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Gefährdet der wissenschaftliche Fortschritt die Menschheit und wie

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Münster Hiltrup
Schuljahr 2010/11
LK Deutsch 12.2 (Frau Schneider)
Gefährdet der wissenschaftliche Fortschritt
die Menschheit und wie ist das Drama „Die
Physiker“ in diesem Zusammenhang zu
verstehen?
Facharbeit
von
Lauritz Laufenberg
Münster, März 2011
Inhalt
Einleitung ..................................................................................................................................... - 3 Kapitel 1 ....................................................................................................................................... - 4 Ist eine Bedrohung durch die wissenschaftliche Entwicklung überhaupt gegeben? ................. - 4 Kapitel 2 ....................................................................................................................................... - 5 Bei wem liegt die Verantwortung, wenn die neue Entdeckung zur Gefahr werden kann? ........ - 5 Kapitel 3 ....................................................................................................................................... - 8 Dürrenmatts „Die Physiker“ ...................................................................................................... - 8 Resümee .................................................................................................................................... - 12 Literaturverzeichnis .................................................................................................................... - 14 Erklärung .................................................................................................................................... - 15 -
-2-
Einleitung
Mit dem Thema kam ich das erste Mal in Berührung, als ich "Die Physiker" im
Deutschunterricht der Stufe 11 las. „Hat das Drama überhaupt einen Bezug zur
Wirklichkeit?“ war der Anstoß zur Debatte im Unterricht. Auch die zentrale Fragestellung
nach der Gefährdung der Menschheit durch den wissenschaftlichen Fortschritt weckte bei
mir großes Interesse. Als ich kürzlich das Buch „Lise, Atomphysikern“ las, brachte mir die
Lektüre die Seite der Wissenschaft näher und ich fragte mich, inwieweit sich Dürrenmatts
im Drama geäußerten Gedanken in der Realität wiederfinden lassen. Zentral scheint mir
der Aspekt aus dem Deutschunterricht, nämlich die Gefährdung der Menschheit durch die
Wissenschaft.
Ist die Menschheit durch ihren Fortschritt gefährdet? Und wenn ja, wie? Bei wem liegt die
Verantwortung für etwas durch Fortschritt Entstandenes und doch Gefährliches? Friedrich
Dürrenmatt hat in seinem Drama "Die Physiker" versucht, eine Antwort zu finden. In der
vorliegenden Arbeit werde ich diese Fragen erneut aufgreifen und darstellen, wie Friedrich
Dürrenmatt durch seine Protagonisten das Thema verarbeitet.
Um dem Thema gerecht zu werden, muss zunächst betrachtet werden, wovon überhaupt
eine Bedrohung ausgehen könnte. Damit wird sich Kapitel 1 befassen.
Kapitel 2 klärt die Frage der Verantwortung mit dem Umgang neuer Entdeckungen.
In Kapitel 3 werde ich untersuchen, wie Dürrenmatt die Fragen aus den vorherigen
Kapiteln in seiner Komödie „Die Physiker“ aufwirft und beantwortet.
-3-
Kapitel 1
Ist eine Bedrohung durch die wissenschaftliche Entwicklung überhaupt gegeben?
Etwas Unbekanntes birgt immer Risiken. Die Wissenschaft sieht sich also schon aus
diesem Grund einer ständigen Gefahr ausgesetzt. Das beste Beispiel hierfür ist die
Entdeckung der Kernspaltung durch Lise Meitner und Otto Hahn. Beide waren sich
zunächst der Großartigkeit ihrer Entdeckung nicht bewusst, erkannten aber bald, welche
Macht sie entfesselt hatten.
„Kernenergie war von Anfang an eine Technologie, deren Risiko jenseits
aller Vorstellungskraft liegt. […] Kernenergie ist mehr als unbeherrschbar.“
Financial Times Deutschland, (Biskamp, 2011)
Mit der Kernspaltung verbanden und verbinden sich große Möglichkeiten der Nutzung im
zivilen und militärischen Bereich. Das Problem liegt bei beiden Varianten bei dem
Schaden, der angerichtet werden kann.
