close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

2 Zeit für eine Bestandsaufnahme Wie geschlechtergerecht ist die

EinbettenHerunterladen
2
Zeit für eine Bestandsaufnahme
Wie geschlechtergerecht ist die
Politik in Bremen? Wie weit sind
wir bei der Berücksichtigung des
Prinzips
des
Gender
Mainstreaming vorangekommen?
Welche Ergebnisse zeigt die
geschlechtsspezifische Nachhaltigkeitspolitik in den Bereichen
Haushalt, Stadtentwicklung oder Gesundheit? Wie lassen sich
in Bremen verschiedene Lebensbereiche wie Erwerb, Familie
und gesellschaftliches Engagement vereinbaren? Fragen über
Fragen, die den Bremer Grünen Landesverband und die Grüne
Fraktion in der Bremischen Bürgerschaft veranlasst haben, eine
Tagung zur Bestandsaufnahme durchzuführen. Denn wir sind
davon überzeugt: Geschlechterdemokratie ist erst dann
erreicht, wenn sich Menschen, gleich welchen Geschlechts, auf
Augenhöhe begegnen, für ihre Arbeit den gleichen Lohn
erhalten und ihr Leben frei von tradierten Rollenmustern
gestalten können. Wie weit Bremen auf dem Weg zur
Geschlechterdemokratie ist und welche Aufgaben noch zu
erfüllen sind, stand deshalb im Mittelpunkt der Tagung.
Wir danken allen ReferentInnen für die spannenden Beiträge,
den Beteiligten und Gästen für die interessanten Debatten und
hoffen, dass die vielen Anregungen der Tagung weiterhin
Eingang in Diskussionen und politische Entscheidungsprozesse
finden werden. Denn wir sind auf dem Weg zur einer
Geschlechterdemokratie in Bremen, aber erreicht ist sie längst
noch nicht.
Henrike Müller
Landesvorsitzende
Doris Hoch: Auf dem Weg zur Geschlechterdemokratie?
Die
frauenpolitische
Sprecherin
der
Grünen
Bürgerschaftsfraktion stellte
ins Zentrum ihrer Begrüßung
die Frage: Wie weit sind wir
inzwischen in Bremen mit
dem
Anspruch
einer
geschlechtergerechten Politik für Frauen und Männer? Sie erinnerte an Waltraud
Schoppe, die bereits in den 1980er Jahren eine stärkere
Berücksichtigung der unterschiedlichen Bedürfnis- und
Interessenslagen von Frauen und Männern anmahnte. Seit
Beginn der Grünen Parteigeschichte sei Geschlechtergerechtigkeit einer der Grundpfeiler grüner Programmatik und
grünen Selbstverständnisses. Gemessen daran, seien wir noch
nicht genügend voran gekommen. Dies zeigen die
arbeitsmarktpolitischen Daten ebenso wie die nach wie vor
vorherrschenden traditionellen Arbeitsteilungen in den
Familien. Insbesondere die nicht durchgängige Anwendung des
Gender Mainstreaming zeige, dass die Notwendigkeit einer
genderspezifischen Perspektive auf politische Vorhaben noch
nicht überall angekommen sei. Zu oft wird unter Anwendung
von Gender Mainstreaming lediglich die zahlenmäßige
Aufstellung von betroffenen/ beteiligten Frauen und Männern
verstanden. Hier ist in allen Politikfeldern noch viel
Handlungsbedarf zu verzeichnen, insbesondere in den
vermeintlich geschlechterneutralen Feldern wie Haushalt,
Finanzen, Bau und Verkehr.
3
4
Ulrich Mückenberger: Ein Recht auf Zeit
„Zeitpolitische
Bedingungen für eine gerechte
und nachhaltige Politik für
Frauen und Männer“ war
das Thema des Vortrags
von Ulrich Mückenberger.
