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im Bye-bye, Büro! Wie ist das, wenn man seiner Sehnsucht nach

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Neustart
im
Grünen
Bye-bye, Büro!
Wie ist das, wenn man
seiner Sehnsucht
nach einem Job mitten in
der Natur folgt?
Wir haben vier Frauen
getroffen, die den Sprung
gewagt haben – und nie
mehr tauschen würden
Erfüllter (Blüten-)Traum: Das
ehemalige Model Frederique van
der Wal, 44, handelt heute mit
nachhaltig gezüchteten Blumen
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COSMOPOLITAN
business
Bio statt BWL
Aus dem Fenster zu schauen, war
­irgendwann nicht mehr genug
August 2012
Fotos: Lukas Göbel für Cosmopolitan, Sebastian Arlt für Cosmopolitan; Haare & Make-up: David Stella/Colourful Agency
lilien statt laufsteg
Mit einer Ehrung
begann ein
neuer Abschnitt
Sie arbeitete als erfolgreiches Model,
zierte die Cover internationaler Magazine
(unter anderem das der „Cosmopolitan“),
war in Kampagnen von Revlon, Guess
und Victoria’s Secret sowie in Filmen und
TV-Sendungen zu sehen. Dann entdeckte
Frederique van der Wal ihre zweite Berufung – nachdem in ihrem holländischen
Heimatland eine Lilie nach ihr benannt
wurde. „Ich habe Blumen schon immer
geliebt und mit ihnen meine Wohnung
dekoriert, aber damals kam mir die Idee,
dass sie ein neuer Arbeitsbereich werden
könnten“, erzählt die 44-Jährige. Inspiriert von der Ehrung produzierte sie eine
TV-Dokumentation, um die unglaubliche
Reise vieler Blumen zu zeigen: von der
Zucht in Afrika über den Großhandel in
den Niederlanden bis zu einem Event in
New York. Den Irrsinn dieser weiten Wege
anzuprangern, wurde für sie zum Antrieb,
eine eigene Lifestyle-Marke zu gründen,
die für ökologisch korrekte Sträuße steht:
„Frederique’s Choice“. „Mir war wichtig,
die Strecke zwischen Anbau und Käufer
möglichst kurz zu halten und nur abbaubare Materialien für die Verpackung
zu verwenden“, so die Geschäftsfrau und
Mutter einer Tochter. Seit dem Launch
des Online-Handels im Frühling 2008 hat
sie eine wachsende Zahl an Fans und
erweitert ihr Sortiment ständig.
„Modeln hat manchmal etwas Oberflächliches, das wollte ich zunächst mit
einem Studium kompensieren. Dann
merkte ich, dass ich meinen Namen für
etwas Sinnvolles nutzen kann“, erzählt
Frederique van der Wal, die ihre frühere
Karriere als Türöffner für Business- und
Charity-Projekte sieht. „Der Blumenhandel ist die logische Fortführung meines
Lebens. Die Natur bedeutet mir alles, ich
fühle mich ihr eng verbunden. Blumen
geben Freude – und davon möchte ich
möglichst viel an andere verteilen.“ Svenja Lass en
Der Schlamm, in dem sich ein paar imposante, schwarz-rosa Schweine wälzen,
kann Angelika Gsellmanns Gummistiefeln nichts anhaben. Mit großen Schritten
über­quert sie die Wiese, an deren Ende sich vier Häuschen aneinanderreihen.
Durchdringendes Gegacker ist zu hören. 1200 Hühner leben hier auf dem BioGut Herrmannsdorf in Glonn bei Mün­chen. Um sie kümmert sich die 32-jährige
Österreicherin. Ihre Stelle als Vertriebsleiterin einer Schokoladen-Manufaktur
gab sie auf, um sich ihren größten Wunsch zu erfüllen – Bäuerin zu werden.
