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Der Golf – Wie das legendäre deutsche Auto geboren wurde. Ein

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Heiko Haupt
Der Golf
Wie das legendäre deutsche Auto
geboren wurde. Ein fast wahrer Krimi
© des Titels »Der Golf« von Heiko Haupt (978-3-95761-002-7)
2014 by LAGO Verlag, Münchner Verlagsgruppe GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de
Vorwort
Dieses Buch ist ein Roman, der auf tatsächlichen Ereignissen beruht. Aber es ist ein Roman. Das bedeutet, dass ein
Großteil der beschriebenen Ereignisse so oder ähnlich tatsächlich stattgefunden hat. Allerdings nicht immer zum exakt gleichen Zeitpunkt oder in genau dieser Form.
Die Geschichte über die Suche nach einem geeigneten VW
Käfer-Nachfolger, die schließlich im VW Golf mündete, hat
sich über nicht weniger als sechs Jahre hingezogen. Nachzulesen ist sie unter anderem in den Protokollen der wöchentlichen Vorstandssitzungen, die im Volkswagen-Archiv
zu finden sind, in unzähligen Aufzeichnungen der Produktplanungskommission und in weiteren Dokumenten. Diese Geschichte genau so aufzuschreiben, wie sie tatsächlich
abgelaufen ist, hätte bedeutet, den teils Monate und nicht
selten Jahre dauernden Prozess schlichtweg zu dokumentieren; beispielsweise den, den die Form einer Rückleuchte vom
ersten Entwurf bis zum endgültigen Modell durchlaufen hat.
Oder darüber zu berichten, wie schier endlos über Pfennigbeträge sowie zwanzig verschiedene Vergaserentwürfe für ein
bestimmtes Modell diskutiert worden war.
Aus diesem Grund wurden bestimmte Vorgänge und
Entscheidungen zusammengefasst. Das Wesentliche blieb
erhalten, einige Fakten mussten entfallen. Zwar würden
sich vielleicht einige wirkliche Golf-Enthusiasten an der
Beschreibung des detaillierten Entscheidungsweges erfreuen, der am Ende dazu geführt hat, dass die Sitze des Golfs
keine in die Lehnen integrierten Kopfstützen bekamen –
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Der Golf
doch Details wie diese würden den Rahmen dieses Buches
sprengen.
Apropos Namen: Auch hier musste sich die Realität in einigen Fällen dem Roman beugen. Die tatsächlichen Volkswagen-Lenker jener Ära haben sicher ähnliche Entscheidungen
wie die Figuren in diesem Buch getroffen. Nur lässt sich heute natürlich nicht mehr feststellen, ob sie auch so gedacht und
ob sie ihre Worte exakt so formuliert haben, wie es auf diesen
Seiten wiedergegeben ist. Daher tragen sie auf den folgenden
Seiten nicht immer ihre wahren Namen.
Zweifelsfrei real existierende Personen sind dagegen die
Mitarbeiter des Unternehmensarchivs, die das Studieren der
historischen Vorstandsprotokolle und weiterer Dokumente
des Volkswagen-Werks ermöglichten. Sie stellten wahre Berge
von Papierordnern zur Verfügung und gewährten Einblick in
die Unmengen mittlerweile elektronisch archivierten Zeugnisse jener Zeit. Vor allem aber warnten sie von Anfang an vor
dem eigentlichen Problem, das ein Buch über die Entstehungsgeschichte des VW Golf darstellt: Dass nämlich der schiere
Umfang der Informationen regelrecht erschlagend wirkt.
Vor allem aus diesem Grund ist dieses Buch ein Roman geworden. Ein Roman, in dem Abteilungen wie Technische Entwicklung sowie Forschung & Entwicklung einfach zur TE zusammengefasst wurden, in dem man sich ohne viel Mühe auf
ein geheimes Testgelände begibt, munter Arbeitsplätze und
Verantwortlichkeiten wechselt oder sich problemlos frisch
eingetroffene Designerskizzen eines Autos anschauen kann,
das aus einem Wust von Entwicklungsaufträgen zum Projekt
Blizzard und schließlich zum Welterfolg Golf avancierte.
