close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

1 SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 Wissen - Manuskriptdienst

EinbettenHerunterladen
SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Wissen - Manuskriptdienst
„Sprechende Medizin“
Wie Ärzte mit Patienten reden
Autorin: Sabine Stahl
Redaktion: Anja Brockert
Regie: Alexander Schuhmacher
Sendung: Donnerstag, 21.11. 2013, 8.30 Uhr, SWR 2
_________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Wissen/Aula
(Montag bis Sonntag 8.30 bis 9.00 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in
Baden-Baden für 12,50 € erhältlich.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-6030
SWR 2 Wissen können Sie ab sofort auch als Live-Stream hören im SWR 2
Webradio unter www.swr2.de oder als Podcast nachhören:
http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/wissen.xml
Manuskripte für E-Book-Reader
E-Books, digitale Bücher, sind derzeit voll im Trend. Ab sofort gibt es auch die Manuskripte von
SWR2 Wissen als E-Books für mobile Endgeräte im so genannten EPUB-Format. Sie benötigen
ein geeignetes Endgerät und eine entsprechende "App" oder Software zum Lesen der
Dokumente. Für das iPhone oder das iPad gibt es z.B. die kostenlose App "iBooks", für die
Android-Plattform den in der Basisversion kostenlosen Moon-Reader. Für Webbrowser wie z.B.
Firefox gibt es auch so genannte Addons oder Plugins zum Betrachten von E-Books.
http://www1.swr.de/epub/swr2/wissen.xml
Kennen Sie schon das neue Serviceangebot des Kulturradios SWR2?
Mit der kostenlosen SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen
Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen.
Mit dem Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen
Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert.
Jetzt anmelden unter 07221/300 200 oder swr2.de
________________________________________________________________
1
Zitator:
An diesem speziellen Tag, an dem sich das Drama abspielte, führte Dr. Levine seine
Visite in der Ambulanz noch rascher als gewöhnlich durch. Am Bett der Patientin blaffte
er kurz, dass dies ein Fall von TS, der medizinische Jargon für
Trikuspidalklappenstenose, sei. Als etliche Ärzte nach seinem Weggang noch
herumtrödelten, um die Herzgeräusche abzuhören, wurde die Frau immer ängstlicher
und aufgeregter. Als wir endlich alleine waren, murmelte sie: „Das ist das Ende!“ (1)
Sprecherin:
Der herzkranken Patientin stockte der Atem. Sie war überzeugt, TS heiße „Terminale
Situation“ und bedeute, dass sie sterben müsse. Der Kardiologe Bernard Lown, der bei
jener Visite dabei war, wollte ihr die medizinische – ganz und gar nicht
lebensbedrohliche – Bedeutung dieser Abkürzung erklären ...,
Zitator:
… aber sie hörte mir nicht länger zu. Alle meine Beschwichtigungsversuche blieben
erfolglos. Ich merkte mit Bestürzung, dass ihre Atmung angestrengt und rasch wurde.
(1)
Sprecherin:
Einige Stunden später erlag die Frau einem Lungenödem.
Ansage:
„Sprechende Medizin“ - Wie Ärzte mit Patienten reden. Eine Sendung von Sabine Stahl.
Sprecherin:
Die dramatische Geschichte der Patientin, der die Angst den Atem nahm, stammt aus
dem Buch „Die verlorene Kunst des Heilens“. Der berühmte amerikanische Kardiologe
und Friedensnobelpreisträger Bernard Lown zeigt darin, wie verheerend ein unnahbarer
Umgang und ein gedankenlos dahingeworfenes Wort auf kranke Menschen wirken
können. Und wie wichtig es ist, dass und wie Ärzte mit ihren Patienten – und mit ihren
Kollegen – sprechen. Weil der Verlauf einer Krankheit und die Gesundung stark davon
abhängen, wie Ärzte und Patienten miteinander umgehen, stehen in der
Medizinerausbildung mittlerweile auch „kommunikative und soziale Kompetenzen“ auf
dem Programm. Anne Werner, Psychosomatikerin am King's College in London:
O-Ton 1:
(Werner) Man konnte zeigen, dass in verschiedenen Bereichen die Kommunikation nen
Einfluss drauf hat, wie sich Patienten zum einen in der Arzt-Patient-Beziehung
wohlfühlen, also ich sag mal eher weichere Kriterien, und zum anderen aber auch, dass
ne Kommunikation Einfluss darauf hat, wie gut eine Behandlung verläuft – also wirklich
harte Fakten.
