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ganzen Text von Ingrid Haselberger - Die Egoisten

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Weichenstellungen
Es wird mir immer sehr unbehaglich zumute, wenn ich – wie es leider gar nicht so selten
geschieht – Sätze höre wie „Alles, was Rudolf Steiner sagt, ist erst dem Eingeweihten
wirklich erkennbar“, wenn behauptet wird, wir seien „als Intuitionslose eine Nullität vor
Rudolf Steiner“, und überhaupt, wenn sachliche Schilderungen von
Wirkungszusammenhängen als „Schulungsanleitung“ für etwas noch nie Dagewesenes,
vollkommen Unbekanntes und schwer Begreifliches mißverstanden werden, das wir
„Normalsterblichen“ uns aller Wahrscheinlichkeit nach trotz angestrengtesten Übens in
diesem Leben nicht werden erringen können.
Das scheint mir eine „Weiche“ in eine ähnliche Richtung zu stellen wie die gängige –
falsche – Übersetzung eines Ausspruchs des Sokrates: »Ich weiß, daß ich nichts weiß.«
Was Sokrates – in Platons Überlieferung – aber in Wirklichkeit gesagt hat, das läßt sich
richtig so zusammenfassen: »Im Gegensatz zu den meisten anderen Menschen ist es mir
bewußt, wenn ich etwas nicht weiß.«
Meiner Ansicht nach geht es Rudolf Steiner in seiner „Philosophie der Freiheit“, und auch
in vielen anderen seiner Schriften und Vorträge, zunächst nicht darum, den Leser dazu
anzuleiten, ganz neue Fähigkeiten zu entwickeln, sondern es geht ihm darum, seinen
Lesern zuallererst ihre längst vorhandenen und angewendeten Fähigkeiten bewußt zu
machen.
Wenn das nicht so wäre, dann wäre es doch wirklich sehr sehr seltsam von Steiner,
ausgerechnet Begriffe wie „Denken“, „gesunder Menschenverstand“ oder auch
„Imagination, Inspiration, Intuition“ zu gebrauchen --- denn das sind nunmal Begriffe, die
wir auch sonst im täglichen Leben verwenden.
Der Unterschied ist:
Wenn ich im Alltag „denke“, dann geht es mir normalerweise um den Inhalt meines
Denkens, während die Denktätigkeit selbst mir nicht bewußt ist; und wenn ich von einer
„künstlerischen Inspiration“ spreche, oder davon, daß jemand im richtigen Augenblick die
„richtige Intuition“ gehabt hat, dann meine ich normalerweise etwas, das unbewußt initiiert
ist: der Mensch ist „Empfangsorgan“, aber er hat sich nicht methodisch „empfänglich
gemacht“, sondern mehr zufällig; oder auch er selbst weiß zwar ziemlich gut, wie er sich
„empfänglich machen“ kann, aber das ist ganz individuell, es läßt sich so nicht auf andere
übertragen, und schon gar nicht läßt es sich zu einer „wissenschaftlich abgesicherten
Methode“ ausbilden (man denke nur an Friedrich Schillers inspirierende faule Äpfel…).
Aufgrund ihres normalerweise nicht verallgemeinerbaren und oft auch ganz unbewußten
Charakters haben diese Phänomene bei vielen Menschen den Geruch des „Unsicheren“,
„Unklaren“, auf das man sich nicht ebenso sicher verlassen möchte wie auf alles, was man
bewußt mithilfe seiner Vernunft und seines Verstandes erkennen kann.
Meiner Ansicht nach unternimmt es nun Rudolf Steiner – in der „Philosophie der Freiheit“
und in vielen anderen Schriften und Vorträgen – , diese individuell längst vorhandenen
„Fähigkeiten“ wissenschaftlich zu ergründen und daraus ein „Fundament“ zu bauen für
ihre bewußte Weiterentwicklung.
Diese meine Ansicht scheint in den Augen so mancher Anthroposophen allerdings eine
beinahe „ketzerische“ Ansicht zu sein --- denn für diese Menschen (ich nenne sie für mich
die „Anhänger Rudolf Steiners“) ist es offenbar von fundamentaler Wichtigkeit, daß Rudolf
Steiner von Natur aus hellsichtig war, also von Anfang an über außergewöhnliche und
anderen Menschen prinzipiell nicht zugängliche Erkenntnisfähigkeiten verfügte.
Einer solchen Auffassung scheint mir die Überzeugung innezuwohnen, daß diese von
Rudolf Steiner von Anfang an „mitgebrachten“ Fähigkeiten nicht nur eine unverzichtbare
Bedingung für die Fülle seiner späteren Mitteilungen waren, sondern daß das auch
bedeutet, daß wir „Normalsterblichen“, ganz gleich, wie sehr wir uns auch anstrengen auf
dem „Schulungsweg“, das meiste von dem, was Rudolf Steiner sagt, niemals selbst
erkennen können werden – weil das, siehe oben, nunmal nur „Eingeweihten“ möglich ist.
Nun geht es mir hier nicht darum, ob ich „recht habe“ mit meiner Ansicht.
Aber ich blicke auf die Wirkung dieser beiden unterschiedlichen Auffassungen:
So, wie ich es sehe, hilft mir Rudolf Steiner dabei, das, was längst in mir lebt, bewußt zu
machen und „einzuordnen“ in den Evolutions-Gesamtzusammenhang. Dadurch werden
mir „Richtungen“ erkennbar, die mir eine bewußte Weiterentwicklung nicht nur erleichtern,
sondern sie in manchen Fällen auch erst ermöglichen.