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Prolog: Juni 1974
Der Uhr lief. Henry Wolf starrte auf eine gelbe Eins, die im
Bild erschien. Er wusste, was nun kam, nur wusste er nicht,
wie es ausgehen würde. Zwei, drei – bei der Zehn hielt Wolf
die Luft an. Die Elf registrierte er, ohne zu atmen. Jetzt wollte
er nur noch die nächste Zahl sehen, mehr durften es nicht
werden. Das Röhren des Motors kam näher, wurde lauter.
Dann blieb der Zähler bei 12,1 Sekunden stehen. Geschafft,
dachte er, während die angehaltene Luft zwischen seinen Lippen entwich und die Lunge ihre Arbeit wieder aufnahm.
Erleichtert lehnte sich Henry Wolf zurück in die Polster
seiner Wohnzimmercouch und sah weiter auf den Fernsehschirm, wo der Autotester den Wagen nun über Rüttelpisten und durch Wasserlöcher hetzte. Alles funktionierte reibungslos, keine Aussetzer, keine Probleme. Genau das hatte
er erwartet und musste fast über seine eigene Anspannung
lachen. Er wusste, dass alles funktionieren würde, schließlich
hatten sie jedes Teil unzählige Male geprüft. Aber gerade der
Beschleunigungstest war so wichtig. Nicht, weil es im Alltag
irgendeine Bedeutung hatte, ob ein Auto in 12,1 oder 13,5
Sekunden aus dem Stand auf Tempo hundert beschleunigte,
sondern weil die Stammtische genau diesen Wert besonders
intensiv diskutieren würden.
Außerdem wusste Wolf, dass an diesem Mittwoch die ganze
Nation die Sendung verfolgte. Schließlich war diese in gleich
mehrfacher Hinsicht ein Ereignis. Zum einen, weil wieder der
beliebte Rainer Günzler ans Lenkrad griff. Der hatte sich eigentlich schon aus dem Moderatorenleben zurückgezogen,
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Der Golf
gab an diesem Tag aber sein Comeback, weil sein Nachfolger völlig betrunken in eine Polizeikontrolle geraten war und
nun ohne Führerschein dastand.
Und natürlich war dieser Autotest an sich eine Sensation.
Zum ersten Mal wurde der neue VW Golf unter die Lupe genommen. Jenes Modell, das die schwächelnde Legende Käfer
beerben und nebenbei auch noch den Weltkonzern Volkswagen retten sollte.
Es könnte funktionieren, dachte er. Zum ersten Mal seit
langer Zeit fühlte sich Henry Wolf befreit. Ein Test mit positivem Fazit vor Millionen von Fernsehzuschauern, dazu die
begeisterten Rückmeldungen der Händler in den vergangenen Tagen. Vielleicht würde dieses kleine, kantige Auto wirklich das Unmögliche schaffen und das von Verlusten geplagte
Unternehmen vor dem Ruin bewahren. Dann hätte sich die
Mühe wirklich gelohnt. All die Jahre, in denen sie bis zur
Erschöpfung schufteten, immer wieder neue Ideen ausbrüteten, sie vorantrieben – und schließlich verwarfen, um noch
einmal ganz von vorne anzufangen.
Bis eines Tages dieses eine Konzept entstand, an das sie fest
glaubten. Und dann doch wieder nicht glauben mochten,
weil bisher so viel schiefgegangen war. Sechs Jahre gab es
dieses ewige Auf und Ab der Stimmungen. Seit dem Tag, an
dem er von seiner neuen Aufgabe erfahren hatte – der Arbeit
am Projekt Blizzard.
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Kapitel 1: Endzeit
17. April 1968: Der Tod eines Königs
Da, wo die Zukunft geplant werden sollte, lag ein Toter.
Der ausgemergelte Körper des Verstorbenen ruhte auf einem
weißen Mantel des Ordens der Ritter vom Heiligen Grabe. In
Form einer Pyramide angeordnete Kerzen tauchten die Szenerie in ein warmes Licht. Als wäre das nicht genug der Inszenierung, unterstrich ein gutes Dutzend auf Kissen drapierter
Orden die Bedeutung, die König Heinrich zu Lebzeiten hatte.