Zitator:
Das Wort verwundet leichter, als es heilt. Johann Wolfgang von Goethe.
Sprecherin:
Eigentlich wissen Ärzte, wie wahr dieser Satz ist. Schließlich ist das Gespräch neben
der Arznei und dem Messer eines ihrer wichtigsten Handwerkszeuge, angefangen von
den Zauber-, Trost- und Segenssprüchen früher Heiler bis hin zum Fragenkatalog
2
heutiger Anamnese- und Beratungsgespräche in Praxen und Kliniken. Tatsächlich aber
wird dieses Handwerkszeug nicht so eingesetzt, wie es nötig wäre. Der Ärztliche
Direktor der Psychosomatik am Uniklinikum Tübingen und Prodekan der Lehre Stephan
Zipfel sagt dazu selbstkritisch:
O-Ton 2:
(Zipfel) An vielen Stellen ist mein Eindruck, dass die Kommunikation mit den Patienten
leidet, dass dafür nicht genug Zeit ist, und dass auf der anderen Seite wir sehr schnell
dabei sind, einen Patienten in die nächste diagnostische Schleife zu schicken.
Sprecherin:
Kranke aber wollen nicht bloß in eine Röhre geschoben und auf Entzündungswerte
oder Gerinnungsfaktoren reduziert werden. Sie möchten als Mensch ernst genommen
und gehört werden. Gerade weil sie in einem seelischen und emotionalen
Ausnahmezustand und dadurch besonders dünnhäutig sind, treffen manche Worte sie
mit voller Wucht. Auch die Medizinerin Anne Werner erinnert sich an eine fatale
Situation mit einer Patientin.
O-Ton 3:
(Werner) Ich sollte eine Mitbegutachtung abgeben und hatte mit ihr nicht klar drüber
vorher gesprochen, was ich auf den Begutachtungsschein drauf schreibe, und sie
entdeckte dann unsere Standardformulierung „nicht selbstmordgefährdet“ und war dann
unglaublich schockiert, bis ich dann nochmal zu ihr hin bin und das mit ihr klären
konnte.
Sprecherin:
Oft lösen unbedachte Äußerungen eines Arztes tiefgreifende Irritationen bei Patienten
aus. Manche wirken fast zynisch, andere sind einfach unsensibel:
Zitator:
Der Urologe ist sich besonders witzig vorgekommen, als er von meinem Hoden als
Eiermann sprach.
Zitatorin:
Der neue Befund war für die Onkologen bloß ein weiterer Schritt in meiner
„Krebskarriere“. Und dann hat mir die Ärztin auf dem Gang gesagt, dass die Chemo
nicht angeschlagen habe und ich eine „TAC-Versagerin“ wäre!
Sprecherin:
Solche Äußerungen können in der Seele nachwirken und Depressionen, Panik und
Verzweiflung auslösen. Manchmal reagiert aber auch der Körper, mit Krämpfen,
Herzrasen oder Schwindel. In seinem Buch „Die verlorene Kunst des Heilens“ schreibt
der Kardiologe Bernard Lown:
Zitator:
Ich habe mit Bestürzung bemerkt, dass diese Emotionen weitgehend iatrogen bedingt
sind, d. h. von den Worten herrühren, die ihre Ärzte verwenden. Mehrere Hundert
dieser taktlosen Bemerkungen habe ich notiert: „Sie haben eine Zeitbombe in Ihrer
Brust. Sie leben mit geborgter Zeit. Es geht rasch mit ihnen bergab. Der Todesengel
schwebt über Ihnen usw.“ Der Arzt entwertet damit beruflich eine Beziehung, die durch
Respekt und Vertrauen geprägt sein muss, wenn sie gut funktionieren soll. (1)
3
Sprecherin:
Bernard Lown fasst seine Botschaft in drei Sätzen zusammen.
Zitator:
Der Heilungsprozess braucht mehr als nur die Wissenschaft. Er erfordert die
Mobilisierung der positiven Erwartungen der Patienten und das Erwecken von
Vertrauen in das Handeln des Arztes. Ich kenne nur wenige Heilmittel, die mächtiger
sind als ein sorgsam gewähltes Wort.(1)
Sprecherin:
Im Laufe seines Berufslebens führt ein Arzt etwa 200.000 Gespräche, in denen er sich
mit unterschiedlichsten Menschen und deren körperlichen Beschwerden beschäftigen
muss. Häufig aber verdienen die Begegnungen im Sprechzimmer und am Krankenbett
nicht wirklich die Bezeichnung „Gespräch“. Statistiken zufolge werden Patienten
durchschnittlich schon nach etwa 15 Sekunden unterbrochen. Viele Ärzte widmen sich
während des Gesprächs gleichzeitig noch irgendwelchen Karteikarten oder dem
Computer. Und viel zu oft stellen sie sogenannte geschlossene Fragen, die der Patient
möglichst mit Ja oder Nein, zumindest aber schnell in ein paar Worten, beantworten
soll. Linus Geisler war lange Jahre Professor für Innere Medizin in Gladbeck. Er
schreibt dazu in einem Vortrag zur Arzt-Patienten-Beziehung:
Zitator:
Die Relation zwischen geschlossenen und offenen Fragen liegt bei etwa 10:1.
