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Günther Kirschstein: Sicherheitsbewusstsein erfolgreich steuern

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Nn 2, Juni 2012
Schweizer
Fachzeitschrift
für Arbeitssicherheit
und Gesundheitsschutz
Auf der Autobahn . Rechnet sich der Mensch? o Doppelpack:
ArbeitsSicherheit Schweiz und Corporate Health Convention o
Evakuationsübung
aber wie? o Ü berbetriebliche ASA-Lösungen
Sicherheitsbewusstsei n
erfolgreich steigern
Will man das Sicherheitsbewussfsern
in einem Unternehmensteigern,
muss man sichmit drei zentralen Fragen auseinandersetzen.
v o N G Ü N T H E RK t R S G H S T E I N
u klären gilt es demnachvor allem,
warum Menschen gegen Regeln
verstossen
oder unsichereHandlungen ausführen,wie man dasSicherheitsbewusstseinnachhaltig erfolgreich steigern
kann und wie man eigenverantwortliches
Handeln schaffenkann.
Warum verstossen Menschen
gegen Regeln oder üben
unsichere Handlungen aus?
Bevor Regelverstösseverurteilt werden,
sollteman sichmit seinemeigenenVerhalten auseinandersetzen.
Zum Beisoiel:Was
geht dem Betrachterder oberen Bilder
durch den Kopf? Hand aufs Herz, welche
kleinen Regelverstösse
oder riskantenSituationenfallen einem selbstein? Nach welcher besondersriskantenSituationhaben
wir schoneinmalzu uns selbstgesagt:<Das
ist abergeradenoch mal gut gegangen!"
Besondersdeutlich dürften die Reaktionen auf den Eishockeytorwartausfallen.
Jederwird ihn für lebensmüde
erklären.
Es gibt Situationen,in denenMenschen
konsequentbestimmteSchutzkleidung
tragen oder Regelneinhalten.In anderenreagierensie absolutunterschiedlich,erklären vielleicht den einen oder anderen
leichtfertiszum Sicherheitsaoostel.
Ist die
Nichtbeachtungvon Regelnoder dasEinbereit sind, Risiken einzugehen.I.. '
gehenvon unsicherenSituationenwirklich tungssportler,Rennfahrer, Skispr::...
Faulheitoder Unwissen- oder soielt noch u n d ä h n l i c h eM e n s c h e ng e n i e s s.e etwasandereseine wesentlicheRolle in
hohes gesellschaftlichesfinsshsn. \\ :
der Schaffungvon Sicherheitsbewusstsein?chesAnsehenhaben Menschen.di. r
Dafür müssenwir uns überlegen,was fort jedes kleine Risiko ansprcc::das Spannendeam Leben ist, was es lebenswert macht. Wer kennt nicht die
Menschenmit Bereitschaftzum
knisternde Spannungim Zirkus vor der
Risikogeniessenein höheres
Nummer auf dem Hochseil und den rauAnsehenin der Gesellschaft.
schenden Beifall, wenn alles geklappt
hat? Wer kennt nicht das Kribbeln im
Bauch, wenn die Achterbahn langsam
den höchstenPunkt erreicht, dann Richtung Täl schiesst,und den inneren Stolz,
wenn allesgemeistertwurde?
Es gibt einige allgemeingültigeGrundsätzedes menschlichenHandelns,welche
Anfworten auf dieseFragengeben.
) l. Grundsatz: Menschen brauchen
Herausforderungen.
Menschenmöchten grundsätzlichihre
Grenzen kennenlernen. etwas schaffen.
sich beweisen,Erfolg haben, Ideen umsetzen,eigenständighandeln und auch
mal ein /rolzesRisiko eingehen.Das Erreichen dieser Ziele steht im Vordergrund und nicht die Berücksichtigungaller Sicherheitsaspekte.
In unserem gesellschaftlichenWertesystem werden Menschen geachtet, die
Safety-P-t :'
'
fä
*-aa-l...J.r'
l,
Bild: KiKhstein & Pärtner
Zum Beispiel gegenüberdem Herrn auf
der Tieppe?