Er stellte heraus, dass
Zeitpolitik als Querschnittsthema zu verstehen sei, da sie die die Menschen umgebenden
gesellschaftlichen Verhältnisse thematisiere, seien sie
baulicher, finanzieller, bürokratischer oder sonstiger Art. Heute
verbreite sich die Erkenntnis, dass die gesellschaftliche
Organisation von Zeitverteilung und Zeitkonflikten nach
Gerechtigkeitsmaßstäben zu erfolgen habe. So könne
Zeitpolitik als zweite Generation des Sozialstaats verstanden
werden. Zur ersten Generation, die im Wesentlichen
materiellen Wohlstand gestaltet und (um)verteilt, tritt die
zweite hinzu, die Zeit gestaltet und (um)verteilt. Dabei stellt
Mückenberger 5 Gebote ins Zentrum der Zeitpolitik:
(1) keine illegitime Fremdbestimmung über die Zeit anderer;
(2) keine Diskriminierung im Zeitgebrauch;
(3) keine gesellschaftliche Entwertung von Zeit;
(4) Recht auf Zeitkultur, d. h. die Befähigung, mit Zeit im Sinne
selbst gefundener Sinnkriterien umzugehen;
(5) Recht auf kollektive („gemeinsame“) Zeiten.
Bei den Bereichen, die zeitpolitisch beurteilt und gestaltet
werden (z. B. Zeiten der Pflege, Arbeitszeiten, Schulzeiten,
Familienzeiten), spielen diverse Kriterien eine Rolle. Auf die
Stadtentwicklung werden sie unter dem Stichwort „Zeiten der
Stadt“ oder „lokale Zeitpolitik“ angewendet. Dabei handelt es
Ulrich Mückenberger: Ein Recht auf Zeit
sich um politische Planungs-, Aushandlungs- und Beteiligungsprozesse, die zu einer den Alltagslagen und Alltagsartikulationen von Stadtnutzern angemessenen städtischen Zeitorganisation führen bzw. beitragen. Sie reichen von bürgerfreundlicher Dienstleistungs- und Öffnungszeitenorganisation
(Kita, Bibliotheken, ÖPNV, Bürgerämter) über die Integration
von Nutzeranliegen („voice“) in Planungsprozessen bis hin zur
Entwicklung neuer städtebaulicher Konzepte, wie dynamischer
Baugenehmigungen, und der Integration einer Zeitleitplanung
in die Bauleitplanung. Das ist ein großes konkretisierungs- und
durchsetzungsbedürftiges Zukunftsprojekt der Stadtentwicklung. Eines, das Räume und Zeiten einschließt. Das Leitbild der
zeitbewussten Stadt fällt in eine Situation, in der heterogene
Diskurse – Geschlechterverhältnis, Zeit und Differenzierung der
Lebenslagen, Verkehrsinfarkt in den Städten und Bedeutung
sowie Stellung von Kommune und Region – miteinander
verschmelzen. Zunehmend wird die Geschlechtsspezifik der
Zeiterfahrung und -not herausgearbeitet. Vieles spricht für die
Annahme, dass die Diskrepanzen zwischen Zeitangeboten und
5
6
Ulrich Mückenberger: Ein Recht auf Zeit
-nachfragen – unter den gegenwärtigen Bedingungen der
Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern – besonders den
weiblichen Alltag trifft, dass der Bedarf nach Einheit des Alltags
und Zeitsouveränität folglich vornehmlich von ihnen ausgeht.
Obwohl Frauen eine größere Teilhabe an Erwerbs- und anderer
außerhäuslicher Tätigkeit durchgesetzt haben, ist die familiäre
Rollen- und Aufgabenzuordnung weithin die alte geblieben.
