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02-17-11-Seit dem ist nichts mehr wie es war.rtf - SWR

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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Leben - Manuskriptdienst
Seit dem ist nichts mehr wie es war
Rufmord und Medienopfer
Autor:
Rainer Schwochow
Redaktion:
Nadja Odeh
Sendung:
Donnerstag,17.02.11 um 10.05 Uhr in SWR2
___________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben
(Montag bis Freitag 10.05 bis 10.30 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in
Baden-Baden für 12,50 € erhältlich.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-6030
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1
MANUSKRIPT
Frank G.:
Meine Frau war relativ ernst und sagte: Ja, Frank, wie lange soll denn das noch so
weitergehen jetzt? Ich hab dich dieses Jahr kaum gesehen. Ich versteh das zwar, du
bist befördert worden und alles, aber so kann’s in unserer Ehe nicht weitergehen.
Und sie hat mir dann unumwunden gesagt, dass sie also wünscht, dass diese
Situation jetzt aufhört. Und wenn sie nicht aufhört, dann sollte ich mir doch erstmal
für eine Trennung nen Zimmer suchen und mir erstmal selber klar werden, was ich
denn eigentlich möchte.
Sprecherin:
Mittwoch, 7. Dezember 2005, eine Großstadt in Norddeutschland.
Frank G.:
Ich bin dann aufgestanden vom Abendbrottisch, es war so ein nasskalter, nebliger
Abend, und bin dann ziellos durch die Stadt gegangen. Und da ist es dann zum
Vorfall gekommen, wo ich also - der Tee musste raus, sag ich mal so vereinfacht. Ich
hab mir da ne dunkle Ecke in der Nähe dieser Musikhochschule gesucht, und da kam
ganz aufgeregt ne Frau auf mich zu und sagte: Halt! Was machen Sie da?
Frank G.:
Ich hab dann von links noch Stimmen gehört genau in dem gleichen Moment, und
dann hab ich gar nicht groß nachgedacht, sondern, ich wollte einfach aus der
Situation weg. Und hab - wie man so schön sagt - die Beine in die Hand genommen.
Sprecher:
Wenige Minuten später bremsen zwei Funkstreifenwagen neben dem flüchtenden
Mann.
Frank G.:
Ein Polizist, der sprang aus seinem Auto raus, sprang mir von hinten mit den Knien in
den Rücken, und ich bin auf ne Bordsteinkante geschlagen und hab mir ne Schulterverletzung zugezogen. Dann hab ich benommen am Boden gelegen, hab nur gehört,
wie man gesagt hat: Sie sind festgenommen.
Sprecher:
Der Mann, wir nennen ihn Frank G., weiß, was jetzt auf ihn zukommt. Er selbst ist
Polizist. Vor wenigen Stunden erst hatten ihn Vorgesetzte für seine Arbeit gelobt.
Frank G.:
Da war ein Kollege dabei, den ich kannte, und da dachte ich für mich so nen Moment
lang: Na, jetzt wird sich ja alles aufklären. Die haben mich dann in einen Streifenwagen gesetzt, ja, und dann kam der Kollege ins Auto geklettert und sagte: Ja, ich
hab jetzt mit den Kollegen gesprochen, Frank, das sieht gar nicht gut aus für dich. Du
wirst also verdächtigt, als Exhibitionist da gegenüber der Frau aufgetreten zu sein.
2
Sprecher:
Diese Frau ist auch Polizistin: eine verdeckte Ermittlerin auf der Suche nach einem
Sexualstraftäter.
Frank G.:
Und im Übrigen stehst du auch im Verdacht, für ne ganze Serie von Straftaten hier
der Täter zu sein.
Des Weiteren wurde mir mitgeteilt, dass auch keine Spurensuche am Tatort erfolgt
sei, sondern dass man einfach nur auf die Aussage dieser Frau hin eben bestimmte
Maßnahmen eingeleitet habe und dass ich eben alles Weitere abzuwarten hätte.
Sprecher:
Frank G. wird „erkennungsdienstlich behandelt“. Man nimmt seine Fingerabdrücke,
fertigt Fotos von ihm an. Nach der Vernehmung darf er nach Hause gehen. Seine
Frau wartet seit Stunden auf ihn.
Sprecherin:
Samstag, 10. Dezember 2005, Bild-Zeitung.
