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Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte „Wie die Zeit

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„Wie die Zeit vergeht…“
Mittwoch, 5. Juni 2013, BernExpo
von Rolf Hanimann,
Präsident der Vereinigung Schweizer Kantonstierärztinnen und Kantonstierärzten
Sehr geehrte Frau Präsidentin, Sehr geehrter Herr Bundesrat, Geschätzte Gäste, Meine Damen und Herren
Mit dieser banalen Redewendung stellen wir ab und zu in unserem Alltag fest, dass mehr oder weniger
unbemerkt eine grosse Spanne an Zeit vorbeigegangen ist. Mit diesem Ausdruck nehmen wir aber auch
mit einem gewissen Erstaunen zur Kenntnis, wie schnell doch die Zeit vergeht, ohne dass wir es
bemerken, ohne dass es uns bewusst wird. Oftmals aber stellen wir damit auch fest, wie sehr sich etwas
geändert hat, wie anders es früher war und wie ungleich es heute ist.
Wenn wir aber anlässlich eines 200 –Jahre–Jubiläums davon sprechen, „wie schnell die Zeit vergeht“: Ist
das nicht etwas gar banal und einfach, unter diesem Titel ein solches Jubiläum entsprechend zu
würdigen, sind doch zwei Jahrhunderte eine in ihrer Dimension kaum zu fassende Grösse.
Schliesslich weiss keiner von uns, wie es damals war, niemand hat aus eigener Erfahrung diese Zeit
erlebt.
Trotzdem: Wagen wir den Versuch, bei dieser Gelegenheit diese Zeitspanne von 7 bis 8 Generationen zu
hinterfragen und einige Veränderungen und Entwicklungen anzusprechen. Es lohnt sich – hat doch die
Gesellschaft Schweizer Tierärzte nicht nur eine interessante Geschichte aufzuweisen, sondern sie steht
auch für den Ausgangspunkt und die Entwicklung eines organisierten Veterinärwesens in unserem Land
in den letzten 200 Jahren !
Was nämlich damals vor 200 Jahren war, kennen wir nur aus Geschichtsbüchern und historischen
Dokumenten und es fällt nicht leicht, zu einer objektiven Beurteilung der Situation von damals zu
kommen. Wenn wir aber aus verlässlichen Quellen wissen , dass Europa und damit auch die Schweiz von
Kriegen heimgesucht wurde, nicht annähernd staatliche Strukturen im heutigen Sinne bestanden, immer
neue Seuchenausbrüchen zu bekämpfen waren und die tägliche Situation für Mensch und Tier ein
dauernder Überlebenskampf war, können wir nur erahnen, wie schwierig es war, sich damals im
Tierarztberuf zu behaupten, kranke Tiere zu behandeln und allen Bedürfnissen gerecht zu werden.
Schon damals kam man offensichtlich zur Einsicht, dass ein Zusammenschluss und eine
Zusammenarbeit untereinander die Position des Einzelnen stärken würde – eine Erkenntnis, die,
nebenbei gesagt, heute durchaus wieder vermehrt berücksichtigt werden müsste.
Staatlichen Strukturen, wie wir sie heute kennen, existierten nicht. Der Nationalstaat wurde erst im Laufe
des 19. Jahrhunderts als neue politische Organisationsform gegründet und löste die Herrschaft von
mächtigen Adeligen und Regenten ab. Insbesondere wirtschaftliche Entwicklungen durch die beginnende
Industrialisierung führten zu wirtschaftlicher Macht. Ein neues Verständnis staatsbürgerlicher Initiative
und privaten Unternehmertums kam auf.
