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Adam flog mit seinem Bett davon Wie Kinder mit dem Tod umgehen

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Dieses Manuskript stimmt nicht unbedingt mit dem Wortlaut der Sendung überein.
Es darf nur zur Presse- und Hörerinformation verwendet
und nicht vervielfältigt werden,
auch nicht in Auszügen.
Eine Verwendung des Manuskripts für Lehrzwecke
sowie seine Vervielfältigung und Weitergabe als Lehrmaterial
sind nur mit Zustimmung der Autorin/des Autors zulässig.
Adam flog mit seinem Bett davon
Wie Kinder mit dem Tod umgehen
Von Doris Weber
Beginnt: Lutricia liest:
Es war einmal ein Junge der wahr zehn Jahre alt und hieß Adam. Er fand die
Welt, in der er lebte, sehr langweilig, weil immer alles gleich war und sich
nichts änderte. Er sagte zu sich selbst: „Schade, dass mein Bett nicht fliegen
kann, dann könnte ich in eine andere Welt reisen.“ Als es Nacht wurde, schien
der Mond so hell, dass das Bett von Adam zu wackeln begann. Der Mond sagte
zu Adam: „Dreh dein Kissen um, dann findest du den Knopf, wenn du den
drückst, kannst du fliegen.“
Autorin:
Lutricia Düren liest aus dem Buch von Ebru Pek. Ebru und Lutricia haben sich auf
einer Krebsstation kennengelernt. In ihrem Buch mit dem Titel: „Ich habe einen Engel
in mir“ erzählt Ebru, wovon Kinder träumen:
Lutricia liest weiter:
Durch das Fenster flog Adam mit seinem Bett hinaus. So lange, bis er in eine
andere Welt kam. Es war eine bunte Welt und es war dort ganz schön. Der
Boden war ganz kuschelig, wie aus Watte. Da fuhren Autos, ganz weich und
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bunt. Die Leute, die dort lebten, waren aus Gold und Silber. Sie begrüßten
Adam: „Herzlich willkommen in unserer Welt.“
Autorin:
Am Ende ihres Buches gibt Ebru ihren Lesern den Rat: „Wenn ihr gesund seid,
macht alles, was ihr euch wünscht. Man weiß nie, was kommt. Stellt euch mal vor,
plötzlich kommt so eine Krankheit und ihr könnt nichts mehr machen…“.Lutricia weiß,
was Ebru damit sagen wollte. Denn eines Tages kam so eine Krankheit auch zu ihr
und sie konnte nichts mehr machen.
O-Ton: Lutricia:
Ich bin vom draußen, vom Spielen nach oben gekommen und meine Mama meinte
bloß, ob mir was passiert ist, weil ich am Hals ganz viele so blaue Flecken hatte, so
ganz kleine, nadelstichartige. Dann sind wir damit zum Arzt gegangen und der
meinte, wir sollten sofort eine Blutprobe nehmen, als er gesehen hat, dass da was
nicht stimmt, hat er uns sofort in die Klinik geschickt , dann haben sie erst mal gleich
eine Knochemarkpunktion gemacht und haben ja, dann gesehen, dass Krebszellen
gefunden wurden. Da war ich acht.
Autorin:
Die Mutter sagte ihr, dass sie jetzt schwer krank ist und Millionen böse Zellen im Blut
alles kaputt machen. Lutricia bekam mehrere Chemotherapien und es ging ihr sehr
schlecht:
Lutricia:
Schlapp sehr schlapp. Man hat gar keine Lust, möchte nur rumsitzen und sich
ausruhen. Weil jeder Schritt und jede Bewegung so anstrengend ist, möchte man am
liebsten nur im Bett liegen bleiben. Ich hätte gern mit meinen Freunden im Sommer
draußen gespielt, es war ja mitten in den Sommerferien und kurz bevor ich in die
dritte Klasse gegangen wäre.
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Autorin:
Und dann ging es mit mir steil bergab, erinnert sich Lutricia. Die Chemotherapien, die
Nebenwirkungen und der aggressive Krebs, der nach einem Jahr wieder zurückkam.
Eine Knochenmarktransplantation sollte Lutricias Leben retten. Wusste sie, wie es
um sie stand?