Sprecher:
„Exhibitionismus: Polizist unter Verdacht - Er war Jugendbeauftragter der Polizei.“
Frank G.:
Und darunter war nen fast viertelseitiges Foto von mir. Nur ganz mäßig verpixelt. Und
jeder, der mich hätte kennen können, hätte überhaupt kein Problem gehabt, mich als
diese Person zu erkennen auch. Und das Foto war mir bekannt als ein Foto, wo ich
mal in meiner Funktion als Jugendbeauftragter Interviews gegeben habe. Es muss
offensichtlich aus polizeilichen Quellen der Presse zugespielt worden sein.
Sprecherin:
Aus dem Pressekodex: Persönlichkeitsrechte.
Sprecher:
Bei der Berichterstattung über Unglücksfälle, Straftaten, Ermittlungs- und
Gerichtsverfahren veröffentlicht die Presse in der Regel keine Informationen in Wort
und Bild, die eine Identifizierung von Opfern und Tätern ermöglichen würden.
Sprecherin
Montag, 12. Dezember 2005, Lokalzeitung der norddeutschen Großstadt.
Sprecher:
Jugendbeauftragter der Polizei als Exhibitionist enttarnt!
Sprecherin:
Aus dem Pressekodex: Unschuldsvermutung
Sprecher:
Die Berichterstattung dient der sorgfältigen Unterrichtung der Öffentlichkeit über
Straftaten und andere Rechtsverletzungen, deren Verfolgung und richterliche
Bewertung. Sie darf dabei nicht vorverurteilen.
3
Die Presse darf eine Person als Täter bezeichnen, wenn sie ein Geständnis abgelegt
hat und zudem Beweise gegen sie vorliegen.
Dominik Höch:
Es ist anerkannte Rechtsprechung, dass Straftaten und auch der Vorwurf von Straftaten zu dem Bereich gehören, die die Öffentlichkeit zu interessieren haben. Die
Frage bleibt eben, in welchem Umfang wird berichtet. Und es kommt darauf an, in
welchem Stadium des Verfahrens wir sind. Und das Dritte, Entscheidende ist, die
Prominenz in Anführungsstrichen der Person, die beschuldigt wird.
Sprecherin:
Dominik Höch, Rechtsanwalt, spezialisiert auf Medienrecht.
Dominik Höch:
In der Regel kann man allerdings sagen: Wenn ein Vorwurf noch sehr unklar ist, und
man in einem sehr frühen Stadium der Angelegenheit ist, also im Ermittlungsverfahren durch Polizei und Staatsanwaltschaft, sind die Medien dazu angehalten, sich
zurückzuhalten bei der Identifizierung von Personen. Eben weil es genauso gut sein
kann, dass am Ende des Verfahrens eine Einstellung steht des Verfahrens oder ein
Freispruch.
Petra T.:
Das ging los, dass ich an einem Morgen 2004 ne Dienstaufsichtsbeschwerde aufm
Tisch hatte.
Sprecher:
Dienstag, 16. März 2004, ein Dorf in Rheinland-Pfalz.
Sprecherin:
Mit diesem Schreiben möchten wir Beschwerde einlegen gegen das Verhalten der
Lehrerinnen Petra T. und Maria F. Wir werfen ihnen vor, an der Schule Werbung für
eine Organisation mit dem Namen „Zentrum des Lichtes“ zu betreiben und dort über
die Kinder - gezielt - neue potenzielle Mitglieder zu gewinnen.
Petra T.:
Ich war perplex, als ich das gelesen hab. Hab gedacht, das wär nen Witz, das wär
einfach ne überspannte Mutter und das würd sich legen.
Sprecherin:
Für den Nachmittag des gleichen Tages kündigt der Schuldirektor der beschuldigten
Petra T. Besuch an: Eine Mitarbeiterin der Schulaufsicht und ein Vertreter des
Religionspädagogischen Amtes der Evangelischen Kirche wollen sie sprechen.
Petra T.:
Das war nen Gespräch zunächst, wie ne ganz normale Dienstaufsichtsbeschwerde.
Da spricht man drüber, ja, und dann ist das mit ein, zwei Schreiben und
Stellungnahmen, ist das vom Tisch.
Sprecher:
Mittwoch, 17. März 2004, Wormser Zeitung.
4
Sprecherin:
„Am Montag ist das Schreiben eines besorgten Elternpaares bei uns eingegangen“,
bestätigte Vera Reiß-Jung, Pressesprecherin des Bildungsministeriums, gestern.
