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Kann Papst Franziskus die Kirchenkrise wenden? - Kirchenkreis

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Kann Papst Franziskus die Kirchenkrise wenden?
P. Eberhard v. Gemmingen SJ
„Wie kurieren wir die Kirche?“ so der Titel eines von mehreren Büchern,
die sich mit den Defekten der katholischen Kirche auseinander setzen.
Hans Küng nennt sein Buch „Ist die Kirche noch zu retten?“ Sie scheint
ein Reparaturbetrieb zu sein. Im Gegensatz dazu scheint die evangelische
Kirche repariert und in Ordnung. Papst Franziskus weckt die Hoffnung,
dass die katholische Kirche reparabel ist.
Erlauben Sie mir gleich die These: Auch wenn an der katholischen Kirche
einiges reparaturbedürftig ist, so liegt das Problem doch wesentlich tiefer.
Es geht eigentlich nicht um die Kirche. Es geht um die Krise des
Glaubens, des christlichen Glaubens. Denn obwohl die evangelische
Kirche moderner, frauenfreundlicher, toleranter ist, geht es ihr doch
keineswegs besser. Im Gegenteil: ich wage die Behauptung, es geht ihr
schlechter, nur wird kaum darüber gesprochen. Also: Lassen wir uns nicht
irreführen: es geht nicht um Kirchenkrise, sondern um die Krise einer
christlichen Orientierung an Gott, eines Glaubens an Gott und Jesus
Christus.
Aufmerksame Beobachter des Zeitgeschehens fragen sich daher seit
einiger Zeit, wie es mit dem Christentum in Europa weitergeht. Einerseits
entfernen sich ja wohl viele Christen von ihren Kirchen, andererseits
richten viele Christen ihren Blick aufmerksam auf Papst Franziskus und
fragen sich, ob er die große Wende herbeiführen kann. Zweifel und
Hoffnung sind die beiden Straßengräben, zwischen denen sich viele
Zeitgenossen bewegen. Auch wenn immer wieder von Rückkehr der
Religion gesprochen wird, so ist das vielleicht mehr eine Hoffnung. Und es
lässt sich nicht übersehen, dass immer weniger Menschen ihre Kinder
taufen lassen, dass immer weniger in der Kirche heiraten, dass immer
weniger sich nach Kirchenvorschriften richten, dass immer weniger eine
Ahnung haben von Grunddaten des Christentums.
Wir wollen die Kirchensituation genauer anschauen, wir konzentrieren uns
dabei auf Mitteleuropa, schauen aber auch auf die Situation rund um den
Globus, reflektieren über Worte und Schritte von Papst Franziskus, fragen,
was er ändern müsste.
1. Kirchenkrise, Glaubenskrise, Kultur- und Identitätskrise
Hier kurz die wichtigsten und am meisten genannten Wünsche an die
katholische Kirche: mehr ökumenische Offenheit, also Zulassung von
Evangelischen zur Kommunion, vor allem der Mischehepaare, mehr
Toleranz gegen geschiedene Wiederverheiratete und gegenüber
homosexuell Orientierten, gleiche Rechte für die Frauen in der Kirche, vor
allem also Frauenordination. Die katholische Kirche scheint intolerant,
unbarmherzig und mittelalterlich in ihrer Einstellung zu den Frauen.
Die genannten Fragen sind wichtig. Man darf sie nicht auf die leichte
Schulter nehmen, sie müssen theologisch überzeugend beantwortet
werden. Aber das Beispiel der evangelischen Kirche zeigt: Auch wenn
diese Fragen moderner und liberaler beantwortet werden, bringt das noch
lange keinen großen Zulauf in die Kirche und zu den Gottesdiensten. Im
Gegenteil: die liberaler und moderner wirkende evangelische Kirche hat
weniger Zulauf, verzeichnet leider mehr Kirchenaustritte. Wer dies
registriert, kann dann eben auch erkennen: es geht um eine Glaubenskrise,
nicht nur um eine Kirchenkrise.
Die Menschen in Mitteleuropa brauchen offenbar religiösen Glauben für
ihr Leben nicht mehr so wie sie den Glauben durch Jahrhunderte
brauchten. Sie leben auch ohne ihn ganz gut. Man kann auch nicht
behaupten, dass sie ganz allgemein weniger moralisch leben.
Zudem hat sich auch weitgehend die Überzeugung durchgesetzt, dass
gerade auch der Christ tolerant sein muss. Religion wird als Privatsache
angesehen. Jeder Mensch habe zwar das Recht, einer Religion
anzuhangen, er darf aber dadurch keinen Druck auf Andere ausüben. Vor
allem müsse der Staat religionsneutral sein, Druck auf Staatsbürger durch
Religion sein unzulässig. Daher darf auch in der Öffentlichkeit nicht
indirekt moralischer Druck von einer Religion ausgeübt werden. Es
herrscht die Überzeugung, die Freiheit des Bürgers ist so sehr zu schützen,
dass Ausübung von Religion in der Öffentlichkeit möglichst wenig
stattfinden darf, dass religiöse Zeichen keinen direkten oder indirekten
moralischen Druck ausüben dürfen.
