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Madavi, gebürtiger Iraner, sah Österreich wie - Filmarchiv Austria

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Mansur
Madavi
Madavi, gebürtiger Iraner, sah Österreich wie kein anderer: Er erzählte seine Geschichten
in Miniaturen und Ornamenten, wobei das Bild stets wichtiger war als die Sprache. 2007
präsentierte das Filmarchiv Austria mit der Schau »Die verworfene Avantgarde« einen neuen
Blick auf das österreichische Kino der 1970er-Jahre. Daran schließen wir an und wollen mit der
ersten Retrospektive der Autorenfilme von Mansur Madavi in Österreich einen der wichtigsten,
mittlerweile jedoch nahezu vergessenen Filmemacher wiederentdecken.
Es kuratieren Christian Dewald, Mansur Madavi, Olaf Möller und Dieter Schrage
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Retrospektive Mansur Madavi
Die Wahrheit des Staubs
im Sonnenstrahl
Von Olaf Möller
In den 1970ern, -80ern galt Mansur Madavi als
einer der wenigen wirklich herausragenden Filme­
macher Österreichs: International liefen seine
Werke – … DIE BLINDE EULE (1979), EIN
WENIG STERBEN (1981) und DICHT HINTER
DER TÜR (1984) … – auf vielen renommierten
Festivals, deren Jurys sie auch oft mit Preisen
bedachten, während daheim sein Schaffen von
einigen entscheidenden Filmkritikern geliebt wie
kultiviert wurde, allen voran Fritz Walden von der
Arbeiter-Zeitung, dessen enthusiastische Elogen
auf Madavi zum Rasend-Ergreifendsten der hiesigen Filmkritik gehören.
Ähnlich John Cook, Michael Pilz oder Peter
Schreiner gehört Mansur Madavi zu den Solitären
unter den Autorenfilmern: Er macht seine Filme
selber – Regie(-ko-)buchkameraschnitt, in die
Produktion ist er normalerweise auch involviert.
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Juni 2011
Madavi nimmt sein Kino radikal persönlich,
ver­sucht entsprechend, den Schöpfungsprozess
so unentfremdet-unmittelbar wie möglich zu
gestalten. Was zu einer »organischen« Art von
Filme­machen führt; nehmen wir EIN WENIG
STERBEN: Der hat nur mehr bedingt etwas zu
tun mit dem ursprünglichen Buch, die Dreharbeiten führten den Film in eine andere Richtung;
oder sein bislang letztes Werk, WITH CLOSED
EYES (1999): das »entdeckte« Madavi mehr oder
weniger vor Ort, Tag für Tag, einigen prinzipiellen
kompositorischen Prinzipien verpflichtet.
Dazu passt vielleicht folgende Anekdote, die Wilhelm Pellert einmal erzählte: Der ging mit Mansur
Madavi spazieren, und der blieb immer wieder
stehen, starrte auf ein Stück Wand, deutete einen
Kader an und sagte, »das ist Film«. Gearbeitet
in seinem Kopf hat Madavi da vielleicht an dem
Präludio-gleichen Beginn von DIE BLINDE EULE:
eine Fuge über das Motiv Häuserfassaden, die
einen sensibilisiert dafür, dass sich der Film durch
die Gegenwart, die Wirklichkeit der Dinge im Bild
erzählt – es geht um die verfließende Zeit selbst,
wie sie sich materialisiert, was sie macht mit den
Menschen.
Im Laufe seiner Entwicklung als Filmemacher
wurden Madavis Werke beständig minimalistischer, episodischer, speisten sich – verpflichtet den
Idealen des Neorealismus – stärker und stärker aus
einem ganz unmittelbaren Bedürfnis nach der Gegenwart. Heißt: klar komponiert-gesehene Bilder,
eine immer schlichtere Montage, eine beständig
einfach-reduziertere Form von Darstellerarbeit,
oft mit Laien, nur einige wenige Takte Musik,
die nicht die Stimmung kommentieren, sondern
den Rhythmus der Montage akzentuieren. Ganz
weit ging er dann in WITH CLOSED EYES, den
er im Prinzip stumm drehte und später komplett
so nachsynchronisierte, dass man die Diskrepanz
zwischen Ton und Bild ganz heftig spürt – da geht
ein unversöhnlicher Riss durch das Ganze, das
Gewebe, da will sich etwas nicht nahtlos fügen, da
zerfetzt’s die Illusion von Realität so wie damals
den Alltag von Chile, wo Madavi diese Geschichte
von der Erinnerung an die Kindheit während einer
Diktatur drehte.