Lutricia:
Ja, wusste ich, ich hab Angst bekommen, ich hab sehr viel Angst bekommen und war
sehr, sehr traurig und hab viel geweint. (Von dem späteren o-Ton nach vorne holen)
Warum gerade ich, es gibt andere Leute, die wollen ihr Leben nehmen, und warum
muss ich es gerade sein, die so viel Spaß am Leben hat…?
Autorin:
Lutricia malte einen wunderschönen Löwen. Majestätisch füllt er mit seiner braunen
Mähne das gesamte Blatt aus, stark und entschlossen sein Blick. „Das bin ich“, sagt
sie, „so sehe ich mich. Der Löwe ist das stärkste Tier und ich widme dieses Bild
meiner Kraft, mit der ich meine Krankheit bekämpfe.“
Lutricia: (nochmal überarbeiten)
Ich hab dann nachts immer geträumt davon, was ich machen könnte, wenn ich
gesund wäre. Und was ich jetzt eigentlich habe, damit war ich aber auch zufrieden,
dass ich zum Beispiel mit andern Leuten Gesellschaftsspiele spielen konnte und viel
gemalt habe und viel Musik gemacht habe und viel Neues gelernt habe. Ich habe
mich …. in die Situation von anderen Leuten versetzt, zum Beispiel jemand, der im
Rollstuhl sitzt und nie wieder laufen kann, der kann auch nicht mehr spielen, tollen,
der spielt auch Gesellschaftsspiele und beschäftigt sich anders. Und so hab ich das
halt auch so hingenommen
Autorin:
Und wenn der Tod dann doch stärker sein sollte als der Löwe…
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Lutricia:
Wenn es so sein soll, dann ist es halt so. Angst davor habe ich jetzt eigentlich keine
mehr, ich hab jetzt schon viel verpasst,… aber die Krankheit selbst …ich hab das
Meiste überstanden von Schmerzen. Und wenn der Tod dann halt kommen will, dann
kommt er halt, dachte ich mir, was kommen will, das kommt. Ich habe von Anfang an
gesagt: also wenn ich es jetzt nicht schaffe, dann möchte ich es nicht mehr machen,
ich habe die ganze Zeit diese Chemo und diese Schmerzen und alles ertragen und
habe mir das alles vor Augen gehalten und hab mir so gedacht, nochmal, wenn ich
nochmal krank werde oder so, das sehe ich nicht ein. Ich war vernünftig aber auch
richtig stark, ich hab mich stark gefühlt, immer dagegen anzukämpfen. Der Gedanke,
daran, dass jemand zu Hause auf mich wartet, das war meine Mama, und dafür hab
ich gekämpft. Sie alleine zu lassen, wäre blöde, aber das kann man halt nicht
ändern. Aber ich schenk ihr meinen Segen, dass sie das alles ganz alleine schafft,
….
Musik - ganz kurz - nur ein paar Töne
Autorin:
Leiden und Sterben gehören nicht in das Leben von Kindern. Dagegen sträubt sich
das menschliche Empfinden. Kinder spielen, lernen, wachsen und haben eine
Zukunft… Doch manchmal hat das Schicksal einen anderen Plan. Dann müssen
Kinder mit schweren Krankheiten fertig werden, dann müssen Kinder sterben. Die
Psychologin Angela Duhr arbeitet gemeinsam mit der Pädagogin und
Kunsttherapeutin Eva Paul seit vielen Jahren auf einer Kinderkrebsstation. Beide
Frauen gehören auch der Stiftung Bremer Engel an, einer mobilen Familienhilfe die
Tag und Nacht schwerstkranken Kindern und deren Angehörigen zur Verfügung
steht. Angela Duhr und Eva Paul begleiten Kinder durch ihre Krankheit und oft auch
auf ihrem Sterbeweg. Und sie haben gelernt, dass Kinder mit Krankheit und Tod
ganz anders umgehen als Erwachsene:
O-Ton: Angela Duhr:
Also ich glaube, es ist wichtig, dass Kinder immer darum wissen, wenn sie
lebensbedrohlich erkrankt sind und dass sie auch wissen, wenn sie sterben oft noch
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sogar vorher, bevor wir Befunde haben, die das dann deutlich machen, dass die
Behandlung versagt hat. Kinder spüren, dass sie gehen, sie spüren dass sie an
einem andern Ort dann sein werden und wenn man sie zu lesen weiß, dann gibt es
immer wieder ganz viele Geschichten, die Eltern und Geschwister erzählen, wo sie
im Nachhinein, wenn das Kind verstorben ist, sagen, es kommt mir so vor, als hätte
es sich von mir verabschiedet, das wollte auf einmal ganz viel seine Schwester
sehen, mit der unsere KIeine sonst nie so viel Kontakt haben wollte und hat ganz viel
mit der Schwester gekuschelt in den Tagen, bevor sie verstorben ist. Das kannten wir
sonst gar nicht von ihr. Das heißt: wir merken immer sehr deutlich dass es ein
großes Bewusstsein gibt, dass eben eine große Veränderung stattfindet und es nicht
mehr um Heilen geht, sondern, dass das Kind sich verabschiedet.