Nach Informationen dieser Zeitung sollen die Lehrkräfte Kurse für Meditation angeboten haben, die teilweise während des Unterrichts, teilweise als Mutter-KindKurse außerhalb der Schule stattfanden. Kinder sollen mit teilweise aggressiven
Methoden zur Teilnahme genötigt worden sein.
Petra T.:
Es war am, ich glaub, am Tag darauf war es ja schon in den Nachrichten. Wie war
das? New York, Berlin, Monsheim.
Sprecher:
29. März 2004.
Sprecherin:
In der Gemeinde findet ein „Informationsabend für alle wegen der Vorwürfe
beunruhigten Bürger“ statt.
Petra T.:
Dadurch, dass sie diese unglaublich große Presse hatten, war natürlich das ganze
Dorf in Aufregung. Der Bürgermeister hat sich eingeschaltet, der Pfarrer hat sich eingeschaltet, jeder hat was dazu gesagt oder hat gemeint, was dazu sagen zu müssen.
Und das ist einfach der Rahmen, der nicht mehr normal ist. Sie haben normalerweise
eine Beschwerde von einem Elternteil, aber dass auf einmal ein ganzes Dorf auf die
Beine kommt, das gibt’s einfach nicht.
Es gibt in jeder Schule fast über jeden Lehrer irgendwann mal ne Dienstaufsichtsbeschwerde. Und die wird dann einfach geprüft, und es gibt entweder Konsequenzen
oder nicht. Und das ist in diesem Fall ja auch passiert, es wurde ja geprüft. Nur in
nem ganz anderen Maß. Es waren ja Anhörungen in Monsheim in der Gemeinde, in
ner ganz breiten Art. Ist ja ganz klar. Und dieser Druck kommt meines Erachtens von
den Medien. Man ist gezwungen zu handeln.
SWR Fernsehen:
Grundschule Monsheim. Hier sollen die Lehrerinnen den Kindern über Jahre
esoterische Lehren vermittelt haben. Die Schulaufsicht untersucht zur Zeit den Fall.
Sprecher:
8. April 2004.
Sprecherin:
Nicht durch ihre Dienststelle, sondern durch den Anruf von Eltern erfährt Petra T.,
dass sie an eine andere Schule versetzt worden ist.
SWR Fernsehen:
Eine Hexenjagd finden diese Eltern der Mohnsheimer Grundschule. Sie halten die
beiden Lehrerinnen für unschuldig.
Sprecher:
12. April 2004.
5
Sprecherin:
15 Eltern der Schule in Mohnsheim wenden sich gegen die Versetzung der beiden
Lehrerinnen auf Grund unbewiesener Vorwürfe.
SWR Fernsehen:
Diese Unterschriftenaktion hat bei einer Klassenstärke von 31 Schülern ergeben,
dass die Eltern von 21 Schülern diese Petition unterschrieben haben und die wir
auch mehreren Stellen vorgelegt haben. Damit ist ne klare Mehrheit von zwei Dritteln
gegen die Versetzung unserer Lehrerinnen.
Sprecher:
14. April 2004, Bild-Zeitung.
Sprecherin:
Frau Ministerin, weg mit den Sektenlehrerinnen!
Petra T.:
Wenn Sie ne Überschrift haben in der Bild-Zeitung: „Frau Ministerin, weg mit den
Sektenlehrerinnen“, haben Sie nen ganz anderen Druck, als wenn intern ein
Schreiben vorliegt, was Sie einfach vom Schreibtisch kriegen können.
SWR Fernsehen:
Die CDU wirft der Regierung vor, dass sie die Erzieherinnen nur versetzt, aber nicht
aus dem Schuldienst entfernt habe.
Josef Keller:
Den beiden Lehrerinnen wird vorgeworfen, dass sie die Seele von Kindern
missbraucht haben.
Sprecher:
Josef Keller, CDU Rheinland Pfalz.
Josef Keller:
Wenn ein Pädagoge einen sexuellen Missbrauch macht, wird er bei dem ersten
Verdacht suspendiert. Warum sollte das beim Missbrauch der Seele nicht genauso
sein?
Petra T.:
Wir hatten jahrelang Meditationsunterricht in der Schule. Und das, was ich gemacht
habe als Konrektorin, ich hab den Stundenplan gemacht und hab letzten Endes
Kinder für den Meditationsunterricht, der auch im Qualitätsprogramm der Schule
stand, für den Unterricht eingeteilt. Das hatte mit Sekte nichts zu tun.