Aufs Land zu ziehen, sei nicht immer ihr Ziel gewesen, sagt die studierte
Betriebswirtin. Sie lebte in Köln, Ecuador, Paris, Graz. Zum Sitz ihres letzten
Arbeitgebers in einem 200-Seelen-Dorf in der Steiermark pendelte sie 45 Kilometer. Einfach. Die Sehnsucht nach einem Leben in und mit der Natur wuchs
erst lang­sam. „Früher hatte ich ein Büro mit Blick ins Tal, auf Rinder und Esel.
Immer öfter habe ich hinausgestarrt, mir gewünscht, jetzt da draußen zu sein.“
Der Wunsch wurde größer, bald beherrschte er Angelika Gsellmanns Gedanken: „So richtig erklären kann ich das alles gar nicht. Plötzlich hätte ich mir am
liebsten sofort einen Bauernhof gekauft und ein neues Leben angefangen.“
Stattdessen nahm sie erst einmal eine Auszeit als Vertriebsleiterin, absolvierte
landwirtschaftliche Praktika – und landete in Herrmannsdorf.
„Da habe ich dann“, Angelika Gsellmann atmet tief ein und aus, lächelt, „ein
überwältigendes Gefühl der Freiheit gespürt.“ Kein vorhersehbarer Büroalltag
vor dem Computer. Sie kündigte die ­Vertriebsleiterstel­le, begann eine Landwirtschaftslehre. „Du schmeißt alles hin?“, fragte ihre Freundin. „Erst lassen wir
dich studieren, dann wirst du Bäuerin?“, kommentierte ihr Vater. Doch neben
Unverständnis spürte Angelika Gsellmann noch etwas anderes: Bewunderung
für ihren Mut. Im November legt die angehende Landwirtin ihre Gesellenprüfung ab. Nach einem Hof hält sie schon Ausschau.
ju l i a r ot he r b l
Happy mit ihren Hühnern – und ihrer
Berufswahl: Angelika Gsellmann,
32, macht eine Lehre als Landwirtin
COSMOPOLITAN
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business
Karriere mit
Weitblick:
Der Aufstieg
hat sich
gelohnt
Hoch hinaus: Petra Hirschfeld, 30, bewirtschaftet mit
ihrem Mann das Bodenschneidhaus in den Alpen
Rössl“ am Wolfgangsee zu wechseln.
Doch sie träumte weiterhin von mehr
Selbstständigkeit und Eigenverantwortung. Dass sich dies auf einer Alm in
1400 Meter Höhe erfüllen würde, daran
war dann wieder die Liebe schuld. TVTrennungen führen Menschen ja oft Produktionsleiter Hanno kannte Petra
auf neue Wege. Petra Hirschfeld zog es zwar schon länger, doch irgendwann
nach dem Ende einer Beziehung in die wurden aus E-Mails Besuche und mehr.
Berge. In jeder freien Minute wollte sie Schließlich suchte Petra in München eiplötzlich dort sein. Wanderungen, Hoch- nen neuen Job, um Hanno näher zu sein.
touren und Klettersteige – sie ging allein Sie fand zwar eine Stelle im Umland,
und genoss es. „Es war wie Meditation“, empfand das Ganze aber als Notlösung.
sagt sie und bekam so den Kopf frei.
Die Idee kam eines Tages per SMS:
Drei Jahre ist es her, dass die heute „Lass uns eine Hütte in den Bergen pach30-Jährige die Berge lieben lernte. Da- ten“, schrieb Hanno, der das Fernsehmals hatte die Touristik-Fachfrau gerade Business in der teuren Großstadt satt
ihren Job als „Wedding Planner“ in hatte. Es wurde das Bodenschneidhaus
einem Hochzeitsschloss aufgegeben, um im mittleren Mangfallgebirge. Eine train die Gästebetreuung des „Weissen ditionsreiche Alpenvereinshütte. Dort
wartete nach einem ruhigen Winter
schon die Feuerprobe auf das Paar. Die
Hütte wurde umgebaut und während
Nichts wie weg
aus der Stadt
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COSMOPOLITAN
die Handwerker klopften und mauerten,
musste der Betrieb in einem Küchenzelt
weitergehen. „Die Bauzeit war ziemlich
schlimm, ich war total gestresst“, sagt
Wirtin Petra heute.