Ich halte diese stillschweigend angenommene Grundüberzeugung für sehr
problematisch, vielleicht für falsch. Vielleicht kann man sogar sagen:
Europa macht erstmals in der Geschichte den Versuch, eine Gesellschaft zu
organisieren unter Absehung von einer transzendenten Autorität. Denn mir
scheint: In vielen Kulturen der Erde wurde und wird stillschweigend
vorausgesetzt, dass es eine überirdische, eine göttliche Autorität hinter der
Ordnung von Welt und Gesellschaft steht. Mitteleuropa macht den
Versuch, ohne die Arbeitshypothese Gott die Gesellschaft zu gestalten.
Zunächst muss man einmal anerkennen: es scheint zu gehen. Die Zahl der
Verbrechen ist wohl nicht gestiegen. Es stellt sich eher die Frage, ob nicht
der einzelne Mensch nicht sein Leben mit der Arbeitshypothese Gott
besser und leichter meistert. Dazu später mehr.
Es scheint mir also, dass hinter der Kirchenkrise eine Glaubenskrise steht
und aufgrund der Glaubenskrise sogar eine Kulturkrise, eine Krise seiner
Identität. Denn hat nicht jede Kultur ganz wesentlich auch religiöse
Wurzeln? Ich erlaube mir die Frage: hat nicht vielleicht Mitteleuropa
wegen der tiefen und verbreiteten Glaubenskrise eine ganz wesentliche
Identitätskrise? Ist Europa mit sich im Reinen? Und kann Europa seine
Bedeutung für die Welt behalten, wenn es in seiner Identität unsicher ist,
wenn es das Christentum als eine der Wurzeln Europas ins Private
abdrängt? Kann Europa sein geistiges Gewicht angesichts der wachsenden
Bedeutung von China, von Indien, von Arabien bewahren, wenn es eine
seiner Quellen – das Christentum – zu einer Privatsache macht.
Angela Merkel sagte am ….. „Wir haben nicht zu viel Islam, wir haben zu
wenig Christentum.“
Und der evangelische Theologe Jürgen Moltmann fordert sogar mehr
Mission durch seine Kirche. Das Dialogische sei langweilig, es brauche
Mission. Wenn man nur noch auf Konsensfähigkeit aus sei, dann blieben
nur angepasste Typen ohne Ecken und Kanten. Moltmann schlägt vor,
Muslime in Kirchen einzuladen, um ihnen das Evangelium zu erklären.
Und fügen wir an: Kulturhistoriker sind der Überzeugung: Religion hilft
für die Gesundheit der Menschen. Religiöse Menschen leben gesünder und
länger. Religion ist – so kann man auch sagen – nützlich.
Am Ende dieser ersten Gedankenrunde fasse ich zusammen: wir haben
nicht nur eine Kirchenkrise, wir haben sicher eine Glaubens- und vielleicht
auch eine tiefe Kulturkrise.
2. Christentum in Asien, Afrika und Amerika
Und wenn wir nicht nur um uns selbst kreisen, dann müssen wir einen
Blick auf das Christentum rund um den Globus werfen. Denn da sieht es
teilweise ganz anders aus. Christlicher Glaube wächst derzeit gewaltig.
Vor allem wählen viele Menschen in Ostasien derzeit den christlichen
Glauben. Ich spreche vor allem von der Volksrepublik China, von Vietnam
und von Südkorea. Ein chinesischer Regierungsvertreter hat kürzlich die
Vermutung ausgesprochen, dass es in etwa zwanzig Jahren 150 Millionen
Christen in China geben wird. Derzeit sind es rund 100 Millionen.
Wohlgemerkt: Christen verschiedener Konfession, nicht Katholiken! Etwa
ein Zehntel aller Christen in China dürften Katholiken sein. Die Regierung
hasst deren Abhängigkeit von Rom und verfolgt Amtstäter, die öffentlich
den Papst als ihren obersten Amtsträger anerkennen. Sie haben es schwer
und werden teilweise verfolgt. Aber die Regierung toleriert die
Hauskirchen verschiedener Konfession, wenn sie nicht politisch sind. Die
Chinesen werden vor allem vom Gleichnis des verlorenen Sohnes
angezogen. Denn ein Sohn, der sein Vermögen verspielt und sein Leben
vertut, wird nach chinesischer Tradition von seinem Vater verstoßen. Der
verlorene Sohn des Evangeliums wird aber vom Vater umarmt und
liebevoll aufgenommen. Das ist für Chinesen überzeugend und anziehend.
Man muss an die schweren Christenverfolgungen noch vor 30 Jahren
erinnern. Vielleicht sind sie Mitursache für den heutigen Zulauf.
In der Volksrepublik China werden jährlich 10 bis 12 Millionen Bibeln
gedruckt. Seit 25 Jahren wurden über 100 Millionen Bibeln gedruckt. 60
Prozent davon bleiben in China, 40 Prozent gehen ins Ausland. Eine Bibel
kostet in China etwa 2 Euro.
Ähnliches Christenwachstum in Vietnam. Heute gibt es in Vietnam rund 5
Millionen Katholiken. Ich weiß keine Zahl der sonstigen Christen. Und die
Katholiken wurden in Vietnam aufs schwerste verfolgt. Auch hier gilt das
alte Wort „Sanguis martyrum – semen christianorum“. Das Blut der
Martyrer ist der Samen neuer Christen.
Südkorea hatte keine so schlimmer Verfolgung und dennoch wächst auch
dort das Christentum sehr stark.