Die militärische Form, in der die Kernspaltung genutzt wird, ist das wohl vernichtendste
Instrument, welches die Menschheit jemals erschaffen hat: Die Atombombe. Alleine in
Hiroshima starben am 9. August 1945
269.446 Menschen und noch heute erliegen
jährlich 5500 den Spätfolgen der Bombe1. Lise Meitner war sich der Möglichkeit, aus ihrer
Entdeckung eine Waffe zu bauen, durchaus bewusst, jedoch hat sie es niemals wahr
haben wollen, dass tatsächlich eine Waffe gebaut würde: „Ich wußte [!] und ich hätte es
eigentlich die ganze Zeit wissen müssen.“2 Dieses Beispiel macht uns klar, dass eine
Entdeckung so verwendet werden kann, wie sie der Entdecker niemals wollte.
In der zivilen Form wird die bei der Kernspaltung frei werdende Energie in
212
Atomkraftwerken auf der Erde zur CO2-freien Gewinnung von elektrischer Energie
genutzt. Nicht nur die aktuelle Katastrophe in Japan macht uns die verheerenden Folgen
1
Vgl. (Erstmals gedenkt US-Vertreter in Hiroshima der Toten, 2010)
2
(Kerner, 1999)
-4-
eines Unglücks in einem Atomkraftwerk eindrucksvoll bewusst. Auch der Super-GAU von
Tschernobyl vor 25 Jahren war ein Desaster von bis dahin ungekanntem Ausmaßes.
Durch die Explosion und durch Spätfolgen starben 93.000 Menschen und noch immer
erliegen jedes Jahr Tausende den Spätfolgen. Die Folgen des in Japan durch ein
Erdbeben beschädigten Atomkraftwerks sind noch nicht abzusehen. Glaubt man jedoch
Experten, so wird in den nächsten Jahrzehnten eine Sperrzone von 20 Kilometern um den
Unglücksort bestehen bleiben müssen.
Dies betrifft jedoch keinesfalls nur den Bereich der Physik, auch die Gentechnologie und
in diesem Zusammenhang die Stammzellforschung ist ein viel diskutiertes und noch nicht
gelöstes Problem. Dies schildert auch Helmut Schmidt in seiner am 17. Januar 2011
gehaltenen Rede vor der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften
e.V. in Berlin.
„[Diese
Verantwortung]
reicht von
der Stammzellforschung
und
-
technologie bis zur Astrophysik, von der Klimapolitik bis zu den
Möglichkeiten eines clash of civilizations [Kampf der Kulturen].“
(Schmidt, 2011)
Um nun auf die zu Beginn dieses Kapitels gestellte Frage zu antworten: Eine Gefahr
durch den Fortschritt ist gegeben. Sicherlich auch, weil wir etwas entfesselt haben, was
wir nicht hundertprozentig verstehen und die Entdeckung in ihrer Art zu mächtig ist, um
von der Menschheit gebändigt zu werden. Auch wenn einige Entdeckungen für zivile
Nutzung einen großen Vorteil bringen, so bergen sie dennoch Risiken und Folgen, wie
oben beschrieben.
Kapitel 2
Bei wem liegt die Verantwortung, wenn die neue Entdeckung zur Gefahr werden
kann?
Die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft ist eine Frage nach deren Antwort
immer wieder gerufen wird. Bei allen Antwortversuchen gibt es zwei Möglichkeiten, bei
wem die Verantwortung liegen kann: Auf der einen Seite die Wissenschaft und auf der
-5-
anderen die Politik. Zuerst gibt es natürlich nur eine Möglichkeit, bei wem die
Verantwortung liegen kann. Der Wissenschaftler, welcher die Entdeckung gemacht oder
die Erfindung hervorgebracht hat, hat die Urheberrechte und –pflichten und somit auch
die Verantwortung für einen sicheren Umgang mit dem gerade neu Erforschten. Nun liegt
es nur an dem Wissenschaftler, seine Neuerrungenschaft zu veröffentlichen oder sich
dagegen
zu
entscheiden.
Der
wichtigste
Punkt
sind
hierbei
die
Verwendungsmöglichkeiten, denn wie in Kapitel 1 beschrieben, gibt es zum Beispiel bei
der Kernspaltung einen zivilen und einen militärischen Nutzen. Nur den einen „guten“
Nutzen zu betrachten, kann hierbei eine große Gefahr für die Menschen bedeuten.
