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B CH wie Schweiz, Helvetier wie Eid- genossen

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T H E M A D I E H E LV E T I E R
CH wie
Schweiz,
Helvetier
wie Eidgenossen
Und bereits das erste Fünffrankenstück war geschickt mit einer patriotischen Botschaft verknüpft; es zeigt
eine allegorische Landesmutter namens »Helvetia«.
Vorbilder im Kampf
gegen Frankreich
CH lautet das Kürzel auf jedem Schweizer
Automobil: Confoederatio Helvetica steht für die
Schweiz. Warum musste es aber unbedingt lateinisch
sein, wo doch gerade in der Schweiz genügend moderne Sprachen vorhanden gewesen wären? Und warum
kamen die keltischen Helvetier zum Zug und nicht
die Alten Eidgenossen von Uri, Schwyz und Unterwalden, die 1291 den ersten Bund beschworen hatten?
Die früheste
Münze der Schweiz
mit sitzender Helvetia. Unter den
ersten Entwürfen
gab es bereits eine
Version mit der
Umschrift »Confoederatio Helvetica«,
die dann erst 1879
zur Ausführung
gelangte.
Eigentlich wollten
die Helvetier im
Jahre 58 v. Chr. zu
den Santonen auswandern. Sie wurden aber von Julius
Caesar ins Burgund
abgedrängt und
bei Bibracte geschlagen.
Mont Vully, Ausgrabung 1981. Eine
schwarze Kohleschicht im Erdprofil stammt von einem starken Brand,
der vielleicht von
ausziehenden Helvetiern im Frühling
58 v. Chr. gelegt
worden ist.
B
ereits in der Antike werden die
Bewohner des schweizerischen
Mittellandes vom Rhein bis zum
Genfersee als Helvetier bezeichnet.
Im 19. Jh., als der junge Nationalstaat auf noch wackligen Füßen stand
und einer historischen Legitimation
gegen innen wie außen bedurfte,
schien dieser historische Volksstamm
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AiD 3 / 2003
dazu geeignet, eine Brückenfunktion zwischen der französischen und
der deutschen Schweiz zu übernehmen. Eine zusätzliche Klammer bildete das Latein – ebenso altehrwürdig wie dem Sprachenstreit entrückt. Die Bundesverfassung von
1848 sah auch vor, das Münzwesen
zu vereinheitlichen.
Als der Schweizer Historienmaler
Charles Gleyre 1850 den Auftrag
erhielt, eine Episode aus dem Jahre 107 v. Chr. zu malen, in der die Tiguriner, ein Teilstamm der Helvetier,
bei einem Plünderungszug im südfranzösischen Midi ein römisches
Heer schlugen und unterjochten,
ließ er die Szene – entgegen besseres
Wissen der damaligen Historiker –
vor der Wasserfläche des Genfersees
und dem Mont Blanc stattfinden.
Der Raubzug wurde so zu einem
Abwehrkampf uminterpretiert, eine
Spitze gegen die damaligen Hegemonialansprüche Frankreichs. Die
Botschaft kam an: 1858 strömten die
Besucher zu Tausenden nach Lausanne, um das Bild zu sehen.
Wo liegen die Wurzeln?
Mythosbildung ist ein Teil der Politik. Wenn man aber nach einer historischen Wahrheit sucht, so tut
man gut daran, bei den Wurzeln zu
beginnen. Woher stammt also das
Wissen, dass die Helvetier einst die
Schweiz bewohnten? An erster Stelle steht eine viel zitierte (und selten kritisierte) Stelle im Bellum Gallicum von Julius Caesar aus dem Jahre 58 v. Chr.: »Die Helvetier sind
ringsum durch natürliche Grenzen
eingeengt: Auf der einen Seite durch
den sehr breiten und tiefen Rhein,
der das Helvetierland von Germanien trennt, auf der anderen Seite
durch den sehr hohen Jura, der zwi-
schen dem Sequanerland und Helvetien verläuft, und auf der dritten Seite durch den Genfer See und die
Rhone, der die römische Provinz
von den Helvetiern trennt.« Zu noch
früheren Zeiten sollen die Helvetier
nach Tacitus ihre Wohnsitze nördlich des Rheins gehabt haben.