Es gibt also Weltregionen, in denen christlicher Glauben und Wirtschaft in
gleicher Weise wachsen. Wirtschaftswachstum, Reichtum verhindern nicht
per se religiösen Glauben, im Gegenteil. Man muss auch erwähnen, dass
etwa in Japan christlicher Glaube kaum wächst, ähnlich in Indien.
Dass Afrikaner zu christlichen Kirchen übertreten, kann man viellleicht
leichter verstehen als Ost-Asiaten. Die beiden Großreligionen Christentum
und Islam sind für die Afrikaner offenbar überzeugend. Rund 45 Prozent
der Menschen südlich der Sahara bezeichnen sich als Christent, 40 Prozent
bezeichnen sich als Muslime. Ihr Zusammenleben geht im Allgemeinen
auch gut. Es gibt kaum Konflikte zwischen religiösen Gruppen. Die
Konflikte, von denen wir hören, haben meist politische oder andere
Ursachen. Offenbar überzeugen die Stammesreligionen nicht mehr so.
Aber vermutlich spielen alte Riten auch bei Christen und Muslimen in
Afrika immer noch eine große Rolle.
Ein Krisenkontinent für die katholische Kirche ist neben Mitteleuropa
meiner Ansicht nach Lateinamerika. Dort wandern viele Katholiken zu den
Pfingst-Hauskirchen. Sie erhalten oft Unterstützung aus den USA.
Millionen Katholiken wandern ab zu ihnen. Vielleicht kann Papst
Franziskus hier etwas ändern.
Nordamerka ist spezifisch anders als Mitteleuropa. Die Kirchen spielen
dort eine große gesellschaftliche Rolle. Der klassische Nordamerikaner
gehört einer Kirche an, will sie gestalten, er bekennt sich zu ihr und
bekennt seinen Glauben an Gott. Wer Präsident werden möchte, muss
sagen, zu welcher Glaubensgemeinschaft er gehört. Christentum scheint
mir gesellschaftlich in den USA stabil.
Ein kurzer Blick auf Süd- und Osteuropa. Ganz einfach gesagt scheint mir
der Glaube an Gott, an eine jenseitige Macht gehört bei den Romanen und
den Slaven zum Selbstverständlichen. Er ist zwar auch durch
Materialismus bedroht, aber eine Säkularisierung wie in Mitteleuropa
spielt im Süden und bei den Slaven nicht die Rolle wie bei Germanen,
Angelsachsen und Skandinaviern. Dazu später noch mehr.
Zum Ende dieses Abschnittes als Quintessenz: Weltweit ist christlicher
Glaube trotz Wirtschaftswachstums teilweise stark im Wachsen, teilweise
stabil. Nirgends scheint er so sehr bedroht wie in Mitteleuropa.
3. Die Verschiedenheit der Mentalitäten
Wir sind immer noch bei der Frage: kann Papst Franziskus die
Kirchenkrise oder die Glaubenskrise meistern? Um uns einer Antwort zu
nähern, müssen wir aber noch weiter fragen, vor welcher Situation Papst
Franziskus steht. Und dazu ein Blick auf die Mentalitäten und Denkweisen
der Menschen und Völker.
Um es kurz zu sagen: Die unterschiedlichen Mentalitäten der Völker oder
Populationen spielen auch innerhalb der Kirche und des Glaubens eine
wichtige Rolle. Sie erschweren das internationale Zusammenleben der
Kirchenmitglieder.
Auch wenn religiöser Glaube eine ganz persönliche Entscheidung ist, so
geschieht er doch in Mentalitätsgruppen. Und diese Mentalitäten sind von
Gruppe zu Gruppe verschieden. Erlauben Sie mir das zu erläutern durch
einen Witz, den mir der deutsche Philosoph Robert Spaemann erzählt hat.
Er lautet so: „Ein Engländer, ein Franzose und ein Deutscher sollen mit
dem Fallbeil hingerichtet werden. Der Engländer wird als erster gefragt:
Mit oder ohne Binde vor den Augen?. Der Engländer: mit offenen Augen.
Er beugt sich nieder, das Fallbeil kommt, bleibt über dem Hals hängen,
schneidet nicht. Der Richter konstatiert: Maschine funktioniert nicht, sie
sind frei können, gehen. Der Franzose wird gefragt: Mit verbundenen oder
mit offenen Augen. Er sagt: mit verbundenen Augen. Fallbeil kommt,
schneidet nicht, der Richter sagt: Sie sind frei. Der Deutsche wird das
Gleiche gefragt. Er antwortet: ist mir gleich, reparieren Sie zuerst die
Maschine.“
Menschen und Völker haben verschiedene Mentalitäten. Auch bei
getauften Christen bleiben die Mentalitäten verschieden. Ich denke:
Katholiken in Mitteleuropa – ich nenne sie Germanen, denn zu ihnen
gehören neben uns Deutschen die Österreicher, die Deutsch-Schweizer, die
Flamen, die Niederländer – wir haben ein besonderes Bedürfnis nach
Ordnung, nach gutem Funktionieren, nach Regeln, nach Zuverlässigkeit.
