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Deutschland: Wie stark bremst Russland?

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Dr. Ralph Solveen
Tel. +49 69 136 22322
Deutschland: Wie stark bremst Russland?
Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal nicht wegen der Ukraine-Krise
geschrumpft. Schließlich fallen die Exporte nach Russland schon seit Mitte 2013 spürbar,
und die deutsche Wirtschaft hat trotzdem bis zum ersten Quartal deutlich zugelegt. Nun
wird der Bremseffekt zwar wohl etwas zunehmen und einzelne Firmen treffen. Für die
gesamte deutsche Wirtschaft dürfte das Wachstum aber allenfalls um 0,2 Prozentpunkte
gedrückt werden, sofern die Krise nicht weiter eskaliert und es in der Folge zu einem
Unsicherheitsschock wie in der Asien-Krise Ende der neunziger Jahre kommt.
Russland ohne Einfluss auf das zweite Quartal
Jetzt ist es amtlich: Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal dieses Jahres im Vergleich zu
den ersten drei Monaten des Jahres um 0,2% geschrumpft. Das lag vor allem am milden Winter,
wegen dem Bauinvestitionen zu Lasten des zweiten Quartals in die ersten drei Monate
1
vorgezogen werden konnten.
Aber auch ohne diesen Effekt hat die deutsche Wirtschaft wohl etwas an Fahrt verloren, wofür
mancher die Ukraine-Krise und die zunehmenden Spannungen mit Russland verantwortlich
macht. Wir glauben dies nicht. Schließlich brechen die deutschen Exporte nach Russland schon
seit Mitte 2013 ein, ohne dass dies lange Zeit die Gesamtwirtschaft und die gute Stimmung der
deutschen Unternehmen spürbar beeinträchtigt hätte (Grafik 1). Und zumindest bis Mai – neuere
Daten liegen nicht vor – hat sich die Talfahrt des Russland-Geschäfts nicht beschleunigt.
Vielmehr scheint dieses im zweiten Quartal saisonbereinigt ähnlich stark geschrumpft zu sein
wie zuvor, die Belastung von dieser Seite hat also wohl nicht zugenommen. Auch für das vom
Statistischen Bundesamt in seiner Pressemitteilung angedeutete leichte Minus bei den
Ausrüstungsinvestitionen dürfte kaum die Ukraine-Krise ausschlaggebend gewesen sein. Denn
diese mag zwar manches Unternehmen verunsichert haben; allerdings dürfte es einige Zeit
dauern, bis sich dies auch in geringeren Investitionen bemerkbar macht.
Somit haben zwar sicherlich einzelne Unternehmen bereits im Frühjahr unter den zunehmenden
Spannungen zwischen der EU und Russland gelitten. Für die etwas geringere unterliegende
Dynamik der Gesamtwirtschaft waren aber wohl andere Faktoren wie der stärkere Euro oder die
schwache Entwicklung im Euroraum ausschlaggebend.
Russland schon länger kein Boom-Markt mehr
Aber dies könnte sich natürlich ändern. Schließlich hat die Auseinandersetzung zwischen dem
Westen und Russland mit den zum 1. August wirksam gewordenen Sanktionen – und den darauf von Russland erlassenen Importverboten für Lebensmittel – eine neue Qualität bekommen.
Bei der Abschätzung des Effekts der Sanktionen auf die deutsche Wirtschaft muss allerdings
berücksichtigt werden, dass Russland schon seit einiger Zeit nicht mehr der Boom-Markt
früherer Jahre ist. Vielmehr hat sich das Wachstum der russischen Wirtschaft seit einiger Zeit
GRAFIK 1: Ifo trotz fallender Russland-Exporte gestiegen
GRAFIK 2: Russland kein Boom-Markt mehr, …
Ifo-Geschäftsklima in der gewerblichen Wirtschaft; deutsche Warenexporte nach Russland, Veränderung gegenüber Vorjahr in Prozent
Reales Bruttoinlandsprodukt Russlands, nominale deutsche Exporte
nach Russland, jeweils Veränderung gegenüber Vorjahr in Prozent
50
115
10
60
40
40
5
30
20
110
20
0
10
105
0
0
-20
-5
-40
-10
-20
100
2011
2012
2013
Exporte nach Russland (LS)
Ifo-Geschäftsklima (RS)
Quelle: destatis, Global Insight, Commerzbank Research
1
2
-10
-60
2005
2014
2007
2009
2011
2013
Bruttoinlandsproduk t Russland (LS)
Exporte (RS)
Quelle: destatis, Global Insight, Commerzbank Research
Siehe „Deutsches Q2-BIP: Wohl nur eine Delle“, Economic Briefing vom 14. August 2014.