Daran direkt: O-Ton: Eva Paul:
Kinder haben ja die Fähigkeit, viel mehr im Hier und Jetzt zu leben. Sie machen noch
keine großen Pläne und können noch nicht so einen langen Zeitraum überblicken wie
wir, und das gilt natürlich auch für die Zeit der Erkrankung und für die Zeit des
Sterbens, dass sie vielmehr im Hier und Jetzt sind und schauen, wie geht´s mir jetzt?
Bin ich wütend, bin ich traurig, oder bin ich jetzt gerade fröhlich? Ich habe gerade
eine gute Idee. Wo ich dann sein werde, wenn ich sterbe. Also , also das ist zum
einen sehr individuell, aber zum andern hilft es eben den Kindern, dass sie vielmehr
im Hier und Jetzt leben und dass sie vielleicht noch nicht ganz so fest auf der Erde
sind wie wir und deswegen auch noch ganz andere Bilder und Vorstellungen
entwickeln können, die bei uns schon sehr fest gefahren sind. Und das bei den
Kindern nicht so..
Daran O-Ton:Angela Duhr:
Also ich bin kein esoterischer Mensch, aber da eben meine Erfahrungen in den
Jahren so gewesen sind, bin ich für mich zu meiner Erklärung gekommen, dass es
entweder etwas ist, was man als eine spirituelle Eingebundenheit bezeichnen kann
und dass es so eine Weisheit gibt, die dann bei kleinen Kindern da ist. Ich denke
auch, dass es eine wichtige Beobachtung ist, dass Kinder wissen, wie man stirbt.
Wie intuitiv gestalten sie ihren Abschied und gehen dort ihren Weg, und wir sind
Begleiter. ….Das finde ich bei kleinen Kindern, dass man davor ganz viel Ehrfurcht
hat, wie sie ihr Schicksal annehmen und ich oft das Gefühl habe, dass sie
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Erwachsenen da sehr viel voraus haben, Situationen, so, wie sie sind, annehmen
können und sich auf sie einzulassen. ,
Autorin:
Und sie tun es oft ganz ohne Worte – denn die Vokabeln Sterben und Tod sind in
ihrem Sprachschatz noch nicht mit Inhalten gefüllt. Dennoch fügen sie sich nicht
stumm ihrem Schicksal, bäumen sie sich auf und schreien ihren Schmerz und ihre
Verzweiflung in die Welt, die ihnen so unwirtlich und grausam geworden ist. Doch sie
setzten andere Zeichen, sagt die Kunsttherapeutin Eva Paul. Senden Botschaften,
die Erwachsene lesen lernen müssen. Eva Paul erzählt die Geschichte eines
achtjährigen Mädchens und eines kleinen Jungen:
O-Ton: Eva Paul:
Die Familie war, als deutlich wurde, dass das Mädchen versterben wird in
absehbarer Zeit, in einem Urlaub, den das Mädchen sich sehr gewünscht hat. Sie
waren im Mittelmeer und haben sich da sehr, sehr wohl gefühlt und eine sehr gute
Zeit miteinander gehabt. Zwei Wochen vor dem Tod des Mädchens hab ich das
letzte Mal mit ihr gemeinsam gemalt und sie hat gleich gesagt: ich weiß, was ich
heute malen werde. Und dann hat sie ihren Lieblingsort auf dieser wunderschönen
Insel gemalt. Am Strand im Hintergrund ein Hotel, hat aber dann gesagt, das ist
mein Papa in der Hängematte liegend zwischen zwei Palmen und daneben dann die
Mama und der Bruder. Und dann hat sie überlegt: ja, wo bin ich denn und hat sich
dann abseits der Familie oben auf die Düne gemalt, mit langen, schönen, blonden
Haaren, die sie in Echt dann nicht mehr hatte, schon lange nicht mehr hatte, und hat
gewunken. Und das ist ein sehr deutliches Bild des Abschieds, was ihr sehr wichtig
war und wo es aber keiner weiteren Worte bedarf, es war einfach ganz klar. – Kinder
haben da sehr feine Antennen, dieses innere Spüren, dass das Kind dieses innere
Wissen hat und das drückt sich aus in Bildern, wie auch, dass ein Junge, der weiß,
dass er sterben muss, genauso wie seine Mutter, die kürzlich verstorben ist, drei
Schiffe malt, die übers Meer davonschwimmen. Und das eine Schiff war dann die
verstorbene Mutter und das andere Schiff dann der Großvater der auch vor einem
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Jahr verstorben war. Und er wusste, dass er dieses dritte Schiffchen ist, was dann
losfährt und sich an andere Ufer aufmacht.