Wir können nicht gut leben in einer Welt, in der es keine Regeln gibt oder
die man nicht kennt. Wir wollen korrekt sein. Wir haben auch ein
besonderes Bedürfnis, mit staatlicher und kirchlicher Autorität
übereinzustimmen. Vieleicht steckt dahinter eine gewisse Angst. Es muss
nicht Ordungsliebe sein, vielleicht haben wir auch Angst, uns in wichtigen
Dingen auf unsere persönliches Urteil zu verlassen. Wir sind auch
Systematiker, was sich nicht nur in unseren großen Philosophen wie Kant,
Hegel und Marx zeigte, sondern auch im Maschinenbau und in der
Buchhaltung. Wo es genau zugehen muss, sind wir Meister. Andere
Populationen sind vielleicht spontaner, vielleicht auch pragmatischer, sie
improvisieren lieber und auch nicht schlecht.
Und nun müssen deutsche Katholiken mit einem Vatikan auskommen, der
nun nach Gottes Zulassung in Italien ist. Und dort gehen die Uhren sehr
anders.
Erlauben Sie mir eine kleine Systematik in Europa. Wir haben - meiner
Ansicht nach - vier Mentalitätsgruppen: die ordnungsliebenden Germanen,
die pragmatischen Angelsachsen, die mystischen Slaven und die flexiblen
Romanen. Die Germanen habe ich schon charakterisiert. Die Angelsachsen
verstehen es sehr gut, pragmatische Lösungen für weltanschauliche Fragen
des Staates und der Gesellschaft zu finden. Sie machen dafür keine Kriege.
Sie arrangieren sich friedlich. König Heinrich VIII. brach nicht mit Rom
wegen theologischer Fragen wie Martin Luther, sondern weil er eine neue
Frau wollte.
Die Slaven nenne ich mystisch, weil sie wohl tief innen eine religiöse Ader
haben. Sie brauchen offenbar in der großen Menge, unter den
Intellektuellen keine Aufklärung für ihren christlichen Glauben, keine
Auseinandersetzung mit der Vernunft wie wir Germanen, sie singen daher
jahrhundertelang die gleichen Hymnen und formulieren ihren Glauben
auch nicht neu.
Die Romanen wiederum „ticken“ sehr anders, speziell die Römer sind
Juristen, die gut begehbare Brücken schlagen zwischen Recht und Leben.
Sie haben aber – wie mir scheint - einen siebten Sinn für Unsichtbares, für
Geheimnisvolles. Sie sind nicht so nüchtern wie wir Germanen. Das
Mysteriöse, Geheimnisvolle spielt in ihrem Alltagsleben eine viel größere
Rolle als bei uns Germanen.
Und diese Verschiedenheit der Mentalitäten schlägt sich auch im Glauben
der einzelnen Völker nieder. Der christliche Glauben wird von
Angelsachsen anders gelebt als von Germanen, von Romanen anders als
von Slaven. Die Glaubensspaltungen in Europa spiegeln ein wenig auch
die Verschiedenheit der Mentalitäten wider. Sie haben zwar auch wirktlich
theologische und historische Gründe, aber auch die
Mentalitätsunterschiede spielen für die Spaltungen eine Rolle. Den
Germanen Martin Luther und die Theologen seiner Zeit haben fragwürdige
theologische Ansichten über Ablass und Rechtfertigung mehr umgetrieben
als sie romanische, slawische und angelsächsische Theologen umgetrieben
haben. Die Abspaltung der Ostkirchen und der Anglikaner haben
wesentlich mehr politische Gründe als die Trennung zwischen Wittenberg
und Rom.
Und nun müssen Katholiken nördlich der Alpen, in dem Bereich, den ich
Germanien nenne, leben mit einer Kirchenleitung, die in Italien sitzt und
daher bisher mehrheitlich durch Italiener geprägt ist. Das wird meiner
Ansicht nach bis zum Ende der Welt eine Spannung hervorrufen. Oder
wenigstens so lange, wie die Weltkirchenleitung eben in Rom bleibt.
Ich glaube, das Phänomen der verschiedenen Mentalitäten wird für
theologische Diskussionen im Allgemeinen zu wenig beachtet. Vielleicht
liegt das auch daran, dass die Mentalitätsunterschiede dann eine geringere
Rolle spielen, wenn die Kirche von außen bedroht wird. Wenn ein Hitler
oder Stalin die Kirche bedrohen, spielen innerkirchliche Differenzen eine
viel geringere Rolle. Auch ein Bismarck liess Differenzen zwischen
deutschen Katholiken und dem Vatikan klein erscheinen. Wenn Bedrohung
von außen kommt, halten Katholiken zusammen.
4. Geistesgeschichtliche Entwicklungen.
Kann Franziskus die Kirchenkrise meistern? Er steht nicht nur
verschiedenen Mentalitäten gegenüber, sondern lebt auch in einer
bestimmten geschichtlichen Situation. In welcher Situation befinden wir
uns? Sicher spielt die Aufklärung auch heute ein große Rolle. Das
bedeutet, dass der Mensch selber denkt, dass er sich nicht vorschreiben
lässt, was er zu denken und zu glauben hat. Diese Lage hat aber auch
wieder ihre Geschichte, der wir uns kurz zuwenden müssen. Um die
Dramatik von Glauben und Kirche zu verstehen, müssen wir sogar weit
zurück schauen. Ich denke, dass man sagen kann: bis etwa zum Jahr 1500
lebten die christlichen Vordenker Europas südlich der Alpen in Italien,
Spanien, Portugal. Ab 1500 lebten die Vordenker nördlich der Alpen. Bei
den Südländern aus Italien denke ich an die Theologen Antonius von
Padua, Thomas von Aquin, an die Wissenschaftler Galileo Galilei,
Leonardo da Vinci, Giordano Bruno und an Dante. Aber auch die
spanischen und portugiesischen Welteroberer kamen aus dem Süden. Etwa
ab der Reformation und vor allem der Aufklärung lebten die Vordenker im
Norden. Im deutschen Sprachraum waren es dann vor allem die
Philosophen, die etwa in Kant und Hegel mündeten. In ihrem Gefolge und
auf ihrem Rücken kamen dann die großen Exegeten und Theologen. Sie
haben ganz wesentlich das zweite Vatikanische Konzil beeinflusst und
geprägt. Ich nenne nur Romano Guardini, Karl Rahner, Josef Ratzinger,
Hans Küng. Neben ihnen müsste man noch die Franzosen Teilhard de
Chardin, Henri de Lubac und viele andere anführen.