research.commerzbank.com
15. August 2014
spürbar verlangsamt, was die Nachfrage nach deutschen Produkten fallen ließ (Grafik 2,
Seite 2). Ein wichtiger Grund für die schwächere Konjunktur ist das Ende des Rohstoff-Booms,
von dem Russland lange Zeit profitiert hatte. So hat die russische Wirtschaft in den vergangenen
Jahren anders als zuvor keinen Rückenwind mehr von einem steigenden Rohölpreis bekommen
(Grafik 3). Zudem dürften ungünstige Standortfaktoren wie die mangelnde Rechtssicherheit
insbesondere die Investitionen gebremst haben, was auch die entsprechenden deutschen
Exporte hat überdurchschnittlich fallen lassen. Auch ohne die Sanktionen wären die Exporte
nach Russland in den kommenden Monaten wohl deutlich zurückgegangen.
So lange die Sanktionen nicht noch einmal spürbar verschärft werden, rechnen wir nicht mit
einem Einbruch der russischen Wirtschaft. Zwar wird wohl insbesondere der eingeschränkte
Zugang zu den westlichen Finanzmärkten die russische Wirtschaft belasten. Wir gehen aber
davon aus, dass Finanzpolitik und Notenbank angesichts der geringen Staatsverschuldung und
umfangreicher Devisenreserven ausreichend gegensteuern können, um zumindest in den
2
kommenden Quartalen einen Einbruch der Wirtschaft zu verhindern.
Wie stark wirken die Sanktionen?
Deshalb dürften die Exporte zunächst in erster Linie wegen der direkten Wirkung der Sanktionen
(also dem Verbot der Ausfuhr bestimmter Güter und dem Importstopp Russlands für
Lebensmittel) stärker fallen. Die hiervon in erster Linie betroffenen Branchen hatten im
vergangenen Jahr einen Anteil von knapp 40% an den deutschen Exporten nach Russland
3
(Grafik 4). Wie viele ihrer Produkte tatsächlich unter das Verbot fallen werden, lässt sich derzeit
kaum abschätzen. Denn dies ist auch eine Frage der Interpretation durch die Behörden.
Unterstellt man einen sanktionsbedingten Rückgang der Exporte dieser Branchen um ein Drittel,
ergäbe sich ein zusätzlicher Rückgang der deutschen Exporte nach Russland um knapp 15%,
woraus sich für die gesamten Exporte ein Minus von etwa 0,4% ergäbe (bei einem Anteil der
russischen Exporte an den gesamten deutschen Exporten von etwa 3%). Da diese Güter kaum
vollständig in Deutschland produziert werden, sondern viele Vorprodukte importiert werden,
dürfte der direkte Effekt auf das deutsche Bruttoinlandsprodukt geringer sein als die sich
rechnerisch ergebenden 0,2 Prozentpunkte. 4
Dritt-Markt-Effekte dürften sich in Grenzen halten
Verstärkt werden könnte die bremsende Wirkung durch „Dritt-Markt-Effekte“, also dadurch, dass
die Ukraine-Krise und die Sanktionen gegen Russland die Konjunktur in anderen Ländern
spürbar bremst und deshalb von dort weniger deutsche Produkte nachgefragt werden. Am
ehesten dürfte dieser Effekt in den Ländern Mittel- und Osteuropas zu beobachten sein.
GRAFIK 3: … auch weil Ölpreis nicht mehr schiebt
GRAFIK 4: 40% der deutschen Exporte potenziell betroffen
Ölpreis in USD pro Barrel, reales Bruttoinlandsprodukt Russland,
Veränderung gegenüber Vorjahr in Prozent
Anteil verschiedener Branchen an den Exporten nach Russland, in
Prozent
12
90
8
60
4
30
0
0
-4
-30
-8
-60
-12
-90
2005
2007
2009
2011
Lebensmittel
Maschinen
Optische
Produkte
Sonstige
2013
Bruttoinlandsprodukt Russland (LS)
Quelle: Global Insight, Bloomberg, Commerzbank Research
Elektrotechnik
Ölpreis (RS)
Kraftfahrzeuge
Fabrikations
anlagen
Quelle: destatis, Commerzbank Research
2
Siehe auch „Russland: Sanktionen und ihre möglichen Folgen“, EM Briefing vom 30. Juli 2014.
2013 wurden Waffen und Munition, die vollständig unter das Embargo fallen, gerade einmal in einem
Umfang von 8,5 Mio Euro nach Russland geliefert (0,03% der Exporte). Deshalb sind sie in Grafik 4 nicht
aufgeführt.
4
Rückgang der Exporte um 0,4% multipliziert mit dem Anteil der Exporte am Bruttoinlandsprodukt von 50%.