Das Bürgertum etablierte sich allmählich und wurde zur treibenden Kraft. Es schaffte ein Geflecht an
Gesellschafts- und Interessensstrukturen, an Organisationsformen wie Berufsverbänden und bestimmte
so das wirtschaftliche und politische Leben. Diesen Zeitgeist spürten sicher auch die in jener Zeit tätigen
Tierärzte, die für ihre Arbeit auf sich alleine gestellt waren und keinen Rückhalt in einer staatlichen
Verwaltung fanden, geschweige denn oftmals eine entsprechende Ausbildung genossen hatten und sich
meist nur autodidaktisch ihre fachliche Kompetenz erworben hatten. Somit war naheliegend, dass es
neben dem Bedürfnis nach Aus- und Weiterbildung hauptsächlich der Austausch über die
Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte
Medienstelle, Christof Scheidegger, Brunnmattstrasse 13, 3174 Thörishaus
Telefon 031 307 35 37, Handy 079 709 73 85, media@gstsvs.ch, www.gstsvs.ch
Seuchenbekämpfung die Motivation war für den Zusammenschluss einiger weitsichtiger Veterinäre zur
Gesellschaft Schweizerischer Tierärzte im Jahre 1813.
Dass die neugegründeten Strukturen schon bald sehr erfolgreich in der täglichen tierärztlichen Arbeit
hilfreiche Dienste leisteten, beweist die Tatsache, dass diese Vereinigung schon bald nach ihrer
Gründung defacto staatliche Aufgaben im Sinne einer Veterinärbehörde wahrnahm und somit durchaus
als Vorläufer für den Schweizerischen Veterinärdienst gelten kann.
Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jh. übernahmen eigentliche staatliche Strukturen die Führungsaufgabe
in der Seuchenbekämpfung durch die Schaffung einer ersten nationalen Gesetzgebung und Vorschriften
bezüglich Ausbildung. In dieser Zeit wurden nicht zuletzt dank dem unermüdlichen Einsatz der
Gesellschaft auf der politischen Ebene zu Gunsten einer effizienten und koordinierten
Seuchenbekämpfung die entsprechenden Gesetze weiterentwickelt, auf den Lebensmittelbereich
ausgedehnt und schliesslich mit der Schaffung des Eidg. Veterinäramtes im Jahre 1914 als zentrale
Bundesbehörde ein Hauptanliegen der Gesellschaft erfüllt.
Die im Feld praktizierenden Tierärzte wussten also sehr wohl, welche Bedeutung eine koordinierte
staatliche Unterstützung für ihre Arbeit hatte. Somit kann man durchaus davon sprechen, dass die
Schweizer Tierärzte schon damals nicht nur ihr Handwerk als Hebamme im Stall verstanden, sondern
auch als Geburtshelfer für ein staatliches Veterinärwesen in der Schweiz sehr erfolgreich wirkten.
Die sich im Laufe des 20. Jh. einspielende Zusammenarbeit zwischen den Tierärzten und den Bundesund Kantonsstellen war auf der Basis einer föderalistischen Struktur durchaus fruchtbar und
konstruktiv. Die Seuchenzüge von Maul- und Klauenseuche wurden insbesondere dank erster
erfolgreicher Zusammenarbeit aller Beteiligten gut bewältigt. Im Laufe der folgenden Jahre wurden dann,
basierend auf wissenschaftlichen Grundlagen die grossen Seuchen und Zoonosen systematisch
angegangen und gemeinsam bekämpft. So konnten schon Ende der 50-iger Jahre, Anfang der 60-iger
Jahre die Rindertuberkulose und der Abortus Bang als ausgerottet erklärt werden. Damit hatte der
moderne Verterinärdienst seine Feuertaufe sehr erfolgreich bestanden.
Dieses in der Praxis so erfolgreiche Zusammenarbeitsmodell zwischen amtlichen Veterinärstellen und
Privattierärzten im Auftrag des Staates hat also eine lange Tradition und ist grundsätzlich auch heute
noch die Grundlage des aktuellen Modells des Veterinärdienstes Schweiz. Wenn in der Folge grosse,
wiederkehrende Seuchenzüge ausblieben, die Landwirtschaft in einer ausserordentlich produktiven
Phase prosperierte, war es auch das Verdienst eines gut funktionierenden Zusammenspiels zwischen
Bund, Kantonen und Tierärzten.