Zusätzliche Äußerungen oder gar Erzählversuche des Patienten werden verhindert.
Aber, so der Philosoph Odo Marquardt: „Die Menschen: Das sind ihre Geschichten.
Geschichten aber muss man erzählen, und je mehr versachlicht wird, desto mehr –
kompensatorisch – muss erzählt werden.“ (4)
Sprecherin:
Der Direktor des Tübinger Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin Urban Wiesing
sieht das Dilemma ähnlich:
O-Ton 4:
(Wiesing) Wir gehen doch als Wesen, die eine Geschichte haben, die Werte haben, die
Vorstellungen haben, die Lebenswünsche haben, als Personen gehen wir doch zum
Arzt und begegnen dort wieder einer Person. Ich darf in diesem Zusammenhang den
bekannten Spruch wiederholen: Eine Aminosäure geht selten allein zum Arzt.
Sprecherin:
Eigentlich ist bekannt, dass offene Fragen wie „Wie fühlen Sie sich?“ oder „Wie
kommen Sie mit dem Medikament zurecht?“ mehr Informationen und mehr Wünsche
eines Menschen zutage fördern. Vor allem können in einem offen gestalteten Gespräch
Mitgefühl, Wertschätzung und Anteilnahme vermittelt werden. Das kommt in einer
nüchternen, auf bloße Fakten gerichteten Befragung oft zu kurz. Doch ein offenes
Gespräch verlangt eine andere Art der Konzentration: ein offenes Ohr, Geduld,
Verständnis, Aufmerksamkeit – und Zeit. Psychosomatiker Stephan Zipfel betont, wie
wichtig es ist, dass ein Arzt zuhört – und nicht verhört. Im schlimmsten Fall nämlich
drohen Fehldiagnosen, die den Therapieerfolg gefährden.
O-Ton 5:
4
(Zipfel) Wenn ich einem Patienten zuhöre, ermögliche ich ihm erst mal, seine
Beschwerden zu schildern, und wenn ich da zu früh interveniere, ihn oder sie zu schnell
abwürge auch, dann ist nachgewiesen, dass es relativ wahrscheinlich ist, dass mir
Informationen vorenthalten werden, die ich brauch, um meine Diagnose erstellen zu
können...
Sprecherin:
Allerdings schneiden die meisten Ärzte ihren Patienten nicht aus Desinteresse das Wort
ab. Sie handeln unter Zeitdruck und Überlastung – weil das Wartezimmer bis auf den
letzten Platz besetzt ist oder am Krankenbett schon wieder der Piepser ruft. Für den
Medizinethiker Urban Wiesing liegt es letztlich an unserem Gesundheitssystem, dass
kranke Menschen oft nicht ausreichend betreut werden. Dabei will er die
Apparatemedizin keinesfalls negativ bewerten.
O-Ton 6:
(Wiesing) Die großen Erfolge in den Naturwissenschaften und auch in der Medizin
haben dazu geführt, dass man diese kommunikativen Aspekte eher vernachlässigt hat.
Das kann man unter anderem auch am Abrechnungssystem sehen, dort werden
technische Maßnahmen durchweg besser honoriert als das Gespräch.
Sprecherin:
Dass dies ein Schuss nach hinten sein kann und das Gesundheitssystem unter
Umständen noch stärker belastet, ist allerdings bekannt. Alleine dadurch, dass viele
Patienten aus Verunsicherung ihre Medikamente nicht einnehmen, gehen die Schäden
für das System in die Milliarden. Eine weitere Tatsache nämlich ist: Nur etwa die Hälfte
von dem, was Ärzte über Diagnose und Therapie erzählen, verstehen die Patienten
medizinisch richtig. Und von dem, was überhaupt ankommt, haben sie nach 30 Minuten
ebenfalls wiederum die Hälfte vergessen.
