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Luftgeschwader greift wie aus heiterem Himmel an - Gäubote

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DIE OBERJETTINGER BRANDNACHT
Donnerstag, 14. April 2005
21
„Gäubote“-Serie „1945 – Kriegsende im Gäu“: Zeitzeugen erinnern sich an die todbringende Zerstörung Oberjettingens am 16. April vor 60 Jahren
Luftgeschwader greift wie aus heiterem Himmel an
ie Erinnerungen sind nicht verblasst: „Es ist für mich so, als wäre
es erst jetzt passiert“, sagt der
71-jährige Walter Baitinger. Baitinger erlebte als elfjähriger Bub jenen Fliegerangriff am Ende des Zweiten Weltkriegs, der
als Brandnacht von Oberjettingen in die
Geschichte der Gemeinde eingegangen ist.
60 Jahre ist das her, doch nicht nur für
Baitinger werden die Bilder brennender
Häuser, verzweifelter Menschen und unermesslicher Not lebendig, wenn er an jenen
16. April 1945 zurück denkt. Baitinger lebt
D
1945
KRIEGSENDE IM G¾U
heute noch mit seiner Familie in genau
dem Haus in der Unterjettinger Straße, das
dem Großfeuer zum Opfer gefallen war
und das er nach dem Krieg mit seinem Vater und seinen Geschwistern wieder aufgebaut hat. Für den „Gäubote“ hat Baitinger
die persönlichen Eindrücke dieser Brandnacht niedergeschrieben – ebenso wie
Gotthilf Kaiser (72), der 1945 mit seiner
Familie in der Herrenberger Straße gewohnt hatte.
Weshalb Oberjettingen einen so massiven Luftangriff erleiden musste, darüber
gibt es bis heute keine gesicherten Er-
Brandruinen und Mauerreste: Oberjettingen nach der Zerstörung am 16. April 1945
kenntnisse. Trotz der immer näher rückenden alliierten Truppen im Frühjahr 1945
hatte damit kaum einer gerechnet. „Mehr
befürchtete man eine Beschießung vom
Erdboden aus“, schrieb der damalige
Oberjettinger Pfarrer Alfred Nuding einige
Jahre später in einem ersten Erfahrungsbericht über den 16. April 1945.
Anzunehmen ist wohl, dass französische
Truppen, die von Pforzheim über Calw
und Nagold in Richtung Stuttgart vorstoßen wollten, in Oberjettingen noch deutsche Soldaten vermutet hatten, die zu diesem Zeitpunkt allerdings längst weitergezogen waren. Diese Schlussfolgerung zog
jedenfalls der in den 90er Jahren verstorbene Jettinger Ehrenbürger und Historiker
Hans-Martin Decker-Hauff. Ob die Fliegerangriffe als Reaktion auf einen Schuss
aus einem deutschen Panzer in der Nagol-
GB-Foto: Archiv
der Straße zu werten sind, bleibt dagegen
fraglich. Von massiven Bombenangriffen
waren Ober- und Unterjettingen bis zu jenem Montag im April 1945, verschont geblieben – nicht so jedoch die nahe Kaserne
auf dem Eisberg und das Munitionslager
Kehrhau. Am Vormittag des 16. April traf
es dann zunächst Unterjettingen – ein
Haus und drei Scheunen wurden dabei in
Schutt und Asche gelegt. Am Abend folgte
der todbringende Luftangriff auf Oberjettingen: Laut Nachforschungen Walter
Schlotterbeks in französischen Militärarchiven war es ein Geschwader von acht bis
zwölf Flugzeugen, das wie aus heiterem
Himmel aufgetaucht war und mit Schüssen aus Maschinengewehren eine Feuersbrunst ausgelöst hatte. Schlotterbek hat
die Brandnacht zusammen mit seiner früheren Lehrerkollegin Rotraut Steinborn
historisch aufgearbeitet. Den Angriffen
fielen zwei Menschen zum Opfer – der
Bauunternehmer Konrad Renz und Anna
Krebs, eine aus Stuttgart evakuierte Frau.
Sie konnten zwar noch ins Krankenhaus
nach Herrenberg gebracht werden, erlagen
aber dort ihren schweren Verletzungen.
172 Gebäude wurden zerstört, 40 Prozent
des gesamten Dorfes. 103 Familien verloren ihr Dach über dem Kopf. Laut einer
Aufstellung Pfarrer Nudings verbrannten
„45 Stück Großvieh, 50 Stück Kleinvieh
und 60 Schweine“.
Nach der Brandnacht rückten am 17.
April 1945 französische Truppen über
Oberjettingen nach Herrenberg vor.