Symbolträchtiger ging es wohl nicht, dachte Henry Wolf,
als er sein Fahrrad abschloss. Warum mussten sie ihn ausgerechnet in der „Walhalla“ aufbahren? Bis jetzt hatte er den
Ort der Trauerfeier zwar noch nicht gesehen, aber genug von
den Planungen gehört, um sich zu wundern. Kaum ein anderer Ort stand so sehr für den Fortschritt wie diese Walhalla
genannte Halle. Hier wurde einigen wenigen Auserwählten
präsentiert, was Designer und Ingenieure über Monate und
Jahre hinweg entwickelt und ausgetüftelt hatten, wurden
neue Konstruktionen und künftige Modelle erstmals vorgeführt. Nun hatten sie alles Neue beiseitegeräumt und hinter einem schwarzen Vorhang versteckt. Die Halle des Fortschritts war zu einem Symbol der Vergänglichkeit geworden.
Als wolle man aller Welt sagen, dass mit dem Tod des Königs
die Zukunft kein Thema mehr war.
Ein Lachen riss Wolf aus seinen Gedanken. Während er
die Tasche mit seiner Thermoskanne und der Brotdose vom
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Der Golf
Gepäckträger nahm, blickte er einer Gruppe junger Arbeiter
nach, die sich gut gelaunt über ihre letzten Eroberungen unterhielten. Ein weiterer Mann ging fröhlich pfeifend an ihm
vorbei.
Es schien, als wäre er der Einzige hier, der düstere Gedanken über die Zukunft wälzte. Um ihn herum war kein Unterschied zu einem gewöhnlichen Arbeitstag festzustellen. Wie
an jedem Morgen strömten Tausende zu Schichtbeginn über
das Areal neben dem Bahnhof, sie kamen mit Bussen oder
Zügen aus den Vororten und mit Fahrrädern aus den neu gebauten Vierteln der Stadt. Für die meisten von ihnen stellten
die Arbeitsstunden nicht mehr als eine notwendige Unterbrechung ihrer Freizeit dar. Nichts, über das man sich Gedanken
machte, nicht einmal dann, wenn man sich von einer Legende
zu verabschieden hatte.
Henry Wolf reihte sich in den Strom der Menschen ein, die
mit eiligen Schritten die Betonstufen hinabstiegen, ging mit
ihnen gemeinsam an den gefliesten Wänden des Fußgängertunnels entlang, über dem ruhig das Wasser des Mittellandkanals floss.
Am Ende des Tunnels führten die Stufen hinauf zu den
Pförtnerhäuschen und weiter ging es auf einem von gepflegten Rasenflächen und winzigen Hecken gesäumten Fußweg
bis zu den Werkshallen. Obwohl er nun schon zwei Jahre
hier arbeitete, erstaunte ihn der Anblick des Werkes an jedem Tag wieder. Die nicht enden wollende Front aus rotem
Ziegelstein, die vier hoch aufragenden Schlote des Heizkraftwerks – nicht einschüchternd, aber mehr als eindrucksvoll.
Erst jetzt fiel Henry auf, dass es doch einen Unterschied
zu normalen Arbeitstagen gab: Fast jeder Mann trug seinen
Sonntagsanzug, die Frauen ihre besten Kleider. Rund zehntausend Menschen drängten in das Werk, und es war un© des Titels »Der Golf« von Heiko Haupt (978-3-95761-002-7)
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17. April 1968: Der Tod eines Königs
wahrscheinlich, dass sich später auch nur irgendwer an die
Kleidung eines Einzelnen erinnern würde. Aber von König
Heinrich wollte sich niemand in zerschlissener Freizeitkleidung verabschieden.
Drinnen angelangt stutzte Henry, als jemand laut seinen
Namen rief und mit wedelnden Armen auf sich aufmerksam machte. Rosi Hansen konnte einfach nicht anders. Seine
Arbeitskollegin war immer in Bewegung und konnte kaum
länger als ein paar Sekunden den Mund halten. Das war
manchmal schwer zu ertragen, aber sie war mit einem Wesen
gesegnet, das es schwer machte, sie nicht zu mögen. – Was
manchen übersehen ließ, dass sie außerdem zu den klügsten
Köpfen im gesamten Konzern zählte und als derzeit einziger
weiblicher Ingenieur im Werk mehr als die meisten anderen
von der Automobilproduktion verstand.