Ein Beispiel für ein Eingreifen der Politik in die Wissenschaft ist das „Manhattan-Projekt“,
das sich im Jahr 1942 mit der Entwicklung der ersten Atombombe beschäftigte. Die Zeiten
waren unruhig, Hitler erlangte in Deutschland die Macht und auch zwischen Japan und
den USA bildeten sich Spannungen. Alles begann im August 1939 mit einem Brief
namhafter Wissenschaftler, untern anderen Albert Einstein, an den damaligen US
Präsidenten Franklin Delano Roosevelt. Der Brief beschrieb die Möglichkeit, dass NaziDeutschland eine Atomwaffe entwickeln und konstruieren könne. Diesem ersten Brief
wurde jedoch wenig Beachtung geschenkt, da die Idee als „physikalisches Hirngespinst“ 3
abgetan wurde. Im Jahr 1941 bewies Enrico Fermi (Kernphysiker), dass der Bau einer
Atombombe durchaus möglich sei. Die Regierung der USA reagierte sofort, Präsident
Roosevelt unterstellte das Kernspaltungsprogramm dem Militär unter der Leitung von
General Leslie Groves.4 Der Codename dieses Projektes lautete „Manhattan-Projekt“. Für
die wissenschaftliche Leitung war der Physiker Robert Oppenheimer verantwortlich. Er
rekrutierte die „fähigsten Wissenschaftler dieser Zeit“5 und versammelte sie in Los Alamos
im US Bundesstadt New-Mexico. Im Zuge dieses Projektes begann aus der als friedliche
Energiequelle
geplanten
Idee
der
Kernspaltung
eine
der
gefährlichsten
Massenvernichtungswaffen zu werden, die die Welt bis dorthin gesehen hat.
3
(Kerner, 1999)
4
Vgl. (Kerner, 1999)
5
Vgl. (Kerner, 1999)
-6-
„Es ist ein unglücklicher Zufall, dass die Entdeckung [die Kernspaltung] in
die Zeit der Kriegsjahre gefallen ist, Verteidigungsnotwendigkeiten auf der
einen Seite, Angriffswünsche auf der anderen Seite, haben das Streben
der
fachkundigen
Wissenschaftler
auf
das
Ziel
konzentriert,
die
neuentdeckte Energiequelle in den Dienst des Krieges zu stellen, ein
Streben, das zur Konstruktion der Atombombe geführt hat.“
Lise Meitner zitiert nach (Kerner, 1999) Seiten 184 und 185
Nach und Nach übernahm die Politik mehr und mehr die Kontrolle über die
Wissenschaftler, die das Projekt bearbeiteten. Die Politik, wohl ahnend, dass etwas
Gefährliches entstehen würde, aber das Hauptaugenmerk auf den zu gewinnenden Krieg
gerichtet, interessierte nur eins: Die Fertigstellung der ersten Kernwaffe. Einige
Wissenschaftler sprechen sich im Juni 1945 gegen die Abwurfpläne der US Regierung
aus.6 Diese Stimmen verhallten jedoch ungehört. Am 6. und 9. August werden zwei
Atombomben über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki abgeworfen, sie
töten 269.446 Menschen7.
Auch vor diesem historischen Hintergrund lassen sich Helmut Schmidts Äußerungen in
seiner Reden vom Januar 2011 deuten:
„Können wir im Ernst den Standpunkt vertreten, diese ungeheure
lebensbedrohende Problematik [gefährliche Nutzungsmöglichkeiten neuer
Entdeckungen] gehe die forschende Wissenschaft nichts an?“
(Schmidt, 2011)
6
7
Vgl. (Kerner, 1999)
(Erstmals gedenkt US-Vertreter in Hiroshima der Toten, 2010)
-7-
Kapitel 3
Dürrenmatts „Die Physiker“
Das Drama „Die Physiker“ spielt in einem Irrenhaus, dessen Leitung Fräulein Doktor
Mathilde von Zahnd obliegt. Die zu Behandelnden sind "die ganze geistig verwirre Elite
des halben Abendlandes"8. Die Patienten, um die es vornehmlich geht, sind Johann
Wilhelm Möbius, Physiker und Entdecker der Weltformel, Herbert Georg Beutler, genannt
Newton, Physiker und Spion und Ernst Heinrich Ernsti, genannt Einstein ebenfalls
Physiker und Spion. Das Drama ist vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, also der Zeit
nach 1945, in der die West- und die Ostmächte in einen Aufrüstungskonflikt gerieten,
entstanden und beschäftigt sich mit der Verantwortung der Wissenschaft und einer
Gefährdung der Menschheit durch wissenschaftliche Erkenntnisse.
