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1 Die wahre Geschichte vom Verschwinden des - Jovoto

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Die
wahre
Geschichte
vom
Verschwinden
des
Gemüsehändlers
Günter
Becker
Wie
jeden
Tag
saß
Günter
Becker
am
Gemüsestand.
Der
war
mit
allem
gefüllt,
was
das
Städterherz
begehrt.
Er
kam
vom
Land
und
hasste
Gemüse.
All
die
obszönen
Formen
und
aufdringlichen
Farben.
Zucchini
lagen
dort,
die
er
ständig
umsortierte.
Die
gelben,
großen,
fand
er
am
abstoßendsten.
Wenn
keine
Kundschaft
zu
sehen
war,
fuhr
er
fast
zärtlich
mit
seinen
kleinen
dicken
Fingern
über
die
straffe,
gelbe
Haut
der
Zucchini.
Beinahe
zwanghaft
überkam
es
ihn
mehrmals
am
Tag.
Ein
Schauer
lief
dabei
seinen
Rücken
hinab,
der
ihm
einen
tiefen
Seufzer
abrang.
Kürbisse,
Kartoffeln,
Zwiebeln,
Gurken,
Tomaten,
Bohnen.
Das
Geschäft
lief
gut.
Die
Städter
waren
glücklich
und
merkten
selten,
dass,
das,
was
er
so
schnell
zusammenrechnete,
Fantasiepreise
waren,
nach
oben
offen.
Sie
zahlten
mit
großen
Scheinen,
zeigten
weiße
Zähne
in
plappernden
Mündern,
stiegen
in
glänzende
teure
Autos
und
fuhren
die
Bundesstraße
weiter
in
die
Hauptstadt.
Er
sah
es
als
Entschädigung.
Entschädigung
dafür,
all
die
grässlichen
Formen
einzeln
in
Plastiktüten
stecken
zu
müssen,
um
sie
den
Städtern
lächelnd
entgegenzustrecken.
Eine
Tortour,
die
ihn
täglich
mehr
Kraft
kostete.
Der
große
Ansturm
war
vorbei.
Erschöpft
setzte
er
sich
neben
die
Kartoffeln
und
wischte
sich
mit
dem
Ärmel
den
Schweiß
von
der
Stirn.
Sein
runder,
gedrungener
Körper,
mit
schmalen
Schultern
und
breiten
Hüften,
wirkte
älter
als
achtundfünfzig.
Sein
Schädel
war
ebenfalls
rund
und
links
und
rechts
von
der
Schiebermütze,
die
er
nur
zum
Schlafen
absetzte,
kringelten
sich
feine,
graue
Härchen
um
die
großen,
herausstehenden
Ohren.
Er
wirkte
vertrauenerweckend,
freundlich
und
bäuerlich.
„Ein
honoriges
Schlitzohr“,
hat
der
Chef
damals
gesagt
und
ihn
deshalb
angestellt.
Was
„honorig“
bedeutet,
wusste
er
bis
heute
nicht,
ging
aber
davon
aus,
dass
es
als
Kompliment
gemeint
war.
Sonst
hätte
er
den
Job
schließlich
nicht
bekommen.
Die
Aussicht
auf
den
baldigen
Feierabend
ließ
ihn
neben
den
Kartoffeln
hockend
innerlich
abschlaffen.
Viel
wird
heut
nicht
mehr
passieren,
dachte
er
gerade,
eine
Gurke
in
der
Hand,
als
sie
auf
einmal
vor
ihm
stand.
Wie
vom
Blitz
getroffen,
vom
Donner
gerührt,
von
der
Tarantel
gestochen,
schnellte
er
von
seinem
Sitz
empor.
Das
Blut
zog
sich
in
irgendeine
Ecke
seines
Körpers
zurück,
um
ihn
dann
tsunamigleich
von
innen
zu
überschwemmen.
Fast
wäre
er
umgefallen.
Die
wahre
Geschichte
vom
Verschwinden
des
Gemüsehändlers
Günter
Becker
©Inés
Burdow
2009
1
„Ist
alles
in
Ordnung?“
Hört
er
sie
aus
weiter
Ferne,
obgleich
sie
ihm
gegenüber
stand.
„Hallo?“
„Alles
in
Ordnung?“
Echote
er.
Er
spürte,
dass
er
einen
äußerst
debilen
Eindruck
machte,
sammelte
sich
und
fuhr
mit
hochrotem
Kopf
sein
Standardprogramm
ab:
„Sie
wünschen?
Tomaten.
Zucchini.
Natürlich.
Wie
viele?“
Dabei
lächelte
er,
als
hätte
er
sich
gerade
seinen
ersten
Schuss
gesetzt.