Zitator:
Es ist nachgewiesen, dass zwar die sprachlichen Äußerungen der Patienten regelmäßig
in die medizinische Fachsprache übersetzt werden, die medizinischen Termini hingegen
viel seltener in die Sprache des Patienten. (4)
Sprecherin:
Schreibt der Internist Linus Geisler. Viele Patienten müssen das Fachchinesisch der
Ärzte oft erst übersetzen lassen. Das können sie zum Beispiel im Internet, auf der
Webseite „Washabich.de“, oder auch bei Menschen wie Ulla Kaspar-Kroymann von der
Unabhängigen Patientenberatung in Tübingen. Sie weiß, wie wichtig eine gemeinsame
sprachliche Basis ist:
O-Ton 7:
(Kroymann) Ein Patient braucht neben der fachlichen guten Behandlung
selbstverständlich auch ein Gespräch mit dem Arzt, denn nur durch die Sicherheit der
Kommunikation und der Sicherheit im Verstehen, was mit einem passiert, kann man
auch wieder richtig gesund werden.
Sprecherin:
Ärzte müssen Patienten über mögliche Nebenwirkungen und andere Risiken
unterrichten, damit diese eine informierte Entscheidung treffen können. Aber viele
Patienten sind überfordert von Aufklärungsbögen, Fallzahlen und Beipackzetteln. Statt
5
Klarheit herrscht dann Verstörung. Mittlerweile ist nachgewiesen, dass bei Patienten
Krankheitssymptome auftreten oder sich verschlimmern können, nur weil sie wegen der
Äußerungen von Ärzten etwas Negatives erwarten. Auch gut gemeinte Informationen
können auf den Magen schlagen. So ist vielen Krebspatienten schon vor einer
Chemotherapie übel – aus Angst vor möglichen Nebenwirkungen. 2012 berichtete eine
Gruppe um den Saarbrücker Internisten Winfried Häuser im Deutschen Ärzteblatt über
Nocebophänomene. Nocebo ist das Gegenstück zum Placebo und bedeutet wörtlich:
Ich schädige.
Zitator:
Eine Studie bei radiologischen Punktionen zeigte, dass Angst und Schmerz der
Patienten verstärkt wurden, wenn in der Ankündigung der Maßnahme oder
mitfühlenden Äußerung negative Worte wie „stechen“, „brennen“, wehtun“, „schlimm“
oder „Schmerz“ enthalten waren. (3)
Sprecherin:
Interessanterweise schädigten bei diesen Beispielen nicht so sehr fachliche
Erklärungen, sondern Worte, die gerade durch ihre Anschaulichkeit unter die Haut
gehen. Eine Studie etwa drehte sich um die lokale Betäubung während der Geburt. Bei
der ersten Gruppe schwangerer Frauen wurde sie eingeleitet mit der Erklärung:
Zitator:
Wir werden Ihnen jetzt eine Lokalanästhesie geben, die den Bereich taub macht, wo wir
die Epidural-Spinal-Anästhesie durchführen, damit es für Sie angenehm ist.
Sprecherin:
Der zweiten Gruppe wurde gesagt:
Zitatorin:
Sie werden jetzt einen Stich und ein Brennen am Rücken spüren, als hätte Sie eine
Biene gestochen, das ist der schlimmste Teil der ganzen Prozedur. (3)
Sprecherin:
Das Ergebnis: Der empfundene Schmerz war bei dem zweiten Text deutlich stärker. Die
Autoren empfehlen deshalb eine Wortwahl, die das Lindernde, Heilsame,
Unterstützende betont. Ärzte sollten zum Beispiel bei der Besprechung von
Medikamenten sagen: „Die meisten Patienten vertragen die Maßnahme sehr gut“ - und
nicht die fünf Prozent zum Thema machen, bei denen Nebenwirkungen auftreten. Die
Nocebo-Forschergruppe plädiert angesichts dieser Studien dafür, dass dies in der Ausund Fortbildung von Ärzten unbedingt eingeübt werden sollte:
Zitator:
Kommunikationstraining mit Schauspieler-Patienten oder Rollenspiele im
Medizinstudium und Curricula der psychosomatischen Grundversorgung vermitteln die
Fähigkeit, die „Macht“ der Worte des Arztes gezielt und hilfreich für den Patienten zu
nutzen. Die Fähigkeit, positive Suggestionen zu geben und negative zu vermeiden,
sollte auch in der Pflegeausbildung vermehrt berücksichtigt werden.