Holger Postler liest:
Ein Schnurps grübelt
Von Michael Ende
Und einmal, das sagte der Vater heut,
ist jeder Mensch nicht mehr hier.
Alles gibt`s noch: Kinder, Häuser und Leut`,
auch die Sachen und Kleider von mir.
Das bleibt dann für sichBloß ohne mich.
Aber ist man dann weg? Ist man einfach fort?
Nein, man geht nur woanders hin.
Ich glaube, ich bin dann halt wieder dort,
wo ich vorher gewesen bin.
Das fällt mir dann bestimmt wieder ein.
Ja, so wird es sein.
Daran O-Ton: Angela Duhr:
Was immer hilfreich ist auch im Dialog mit den Eltern, sie auf diese Idee nochmal zu
bringen, wer ist denn schon oben im Himmel, welche Seele ist da schon
hingegangen, das heißt, es ist oft ganz, ganz hilfreich, wenn es eine Großmutter oder
einen Großvater gibt, den vielleicht das Kind sogar noch gekannt hat und der sich
besonders noch auf das Kind gefreut hatte, bevor er verstorben ist. Es lässt sich die
Vorstellung dann entwickeln, dass schon in diesem Prozess des auf das Sterben
zugehen, diese Großmutter, dieser Großvater aus dem Bereich, wo er schon ist,
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dass das Elternteil oder das Kind sich dann für sich ausmalen kann, wo ist jetzt die
Seele von dem Großvater? Also möglichst nur diese Impulse zu geben, sich schon
vorzustellen, da gibt es einen Kontakt zwischen den Verstorbenen, und wenn da ein
lieber und warmherziger Opa oder eine Oma ist, ist das auch hilfreich dieses Bild,
könnte es nicht sein, dass der Opa jetzt schon aufpasst und dass der ganz sicher
schon oben dann sein wird in dem Moment, wo die Seele des Kindes dort ankommt,
um dort oben auf das Kind dann aufzupassen.
Autorin:
Wo bin ich dann? Und wer werde ich dort sein? Und was geschieht mit meiner
Puppe, wenn ich nicht mehr hier lebe? Wer spielt denn dann mit meiner Eisenbahn?
Marie-Luise Zimmer arbeitete zwölf Jahre lang auf einer Kinderkrebsstation als
Musiktherapeutin. Sie weiß, dass die Frage: Und was kommt danach? Die Kinder
sehr beschäftigt:.
