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Billigstrategen hier wie dort - Kampagne für Saubere Kleidung

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RundBrief
3/4 – 2008
Billigstrategen hier wie dort
Rundreise dreier Frauen aus Bangladesch: Im Fokus die gnadenlose Einkaufspraxis deutscher Discounter
Die Situation in Bangladesch
bei Lieferanten etwa für Lidl
oder KiK ist mies, wie drei Gäste aus Bangladesch auf ihrer
Rundreise „Arbeitskraft zum
Discountpreis – in Bangladesch
und Deutschland“ berichteten.
Shahida Sarker, bis 1996 Textilarbeiterin, ist seit Februar 2005
Vorsitzende der Gewerkschaft
„National Garment Workers
Federation“ (NGWF), Suma
Sarker arbeitet seit ihrem 13.
Lebensjahr in Bekleidungsfabriken Bangladeschs und Dr.
Pratima Paul-Majumder ist Wissenschaftlerin am Bangladesch
Institute of Development Studies (BIDS). Außerdem erzählten Beschäftigte von Lidl und
KiK von Arbeitsbedingungen
und sozialer Lage in Deutschland. In zwei Städten lud man
die genannten Unternehmen ein:
In Hamburg Lidl und in Bonn
KiK. Beide haben abgesagt.
Beide scheuten die Öffentlichkeit!
Ausgezeichnete Kooperation vor Ort ermöglichte im Rahmen der vom „NETZ Bangladesch“ organisierten und von
zahlreichen Trägern und Basisgruppen der CCC unterstützten
Rundreise Veranstal-
tungen in Stuttgart, Mannheim,
Konstanz, Hamburg, Bremen,
Göttingen, Hannover, Wetzlar,
Giessen, Marburg, Bonn und
Köln. Stationen waren auch
Berlin und Bonn (verschiedenen
Ministerien, Medien) sowie
Wien, Brüssel (EU-Kommission, EU-Parlament) und Großbritannien.
Öffentlichkeit und auch PolitikerInnen sollten erfahren,
dass sich Arbeitsbedingungen
weltweit auf niedrigem Niveau
angleichen: In Bangladesch
sind sie menschenunwürdig
und in Deutschland werden sie
immer schlechter. In Bangladesch drücken die Discounter
Lidl, Aldi und KiK mit ihrer
Einkaufsmacht die Preise bei
ihren Lieferanten, so dass diese
Löhne unter dem Existenzminimum zahlen. Wer sich wehrt,
fliegt. Discounter zahlen auch
in Deutschland oft sittenwidrig
niedrige Löhne (Dortmunder
Arbeitsgericht über KiK im Mai
2008). Vollzeitstellen werden
abgebaut, Teilzeitbeschäftigte
machen die Arbeit zu Niedrigstlöhnen. Die Folge: „Arm trotz
Arbei Die Firmen verhindern
Arbeit“.
In
jede Interessenvertretung,
was
al
vor allem
Frauen trifft: bis zu
Pro
90 Prozent
der NäherInnen in
Bangl
Bangladesch,
70 Prozent der
Besch
Beschäftigten
im deutschen Einzelhan sind Frauen.
zelhandel
Migration nach Dhaka
M
Viele junge TextilarbeiteVi
rinne in Bangladeschs stamrinnen
men vom Land aus ärmsten
Verhä
Verhältnissen,
Schulbildung ist
meist sehr gering; auf der SuHerbstreise durch Deutschland der beiden
Textil-Aktivistinnen Suma Sarker und Shahida
Sarker auf Einladung des „NETZ Bangladesch“.
Zu Gast aus Bangladesch: (v.l.) Textilarbeiterin Suma Sarker, Shahida Sarker, Vorsitzende der
Gewerkschaft „National Garment Workers Federation“ (NGWF) und Übersetzer Wakil Rahman
che nach Arbeit ziehen sie in
die Städte, vor allem die Megacity Dhaka. Die Arbeit in
Textilfabriken sehen viele erst
als Chance, obwohl der Lohn
von Frauen noch immer um 28
Prozent niedriger ist als von
Männern. Aus der Chance wird
schnell ein Gesundheitsrisiko.
Versuche der ArbeiterInnen,
sich zu organisieren, unterdrüFortsetzung auf Seite 2
+++ Aktionstreffen +++ Spendenaufruf der Kampagne +++
Aktionstreffen – schon jetzt vormerken
„Wie Fair ist fair – ‚saubere’ Kleidung auf dem
Prüfstand“
Unter diesem Titel wird vom 6. – 7. Februar 2009 in Hattingen
das nächstes Aktionstreffen der Kampagne für ‚saubere’ Kleidung
stattfinden. Das genaue Programm ist ab Mitte Januar auf der
Homepage www.sauberekleidung.de zu finden. Im Mittelpunkt des
Aktionstreffens stehen der Erfahrungsaustausch und die Entwicklung
von Aktionen und Strategien für die kommenden Monate.
Spendenaufruf – Spendenaufruf
Alle Hände voll zu tun
Gerade in der letzten Zeit konnte die Kampagne für ‚Saubere’
Kleidung eine Vielzahl von Erfolgen erzielen, wie der vorliegende
Rundbrief beweist. Nach wie vor gibt es alle Hände voll zu tun.
Nach wie vor arbeiten NäherInnen in den Ländern des Südens
unter unmenschlichen Bedingungen.
Für die Kampagnen-Arbeit benötigen wir nicht nur viele helfende Hände. Wir benötigen vor allem auch Geld. Bitte spenden Sie
für die Kampagne für ‚Saubere’ Kleidung. Alle Spendengelder fließen direkt in die Kampagne. Bei Bedarf kann eine steuerwirksame
Spendenbescheinigung ausgestellt werden.
Spendenkonto: INKOTA-netzwerk e.V.,
KD-Bank, Konto 155 500 0029, BLZ 350 601 90
Kampagne für ’Saubere’ Kleidung – RUNDBRIEF – 3/4 2008
Billigstrategen…
cken Fabrikbesitzer systematisch. Shahida Sarker: „Gewerkschaftsorganisation ist bei uns
bis heute etwas, was aus Angst
vor Repression im Geheimen
passiert.“
ken, wovon vor allem Frauen
betroffen sind. MitarbeiterInnen
werden zudem massiv unter
Druck gesetzt, wenn sie versuchen etwa einen Betriebsrat zu
gründen.
Gesetzlicher Rahmen
muss her
Einkaufspraxis
Arbeitsrechtsverletzungen
sind Folge schlechten Managements in den dortigen Fabriken,
aber auch der Einkaufspraxis
multinationaler Bekleidungsunternehmen – nicht nur der Discounter. Alle Einkäufer drücken
die Preise massiv. Hierzu nutzen sie ihre Macht als Besteller
großer Mengen. Akzeptieren die
Lieferanten die Abnahmepreise
der Multinationalen nicht, bleiben sie auf der Ware sitzen:
Das Risiko liegt voll beim Lieferanten. Oft geben die Unternehmen Garantien nur noch
für den ersten Teil der Ware.
