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STERBEN UND TRAUER – WENN KINDER UND JUGENDLICHE ZU BETROFFENEN
WERDEN
Wie gehen wir in unserer westlichen, konsumorientierten Zivilisation mit Tod um?
Den natürlichen Zugang haben wir verloren. Tod macht uns Angst, am liebsten würden wir
ihn negieren.
Kinder gehen mit dem Tod, mit der Trauer anders um als Erwachsene. Erwachsene trauern
linear, Kinder punktuell.
Ein Augenmerk muss man natürlich auch auf das jeweilige Alter und die Entwicklung der
Trauernden legen. Ebenso ist wichtig zu beachten, wer verstorben ist und ob der/diejenige
plötzlich oder nach einer langwierigen Krankheit (und damit nach einer vorangehenden
Vorbereitungszeit) gestorben ist.
Hinterbliebene fürchten sich oft Kindern die Todesbotschaft zu überbringen. Am liebsten
würden sie „Schonung“ walten lassen...
Schonung ist nichts anderes als sich selbst zu schonen. Man fürchtet die Reaktion des
Gegenübers. Schonung ist eine Entwertung, ein nicht ernst-nehmen des Anderen.
Kinder und Jugendliche sind hoch sensible Geschöpfe, die an der Stimmung, Stimmlage,
Gestik, Mimik, veränderten Haltung,... bemerken, dass sie „geschont“, angelogen, werden.
Sie können mit Wahrheit, Klarheit viel besser umgehen. Wir glauben nur, es ihnen nicht
zumuten zu können....
UMGANG DER KINDER UND JUGENDLICHEN MIT TRAUER
Kinder trauern, im Gegensatz zu Erwachsenen punktuell.
-
Kinder und Jugendliche leben in der Gegenwart. Sie verharren nicht in dem
Trauergefühl, wenn gerade Spaß oder Ausgelassenheit im Vordergrund stehen.
Sie können „switschen“, hinein- und hinausschlüpfen aus dem Trauerprozess.
-
Ebenso werden unterschiedliche Gefühle gleichzeitig oder im raschen Wechsel
erlebt. Der Trauerrhythmus ist wilder, sprunghafter, rascher.
-
Die Trauer kann sich in Aggressionen, heftigen Wut- und Zornausbrüchen äußern.
Diese können sich gegen sich selbst, andere Menschen und gegen Tiere oder
Gegenstände richten.
-
Manchmal ist die Trauerreaktion für Erwachsenen nicht sichtbar, da das Kind
anfangs so ist wie „immer“, was nicht heißt, es ist nicht traurig. Aggressionen, die
oft auftauchen können, oft ein halbes Jahr später, werden nicht in Zusammenhang
mit dem Todesfall gebracht. Somit ist ein Kind oft unverstanden und allein.
-
Sowohl in Träumen als auch in den Vorstellungen und Tagträumen können sich
Sehnsüchte nach dem Verstorbenen zeigen.
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-
Schlussendlich können Jugendliche und Kinder Verhaltensweisen oder
Eigenschaften, also bestimmte Gesten des Verstorbenen oder die Art zu sprechen,
annehmen. Hier drückt sich die Sehnsucht nach dem Verstorbenen, etwas von ihm
festzuhalten, aus. (Lackner, 2004)
„Kinder gleichen biologischen Alters können höchst unterschiedliche Entwicklungsstufen
hinsichtlich ihrer emotionalen, psychischen und kognitiven Entwicklung aufweisen.“
(Schuster, Springer – Kremser, 1998).
.) Säugling bis 1Jahr
Der Tod einer primären Bezugsperson wird als Abwesenheit wahrgenommen. Bei einer
plötzlichen Veränderung, bzw. bei Verlust, setzt Unbehagen ein, da Säuglinge Änderungen
spüren. Wenn wer stirbt, verändern sich Gewohnheiten im alltäglichen Ablauf, die dem
Säugling ebenfalls betreffen. Die Folgereaktionen können sich in vermehrten, grundlosen
Schreien, anderen Schlaf- und Essgewohnheiten und erhöhter Reizbarkeit äußern.