Alles beginnt mit dem Mord an einer Schwester des Irrenhauses. Der Mörder ist Einstein.
Newton ermordete schon vorher eine Angestellte und auch Möbius begeht im Laufe des
Dramas einen Mord. Der Grund für die Morde: Alle drei sind nicht wirklich verrückt und
begangen die Morde, um ihr wahres Gesicht nicht zu offenbaren, da die Ermordeten
Personen hinter ihr Geheimnis gekommen sind. Warum sie trotzdem in diesem Irrenhaus
behandelt werden, hat folgende Bewandtnis: Möbius hat im Laufe seiner Forschungen die
Weltformel entdeckt. Weil er um die Gefahr einer Veröffentlichung dieser omnipotenten
Formel weiß,
vernichtete
er
alle
seine
Forschungsunterlagen
„Möbius:
Meine
9
Manuskripte? Ich habe sie verbrannt …“ und tat so, als sei er verrückt, um in möglichen
Verhören nicht gezwungen werden zu können, die Formel preiszugeben. Einstein und
Newton sind Spione der Sowjetunion und der USA, beide wurden damit beauftragt, an die
Weltformel von Möbius zu gelangen, um diese für den eigenen Zweck einsetzten zu
können. Möbius, Einstein und Newton vertreten hierbei unterschiedliche Standpunkte im
Umgang mit solch gefährlichem Wissen.
8
(Dürrenmatt, 1980) Seite 12
9
(Dürrenmatt, 1980) Seite 71
-8-
Newton (Spion der USA) ist vor allem die Freiheit der Wissenschaft und die Pflicht zur
Veröffentlichung von Forschungsergebnissen wichtig, egal ob oder wie gefährlich diese
sind. Newton äußert dies ganz klar in einer Unterhaltung mit Möbius und Einstein am
Ende des Dramas „Aber Sie haben die Wissenschaft nicht gepachtet. Sie haben die
Pflicht, die Tür auch uns aufzuschließen, den Nicht-Genialen.“10. Er hält ein kritisches
Hinterfragen der Gefahr nicht für notwendig.
„Newton: […] Es geht um die Freiheit unserer Wissenschaft und um nichts
weiter. Wir haben Pionierarbeit zu leisten und nichts außerdem. Ob die
Menschheit den Weg zu gehen versteht, den wir ihr bahnen, ist ihre Sache,
nicht die unsrige.“
(Dürrenmatt, 1980) Seite 70
Auch der Neffe von Lise Meitner, Otto Robert Frisch, ist dieser Meinung. Er arbeitete
auch an der Entwicklung der Atombombe im Zuge des Manhattan-Projekts mit. Er war
begeistert von der Atmosphäre im Forschungslager und von den großartigen
Entdeckungen, die jener Zeit gemacht werden sollten.11
Einstein (Spion der Sowjetunion) vertritt die Meinung, dass die Politik die Verantwortung
der Wissenschaftlichen Entdeckungen übernimmt.
