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Der Tod Jesu Wie verstand ihn die Urkirche, wie Jesus selbst?

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Der Tod Jesu
Wie verstand ihn die Urkirche, wie Jesus selbst?
Rudolf Laufen
1. Für die Jünger Jesu war der schändliche Tod ihres Lehrers an Kreuz eine
Katastrophe, der Zusammenbruch ihrer Hoffnungen, die sie mit dem
Propheten Jesus verbunden hatten (vgl. Lk 24,19-21).
2. Wenige Tage nach dem Tod Jesu aber geschah etwas, das die enttäuschten
und ratlosen Jünger in entschiedene und begeisterte Bekenner seiner
Auferstehung verwandelte: Sie hatten außerordentliche Erfahrungen
gemacht, die sie als Begegnungen mit dem Gekreuzigten beschrieben, und
sie kamen so zu der festen Überzeugung, dass Jesus in neuer Weise lebe,
ja sogar an der Göttlichkeit Gottes Anteil habe („Gott hat ihn ... an seine
rechte Seite erhoben“ Apg 5,31) und Messias, Sohn Gottes und Herr
genannt werden dürfe.
3. Durch diese Erfahrung und die daraus erwachsene Überzeugung erschien
den Jüngern auch der Tod Jesu in völlig neuem Licht. Dieser Tod konnte
kein blindes Schicksal sein, er musste einen verborgenen tiefen Sinn im
Heilsplan Gottes haben. Dieser Sinn musste sich aus den heiligen Schriften
Israels erkennen lassen (vgl. Apg 3,18; 1 Kor 15,3), die sich durch Jesu Tod
und Auferstehung erfüllt hatten. So wurde das „Alte Testament“ mit neuen
Augen auf Christus hin (christologisch) gelesen.
4. Den ersten Christen boten sich im Alten Testament verschiedene
Anknüpfungspunkte für die gläubige Deutung des Todes Jesu. So wurde
sein Tod als typisches Prophetenschicksal gedeutet, das auch ihm –
obwohl mehr als ein Prophet – nicht erspart blieb (z.B. Apg 7,51-53). Der
Gedanke, dass gerade der „Gerechte“ (der nach Gottes Willen Lebende)
großes Leid zu ertragen habe, wird in vielen Psalmen thematisiert (bes. in
Ps 22) und bot sich als Verstehenshilfe für die Passion Jesu an.
5. Am schlüssigsten aber erschien den ersten Christen die Deutung des Todes
Jesu als stellvertretendes Sühneleiden bzw. als Sühneopfer zum Heil der
Menschen. Diese Interpretation nimmt im Neuen Testament eine geradezu
beherrschende Stellung ein – von den frühesten Glaubensformeln bis zu
den spätesten Schriften. Dafür gibt es im Alten Testament zwei
verschiedene Bezugspunkte: die Vorstellung von der sühnenden Kraft eines
Martyriums aus Treue zu Gott (martyrologische Deutung) und die Praxis des
Opferkultes (kultisch-sakrifizielle Deutung).
6. Die martyrologische Deutung macht sich vor allem am 4. Lied vom
leidenden Gottesknecht (Jes 53) fest, von dem es heißt, dass er „wegen
unserer Verbrechen durchbohrt“ und „wegen unserer Sünden zermalmt“
wurde (V. 5), dass Gott „die Schuld von uns allen“ auf ihn lud (V. 6), obwohl
er kein Unrecht getan hat (V. 9): „Denn er trug die Sünden von vielen und
trat für die Schuldigen ein“ (V. 12). Der Gedanke, dass ein Märtyrer Gott sein
Leid als Sühne für die Sünden anderer fürbittend anbieten kann, findet sich
auch in den Makkabäer-Büchern (2 Makk 7,37f; 4 Makk 6,27ff; 17,21f). In
diesem Zusammenhang kann auch vom Leben oder Blut des Märtyrers als
Lösepreis die Rede sein.
7. Wo im Neuen Testament davon gesprochen wird, dass Jesus für uns, für
alle bzw. für unsere Sünden starb oder sich hingegeben hat, steht die
martyrologische Vorstellung im Hintergrund.