Während sich die Prozession der Mitarbeiter langsam der
Walhalla näherte, kam Rosi auf Henry zugestürzt, griff ihn
am Ärmel des Jacketts und zog ihn mit sich. Als wäre es das
Selbstverständlichste der Welt, führte sie Henry zu einem
Platz weiter vorne in der Menschenschlange.
Rosi Hansen schien an diesem Tag noch aufgeregter als
sonst zu sein. „Die Nase hat einen Namen“, flüsterte sie Henry ins Ohr. „Jedenfalls so was Ähnliches wie einen Namen:
411.“ Er schaute sie verdutzt an. Seit Monaten wurde über
das derzeit größte Geheimnis des Werks getuschelt. Und obwohl das neue Auto in kaum acht Wochen vorgestellt werden
sollte, wussten bisher nur wenige Eingeweihte, wie es aussah,
und noch weniger, wie es denn heißen sollte.
Henry und Rosi gehörten zu den Auserwählten, die „den
Neuen“ schon gesehen hatten. Beide zählten zu dem Team,
das die nötigen neuen Produktionsanlagen im Werk installierte. Und beide waren sich einig, dass es kaum die Mühe
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Der Golf
lohnte. Der Wagen, den sie einfach nur „die Nase“ nannten,
würde eine Totgeburt werden. Henry zuckte bei dem Gedanken zusammen – der Begriff „Totgeburt“ fühlte sich an diesem Tag am Eingang zur Halle mit dem aufgebahrten Heinrich Nordhoff unpassend an.
Das änderte jedoch nichts an der Realität. Der Neue – der
Hoffnungsträger und so lange erwartete Volkswagen – würde
sang- und klanglos untergehen. Allein schon wegen der Form:
Das Auto schien vor allem aus Nase zu bestehen, aus einer
überlangen Motorhaube. Unter der sich allerdings kein Motor verbarg. Der saß, wie schon beim allerersten Käfer, im
Heck, wurde mit Luft statt mit Wasser wie bei der immer erfolgreicheren Konkurrenz gekühlt. Hässliches Auto, veralteter
Antrieb, das perfekte Rezept für einen Misserfolg. Rosi, Henry und viele andere waren sich seit Langem einig, dass etwas
wirklich Neues her musste, wenn hier auch in zehn Jahren
noch Menschen arbeiten sollten. Ewig würde man nicht mehr
vom Erfolg der mittlerweile bereits dreißig Jahre alten Konstruktion des Käfers zehren können. Aber dieses neue NasenAuto dürfte nicht den erhofften neuen Schwung bringen.
„Wieso wollen sie das Auto 411 nennen? Was soll das
bedeuten?“, fragte Henry. Rosi zuckte mit den Schultern.
„Weiß kein Mensch. Vermutlich ist den hohen Herren mal
wieder nichts eingefallen und sie haben einfach gewürfelt.“
Immerhin macht die 4 so etwas wie Sinn, dachte Henry. Der
Neue war der Typ 4 – und damit erst das vierte Modell, das
dieser Weltkonzern seit der Erfindung des Käfer genannten
Typs 1 auf die Straßen brachte.