Dies gibt dem "Recht auf Arbeit" der Frauen eine bittere
Ambivalenz: Treten doch neben das fremdbestimmte
Zeitregime der Erwerbsarbeit noch die fremdbestimmten (und
dazu in sich zersplitterten) Zeitregimes der Erziehungs-,
Versorgungs-, Handels- und Dienstleistungsinstanzen hinzu,
mit deren Hilfe die häusliche Reproduktionstätigkeit verrichtet
wird. Dies bedeutet eine systematische Überziehung des
Zeithaushaltes, die zulasten des Reservoirs von Freizeit geht
und Zeitsouveränität und Einheit des Alltags nicht zu lebbaren
Größen werden lassen. Eine zeitbewusste Politik wird deshalb
gerade den Zeitnachfragen von Personen nachgehen, die sich
in einem solchen Zeitnotstand befinden. Beim gegebenen
Ulrich Mückenberger: Ein Recht auf Zeit
Stand der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern wird
dabei den Zeitbudgets teil- und vollzeitbeschäftigter Mütter
besondere Aufmerksamkeit zukommen.
Ziel sollte sein, das Zeitangebot für Leistungen, die
Reproduktionstätigkeit unterstützen, zu erweitern und der
Nachfrage entsprechend angemessener zu gestalten. Wenn es
stimmt, dass Frauen bereits vermischte Zeiten leben und rasch
zwischen ihren ohnehin gemischten Zeitmustern wechseln,
dann wäre die Aufrechterhaltung dieser Vermischung eine
wichtige Perspektive für Zeitpolitik wie auch für Stadtpolitik
allgemein. Neuregelungsperspektiven sind in den Bereichen
Arbeitszeit, Atypische Beschäftigung, Geschlechter- und
Generationenverhältnis,
Externe
Flexibilität
und
Grundsicherung zu finden. Insbesondere steht dabei das
Normalarbeitsverhältnis im Fokus. Wie sehen also
zeitpolitische Perspektiven zur Arbeitszeitgestaltung aus? Hier
sind zwei Bereiche zentral: die Ziehungsrechte (Supiot-Bericht)
und die Ideen einer sog. Life-course-policy. Notwendig wäre
7
8
Ulrich Mückenberger: Ein Recht auf Zeit
ein neues Konzept von „Vereinbarkeit“: statt Teilzeitarbeit von
Frauen, hohe Transferleistungen und Anrechnung von
Versicherungszeiten, jetzt: elterngerechte Arbeitszeiten und
Elterngeld. Wenn Zeitpolitik als Lebenslaufpolitik verstanden
wird, dann ist folgendes notwendig:
1. Institutioneller Rahmen, der Beschäftigten erlaubt, Eltern zu
sein, Eltern erlaubt, Beschäftigte zu sein, und mit
Chancengleichheit beider Geschlechter einhergeht.
2. Im öffentlichen Diskurs muss optionalen Zeitgestaltungen
Beschäftigter dieselbe Legitimität zuerkannt werden wie
flexible Zeitmuster für Unternehmen.
3. Zeitliche “Ziehungsrechte” (Supiot 1999): Sichere und
nachteilsfreie Optionen, Teile der Beschäftigungszeit anderen
gesellschaftlichen Zielen zu widmen (“care”, Ausbildung,
Gesundheit, Ehrenamt). Notwendig auch: ein System von
Kostentragung und Einkommensersatz.
4. Zu entwickelnde Arbeitszeitkonzepte, die beides –
Flexibilität und Verlässlichkeit – sichern, dienen Arbeitgebern
Ulrich Mückenberger: Ein Recht auf Zeit
und Arbeitnehmern.
5. Arbeitsplätze müssen alternsgerecht werden und Älteren
erlauben, Fähigkeiten und Erfahrungen Jüngeren zu
übermitteln.
6. Lokale Zeit- und Mobilitätspakte: Abstimmung zwischen
Dienstleistungsangebot und entsprechender Nutzernachfrage.
7. Zivilgesellschaftliches Ehrenamt (als Voraussetzung des
sozialen Zusammenhalts) muss unter einer ZeitpolitikPerspektive gefördert werden.