Weitere Abnahme hängt dann
– Stichwort „Efficient Consumer Response“ – vom Absatz
der Produkte ab. Aufträge werden wegen immer schnelleren
Kollektionswechsels immer
kurzfristiger platziert, so dass
Näherinnen Überstunden bis
tief in die Nacht leisten müssen.
Oder die Aufträge gehen bei
noch schlechteren Arbeitsbedingungen an Sub-Lieferanten.
Auch in Deutschland spüren die Beschäftigten der Discounter diese Billig-Strategie,
zu der es gehört, bei Service
und Personal zu sparen: Vollzeit- wird zu Teilzeitarbeit bei
zunehmender Arbeitsbelastung,
während die Löhne stetig sin-
Freiwilligen Selbstverpflichtungen der Handelskonzerne haben zu nichts geführt, sie werden nicht umgesetzt. Sie dienen
einzig dem „Greenwashing“.
Strategie von Lidl und KiK:
Nichts leugnen, Zeit gewinnen
und punktuell karitative Projekte sowie Schulungen anbieten, um der Öffentlichkeit Sand
in die Augen zu streuen. Grundsätzliche Änderungen von Einkaufspraxis und Unternehmensstrategie gibt es nicht. Deshalb
sind von der Bundesregierung
über die EU bis zur WTO verbindliche grenzüberschreitende
Regeln einzuführen, damit Unternehmen bei Verstößen ihrer
Zulieferer gegen Menschenrechte und Umwelt haften müssen. Transnationale Unternehmen sollten zudem zu Berichten
über die Umsetzung von Sozialund Umweltstandards in ihrer
Lieferkette verpflichtet werden.
Erste Vorschläge liegen mit dem
Papier „Fair law“ von der „European Coalition for Corporate
Justice“ (ECCJ) vor.
Auf europäischer Ebene
startet im Februar die auf drei
Jahre angelegte Kampagne
„Better Bargain“. Die internationale CCC veröffentlicht
einen Recherche-Bericht aus
Bangladesch, Indien, Sri Lanka, Thailand und Madagaskar.
Karin Wilke, Gemeindedienst für Mission und Ökumene (GMÖ) Westliches Ruhrgebiet,
im Interview mit dem WDR-Sender „Lokalzeit“ beim Protest vor der Aldi-Filiale in EssenRüttenscheid
Nicht nur Essen
Protest vor Aldi-Markt in Rüttenscheid gegen Textildumping
des Discounter-Giganten
Auf erschreckende Arbeitsbedingungen bei Zulieferbetrieben
von Aldi Nord und Süd in China und Indonesien hat der Synodale Frauenausschuss in Essen gemeinsam mit dem Gemeindedienst für Mission und Ökumene (GMÖ) Westliches Ruhrgebiet mit einer Protestaktion aufmerksam gemacht. Vor einer
Aldi-Filiale in Essen Rüttenscheid versammelten sich die aktiven Frauen Ende September 08 zu einer Straßenaktion. Mit
vier Sandwich-Plakaten, auf denen die menschenunwürdigen
Arbeitsbedingungen in den asiatischen Textilfabriken angeprangert und Appelle an Aldi formuliert waren, konnte das
Interesse vieler Aldi-KundInnen erregt werden. Doch nicht nur
deren Aufmerksamkeit war den Protestierenden gewiss, auch
der um das Image seiner Filiale fürchtende Aldi-Bezirksleiter
war gekommen. Ein besonderer Erfolg für die Aktion war
das Medienecho: der WDR berichtete im Magazin „Lokalzeit
Ruhr“ am selben Abend darüber. Mehr Öffentlichkeit hätten
sich die protestierenden Frauen schwerlich wünschen können.
Karin Wilke, Referentin für entwicklungsbezogene Bildungsarbeit der GMÖ Westliches
Ruhrgebiet für die „Aktionsgruppe Essen“
Untersucht wurden Lieferanten
von Wal-Mart, Tesco, Carrefour, Aldi und Lidl wegen deren großer Preis brechender
Schulungen zum Thema Discounter
2
Gisela Burckhardt, Philipp Kappestein,
NETZ Bangladesch
Impressum
Mit 40 multipliziert
An die 40 Veranstaltungen für MultiplikatorInnen gingen im zurückliegenden Jahr zum Thema
Discounter über die Bühne – mit dem Fokus auf
Aldi. Besonders aktiv waren der Ev. Kirchenkreis Jülich, der Gemeindedienst für Mission
und Ökumene (GMÖ) Niederrhein, die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung Aachen, das
Informationszentrum Dritte Welt und das Amt
für Mission und Ökumene in Dortmund, der
Arbeitskreis Welthandel der SchülerInnenvertretung Bonn sowie die Hamburger CCC-Gruppe.
Marktmacht und internationaler
Reichweite.
Neben Vorträgen standen auch Schulungen bei
UnterstützerInnengruppen der CCC in Bonn,
Hamburg und Bremen auf der Agenda. Das Thema waren Discountierung und Auswirkungen
auf die Arbeitsbedingungen in den Produktionsund Industrieländern am Beispiel von Lidl, Aldi
und KiK. Eine ganztägige Schulung war im
Dezember in Tübingen geplant. Die Schulungen
sollen auch 2009 fortgesetzt werden. Aktionen,
die sich aus diesen Trainings entwickeln, werden in Zukunft im Rundbrief vorgestellt.
Herausgeber und V. i. S. d. P.:
Kampagne für ’Saubere’ Kleidung,
Koordinationsbüro, Christiane
Schnura, Redaktion: Christiane
Schnura, Friedrich Burschel,
Layout und Gestaltung: Ludger
Müller, Münster, Druck: Druckerei
Kleyer, Münster-Roxel, Auflage:
10 000, vom Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) gefördert,
Bezugsadresse: Kampagne für
’Saubere’ Kleidung, c/o Vereinte
Evangelische Mission, (VEM),
Rudolfstr. 131, 42285 Wuppertal
Die Veröffentlichung des CCC-Rundbriefes wurde mit
Unterstützung der Europäischen Union ermöglicht.
Für den Inhalt dieser Veröffentlichung ist allein die CIR verantwortlich; der Inhalt kann in keiner
Weise als Standpunkt der Europäischen Union angesehen werden.
Kampagne für ’Saubere’ Kleidung – RUNDBRIEF – 3/4 2008
Regeln statt Reden
Für eine gesetzliche Regelung öffentlicher Beschaffung nach fairen und ökologischen Gesichtspunkten
Gegenwind sollten Wirtschaft
und konservative Parteien von
CIR und dem Netzwerk Unternehmensverantwortung (CorA
= Corporate Accountability) bei
einer Aktion Ende September
2008 in Berlin vor dem Bundestag zu spüren bekommen. In
erster Lesung stand dort die aktuelle Vergaberechtsreform zur
Debatte. Das Vergaberecht legt
u.a. fest, nach welchen Kriterien
die öffentliche Hand (Kommunen, Länder und der Bund) Aufträge vergibt. Nach engagiertem
Einsatz von CorA steht nun im
Gesetzentwurf, dass auch öko-
logische und soziale Anforderungen an die Produkte gestellt
werden können.