Mit dem Aufkommen von immer mehr Heimtieren traten allmählich völlig andere Problemkreise in den
Focus der öffentlichen Veterinärdienste und letztlich auch der Tierärzte: es waren der Tierschutz und
die Lebensmittelsicherheit, die gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts mehr oder weniger plötzlich
in den Focus der Öffentlichkeit traten und neue Lösungen erforderten. Auch diese Probleme wurden in
bewährter Manier angegangen und aufgearbeitet: Verbunden mit politischer Knochenarbeit wurde auf
der gesetzgeberischen Ebene die nötigen Rahmenbedingungen vorbereitet, damit die neuen Aufgaben
sinnvoll, effizient und nachhaltig angegangen werden konnten.
So führte das weltweit erste Tierschutzgesetz dazu, dass wir heute nicht ohne Stolz behaupten dürfen,
die Würde und das Wohlergehen der Tiere korrekt zu respektieren und entsprechend konsequent zu
schützen - wie kein anderes Land auf dieser Welt. Auch heute noch gelten wir in dieser Beziehung als
Vorbild für andere Staaten. Dass dieser Schutz immer wieder fast zwangsläufig im Zusammenhang mit
der produktionsorientierten Nutzierhaltung zu Zielkonflikten führt, sei nur am Rande erwähnt und
erfordert immer wieder aufs neue Augenmass und den Einsatz von gesundem Menschenverstand.
Die in den letzten Jahren immer wichtiger werdende Lebensmittelsicherheit trat mit dem Kälberhormonund dem BSE-Skandal ins Zentrum der öffentlichen Meinung. Diese neue Herausforderung wurde
ganzheitlich angegangen und basiert auf der heute noch gültigen „One-Health-Strategie“. So wurden in
der Landwirtschafts-, der Heilmittel- und der Veterinärgesetzgebung entsprechende Grundlagen
geschaffen, um die Primärproduktion sicher und die tierischen Lebensmitteln gesund zu machen. Damit
wurde dem Veterinärdienst und dem Tierarzt eine Schlüsselrolle in der Produktion von Milch und
Fleisch –„von der Mistgabel zur Tischgabel“ - zugewiesen, die nur im Verbund gut gelöst werden kann spielen doch plötzlich nicht nur die Interessen der Produzenten eine Rolle , sondern auch diejenigen
von Konsumenten und Konsumentinnen.
Neben diesen neuen Aufgaben kamen in jüngerer Zeit immer mehr Bereiche, wie die
Internationalisierung des Tier- und Warenverkehrs, die Zusammenarbeit mit andern Staaten in andern
veterinärbehördlichen Fragen oder moderne Seuchenbekämpfung, die dem staatlichen Veterinärdienst
von Bund und Kantonen übertragen wurde. Damit tauchten immer mehr komplexe Themenkreise auf,
die eine neue Art der Zusammenarbeit zwischen Bund, Kanton und den Tierärzten erforderten und die
nicht mehr nur mit der klassischen Rollenteilung angegangen werden konnten, bei der der Bund
Gesetzgebungsfunktion hatte und die Kantone deren Umsetzung mit Hilfe von amtlich und privat
tätigen Tierärzten vollzogen.
Diese Einsicht war die Geburtsstunde des modernen Modells „Veterinärdienst Schweiz“, in dem nicht
Abgrenzung und kantonale Alleingänge, sondern Zusammenarbeit auf allen Ebenen die Grundlage des
Handelns ist. In dieser Partnerschaft unterstützt der Bund die Kantone in ihren Vollzugsaufgaben mit
sinnvollen Vollzugshilfen und die Kantone wirken bei der Schaffung von wirkungsvollen
Gesetzesgrundlagen mit. Dies ändert nichts an der Verantwortung der verschiedenen Stellen, die auch
so unverändert wahrgenommen wird.
Meint man nun aufgrund der geschilderten Ausführungen, damit sei ein über die ganze Schweiz
übereinstimmender, einheitlicher und für alle gleicher Vollzug geschaffen, so trifft dies nur im
Grundsatz zu. Kantone haben nun einmal unterschiedlich gewachsene Strukturen, individuelle
Traditionen und Kulturen und verschiedenartig gelagerte Problemkreise. So ist zum Beispiel die
Problematik der gefährliche Hunde im Kanton Appenzell Innerhoden mitnichten die gleiche wie im
Kanton Genf und die Bekämpfung von Tierseuchen erfolgt im Stadtkanton Basel unter Umständen doch
etwas anders als im Kanton Graubünden.