8. Ein System garantierten Grundeinkommens.
9
10
Dietmar Strehl: Bremer Arbeitszeitmodelle
Dietmar Strehl, Staatsrat bei der
Senatorin für Finanzen, nahm die
Frage nach der Vereinbarkeit von
Familie und Beruf auf und stellte
verschiedene
Arbeiszeitmodelle
vor, die in der Personalpolitik der
bremischen öffentlichen Verwaltung zur Anwendung kommen.
Dabei betont er, dass in Bremen zwei Grundprinzipien gelten,
um die Gleichstellung der Geschlechter v.a. in der Arbeitswelt
zu erreichen: spezifische Frauenförderung und die
konsequente Anwendung des Gender Mainstreaming. Für die
Personalpolitik bedeutet dies, dass diese Doppelstrategie in
diverse betriebliche Handlungsfelder eingebunden ist, wie z.B.
der Schaffung diskriminierungsfreier und gesundheitsfördernder Arbeitsräume für Frauen und Männer. Er weist
darauf hin, dass die Senatorin für Finanzen, Karoline Linnert,
die breite Einführung familienfreundlicher Personalpolitik
nachdrücklich unterstütze. So bieten viele Dienststellen und
Betriebe für die jeweiligen Mitarbeiter_innen passgenaue
familienfreundliche Arbeitsbedingungen an. Je nach Größe,
Aufgabenbereich und Beschäftigtenprofil könnten aus einer
ganzen Reihe von Maßnahmen kreative Einzellösungen
gefunden werden. Bremen sei hier im Vergleich zu anderen
Bundesländern besonders gut aufgestellt.
Input: Ulrich Mückenberger, Universität Bremen
Bremer Perspektive: Dietmar Strehl, Senatorin für Finanzen
Moderation: Ulrike Bendrat, Bremer Medienbüro
Christiane Börger: : Gendergerechter Sprachgebrauch
Kann sich ein gendergerechter Gebrauch der
deutschen Sprache durchsetzen? Wenn ja, auf
welche Weise lässt sich
dieses Ziel verwirklichen?
Diesen Fragen widmen
sich die Teilnehmer_innen
des Workshops „Gendergerechter Sprachgebrauch: ein (Un-)
Möglichkeit?“ Die Referentin arbeitet anhand diverser
Beispiele aus Printmedien heraus, dass im traditionellen
deutschen Sprachgebrauch noch immer „Männerdeutsch“
gesprochen wird (1 Politikerin + 1 Politiker = 2 Politiker,
mannshoch, bemannt, Ein-Mann-Betrieb usw.). „Unsere
Sprache denkt den Menschen männlich“ stellt sie fest und
macht dies an folgender Erfahrung deutlich: Erleben wir in
Gesprächen solche Gesprächspartner, die bewusst oder
unbewusst jenem traditionellen Sprachgebrauch anhängen
und ausschließlich die männliche Form verwenden, und weisen
diese darauf hin, ernten wir zumeist eine der folgenden
Reaktionen: (1) Überraschtheit in Kombination mit dem
Hinweis, „dass die Frauen doch mitgemeint“ seien. (2)
Ablehnung in Kombination mit demselben Hinweis, wobei
dieser eine stille, geheime Abwertung darstelle. (3)
Wohlwollen in Kombination mit dem Hinweis, sie/er „ja gerne
würde, es aber so umständlich sei“.
Wie erklären sich die negativen Antworten? Der
Sprachgebrauch rüttele „an den Mauern unseres sprachlichen
Bewusstseins“ und verunsichere somit ganz allgemein, so
Boerger. Im Übrigen fühlen sich viele (zu Unrecht) durch den
11
12
Christiane Börger: Gendergerechter Sprachgebrauch
bloßen Hinweis auf ihren sexistischen Sprachgebrauch zugleich
als Sexisten beschuldigt. Christiane Börgers allgemeine
Antwort, verbunden mit einem allgemeinen Apell, lautet
sinngemäß: Ja, es ist schwer. Aber wer zur Gendergerechtigkeit
beitragen will muss sich anstrengen – auch in der Sprache!