Historische Chance
Obwohl eine Kann- und nicht
– wie gefordert – eine MussBestimmung, ein großer Schritt.
Aber nicht genug. Mit einer
verpflichtenden Bestimmung zu
sozialer und ökologischer Beschaffung – bei einem Volumen
von 360.000.000.000 € pro Jahr
(= 360 Milliarden!) – könnte der
Bundestag zur Durch- und Um-
setzung grundlegender Arbeitsrechte, wie der ILO-Kernarbeitsnormen, beitragen.
Aktuell herrscht im Bundestag Einigkeit über den Gesetzentwurf zum Vergaberecht. Mit
einer Ausnahme: Die Bestimmung zu ökologischen und sozialen Kriterien. Teile des Bundestags fordern eine weitergehende
Bestimmung als die Kann-Regelung, andere, wirtschaftsnahe
Mitglieder wiederum lehnen das
als „vergabefremdes Kriterium“
ab. Aufgrund dieser Uneinigkeit
wird der Passus nun von den
Fraktionschefs Volker Kauder
und Peter Struck ausdiskutiert.
Momentan wird mit einem Beschluss zur Vergaberechtsreform
im Februar 2009 gerechnet. Deshalb sind beide Politiker Adressaten der CIR-Postkartenaktion
„Keine Ausbeutung mit Steuergeldern“.
Unterstützen Sie diese Anstrengungen, bestellen Sie Protestpostkarten oder schreiben
Sie Protestmails an Ihren Abgeordneten, um die historische
Chance zu nutzen. Protestpostkarten und Hintergrundinformationen gibt es unter: www.ciromero.de
Öffentliche Beschaffung in Bremen
Hansestadt an
der Weser stellt um
auf „öko-fair“
DIE PROTESTIERER vor dem Deutschen Bundestag stellen die Branchen dar, die am meisten von
Ausbeutung und Arbeitsrechtsverletzungen in Drittweltländern betroffen sind:, wie etwa Steinbrüche, Blumenplantagen, Textilunternehmen, Kaffeeproduktion – die öffentliche Hand bedient
sich bei diesen Schnäppchen-Produkten mit jährlich bis zu 360 Milliarden Euro
Die Zukunft muss
sozial sein
Das deutsche Vergaberecht wird modernisiert
Seit fünf Jahren kämpft die
Kampagne für ‚Saubere’ Kleidung – mit Unterstützung der
Stiftung Umwelt und Entwicklung NRW – für soziale Kriterien bei der öffentlichen Vergabe, seit diesem Jahr auch mit
Förderung der gemeinnützigen
InWEnt GmbH. Anfangs war
die öffentliche Hand als wichtiger Konsument noch nicht im
Blick der Öffentlichkeit. Das
hat sich geändert: Das deutsche
Vergaberecht wird, auch auf
Druck der Europäische Union,
modernisiert. Künftig sollen Sozial- und Umweltstandards berücksichtigt werden können.
Der Gesamtverband „textil
+ mode“ wehrt sich vehement
dagegen. Die Kampagne für
‚Saubere’ Kleidung indes hält
Sozial- und Umweltstandards
bei der öffentlichen Beschaffung für mehr als überfällig.
Über 120 Kommunen und Gemeinden sowie mittlerweile
sieben Bundesländer haben
entsprechende Beschlüsse gefasst. Christiane Schnura, Ko-
Mit seinem Beschluss schließe sich Bremen dem Beispiel
vieler Kommunen und Landtage an, fasste Christiane Schnura
von der Kampagne für ‚Saubere’ Kleidung (CCC) zusammen,
was Bürgerschaftsvertreterinnen geschildert hatten. Zu einer
Podiumsdiskussion von forum Kirche mit dem Titel „Faire
Beschaffung in der Kommune - Ist Einkaufen Frauensache?“
hatte die Bremer Kooperation der CCC und der Bremer Frauenausschuss am 23. September in Sachen faire Beschaffung
engagierte Rednerinnen eingeladen: Ulrike Hiller, Bürgerschaftsabgeordnete der SPD, und Dr. Maike Schaefer von
Bündnis 90/Die Grünen schilderten die Überzeugungsarbeit,
die im Dezember 2007 zum Beschluss der bremischen Bürgerschaft geführt hat, eine öko-faire Kommunale Beschaffung einzuführen. Nun komme es, so Christiane Schnura, auf
die Umsetzung an, die sich häufig als schwierig erweise. Die
Diskussion – moderiert von Edith Laudowicz von der Bremer CCC – zeigte, dass es sich in Bremen ähnlich verhält. Ein
Vertreter der Verwaltung bezeichnete die bestehenden Vergaberechte als große Hürde bei der Umsetzung der neuen Richtlinien. Christiane Schnura hielt dagegen, dass diese Hürden
überwindbar seien, und machte Kampagne und Politik Mut,
daran zu arbeiten.
Gertraud Gauert
ordinatorin der Kampagne für
‚Saubere’ Kleidung: „Der politische Wille vieler Kommunen
und Länder muss endlich auch
von der Industrie zur Kenntnis
genommen werden. Die öffentliche Nachfrage nach ‚sauberer’, also sozial-verträglich
hergestellter Kleidung wächst
von Tag zu Tag. Jetzt müssen
die Lieferanten endlich eine
‚saubere’ Produktion entlang
ihrer gesamten Produktionskette gewährleisten. Nur so kann
die öffentliche Hand ihre politischen Beschlüsse umzusetzen.
Die Blockadehaltung von ‚textil + mode’ ist völlig fehl am
Platz.“
CCC
3
Kampagne für ’Saubere’ Kleidung – RUNDBRIEF – 3/4 2008
Kinder des Glücks
fordern mehr Rechte
AktivistInnen machen in Hongkong auf Arbeitsrechtsverletzungen
in China aufmerksam
Bei den Olympischen Spielen gab es nicht nur positive
Schlagzeilen über China. Insbesondere über die Menschenrechtssituation in Tibet berichtete die internationale Presse
kritisch. Systematische Arbeitsrechtsverletzungen in chinesischen Weltmarktfabriken
fanden deutlich weniger öffentliches Interesse. Anfang August
machte eine internationale Delegation des Bündnisses „PLAY
FAIR 2008“ in Hongkong
darauf aufmerksam. Bei anschließenden Treffen mit AktivistInnen in China berichteten
diese jedoch auch von Verbesserungen.