Für die Lehre von der Religionsfreiheit sind noch Angelsachsen zu
erwähnen. Vor allem die Liturgiereform aber war von Mönchen nördlich
der Alpen geprägt worden. Im Süden gingen die Uhren sehr anders, vor
allem in Sachen Religionsfreiheit. Dort waren Theologen noch der
Ansicht: da die katholische Kirche die Wahrheit vertritt, hat der Staat die
Pflicht die katholische Kirche zu schützen. Andere Konfessionen dürfen
tolleriert werden, aber sie haben kein Recht. Nur die katholische Kirche
hat ein Daseinsrecht und muss daher vom Staat geschützt werden. Diese
Ansicht widersprach vollständig vor allem der Erfahrung in den USA, wo
engagierte Christen die Erfahrung gemacht hatten: Glaube und Kirche
leben viel besser, wenn sich kein Staat, wenn sich keine Fürsten
einmischen. Religion braucht Freiheit von Fürsten, von staatlicher
Einmischung.
Wichtig, um die heutige Kirchensituation richtig zu beurteilen, ist die
Erkenntnis: die geistigen Uhren gehen verschieden. Das was wir in Europa
denken, mag stimmen. Aber vermutlich irren wir in der Ansicht, dass in
den anderen Teilen der Weltkirche ähnlich gedacht wird, dass ähnliche
Wünsche an die Kirchenleitung herangetragen werden. Meist meinen wir
ja unbewußt, dass die ganze Welt so ähnlich denkt wie wir. Und das ist
ziemlich sicher falsch. Es erhebt sich also sofort die Frage: müssten sich
die verschiedenen Teile der Weltkirche nicht auch verschieden entwickeln
können, damit der Glaube überall in der jeweils möglichen Form lebt?
Können und sollten kirchliche Gesetze nicht von Zeit zu Zeit und von Ort
zu Ort geändert werden?
5. Was will Papst Franziskus?
Es geht immer noch und immer wieder um die Frage: Kann Papst
Franziskus die Kirchenkrise wenden?
Ich möchte an dieser Stelle noch einmal meine Überzeugung
unterstreichen: es geht nicht um eine Kirchenkrise, sondern um eine Krise
des Glaubens in Mitteleuropa. Wir haben in Mitteleuropa die weltweit
einmalige Chance zwei Kirchen zu vergleichen, die strukturell von nahezu
gleichen Voraussetzungen ausgeht: die katholische und die evangelische
Kirche mit hoher Theologie, großer Geschichte, gleicher Größe, guter
Struktur, guter Finanzierung. Eine solche Situation gibt es nur noch in der
Schweiz, sonst nirgends.
Was also will Papst Franziskus und welchen Einfluss kann er haben auf die
Glaubenssituation mitten in Europa?
Papst Franziskus will wohl primär keine andere Theologie und primär
keine Stukturreformen. Und da wir „Germanen“ besonders gut sind in
Fragen der Theologie und der Strukturen, sind wir besonders gefährdet,
ihn nicht zu verstehen und nach einer Weile von ihm enttäuscht zu sein. Es
geht ihm vor allem um eine Haltung, um eine Einstellung. Er spricht
weniger lehrend als profetisch. Und solches Sprechen ist immer
provozierend, nicht gemütlich, es wirkt auch unrealistisch.
Ich versuche zusammenzufassen, was aus seinen Worten und Gesten
hervorgeht:
a) Papst Franziskus ist nicht liberal, sondern radikal. Er will zurück
zur Radikalität des Evangeliums. Das ist einerseits Barmherzigkeit,
Erbarmen mit dem Sünder. Er bezeichnet sich ja auch selbst vorrangig als
Sünder. Aber damit behauptet er nicht, es gebe keine Sünde, oder Sünde
sei nicht so schlimm. Nein – er fordert die Anerkennung der eigenen
Sündigkeit, das Bekenntnis der Sünden. Aber er unterstreicht: Gott liebt
den Sünder, Gott wendet sich dem Sünder in besonderer Weise zu. Und
weil Gott dies tut, muss auch jeder Christ und erst recht jeder Amtsträger
in der Kirche sich dem Sünder zuwenden, darf ihn nicht verurteilen. Wer
bin ich, dass ich den Homosexuellen, der Gott sucht, verurteile? Sagte er
im Flugzeug. Wer bin ich, dass ich die geschiedene und wieder
verheiratete Frau, die um Gott ringt, verurteile? Die Sünde wird nicht
geleugnet oder verharmlost, aber der Sünder muss geliebt an angenommen
werden. Indirekt kritisiert Papst Franziskus also ein verbreitetes Tun und
Reden in der Kirche. Er führt zurück zur Haltung Jesu, der die Sünde hasst
und den Sünder liebt.