Schlussfolgerur&'
Arbeitssicherheitmuss
immer wieder zum Thema gemachtwerden.Es müssenZiele gesetztund dasErreichen dieserZiele kontrolliertwerden.
) 2. Grundsatz: Menschen unterliesen
der Illusionder Unverletzbarkeit.
Wer einmal eine riskanteSituationeingegangenist, sei es beim Autofahren oder
im Sport, hatte er oder sie da die Toten
oder Schwerverletzenvor Augen? Menschen gehen Risiken ein, weil sie davon
überzeugtsind,dasssiedie Situationmeistern und ihnen nichtspassiert.Ohne diese
Illusion wären Weiterentwicklunsund das
FühreneinesnormalenLebensnichtmöslich. Die Gefahr dabei:Wir neigendazü.
Risiken zu unterschätzenoder bestimmte
Risikengar nicht erst zu erkennen.
Safety-Plus 2/12
Schlussfo
lgeruzg. Verhaltensänderungen
Menschenlernengrundsätzlicham besohne klare Regelnsind nicht möglich.
ten, wenn Ursache und Wirkung im direk) 3. Grundsatz: Menschensind in ihren ten Zusammenhangstehen.Für die ArHandlungenmeist erfahrungs-und erwar- beitssicherheitbedeutet dies, dass die
tungs-,nicht aberwissensorientiert.
Führungskräftekonsequentdie Einhaltung
Wie weit würdenSie,liebeLeserinoder von Regelneinfordernmüssen.
lieber Leser, sich an die Klippe auf dem
Menschensehennicht alle Regeln ein,
Bild aus Norwegen trauen? Und warum teilweisefühlen sie sichvon Reselnbevorstürzt hier fast kein Menschab?
mundet und versuchensie zu-umgehen.
) Menschenhandeln in Situationen,die Deshalb müssenFührungskräftedeutlich
sie als sehr gefährlichwahrnehmen,sehr machen,dassesRegelngibt,undwennman
bewusstund meistern derartige Situatio- Mitarbeiter in diesem Unternehmensein
nen zu einemhohen Grad.
will, mussman dieseRegelnaucheinhalten.
) Menschen sind in der Gefahrenwahr- Das Unternehmen stellt die Regeln auf,
nehmung nicht objektiv: Einmal gefähr- weil es bestimmteUnternehmensziele
erlich heisstnicht immer gefährlich.Wenn reichenwill. Schliesslich
geht es in der Siderartige Situationen mehrmals gemeis- cherheitsarbeitindirekt vor allem um Untert wurden, erscheinensie uns weniger ternehmensziele.
EinesdieserZiele könnte
gefährlichund werdenzur Gewohnheit.
sein,keine Unfälle habenzu wollen.
) Routine- oder gewohnheitsmässige
SiFolglich ist es nicht zielführend,jemantuationen sind in der Arbeitswelt häufis demzu sagen,er odersiesollean die Augen
die unfallträchtigeren
Situationen.
denken.Denn die Person,die keineSchutz) Menschenlernen ausden oositivenEr- brille trägt, ist aufgrundder Illusion der Unfolgenfür ihr Verhalten.Siewerdennicht verletzbarkeitdavon überzeugt,dassihr in
unbedingtausSchadenklug.
dieserSituationnichtspassiert.Hier ist der
) Wissen ist eine wichtise Vorausset- Satzbesser:.Da unserUnternehmenkeine
z u n gf ü r s i c h e r e r eVs e r h a l t i n ,w i r s i n di n Unfälle habenwill, hat man bei diesenArunserenHandlungenaberseltenwissens- beiten eine SchutzbrillezlJ tragen, ob man
geleitet.
dasgut findet oder nicht.>
Schlussfolgerungen:Grundregeln sind
Schlussfolgerung.
FlächendeckendeRevon Unternehmenvorzugeben.Menschen geleinhaltungwird nur erreicht,wenn die
müssenaberan der Gesta]rung
von Verhal- Einhaltung mit positivenund die Nichteintensmassnahmen
beteiligtund für die Um- haltungmit negativenKonsequenzen
versetzungverantwortlichgemachtwerden.
bundensind.