Das
Gemüse
wurde
gewogen,
er
streichelte
es
und
ließ
den
Blick
nicht
von
ihr.
Fee,
dachte
er,
meine
geile
Fee.
Für
das
„geil“
schämte
er
sich
(ein
bisschen),
konnte
aber
nichts
dagegen
tun.
Geil,
geil,
geil
–
dröhnte
es
in
ihm
und
verdrängte
die
Fee.
Ursache
der
Aufregung
des
Gemüsehändlers
Günter
Becker
war
eine
junge
Frau
von
cirka
vierunddreißig
Jahren.
Helle
Wellen
fielen
bis
auf
ihre
Schultern
und
umrahmten
das
Gesicht,
aus
dem
zwei
efeugrüne
Augen
schauten.
Sommersprossen
unterstrichen
den
herausfordernden
klaren
Blick
und
kletterten
bis
in
ihren
hügeligen
Ausschnitt.
„Neun
Euro,
dreißig
Cent
bitte,
die
Dame“,
flötete
er
und
reichte
ihr
den
Beutel
über
den
Tisch.
Sie
zahlte,
sagte:
„zehn,
stimmt
so“,
stieg
in
ihr
Auto
und
fuhr
davon.
Einem
Kollaps
nahe,
plumpste
er
wieder
auf
seinen
Hocker.
Mit
offenem
Mund,
sein
Unterkiefer
war
weit
in
seinem
Doppelkinn
versunken,
starrte
er
immer
noch
in
die
Richtung,
in
die
ihr
Auto
verschwunden
war.
Langsam
verschränkte
er
die
dicken
haarigen
Finger
und
tat
etwas
ganz
und
gar
untypisches.
Er
betete.
Zu
Gott.
Jedenfalls
nannte
er
ihn
so.
Bitte
schick
sie
wieder
hier
vorbei!
Bitte!
Amen!
Lass
mich
ihre
Zucchini
sein.
Trinkgeld
hatte
sie
ihm
gegeben
und
sie
hatte
ihn
angelächelt.
Das
musste
etwas
bedeuten.
Ihr
ging
es
vielleicht
wie
ihm?
Sie
waren
füreinander
bestimmt.
Er
sah
sich
schon
mit
ihr
Hand
in
Hand
durch
die
Wiesen
springen.
Sie
war
die
Frau,
auf
die
er
sein
Leben
lang
gewartet
hat.
Deretwegen
er
am
Gemüsestand
stand.
Er
legte
sich
seine
schon
häufiger
angewandte
Strategie
zurecht,
sie
mit
seiner
verstorbenen,
unglaublich
schönen
Frau
zu
vergleichen,
an
die
sie
ihn
erinnerte.
(Die
es
natürlich
nie
gab,
die
verstorbene
schöne
geliebte
Frau,
er
ist
seit
eh
Junggeselle).
Das
klappte
meistens.
Hat
jedenfalls
für
mehrere
Gespräche
bei
weniger
begehrten
weiblichen
Wesen
gereicht.
Das
Die
wahre
Geschichte
vom
Verschwinden
des
Gemüsehändlers
Günter
Becker
©Inés
Burdow
2009
2
ist
gut.
Dem
kann
sich
kaum
eine
Frau
entziehen.
Sie
war
seine
große
Liebe,
sagte
er
immer
mit
Dackelblick
und
manchmal
einer
kleinen
Träne
im
Auge.
Sein
Entschluss
straffte
seinen
schlaffen
Körper,
mit
der
linken
Tatze
fuhr
er
sich
siegesbewusst
über
den
runden
Bauch.
Jetzt
konnte
sie
wieder
kommen.
Er
war
auf
alles
vorbereitet.
Sie
musste
wieder
kommen!
Voller
Tatendrang
stand
er
am
nächsten
Tag
an
seinem
Platz,
sorgfältig
rasiert
und
eingecremt.
Sie
kommt,
murmelte
er
einem
Mantra
gleich,
während
er
seine
üblichen
Handgriffe
tat.
Kürbisse,
Kartoffeln,
Zwiebeln,
Gurken,
Tomaten,
Bohnen,
Zucchini,
die
grünen,
die
gelben.
Seine
Hand
verweilte
länger
als
gewollt
auf
der
zarten
Haut
der
gelben,
straffen,
großen,
gurkenähnlichen
Frucht.
Und
sie
kam.
Er
erkannte
ihr
Auto
von
weitem.
Am
liebsten
wäre
er
auf
sie
zugestürzt
und
vor
ihr
auf
die
Knie
gefallen.