b) Papst Franziskus verkündet vor allem die Liebe Gottes zu den
Menschen. Er hat wohl auch den Eindruck, dass die Kirche die
Verkündigung der Liebe Gottes zum Menschen zu wenig gepflegt hat, aber
zu sehr den ethischen Anspruch des Evangeliums in den Vorderdgrund
geschoben hat. Er betont immer wieder, dass wir zunächst und ohne
Unterbrechung die Liebe Gottes zum Menschen verkünden müssen. Er
scheint die allgemein üblich gewordenen Praxis der Kirche zu kritisieren.
c.Papst Franziskus will durch seine Lebensweise, durch Taten und
Gesten überzeugen. Er hat erkannt, dass der moderne Mensch nicht
durch Worte überzeugt wird, sondern durch Taten. Oder anders: Er nimmt
einem Sprechenden die Worte nur ab, wenn sie durch Taten und Gesten
gedeckt werden. Der moderne Mensch glaubt dem Sprechenden nur, wenn
die Worte durch Taten bewahrheitet werden. Indirekt sagt er seiner Kirche:
Ihr müsst vorleben, was ihr fordert. Nur dann werden eure Worte
glaubwürdig.
d.Papst Franziskus zeigt sich in seinem Reden und Schreiben weniger
als Theologe, denn als Profet. Er kritisiert in schärfster Weise das
weltweite Wirtschaftssystem, das er wahrnimmt. Und wegen dieser seiner
Kritik wurde er schon scharf kritisiert. Man darf aber wohl sein
apostolisches Schreiben nicht als ein kirchliches Lehrschreiben in der
traditionellen Weise lesen. Man muss es wohl als einen profetischen Apell
lesen, nicht als Lehrschreiben eines Fachmanns, sondern als einen Ruf in
die Wüste. Man soll sich von ihm betreffen, ja vielleicht sogar ärgern
lassen. Nur dann versteht man ihn so wie er verstanden sein will.
e.Papst Franziskus will eine dezentralere Kirche. Er hat schon
ausdrücklich gesagt, es würden zu viele Klagen wegen mangelnder
Rechtgläubigkeit nach Rom geschickt. Richtiger wäre es, sie in den
Ortskirchen zu klären. Die Ortskirche sei der richtige Ort, sich mit den
Klagen auseinanderzusetzen. Er nennt sich selbst immer wieder nicht
Papst sondern „Bischof von Rom“.
Freilich weiß ich noch nicht, wie dann eine Dezentralisierung durchgeführt
wird. Ich würde sie ihm aber sehr anraten. Freilich muss sie mit Vernunft
und Augenmaß gemacht werden, denn das Papstamt hat allergrößte
Bedeutung für Ortskirchen, die unter Diktatoren leiden. Dezentralisierung
darf nicht unter antirömischer Mentalität stattfinden. Auch geht der
Zentralismus nicht primär auf vatikanische Machtgelüste zurück, sondern
ebenso sehr auf den Wunsch von Ortsbischöfen, Verantwortung nach oben
abzuschieben. Die technischen Möglichheiten haben auch zur
Zentralisierung beigetragen.
Papst Franziskus unterstreicht die spezifische Rolle der Frau in der
Kirche. Er hat wiederholt erklärt, dass die Rolle der Frau in der Kirche
neu gefunden werden muss. Eine Theologie der Frau müsse vertieft
werden. Amt und Würde seien zu unterscheiden. Er erklärt auch, dass
Maria wichtiger sei als Papst, Bischöfe und Priester, also die Amtsträger.
Man kann sich fragen, was er damit sagen will. Ich habe meine persönliche
Interpretation: Er sagt für die Weitergabe des Glaubens ist die Familie,
sind Mütter und Großmütter wichtiger als Amtsträger. Vielleicht kritisisiert
er indirekt eine Überbetonung des kirchlichen Amtes und der
Amtshandlungen, wie auch der Eucharistie. Vielleicht will er sagen: Durch
Jahrhunderte wurde der Glaube an Jesus Christus nicht durch Priester
weitergegeben, sondern in der Familie, auch nicht bei der Eucharistiefeier,
sondern im Gebet der Familie. Durch die Wiederentdeckung der
Bedeutung der Eucharistie sind wir aus einem Straßengraben in einen
anderen gefahren. Wir müssen die verschiedenen Gebetsformen von früher
wieder entdecken. Erst wenn wir sie wieder entdeckt haben, können wir
die Eucharistie in der richtigen Weise feiern. Das ist meine persönliche
Interpretation seiner Unterstreichung von Maria und der Rolle der Frauen.