O-Ton: Marie Luise Zimmer:
Und wenn es darum geht, die Vorstellung: was ist denn dann überhaupt, wo geht es
dann hin, da ist ganz häufig, dass sie sich ein Bild machen: Was ist denn der
Himmel, der Himmel ist da oben auf einer Wolke. Ich hab mal, und das ist für mich
das eindrucksvollste Erlebnis, was ich hatte, mit einem Kleinen, acht Jahre war er
jung, gehabt auf der Kinderkrebsstation, mit dem hab ich ganz viel Musik gemacht
und dem ging´s ganz gut. Und was er so besonders geliebt hat war das Lied, „Weißt
du, wie viel Sternlein stehen?“ Und dann eines Tages erzählte mir der Kevin: ich hab
mal einen Bruder gehabt als der ein Baby war, da war der auch krank, und die Ärzte,
die haben ihn nicht richtig versorgt, und da ist er dann gestorben. Und dann haben
wir sicherlich zwei Wochen lang mit dem Bruder Zwiesprache gehalten durch das
Fenster. Einmal ist er auf einer Wolke gereist, einmal am Himmel rum, und immer
dieses Lied „Weißt du wie viel Sternlein stehen?“ Einmal saß er auf einem Stern und
wir immer mit unseren Instrumenten und dem Lied dabei. Dann passierte es, dass
Kevin ganz plötzlich verstarb… Der hatte überhaupt keinen Bruder. Der hat sich ein
soziales Netzwerk im Himmel gebaut, wo er mal hingeht. Das war die
Auseinandersetzung mit seinem eigenen Tod gewesen. Also das ist für mich ein
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ganz eindrückliches Bild, wie Kinder in Symbolen sprechen, und wir müssen halt sehr
wach sein und sehr achtsam sein und diese Symbole auch verstehen oder diese
Bilder.
Autorin:
Manche Kinder sagen: ich habe keine Angst vorm Sterben, ich gehe ja nur in eine
andere Welt. Die Zeiteinheit: Nie wieder, weiß Luise Zimmer, deuten sie um in: bis
irgendwann:
O-Ton:Marie-Luise Zimmer:
Es ist wirklich so, die haben so was ganz, ganz Tiefes, wenn sie das religiös
ausdrücken wollen, Göttliches in sich. Also, also ich hab häufig erlebt, dass
Jugendliche diese Vorstellung haben, wen Mama dann gestorben ist, sehen wir uns
wieder, wenn Papa gestorben ist, dann sehen wir uns wieder. Ich glaube, die
Vorstellung, dass es eine andere Welt gibt, die ist bei jungen Menschen häufig da,
irgendwann sehe ich die, die liebhabe, wieder….Sie sprechen ganz häufig von
Engeln und von Schutzengeln, das habe ich immer wieder und immer wieder erlebt:
ich werde beschützt, und ich glaube, dass Kinder in sich etwas Göttliches haben,
ganz ohne Frage, unabhängig von jeder Religion, das ist ein ganz altes Wissen in
uns, was wir, je erwachsener wir werden, umso mehr leider verlieren. Und ich
glaube, sie brauchen auch eine Vermittlung von dem, dass sie immer hierbleiben
werden, dass es nur der Körper ist, der geht, dass sie aber in Erinnerung hier
weiterleben bei Vater und Mutter, bei Bruder und Schwester, dass sie durch die
Liebe verbunden sind. Das kann nicht beendet werden, das ist das, was bestehen
bleibt.
Tambura-Musik ein paar Töne und leise unter
O-Ton: Marie-Luise Zimmer:
Da hilft mir die Musik ganz doll. Und ich hab ja immer wieder die Erfahrung gemacht,
dass das Reden oft gar nicht angebracht ist, Und ich hab ja diese wunderbaren
Instrumente, diese Monocord – Instrumente, setzt mich bei der Sterbebegleitung an
das Bett von diesen Kindern und Jugendlichen und spiele, und das ist so eine Musik,
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die sie irgendwohin trägt, es ist Nähe da, sie hören die Nähe und trotzdem bin ich
nicht da, … sie müssen diesen Weg alleine gehen. Dieses Dasein im Klang, wir sind
ja auch im Klang geboren, im Mutterleib, das ist ja etwas ganz Ähnliches, dass das
eine Stütze sein kann.
Tambura wieder ein paar Klänge und ausblenden.