.) 1- 1 ! Jahren
Der Verlust einer Bezugsperson wird als schwerwiegend erlebt, auch wenn Kinder in dem
Alter mit dem Begriff Tod noch nichts anfangen können. Die Nicht- Wiederkehr einer
Person kann zur Verzweiflung und Frustration führen. Dies kann sich in Wutanfällen und
Desinteresse am Spielen äußern. Ebenso besteht die Möglichkeit, dass sich das Kind
regressiv verhält und auf frühere Verhaltensmuster zurückgreift. Der Verstorbene wird noch
lange gesucht.
.) Ab 2 Jahren
Kinder ab zirka 2 Jahren beginnen über Tod nachzufragen oder über ihn zu sprechen.
Dieser wird als vorübergehendes Geschehen betrachtet. Der Tod wird analog zu den
bisherigen Erfahrungen gesehen. Sie können die wirkliche Bedeutung dessen noch nicht
erfassen.
.) Zwischen 2 – 5 Jahren
Kinder in diesem Entwicklungsabschnitt verfügen noch nicht über einen Zeitbegriff und
können auch mit dem Begriff der Endgültigkeit nichts anfangen. Sie können sich nicht
vorstellen, dass sie früher nicht existiert haben und später ebenso nicht mehr existieren
werden. In dem Alter wird Tod als etwas Graduelles gesehen, man kann ein bisschen tot
sein. Ebenso glauben die Kinder nicht daran, selbst tot sein zu können.
.) 6 – 10 Jahren
Der Tod wird in dieser Zeit zunehmend als Tatsache gesehen und die Endgültigkeit des
Todes wird akzeptiert. Hier wird, wie auch in vielen anderen Entwicklungsstadien, Tod
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hauptsächlich mit dem Alter in Verbindung gebracht. Dass alte Menschen älter werden und
irgendwann sterben, sehen Kinder in dieser Entwicklungsphase als natürlichen Vorgang an.
Den Tod von jüngeren Menschen oder Kindern verstehen sie nicht.
.) Pubertät
Pubertierende erfassen nun die Endgültigkeit des Todes. Sie beschäftigen sich mit der
Sinnfrage und den religiösen Zusammenhängen. Die Bedeutung der Rituale und die
Todesursachen werden nun verstanden. Die Jugendlichen begreifen ebenso die
Auswirkungen dessen auf sich selbst und auf die Familie. Die eigene Sterblichkeit, der
eigene Tod wird nicht mehr negiert. Dies ist nun im Bewusstsein vorhanden und man denkt
darüber nach..
(Glanzmann, Bergsträßer, 2001)
Die Trauerarbeit bei Jugendlichen
Da die Jugendlichen sich zu dieser Zeit in der Ablösungsphase von ihren Eltern befinden,
muss man ein besonderes Augenmerk auf deren Trauerarbeit richten. Ein besonders
schwieriger Prozess ist für den Jugendlichen die Ablösung von einem verstorbenen
Elternteil. Der Jugendliche benötigt - und ist auch angewiesen darauf - die Hilfestellung der
Erwachsenen.
Es gibt vier Phasen der Trauerarbeit bei Jugendlichen
a) Selbständig trauern
b) Ablenkung suchen
c) Auslöser für Sinnkrisen
d) Psychosomatische Beschwerden
Ad. a) Jugendliche ziehen sich zurück und wollen meist alleine mit dem Verlusterlebnis
fertig werden. Sie besprechen das Erlebte lieber mit Gleichaltrigen als mit einem
Erwachsenen.
Ad. b) Meist flüchten sich Jugendliche in übertriebene Unterhaltung oder laute Musik.
Ad. c) Öfters ist der Verlust einer Bezugsperson für den Jugendlichen ein Auslöser für eine
starke Sinnkrise, die häufig mit Selbstmordgedanken einhergeht. Ebenso kann auch
extreme Abenteuerlust, Suche nach körperlichen und seelischen Grenzerfahrungen
Ausdruck jugendlicher Trauerverarbeitung sein.