Doch der Einsatz hat sich gelohnt.
Mittlerweile blitzt und blinkt eine praktische Küche im Haus, ein Koch und zugleich langjähriger Freund von Hanno
bereitet nicht nur Bergsteigeressen, sondern auch schicke Menüs zu. Das Paar
hat geheiratet und sogar ein zweites
Haus in derselben Gegend übernommen.
Nachts, wenn alle Arbeit getan ist, legen
sich die beiden manchmal still auf die
Almwiese und sehen in den Sterne: „Die
leuchten dreimal so hell wie in der Stadt“,
sagt Petra und weiß ganz sicher: Dahin
will sie nicht zurück.
e va m e s c h e d e
August 2012
Hütte statt Hotel
Meine Kinder hielten mich für total
verrückt. Sie sagten: „Jetzt genieß doch
mal dein Leben, komm zu uns und verbringe Zeit mit deinen Enkelkindern.“
Trauben statt termine
Ein neues Tempo
übernehmen
Als ihr ehemaliger Chef Christina Schallock bat, als Managerin einen Golfplatz
auf Mallorca zu führen, ging es eigentlich
nur um drei Monate. Es wurden sieben
Jahre daraus. Während dieser Zeit kaufte
sie ein Grundstück auf der Insel, wollte
es begrünen – und verwandelte es schließlich in ein erfolgreiches Weingut.
Was war die größte Schwierigkeit?
Mit den Behörden alles zu regeln
war kompliziert und ging mir zu lang-
sam. Zudem musste ich einen Kundenstamm aufbauen und die Qualität halten.
Aber mein Wein hat schon auf der ersten Messe 2004 ein Zertifikat, später
eine Medaille bekommen, das hat mich
unheimlich beflügelt. Ich möchte nichts
anderes mehr tun.
Wie haben Sie sich persönlich durch
Ihre neue Aufgabe verändert?
Ich habe immer positiv gedacht und
war gern mit Menschen zusammen, aber
meine Einstellung zu vielen Dingen hat
sich geändert. Früher ging ich oft shoppen, heute erschreckt mich der Konsum.
Zudem wird man gelassener: Was habe
ich mich früher aufgeregt, bin auf die
Barrikaden gegangen, wenn etwas nicht
geklappt hat! Von der Natur habe ich
gelernt, dass man sich Zeit lassen muss.
Würden Sie raten, einen Neustart zu
wagen, wenn sich die Chance bietet?
Ja, man sollte den Mut haben. Viele
wollen Altes nicht loslassen, ehe sie das
Neue sicher haben. Das geht aber schief.
Man muss sich trauen, eine Tür zu schließen – und anschließend nach vorne statt
zurückzublicken. Man kann nicht zwei
Dinge gleich gut machen. Mein Motto:
Fange nie an aufzuhören und höre nie
auf anzufangen.
S ve n ja l asse n C
Auf der Sonnenseite: Christina
Schallock, 69, vor
ihrer Bodega auf
Mallorca. Ihr Wein
heisst Xaloc – so
wie der Südostwind auf der Insel
August 2012
Fotos: Sebastian Arlt für Cosmopolitan, huma06.com
Sie haben mit 59 etwas ganz Neues
gestartet. Wie hat Ihr Umfeld reagiert?
Welche Eigenschaften braucht man für
den beruflichen Neustart in der Natur?
Humor und Selbstvertrauen. Es sollte
einem schon etwas gelungen sein im
Leben. Man muss psychisch stabil sowie
körperlich fit sein und Lust zum Arbeiten
haben. Die meisten Freunde bleiben ja
in der Stadt, daher hilft es, sich neue
Menschen zu suchen, die denken wie
man selbst. Es kommen Zeiten, in denen
man allein ist und Energie braucht, um
nicht in ein Loch zu fallen.
COSMOPOLITAN
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Seele and Geist
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