Autorin:
Sie erzählen von einem anderen Land, dort sind die Wiesen mit bunten Blumen
übersät, Engel tragen sie auf federleichten Flügeln, sie gleiten auf Wolken den
Himmle entlang und reiten auf Sternen. Das sind die hellen Bilder, in Blau und Gelb
und Grün. Aber Krankheit und Tod sind keine lustigen Gesellen. Unvorstellbar, was
sie in den Körpern der Menschen anrichten können, welche Torturen und Qualen sie
den Kindern zumuten. Der Tod trägt eine grausame Fratze und hinterlässt in den
Kindern und in den fassungslosen Eltern oft traumatische Bilder. Schwarz und
bedrohlich. Ein Ungeheuer mit dunkelbrauner Kutte über dem Kopf. Die Krankheit
beugt sich wie ein Monster über das Bett Ein Junge schlägt mit einem Schlegel wild
um sich. Das Blatt ist total zerrissen, wie der Körper des Kindes, zerrissen von
Schmerzen und Angst. Ein Ungeheuer steht an seinem Bett und saugt ihm sein Blut
aus dem Hals. Ein Monster, das alles frisst, auch die Kinder. Zu diesen Bildern
komponieren die Kinder in der Musiktherapie Töne, schrill und beschwörend, ein
Lied gegen den Vampir:
O-Ton: Das Vampirlied
Autorin:
Der Tod gehört zum Leben. Kluge Worte aus der Erwachsenenwelt - und dort mögen
sie auch zutreffen. Denn der Tod hat bei Kindern nichts zu suchen. Kinder sollen
leben, bevor sie sterben. Alles andere stellt die Ordnung auf den Kopf. Die
Ordnungen der Natur, des Lebens, der Familie. Sterben ist ein Prozess. Doch wie
sollen Eltern da hineinwachsen? Wie diese unumstößliche Gewissheit verkraften,
dass sie ihr Kind, das Liebste auf Erden, loslassen zu müssen? Allein ist das kaum
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zu schaffen. Sie brauchen Familienangehörige, Freunde und Therapeuten, die ihnen
zur Seite stehen – und oftmals sind es sogar die sterbenden Kinder selbst, die ihren
todtraurigen Eltern helfen möchten, beobachten die Psychologin Angela Duhr und
die Kunsttherapeutin Eva Paul.
O-Ton: Angela Duhr:
Manchmal sind die organischen Befunde so, dass jeder, der draufguckt, sagen
würde, dieses das Kind kann unmöglich noch zwei Nächte schaffen. Und diese
Kinder bleiben manchmal, weil unerledigte Sachen sind, wie zum Beispiel auch, dass
sie merken, sie können ihre Eltern noch nicht zurücklassen und bleiben dann
manchmal noch zwei, drei vier Wochen am Leben. …Dazu wollte ich sagen, dass wir
das sehr oft erlebt haben, dass wir Eltern hatten, die ganz stark im Gespräch betont
haben, das kann nicht sein, das darf nicht sein, …und dann gab es auch ganz
erstaunliche Situationen, wenn sich die Situation dann zuspitzte, dass sie merkten,
dass ihr Kind dann zu leiden begann … dann kippten diese Eltern von einem Tag auf
den nächsten in die andere Haltung und begleiteten ihr Kind auf eine ganz tolle
Weise beim Sterben und sagten, ihm, du darfst jetzt loslassen, es ist jetzt okay, dass
du geht’s und dann haben wir immer gemerkt, dass … sie dann in dem Moment auch
so viele liebe für ihr Kind empfinden, dass sie das dann über die Lippen bringen, ….
du darfst jetzt gehen, du brauchst dir keine Sorgen zu machen, wir kriegen das alles
hin wir gehen nicht daran kaputt. Um dem Kind diese letzten Meter auf diesem Weg
nicht so schwer zu machen..
Daran Eva Paul:
Die Eltern finden dann manchmal auch nach dem Tod eines Kindes Bilder oder
entdecken dann vielleicht auch in einem Schmetterling, der jeden Morgen auf den
Frühstückstisch kommt einen Gruß ihres Kindes. Auch die Eltern suchen natürlich
dann nach Bildern, wo sie dann das Kind auch wiederentdecken und sagen, gerade
jetzt, gerade in diesem Winter blühen die Rosen so lang. Das ist auch ein Gruß, das
ist die kraft von unserem Kind, das heißt, sie erleben das Kind dann eben auch in
sehr vielen Dingen und das ist für die Eltern auch sehr hilfreich.
Tamburaklänge
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Holger Postler liest:
Die Brüder Löwenherz
Von Astrid Lindgren
Dann geschah es. Etwas Seltsameres habe ich nie erlebt. Ganz plötzlich stand ich
einfach vor der Gartenpforte und las auf dem grünen Schild: Die Brüder Löwenherz.