Diese kantonal unterschiedlichen Gegebenheiten gilt es zu berücksichtigen und den entsprechenden
Handlungsspielraum den Kantonen zuzugestehen. Dem gegenüber garantiert ein vom Bund begleiteter
Vollzug in verbindlicher Zusammenarbeit eine gleichwertige Umsetzung der Gesetzgebung durch die
Kantone.
Das ist der Königsweg für den Veterinärdienst Schweiz, auch für die Zukunft.
Nur so wird die Glaubwürdigkeit sicher gestellt und nur so kann der Veterinärdienst Schweiz seine
Aufgabe, die zukünftig nicht einfacher wird, erfolgreich wahrnehmen. Es ist das Recht eines jeden
Bürgers, dass wir unsere, vom Gemeinwesen gestellte Aufgaben kompetent und effizient erfüllen. Mit
diesem Modell einer Willensgemeinschaft sind wir dazu in der Lage.
Allerdings soll dabei stets im Auge behalten werden, dass der Staat nicht für die Lösung von allem und
jedem auch in unserem Bereich verantwortlich ist und den Bürger damit von jeglicher
Eigenverantwortung entbindet oder ihm sogar mehr als nötig Vorschriften und Vorgaben macht.
Schon der römische Philosoph Marcus Tullius Cicero hat vor mehr als zweitausend Jahren treffend
bemerkt:
"Der Staatsdienst muss zum Nutzen derer geführt werden, die ihm anvertraut werden, nicht zum Nutzen
derer, denen er anvertraut ist."
Aber mit Albert Einstein kann ich auch sagen:
„Mehr als die Vergangenheit interessiert mich die Zukunft, denn in ihr gedenke ich zu leben.“
Ein Satz, der besser als jedes Leitbild auf den Punkt bringt, was letztlich das Ziel unserer Arbeit in
Behörden und Verwaltung heute und in Zukunft sein sollte. Es muss unsere einzige Aufgabe sein, im
Bereich der Tiergesundheit und der Lebensmittelsicherheit für den Bürger da zu sein, seine Bedürfnisse
und Anliegen aufzunehmen und ihm Sicherheit und Vertrauen zu geben, dass auch heute für seine
Gesundheit gesorgt ist, unsere Lebensmittel gesund sind, keine Täuschung vorliegt und dass für die
Gesundheit und das Wohlergehen unserer Nutz-und Heimtiere gesorgt ist. Eine Herkulesaufgabe, die es
immer wieder gemeinsam und mit allen zur Verfügung stehenden Kräften anzupacken gilt.
Ich gratuliere der Gesellschaft Schweizer Tierärzte zu ihrem 200-jährigen Jubiläum und wünsche ihr
weiterhin alles Gute. Für die Zukunft brauchen Sie, meine Damen und Herren Tierärzte und
Tierärztinnen der GST nichts zu ändern: Machen Sie weiter so, wie Sie es in den vergangenen 200 Jahren
getan haben. Setzen Sie sich als Vertretung aller Tierärzte und Tierärztinnen in Zusammenarbeit mit
dem Veterinärdienst Schweiz weiterhin ein für das Wohl und die Gesundheit von Mensch und Tier in
unserm Land.
Für diesen Einsatz danke ich Ihnen.
Ad multos annos !
Vivat – crescat – floreat!
--Rolf Hanimann schloss 1980 sein Veterinärstudium an der Universität Zürich ab und promovierte 1983.
Während 27 Jahren war Herr Hanimann in einer gemischten Tierarztpraxis in Küblis tätig. 2000–2007
war er Mitglied des Grossen Rates des Kantons Graubünden und seit 2007 amtet er als Kantonstierarzt in
Graubünden und ist Dienststellenleiter des Amtes für Lebensmittelsicherheit und Tiergesundheit.
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