„Feindliche Artillerie“, so Nuding, „schoss
über den Ort hinweg und teilweise in den
Ort hinein.“ Um 16 Uhr rollten die ersten
Panzer durch die noch von qualmenden
Brandruinen gesäumten Straßen.
DIETMAR DENNER
■ Anlässlich des 60. Jahrestags der Zerstörung Oberjettingens wird am Samstag,
16. April, 17 Uhr, im Gemeindezentrum eine Ausstellung eröffnet. Um 19 Uhr beginnt der Gedenkgottesdienst in der evangelischen Martinskirche.
Walter Baitinger (71) erinnert sich: Die Abenteuerlust des damals elfjährigen Buben findet in den Flammen schnell ein Ende
„Im Ort spielten sich verzweifelte Szenen ab“
in Tag mit blauem Himmel, herrlichem Sonnenschein – ein Bilderbuch-Frühlingstag war der 16. April
1945. Die Landwirte waren dabei, ihre Felder zu bestellen, wenn auch immer von
Angst begleitet. Meist waren es die Frauen,
die Männer waren beim Militär. Am Himmel sah man immer wieder alliierte Flugzeuge, die den Rückzug der deutschen
Wehrmacht begleiteten, um die Überlegenheit der Alliierten zu zeigen und die Bevölkerung einzuschüchtern. Man traute sich
fast nicht mehr auf die Felder, weil auch
schon Fuhrwerke angegriffen wurden.
So stand bei uns in der Scheune ein voll
beladener Wagen mit Getreide, das nach
Mötzingen in die Mühle sollte, aber meine
Mutter traute sich nicht, meinen Bruder
und mich mit dem Fuhrwerk loszuschicken
und der Gefahr auszusetzen, also blieb der
Wagen stehen. Mein Bruder war zehn und
ich elf Jahre alt.
Für uns Jungen war der Rückzug der
Soldaten und die Flugzeuge am Himmel so
etwas wie ein risikoreiches Abenteuer. Der
schöne Tag, der durch die Bedrohung mit
gewohntem Unbehagen begann, wurde gegen Abend zu einem Inferno, in das man
ahnungslos hineinlief.
Es begann so gegen 18 Uhr, dass Flugzeuge, warum auch immer, in Unterjettingen zwei oder drei Häuser angriffen. Warum sie dann einen Angriff auf Oberjettingen machten, kann ich nicht nachvollziehen. Hatte es mit dem Militär zu tun? Man
hörte so manches, aber niemand weiß es
genau, eventuell einige Verantwortliche.
Ich war wie viele Jungen im Alter zwischen zehn und 15 Jahren auch etwas
abenteuerlustig und wollte sehen, wie es in
Unterjettingen brennt. Ich verließ unser
Haus in der Unterjettinger Straße in Richtung Unterjettingen. Meine Abenteuerlust
fand schon nach 50 Metern ein Ende, als
ich, nur in leichter Kleidung und barfuß,
beim Haus von Karl B. war. Vom Westen
her, über die Wiesenstraße, kamen Tiefflieger, die so etwas wie Feuer spuckten: Geschosse, die wie waagerecht fliegende
Feuerstreifen in die Häuser einschlugen.
E
Ich ging – nein, ich rannte – in das Haus
von Karl B., um dort im Keller Schutz zu
suchen mit seiner Familie zusammen. Es
wurde auch bald wieder ruhig – zu ruhig.
Ich wagte mich wieder hinaus. Die Lust zu
sehen, was in Unterjettingen geschah, war
mir vergangen. Ich wollte nur noch nach
Hause, damit sich Mutter keine Sorgen um
mich machen musste.
Aus dem Fenster von Michel Wörners
Haus schaute dessen Tochter und rief:
„Euer Haus brennt“ – sie wusste noch
nicht, dass ihre Scheune auch schon
brannte. Dieser Ruf war für mich ein
Alarmsignal. Ging ich bis dahin gemütlich
meines Weges, fingen meine Beine an sich
schneller zu bewegen. Ich sah, wie der
Rauch durch das Dach drang; und das
wären bestimmt noch einige Zeit geblieben, sie ahnten ja nicht, was über ihnen
vorging. Sie kamen eilends herauf. Mein
Bruder und ich trieben die Kühe aus dem
Stall, Tante passte auf die jüngeren Geschwister auf, Mutter versuchte, aus dem
Haus einiges zu retten. Betten und Kleider
warf sie aus dem Fenster, musste aber bald
das Haus verlassen. Das Feuer hatte sich
schnell ausgebreitet und auf das mit der
Scheune verbundene Wohnhaus übergegriffen. Wir haben dann die jüngeren Geschwister in Sicherheit gebracht, auf eine
Wiese am Ortsrand, in die Baumäcker.