Von seinem Langfilmerstling an, DIE GLÜCKLICHEN MINUTEN DES GEORG HAUSER
(1974), erzählt Madavi wieder und wieder davon,
dass am Ende alle Menschen in der Gesellschaft,
so wie sie sich uns darstellt, allein Außenseiter,
Verstoßene, Unterdrückte, Verfolgte sind in dem
Augenblick, wo sie zu sich selber finden. Das
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Retrospektive Mansur Madavi
Storyboard Mansur Madavi, DIE GLÜCKLICHEN MINUTEN
DES GEORG HAUSER, A 1974
Movens seines Schaffens ist: die Notwendigkeit
sozialer Konfrontation. Das bleibt.
Was sich über die Jahre verändert hat, ist Madavis
Art, seine Einsichten darzulegen. Seine frühen
Kurzfilme, allen voran GUCKLOCH (1969) und
HO ANTHROPOS (1970), sowie die ersten beiden Langfilme, DIE GLÜCKLICHEN MINUTEN
DES GEORG HAUSER und NOTAUSGANG
(1976), erzählen ihre Geschichten noch vergleichsweise klassisch, wenn auch, in ihren Brechungen
bzw. Verweigerungen der Konventionen, auf beständig überraschende Weise – NOTAUSGANG,
z. B., ist ein Krimi, der ausplätschert, die Lösung
ist am Ende irrelevant. Ab seinem dritten längeren
Werk ändert sich Entscheidendes: Äußerlich folgt
DIE BLINDE EULE noch einer gradlinigen Handlung, einer Recherche – ein Schriftsteller möchte
die Hintergründe des Freitodes einer jungen Frau
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klären –, gebaut ist der Film jedoch wie ein Gewebe – einzelne Bilder tauchen wieder und wieder
auf, Geschichten werden wiederholt anders erinnert, erzählt, eingefügt in die Chronologie des sich
schemenhaft abzuzeichnen scheinenden verlorenen
Lebens. Am Ende sind all diese Zu-/Ordnungsversuche: Visionen allein des Schriftstellers, von dessen begrenzter Sicht auf die Welt der Film realiter
erzählt; DICHT HINTER DER TÜR, später, ist in
gewisser Hinsicht selbst wieder eine Variation über
diese Geschichte: da wird ein Künstler heimgesucht von seinem Innersten … Und wenn wir dem
Anfang des Films folgen wollen, wo’s heißt, dass
der Künstler nur Geschichten kennt, die anders
gehen als Anfang – Mitte – Ende, dann könnte
einem hier mit einem Mal HO ANTHROPOS
vor Augen stehen mit seiner multiplen FlashbackStruktur, in der ein zum Tode Verurteilter seinen
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Programm
Retrospektive Mansur Madavi
1
Weg durchs Leben erinnert, sich die entscheidenden Momente seines Daseins noch ein letztes Mal
klärend vor Augen führt – with closed eyes stirbt
er, mehr als die russischsprichwörtlichen neun
Gramm ver­passte man ihm; der Film ist dabei
sowohl tagesaktuell (gegen die Obristendiktatur
ging’s) als auch – vielleicht – vielleicht – von einem
Vor-Bild beseelt, Robert Enricos LA RIVIÈRE DU
HIBOU (1960), der in den Sechzigern als Paradebeispiel für einen perfekten Kurzfilm galt, deshalb
Filmschülern auch immer wieder gerne gezeigt
wurde, möglicherweise auch Madavi … Manchmal suchen einen die früheren Bilder und Töne ja
heim.
Filmförderungsjahre; der Prozess, zu dem sich
die Affäre hochschaukelte, endete zwar mit einem
Freispruch, stellte Madavi aber über Jahre kalt.
LANGE SCHATTEN (1990), dann, ein Werk der
politischen Intervention/Agitation, wie’s kein zweites gibt in der 2. Republik, wurde mit ein Paar
Schilling und viel gutem Willen runtergerissen –
da mussten gewisse Sachen über den Iran mal klar
gesagt werden, und die wurden dann auch gesagt,
das war dem im Iran gebürtigen österreichischen
Staatsbürger Madavi eine Weltbürgerspflicht.
Bis WITH CLOSED EYES verging fast eine De­
kade.