Aber Papst Franziskus hat auch mehrfach unterstrichen, dass die Rolle der
Frau in der Kirche neu entdeckt werden muss. Vor allem dort, wo
Entscheidungen getroffen werden, müssten Frauen präsent sein und gefragt
werden. Ich bin gespannt, ob er neben Konzilien und Synoden, auf denen
bisher nur Männer entschieden, Frauengremien einführen wird.
f.Papst Franziskus wendet sich in ausdrücklicher Weise den Armen
zu. Schon die Wahl seines Namens Franziskus ist ein Aufruf, sich dem
armen Jesus anzuschließen, der sich besonders den Armen zugewandt hat.
g.Papst Franziskus nimmt die geschichtliche Veränderung des
Menschenbildes ernst. Er wies in seinem großen Interview mit der
Civilta cattolica auf die Veränderung des Menschenbildes im Lauf der
Geschichte hin. Er verweist darauf, dass die Kirche lange Zeit Sklaverei
und Todesstrafe gebilligt habe, sie aber nun ablehne. Das Menschenbild
habe sich geändert. Er geht also davon aus, dass es sich auch heute und in
Zukunft weiterhin ändern wird. Er zeigt damit eine Flexibilität, die manche
der katholischen Kirche nicht zugetraut hätten.
h.Papst Franziskus anerkennt die Hierarchie der Wahrheiten. In dem
gleichen Interview spricht er auch von einer Hierarchie der Wahrheiten.
Nicht alle Sätze des Glaubensbekenntnis und alle Lehren der Dogmatik
und des Kathechismus haben also das gleiche Gewicht, die gleiche
Bedeutung. Wenn man alle Lehren auf die gleiche Ebene hebt und allen
das gleiche Gewicht gibt, dann verfälscht man die Glaubenslehre. Und er
unterstreicht in den Interview, dass der Kommunionempfang nicht eine
Belohnung für die Braven sei, sondern auch eine Hilfe für die Schwachen.
i. Papst Franziskus will die Praxis der Kirche ändern. Vieles was er
sagt und tut, kann man auch verstehen als eine leise Kritik an kirchlicher
Praxis. Man muss es nicht verstehen als Kritik an der Theorie und an der
Theologie, aber an der Praxis der Kirche.
6. Kann nun endlich Papst Franziskus die Glaubenskrise wenden?
Man kann nach all den Vorüberlegungen eigentlich jetzt nur sagen: Er
kann nur Voraussetzungen schaffen, damit Glaube an Gott und an Jesus
Christus wieder auflebt. Aber den Glauben wirklich hervorbringen, kann er
natürlich nicht. Er kann Glauben ebenso wenig schaffen wie Eltern den
Glauben ihrer Kinder machen können. Glauben ist immer eine Gnade, ein
Geschenk Gottes.
Freilich kann man auch sagen: Glaube ist Frucht der Reflexion auf das
Leben, auf die Erfahrung der Welt und ihrer Geschichte. Der christliche
Theologe lehrt: Glaube ist ein Geschenk Gottes, ist Gnade. Glaube ist der
Sprung in ein Dunkel und die Erfahrung, dass der Sprung – nachdem er
getan ist – nicht ins Nichts und ins Leere führt. Wer den Sprung des
Glaubens gemacht hat, erfährt dass das Vertrauen trägt. Aber Glaube ist
natürlich immer wieder bedroht. Schreckliche Erlebnisse können ihn zum
Wanken bringen. Aber auch die Oberflächlichkeit des Alltags können ihn
sterben lassen. Glauben muss gepflegt werden. Zur Pflege kann gehören,
dass der Glaubende morgens dem Herrn für die Nacht dankt, dass er
abends wiederum Dank sagt. Ohne solche Pflege kann der Glaube
absterben.
Manchmal kann man sich fragen, ob eine gewisse Not hilft, den Glauben
zu bewahren, den Glauben zu pflegen. Man kann sich fragen, ob eine
schwere Krankheit hilft, nach Gott zu rufen. Man kann sich fragen, ob ein
Krieg, eine Hungersnot, eine Seuche helfen, den Glauben an Gott zu
pflegen, zu fördern. Man kann sich fragen, ob nur Not das Beten lehrt.
Vor allem aber: ein Papst ist nicht Herr des Glaubens. Er erschafft ihn
nicht, er kann ihn höchstens fördern oder auch behindern.
Vielleicht ist folgende Interpretation hilfreich:
Papst Franziskus will kein Lehrer sein, sondern ist ein Prophet. Was ist
damit gemeint? Ich muss mich langsam an die Antwort herantasten:
Ausgangspunkt ist dieser scheinbare Widerspruch: Christus liebt den
Sünder, aber er hasst und verurteilt die Sünde. Vielleicht müssen wir
diesen Gegensatz neu in den Blick nehmen und aushalten. Gott liebt den
Sünder, aber verurteilt das Tun des Sünders – ohne damit gleichzeitig den
Sünder zu verurteilen.
Weil dies so ist, müssen wir zwei uns vermutlich unbewusste
Vorstellungen von Christus aufgeben: Christus als der liebevolle Streichler,
der mit allen nur barmherzig ist, für den die Sünde nicht so wichtig ist, der
implizit sagt: Lüge, Verrat, Unehrlichkeit, Ehebruch sind nicht so wichtig.
Nein; er verurteilt tatsächlich die Sünde und zwar scharf. Das ist die eine
falsche Christusvorstellung, die vielleicht manche auch in Franziskus
sehen.
Die andere falsche Christusvorstellung ist die, dass er nur ein moralischer
Lehrer ist, der die zehn Gebote des Alten Bundes einschärft und verschärft,
der Lehrer der Bergpredigt. Er ist in dem Sinne auch der Theologe, der ein
neues Gottesbild lehrt und darauf eine Kirchenstruktur aufbaut. Eine
Kirchenstruktur, die klare Weisungen und Normen gibt, bei der es klar ist,
wer drinnen und wer draußen ist. Auch diese Christusvorstellung ist falsch.