Und dann sagte Jonathan: „Na also, Krümel Löwenherz, jetzt bist du endlich da!“
Wie kam ich dorthin? Wann flog ich? Wie konnte ich den Weg finden, ohne jemanden
danach zu fragen? Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich plötzlich dort stand und
das Namensschild an der Gartenpforte sah.
Autorin:
Jule lebt nicht mehr. Vor vier Jahren ist sie gestorben – da war sie zehn Jahre jung.
Jule litt an einem medizinisch weltweit kaum beschriebenen Immundefekt, der immer
wieder bedrohliche und sehr schmerzhafte Krankheiten verursachte. Dennoch, trotz
aller Leiden und Behinderungen, bot das kleine Mädchen seinem Schicksal tapfer die
Stirn. Sie wollte nicht aufgeben, sondern auch mit schwersten körperlichen
Beeinträchtigungen leben wie all anderen Kinder auch.
O-Ton: Kathrin:
Sie hat uns immer wieder Kraft geben, immer wieder versucht, das Leben so toll wie
möglich zu gestalten. Wenn sie motorisch eingeschränkt war, dann hat sie ganz viel
gemalt, hat Geige gespielt und immer wieder aus dem, was sie körperlich konnte,
das Allerbeste daraus gemacht. Eigentlich war sie immer, immer, immer ein total
lebensfröhlicher Mensch.
Autorin:
Jule malte wunderschöne Bilder. Alle so hell und freundlich. „Ich glaube, sie wollte
auf diese Weise eine schöne Welt entstehen lassen, einen Raum, in den sie sich
zurückziehen konnte, zu dem das Dunkel ihrer Krankheit keinen Zutritt hatte“,
vermutet Kathrin, Jules Mutter:
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O-Ton: Kathrin:
Wir haben ungefähr zwei Monate, bevor sie gestorben ist, wollte sie eine
Kunstausstellung machen, es war eigentlich geplant in der Kinderklinik in unserer
Heimatstadt, dazu ist es nicht mehr gekommen, und sie hat dann aber sich
gewünscht dass wir eine Ausstellung machen in unserem Haus, also ihre besten
Freunde und Verwandten ein geladen, sie hat bestimmt wer kommt und dass wir alle
Bilder, die wir von ihr haben zusammentragen, und sie hat dann ganz viele vorher
auch noch neu gemalt. Und dann hat sie das an einem Morgen gesagt: es muss
heute sein, nur noch heute habe ich die Kraft dazu, und dann mussten unsere
Freunde und Verwandten - die haben alle ihre Arbeit stehen und liegen lassen, die
Kinder mussten aus der Schule kommen damit sei nachmittags bei uns sein
konnten, und dann haben wir in unserem Haus eine Ausstellung gemacht, wo sie
ihre Bilder verschenkt hat. Und die anderen haben gesagt: nein wir machen eine
Auktion daraus, du bekommst Geld dafür- Dann hat sie ihre Bilder verkauft und
gesagt, die Hälfte des Geldes will sie an Terres des Homme spenden für Kinder,
denen es noch schlechter geht als ihr….Und das war sozusagen ihr erstes
Abschiednehmen für uns … und sie hat dann an dem letzten Weihnachtsfest, das wir
noch erleben durften, für jeden von uns sich ein eigenes ganz tolles individuelles
Geschenk ausgedacht und sie hat dann nach diesem Weihnachten noch drei
Wochen gelebt,
Autorin:
Über das Sterben hat Jule ganz offen gesprochen. Nach den lebensgefährlichen
Transplantationen, den künstlichen Beatmungen und endlosen Tagen und Wochen,
die sie auf Intensivstationen verbringen musste, wusste sie, dass der Tod sich
beharrlich in ihrer Nähe aufhielt. Mit einer Freundin der Familie hat sie ihre
Beerdigung besprochen und auf einem Zettel geschrieben, welches Kleid sie tragen
und welche liebsten Gegenstände sie mit ins Grab nehmen möchte. Den Zettel gab
Jule ihren Eltern am Tag ihrer Kunstausstellung.