Sprecher:
29. April 2004, „Die Rheinpfalz“.
Sprecherin:
Eine der beiden Lehrerinnen …
Sprecher: … gemeint ist Petra T. …
6
Sprecherin:
… bekommt ihre Lehrerlaubnis für den evangelischen Religionsunterricht von der
Evangelischen Kirche nicht entzogen.
Petra T.:
Das war ja das Phänomen für mich, dass die Kirche sagt: Ihr Religionsunterricht ist in
Ordnung, die Vorwürfe sind nicht haltbar, und das Land nicht. Also normalerweise
ist’s eher umgekehrt, dass die Kirchen die Empfindlichen sind. Aber die hatten die
Beschwerde auf dem Tisch, haben mit mir geredet und haben gesagt: Okay, da ist
nichts dran, sie dürfen Religion unterrichten, Punkt.
ZDF, Mona Lisa:
Sie schicken ihre Kinder in die Schule oder in den Kindergarten und denken: Dort
sind sie gut aufgehoben. Das dachten viele Eltern in der Heinrich-von Gagern
Grundschule im rheinhessischen Mohnsheim auch.
Sprecher: 2. Mai 2004, Zweites Deutsches Fernsehen, Mona Lisa.
ZDF, Mona Lisa:
Bis die Schüler über seltsame Dinge in der Schule berichteten. Die Eltern wurden
misstrauisch, fragten nach und stießen dabei auf das gefährliche Gedankengut der
Gruppe "Zentrum des Lichtes".
Petra T.:
Es gab dann auch eine DPA-Meldung, und auf die greift dann ja jeder zurück. In
Rheinland Pfalz ist das und das passiert, und die beschuldigten Lehrerinnen hätten
das auch zugegeben, was so nicht stimmt.
Sprecher:
Die Kollegin von Petra T. hatte tatsächlich Kontakt zum „Zentrum des Lichtes“. Der
Vorwurf gegen beide Lehrerinnen aber lautete, Werbung für diese Sekte zu
betreiben.
Petra T.:
Das war auch nicht mehr nachvollziehbar, wer hat was gesagt? Aber das interessiert
dann nicht mehr, ne Meldung steht dann einfach im Raum, und auf die wird von allen
Medien zugegriffen.
ZDF, Mona Lisa:
In Mona Lisa sprechen betroffene Eltern jetzt zum ersten Mal über das Ausmaß
dieser psychischen Manipulation.
Dominik Höch:
Wir haben einfach das Problem, dass wenn eine Person, wenn sie einmal in einem
Medium ist, dass die Gefahr besteht, dass dann so eine Welle entsteht durch
Medienberichte von anderen Zeitungen oder Sendern. Deswegen versuchen wir
dann relativ schnell rechtlich vorzugehen auf Unterlassung, also Verbot der weiteren
Behauptung gegenüber dem ausstrahlenden oder berichtendem Medium. Und
gleichzeitig auch andere Medien zu sensibilisieren, dass aus unserer Sicht eine
Übernahme der Berichterstattung möglicherweise wieder Rechte verletzen könnte.
7
Petra T.:
Sie können sich das sicherlich vorstellen, wenn sie Anschuldigungen vorliegen
haben von nem Dienstvergehen, das von nem Missbrauch der Seele spricht, und Sie
haben das nen Jahr lang auf dem Tisch liegen, haben Fernsehberichte, die das bestätigen, dass sie einfach auf nem seelischen Nullpunkt sind.
Dominik Höch:
Das Risiko besteht darin, nichts zu tun. Weil in dem Moment, wo berichtet wurde und
niemand wehrt sich, ist die Gefahr relativ groß, dass Medien sich bestätigt fühlen
bzw. davon ausgehen, es wird - auch wenn der Bericht vielleicht nicht ganz in
Ordnung ist - es wird sich niemand darüber beschweren. Und dann besteht halt die
Gefahr, dass es weitergeht.
Frank G.:
Das eigentlich Schlimme war das Psychische, was sich für meine Familie und mich
abspielte.
Sprecher:
Frank G. ist seit dem Vorfall krankgeschrieben. Seine rechtliche Vertretung übergibt
er einem Strafverteidiger.