Ad. d) Psychosomatische Beschwerden werden immer durch die Verleugnungen der
eigenen Emotionen hervorgerufen. (Wiener Krebshilfe, 2005)
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Der Tod einer nahe stehenden, geliebten Person verursacht die stärksten Stressreaktionen
im Leben. Verlusterlebnisse erschüttern uns in emotionaler, körperlicher, mentaler,
spiritueller uns sozialer Hinsicht.
WER STIRBT
1.) Aus der Sicht der Kinder
Wenn ein Elternteil stirbt, kann es verschiedene Auswirkungen auf das Kind, je nach Alter
und Geschlecht, haben. Es muss einem bewusst sein, dass der Verlust eines Menschen zu
einem Familienproblem werden kann. Wenn ein wichtiges Familienmitglied stirbt, verändert
sich die dynamische Struktur... “ und wenn die Trauerarbeit unter beängstigenden äußeren
Bedingungen geleistet werden soll, wird dies fast unmöglich.“ (Fuhrmann, 1977)
- Bei jüngeren Kindern kann ein Todesfall Existenzangst auslösen, da
die Abhängigkeit
zu den Eltern noch gewährleistet ist.
- Lebt das Kind bei einem allein erziehenden Elternteil, tritt noch die reale Frage der
zukünftigen Unterbringung zutage. - Gerade in der Pubertät ist es besonders schwierig, da
der Jugendliche die Ablösung vom Elternhaus probt. Wenn in dieser heiklen Zeit, wo Alles
und Nichts in Frage gestellt wird, ein Todesfall eintritt, kann es Auswirkung auf die
Trennung von zu Hause haben.
- Stirbt noch dazu der Elternteil, der gleichgeschlechtlich mit dem Kind war, also Vater/
Sohn oder Mutter/ Tochter, so fällt auch die Identifikationsfigur weg. Der spezielle
Reibebaum, das Kräftemessen, die Konkurrenz auf geschütztem Territorium fällt weg – es
entsteht ein Loch.
Aggressionen, die ja immer wieder für Abgrenzung und Trennungserlebnisse sorgen,
müssen in dieser Situation ausgeblendet werden. (Kast, 2000)
- Abgesehen von der Angst, die mit dem Tod zusammen hängt, können auch noch andere
Ängste entstehen.
Zum Beispiel: Eine Mutter stirbt an Brustkrebs. Nun kann es bei der Tochter Angst vor
dem Frau – werden auslösen. Frau sein könnte mit Tod gleichgesetzt werden.
- Da Angst und Verlust oft in Aggressivität verpackt wird, muss sich der verbliebene
Elternteil mit der Wut des Kindes auseinandersetzen. Diese wird auf ihn projiziert, da das
Kind/der Jugendliche es nicht mehr am verstorbenen Elternteil auslassen kann.
- Stirbt ein Geschwisterkind bleiben die lebenden Kinder meist mit Schuldgefühlen zurück.
Wünscht sich nicht jedes Kind einmal den Tod für seinen Bruder, seiner Schwester? Doch
was dann, wenn er tatsächlich eintritt. Gefühl des Bösen, Allmachtsphantasien, mit
niemanden darüber reden können – man bleibt mit seinem Kummer allein. Denn, wenn
man sich mitteilen könnte, würde aufgedeckt werden, dass man für den Tod zur
Verantwortung gezogen werden könnte. So bleiben viele in ihrer Koppelung von Schuld
und Trauer sich selbst überlassen.
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- Stirbt ein Großelternteil: wie schon vorweg genommen, geht der Verlust mit der Bindung
einher.