Sprecherin:
Seit 2002 sind „kommunikative und soziale Kompetenzen“ in die Zulassungsordnung für
Ärzte aufgenommen. Mittlerweile sind sie an den meisten deutschen Universitäten Teil
6
der Ausbildung, in Heidelberg und Ulm genauso wie in Berlin und Göttingen. Schließlich
muss ein Notfallgespräch, eine Krankheitserhebung oder eine Impfberatung genauso
professionell ablaufen wie das manuelle medizinische Handwerk.
O-Ton 8:
DocLab
- Hallo, Hess mein Name. - Grüß Gott. - Wie ist Ihr Name? - Baum, Barbara Baum
Sprecherin:
Eine alltägliche Situation in einem Sprechzimmer, hier in einer Psychosomatischen
Ambulanz.
O-Ton 9:
(DocLab)
- Ich hab so wahnsinnig starke Bauchschmerzen. - Können Sie das näher beschreiben?
Sprecherin:
Doktor Mario Hess sieht die Patientin zum ersten Mal und führt jetzt eine Anamnese
durch. In einem solchen Erstgespräch werden die Beschwerden und Lebensumstände
des Patienten in Erfahrung gebracht.
O-Ton 10:
(DocLab) - Also zuallererst war i beim Hausarzt, als des angefangen hat, dann als der
nimmer weiterwusste, bin i zum Internist, also zu Fachleut. -- Mhmh - Und dann hat
man mir Magenspiegelung gmacht, Darmspiegelung gmacht. Vor 3 Jahr war ich dann
im Krankenhaus und man hat mir dann richtig in den Bauch neiguckt.
Sprecherin:
Die Patientin Barbara Baum tupft sich immer wieder mit einem Taschentuch das
Gesicht.
O-Ton 11:
(DocLab) - I versteh des überhaupt gar net, dass die einfach nix findet und jetzt hab ich
die Hoffnung, dass Sie mir helfen könnet.- Wann ging das denn los mit den
Bauchschmerzen, das scheint ja jetzt schon länger der Fall zu sein, (Regie: evt.
abblenden) wenn Sie sagen, dass schon vor 3 Jahren operativ nachgeguckt wurde?
Sprecherin:
Mario Hess stellt viele offene Fragen, auf die Frau Baum ausführlich antwortet. Nach
der eingehenden Anamnese kommt er zu dem Schluss, dass die Bauchbeschwerden
nicht eigentlich organische Ursachen haben, sondern auch psychische und soziale
Aspekte in die Therapie mit einbezogen werden müssen:
O-Ton 12:
(Hess) Bei ihr gab's einen Auslöser – der Tod des Mannes, den sie ziemlich genau
benennen konnte, und von der Mimik und der Stimmung, die rüberkommt, wirkt sie eher
stimmungsgedrückt, ja, man kann sich bei ihr schon denken, dass es in die Richtung
somatoforme Schmerzstörung geht.
Sprecherin:
7
Behandelt wird Frau Baum allerdings nicht. Mario Hess ist nämlich kein Arzt, sondern
Medizinstudent im 6. Semester. Und Barbara Baum heißt eigentlich Marianne Seidel.
Sie ist eine von 30 geschulten „Schauspielerpatienten“, die die Symptome von
Depressionen, Schmerz- oder auch Essstörungen simulieren. Beide haben sich im
sogenannten DocLab getroffen, einem interdisziplinären Ausbildungshaus der
Universität Tübingen. Hier lernen Medizinstudenten chirurgische Knoten zu knüpfen, sie
nehmen an Plastikarmen Kunstblut ab, führen an Ganzkörperpuppen Sonden ein – und
sie üben sich im Gespräch. Die Psychosomatikerin Anne Werner hat federführend das
Konzept für das Kommunikationstraining an der Uniklinik Tübingen entwickelt.
O:-Ton 13:
(Werner) Dafür so ein Gefühl zu entwickeln, das ist ein ganz wichtiger Punkt, das bei
den Studierenden auch zu verankern, dass die letztlich wissen, hier brauch ich dieses
und dort brauch ich jenes, und dann geht’s weiter bis hin zu ganz komplexen
Situationen. Man kann super Visiten simulieren, wo nicht nur der Patient schwierig ist,
sondern auch der Kollege, und wie lös ich das denn vor dem Patienten, auch das ist
Kommunikation und Interaktion.