„Keine Medaillen für die
Sportartikelindustrie“ war die
Botschaft, die AktivistInnen
von „PLAY FAIR 2008“ aus
China, Deutschland, Österreich und Polen am 3. August in
einer belebten Einkaufsstraße
und auf der beliebtesten Uferpromenade in Hongkong per
Transparent verkündeten. Die
Maskottchen der Olympischen
Spiele 2008, die putzigen
„Fúwás“, was übersetzt „Kinder des Glücks“ bedeutet, waren schwitzend und unglücklich
an einer Nähmaschine abgebildet. Anschließend wurde der
Forderungskatalog der Kampagne einem Sicherheitsmann der
lokalen Vertretung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) übergeben. IOCFunktionäre waren nämlich
nicht bereit, die Delegation zu
empfangen. Aus Deutschland
engagierten sich die „Kampagne für ‚Saubere’ Kleidung“
Laufen für Fairness
Arbeitsrechte-Demo in Hongkong zu Beginn der Olympischen Spiele in China. AktivistInnen der
Fúwás („Kinder des Glücks“) tragen den Protest in die Stadt.
und INKOTA im Bündnis
„PLAY FAIR 2008“.
Der europäischen Delegation
ging es im August darum, möglichst viele gut recherchierte
Informationen über die Arbeitsbedingungen in den Fabriken
Südchinas zu sammeln. Noch
vor wenigen Jahren war Hongkong eine Hochburg der Textilindustrie. In den letzten 10 bis
15 Jahren haben die Betriebe
ihre Produktionsstätten auf das
chinesische Festland verlegt.
Gleich jenseits der Grenze der
ehemaligen britischen Kronkolonie liegt die Millionenstadt
Shenzhen, wo ein Fertigungsbetrieb neben dem anderen steht:
Textil-, Schuh-, aber auch Elektronikindustrie.
Ralf Leonhard ist freier Journalist.
Mehr Infos: www.inkota.de/olympiaPLAYFAIR2008
Über 600 LäuferInnen konnte INKOTA beim Berlin Marathon für die Aktion „Let‘s run for fair wear!“ gewinnen.
oben: Barfüßer und INKOTA-Unterstützer
Dietmar Mücke mit den Promis Klaus Wowereit und Joachim Löw
links: In der Zielgerade mit dem INKOTAAktions-Luftballon: Einer von den über 600
LäuferInnen, die die Aktion im Rahmen des
Berlin-Marathons unterstützten
Die meisten Menschen sind
davon überzeugt, dass es möglich sein muss, faire Arbeitsbedingungen bei der Herstellung
von Sportbekleidung in armen
Ländern zu schaffen. Die INKOTA-Aktion im Rahmen des
Berlin-Marathons Ende September fand große Resonanz
und begeisterte Unterstützung
für die Kampagne für ‚Saubere’
Kleidung.
4
Der Berlin-Marathon bot
eine günstige Gelegenheit mit
Aktionsmaterial breite Wirkung zu erzielen: immerhin ist
es inzwischen der fünfgrößte
Marathon der Welt. In diesem
Jahr starteten fast 36.000 Menschen, darunter Rekordhalter
Haile Gebrselassie aus Äthiopien (der unter 2:04 Stunden
blieb). Über 600 LäuferInnen
unterstützten die INKOTA-
Aktion und trugen den Aufkleber „Let‘s run for fair wear!“
auf ihrem Trikot. Sie forderten
damit menschenwürdige Arbeitsbedingungen bei den
Sportartikel-Herstellern. Viele
liefen mit Aktions-Luftballon
durchs Ziel. Am Aktionsstand
vor der Messe „Berlin Vital“ konnten Passanten eine
Petition gegen Arbeitsplatzverlagerungen von adidas
unterschreiben. Prominenter
Unterstützer der INKOTAAktion war Dietmar Mücke,
Weltrekordhalter im Barfusslaufen. Als Pumuckl verkleidet
warb er für die Aktion und lief
den Marathon mit – natürlich
barfuss, aber bestückt mit Aktionsaufklebern.
Entlang der 42-km-Strecke
konnte er viele Prominente,
darunter den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit
und Fußball-Nationaltrainer
Jogi Löw, ansprechen. Etliche SportlerInnen betonten die
Wichtigkeit der Forderungen
und wollen sie auch weiter unterstützen. Klasse Idee: Gleich
nahmen sie Aufkleber und „Dignity Return“-T-Shirts mit.
INKOTA dankt allen LäuferInnen, die ein Zeichen gesetzt
haben und in Zukunft setzen
möchten. In diesem Sinne:
LET’S RUN! Denn es gilt noch
eine ziemliche Strecke zurückzulegen und einige Hürden zu
überwinden.
Kampagne für ’Saubere’ Kleidung – RUNDBRIEF – 3/4 2008
Kontrovers
Ingeborg Wick, wissenschaftliche Mitarbeiterin der CCCTrägerorganisation „Südwind“Institut für Ökonomie und
Ökumene nimmt zu einem
Artikel mit dem Titel „Blick
hinter die Kulissen“ im Magazin für globale Entwicklung
und ökumenische Zusammenarbeit, Welt-Sichten, Stellung.
Welt-Sichten vermittelt darin
idyllische Eindrücke der verantwortungsvollen und erfolgreichen Tätigkeit der ArcandorMitarbeiterInnen, die sie mit
den unterschiedlichsten Partne-
rInnen harmonisch zusammenführt. Leider hat die Redaktion
darauf verzichtet, zu diesem brisanten gesellschaftspolitischen
Thema Gegenstimmen zu Wort
kommen zu lassen – ein nicht
nur journalistisch, sondern auch
politisch fragwürdiges Vorge-
hen. Dabei mangelt es nicht an
fundierter Kritik an Konzept
und Praxis einer freiwilligen sozialen Selbstverpflichtung (Corporate Social Responsibility =
CSR) von Unternehmen wie
Arcandor.
Mit Arcandor auf Du und Du?
Ökumenisches Entwicklungsmagazin Welt-Sichten bietet Forum für ungeprüfte CSR-Rhetorik
Durch die Veröffentlichung
von Forschungsergebnissen
des Hongkonger „Asia Monitor Resource Centers“ und des
deutschen „Südwind“-Instituts
über Arbeitsrechtsverletzungen
bei einem chinesischen Bekleidungslieferanten geriet Arcandor-Vorläufer Karstadt erstmals
1997 in die Schlagzeilen. Als
führender deutscher und europäischer Textileinzelhändler war
Karstadt seit den 1970er Jahren
dem globalen Trend einer wachsenden Beschaffung aus Entwicklungsländern gefolgt. Die
Internationalisierung
der Textilund Bekleidungsproduktion,
die durch
das Quotenregime
des AllScherenschnitt und
gemeinen
Zwangsjacke: Tanzperformance zu einer Ausstellung Zoll- und
über Arbeitsbedingungen
Handelsabbei Karstadt-Zulieferern.
kommens
(GATT) beschleunigt wurde,
war von einer systematischen
Außerkraftsetzung von Arbeitsund Sozialrechten begleitet, da
sie sich vor allem in sog. Freien
Exportzonen und in der informellen Wirtschaft vollzog.