8. Für die kultisch-sakrifizielle Deutung ist vor allem das Sühneritual des
Großen Versöhnungstages (Lev 16) maßgebend, daneben auch die
Schlachtung der Paschalämmer (Ex 12) am 14. Nisan. Wo im Neuen
Testament die Begriffe Sühne, Sühnemittel oder Sühneort (hilasterion), Blut,
Opfer oder Lamm zur Interpretation des Todes Jesu herangezogen werden,
liegt die Vorstellung einer von Gott im Opferkult gnadenhaft gewährten
Entsündigung zugrunde. Das Schlachten der Paschalämmer, ursprünglich
nicht als Opfer gedacht, wurde seit dem Exil ebenfalls als Opfer mit
sühnender Wirkung interpretiert.
9. Die Pointe der kultisch-sakrifiziellen Deutung liegt darin, dass der Tod Jesu
– verstanden als das eigentliche, wahre, endgültige Sühnopfer – den
Opferkult des Tempels zum Abschluss bringt und eine ewige, nicht mehr
überbietbare Versöhnung mit Gott bewirkt. Besonders der Hebräerbrief hat
diesen Gedanken breit ausgeführt (Jesus ist der Hohepriester, der sich
selbst darbringt, vgl. Hebr 9,14) und das „Ein-für-Allemal“ des
Versöhnungsgeschehens stark betont (Hebr 10,10 u.ö.).
10. Es ist wichtig, die Sühnewirkung des Todes Jesu nicht mit dem
religionsgeschichtlich gängigen Verständnis von Sühne und Opfer
gleichzusetzen. Schon das Alte Testament und erst recht das Neue
Testament legt größten Wert darauf, dass es nicht darum geht, den zornigen
Gott durch Opfer und Sühneleistungen zu besänftigen, sondern dass
umgekehrt alle Versöhnungsinitiative von Gott ausgeht. Nicht Gott muss
gnädig gestimmt werden, vielmehr ist er es, der den Menschen aus freier
Gnade Versöhnung anbietet, sie geradezu um Versöhnung bittet (2 Kor 5,1721!). Insgesamt ist zu bedenken, dass bei den urchristlichen Deutungen des
Todes Jesu nicht das Kreuzesgeschehen dem alttestamentlichen „Vor-bild“
oder gar heidnischen Opfervorstellungen angepasst wird, sondern im
Gegenteil die zugrundeliegende alttestamentliche Vorstellung vom realen
Christusgeschehen her modifiziert und umgedeutet wird (typologische
Deutung).
11. Angesichts der verschiedenen Deutungsansätze der Urkirche für den Tod
Jesu erhebt sich die Frage, ob sich etwas darüber ausmachen lässt, wie
Jesus selbst seinen gewaltsamen Tod verstanden hat, mit welcher Haltung
und Gesinnung er in den Tod gegangen ist. Diese Fragestellung verweist an
das Abschiedsmahl Jesu, bei dem er seinen Jüngern mit Hilfe von
Zeichenhandlungen den Sinn seines (Lebens und) Sterbens gedeutet hat.
12. Der genaue Wortlaut der Deuteworte Jesu über Brot und Wein ist nicht mehr
zu ermitteln, da die Abendmahlstexte auch Merkmale urchristlicher
Bearbeitung erkennen lassen. Auch muss man nicht davon ausgehen,
Jesus habe ein ausgearbeitetes Erlösungskonzept klar vor Augen gehabt
und die Passion sei für ihn ein gleichsam fahrplanmäßig ablaufendes
Geschehen gewesen. Jesus ist einen wirklich menschlichen Tod gestorben
– mit aller Unwissenheit, aller Angst, allem Grauen, vielleicht auch mit
Selbstzweifel. Stärker aber war sein Vertrauen auf den Gott, den er Abba
nannte.