Mit
Mühe
blieb
er
stehen
wo
er
war
und
verfolgte
sie
mit
den
Augen.
Seine
Zunge
fühlte
sich
an
wie
ein
alter
Strickpullover.
Alle
Vorsätze
vom
vorigen
Tag
waren
vergessen.
Blut
schoss
in
seinen
Kopf,
die
Adern
an
den
Schläfen
traten
hervor
wie
Schläuche
kurz
vor
dem
Platzen.
„Na,
ist
alles
in
Ordnung?
Sie
sehen
krank
aus.“
Begrüßte
sie
ihn.
„N...
nnein,
n...nnein
–
i...iich
bi...n
o...okay!“
Versicherte
er
ihr.
„E...ein
Pf...pf...pf...
Pfund
Toma...
?“
„Nein,
diesmal
möchte
ich
gern
etwas
Topinambur,
vier
Tomaten,
und
von
den
gelben
Zucchini
bitte
drei
mittelgroße!“
Unterbrach
sie
sein
Gestammel.
Er
wollte
sagen:
Aber
natürlich,
gern.
Es
entschlüpfte
aber
nur
ein
„Ahmmmmm.“
Was
weniger
eine
bestätigende
Äußerung
zur
besonders
guten
Gemüsewahl
als
eine
mit
schmerzverzogenem
Gesicht
und
heraustretenden
Augen
gemachte
Zusammenfassung
mehrerer
ungesagter,
aber
gedachter
Sätze
war,
die
beim
Verlassen
seines
Mundes
zusammenklumpten.
Wie
ein
pappiger
Erdklumpen
plumpste
das
„Ahmmmmm“
aus
seinem
Mund
heraus,
fiel
auf
den
Boden
und
wollte
wegrollen,
als
er
es
mit
einem
Die
wahre
Geschichte
vom
Verschwinden
des
Gemüsehändlers
Günter
Becker
©Inés
Burdow
2009
3
beherzten
Schritt
darauf
am
Boden
fixierte.
So,
fast
einen
Spagat
zwischen
Zucchini‐
Stiege
und
Verkauftheke
machend,
sah
er
aus
wie
ein
dicker
balinesischer
Tänzer
mit
Barong‐Maske.
Nach
mehrmaligem
Schnaufen,
welches
der
ungewohnten
Bewegung
geschuldet
war,
brachte
er
es
endlich
zu
einem:
„Ja,
natürlich.
Zucchini...
Günter.
Er
machte
den
Fehler,
ihr
dabei
eine
Hand
über
den
Tresen
zu
reichen,
die
er
zum
Ausbalancieren
seiner
äußerst
fragilen
Haltung
vorher
aufgestützt
hatte
und
verlor
das
Gleichgewicht.
Nach
einer
unfreiwilligen
Drehung
seines
massigen
Körpers
um
die
eigene
Achse,
fing
er
sich
wieder,
stellte
sich
fest
auf
beide
Beine
und
ließ
die
gerade
herunter
gerissenen
Kiste
Gurken
links
liegen.
Er
räusperte
sich
und
tat
als
wäre
nichts
geschehen.
Jedenfalls
nichts
Ungewöhnliches.
„Hm,
äh,
ja,
Günter.“
„Günter?“
„Ich
heiße
Günter.
Angenehm.“
„Marie.“
Erwiderte
sie
leicht
irritiert
und
belustigt
vom
merkwürdigen
Gebaren
des
Gemüsehändlers.
„Ist
wirklich
alles
okay
mit
ihnen?“
„J...jja.
J...jja.“
(Lieber
Gott,
lass
mich
ihre
Zucchini
sein!)
Er
grinste
verschwitzt,
reichte
ihr
die
Wurzeln
und
das
Gemüse:
„Topinambur,
vier
Tomaten
und
gelbe
Zucchini,
elf
Euro,
zwanzig...“
Nachdem
sie
in
ihrem
Portemonnaie
nach
passendem
Kleingeld
gesucht
und
währenddessen
etwas
verstimmt
daran
dachte,
bei
diesen
Wucherpreisen
einen
anderen
Bauern
aufzusuchen,
stellte
sie
plötzlich
seine
Abwesenheit
fest.
„Günter?
HALLO!
Herr
Günter?
Wo
sind
sie?“
Irritiert
schaute
sie
sich
um.
Die
wahre
Geschichte
vom
Verschwinden
des
Gemüsehändlers
Günter
Becker
©Inés
Burdow
2009
4
Hier!
Ich
bin
doch
hier!
Wollte
er
schreien,
konnte
es
aber
nicht
mehr.
Es
ist
heiß.