Sprecherin:
Die Studierenden lernen dies in Rollenspielen und Gesprächen mit den
Schauspielerpatienten. Sie sitzen dann zum Beispiel einem jungen Mann gegenüber,
der sich im Urlaub bei einem one-night-stand eine Geschlechtskrankheit eingefangen
hat und sich nun aus Scham sehr unkooperativ und zugeknöpft zeigt. Die
Schauspielerpatienten verhalten sich nämlich auch mal bockig, besserwisserisch oder
besonders dominant. So bereiten sie die künftigen Mediziner auf schwierige Situationen
im echten Arztleben vor. Besonders sensibel müssen Ärzte mit Menschen umgehen, die
an schweren Krankheiten leiden und bei denen es um Leben oder Tod gehen kann, die
Trauer und Lähmung bewältigen müssen und für ihre Emotionen Raum brauchen. Der
Tübinger Oberarzt und Ärztliche Leiter des DocLab, Robert Smolka:
O-Ton 14:
(Smolka) Es gibt ein gesondertes Format, was wir „breaking bad news“ bezeichnen, wo
es um die Übermittlung schwerwiegender Diagnosen geht und darum, dass wir als
Ärzte natürlich einerseits eine Aufklärungspflicht über die Diagnose und über
Therapieansätze, Nebenwirkungen immer haben und die auch dokumentieren müssen,
auch im Sinne der Selbstbestimmung des Patienten.
Sprecherin:
Das Selbstbestimmungsrecht der Patienten ist heute das entscheidende Kriterium für
ärztliche So steht es im Patientenrechtegesetz – und hat somit Einfluss auf die
Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Vor allem, weil sich die Einstellung und das
Selbstbewusstsein der Patienten in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt haben.
Stephan Zipfel fällt als Beispiel der Arzt-Hopper ein, der mit einem Stapel von Befunden
von Praxis zu Praxis wandert:
O-Ton 15 A:
(Zipfel) Das ist der Patient mit der dicken Akte! Dann muss bei mir ne Alarmleuchte
angehen: Oh Vorsicht, ich darf nicht in diese Falle treten, dass ich jetzt denk, ich werd
hier als eine besondere Koryphäe gesehen, sondern ich müsste erst mal reflektieren mit
dem Patienten, was war es denn eigentlich, was die Kollegen mit Ihnen besprochen
8
haben, was wurde schon gemacht und warum konnten Sie die Empfehlung, die die
Kollegen gemacht haben, nicht für sich verwerten, aufnehmen.
Sprecherin:
Ein Phänomen aber ändert die Arzt-Patienten-Beziehung und ihre Kommunikation von
Grund auf: Immer mehr Patienten nämlich informieren sich mittlerweile im Internet und
bringen massenweise Ausdrucke von „Dr. Google“ mit. Erste Studien weisen zwar
darauf hin, dass gut informierte Patienten weniger Kosten verursachen, weil sie sich oft
für weniger riskante und damit meist kostengünstigere Therapien entscheiden. Aber
was heißt „gut“ informiert? Hürrem Tezcan-Güntekin von der Fakultät für
Gesundheitswissenschaften in Bielefeld hat sich eingehend mit diesem Patiententypus
beschäftigt, der auf der Suche nach Krankheitssymptomen und Therapieformen durchs
Netz surft.
O-Ton 15 B:
(Tezcan) Patienten recherchieren im Internet über die eigene Erkrankung und diese
Informationen können richtig sein, können aber auch falsch sein. Patienten können
auch sehr schwer differenzieren zwischen Fachinformationen und Foren, wo z. B.
andere Erkrankte ihre Erfahrungen oder Meinungen wiedergeben.
Sprecherin:
Hürrem Tezcan-Güntekins Doktorarbeit trägt den Titel „Denen muss ich erst den Wind
aus den Segeln nehmen“. Das ist ein Zitat eines von ihr befragten Arztes. Es fasst seine
Erfahrungen mit vorinformierten Patienten zusammen, die manchmal glauben, sie seien
fachlich auf Augenhöhe mit dem Arzt und könnten auf derselben Ebene mit ihm
kommunizieren. Das Ergebnis von Hürrem Tezcan-Güntekins Studie aber ist eindeutig:
Medizinische Information und medizinisches Wissen unterscheiden sich grundlegend
voneinander. Das Internet kann die persönliche Beziehung und das klärende Gespräch
zwischen Arzt und Patient nicht ersetzen – und auch nicht den Arzt.