Die Workshop-Teilnehmer_innen diskutieren anschließend
darüber, auf welche Weise sprachliche Gendergerechtigkeit
hergestellt werden kann. Weitgehende Einigkeit herrscht von
Beginn an darüber, dass ein gendergerechter Sprachgebrauch
ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Gleichheit aller
Geschlechter und Menschen ist. In diesem Zusammenhang
sprechen sich einige Teilnehmer_innen für Umsetzungformen
aus, die auch die neben „weiblich“ und „männlich“
existierenden Geschlechteridentitäten erfassen („Gender gap“
oder „Gender star“), um Menschen auch sprachlich die
Möglichkeit zu geben, sich selbst zu definieren, anderen
erscheint die Dichotomie von „weiblich“ und „männlich“
wichtig zu sein („Großes I“). Christiane Börger wiederholt zum
Schluss
ihr
Plädoyer
für
einen
gendergerechten
Sprachgebrauch
und
betont, dass dies kein
Selbstzweck
sei,
sondern ein zentrales
Element
für
eine
gendergerechte
Bewusstseinsbildung.
Input: Christiane Börger, Gendertrainerin und Coach, Bremen
Moderation: Matthias Güldner,Fraktionsvorsitzender
Marion Böker: Geschlechtergerechte Haushaltspolitik
Marion Böker führt im Workshop zum Thema „Geschlechtersensible Haushaltspolitik am Beispiel der Stadtentwicklung“ in
das Konzept des Gender Budgeting (GB) ein, zeichnet die
Entwicklungsprozesse
nach (UN-Frauenkonferenz, Grundrechtecharta der EU) und erläutert, dass sowie in welcher
Weise dieses Konzept in verschiedenen Ländern (z.B.
Südafrika) angewandt wird. GB soll demnach sicherstellen,
dass bei Haushaltsaufstellungen Transparenz und eine
gerechte Ausgabenverteilung hergestellt wird. Bezogen auf die
Situation in Bremen stellt die Referentin klar, dass der
Bremischen Verwaltung die Notwendigkeit klar ist, dass die
Berücksichtigung des GB auch als politische Absicht formuliert
ist – allerdings in der praktischen Anwendung starke Defizite zu
erkennen seien. Auch Ralph Saxe, der den Workshop
moderiert, bestätigt, dass der Anspruch an das Konzept – auch
in der Stadtentwicklung – vorhanden sei, doch in der Praxis
kaum Anwendung findet. In der Diskussion wird darauf
13
14
Marion Böker: Geschlechtergerechte Haushaltspolitik
hingewiesen, dass die Arbeitssituation in der öffentlichen
Verwaltung die konsequente Berücksichtigung von GB kaum
zulasse. So seien vereinzelt Projekte unter Berücksichtigung
von GB durchgeführt worden (Soziale Stadt), flächendeckend
sei dies aber durch die hohe Arbeitsbelastung bei zu wenigem
Personal nicht leistbar.
Marion Böker verdeutlicht, dass dies auch nicht primär die
Aufgabe der Administration sei, sondern vielmehr in die
parlamentarische Arbeit bei den Haushaltsplanungsprozessen
berücksichtigt werden müsse.
Input: Marion Böker, Beraterin für Menschenrechte und
Genderfragen, Berlin
Moderation: Ralph Saxe, Sprecher für Wirtschaft- und Verkehrspolitik
der Grünen Fraktion in der Bremischen Bürgerschaft
Henrike Müller: Rollenkonflikte und Gesundheit
Die Frage nach den Folgen von Rollenkonflikten in Zeiten des
sozialen Wandels versuchte Henrike Müller zu beantworten.