Zu
heiß.
Na,
bitte.
Denkt
er
einen
langsamen
Gedanken.
Schlaganfall.
Herzinfarkt.
Der
Doktor
hat’s
ja
gesagt.
Er
spürt
seine
Glieder
nicht
mehr.
Er
kann
nichts
sehen.
Vielleicht
schaut
sie
ja
mal
hinter
den
Tresen.
Bestimmt
schaut
sie
hinter
den
Tresen.
Da
liegt
er
ja.
Umgefallen.
Umgehauen
hat
es
ihn.
Aber
sie
würde
ihn
finden.
Das
ist
ein
Trost.
Das
ist
Vorsehung.
Er
fällt
um,
ausgerechnet
wenn
SIE
da
ist.
Das
ist
tröstlich.
Ja.
Eine
Ohnmacht
überfällt
ihn.
Er
hat
das
Gefühl
zu
lächeln.
Durch
die
nachhaltige
Abwesenheit
des
Gemüsehändlers
Günter
genervt,
legt
Marie
15
Euro
auf
den
Verkauftresen,
‐
man
will
sich
ja
nichts
schuldig
bleiben
–
und
das
war
sowieso
das
letzte
Mal
–
setzt
sich
in
ihr
Auto
und
fährt,
ein
„Der
Typ
hat
nicht
mehr
alle
Gurken
im
Glas“
murmelnd,
davon.
Er
kommt
durch
eine
heftige
Erschütterung
zu
sich
und
muss
feststellen,
dass
sein
Zustand
unverändert
ist.
Wie
in
Watte
gehüllt
fühlt
er
sich.
Wieder
eine
Erschütterung.
Was
passiert
mit
ihm?
Er
kann
immer
noch
nicht
sehen.
Wo
ist
er
bloß?
Er
fühlt
sich
angefasst,
berührt.
Er
glaubt
zu
seufzen
als
er
spürt,
es
muss
Ihre
Hand
sein.
Es
wird
nass.
Erst
kalt,
dann
etwas
wärmer,
fast
angenehm.
Marie
hat
die
Tüte
mit
Gemüse
auf
den
Küchentisch
geworfen,
den
Vorfall
am
Gemüsestand
verdrängt
und
freut
sich
aufs
Kochen.
Nachdem
sie
Tompinambur
vorbereitet
hat,
greift
sie
mit
Schwung
nach
den
gelben
Zucchini,
wäscht
sie
unterm
Wasserstrahl,
stellt
das
Wasser
auf
handwarm,
so
werden
sie
richtig
sauber.
Sie
macht
den
Herd
an,
etwas
Olivenöl
in
den
Topf.
Gemüsebrühe,
Dill,
Pfeffer
und
den
Lachs
für
ihre
Zucchinisuppe
legt
sie
bereit,
dann
nimmt
sie
das
große
Messer.
Einen
Moment
hält
sie
inne,
als
sie
einen
tiefen
Seufzer
wahrzunehmen
glaubt.
Sie
schaut,
lächelt,
es
war
wohl
Einbildung,
und
schneidet
mit
geübter
Hand
die
Zucchini
in
Würfel,
legt
sie
vorsichtig
ins
heiße
Öl
und
lässt
sie
anschmoren.
Dann
etwas
Wasser
darauf,
Gemüsebrühe
dazu.
Abschmecken
und
pürieren.
Den
Dill
kleinhacken
und
dazu
geben.
Es
klingelt.
Ihre
Freundinnen
stehen
vor
der
Tür.
Das
Essen
ist
fertig.
Auf
jeden
Teller
kommt
eine
Scheibe
Räucherlachs,
die
herrlich
duftende
Zucchinisuppe
wird
darüber
Die
wahre
Geschichte
vom
Verschwinden
des
Gemüsehändlers
Günter
Becker
©Inés
Burdow
2009
5
gegeben
und
mit
ein
wenig
Schmand
abgeschmeckt.
Dazu
gibt
es
Topinambur‐Antipasti
mit
Tomate
und
Olivenöl.
Sie
lassen
es
sich
schmecken,
trinken
einen
schönen
kühlen
Grauburgunder
dazu
und
Marie
bringt
ihre
Mädels
mit
einer
Geschichte
zum
Lachen.
Die
wahre,
(aber
nicht
die
ganze)
Geschichte
vom
Verschwinden
des
Gemüsehändlers
Günter.
Die
vollständige
Geschichte
kennen
gottseidank
nur
wir...
Die
wahre
Geschichte
vom
Verschwinden
des
Gemüsehändlers
Günter
Becker
©Inés
Burdow
2009
6

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Seele and Geist
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