2.) Aus der Sicht der Erwachsenen
- Stirbt das eigene Kind, so erleben es viele Erwachsene als nicht richtig, als Strafe. Das
eigene Kind zu überleben gehört wahrscheinlich zu den schwierigsten Meisterungen im
Leben der Eltern. Laut G. Herzog gehört dieses Schicksal zu den schlimmsten Formen
psychischer Belastung, vergleichbar mit Foltererlebnissen. Diese Schicksalsschläge
berauben den Angehörigen die Hoffnung auf die eigene Zukunft und die eigene
Selbsterfüllung. (Herzog, 2004)
Eltern wünschen sich in der schweren Zeit Unterstützung durch den Partner. Leider ist es
oft so, dass jeder auf seine Art trauert, vielleicht auf einer Weise, die dem anderen fremd
ist. Dies kann leicht zu Spannungen und zu Gefühlen des Alleinseins führen. (TauschFlammer, Bickel, 1994)
BEGRÄBNISSE
„Friedhöfe sind Archive. Archive dessen, wer wir sind, zu wem wir gehören und wer wir
waren.“ (Brett, 2001)
Jeder Todesfall führt zu einer krisenhaften Vermischung von Diesseits und Jenseits.
Deswegen sind Trauerriten und Bräuche notwendig, um die neue Ordnung herzustellen.
(Haas, 2005)
Das Begräbnis ist für die Verarbeitung hilfreich, „weil es einen Endpunkt setzt, also wirklich
etwas abschließt, das heißt, der Trauerprozess geht zwar weiter, aber es ist ein äußeres
Zeichen eines Endes oder eines Beendens.“ (Bogyi, 2005)
Kinder und Jugendliche
.) Mitnehmen
.) Vorbereiten
.) Drittperson (Entlastung)
.) Alle Gefühle erlaubt
.) Sprache („derbe Sprüche“ der Jugendlichen)
.) „Leichenschmaus“ – Ablehnung der Jugendlichen
Mag. Susanne Mühlbacher-Thauss: geb.1959 in Wien
Psychagogin, Psychotherapeutin, Kinder- und Jugendlichenspychotherapeutin
Studium der Psychotherapiewissenschaften an der SFU
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Lehrbeauftragte an der FH, Campus Wien
Diverse Vorträge zum Thema „Tod“, „Kind und Tod“ und „Burnout“ Zusammenarbeit mit der
Bestattung Wien
Arbeitet seit 26 Jahren an Wiener Pflichtschulen als Psychagogin und
seit 18 Jahren in eigener Praxis mit Erwachsenen, Kindern,
Jugendlichen, Behinderten und alten Menschen.
Literaturnachweis
Bogyi G., (2005): Experteninterview, Tonbandkassette
Brett L., (2001): Zu sehen. Heyne Verlagsgruppe, München
Fuhrmann E., (1977): Ein Kind verwaist, Klett-Cotta, Stuttgard
Glanzmann G., Bergsträßer E., (2001): Begleiten von sterbenden Kindern und Jugendlichen, Ein
Ratgeber für Familien und Helfende, Anja Verlag, Schaffhausen
Haas E., (2005): Good bye Lenin, in: Der Abschied von den Toten. Trauerrituale im Kulturvergleich,
Assman J., Maciejewski F., Michaels A., Wallenstein Verlag, Göttingen
Herzog G., Spezielle Traumatologie, In: Friedmann A, Hofmann P, Lueger-Schuster B, Vyssoki D.,
Psychotrauma. Die Posttraumatische Belastungsstörung, Springer-Verlag, Wien
Kast V., (2002): Der schöpferische Sprung. Vom therapeutischen Umgang mit Krisen, dtv, München
Kast V., (2000): Lebenskrisen werden Lebenschancen, Herder Verlag, Freiburg
Kast V., (1999): Trauer. Phasen und Chancen des psychischen Prozesses, Kreuz, Stuttgart
Lackner R., (2004): Wie Pippa wieder lachen lernte. Fachliche Hilfe für traumatisierte Kinder,
Springer – Verlag
Schuster P., Springer – Kremser M. (1991): Bausteine der Psychoanalyse, WUV – Univ.-Verlag,
Wien
Schuster P., Springer – Kremser M. (1998): Anwendungen der Psychoanalyse, WUV – Univ.Verlag, Wien
Tausch – Flammer D., Bickel L., (1994): Wenn Kinder nach dem Sterben fragen, Herder, Freiburg
Wiener Krebshilfe – Krebsgesellschaft (2005): Mama / Papa hat Krebs, Europrint, Pinkafeld
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