O-Ton 16:
(Tezcan) Information befähigt nicht zu kompetentem Handeln. Das professionelle
Wissen hat ne ganz andere Struktur, da spielt standardisiertes Wissen rein, also
wissenschaftliches Wissen, Erfahrungswissen, und eben ganz wichtig: die Objektivität
der Perspektive. Um das nochmal einfacher auszudrücken: Ein Arzt als Patient ist auch
ein Patient. Auch wenn ein Arzt über das professionelle Wissen verfügt und selber in die
Situation kommt, krank zu sein, fehlt ihm die notwendige Objektivität, um über diese
Krankheit wirklich urteilen zu können.
O-Ton 17:
(Wiesing) Vor allen Dingen wissen wir ja, dass Patienten, wenn sie unter Druck stehen,
wenn sie Angst haben, immer nur bestimmte Informationen rezipieren und deswegen
selbst bei korrekter Information im Internet zu völlig falschen Eindrücken kommen
können. Man muss realistischerweise sagen, in Bezug auf das Fachwissen wird man
nie gleiche Augenhöhe bekommen, es sei denn der Patient hat Medizin studiert und ist
genau wie der Arzt Experte für diese Erkrankung, was eben ganz, ganz selten der Fall
ist.
Sprecherin:
Augenhöhe also kann und muss sich auf den Respekt, auf die menschliche
Kommunikationsebene zwischen Arzt und Patient beziehen. Und da hat sich schon ein
9
großer Wandel vollzogen, auf Seiten der Patienten ebenso wie auf Seiten der Ärzte. Im
20. Jahrhundert – und in manchen Praxen ist es heute noch so – entschied allein der
autoritäre, unantastbare „Herr Doktor“, der „Halbgott in Weiß“, welche Therapie die
richtige ist. Die Kranken nahmen eine passive Rolle ein. Dieser Typus des Mediziners
wird jetzt abgelöst vom Teamplayer mit medizinischen und kommunikativen
Kompetenzen. Der Leiter des Tübinger DocLabs, Robert Smolka, beobachtet einen
Generationenwechsel und eine Trendwende in der Arztrolle:
O-Ton 18:
(Smolka) Wir wandeln uns ja jetzt von einem eher paternalistisch-fürsorglichen
Arztmodell zu einem kooperativen, dienstleisterischen Arztmodell.
O-Ton 19 A:
(Wiesing) Die Arbeitsteilung schreitet in der Medizin voran, und wir haben immer mehr
Spezialisten für ganz bestimmte, sehr, sehr kleine Bereiche. Das erhöht im Grunde die
Anforderungen an die Kommunikation zwischen Arzt und Patient, zwischen Spezialist
und Patient und auch zwischen Spezialisten untereinander.
Sprecherin:
Dass hier endlich alle ins Blickfeld rücken, die an der Behandlung eines Kranken
beteiligt sind, ist bitter nötig. Denn noch immer - und immer wieder - bekommen
Patientenberater wie Peter Häusser entsprechende Beschwerden zu hören:
O-Ton 19 B:
(Häusser) Wir hören verstärkt auch die Klagen, dass die Ärzte oder die Sozialarbeiter,
die an das Bett des Patienten kommen, wenig untereinander kommunizieren. Und dass
dann der Patient das Gefühl hat, ich bin gar nicht im Blick oder jedes Mal ist ein Neuer
da, dem ich erst einmal alles erklären muss.
Sprecherin:
Im Zusammenspiel von Ärzten, Psychologen, Sozialarbeitern und Pflegekräften sollte
zumindest eine Person der Ansprechpartner für den Patienten sein, der den Überblick
über das komplexe Geschehen behält. Ein solcher Lotse, Moderator und Begleiter ist im
Idealfall der Hausarzt, weil er seine Patienten meistens schon länger kennt und eine
persönliche Bindung zu ihnen hat. Aber welchem Arzt ein kranker Mensch auch immer
gegenüber sitzt: Zu einer guten Kommunikation gehören mindestens zwei. Der
ehemalige Klinikseelsorger Peter Häusser appelliert daher an die mündigen Patienten:
O-Ton 20:
(Häusser) Seid offen! Seid ehrlich. Sagt auch das, was euch nicht passt oder wo ihr
euch nicht an die Spielregeln haltet! Versucht nicht, dem Arzt etwas zu Gefallen zu tun
oder etwas nicht zu tun, ihn aber in dem Wissen zu lassen, so ist es.
Sprecherin:
Es geht also letzten Endes nicht nur darum, wie ein Arzt mit seinem Patienten spricht,
sondern wie offen beide miteinander umgehen. Der Psychosomatiker Stephan Zipfel:
O-Ton 21:
(Zipfel) Auch Ärzte sind lernfähig und freuen sich über ein positives, aber sind sicher
auch offen für ein gewisses kritisches Feedback, weil das ist das, was wir auch unseren
10
Studierenden beibringen, sich Feedback zu geben. Und an der Stelle würd ich gerne
auch die Patienten mit ins Boot nehmen!