) 4. Grundsatz: Verhaltensänderunsen ) 5. Grundsatz: Menschentendieren daohne Konsequenzen
sindnichtmöglich.
zt, ein Verhaltenbeizubehalten,wenn es
Wie bringen wir unserenKindern bei, eine positiveFolge fur sie hat. Menschen
nicht auf eineheisseHerdplattezu fassen? tendieren dazu, ein Verhalten zu veränReicht da eine Erklärung aus?Bei genau- dern, wenn es eine negative Folge für sie
er Betrachtungwerdenwir feststellen,dass hat.
das Erklären nicht ausgereichthat, sonSchlussfolgerungen:
Sicherheitswidriges
dern die Wahrheitauchaussetestetwurde. Verhalten oder unsichere Handlungen
Noch entscheidender
ist a-berdie Frase: müssensofort angesprochen
werden.DulWarum bleiben wir bei der Herdplaite den heisst akzeptieren. Im ersten Schritt
dauerhaftvorsichtig?
muss diesesAnsprechendurch die Füh-
in Unternehmenbetrachtetwerden.
Dieser Prozessgestaltetsich über fünf
Etappen.
) l. Etappe: Technischeund organisatorischeStandards
Die wichtigsteVoraussetzung
für jeden
Veränderungsprozessim Arbeitsschutz
sind gute Rahmenbedingungen.Technische und organisatorischeVoraussetzungen bilden die Basis einer erfolgreichen
Steigerungdes Sicherheitsbewusstseins.
) 2. Etappe Verhaltensänderungen
fordern
Will man nicht nur technischeund organisatorischeErfolge, sondern auch das Sicherheitsbewusstseinverändern, so muss
man allen Mitgliedern einer Organisation
deutlichmachen,dassRegelndazuda sind,
eingehalten zu werden. In dieser Phase
müssendie Führungskräfte Regeln genau
definieren und deren Einhaltung auch
durchsetzen.Arbeitsschutzmuss zur Führungsaufgabewerden.
) 3. Etappe: Verhaltenstabilisieren
Da nachhaltige Verhaltensänderungen
rungskräfte erfolgen, ideal wäre es, wenn sehr aufivendigsind und neue GewohnheisichMitarbeiteruntereinanderansprechen. ten nicht von heuteauf morgengebildetwer) 6. Grundsatz: Verhaltensänderungenden, braucht dieserProzessZeit. Um den
ohne Widerstandsind nicht möglich.
Widerstandzu überwinden,der mit VerhalMenschengeben lieb gewonneneGe- tensänderungenverbundenist, darf die Inwohnheiten nicht ohne Widerstand und tensitätder Konseouerznicht nachlassen.
Gegenwehrauf.
) 4. Etappe: Verinnerlichen
Schlussfolgerur&Erst wenn Widerstand
Erst wenn alle Organisationsmitglieder
auftritt. wird deutlich. dassdie Forderun- merken, dassVerhaltensänderungen
daugen wirken.
erhaft eingefordertwerden,wird eine Verinnerlichung von Verhaltensänderung
Wie kann man nachhaltiges
möglich und das geforderte Verhalten
Si ch er h ei tsb ewu s stsei n
selbstverständlich.
Soll Sicherheitein geertoQreich steigern?
meinsamerWert aller Mitglieder einer OrNach der eher individuellenBetrachtung ganisation werden, muss auch erreicht
des menschlichenHandelnsstellt sich die werden,dassSicherheitein teamorientierFrage,wie dasGesagteauf eineUnterneh- tes Handeln zulässtund man sich gegenmenskulturübertragenwerden kann.
seitigbei Regelverstössen
oder unsicheren
Viele Unternehmen betreiben heute Handlungenanspricht.
eine sehr erfolgreiche Sicherheitsarbeit. ) 5. Etappe: Eigenverantwortlichhandeln
Die Sicherheitstechnikund -organisation
Nicht alleskann im Arbeitsschutzgerewird immer weiter optimiert. Eingeführte geltwerden.Daher müssenalle Mitglieder
und umgesetzte Zertlfizierungssysteme einer Organisation lernen, in derartigen
leisten einen erheblichenBeitrag zur Stei
Situationen eigenständig eine Gefährgerung der Sicherheitsorganisation.