Textilunternehmen in den
Schlagzeilen
Seit Anfang der 1990er Jahre
hatten multinationale Unternehmen wie Nike, Reebok, H&M
und C&A auf öffentliche Kritik
von NGOs und Gewerkschaften
in den USA, Australien und
Europa an ihrer Beschaffungspraxis mit der Verabschiedung
von Verhaltenskodizes reagiert.
Mit diesen Selbstverpflichtungen erklärten sie
sich generell für Arbeitsbedingungen bei globalen
Zulieferern verantwortlich. Anhaltende Kampagnen führten dazu, dass
einige Unternehmen die
inhaltliche Substanz, die
Reichweite in weltweiten
Beschaffungsnetzen und
Kontrollverfahren von
Kodizes fortentwickelten.
Auftakt zum Sportsommer 2004: Karstadt-Ruhrmarathon in Dortmund und Essen
Knackpunkt unabhängige
Kontrolle
Nicht so jedoch Karstadt, das
weniger im Fokus der Aktivitäten der Kampagne für ‚Saubere’ Kleidung stand als z.B.
die Markenunternehmen adidas
und Nike, die als Einkäufer in
Zulieferbetrieben leichter identifizierbar und dadurch angreifbarer waren. Dennoch kam es
zu weiteren Veröffentlichungen
über Missstände bei Zulieferern von Karstadt in Indonesien,
China und Bangladesch sowie
zu Gesprächen mit Karstadt, denen jedoch keine konkreten Pilotprojekte mit der CCC wie in
anderen europäischen Ländern
folgten. Wohl wurde das Unternehmen in der Behandlung einzelner Konfliktfälle gelegentlich
aktiv: So sagte es nach monatelanger weltweiter Kampagne die
Summe von 100.000 € für
einen Hilfsfonds zu, aus dem
Opfer des Fabrikeinsturzes
2005 (mit 64 Todesopfern und
80 Verletzten) bei Spectrum in
Bangladesch – eines Lieferanten
von KarstadtQuelle – unterstützt
werden sollen.
Der im Jahr 2000 veröffentlichte Verhaltenskodex von
Karstadt blieb jedoch inhaltlich
hinter den Standards anderer
Unternehmen und Kontrolleinrichtungen zurück. Auch weigert sich das Unternehmen bis
heute, Mitglied in einer unabhängigen Organisation zur Kodex-Überprüfung zu werden.
Stattdessen schloss es sich 2004
der „Business Social Compliance Initiative“ (BSCI) an, der
heute 159 Unternehmen aus
Europa und Hongkong angehören. Diese Initiative will in
den Beschaffungsmärkten ihrer Mitgliedsunternehmen auf
die Einhaltung von Sozial- und
Umweltstandards achten, ohne
jedoch eine unabhängige Verifizierung mit Partizipation von
zivilgesellschaftlichen AkteurInnen zu akzeptieren.
ren u.a. Karstadt und die CCC
vertreten. Die Umsetzung eines
Vorschlags der CCC zu einem
Pilotprojekt des Runden Tisches
in Indonesien wurde zweieinhalb
Jahre lang von den beteiligten
Unternehmen hinausgezögert.
Auch Karstadt zeigte keine Bereitschaft, seine Zulieferer in das
Projekt einzubeziehen. Zudem
stellte der Karstadt-Vertreter die
Öffentlichkeitsarbeit der CCC
als unvereinbar mit deren Mitgliedschaft im Runden Tisch dar.
Da die CCC in einem unverbindlichen Austausch über CSRAktivitäten von Unternehmen
wenig Sinn sah, verließ sie den
Runden Tisch mit einer öffentlichen Bilanzierung ihrer vierjährigen Arbeit im November 2004.
Karstadt räumt Probleme ein
Testfall „Runder Tisch
Verhaltenskodizes“
Am „Runden Tisch Verhaltenskodizes“, der 2001 in
Deutschland von Regierung,
Unternehmen, Gewerkschaften
und NGOs mit dem Ziel gegründet wurde, Sozialstandards in Entwicklungsländern
zu verbessern und hierfür wie
die britische „Ethical Trading
Initiative“ (ETI) gemeinsame
Projekte zu organisieren, wa-
In seinem zweiten Nachhaltigkeitsbericht 2005 nennt
KarstadtQuelle als Hauptbeschaffungsländer Bangladesch,
Bulgarien, China, Indien, Philippinen, Rumänien, Thailand,
Türkei und Vietnam. Von 1000
untersuchten Zulieferfabriken
waren laut Bericht 446 Fabriken
wegen Arbeitsrechtsverletzungen als kritisch einzustufen
und nur 132 als positiv.
Fortsetzung auf Seite 6
5
Kampagne für ’Saubere’ Kleidung – RUNDBRIEF – 3/4 2008
Mit Arcandor auf du und du…
Wettbewerb und soziale
Spaltungen
Untersuchungen von Gewerkschaften und NGOs bei
globalen Zulieferern von multinationalen Handels- und Markenunternehmen aus den letzten
Jahren zeigen neben einigen
Verbesserungen eine steigende
Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen und Schlechterstellung von Beschäftigten. Gründe
sind die Umstrukturierungen
des Einzelhandels auf dem liberalisierten Weltmarkt. Im internationalen Wettbewerb sind
Einkaufspraktiken der Global
Players mit knallhartem Preisdruck und immer kürzeren
Lieferfristen, die auf Kosten
der Beschäftigten gehen, an der
Tagesordnung.
KarstadtQuelle hatte im
Herbst 2006 seine gesamte Beschaffung an das Hongkonger
Unternehmen Li&Fung ausgelagert, wodurch u.a. die Einkaufspreise um 5 – 10 Prozent fallen
sollten. Bereits im Mai 2005
hatte KarstadtQuelle im Zuge
eines Sanierungsplans Rabatte
von seinen Lieferanten verlangt.
Bis heute bleibt Arcandor/
Karstadt den Nachweis schuldig, wie seine Einkaufspraxis
mit sozialverträglicher Beschaffung verbunden wird.
Ambivalenz von
Verhaltenskodizes
Eine Wirkungsanalyse der
ETI von 2006 über Verhal-
tenskodizes von Unternehmen
hat deren Ambivalenz deutlich
unterstrichen. Während die
Studie einige kodexbezogene
Fortschritte in Fabriken – beispielsweise bei Gesundheitsstandards, dem Verbot von
Kinderarbeit und betrieblichen
Zuschlägen – feststellt, meldet sie keine Erfolge bei der
Durchsetzung von Gewerkschaftsrechten und der NichtDiskriminierung am Arbeitsplatz. Als ein Hauptergebnis
hält die Studie fest, dass Verhaltenskodizes als bewusstseinsstärkendes Instrument
erfolgreich waren, eine Veränderung der Arbeitssituation
jedoch über eine wirksamere
Regierungskontrolle erreicht
werden muss.
Während die CSR-Debatte
aus der weltweit zunehmenden
Kritik an sozialen Auswirkungen der neoliberalen Globalisierung entstand, zeigt ihre
Entwicklung jedoch immer
deutlicher in eine andere Richtung. Unternehmen und Regierungen nutzen sie offensiv
zur Privatisierung von Arbeitsrechten.