Das ist jetzt mehr als eine Dekade her.
DI 14.6. 19:30
DI 21.6. 18:30
der er so gut funktioniert, eigentlich ist. Die neue
DIE GLÜCKLICHEN MINUTEN DES GEORG
Brille hilft. Im Streit werden Kehlen zerfetzt. Da
HAUSER
nimmt sich wer abends das Leben. Als er im AugenA 1974
72 Minuten
blick einer ganz eigenen Klarheit in tiefster Ekstase
REGIE, KAMERA Mansur Madavi BUCH Mansur Madavi, Dieter
Schrage, Wilhelm Diem MUSIK Ingrid Fessler, Ivan Tomek, H. KurzGoldstein MIT Walter Bannert, Ernst Epler, Lore Heuermann, Lili Glas,
Christine Heuer, Wilhelm Herzog, Dieter Schrage
Für diese Schau vom Originalnegativ neu gezogene und von Mansur Madavi lichterbestimmte
35-mm-Kopie
GUCKLOCH
A 1969
13 Minuten
REGIE, BUCH, KAMERA Mansur Madavi MIT B. Zamdy
Heimsuchungen ganz anderer Art erlitt Madavi
nach DICHT HINTER DER TÜR: Die Produk­
tion entwickelte sich zu einem Skandal der frühen
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Juni 2011
Für diese Schau digital restaurierte 16-mmKopie, ausbelichtet auf 35 mm
Georg Hauser ist ein moderner Mittelstandserfolgsmensch, dem klar wird, wie schlimm diese Welt, in
sein Auto zerstört, verschleppt ihn der Staat in eine
Nervenklinik. »Sie hat das Fassungsvermögen aller
Einkaufszentren der Stadt. Und geh’n dir die Nerven
durch, wirst du dort noch verrückter gemacht«, um
den »Goldenen Reiter« zu zitieren. Dabei weiß Georg
Hauser, dass er nicht irre ist, er wollte doch nur kaputt machen, was ihn kaputt machte, und das ist der
Besitz. Er hat es gesehen. Er will raus. Er will leben.
Doch wer seinen Besitz zerstört, der ist ein Staatsfeind. 1974 hatte man noch Bilder und Rhythmen und
Gefühle – nouveau roman meets Surrealismus –, um
so etwas kinematografisch auszudrücken. ZuminEröffnung + Buchpräsentation TaschenKino #3
»Mansur Madavi« DI, 14.6.2011, 19:30
Freier Eintritt für Mitglieder. U.a.w.g.:
01 216 13 00-112 oder reservierung@filmarchiv.at
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Programm
Retrospektive Mansur Madavi
2
3
MI 15.6. 18:00
SA 25.6. 19:00
NOTAUSGANG
A 1976
DO 16.6. 18:00
MI 22.6. 18:30
83 Minuten
REGIE, KAMERA Mansur Madavi MUSIK Hans Kann MIT Thomas
Stolzeti, Rudolf Schippel, Madeleine Klivana, Ernst Epler, Alfons
Stummer, Christian Weitzer
HO ANTHROPOS
A 1970
10 Minuten
REGIE, BUCH, KAMERA Mansur Madavi MIT Hans Lenes, Milan Dor
Für diese Schau digital restaurierte 16-mmKopie, ausbelichtet auf 35 mm
Thomas sieht und hört, wie im Tagaus-Tagein, im
Dröhnen der Datenverarbeitungsmaschinen, in der
Beständigkeit des Durchschnittlichen, im Einerlei
der Kapitalumwälzungen das Seelen- und überhaupt
Leben eines älteren Kollegen geschreddert wird
– und der einfach so weiterlebt. Da fasst Thomas
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einen Entschluss, der einfach ist und klar: Wenn in
dieser Welt allein Geld Glück schafft, dann schafft
er eben Geld heran, mit einem großen Coup, das ist
einfacher, als man meint. Denn Thomas will ja auch
nur ein Stück vom Kuchen. Das alles in ganz kühlen
Bildern, sonnenloses Gelb, das Weiß mal milchig,
dann schneidend, das Braun stumpf von Jahren des
Putzens, arg nüchtern die Kader, klar, eher weit, verloren ist man darin. Im Hintergrund wird mal gegen
den Faschismus in Chile demonstriert, dann strahlt
das Rot. Der Ermittlungsbeamte ist auch eher ein