Tiotz dungsbeurteilungdurchzuführenund unaller Verbesserungen
bleibt dennochhäufig abhängigvon Regelnim Rahmenvon Undie Frage:Wie erreichenwir wirklich, dass ternehmenswertenoder Sicherheitskultur
all das,waswir geregelthaben,auchdauer- zu handeln.
haft gelebtwird? Dazu solljetzt der Prozess
In den erstendrei Etappen spielendie
zur SteigerungdesSicherheitsbewusstseins Führunsskräfteeine entsöheidende
Rolle.
Organisation
der
Organisationder
Verhalten
Siemüssensicherheitsgerechtes
konsequentfordern. Sicherheitsbewusstsein ist nicht einfachvorhanden,es muss
entwickeltwerden.
Wie schafft man
ei g e nver antw o rt Ii ches
Handeln?
Viele Unternehmenhabenim Arbeitsschutz
eher eine Organisationder Beglückung.Das
bedeutet,vieleswird von den Sicherheitsfachkräftenvorgegeben,sie spielendie entscheidendeRolle. Sicherheitist kein zentraler Wert aller Unternehmensmitglieder.
Von
vielenMitarbeitendenwird kein Mitdenken
verlangt.Ein gutesBeispielftir eineOrganisation der Beglückungsind die Unterweisungen- häufigwerden die Inhalte Jahr für
Jahr wiederholt,von den Teilnehmernwird
keine Eigenverantwortungverlangt.
Ziel modernerSicherheitsarbeit
musses
sein,eineKttltur der Verantwortung
zu schaffen. Der Arbeitsschutzbleibt eineFührungsaufgabe,eswerden Ziel und MassnahmenRahmenplänevorgegeben.Die Mitarbeitenden werden aktiv in die Lösungsfindung
mit einbezogen.
Siemüssenbei der Erarbeitungvon Verhaltensregeln
beteiligtwerden.
Das,wasvereinbartwird, ist auch einzuhalten (Eigenverantwortung)und in kritischen
Situationenist nach vorheriger Einschätwie auch
zungselbstständig
zu entscheiden,
in diesenSituationendasRestrisikoso minimiert werdenkann, dassman sich auf der
Basisder Sicherheitskulturbewegt.
Die Kultur der Verantwortungwill:
) Einen kulturellen Wandel einleiten,
Vorgabendes Unternehmenssind zu akzeptierenund einzuhalten.Dafür habenim
ersten Schritt das Managementund die
Führungskräftezu sorgen.Langfristig werden Sicherheitsstandards
akzeptiert und
in das alltäglicheHandeln
unaufgefordert
integriert.
) Einen offenen, ehrlichen und lösungsorientierten Umgang mit Schwachstellen.
Ein Unfall oder ein Fehler ist ein Hinweis
auf eineSchwachstelle
und eswird allesunternommen,um dieseSchwachstelle
zu beseitigen.
) Führungskräfte und Mitarbeiter handeln auf der Basisder bestehendenSicherheitskultur eigenverantwortlich,selbsständig und teamorientiert.
Um den Wegweiter zu beschreiten,bedarf es im Arbeitsschutznicht neuer Instrumente, sonderneiner verhaltensorientierten Ausrichtung der bestehenden
Instrumenteund der Forderungvon mehr
Eigenverantwortung.
wird
Ein hohes Sicherheitsbewusstsein
nicht dadurcherreicht,dassman allesregelt,
sonderndadurch,dassSicherheitskulturEigenverantwortungfordert. Und Eigenverantwortung heisstauch, Konsequenzenfür
I
daseigeneHandeln zu übernehmen.
Günther Kirschstein
ist Psychologe,Volkswirt und
Geschäftsführervon Kirschstein& Partner
in Hamburg.
Safety-Plus 2/12
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