Sie betonte zunächst, dass bei der Berücksichtung der jüngsten
Analysen in den Bereichen Erwerbstätigkeit und Familie vor
allem eine starke Diskrepanz zwischen Anspruch und
Wirklichkeit zu verzeichnen sei. So zeigen aktuelle Studien,
dass Junge Frauen und Männer über eine starke Ausprägung
egalitärer Wertevorstellungen verfügen, wobei diese in
Ostdeutschland stärker ausgeprägt sind. Allerdings verfallen
junge Paare – verstärkt in Westdeutschland – mit Geburt des
ersten Kindes in einen Prozess der Retraditionalisierung.
Gemessen an den Wertevorstellungen junger Menschen,
haben sie zu wenige Möglichkeiten, Familie so zu gestalten,
dass sich beide Partner_innen in gleicher Weise beruflichen
und familiären Aufgaben widmen können. Für den Bereich
Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familie sind daher
folgende aktuelle Herausforderungen zu beschreiben:
(1) Vollzeiterwerbstätige stehen durch verstärkte Deregulierung des Arbeitsmarktes unter verschärfter Konkurrenz.
(2) Die Zuständigkeit der Frauen für die Kinderbetreuung
beeinträchtigt die Karrierechancen von Frauen mit Kindern und
führt u.a. zu einem Anstieg von alleinstehenden Frauen ohne
15
16
Henrike Müller: Rollenkonflikte und Gesundheit
Kinder (insb. bei Akademikerinnen).
Müller behauptet, dass die „Flexibilität“ des Arbeitsmarktes zu
geschlechterübergreifender Normalität werde, von der auch
Männer stärker betroffen seien (häufiger Arbeitsplatzwechsel
durch befristete Arbeitsverträge, Statusverlust).
Für die gesundheitlichen Folgen heißt das, Frauen befinden
sich vor allem in einem Zeitkonflikt: Berufstätige Mütter (mit
einem Kind) in niedrig qualifizierten Bereichen tragen ein
hohes Krankheitsrisiko (Doppel- und Dreifachbelastungen). Bei
steigender Kinderzahl und in besseren bezahlten Berufssparten
verringert sich Krankheitsrisiko (Entlastungseffekt entweder
durch größere Geschwister oder Dienstleistung). Häufigste
Krankheitsbilder: Depressionen, Ängste und Phobien,
Brustkrebs, rheumatoide Arthritis, Migräne.
Für Männer ist eher ein Rollenkonflikt auszumachen: Die
Flexibilisierung des Arbeitsmarktes führt zu einem
Identitätsverlust (Anforderung des Haupternährers ist nicht
ohne Risiken erfüllbar). Häufigste
Krankheitsbilder:
Alkoholismus,
Persönlichkeitsstörungen
und
Suizid,
Herzinfarkt, Lungen- oder Prostatakrebs.
Diskutiert wurde die Frage, ob neue Arbeitsmarktstrukturen
verschärfend auf beide Geschlechtergruppen wirken.
Input: Henrike Müller, Universität Bremen
Moderation: Kirsten Kappert-Gonther, gesundheitspolitische
Sprecherin der Fraktion
Podiumsdiskussion: Gender, Glück und Politik
Die abschließende Podiumsdiskussion versucht, der
Herausforderung gerecht zu werden, einen Zusammenhang
zwischen Gender, Glück und Politik unter Berücksichtigung der
Diskussionsergebnisse aus den Workshops herzustellen.
Timo Koch betont aus Sicht der Grünen Jugend, dass es vor
allem an der Zeit sei, anzuerkennen, dass „Gender“ nicht
Zweigeschlechtlichkeit meine und Diskriminierung in den
seltensten Fällen ausschließlich aufgrund des Geschlechts
geschehe – dies zu berücksichtigen, sei Aufgabe der Politik.