Dorthin trieben wir auch dann das gerettete Vieh. Das Kleinvieh, Hühner, Hasen und
Schweine, konnten wir nicht mehr retten,
sie erstickten und verbrannten.
Nach dem Inferno: Aquarell von Carl Fuchslocher
Feuer zeigte sich auch schon. Ich weiß
nicht, ob ich erschrocken war oder nicht,
nur der Gedanke an Mutter und Geschwister verlieh mir Flügel. Im Haus rief ich,
dass es brennt – aber keine Antwort kam,
also blieb nur der Keller, wo sie sich in Sicherheit glaubten. Dort fand ich die ganze
Familie und eine Tante wohlbehalten, sie
GB-Foto: gb
Das ganze Unterdorf wurde nach und
nach ein Flammenmeer. Hilfe konnte niemand von anderen erwarten, da jeder mit
sich selbst zu tun hatte. Wir kamen irgendwie in der Nacht bei Adlerwirts Frieder an,
dessen Wohnzimmer voll war mit Leuten,
die vor dem Feuer fliehen mussten. Wir erhielten dort Nachtasyl und Verpflegung.
Aber mein Bruder fehlte und niemand
wusste, wo er war. Ich machte mich auf,
noch leicht bekleidet, um ihn zu suchen.
Ich irrte durch den brennenden Ort, niemand hatte ihn gesehen, wen ich auch
fragte. Unverrichteter Dinge und deprimiert kam ich zurück und fand dort meinen Bruder vor. Er war im Nachbarhaus,
bei Lammwirts, wohin unsere Nachbarn
von der Unterjettinger Straße geflohen
sind. Nun waren wir wieder beisammen,
bis auf Vater, der irgendwo auf dem Balkan in Gefangenschaft war.
Im Ort spielten sich verzweifelte Szenen
und Rettungsversuche ab. So versuchte
Luis, ein französischer Kriegsgefangener,
das Vieh unserer Nachbarn zu retten,
brachte es aber nicht heraus, weil die Kühe sich vor dem Feuer scheuten.
Durch eine Initiative wurde eine Löschaktion in der Gaisgasse gestartet. Bereits
von den Bewohnern geräumte Häuser wurden mit Gülle vor dem Übergreifen des
Feuers gerettet und damit ein weiteres
Ausdehnen des Feuers verhindert. So blieben auch das Haus meines Großvaters in
der Gaisgasse und noch weitere Anwesen
verschont.
Der anbrechende Morgen des 17. April
zeigte das Ausmaß der Katastrophe. Der
ganze südliche Teil der Nagolder Straße,
von der Darlehenskasse an bis zur Unterjettinger Straße, Teile der Gaisgasse bis
zur nördlichen Sindlinger Straße wurden
zum größten Teil Opfer des Feuers. Auch
die nördliche Flanke der Nagolder Straße
von der Tankstelle Rinderknecht zum Widdumhof bis hin zum Rathausplatz war abgebrannt, dazu noch einige Anwesen in der
Nagolder und Herrenberger Straße. Kamine und Steingiebel ragten aus den Ruinen,
der Brandgeruch war allgegenwärtig. So
ging ein schöner Frühlingstag im April
1945 in die dunkelste Geschichte dieses
Jahrhunderts von Oberjettingen ein.
Unsinnigerweise wurde der Ort am 17.
April noch von Artillerie beschossen und
einige noch unversehrte Häuser wurden
beschädigt, aber es waren keine Brandgeschosse, so dass „nur Sachschaden“ ent-
Walter Baitinger vor seinem elterlichen
Haus
GB-Fotos (2): Bäuerle
stand. Not und Elend hat aber auch Solidarität erzeugt, man hat sich gegenseitig
geholfen. Leider war mit der Befreiung
noch nicht alles gut. Die ersten Soldatentrupps der Alliierten vergewaltigten Frauen und plünderten, es wurde erst besser,
als Militärpolizei eingriff.
Das weitere Jahr 1945 brachte noch viele
Notstände, unter anderem war das Wasser
knapp, es musste aus den im Ort vorhandenen alten Brunnen geholt werden. Auch
die Versorgung von Grundnahrungsmitteln
machte Sorgen. Aus den Nachbarorten
Unterjettingen, Öschelbronn, Mötzingen,
Sulz und Emmingen wurde manchen verwandtschaftliche Hilfe zuteil. Wir selbst
hatten keine derartige Hilfe und waren
zum Betteln gezwungen. Wir machten uns
auf, mit einem ausgeliehenen Handwägelchen nach Öschelbronn, um Getreide aufzutreiben für unsere Familie. Wir bekamen
dankenswerterweise mehrere Zentner. Es
ging immer wieder ein Türchen auf.