Neben einer Entzauberung
der CSR-Rhetorik setzen sich
heute deshalb zivilgesellschaftliche Kräfte wie das Bündnis Corporate Accountability
(CorA) oder European Coalition
for Corporate Justice (ECCJ)
für eine Stärkung von VerbraucherInnenrechten, des Wettbewerbs- und Kartellrechts oder
eine Revision der OECD-Leitsätze für Multinationale Unternehmen ein.
Ingeborg Wick, „Südwind“-Institut
Eine kleine, mutige Frau
Der Kampf der Emine Arslan gegen die Arbeitsbedingungen bei
DESA DERI
„Der Teufel trägt Prada“ – Das
muss zumindest Emine Arslan
denken, die acht Jahre für die türkische Lederfirma DESA DERI
gearbeitet hat, deren Hauptauftraggeber Prada ist. Als sie wegen der Zustände in der Fabrik
Anfang Juli 08 zur Gewerkschaft
ging, fand sie sich auf der Straße
wieder. Seitdem hält sie vor der
Fabrik einen Streikposten – eine
kleine, mutige Frau!
Neben Prada führen die Auftragsbücher so klangvolle Namen
wie Marks & Spencer, Burberry, Woolworth, Samsonite oder
Louis Vuitton. DESA unterhält
darüber hinaus eigene Läden
in der Türkei. Bei einem Treffen türkischer, deutscher und
schwedischer Arbeitsrechts-AktivistInnen aus Gewerkschaften
und NROs Mitte Oktober in
Istanbul berichtete Emine Arslan über die Arbeitsbedingungen
bei DESA. Die Beschäftigten
arbeiten 10 Stunden pro Tag 6
Tage die Woche, um das Nötigste
zu verdienen. Oft fallen ohne
Ankündigung oder Weigerungsmöglichkeit weitere Überstunden
an, manchmal bis zum nächsten
Morgen. Der Lohn wird nicht
vollständig gezahlt. Das Management reagiert auf Kritik mit entwürdigenden verbalen Entgleisungen. Gewerkschaftsmitglieder
werden gefeuert. „DESA war ein
Arbeitslager“, sagt Emine Arslan.
Kidnapping angedroht
Solidaritätsbesuch einer internationalen
Delegation bei Emine Arslans auf ihrem
„einsamen“ Streikposten vor der DESA-Fabrik
in Istanbul
weitere Beschäftigte, die sich in einer anderen DESA-Fabrik gewerkschaftlich engagieren, zu immer
härteren Repressalien. Auf ihrem
Streikposten wird sie ständig durch
zivile Sicherheitskräfte im Auftrag der Firma, aber auch durch die
Polizei schikaniert; auf „Rufschädigung“ verklagt, muss sie Strafe
zahlen. Abgesandte der Firma drohen und bieten gleichzeitig Geld
an. Ein Unbekannter drohte ihre
10-jährige Tochter zu kidnappen.
Doch es gibt auch viel Unterstützung: von der Ledergewerkschaft Deri Is, von türkischen Frauenorganisationen,
einer Erwerbslosengruppe und
der Familie. Eine breite Allianz
solidarischer Gruppen geht mit
vielfältigen Aktionen an die Öffentlichkeit. Gäste des internationalen Treffens in Istanbul beteiligten sich an Protestaktionen
beim Istanbuler DESA-Shop und
besuchten Emine vor der Fabrik.
Ein Gespräch mit der Delegation verweigerte das Management
kategorisch und verwies sie des
Firmengeländes.
Dr. Bettina Musiolek, Studienleiterin an der
Evangelische Akademie Meißen
Internationales Türkei-Pilotprojekt
Methoden harmonisieren,
Bedingungen verbessern
Leider sind Zustände wie bei DESA DERI nicht ungewöhnlich,
weshalb sich die gemeinsame Initiative der Multi-StakeholderInstitutionen Fair Wear Foundation (NL), Fair Labour Association (USA), Social Accountability International (USA) und
Ethical Trading Initiative mit der Clean Clothes Campaign und
der US-Uni-Initaitve Workers Rights Consortium für ein TürkeiPilotprojekt zusammentaten. Ziel ist, angesichts inflationärer
Kodex- und Audit-„Vermehrung“ ihre Methoden zu harmonisieren und Arbeitsbedingungen in der Türkei zu verbessern: trotz
behutsamer, hartnäckiger Arbeit bleibt gerade in der Türkei und
(bemusi)
gerade bei Organisationsfreiheit noch viel zu tun.
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Die Firma greift in ihrem
Kampf gegen die 44-jährige Mutter von vier Kindern und über 40
Weitere Information: www.labourstart.org,
www.labourbehindthelabel.org und www.
cleanclothes.org/urgent/08-11-18.htm#action
„Sachsen kauft fair!“
Auch die Kampagne „Sachsen
kauft fair!“ wirbt für ein nachhaltiges Beschaffungswesen.
Zusammen mit den Unterstützern DGB Sachsen, Grüne Liga
Sachsen, Entwicklungspolitisches Netzwerk Sachsen und
Evangelische Akademie Meißen
regt die sächsische Initiative
kommunale Beschlüsse für soziale und ökologische Vergabe-
kriterien an. Mit Flyern und auf
der Internet-Seite www.sachsenkauft-fair.de informieren wir
über problematische Produkte
und faire Alternativen. Die Auftaktveranstaltung Ende November in Chemnitz appellierte an
die kommunale Verantwortung,
fair einzukaufen und Produkte
aus ausbeuterischer Kinderarbeit zu meiden.
Kampagne für ’Saubere’ Kleidung – RUNDBRIEF – 3/4 2008
Europäisches Sozialforum 2008 in Malmö
Vernetzung gegen
Lohndumping
Über 10.000 GlobalisierungskritikerInnen waren im September im süd-schwedischen
Malmö zusammengekommen.
Auf einem Markt der Möglichkeiten zum Thema „Arbeit“ war auch die Kampagne
für ‚Saubere‘ Kleidung gemeinsam nebst Netzwerk Corporate Accountability (CorA)
mit einen Informationsstand
vertreten. Menschwürdige Arbeit („Decent work“) und Vernetzung („Networking“) waren
in den Seminaren, Workshops
und Foren des Europäischen
Sozialforums (ESF) in Malmö
zentrale Inhalte. GewerkschafterInnen und VertreterInnen
zivilgesellschaftlicher Gruppen
aus verschiedenen europäischen
Ländern berichteten über ihre
Erfahrungen in den Betrieben.
Die Kampagne für ‚Saubere‘
Kleidung („Clean Clothes Campaign“ = CCC) beschäftigt sich
seit über einem Jahrzehnt mit
Arbeitsrechtsverletzungen in
der weltweiten Bekleidungsindustrie, einem Industriezweig,
der als einer der ersten global
agierte. Schon in den 1970er
Jahren wurde die Bekleidungsproduktion von Deutschland in
sogenannten Billiglohnländer
verlagert. Trotz der internationalen Bemühungen der CCC
gibt es keine strukturellen Verbesserungen der miserablen, ja
menschenunwürdigen Arbeits-
bedingungen in der Bekleidungsindustrie. Im Gegenteil:
die Lohndumpingspirale dreht
sich kräftig weiter nach unten.