Frank G.:
Der Sohn, der war zu dem Zeitpunkt 12 oder 13 Jahre alt, der hatte seinen Vater
immer nur im Anzug zum Dienst gehen sehen und abends zurückkommen sehen als
jemand, der was Wichtiges zu tun hat. Und von dem Tag an hab ich mich quasi auch
ein bisschen gehen lassen. Ich hab dann zu Hause gesessen, bin nur im Dunkeln
rausgegangen. Hab natürlich Angst gehabt, dass meine Nachbarn die ganzen
Sachen auch gelesen haben in der Zeitung. Und hab ängstlich dann immer nur mal
mit meinem Anwalt Kontakt gehabt, der erstmal auch nichts tun konnte, weil das
Ermittlungsergebnis ja noch nicht da war. Und so zog sich das in die Länge.
Petra T.:
Ich hab nicht geschlafen, Sie haben in dieser Zeit nur diesen einen Gedanken. Es
hat sich aufgewirkt auf mich, auf meine Dienstfähigkeit. Es hat sich ausgewirkt auf
meine Kinder. Und Sie brauchen hinterher Jahre, bis Sie wieder auch normal im
Dienst sein können.
Sprecher:
Mitte August 2004.
Sprecherin:
Fünf Monate nach Einreichen der Dienstaufsichtsbeschwerde beginnt das
Disziplinarverfahren gegen Petra T. Sie hat inzwischen einen Anwalt eingeschaltet.
Weitere Monate vergehen mit der Befragung der Eltern und Zeugen.
Petra T.:
Ein Jahr ist einfach ne lange Zeit. Ich war krank geschrieben in der Zeit, ich hab
zwischendurch mal angefangen in ner andern Schule zu arbeiten als Konrektorin,
aber wenn sie so’n Verfahren laufen haben - also ich hab das nicht hingekriegt.
8
Frank G.:
Und dann hat man’s noch Wochen lang in die Länge gezogen, und weil sich dann
auch weiterhin nichts getan hat, ist bei mir dann auch eine Art Verzweiflung, Panik
schon eingetreten.
Petra T.:
Wenn Sie gefangen sind in nem Gedanken oder in nem Vorwurf, da gehen Sie nicht
spazieren, wie Sie’s sonst machen würden. Sprechen auch die Leute nicht an, wie
Sie’s sonst machen würden. Man zieht sich einfach zurück.
Frank G.:
Ich hab Suizidgedanken gehabt dann ganz massiv, die wurden von Tag zu Tag
stärker. Es kam dann auch zu Auseinandersetzungen mit meiner Ehefrau, wieso tut
sich jetzt nichts? Mein Sohn hat diese Spannungen mitgekriegt, das hat sich dann
auf seine schulischen Leistungen ausgewirkt, es war also zu Hause ne katastrophale
Situation eingetreten. Und da hat mein Arzt gesagt: Ich geb sie zu einem Psychotherapeuten, das ist nen Spezialist auf diesem Gebiet. Der hat mich nur gesehen und
hat gesagt, ich kann eigentlich nur eins machen: Wir müssen diesen Teufelskreis
zuhause durchbrechen. Ich schick’ Sie in die Reha nach ganz weit weg.
Sprecher:
Der Schweizer Psychotherapeut Mario Gmür behandelt seit einigen Jahren Medienopfer. Seine Erfahrungen und Erkenntnisse hat er in einem Buch zusammengefasst.
Sprecherin:
Das Medienopfersyndrom.
Sprecher:
Medienopfer unterscheiden sich von anderen Traumaopfern durch spezifische
Symptome:
Sprecherin:
Elementare Schamgefühle durch die Zurschaustellung in der Öffentlichkeit.
Sprecher:
Das Selbstbild zerbricht: Die Vorstellung von der eigenen Persönlichkeit gerät ins
Wanken. Bisher gültige Werte, Ideale und Wünsche für das Leben, aber auch die
eigenen Leistungen sind radikal in Frage gestellt.
Sprecherin:
Angst vor dem sozialen Tod: Furcht vor Spott, Verachtung und Ausgrenzung, vor
sozialem und materiellen Ruin durch einen Abbruch der beruflichen Existenz.
Sprecher:
Angst vor der „Enteignung der Psyche“: Ohnmächtig muss der Betroffene zusehen,
dass er - vermeintlich oder tatsächlich - keinen Einfluss nehmen kann auf die
Verbreitung der Informationen über ihn.
Petra T.:
Ich hab dann auch - heute würde man sagen Coaching, früher hätte man gesagt
Therapie.