Ich fühle mich also ermutigt, mit wachen „Seelenaugen“ in mich selbst und in die Welt zu
blicken.
In der Rückschau auf mein bisheriges Leben gewinne ich mehr und mehr Klarheit darüber,
wann ich in unbewußt-intuitiver Weise vollkommen „richtig“ gehandelt habe – und indem
ich mir meine Seelenstimmung während solch unbewußt-intuitiver Entscheidungen
vergegenwärtige, wächst mein Vertrauen in meine noch unbewußte „Intuitionsfähigkeit“,
sofern sie sich verbindet mit dieser ruhigen Seelenstimmung (die gekennzeichnet ist durch
die prinzipielle Bereitschaft, alle Konsequenzen meiner Entscheidung auf mich zu
nehmen).
Ebenso wächst mein Vertrauen in meine eigene Erkenntnisfähigkeit, und ich gelange zu
der Gewißheit, daß ich niemandem auf der ganzen Welt (nicht einmal Rudolf Steiner)
etwas zu glauben brauche, weil ich selbst imstande bin, die Fähigkeiten zu entwickeln, die
mich das, was ich aus irgendeinem Grund wissen will oder (aus welchem Grund auch
immer) zu wissen „nötig habe“, ganz zweifelsfrei erkennen lassen werden.
Die andere Auffassung hingegen scheint mir eher in die Richtung zu wirken, daß wir uns
sagen:
Es gibt Dinge, die kann ich selbst einfach nicht erkennen, in diesem Erdenleben nicht und
wohl auch im nächsten noch nicht. Ich akzeptiere das, es hat keinen Sinn, es zu leugnen.
Daher weiß ich, daß ich in vielen (und gerade in den wichtigsten!) Dingen darauf
angewiesen bin, daß mir jemand mit höheren Erkenntnisfähigkeiten „den Weg zeigt“...
Nun. Und wenn wir uns noch ein wenig weiter in diese Richtung bewegen, dann kommen
wir sehr leicht an eine nächste „Weiche“, an der wir uns entweder sagen:
Vor allem ist es natürlich Rudolf Steiner, der mir diesen Weg zeigen kann.
Aber er ist manchmal so schwer verständlich, die GA ist so umfangreich, und noch dazu
so voll von Widersprüchen - und immer, wenn ich glaube, ich habe etwas wirklich
verstanden, kommt ein anderes Buch daher, in dem er geradezu das Gegenteil zu sagen
scheint… also ist es sehr hilfreich, wenn andere Menschen, denen ich vertraue, sich an
meiner Stelle durch diese GA durcharbeiten und alles, was Steiner zu einem bestimmten
Thema sagt, zusammenfassen, und es obendrein in einer Weise erklären, die mir
einleuchtet, auf die ich aber selbst niemals gekommen wäre… das tut beispielsweise
Peter Selg, und das tut auch Sergej O. Prokofieff – und sie belegen ihre Ergebnisse so
ausführlich mit Zitaten Rudolf Steiners, daß ich nicht an der Richtigkeit dieser Ergebnisse
zweifeln kann... wie schön, daß es diese Autoren und Vortragenden gibt, an sie kann ich
mich voll Vertrauen halten!
oder aber:
Vor allem ist es natürlich Rudolf Steiner, der mir diesen Weg zeigen kann.
Aber selbst wenn ich mich inzwischen wirklich sehr gut auskenne in der GA – Rudolf
Steiner hatte einfach nicht die Zeit, alles über alles zu sagen. Es gibt daher Themen, die
werden in der GA nicht vollständig beleuchtet, da bleibt vieles offen… wie schade, daß
Steiner darüber nicht noch sehr viel mehr gesagt hat, wahrscheinlich hätte er es getan,
wenn sich jemand gefunden hätte, die richtigen Fragen zu stellen…
Aber es gibt innerhalb unserer Gesellschaft jemanden, die ebenso wie Rudolf Steiner von
Kind an über hellsichtige Fähigkeiten verfügte, die sie dann, ebenso wie Rudolf Steiner,
nach und nach bewußt weiterentwickelt hat – sie hat, ebenso wie Rudolf Steiner, an einer
Technischen Hochschule studiert, Architektur, ein Studium, das sowohl exaktes Denken
als auch Kreativität erfordert, und noch dazu hat sie sich seit vielen Jahren sehr gründlich
mit dem Werk Rudolf Steiners auseinandergesetzt... (einmal ganz abgesehen von allem
anderen...)
Und sie unternimmt es nun, mithilfe ihrer bewußt entwickelten höheren
Erkenntnisfähigkeiten (und diesem anderen, von dem ich jetzt absehe), dorthin zu blicken,
wohin Steiner damals nicht mehr blicken konnte (weil seine Lebenszeit dazu nicht
ausreichte, oder auch, weil ihm damals diese Fragen nicht gestellt wurden). Sie teilt uns
mit, was sie dort „sieht“, und dadurch ergänzt sich so manches, das bei Steiner noch
„offen“ war…
Wie schön, daß es diese Autorin und Vortragende gibt, an Judith von Halle kann ich mich
voll Vertrauen halten…
--Um nicht mißverstanden zu werden, füge ich ausdrücklich hinzu, daß ich mit diesen
Ausführungen nichts gegen die genannten Autoren gesagt haben will.
Es geht mir ausschließlich um die möglichen „Weichenstellungen“, mit denen ich als Leser
es zu tun habe.
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Seele and Geist
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