Die allererste Erwähnung eines Helvetiers findet sich erstaunlicherweise auf einer in Mantua gefundenen Keramikschale aus dem 3. Jh.
v. Chr., die die Inschrift ELUVEITIE
(»ich gehöre dem Helvetier«) trägt:
Was suchte dieser Helvetier in der
etruskischen Stadt am Po und woher
kam er wohl?
Geschlagene Helvetier,
verbrannte Häuser
Caesar schreibt auch, dass sich die
Helvetier am 28. März 58 v. Chr. am
Rhoneufer bei Genf versammelt haben, um gemeinsam in einem großen Zug Richtung Süden auszuwandern. Das Unternehmen geriet dann
allerdings zur Katastrophe, als Caesar
die Auszügler vor Bibracte stellte,
besiegte und nach Hause schickte.
Vor ihrem Abmarsch hatten die Helvetier, laut Caesar, ihre Oppida, Dörfer und Höfe eingeäschert. Wiederholt versuchte die Forschung, diese
Brandstätten ausfindig zu machen.
Bislang konnten jedoch nur auf dem
Wo liegen die Wurzeln der Helvetier? Die Inschrift ELUVEITIE
(»ich gehöre dem Helvetier«)
auf dieser in Mantua gefundenen
Keramikschale aus dem 3. Jh. v. Chr.
beweist die Anwesenheit eines
Helvetiers in der Stadt am Po.
Mont Vully, einem Oppidum zwischen dem Murten- und dem Neuenburgersee, entsprechende Hinweise ausgemacht werden: Mindes-
Das Ölbild von
Charles Gleyre
von 1858 spielt auf
einen legendären
Sieg der Tiguriner
über die Römer
im Jahre 107 v. Chr.
im französischen
Midi an. Dargestellt im Hintergrund ist aber die
Alpenkette über
dem Genfer See.
Der Raubzug der
Tiguriner wird so
zum Abwehrkampf
uminterpretiert,
eine Spitze gegen
die Hegemonialansprüche Frankreichs im 19. Jh.
tens ein Teil der Befestigungswerke
scheint in der Mitte des 1. Jh. v. Chr.
gebrannt zu haben.
Oppida, Religion und
Romanisierung
Wenn die Archäologie die historischen Überlieferungen auch nie eindeutig zu bestätigen vermochte, so
hat die Intensivierung der Grabungstätigkeit in den Oppida während den letzten vierzig Jahren doch
einen erheblichen Zuwachs an Erkenntnissen gebracht. Durch eine
neue Gesamtbeurteilung der Wohnstätten und Kommunikationswege
lässt sich – jedenfalls für die Westschweiz – erstmals eine Siedlungsgeschichte skizzieren (Beitrag Peter
Jud).
Auch Aspekte der Religion haben
durch aktuelle Synthesenarbeiten einen völlig neuen Stellenwert erhalten, wodurch so altbekannte Fundstellen wie zum Beispiel das 1857
entdeckte Latène selber unter einem
ganz neuen Licht erscheinen.
Sprunghaft hat auch die Zahl der
spätkeltischen Gräber in den letzten
Jahren zugenommen (Beitrag Gilbert Kaenel). In stets klareren Konturen lassen sich die ursprünglich
keltischen Helvetier in ihrem römischen Umfeld fassen – dies wiederum verstärkt im Westen, wo sich im
Umkreis von Avenches-Aventicum
eine Kontinuität des Ortes, der Institutionen und der tonangebenden
Familien abzeichnet (Beitrag Stefanie Kilcher-Martin).
FELIX MÜLLER
AiD 3 / 2003
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Seele and Geist
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