9
Sprecherin:
Während der gesamten Dauer des Disziplinarverfahrens geht Petra T. ein- bis
zweimal in der Woche zu einer Psychotherapeutin.
Petra T.:
Es war aber eher ein Coaching, dass man durch diese Anhörungen auch
durchkommt. Wie geh ich damit um, wenn jetzt Beschwerden geäußert werden, die
nicht stimmen?
Frank G.:
Die haben mich dann also nach Oberbayern geschickt, da bin ich in eine Gruppe für
stark suizidgefährdete Patienten gekommen. Bin da ärztlich gut betreut worden, aber
natürlich starke Antidepressiva, tablettenmäßig bekommen und unter Einschluss
gewesen. Und in einer Gruppe gewesen, die meine Stimmung nicht verbessert hat,
sondern zusätzlich noch mehr bedrückt hat.
Petra T.:
Ich hab dazu tendiert, wenn da jemand anfängt und irgendwas sagt, was nicht
stimmt, dem einfach übern Mund zu fahren. Und Sie haben einfach da die Regeln zu
beachten, nämlich: Der Ermittlungsführer hat das Wort, und Sie kriegen das Wort
zugeteilt. Solche Dinge einfach einzuhalten, da brauchen Sie ein Coaching. Also ich
hab’s zumindest gebraucht.
Frank G.:
Ja, und nach acht bis zehn Tagen kriegte ich dann aber, nachdem ich dort mehr oder
weniger vegetiert habe, kriegte ich einen Anruf von meinem Anwalt.
Sprecher:
Alle Frauen, die Anzeige wegen sexueller Belästigung erstattet hatten, erkannten in
Frank G. nicht den Täter. Trotz modernster Methoden bei der Identifizierung
schlossen sie ihn definitiv als Täter aus.
Sprecherin:
Mai 2006: Die Staatsanwaltschaft stellt das Ermittlungsverfahren gegen Frank G. ein.
Sprecher:
Im Juni beginnt er wieder zu arbeiten: Auf dringende Empfehlung seiner
Vorgesetzten in einer anderen Polizeibehörde.
Frank G.:
Dann gehen Sie in die neue Dienststelle. Dann sind natürlich diese Szenarien: Jetzt
kommt der Sowieso, der kommt jetzt in eine neue Dienststelle, knapp 1000 Mitarbeiter, da geht das Spießrutenlaufen wieder von vorne los. Man fühlt sich natürlich
auch verfolgt auf Schritt und Tritt, auch subjektiv reagiert man dann vielleicht auch
viel manchmal empfindlicher, als man’s in einer normalen Situation tun würde. Allein
das Hingehen zur Arbeit hat mich extreme Kräfte gekostet. Und so hundertprozentig
sind alle Folgen dieses Geschehens bis heute immer noch nicht überstanden.
Sprecher:
30. Mai 2005.
10
Sprecherin:
Das Disziplinarverfahren gegen Petra T. wird mehr als ein Jahr nach den Vorwürfen
der beschwerdeführenden Mutter eingestellt. Sämtliche Beschuldigungen haben sich
als haltlos erwiesen. Petra T. beginnt nach den Sommerferien 2005 in einer neuen
Schule als Lehrerin und Konrektorin zu arbeiten.
Petra T.:
Ich bleib dabei, das ist nicht Sache jetzt einer Mutter gewesen oder Sache meiner
vorgesetzten Behörde, diese Hysterie wurde ausgelöst von der Presse. Hinterher
war’s natürlich ganz einfach für die Presse zu sagen: Ja, Sie waren Medienopfer und
hier Opfer und da Opfer, aber ich denke, dass ich eben nicht nur Opfer bin. Ich hab
einfach was gemacht. Ich hab einfach die Kraft aufgewandt und mich gewehrt.
Dominik Höch:
Der größte Fehler liegt, glaub ich, darin, gar nichts zu tun. Und die Sache einfach
laufen zu lassen. Der zweite größte Fehler besteht für den nichtprominenten Betroffenen darin, vor der Konsultation mit jemand, der sich damit auskennt, dann
selber Statements abzugeben gegenüber dem Medium. Deswegen ist der erste Weg
bei Anfragen von Medienunternehmen eigentlich immer erst mal, zu sagen: Kein
Kommentar.