13. Mit aller Vorsicht wird man über Jesu eigene Todesdeutung soviel sagen
dürfen: Die Worte Jesu beim Abendmahl – verstärkt durch den Gestus des
Brechens und Austeilens – wollen zum Ausdruck bringen, dass er sein
Sterben (wie schon sein Leben) als Dienst an den Menschen, als „Hingabe
für“ verstanden hat: „Ich für euch“ (Haltung der Proexistenz). Näherhin
dürfte Jesus in den Liedern vom gehorsamen und leidenden Knecht Gottes,
insbesondere in Jes 53, „ein geradezu kongeniales Interpretationsmuster“
(H. Merklein) seines eigenen Geschicks gesehen haben. Er hat sein Leiden
und Sterben als stellvertretendes Sühneleiden für die „vielen“ (womit
zunächst wohl nur das sich verweigernde Israel gemeint war) bejaht und
angenommen. Jesus hat also seinen Tod nicht mit kultischen
Interpretationskategorien, sondern mit dem prophetisch-martyrologsichen
Deutungstyp in Zusammenhang gebracht.
14. Eine solche Deutung von Jesu eigenem Todesverständnis muss nicht als
Widerspruch zu seiner Botschaft vom bedingungslos vergebungsbereiten
Gott gesehen werden. Angesichts der von Israel erfahrenen Ablehnung
drängte sich ihm die Frage auf, wie die Liebe Gottes, die ja das Zentrum
seiner Botschaft darstellt, dennoch zu den Menschen gelangen könne.
Jesus ließ sich auch dafür von Gott in Dienst nehmen, indem er sein
Sterben zum Zeugnis der grenzenlosen Liebe Gottes werden ließ, zur
Manifestation von Gottes Vergebungsbereitschaft auch gegenüber denen,
die sich seinem Liebesangebot widersetzten.
15. Die obigen Thesen 1-10 haben gezeigt, dass die eher implizite und
vorkonzeptionelle Todesdeutung Jesu, die beim Abschiedsmahl von seinen
Jüngern allenfalls erahnt wurde, von der Urkirche im Licht des
Osterglaubens durch Heranziehen weiterer alttestamentlicher Deutemodelle
entfaltet und vertieft wurde. Dieser Vorgang entspricht der theologischen
Entfaltung des Christusmysteriums insgesamt, dem immer wieder
nachzuspüren jede Christengeneration aufgefordert ist.
16. Hatte Jesus dem Vater sein Leiden und Sterben fürbittend und
vertrauensvoll als stellvertretende Sühne im Geist von Jes 53 angeboten in
der Hoffnung auf Gottes Annahme, so wurde vom Auferstehungsereignis
her rückblickend aus der Hoffnung Jesu die Gewissheit der Glaubenden,
dass Gott diesen Jesus in keinem Augenblick und am wenigsten im
Augenblick seines Todes verlassen hat, dass er vielmehr mit diesem Jesus
ganz solidarisch ist, ja dass dieser der authentische Repräsentant Gottes
ist. Die ersten Christen mussten darin auch die Bestätigung der
Heilsbedeutung seines Todes sehen: Gott hat ihn erhört, er hat seine
Fürbitte und seine liebende Hingabe für die Sünder angenommen. Er ist der
wahre „Knecht Gottes“. Durch ihn findet die grundlegende und dauerhafte
Versöhnung mit Gott statt, und zwar – dieser Gedanke drängte sich mehr
und mehr auf, je deutlicher man erkannte, dass die Bedeutung dieses Jesus
die Grenzen Israels sprengt und universal ist – Versöhnung nicht nur für
Israel, sondern für alle Menschen.
17. An Jesu eigener Todesdeutung hat sich jede christliche Erlösungslehre zu
orientieren. Weder darf ihr Niveau unterschritten werden, etwa indem man
das „für uns und um unseres Heiles willen“ einfach eliminiert, noch darf der
Gedanke eines Opfers eingetragen werden, das als Bedingung des Heils
von Gott verlangt wird, durch das Gott (im Sinne eines religionsgeschichtlichen Opferverständnisses) versöhnt werden muss. Vielmehr
geht alle Versöhnung, alles Heil von Gott aus:
„Gott, der barmherzige Vater,
hat durch den Tod und die Auferstehung seines Sohnes
die Welt mit sich versöhnt
und den Heiligen Geist gesandt zur Vergebung der Sünden.“
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Seele and Geist
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