiligenbildnissen
in
der
mittelalterlichen
Skulptur, so der Apostel Petrus mit dem
Tätowierungen werden noch heute in Ländern
Schlüssel, Bischof Wolfgang mit Axt und
wie in den Philippinen mit Kriminalität in
Kirchenmodell, Barbara mit dem Kelch, Verena
Verbindung gebracht. Es gibt z.B. verschiedene
mit dem Kamm, die heilige Maria Magdalena
kriminelle
die
mit dem Salbgefäss, die Heiligen Drei Könige
Tätowierung als ein Markenzeichen dient. Damit
mit ihren Gaben, ganz zu schweigen von den
kann dieser sogenannte Körperschmuck in einen
enthaupteten Märtyrern, die ihren abgetrennten
negativen Kontext fallen. Das Messer ist eine
Kopf im Arm tragen. Nackte Oberkörper kennen
klassische Waffe. Die Verbindung zwischen
wir vom gekreuzigten Jesus mit der Seitenwunde
tätowierten Körper und Messer konnotiert somit
oder von Sebastian, den mit Pfeilen gespickten
eine
Märtyrer.
Organisationen,
kriminelle
Gegenstand
und
in
denen
Verbindung
Mensch.“
zwischen
Mit
diesem
Phänomen wurde Ramon Hungerbühler, der
Wenn nun Hungerbühler Wittmers glatten und
Künstler
Textes
kahlen Körper mit seinem tätowierten Körper
konfrontiert, als er als Erwachsener erstmals die
ersetzt und das Attribut Wittmers, das Messer,
Philippinen besuchte. Was unterdessen in der
übernimmt, so hat dieser minime Eingriff
Schweiz fast alltäglich ist, nämlich seinen
weitreichende
Körper, genauer die Haut, als Träger von Bildern
Interpretationsraum ist ein anderer, weil das
und Texten einzusetzen, stellte ihn auf den
Messer in Zusammenhang mit dem tätowierten
Philippinen in die kriminelle Ecke. Wieder
Körper nicht nur auf den Philippinen, sondern
zurück in der Schweiz entstand die Fotografie
auch hierzulande die mögliche Bedrohungslage
des eigenen tätowierten Oberkörpers mit dem
verschärft. Während Wittmers Inszenierung
angewinkelten rechten Arm und dem geöffneten
harmlos erscheint, obwohl sie es nicht ist,
Messer in der Hand, den Daumen an die stumpfe
verführt Hungerbühlers Auftritt zur Ablehnung
Seite der Klinge gelegt.
durch
Der Auslöser für dieses Bild war eine identische
Aufnahmen
Fotografie von Stephan Wittmer, die vor dreissig
Attributen kippen in der Gesellschaft von Ramon
Jahren in der Ausstellung „Niklaus von Flüe
Hungerbühlers Version des Messerbildes in eine
1981“ zu sehen war. In anderen Bildern zeigte
Grauzone. „Harmloses, bitte“ hiess das erste
Wittmer andere Gegen- stände vor seinem
Buch von Erica Pedretti, das 1970 erschien.
Oberkörper: Scherben, einen Filzstift, eine
Dieser Aufforderung kommen weder Wittmer
Filmrolle, einen Schlüsselbund, eine Pinzette,
1979 noch Hungerbühler 2011 nach. Beide
Würfelzucker
verunsichern
Utensilien
und
Verfasser
dieses
beispielsweise.
erinnern
an
Wittmers
Attribute
von
den
Konsequenzen.
Betrachter.
mit
und
Auch
vermeintlich
lassen
uns
Der
Wittmers
harmlosen
zwischen
Anziehung und Abwehr schwanken. Sie müssen
sich nicht als Gekreuzigter, als Märtyrer, als
Adam darstellen, um mit nacktem Oberkörper
aufzutreten; die Alltäglichkeit ihrer Erscheinung,
die
Beiläufigkeit
ihrer
Geste
und
die
Selbstverständlichkeit, wie sie ihr Attribut
präsentieren, bringen die Atmosphäre zum
Knistern. Ihre Bilder setzen sich hartnäckig fest
und wirken nachhaltig.
Urs Sibler
Ramon Hungerbühler, geboren 1989 in Baar ZG,
lebt in Luzern, arbeitet in Luzern und Zug,
Vorkurs an der Kunstschule Wetzikon 2009/10,
Beginn des Studiums Kunst und Vermittlung,
Hochschule Luzern Design & Kunst 2011
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Seele and Geist
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