Sprecherin:
Nach Abschluss des Disziplinarverfahrens verklagt Petra T. mit Hilfe ihres Anwaltes
die beschwerdeführende Mutter auf Schmerzensgeld.
Petra T.:
Wir konnten auch nachweisen, dass die Mutter nicht im Rahmen geblieben ist, sich
an die Dienstaufsicht zu wenden, sondern dass sie sich definitiv auch an die Presse
gewandt hat. Und das sprengt einfach auch die Persönlichkeitsrechte, die man hat.
Also man kann Vorwürfe, die man hat, gegenüber der Dienstaufsicht äußern. Aber
wenn man so an die Öffentlichkeit geht mit unbewiesenen Vorwürfen, das ist einfach
nicht erlaubt. Und da gab’s einen Vergleich, wo die Mutter einfach bezahlt hat ne gewisse Summe an mich, ne andere Summe an ein SOS-Kinderdorf, und da war einfach auch die Presse vertreten, sprich Bildzeitung, Rheinpfalz, und, und, und.
Frank G.:
Einige Zeit, nachdem ich dann wieder im Dienst war, fängt so ‚ne Situation ja auch
rückwirkend in einem zu arbeiten. Das heißt, die Dinge, die man als ungerecht
empfindet, die sind ja nicht abgearbeitet damit, indem das Verfahren nun eingestellt
ist. Dazu kommt noch diese latente Rufschädigung. Es gibt also Kollegen, die nach
wie vor sagen, da ist er ja, der Exhibitionist, da läuft er ja rum.
Dominik Höch:
Die Situation ist so, dass es eigentlich selten zu spät ist, was zu tun. Die einzige
Grenze, die es zunächst einmal gibt, ist die Verjährung. Und das ist in der Regel ein
Zeitraum von etwa drei Jahren, so dass also schon Zeit bleibt, etwas zu tun, wenn
etwas Zeit vergangen ist.
Sprecher:
Frank G. sucht Beratung bei einem Medienanwalt.
11
Dominik Höch:
Eine gute medienrechtliche Beratung geht zunächst mal darauf ein, was eigentlich
der Wunsch des Mandanten ist. Genau der Punkt, dass man ja möglicherweise gar
nicht will, dass durch eine Gegendarstellung oder einen Widerruf man erneut mit dem
Vorwurf in die Medien kommt, muss natürlich berücksichtigt werden. Und wenn es
ein schwerer Vorwurf ist, der unzutreffend ist und ein gewisses Verschulden auch bei
den Medien festzustellen ist, auch prüfen, ob es Schmerzensgeldansprüche gibt, und
dann auch sinnvoll beraten, in welcher Höhe man sinnvollerweise diese geltend
machen kann.
Sprecher:
Für seinen Mandanten Frank G. klagt der Anwalt auf Zahlung von Schmerzensgeld
gegen die Bildzeitung und gegen den Herausgeber zweier anderer Zeitungen. Beide
Verfahren enden zugunsten von Frank G.
Frank G.:
Mehr als ein eigentlich schöner Urlaub mit der Familie ist es auch nicht, was da über
geblieben ist. Aber darum ging’s mir im Prinzip nicht. Mir ging’s in diesem Fall in der
Tat darum, das Unrecht auch festgestellt zu wissen. Und das ist letztlich durch dieses
Verfahren dann auch sichergestellt worden.
Petra T.:
Ich denke, wenn ich jemanden sofort gehabt hätte, der ne juristische Stellungnahme
geschrieben hätte und ich nicht so lange abgewartet hätte, dass sich’s legt, oder
dass ein Anwalt an die Zeitung schreibt, dann wär vielleicht einiges an Wind aus den
Segeln genommen worden. Man weiß einfach nie, wie sich ein Vorwurf entwickelt.
Das können Sie nicht absehen.
Dominik Höch:
Es gibt viele Dinge, die man beim Vorbeisurfen oder auch in den Zeitungen sieht, wo
man sagen muss: Das ist klar rechtswidrig. Es wird sich aber letztendlich keiner dagegen wehren, weil es eben immer noch viele Menschen gibt, die von dem Gedanken getragen sind, man kann doch eigentlich eh nichts machen. Und das stimmt
einfach nicht.
Literaturhinweis:
Mario Gmür
Das Medienopfersyndrom
Ernst Reinhardt Verlag München-Basel 2007
157 Seiten für 19,90 Euro
ISBN 978-3-49701929-8
12
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Seele and Geist
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