Gotthilf Kaiser (72) über die Menschen in der Oberjettinger Brandnacht: „Alles geriet in Panik“
„Kleine Rauchsäulen stiegen auf“
in sonniger Frühlingstag mit gelegentlichem fernen Grollen von Geschützdonner und ratternden Maschinengewehrsalven, ließ die heranrückende Front und das baldige Ende des
Zweiten Weltkrieges erahnen. Was dies alles verändern würde, konnte man im Einzelnen nicht voraussehen. So war man bestrebt, die Feldarbeit voranzutreiben, weil
zu befürchten war, dass nach dem Einmarsch der französischen Truppen einige
Zeit ein Ausgehverbot bestehen würde. Am
Abend des Tages war man mit dem Füttern
des Viehs beschäftigt und gegen 19 Uhr
teils beim Vesper. Alles war in Erwartung
des baldigen Einmarsches der feindlichen
Truppen und in Sorge um Hab und Gut,
wie man das in Sicherheit bringen, also
verstecken konnte. Urplötzlich heulten
Flugzeuge heran und es prasselten Geschosse und Ziegelsplitter durch die Gegend. Zwölf Jagdflugzeuge hatten in breiter Formation den ganzen Ort mit ihren
Bordwaffen beschossen. Nach dem ersten
Schreck durch das Getöse der herumspritzenden Geschosse kamen Momente des
Aufatmens. Doch gleich sah man aus den
getroffenen Häusern kleine Rauchsäulen
aufsteigen, denn die verwendete Maschinengewehrmunition war mit Leuchtspurmunition durchmischt, die in den Scheunen reichlich Nahrung fand. Alles geriet in
E
Gotthilf Kaiser erlebte den Angriff in
der Herrenberger Straße
Panik, „es brennt, es brennt“. Die Wasserversorgung war bereits unterbrochen, da
die Pumpstation von den feindlichen Truppen besetzt war, also stand kein Löschwasser zur Verfügung. Im Ort war nur eine
handbetriebene Feuerlöschpumpe, die
dann beim brennenden Anwesen Wolfer in
der Herrenberger Straße zum Einsatz kam.
Befüllt wurde diese mit Jauche, die in Eimern aus den umliegenden Jauchegruben
herangetragen wurde. An ein Eindämmen
des Feuers war nicht zu denken, da mit
dem wenigen „Löschwasser“ nur die umliegenden Gebäude notdürftig vor dem
Übergreifen der Flammen geschützt werden konnten. Dieses war im engen Ortskern vor allem in der Nagolder Straße
nicht möglich, so hat dort ein Haus das andere angezündet. Die wenigen Habseligkeiten, die gerettet werden konnten, trug
oder fuhr man ins Freie oder an den Ortsrand in den Schutz der dortigen Baumwiesen. Erst in der späten Nacht und am anderen Morgen wurde das ganze Ausmaß
bekannt. Notgedrungen rückte man zusammen so gut es möglich war. Das teilweise gerettete Vieh wurde, wo immer
auch Platz war, untergebracht. In der engen Nagolder Straße war von den beidseitigen Brandruinen die Straße mit Schutt
zugeschüttet, daher musste erst eine Fahrgasse freigeschaufelt werden.
Zerstört: Häuser in Oberjettingen
Ausgelöst wurde die ganze Katastrophe
durch einen Panzer, der sich auf dem
Rückzug der deutschen Wehrmacht, am
Ortsrand vor der Feldscheuer Wörner in
der Nagolder Straße befand. Als drei Jagdflugzeuge den Ort überflogen, soll von diesem Panzer nach ihnen geschossen worden
sein. Daraufhin suchten die drei „Jakobs“
ihre neun weitere zum Verband gehörenden Flugzeuge auf und flogen gemeinsam
den verheerenden Angriff. Zwei Menschen
GB-Foto: Archiv
starben infolge von Schussverletzungen
und eine nicht geringe Anzahl von Tieren
kam in den Flammen um. Etwa ein Drittel
des Ortes war abgebrannt und dabei 100
Familien obdachlos, die dann bei Bekannten und Verwandten Unterschlupf fanden.
Nach diesem Tag kam es noch zu Granateinschlägen, die von Westen her in Richtung Oberjettinger Kirchturm abgefeuert
wurden, jedoch an diesem seitlich vorbei
nur geringen Schaden hinterließen.
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