„Einstein: Mir ist bloß mein Generalstab heilig. […] Möbius: Sie dagegen,
Eisler [richtiger Name Einsteins], verpflichten die Physik im Namen der
Verantwortung der Machtpolitik eines bestimmten Landes.“
(Dürrenmatt, 1980) Seiten 70 und 72
Auch eine besondere Rolle spielt für ihn der Machtzuwachs durch Erkenntnisse, die die
Wissenschaft liefert. „Wir liefern der Menschheit gewaltige Machtmittel.“12 Robert
Oppenheimer, Leiter des Manhattan-Projekts, vertrat eine ähnliche Meinung. Er gab jede
10
11
12
(Dürrenmatt, 1980) Seite 68
Vgl. (Kerner, 1999)
(Dürrenmatt, 1980) Seite 70
-9-
neue Erkenntnis direkt in die Hände der Politik und glaubte an den Machtzuwachs der
eigenen Seite durch die wissenschaftlichen Erkenntnisse. Er was es auch, der den Abwurf
der Atombombe über Hiroshima empfahl. 13
Möbius ist in diesem Drama der Verfechter der Meinung, die Verantwortung liege bei der
Wissenschaft. Zwar teilt er die Auffassung aller Wissenschaftler, Formeln bis zum Ende
auszuarbeiten, jedoch bringt er das Opfer und vernichtet diese, um ein Öffentlich werden
zu vermeiden. Möbius äußert dies am Ende des Dramas im Gespräch mit Newton und
Einstein, indem er erklärt warum er seine Manuskripte verbrannt hat: „Bevor die Polizei
zurückkam. Um sicherzugehen.“14 Seine oberste Maxime ist, die Menschheit vor der
Bedrohung der wissenschaftlichen Errungenschaften zu schützen. „Möbius: Es gibt
Risiken, die man nicht eingehen darf: Der Untergang der Menschheit ist ein solches.“15
Weil er dieses Risiko in seiner Forschung sah, entschied er sich für den radikalen Weg,
sich verrückt zu stellen und sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen. „Möbius: […] Die
Verantwortung zwang mir einen andern Weg auf. […] Wir müssen unser Wissen
zurücknehmen, ich habe meins zurückgenommen.“16 Hier lässt sich eine gewisse
Parallele zu Lise Meitner finden, sie entschied sich in Anbetracht eins Angebotes, am
Manhattan-Projekt und damit am Bau einer Atombombe mitzuarbeiten, so: Sie lehnte ab,
obwohl sie wie alle anderen Wissenschaftler den Drang nach neuen Errungenschaften
hatte.17
Am Ende des zweiten Aktes nimmt diese nicht wenig tragische Komödie18 jedoch eine
dramatische Wendung: Die Irrenärztin und Leiterin des Irrenhauses, Fräulein Doktor
Mathilde von Zahnd, entpuppt sich als einzig wahre Irre. Sie hat Möbius schon vor langem
durchschaut und hat seine Forschungsunterlagen kopiert. Mit diesen kopierten Unterlagen
baute sie ein mächtiges Imperium von Fabriken auf, um ihr Ziel, alle möglichen
13
Vgl. (Oswald & Schulte v. Drach, 2005)
14
(Dürrenmatt, 1980) Seite 71
15
(Dürrenmatt, 1980) Seite 73
16
(Dürrenmatt, 1980) Seiten 73 und 74
17
18
Vgl. (Kerner, 1999)
Vgl. (Grabert, Mulot, & Nürnberger, 1978) Seite 332
- 10 -
Erfindungen auszuwerten19, in die Tat umzusetzen. Ihr Motiv ist hierbei nur eins:
Machtbesessenheit um jeden Preis „Frl. Doktor: […] Nun werde ich mächtiger sein als
meine Väter. […] Die Rechnung ist aufgegangen. Nicht zugunsten er Welt, aber
zugunsten einer alten, buckligen Jungfrau. [Frl. Dokter selbst]“20 Erschüttert und
ohnmächtig gegenüber dieser neuen Situation geben Einstein, Newton und Möbius auf,
indem sie wieder ihre alten Rollen der verrückten Patienten einnehmen. Dies ist der
Ausdruck des Scheiterns der verantwortungsvollen Haltung der Wissenschaft mit
Entdeckungen, die Gefahren bergen, gegenüber der der Politik, denn Frl. Doktor hätte
niemals ohne Möbius ein solches Imperium aufbauen können. Genau wie die
Regierungen niemals ohne Wissenschaftler hätten eine Atombombe entwickeln oder ein
Kernkraftwerk bauen können. Dürrenmatt beschreibt hier die Problematik, dass wenn
etwas entdeckt wird, es nur eine Frage der Zeit ist, bis es öffentlich wird. Etwas was
entdeckt wurde kann man nicht verstecken.
„Möbius: Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen
werden.“
(Dürrenmatt, 1980) Seite 85
19
20
Vgl. (Dürrenmatt, 1980) Site 83
(Dürrenmatt, 1980) Seite 85
- 11 -
Resümee
Die Frage, ob die Wissenschaft etwas Weltbedrohendes hervorbringen kann, scheint
unbestritten, aber inwieweit eine Entdeckung oder Erfindung letztendlich bedrohlich oder
gefährlich ist, scheint eine Frage der Verantwortung zu sein.