O-Ton 22:
(Hess) Für uns Studenten ist es wertvoll, das Feedback, das ist ja was, was man in der
Realität so nicht kriegen kann und auch der Punkt, wo man sich weiterentwickeln kann
und weiß, wie wirk ich auf die Person. Auch dass Dinge falsch aufgefasst werden
können... wenn ich auf dem Kuli rumdrück, dass das vielleicht unhöflich wirkt.
Sprecherin:
Mario Hess wartet im DocLab nach seinem Anamnesegespräch mit der
Schauspielerpatientin Barbara Baum auf ihre Rückmeldung. Oberarzt Robert Smolka ist
schon mal mit dem Verlauf der Anamnese zufrieden. Er hat hinter einer Spiegelscheibe
im angrenzenden Regieraum das Gespräch mit verfolgt. Hier werden, wie an anderen
Unikliniken auch, die Begegnungen auf Video aufgezeichnet und analysiert: Hat der
Arzt zerstreut aus dem Fenster geschaut? Hat er zu laut oder zu leise gesprochen? Wie
ist er insgesamt auf seine Patientin eingegangen? Haben die beiden eine Ebene
gefunden, hat sie sich öffnen können?
O-Ton 23:
(Smolka) Die Form des Gesprächs betrifft ja auch die nonverbale und die paraverbale
Kommunikation, weil die Studierenden sich in ihrer ärztlichen Rolle mit einer gewissen
Haltung gegenüber dem Patienten einfinden müssen. Dazu gehört auch zugewandt zu
sein, aufmerksam, Blickkontakt zu halten, nicht nervös zu reagieren, obwohl eine
gewisse innere Anspannung selbst im normalen ärztlichen Alltag für uns immer noch
gegenwärtig ist.
Sprecherin:
Bei dieser Begegnung lief alles reibungslos. Und die Schauspielerpatientin Marianne
Seidel gibt auch eine Rückmeldung an Mario Hess, die ihn sehr erleichtert. Denn sie
beschreibt damit eine ideale, von Wertschätzung und Vertrauen geprägte
Gesprächssituation zwischen Arzt und Patient. Ihr Resümee des Treffens:
O-Ton 24:
(Seidel) Dass die Begrüßung schon mal sehr angenehm war und der Händedruck, dass
ich das Sprechtempo sehr angenehm fand, auch die Pausen, die gelassen wurden,
sodass mir net der Eindruck entsteht, ich bin hier unter Zeitdruck, weil ich brauch ja
Platz zum Jammern als Frau Baum. Und dass ich Empathie gespürt hab. Ich hab mich
ernst genommen gefühlt. Das wär's jetzt so...
*****
11
Literaturangaben:
(1) Bernard Lown: Die verlorene Kunst des Heilens. Eine Anleitung zum Umdenken.
Schattauer Verlag 2002
(2) Thomas M.H. Bergner: Wie geht’s uns denn? Ärztliche Kommunikation optimieren.
Schattauer Verlag 2009
(3) Deutsches Ärzteblatt 29.06.2012: Nocebophänomene in der Medizin: Bedeutung im
klinischen Alltag (Häuser, Hansen, Enck)
(4) Vorträge von Prof. Dr. Linus Geisler, www.linus-geisler.de
K. Rockenbauch, O. Decker, Y. Stöbel-Richter (Hrsg.): Kompetent kommunizieren in
Klinik und Praxis, Pabst Science Publishers 2006
BAGP-PatientInnenstellen Broschüre Nr. 1 Auflage 2013: Patientenrechte –
Ärztepflichten
Bezug bei allen „Bundesarbeitsgemeinschaft der Patientinnenstellen“ Beratungsstellen
(3 Euro)
Video Szenarien: Es muss nicht immer Schweigen herrschen. Gelungene
Kommunikation zwischen Schwerkranken und Sterbenden. (Palliative Praxis 2) Info
unter www.krebsverband-bw.de (Projektträger)
Magnus Heier: Nocebo: Wer's glaubt wird krank. Hirzel Verlag Stuttgart, 2011
E. Bucka-Lassen: Das schwere Gespräch – Einschneidende Diagnosen menschlich
vermitteln. Deutscher Ärzte-Verlag Köln, 2005
12
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
5
Dateigröße
141 KB
Tags
1/--Seiten
melden