Als Henry Wolf aufschaute, war er überrascht, als er direkt
vor der Bahre stand. In das Gespräch mit Rosi vertieft, hatte
die Prozession der Mitarbeiter die beiden mit sich gezogen,
ohne dass er sich erinnern konnte, überhaupt einen Schritt
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17. April 1968: Der Tod eines Königs
getan zu haben. Da lag er also. Er, der einstige König Heinrich, den sie so lange schon als lebenden Toten bezeichnet
hatten, war nun tatsächlich gestorben. Heinrich Nordhoff,
der Mann, der aus den Nachkriegstrümmern in Wolfsburg
den Volkswagen-Konzern aufgebaut und zum größten Unternehmen in der Bundesrepublik geformt hatte. Der aber
im Alter zunehmend starrsinnig an Traditionen festhielt und
sich dem Fortschritt weitgehend widersetzte, der die immer
lauter werdenden Rufe nach einem nötigen Umdenken überhörte, weil er lieber am Käfer und dessen Verwandten festhielt. Nordhoff hatte Großes geschaffen, doch er verpasste
jenen Punkt, an dem er die Arbeit Jüngeren und vor allem
Gesünderen hätte überlassen sollen. Schon vor mehr als zehn
Jahren begann seine lange Krankheitsgeschichte, im vergangenen Jahr erlitt er eine weitere schwere und folgenreiche
Herzattacke. Zwar kehrte er noch einmal in sein Büro zurück, konnte aber kaum mehr sprechen und noch weniger
hören. Nun hatte der Tod dem 69-Jährigen die Entscheidung
zum Rücktritt abgenommen. Henry Wolf verneigte sich vor
einem großen Mann, dem am Ende die Größe für notwendige Entscheidungen gefehlt hatte.
Schweigend gingen Rosi und Henry zum Ausgang der Walhalla, als ein Mann auf sie zukam. „Herr Wolf? Henry Wolf?
Könnte ich Sie bitte einen Moment sprechen?“
„Sicher – obwohl ...“
Rosi gab ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass
es in Ordnung sei, er wisse ja, wo er sie finde.
„Herr Wolf, folgen Sie mir bitte.“
„Folgen? Wohin denn?“
„Zum Hochhaus. Der Wagen wartet draußen.“
Damit hatte er nicht gerechnet. Das Hochhaus war weitgehend unbekanntes Land für Henry Wolf. Sein Reich waren
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Der Golf
die Hallen, die Produktionsanlagen. Der rechteckige Backsteinklotz am Rand des Werksgeländes galt als Heimat der
Büromenschen – und des Vorstands, dessen Büros in den oberen Etagen untergebracht waren.
„Entschuldigung, das passt jetzt eigentlich gar nicht. Ich
habe hier noch einiges zu erledigen.“
„Das kann sicher noch eine Weile warten. Herr Witt bittet
um Ihr Erscheinen.“
Noch eine Überraschung. Ein Besuch im Hochhaus war an
sich schon ungewöhnlich. Aber dass Witt nach ihm suchen
ließ, war nun die unwahrscheinlichste aller unwahrscheinlichen Erklärungen.
Rolf Witt, der neue große Mann. Er war dem verstorbenen
Heinrich Nordhoff schon vor einem Jahr an die Seite gestellt
worden und nun zu dessen Nachfolger aufgestiegen.
Zu erstaunt, um weitere Fragen zu stellen, folgte Henry Wolf dem Mann, der zielstrebig auf einen grauen VW
Käfer vor dem Hallentor zusteuerte. Kaum traten sie ins
Freie, bildeten sich erste Schweißperlen auf Henrys Stirn.
Es war schon seltsam, der Winter war vorbei, als Nordhoff am 12. April, dem Karfreitag, seinen letzten Atemzug
tat. Da fröstelte man noch bei knapp zehn Grad. Dann,
als hätte jemand einen Schalter umgelegt, verschwand die
Kälte. Kaum fünf Tage waren seit dem Auftakt der Ostertage vergangen, und nun schwitzte man bei ungewohnten
zweiundzwanzig Grad.
Wie zur Bestätigung gab das in der Sonne backende Blech
des Käfers ein Knacken von sich. Als der fremde Mann die
Tür aufhielt und ihn bat, Platz zu nehmen, wurde Henry ein
weiteres Mal bewusst, wie altmodisch und überkommen die
Autos waren, die hier täglich in schier unendlichen Kolonnen
vom Band liefen.
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17. April 1968: Der Tod eines Königs
Am Steuer des Wagens saß ein Chauffeur des Fahrdienstes.