Er ist eben der, der die Sünde verurteilt und den Sünder liebt. Wir müssen
mir diesem scheinbaren Widerspruch leben. Das wird gerade uns
„Germanen“ schwer fallen, denn wir neigen in besonderer Weise dazu,
klare Weisungen, klare Normen zu bekommen, uns an sie halten zu wollen.
Es kommt dazu, dass wir Germanen in gewisser Weise über Jahrhunderte
zu denjenigen gehören, die die größten Philosophen und Theologen
hervorgebracht haben, weil wir den Dingen mehr als Andere auf den
Grund gehen. Und wir Germanen möchten in unserer Sehnsucht nach
Klarheit im Denken auch klare Strukturen. Wir sind sehr gut im Bau von
Strukturen. Wir suchen darin die Sicherheit, weil wir mehr als Andere
Angst haben. Unsere Stärken sind philosophisches und theologisches
Denken und Leben in funktionierenden Strukturen.
Und das was ich mit prophetischem Reden und Tun meine, passt nicht in
diese Schemata. Jesus sprach prophetisch, sprengte die Denkstrukturen
von damals und sprengt die unsrigen. Und Franziskus geht hier auf den
Spuren Jesu. Ich gebe diese zum Überlegen. Vielleicht liegt hier eine Spur,
die uns hilft.
Betrachten wir noch ein paar Voraussetzungen, damit Glauben wachsen
kann:
Ein Papst kann durch seine Worte und Taten die Voraussetzungen schaffen,
damit das Glauben an Gott, an Jesus Christus, an seine Botschaft leichter
wird. Glaubenszeugen sollten glaubwürdig sein. Wenn sie es nicht sind,
verhindern sie Glauben. Aber der Glaube an Gott und an Jesus Christus
dürfen eigentlich nicht von der Glaubwürdigkeit der Zeugen abhängen.
Denn schon die ersten Glaubenszeugen – die Apostel - haben versagt
angesichts der Versuchung, haben Jesus verraten und verlassen. Sie haben
es den Glaubenden schwer gemacht, aber eigentlich darf der Glaube nicht
von der Glaubwürdigkeit der Zeugen abhängen. De facto aber hängt er oft
von ihrer Glaubwürdigkeit ab.
Ein Papst kann Hindernisse für den Glauben verringern oder sogar
beseitigen. Hindernisse für den Glauben sind zunächst einmal Irrtümer:
Wenn also Menschen meinen, Dinge glauben oder annehmen zu müssen,
die überhaupt nicht angenommen oder geglaubt werden müssen. Einfache
Irrtümer sind die Meinung, Amtsträter, also Priester oder Bischöfe hätten
immer recht. Sie können ebenso irren wie andere Christen. Ein anderer
Irrtum ist die Ansicht, alles, was in der Bibel steht, sei wortwörtlich als
wahr anzunehmen. Ein weiterer Irrtum ist, kirchliche Amtsträger seien
ohne moralische Fehler oder erheben den Anspruch, ohne Fehler zu sein.
Ein subtilerer Irrtum ist, anzunehmen, dass alle Lehren oder Vorschriften
der Kirche gleich wichtig sind. Es gibt eine Rangordnung in der
Wichtigkeit, eine Hierarchie der Wahrheiten, nicht alles ist gleich zentral.
Vor allem aber können überzeugende Christen helfen, dass Glauben
wächst. So etwa eine Mutter Teresa oder ein Roger Schütz. Aber natürlich
auch ein Papst, weil er nicht nur wie die Genannten fast zufällig auftritt,
sondern weil Päpste eben die Verantwortlichen für Glauben und Kirche
sind. Wenn sie sich so verhalten wie man es vom Evangelium her erwartet,
dann sind sie eine besondere Hilfe zum Glauben. In diesem Sinn kann
Papst Franziskus Glauben wecken und die Glaubens- und Kirchenkrise
wenden.
Es muss aber noch etwas angefügt werden. Der religiöse Glaube muss
auch getragen sein von einem Minimum an Wissen um den Glauben. Und
an diesem Wissen fehlt es heute meiner Ansicht nach gewaltig. Wissen die
Menschen in Europa heute noch hinreichend, wann und wo Jesus Christus
gelebt hat, haben sie eine Ahnung von seinen wichtigsten Ausssagen, von
der Bergpredigt, von den Seligpreisungen. Haben sie eine Ahnung von
seinem Lebensschicksal, von den zwölf Aposteln, der Apostelgeschichte?
Haben sie eine Ahnung von den zehn Geboten, vom Schöpfungsbericht,
von Moses und David. Ich fürchte es fehlt gewaltig.
Umberto Ecco hat kürzlich gesagt: man versteht 75 Prozent der
europäischen Kultur nicht, wenn man das Alte und das Neue Testament
und die Heiligengeschichten nicht kennt. Mit anderen Worten: Wenn man
von der Bibel keine Ahnung hat, kann man die Kultur Europas nicht
verstehen. Das unterstürzt meine These: Hinter der Kultur Europas steht zu
einem großen Teil das Christentum. Man kann Europa nicht verstehen und
auch nicht weiterbauen, wenn man das Christentum zu einer Privatsache
macht. Es ist keine Privatsache, sondern Quelle unserer Kultur.
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Seele and Geist
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