Melancholiker, der weiß, dass es immer die Kleinen
erwischt; der hat seinen Waffenstillstand mit der Gerechtigkeit geschlossen. – HO ANTHROPOS, ein Film
über und damit gegen die Obristendiktatur in Griechenland. (om)
DIE BLINDE EULE
A 1979
89 Minuten
REGIE, KAMERA Mansur Madavi BUCH Mansur Madavi, Dieter
Schrage SCHNITT Mansur Madavi [als Serge Sidi] TON Herbert
Prasch MUSIK Heinz Leonhardsberger MIT Axel Klingenberg,
Ingeborg Aumann, Maria Martina, Rudolf Schippel, Angelika Schütz,
Margit Gara
Eines Abends setzte Marie Tischler ihrem Leben
ein Ende, indem sie sich aus einem fahrenden Zug
schmiss. Die Schuhe (mit Riemchen) und ein billiges Handtäschchen ließ sie zurück. Peter Bernhard,
Schriftsteller mit Erfolg, möchte wissen, warum: sie
diese Objekte so hinterließ, warum sie ihr Leben
wegwarf. Was für ein Leben? Marie wohnte in einem
Heim, hackelte am Fließband bei einem AV-Gerätehersteller. Die Heimleiterin hat wenig über sie zu
sagen. Dito diejenigen, mit denen sie arbeitete und
manchmal einen Umgang pflegte, den man freundschaftlich nennt. Am Ende erklärt nichts diesen letzten Akt. Vielleicht ist es aber auch so offensichtlich,
was er ausdrückt, dass es weh täte, es zu sagen. Motorsägenkreischen. Ein Zug plättet eine Münze minderen Wertes. Das Schimmern von Regenwasser. Das
stockende Sprechen, in dem das Nicht-sagen-Wollen
und -Können miteinander kämpfen. Wie Bilder und
Töne immer wieder hochkommen und nicht verschwinden, bis zum Ende. Ein Mosaik über die Endlichkeit. (om)
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Programm
Retrospektive Mansur Madavi
4
5
SA 18.6. 18:30
DO 23.6. 19:00
EIN WENIG STERBEN
A 1981
SA 18.6. 20:15
FR 24.6. 19:00
80 Minuten
REGIE, KAMERA Mansur Madavi BUCH Mansur Madavi, Dieter
Schrage SCHNITT Mansur Madavi [als Serge Sidi] MUSIK Heinz Leonhardsberger MIT Alfred Solm, Kurt Kosutic, Maria Martina, Heribert
Sasse, Inge Toifl, Axel Klingenberg
Fassaden. Sonnenstrahlen darauf. Schriften. Bröckelnder Putz. Abblätternde Farben. Auch eine Art
Schönheit. Und dann Walter Grünwald, ein alter
Mann, der sich nicht aus seinem Geburtshaus vertreiben lassen will, abgerissen werden soll’s, alle anderen sind schon anderswohin übersiedelt, allein er
harrt noch aus in jenen Gemächern, in denen er sein
ganzes Leben verbracht hat, in denen es sich entsprechend widerspiegelt. Widerstand mit der Waffe
leistet er am Ende, so lange, bis sie ihn in der Zwangsjacke wegkarren. Der Kampf war von Anfang an ver-
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loren, wenn nicht der gegen die Gesellschaft, dann
sicherlich der gegen die Zeit und das Sichselbstzersetzen aller Dinge. Das Dach war ja schon leck. Und
wenn er nachts – da konnte er raus, da bekam keiner
mit, wie er seine Wohnung verließ – durch die Gassen
spazierte, dann sah er zum Beispiel in einem Schaufenster auf mehreren Fernsehern gleichzeitig junge
Pop-Hupfdohlen, denen die Zukunft gehört. Er hatte
nur die Geschichte. (om)
DICHT HINTER DER TÜR
A 1984
87 Minuten
REGIE, BUCH, KAMERA Mansur Madavi BAUTEN Janda Kowalsky
SCHNITT Mansur Madavi [als Serge Sidi] MUSIK Heinz Leonhardsberger ANIMATIONEN Richard Fehsl MIT Erhard Pauer, Irene Kugler,
Alfred Solm, Nicola Filippelli, Karl Schmid Werter, Kurt Kosutic
Der Arzt diagnostiziert Leo als selbstzerstörerisch.