So etwas konnte man sich leisten. Was man sich nicht leistete, das waren vier Türen. Noch nie war ein Volkswagen mit
mehr als zwei Türen gebaut worden. Und so mussten zahllose
Besucher die unrühmliche Prozedur erdulden, die nun auch
Henry bevorstand. Als Passagier sollte er auf der Rückbank
Platz nehmen, musste sich dafür durch den schmalen Spalt
neben dem nach vorn geklappten Beifahrersitz zwängen, was
niemand in einer würdevollen Haltung schaffte. Sein Begleiter ließ sich auf den Vordersitz fallen. Kaum war die Tür geschlossen, ertönte hinter der Rücksitzbank das heisere Bellen
des millionenfach produzierten Boxermotors, dann begann
die kurze Reise zum kaum hundert Meter entfernten Portal
des Verwaltungshochhauses.
Über das Gebäude wusste Henry Wolf nur das, was jeder
wusste. Fünfzig Meter hoch, Platz für siebenhundert Mitarbeiter, auf dem Dach das über die Stadtgrenzen hinaus sichtbare VW-Logo mit stolzen acht Metern Durchmesser. Drinnen
nahm die Bedeutung der Menschen mit der Zahl der Stockwerke zu, ganz oben saß der Vorstand im dreizehnten Stock.
Genau daran dachte Henry, als sein Begleiter ihn in den Aufzug bat und auf den runden Knopf mit der Zahl 13 drückte.
Plötzlich spürte er Angst. Was bisher geschah, war ungewöhnlich. Und dass man ihn in die Vorstandsetage brachte,
konnte er sich nicht ansatzweise erklären. Er hätte nicht einmal im Traum daran gedacht, dass jemand da oben überhaupt seinen Namen kannte. Henry Wolf war sich seiner
Stellung als eines von vielen namenlosen Rädchen in einem
riesigen Getriebe bewusst, er war niemand, der sich selbst als
etwas Besonderes sah.
War etwas passiert, hatte er Mist gebaut? Einen so großen
Fehler begangen, dass er sich jetzt vor dem Vorstand verant© des Titels »Der Golf« von Heiko Haupt (978-3-95761-002-7)
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Der Golf
worten musste? Ihm fiel nichts ein. Hatte vielleicht jemand
sein Gespräch mit Rosi belauscht, wollten sie ihm an den Kragen, weil die beiden über das neue Volkswagen-Modell lästerten? Wohl kaum, dann hätten sie Rosi auch mitgenommen.
Henry spielte immer neue Szenarien durch und schwitzte
mittlerweile nicht mehr nur wegen der Hitze, als der Aufzug
ruckend zum Stehen kam und die Tür zur Seite glitt.
„Hier entlang.“
Einmal mehr folgte Henry Wolf wortlos seinem Begleiter,
bis der vor einer schlichten Holztür am Ende eines unendlich
erscheinenden Ganges stehen blieb und sie vor ihm öffnete.
Der Anblick, der sich ihm bot, beruhigte Henrys Nerven
ein wenig. Er war nicht alleine hier. Der Raum glich mit seiner Bestuhlung entlang der Wände und dem schlichten Garderobenständer dem Wartezimmer einer Arztpraxis. Zwölf
Menschen saßen dort und schienen ähnlich ratlos zu sein wie
Henry. Einige Gesichter kannte er. Die zwei Männer in der
Ecke kamen aus der Motorenentwicklung, ein Fahrwerksingenieur war ebenfalls dabei.
In der Kantine hätte man sich begrüßt, hätte sich an einen Tisch gesetzt und über die Studentenproteste in Berlin,
die Schüsse auf Rudi Dutschke vor sechs Tagen oder über
Fahrzeugtechnik gesprochen. Hier kam man nicht über ein
zurückhaltendes Begrüßungsnicken hinaus, schwieg sich an.
Ratlos darüber, was man hier oben zwischen all den Vorstandsbüros sollte.
Einer nach dem anderen wurde in das Nebenzimmer gebeten und kam nicht wieder zurück. Nachdem er eine gute
Stunde ein zerfleddertes Exemplar der Bild-Zeitung vor- und
rückwärts gelesen hatte, war Henry an der Reihe und brachte
nur mit Mühe eine angemessene Begrüßung über die Lippen,
als er realisierte, wen er vor sich hatte.
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