Der weltweit zweitgrößte Sportartikelhersteller adidas denkt
zur Zeit laut darüber nach, seine Produktion aus China nach
Vietnam oder Kambodscha zu
verlegen. Der Grund: in China wird ihm die Produktion zu
teuer. Es entwickelt sich eine
globale Konkurrenzbeziehung
der Lohnabhängigen, die sich
immer weiter verschärft. In den
verschiedenen Veranstaltungen
des ESF wurde ganz klar der
Ruf laut, dass internationale
Lösungen her müssten. Es gelte,
und hier seien insbesondere die
Gewerkschaften gefragt, transnationale Handlungs- und Organisationsformen zu entwickeln.
Im Rahmen eines Workshops
zu den Arbeitsbedingungen
in Ost- und Westeuropa stellte Klaus Priegnitz von der IG
Metall die erfolgreiche Arbeit
der CCC vor. Er wies darauf
hin, dass es die vom ESF geforderten Vernetzungen bereits
gebe. Die CCC sei dafür ein gelungenes Beispiel, da sie schon
seit mehr als 12 Jahren gemeinsam mit den KollegInnen in den
Produktionsländern gegen Arbeitsrechtsverletzungen und für
menschenwürdige Arbeitsbedingungen kämpfe.
Christiane Schnura, CCC
Ab in die Iserlohner Fußgängerzone: Nach dem Austausch mit Gästen aus Nicaragua und Venzuela hält die IG-Metall-Jugend des Märkischen Kreis die internationale Solidarität hoch.
Kodex und Kontrolle
Gewerkschafter aus Nicaragua und Venezuela zu Besuch im
Märkischen Kreis
Unter welchen Bedingungen
wird eigentlich meine Kleidung
hergestellt? Mit dieser Frage beschäftigte sich der Ortsjugendausschuss der dortigen IG-Metall-Verwaltungsstelle. Auf seine
Einladung hin besuchten junge
GewerkschafterInnen aus Nicaragua und Venezuela für einen
Tag den Märkischen Kreis, um
über die Arbeitsbedingungen
in ihren Heimatländern zu berichten.
Einen Eindruck von der hiesigen Textilindustrie erhielt die
Delegation bei Hänsel Textil.
Nach einer Betriebsführung standen Betriebsrat und Jugendvertretung des Betriebs ausführlich
Rede und Antwort. Danach ging
es gemeinsam in die Iserlohner
Innenstadt, wo die jungen Metaller mit einem großen Plakat
auf die menschenunwürdigen
Arbeitsbedingungen in Nicaragua hinwiesen: So erhält dort
eine Näherin nur 0,4 Prozent des
hiesigen Kaufpreises eines Turnschuhs als Lohn ausgezahlt.
„Gewerkschafter sind nicht
nur Produzenten, sondern auch
Konsumenten. Deshalb sollten
uns auch die Arbeitsbedingungen bei der Produktion der
Kleidung interessieren, die wir
tragen“, fordert Jugendsekretär
Kevin Dewald. Die IG-MetallJugend möchte Druck erzeugen,
damit Turnschuhe und andere Kleidung in armen Ländern
unter fairen Bedingungen produziert werden. Eine Forderung
der Gewerkschaftsjugend ist
die Einhaltung von Verhaltensregeln in der Bekleidungsindustrie. „Solche Kodizes gibt es
zwar in einigen Unternehmen
schon, aber sie werden nicht
kontrolliert. Um ‚saubere’ Kleidung zu produzieren, müssen
solche Regeln eingehalten und
von unabhängigen Gewerkschaften überprüft werden“, fordert Kevin Dewald.
Hess Natur auf gutem Weg
Treffen des Multi-Stakeholder-Gremiums der „Fair Wear Foundation“
Im hessischen Butzbach in
den Räumen von Hess Naturtextil kam Ende Juni das
deutsche Multi-StakeholderGremium zu seinem jährlichen
Treffen im Rahmen der „Fair
Wear Foundation“ (FWF)
zusammen. Das Gremium
begleitet die Umsetzung des
FWF-Kodex’ bei Hess Natur
und seinen Zulieferbetrieben.
Ein Mal im Jahr verschaffen
sich die Vertreter zivilgesellschaftlicher Gruppen wie der
IG Metall für die Gewerkschaften und der CIR für die
NGO-Seite der CCC einen
Einblick, wie weit bei Hess
Natur die Umsetzung der Arbeitsrechte gediehen ist. Ein
Schwerpunkt der CSR-Antrengungen bei Hess Natur lagen
2007 auf der Entwicklung des
Monitoringsystems. Audits
durch die FWF fanden in vier
Fabriken (China, Rumänien
und Ukraine) statt, bei denen
verschiedene Verletzungen des
Hess Natur- und FWF-Kodex’
festgestellt wurden. Hierfür
wurden Verbesserungspläne erstellt, deren Umsetzung
momentan läuft. Für das Jahr
2009 sind in 5 Hess Natur-Zulieferbetrieben in China, Ukraine und Mazedonien Audits
durch die FWF geplant sowie
zwei Nachkontrollen in China
und Rumänien. Ein Weiteres
ist die Stärkung des Monitoring- sowie des Managementsystems.
Der Eindruck der CCC war,
dass sich Hess Natur auf einem
guten Weg befindet, den Anforderungen der FWF und somit
der CCC nachzukommen.
Maik Pflaum, CIR
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Kampagne für ’Saubere’ Kleidung – RUNDBRIEF – 3/4 2008
Sekundenschlaf für Arbeitsrechte
Flash Mob Aktion im Puma-Geschäft in Münster
Protest gegen unwürdige Arbeitsbedingungen
bei Puma-Zulieferern in Entwicklungsländern
vor dem Puma-Store in Münster zum OlympiaStart im August: ein Flash-Mob der CIR
Zum Start der Olympischen
Spiele 08 organisierte die
Christliche Initiative Romero
(CIR) eine Flash Mob Aktion
im neu eröffneten Puma-Store
in Münster. Ziel der Aktion war
es, auf die NäherInnen abseits
von Glanz und Gloria aufmerksam zu machen, die in den Fabriken der deutschen Sportartikelgiganten adidas und Puma
unter unwürdigen Umständen
schuften. Über 30 AktivistInnen
kamen, um abgesprochen unabgesprochen im Puma-Laden
umzufallen und einzuschlafen.
Große Überraschung für die
MitarbeiterInnen und PassantInnen: aber bei 232 Überstunden
im Monat ist ein Sekundenschlaf
unterm Puma-Logo kaum zu verhindern. Neben dem sinnfälligen
Datum bot auch die verhältnismäßig neue Aktionsform einen
Anreiz zu ausgiebiger Berichterstattung in den westfälischen Medien und war für die Angestellten
wohl Anlass, die AktivistInnen
rauszuschmeißen. Von einer Trillerpfeife geweckt, standen sie
schweigend auf und verließen
das Geschäft mit anklagenden
Pappschildern über den Köpfen.