Dabei will auch Leo leben, nur wie? Mit dem Beruf
(Grafiker) ist es nicht so einfach, dito mit den Mitmenschen. Und dann diese Bilder, die vor ihm auftauchen und in denen seine Probleme eine Gegenständlichkeit bekommen, die beunruhigend, eigentlich
sogar bedrohlich ist – ein alter Mann, der Shakes­
peare zitiert vor der Wohnungstür, ein anderes Mal
öffnet sich dahinter eine Wüste, ein anderes Mal ein
Meer. Aus Wasser wird Papier. Katzenaugen schauen.
Und immer wieder ist da der Tod, aber mit dem kann
man ja reden, doch, doch. Dann brechen wieder die
Bilder herein, und es wird immer unklarer, ob’s überhaupt noch so etwas wie eine Wirklichkeit gibt jenseits der Bilder. Wobei das etwas Tröstliches hat, sich
vorzustellen, dass die Wirklichkeit weg und alles einfach nur noch Vorstellung ist und Traum. Vielleicht
findet man zur Unschuld zurück, wenn man sich den
Bildern überlässt und so die Sprache überwindet.
Eine Art Hoffnung. (om)
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Programm
6
7
MO 20.6. 18:30
So 26.6. 19:00
SO 19.6. 18:30
LANGE SCHATTEN
A 1990
79 Minuten
REGIE, BUCH, KAMERA Mansur Madavi SCHNITT Mansur Madavi
[als Serge Sidi], Robert Polak, Manou Tayab MUSIK Heinz Leonhardsberger MIT Adi Hirschal, Karin Kienzer, Erhard Pauer, Robert Polak,
Dieter Schrage
Amir und seine Freunde haben einen gerechten
Zorn auf den Ayatollah-Staat, und einen ziemlich
verschrobenen Plan, wie sie dem eine Gestalt wie
Wirksamkeit verleihen können: Ein urtrashig-schraddeliges Anti-Khomeini-Kabarett-Videobandel wollen
sie zusammenschustern, dass soll dann klandestin
im Iran die Runde machen und so halt seine zersetzende Wirkung tun. Als der iranische Geheimdienst
Wind bekommt von diesem Werk des widerständischen Witzes – Verräter gibt es immer und überall –,
beginnt die Jagd auf die jungen Leute, Blut wird flie-
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ßen. Kampfzone Kino. Ein Film wie nichts anderes
im Œuvre von Mansur Madavi: Geboren aus dem
Augenblick, eilig zusammengehauen, Unvollkommenheiten gelassen in Kauf nehmend, da steht das
Feingebaute neben dem Grobdahergezimmerten; ein
Stück Genre-Kino auch, mit sexueller Selbstbefreiung und Brecht’schen Zwischenspielen, irre steil. Ein
schwerer Brocken, Konfrontation frontal, geboren
aus der Angst. Ein Agitprop-Film. Eine Art Meilenstein. (om)
WITH CLOSED EYES
A 1999
78 Minuten
REGIE, BUCH, KAMERA, Produktion, SCHNITT Mansur Madavi
[als Serge Sidi] MUSIK Orlando F. Orellana MIT Lorenzo Montalban,
Felix Alcallaga, Ruben Fernandez, Hans Michael Diaz Espinosa,
Christian Campillay
Und wieder steigen die Bilder auf in Lorenzo, seine
Kindheit in einem wehen Weiler weit ab von allen
Straßen und Wegen wird ihm wieder gegenwärtig,
die Rituale: die Stockstreiche auf die Finger, weil er
so oft den Unterrichtsbeginn verträumte oder gleich
schwänzte, dann die dunkle Kammer, in der er stundenlang hocken musste, die Schlitze darin, auch die
Blicke durch das Loch in der Wand, hinter der sich
die Mädchen waschen, oder die Geräusche im Wind.
Eines Tages wird der Lehrer von Männern abgeholt
und kommt nicht wieder. Ein Haus zerfällt langsam,
bis es zusammenbricht. Eine Erzählung von der Eigensinnigkeit und dem Stolz, eine arme Fuge aus
Bildern und Tönen, die nicht immer zusammenpassen wollen, Materialismus der Schmerzen, in all dem:
Eine Meditation über die Gewalt, die in jedem Stockstreich steckt, die Autorität, der sie Aus- wie Nachdruck verleiht, und wie die dann eines Tages kommt
und Löcher ins Sozialgewebe reißt, Menschen tötet.
Ein Gewebe kinematografischer Wesenheiten. (om)
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