3
15. August 2014
research.commerzbank.com
3
Tatsächlich liegt der Anteil Russlands an den Exporten der baltischen Staaten bei deutlich über
10%, in Litauen sogar bei 20% (Grafik 5). Damit dürfte die schlechtere Entwicklung in Russland
zumindest dazu beigetragen haben, dass die Konjunktur in diesen Ländern – gemessen am
Economic Sentiment Indicator der Europäischen Kommission – trotz der Erholung im Euroraum
zuletzt an Schwung verloren hat (Grafik 6). Allerdings fallen diese Länder für die deutsche
Wirtschaft als Exportmarkt kaum ins Gewicht. Gleiches gilt für Finnland, von dessen Exporten
2013 auch knapp 10% nach Russland gingen und dessen Wirtschaft wohl auch deshalb nicht in
Schwung kommt.
Mit Polen scheint aber auch der wichtigste deutsche Exportmarkt in Mitteleuropa unter der
Ukraine-Krise zu leiden. Zwar ist hier der Anteil Russlands an den nationalen Exporten mit gut
5% überschaubar, zusammen mit der Ukraine beläuft sich der Anteil aber immerhin auf 8%.
Zusammen mit der zunehmenden Verunsicherung über die russische Politik mag dies dazu
beigetragen haben, dass der polnische Einkaufsmanagerindex seit Anfang des Jahres deutlich
gefallen ist und zuletzt wieder unter 50 notierte. Der breitergefasste Economic Sentiment
Indicator ist allerdings bisher – anders als im Baltikum – noch nicht gefallen.
Bei den anderen Ländern (unter anderem Slowakei, Tschechien und Ungarn) spielt das Russland-Geschäft eher eine untergeordnete Rolle. Ihre Wirtschaft hängt vielmehr von der Konjunktur
im Euroraum ab, d.h. die dortige langsame Erholung war wichtiger als die rückläufigen Exporte
nach Russland. Damit dürften sich auch die negativen Effekte der Sanktionen auf die nationale
Konjunktur und damit auf die deutschen Exporte in diese Länder in engen Grenzen halten.
Darum rechnen wir auch insgesamt nur mit begrenzten Dritt-Markt-Effekten.
Hauptrisiko: Unsicherheitsschock
Somit werden die Sanktionen gegen Russland zwar einzelne Unternehmen und vielleicht auch
einige Branchen empfindlich treffen. Für die deutsche Wirtschaft als Ganzes dürfte sich ihr Effekt
in ihrem jetzigen Umfang aber in Grenzen halten. Wir gehen davon aus, dass sie das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland direkt (also über noch geringere Exporte nach Russland) und
indirekt (über die Drittmarkt-Effekte) insgesamt allenfalls um 0,2% drücken werden, der Effekt
auf den Euroraum dürfte eher noch kleiner sein. Diese Zahlen liegen im Bereich der normalen
Prognoseunsicherheit, zumal der Effekt auf das Jahresergebnis 2015 auch davon abhängen
wird, wie lange die Sanktionen gelten werden. Aber sie erhöhen ohne Frage die Abwärtsrisiken
für die aktuellen Prognosen für Deutschland (Commerzbank: 1,7% für 2014, 2,0% für 2015).
Ein Ende des Aufschwungs in Deutschland oder gar ein Rückfall der Euroraum-Wirtschaft in die
Rezession würde aber wohl nur bei einer weiteren Eskalation der Ukraine-Krise drohen. Denn
dann dürfte die EU ihre Sanktionen noch einmal deutlich verschärfen, und ein dann möglicher
Lieferstopp bei Gas würde die europäische Wirtschaft spürbar beeinträchtigen. Zudem könnte
dann – wie bei der Emerging-Market-Krise Ende der neunziger Jahre – ein Unsicherheitsschock
sowohl an den Finanzmärkten als auch bei den Unternehmen die Wirtschaft deutlich stärker
bremsen als dies aufgrund der eigentlichen wirtschaftlichen Verflechtungen zu erwarten wäre.
GRAFIK 5: Mitteleuropa – Begrenztes Russland-Exposure
von wichtigen deutschen Exportmärkten
GRAFIK 6: Mitteleuropa – Euroraum gibt zumeist die
Richtung vor
Anteil Russlands an den nationalen Exporten des Landes; Anteil des
Landes an den deutschen Exporten, jeweils in Prozent
Economic Sentiment Indicator der Europäischen Kommission, bei
Ländergruppen gewichtet mit nominalem Bruttoinlandsprodukt, MOE:
Mittel- und Osteuropa
Polen
110
Tschechien
Sonst. MOE
105
Ungarn
Euroraum
Slowakei
100
Rumänien
Finnland
95
Litauen
Estland
90
Lettland
0
5
10
Anteil Russland an Exporten
Quelle: destatis, Commerzbank Research
4
Baltikum
Polen
15
20
25
Anteil an deutschen Exporten
85
2012
2013
2014
Quelle: Europäische Kommission, Commerzbank Research
research.commerzbank.com
15. August 2014
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