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Ein Leben wie ein Theaterspiel

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Ein Leben wie ein Theaterspiel
90 Jahre alt und noch immer auf der Bühne - Empfang für Irina Wiedermann, die älteste Spielerin
des Theaters der Erfahrungen
Von Beginn an glich das Leben von Irina Wiedermann
einem spannenden Theaterspiel: Ihr Vater, russischer
Adel, Oberstleutnant a.D. und glühender Verehrer des
letzten Zaren, floh nach dessen Absetzung und Ermordung bereits 1918 aus der Nähe von Kiew nach Berlin.
Ihre Mutter, Spionin aus Weißrussland, „arbeitete“ seit
Beginn der 20er-Jahre in der Stadt. Geboren wurde Irina Wiedermann am letzten Tag im Mai 1921, in BerlinWilmersdorf – im selben Jahr erhielt Albert Einstein
den Physik-Nobelpreis, Hans-Joachim Kuhlenkampf;
Hildegard Hamm-Brücher und Josef Beuys erblickten
das Licht der Welt.
Georg Zinner, Geschäftsführer des Nachbarschaftsheimes Schöneberg e.V., gratuliert Irina
Wiedermann – mit großer Freude.
(Fotos: Thomas Protz)
Das Glück der kleinen Familie währte nicht lange.
Spätestens mit Adolf Hitlers erstem Putschversuch in
München 1923 rückte Deutschland politisch nach
rechts außen. Zuerst floh der Vater, schließlich auch
die Mutter nach Paris. Die kleine Irina, kaum vier Jahre alt, kam bei einer gläubigen Christin in Pflege. „In
der Nazizeit galt ich als staatenlos und wurde auch
verfolgt. Zu meiner Pflegemutter haben sie gesagt:
‚Hätten sie doch die olle Russengöre in einen Karton
gesteckt und nach Russland geschickt.’ “
Nach der Schule ließ sich Irina Wiedermann in Tanz
ausbilden, bei Tatjana Gsovsky, einer ehemaligen
russischen Ballerina und der berühmtesten Adresse
für Tanz in der Stadt. Erste Auftritte im Theater am
Kurfürstendamm, im Schillertheater und auf vielen
kleinen Bühnen waren vielversprechend.
Doch die Nationalsozialisten verfolgten mit der jungen
Frau eigene, perfide Pläne: Mit 20 sollte Irina Wiedermann zur „Unterhaltung der Offiziere“ als Bordelldame arbeiten. Ein Pfarrer bot ihr ein Versteck und
Theaterkollegen vermittelten sie an ein Fronttheater,
raus aus den Fängen der örtlichen
Nationalsozialisten. Drei Jahre
lang zog sie nun durch Frankreich,
Belgien, Holland und Russland,
tanzte vor den Soldaten.
Bis auf die Straße drängte der Geburtstagschor aus Spielerinnen
und Spielern des Theaters der Erfahrungen
Mit Ende des Krieges kam Irina
Wiedermann nach Berlin zurück,
gründete eine Familie, bekam
insgesamt sieben Kinder. Trotzdem, der Wunsch zu tanzen blieb
über die Jahre bestehen und immer wieder versuchte sie, auf einer der vielen Berliner Bühnen
der Nachkriegszeit Fuß zu fassen. Doch die stets größer werdende Familie ließ eine Karriere
als Tänzerin nicht zu.
Für ein lebensgroßes Bild, bedankte sich Irina Wiedermann mit
einer spontanen Tanzeinlage und beendete ihre Geburtstagsfeier
mit einem Gedicht für die Gäste.
Dann, in den letzten Tagen vor
dem Mauerbau, zog die Familie
nach Teltow: Im „VEB Elektronische Bauelemente ’Carl von Ossietzky’ “ wurde sie Kulturleiterin,
gründete den Kinderchor „Teltower Rübchen“ und eine Jugendtheatergruppe, wechselte in das
Haus der Pioniere nach Rostock,
dann wieder zurück in den neu
erbauten „Pionierpalast Ernst
Thälmann“, dem heutigen FEZ in
der Wuhlheide. Noch von Margot
Feist, der späteren Frau Honeckers, bekam sie den Auftrag,
auch hier eine Jugendtheater und
eine Puppenspielergruppe zu
gründen – mit dem zunehmendem Erfolg avancierte sie in Zeitungsberichten zur „Mutter der
jungen Talente“.
Schließlich, 1976, gerade 75 Jahre
jung, trat Irina Wiedermann dem
Theater der Erfahrungen bei, begann all das nachzuholen, was ihr
die Nationalsozialisten verwehrten,
der Krieg verhinderte, die Erziehung der Kinder nicht zuließ und
mit Anfang vierzig auch in der DDR
nicht mehr möglich war: Theaterspielen, Singen, Tanzen.
Als Spielerin des Theaters der Erfahrungen ist sie bis heute auf
Kleinkunstbühnen der Stadt zu
sehen und tourt mit ihrer Theatergruppe, dem „OstSchwung“, auch
schon mal durch die Bundesrepublik oder in das benachbarte Ausland.
Doch eine große Sehnsucht überdauerte alle Turbulenzen ihres Lebens. Mitten im Theaterstück „Vom
Ankommen und Zurücklassen“ erklärt Irina Wiedermann eindringlich: „Je älter ich werde, desto mehr suche ich nach meinen Wurzeln. Hier ist mein Zuhause
und dann doch wieder nicht. Manchmal weine ich,
dann lache ich und alles ohne Grund. Scheinbar! Das
ist die russische Seele in mir.“
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Seele and Geist
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