Hermann Kuhn verdeutlicht dagegen die Schwierigkeiten mit
der Anwendung des Gender Budgeting. So sei bereits das
"Gendern" (nach Frauen und Männern) eine Sache unter vielen
für das die Verwaltung nicht die Kapazitäten habe. Er schlägt
deshalb vor, es weniger als eine Routinesache zu behandeln,
die oft nur abgehakt werden könne, sondern zu versuchen,
auch mit Hilfe der bremischen Wissenschaft (bspw. durch
Promovierende) exemplarische vertiefte Untersuchungen
anzufertigen. Anhand des Beispiels Sportstätten wies Hermann
17
18
Podiumsdiskussion: Gender, Glück und Politik
Kuhn darauf hin, dass oft eine zu statische Sichtweise
vorherrsche, die Sportstätten und Sportarten als "typisch
weiblich" oder "typisch männlich" behandeln, statt bei der
Planung zwar den Stand zu berücksichtigen, aber die Sache
dynamisch anzulegen – Ziel müsse die Auflösung solcher
geschlechtsspezifischen Zuweisungen sein.
Anja Stahmann betont den starken gesellschaftlichen Wandel,
der inzwischen festzustellen sei. So zeige sich heute bei jungen
Menschen ein viel egalitäreres Wertefundament, welches sich
stark auswirke auf die Wünsche an die Lebensrealitäten. Unter
Berücksichtigung der noch immer schwierigen Vereinbarkeit
von Beruf und Famile sei es höchste Zeit, diesem Wertewandel
mit entsprechenden Maßnahmen Rechnung zu tragen, die
einen
grundlegenden
Abschied
von
traditionellen
Rollenvorstellungen und einer Neuausrichtung der Sphären:
Erwerb/ Beruf – Privat/ Familie entsprechen müßten.
Ulrike Hauffe teilt im Grundatz die Einschätzungen, weist aber
darauf hin, dass die egalitären Wertevorstellungen nicht so
weit verbreitet seien, wie es wünschenwert wäre.
Insbesondere unter jungen Männern sei des Öfteren ein sehr
traditionelles Rollenbild vorzufinden. Zum Thema Gender
Budgeting kritisiert sie die noch anhaltenden Ausgaben, die
nicht genderspezifisch getätigt werden. Dies gehe mehrheitlich
zu Lasten weiblicher Bedürfnis- und Interessenslagen. Hier
trete sie für eine stärkere Berücksichtung bei den
Haushaltsaufstellungen und vor allem auch für eine höhere
Transparenz bei den Ausgabenaufstellungen ein.
Podiumsdiskussion: Gender, Glück und Politik
Alle Podiumsteilnehmer_innen sind sich einig, dass im Bereich
der geschlechtergerechten Politikgestaltung noch viel
Handlungsbedarf zu verzeichnen sei. Denn: Glück stelle sich vor
allem durch Gleichbehandlung und Anerkennung der
Lebensrealitäten ein.
Auf dem Podium:
Timo Koch, Sprecher der Grünen Jugend
Anja Stahmann, Senatorin für Soziales, Kinder, Jugend und Frauen
Hermann Kuhn, Landesvorsitzender der Bremer Grünen
Ulrike Hauffe, Landesfrauenbeauftragte
Moderation: Ulrike Bendrat, Bremer Medienbüro
19
20
Fragen, Anregungen, Kontakte
Für Nachfragen und weitere Informationen stehen folgende
Ansprechpartnerinnen zur Verfügung:
Henrike Müller, Landesvorsitzende
henrike.mueller@gruene-bremen.de
LAG Frauenpolitik, Irmgard Lindenthal und Margret Nitsche
irmgard.lindenthal@t-online.de
mag.nitsche@t-online.de
Doris Hoch, Frauenpolitische Sprecherin der Fraktion
doris.hoch@gruene-bremen.de
Andrea Quick, Parlamentsreferentin für Frauen, Gesundheit,
Weiterbildung und Wissenschaft, andrea.quick@gruene-bremen.de
Informationen erhalten Sie auch in der Landesgeschäftsstelle:
Bündnis 90/ Die Grünen
Schlachte 19/20
28199 Bremen
Tel.: 0421-3011-100
lv.bremen@gruene.de
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
2
Dateigröße
2 030 KB
Tags
1/--Seiten
melden