Weitere Informationen unter:
www.ci-romero.de
Johanna Fincke, CIR Münster
Nach dem Motto „mehr mal fair“ „Moderne Sklaverei“
Bildungs-Auftakt in der Hamburger St. Katharinen Kirche
Kontroverse Diskussionen in Münster
Ganz in der Nähe vom Hamburger Hafen und zur Firma Jebsen
& Jessen, dem dortigen Importeur fair hergestellter Shirts, hat
Mitte des Jahres das Hamburger
Aktionsbündnis für fairen Handel das „textile Bildungsjahr“ für
Hamburg eröffnet. In einer Podiumsdiskussion konnten Gisela
Burckhardt von der Kampagne
für ‚Saubere’ Kleidung (CCC)
und Stephan Engel vom Handelshaus Jebsen & Jessen ihre
Ansichten in puncto fairer Handel deutlich machen. Fairer Handel mit Produkten etwa aus dem
preisgekrönten „Sekem“-Projekt
in Ägypten ändere nichts an den
branchenüblichen unfairen bis
Höhepunkt des internationalen
Seminars zur CCC-Arbeit im
Rahmen der CIR-Herbsttagung
war die Podiumsdiskussion mit
Sergio Chavéz, Arbeitsrechtsexperte aus El Salvador, und Jeroen Merk von der internationalen
Clean Clothes Campaign (CCC)
in Amsterdam. Ihre Bilanz der
CCC-Arbeit war ernüchternd:
„Die Situation in den Fabriken
hat sich kaum geändert.” Podiumsteilnehmerin Petra Katzenberger, beim Textildiscounter
KiK („Kunde ist König”) für
Sozial- und Umweltstandards
zuständig, konnte den über 60
ZuhörerInnen nicht erläutern,
wie KIK in Asien T-Shirts „sau-
ausbeuterischen Bedingungen im
gesamten Herstellungsprozess,
waren sie sich einig. Wolfgang
Grätz vom Hamburger Senat
wies darauf hin, dass die Hansestadt nun auf Produkte aus Kinder- oder ausbeuterischer Arbeit
verzichte. Er bekam auch Kritik
zu hören: zwar trage die Hansestadt die Aktion „hamburg mal
fair“ (hmf) mit, statte sie aber
finanziell nur mager aus, monierten einige.
Interessierte können das
Bilddungsmaterial und Lernkoffer unter folgenden Internet-Adressen bestellen: www.
hamburgmalfair.de, www.bramfelderlaterne.de
TrägerInnenorganisationen der Kampagne
aej Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen
Jugend in Deutschland e. V.
Tel.: 05 11 -1 21 50, Fax: 05 11-1 21 52 99
info@evangelische-jugend.de
BDKJ Bundesvorstand
02 11- 4 69 31 76, Fax 02 11- 4 69 31 20
info@bdkj.de
Christliche Initiative Romero
Tel.: 02 51- 8 95 03, Fax: 02 51- 8 25 41
cir@ci-romero.de
DGB Bildungswerk e.V / Nord-Süd-Netz
Tel.: 02 11- 4 30 12 58, Fax 02 11- 4 30 15 00
werner.oesterheld@dgb-bildungswerk.de
EIRENE-Lateinamerikareferat
Tel.: 0 26 31 - 83 79-16, Fax: 0 26 31 - 83 79-90
richard@eirene.org
Evangelische Frauenarbeit in Deutschland
Tel.: 0 69 - 9 58 01 20, Fax: 0 69 - 95 80 12 26
info@evangelische-frauenarbeit.de
Evangelische StudentInnengemeinde
Deutschlands
Tel.: 0 30- 44 67 38 0, Fax: 0 30- 44 67 38 20
esg@bundes-esg.de
IG-Metall
Tel.: 0 69 - 66 93 25 89, Fax: 0 69 - 66 93 20 07
christiane.wilke@igmetall.de
8
INKOTA-netzwerk e.V.
Tel.: 0 30 - 4 28 91 11, Fax: 0 69 - 4 28 91 12
hinzmann@inkota.de
Katholische Arbeitnehmer-Bewegung c/o
KAB-DV Trier
Tel.: 02 21- 7 72 21 43, Fax: 02 21- 7 72 21 35
weber@weltnotwerk.de
Katholischer Deutscher Frauenbund
Tel.: 02 21- 86 09 20, Fax: 02 21- 8 60 92 79
bundesverband@frauenbund.de
Katholische Landjugendbewegung
Deutschlands
Tel.: 0 22 24 - 9 46 50, Fax: 02 24 - 94 65 44
bundesstelle@kljb.org
NETZ - Partnerschaft für Entwicklung und
Gerechtigkeit
Tel.: 0 64 41-2 65 85, Fax: 0 64 41-2 62 57
saam@bangladesch.org
ber” produzieren, nach Deutschland transportieren und dann
noch gewinnbringend für 1,99
Euro verkaufen kann. „Bei dem
scharfen Wettbewerb beißen die
letzten die Hunde – die NäherInnen“, spitzte ein Zuschauer
zu. Auch Christoph Schäfer vom
„Gesamtverband Textil + Mode“
als Vertreter kleiner und mittelständischer Unternehmen stand
in der Kritik: „Moderne Sklaverei – anders kann man’s nicht
nennen!” empörte sich eine Zuhörerin über seine salopp vorgetragenen Positionen.
Kampagne für ’Saubere’ Kleidung,
Koordinationsbüro, c/o VEM
Rudolfstr. 135,
42285 Wuppertal
Tel.: 02 02 - 8 90 04-3 16,
Fax: 02 02 - 8 90 04-79
E-mail: ccc-d@vemission.org
Homepage: www.sauberekleidung.de
Südwind-Institut für Ökonomie und Ökumene
Tel.: 0 22 41- 5 36 17, Fax: 0 22 41- 5 13 08
wick@suedwind-institut.de
TERRE DES FEMMES
Tel.: 0 70 71- 7 97 30, Fax: 0 70 71- 79 73 22
tdf@frauenrechte.de
TIE Internationales Bildungswerk e.V.
Tel.: 069 - 97 76 06 66, Fax: 069 - 97 76 06 69
info@tie-germany.org
Nordelbisches Frauenwerk
Tel.: 0 40 - 6 06 30 70
ccchamburgibu@web.de
ver.di Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft
Tel.: 0 30 - 69 56 10 36
Uwe.Woetzel@verdi.de
Ökumenisches Netz Rhein-Mosel-Saar
Tel.: 0 26 31 - 35 41 40
info@oekumenisches-netz.de
Vereinte Evangelische Mission Wuppertal
Tel.: 02 02 - 8 90 04-375, Fax: 02 02 - 8 90 04-397
girsang-i@vemission.org
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