O-Ton: Kathrin:
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Jule hat ganz fest daran geglaubt. dass sie nach dem Tod bei Gott sein wird und
auch beim Abschiednehmen hat man das ganz doll gespürt, dass sie das weiß, dass
sie jetzt schon zum Teil in einer anderen Welt ist bei Gott, der sie fängt. Und dann
hat sie dieses Beinahe-Tod-Erlebnis gehabt, da hat sie erzählt, dass sie auf einer
superschönen Wiese liegt in der ganz, ganz viele Blumen sind und ganz viele
Schmetterlinge, und dass die Schmetterlinge auf ihr gelandet sind. Und das war auch
hier oft so, im Garten haben wir viele Schmetterlingsbäume. Und das war für sie so
ein Zeichen dass es ihr da gut gehen wird. Deshalb ist sie wirklich in der Gewissheit
gestorben, in Gottes Händen wieder wach zu werden. Und für uns, bezogen auf den
eigenen Tod, hat mir das ganz viel Angst genommen, aber eben auch zu wissen,
dass sie da ist und dass es ihr gut geht.
Holger Postler aus Brüder Löwenherz:
Und dann lachten wir und lachten immer mehr, weil es vor Freude in uns blubberte.
Und schließlich rollten wir vor Lachen in den Fluss und lachten im Wasser weiter.
„Jonathan, hast du was gemerkt?“, fragte ich. „Ich huste nicht mehr.“„Klar hustest du
nicht mehr“, sagte Jonathan. „Du bist ja jetzt in Nangijala.“ - Ich schwamm eine
ganze Weile umher, und dann kletterte ich auf die Brücke und stand dort pudelnass,
das Wasser floss nur so aus meinem Zeug. Und weil die Hose an meinen Beinen
klebte, konnte ich deutich sehen, was geschehen war. Glaubt es, oder nicht: Meine
Beine waren jetzt kerzengerade, genau wie Jonathans. - Und erst jetzt fühlte ich es.
Erst jetzt auf der Brücke spürte ich, dass ich durch und durch gesund und froh war.
O-Ton: Kathrin:
Ich glaube überhaupt nicht, dass ich es geschafft habe, den Tod meiner Tochter zu
überwinden, auch wenn das jetzt schon vier Jahre her ist, sondern dass es ein
lebenslanger Prozess ist und bleibt und dass die Trauer und die Wut, die angesichts
des Todes mich immer weidereinholt und unverhofft kommt, egal, wie weit ich mich
damit auseinander gesetzt habe. Das Wichtigste für mich ist immer, nicht zu
verbittern, weil ich ganz sicher bin, dass meine Tochter gerade das nicht wollte. Sie
ist selber nicht verbittert und hat selber so viel Kraft gehabt, dass ich auch das Gefühl
habe, das ist ihr Auftrag an mich, das weiterzuleben, auch für ihre Geschwister.
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Gleichzeitig ist es auch so, dass es uns als Familie so viel gegeben hat, Jule da
begleiten zu dürfen. Das ist ja nie, nie . nie eine Einbahnstraße …wir haben so viel
über das Leben gelernt als Familie durch die Erkrankung und durch den Tod. Und für
mich ist das wichtigste die Gewissheit, dass ich weiß, wenn ich tot bin, dass ich sie
dann wiedertreffe und dass wir als Familie dann wieder zusammen sein werden.
Wenn ich da nicht dran glauben würde, dann würde ich das nicht überstehen.
Holger Postler: Die Brüder Löwenherz:
Und da - da erblickte ich endlich das Kirschtal. Es war weiß von Kirschblüten und
grünem, grünem Gras. Und durch all das Grün und Weiß wand sich der Fluss wie ein
Silberband. Rund um das Kirschtal lagen hohe Berge, und die Hänge hinab strömten
Bäche und Wasserfälle ins Tal. Und ich sagte zu Jonathan: „Dies Tal ist wohl das
schönste auf Erden, nicht?“ - „Ja, aber nicht auf Erden“, antwortete Jonathan, und da
fiel mir wieder ein, dass ich in Nangijala war. „Ist das nicht herrlich?“ Und das war es!
Jonathan hatte recht. Ich jedenfalls kann mir keinen Ort vorstellen, wo ich lieber
wohnen möchte.
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