In Friedrich Dürrenmatts Drama „Die Physiker“ scheitert der Versuch von Möbius, die
Verantwortung für seine Entdeckung der Weltformel und deren möglichen schlimmen
Folgen für die Menschheit zu übernehmen, daran, dass Frl. Doktor von Zahnd seine
Unterlagen heimlich kopiert hat. Eine Veröffentlichung zu verhindern ist auch nach Helmut
Schmidt fast unmöglich.
„Denn fast jedwede Grundlagenforschung führt früher oder später zur
praktischen Anwendung.“
(Schmidt, 2011)
Wenn man also eine Entdeckung vor den Augen der Welt nicht verbergen kann, muss die
Menschheit gemeinsam an einem Stang ziehen. Friedrich Dürrenmatt setzt sich im
Anhang seines Dramas in „21 Punkten zu den Physikern“ noch einmal grundlegend für
diese Vorgehensweise ein: „Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkungen
alle Menschen.“21 Und weiter: „Jeder Versuch eines Einzelnen, für sich zu lösen, was alle
angeht, muss scheitern.“22 Sowie: „Was alle angeht, können nur alle lösen.“23 Das
bedeutet also, dass die Verantwortung gleichermaßen bei der Wissenschaft und der
Politik liegt. Denn die Wissenschaft kann die möglichen Gefahren und Folgen einer
Entdeckung beurteilen und die Politik kann Regelungen finden, verantwortlich mit den
Folgen umzugehen.
„Nach zwei Weltkriegen, nach Auschwitz, nach Hiroshima, nach einer
weltweit großen Zahl ekelhafter Diktaturen im Laufe des 20. Jahrhunderts
21
(Dürrenmatt, 1980) aus „21 Punkte zu den Physikern“ Seite 92
22
(Dürrenmatt, 1980) aus „21 Punkte zu den Physikern“ Seite 93
23
(Dürrenmatt, 1980) aus „21 Punkte zu den Physikern“ Seite 92
- 12 -
geht es mir für das neue Jahrhundert um das Bewusstsein der
Verantwortung für die Folgen. Es geht mir um Weitsicht, um Urteilskraft im
Blick auf die ungewollten, zugleich aber immer möglichen Folgewirkungen.“
(Schmidt, 2011)
Um nun auf die anfangs gestellte Frage nach der Gefahr der Menschheit durch die
Wissenschaft zu antworten, so lässt sich sagen: Eine Bedrohung ist nur dann vorhanden,
wenn Wissenschaft und Politik keine Verantwortung für die Folgen einer Entdeckung
übernehmen und der Umgang zu leichtfertig geschieht. Ist dies jedoch nicht der Fall, so ist
eine Gefährdung der Menschheit durch die Wissenschaft nicht gegeben. Uns bleibt nur zu
hoffen, dass sich jeder Mensch dieser enormen Verantwortung bewusst ist.
- 13 -
Literaturverzeichnis
Biskamp, S. (14. März 2011). Es passiert immer trotzdem. Financial Times Deutschland , 25.
Dürrenmatt, F. (1980). Die Physiker. Zürich: Diogenes.
Erstmals gedenkt US-Vertreter in Hiroshima der Toten. (2010). ZEIT ONLINE, dpa .
Grabert, W., Mulot, A., & Nürnberger, H. (1978). Geschichte der deutschen Literatur. München:
Bayerischer Schulbuch-Verlag.
Kerner, C. (1999). Lise, Atomphysikerin. Weinheim und Basel: Beltz.
Oswald, B., & Schulte v. Drach, M. C. (3. August 2005). Vater und Gegner der Atombombe.
Abgerufen am 16. März 2011 von sueddeutsche.de:
http://www.sueddeutsche.de/wissen/2.220/jahre-hiroshima-vater-und-gegner-der-atombombe1.910836
Schmidt, H. (17. Januar 2011). Forschung heißt, Verantwortung für die Zukunft zu tragen.
von Weizsäcker, C. F. (1986). Die Unschuld der Physiker? (E. Koller, Interviewer)
- 14 -
Erklärung
Ich versichere hiermit, dass diese Abreit selbstständig angefertigt und keine anderen als
die von mir angegebenen Quellen und Hilfsmittel verwendet habe. Die den benutzten
Werken wörtlich oder inhaltlich entnommenen Stellen sind als solche gekennzeichnet.
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- 15 -
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