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Ein Haus wie eine Wundertüte - baukuenstler.ch

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Reportage
Auszug aus der Zeitschrift
DAS EINFAMILIEN
HAUS
erschienen am
28. November 2013
©Etzel Verlag AG
Ein Haus wie eine Wundertüte
In aussichtsreicher Lage oberhalb des Hallwilersees liegt ein Neubau, der mit verspielten Elementen und einer Portion Extravaganz punktet. Herzstück des Hauses ist die überhohe Wohnküche mit ihrem archaischen Lehmofen.
Von Alice Werner (Text) und Markus Zuber (Fotos)
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Das Einfamilienhaus 6/2013_35
Reportage Ein Haus wie eine Wundertüte
Foto gross) Der Holzwürfel mit der verspielten Fassade ist nach baubiologischen Standards konstruiert.
1) Unbezahlbar: die Aussicht weit ins Land hinaus.
2) Der kurvige Pfad aus Steinplatten schlängelt sich auf Umwegen zum Haus.
3) Die Lage am Rand der Landwirtschaftszone gab den Ausschlag für den Kauf des Grundstücks.
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Das Einfamilienhaus 6/2013_37
Reportage Ein Haus wie eine Wundertüte
Foto gross) Mit der offenen Wohnküche erfüllte sich ein Herzenswunsch. Front und Parkett: Eschenholz.
1) Der archaische Lehmofen ist die ökologische Wärmequelle für das ganze Haus.
2) Auf der breiten Ofenbank, Raumteiler zum tiefer liegenden Arbeitszimmer, möchte man es sich gleich bequem machen.
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Reportage Ein Haus wie eine Wundertüte
1) Im Bad wird die freistehende Wanne vor der Lehmwand zum Blickfang.
2+3) Der Bezug zum Aussenraum ist ein wichtiger Teil des Wohnkonzepts.
4) Auf einer der Dachterrassen findet sich immer ein schattiges Plätzchen.
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> Wenn Claudia Nothelfer und ihr Mann Christoph Andenmatten am Küchentisch sitzen, geniessen sie einen freien Blick über
sanft geschwungene Hügel bis hinunter zum Hallwilersee. «Das ist
wirklich ein aussergewöhnlich schönes Panorama», schwärmt die
Hausherrin, die am Bodensee aufgewachsen ist und die liebliche
offene Landschaft und die wasserreiche Umgebung zwischen
Luzern und Lenzburg daher besonders schätzt. Ursprünglich war
das Ehepaar auf der Suche nach einem alten Bauernhaus in Pendeldistanz zu Zürich, dachte «eher an einen Umbau als an einen
Neubau». Doch dann stiess Claudia Nothelfer zufällig auf den von
der Aargauer Gemeinde Boniswil angebotenen Bauplatz auf einer
ehemaligen Obstwiese am Hang – und die Pläne änderten sich
rasch: Die aussichtsreiche Lage des Grundstücks mit direkter
Grenze zu einer landwirtschaftlich genutzten, also baufreien Zone
konnte man sich nicht entgehen lassen.
Den hinzugezogenen Lenzburger Architekten Roland Hüsser und
Stefan Schmid legte das Ehepaar Nothelfer/Andenmatten die
Grundideen zu ihrem neuen Eigenheim vor: ein Holzwürfel mit
verspielter, farbiger Fassade, nach baubiologischen Standards und
mit möglichst vielen Naturmaterialien konstruiert. Zentrum des
Hauses sollte eine offene, behagliche Wohnküche mit Zugang zu
Terrasse und Garten werden.
Kompakter Baukörper «Die Kubatur war dann eigentlich bald
gefunden», sagt Architekt Roland Hüsser, der zusammen mit der
Bauherrin durchs Haus führt. Ein kompakter Baukörper, in alle
vier Himmelsrichtungen geöffnet und gekrönt von einem frei
angeordneten Attikageschoss. «Wir wollten die erlaubte Gebäudehöhe ausnutzen», erklärt Hüsser. Da das Terrain auf Wunsch der
Bauherrschaft nicht unnötig verändert werden sollte, ist das Haus
halbgeschossig versetzt, die Räume organisieren sich im Grundriss
auf einem Splitlevel. Den topografischen Gegebenheiten geschuldet ist auch der Zugang zum Haus, der hangseitig von oben
erfolgt. Hier kann man wählen, ob man den direkten oder einen
leicht gewundenen Umweg nimmt. Hausherrin Claudia Nothelfer
lacht, denn der kurvige Pfad aus Steinplatten durch die Wiese war
ihr Einfall. Auch Roland Hüsser schmunzelt und erinnert an die
Projektplanung: «Statt 0815 war Eigenwilligkeit gewünscht.» Diese
Haltung, die Freude an einer Portion Extravaganz, sieht man dem
Neubau an. Umhüllt mit einer Schalung aus hellem Lärchenholz,
das durch Witterungseinflüsse noch silbrig vergrauen wird, sorgen
die spielerisch über die Wohnebenen verteilten Fensteröffnungen
in unterschiedlichen Formaten für dynamische Spannung.
Durchdachtes Farbkonzept Akzente setzen auch die bunten Fassadenelemente. Drei Farben tauchen aussen wie innen immer wieder auf: Lavendel-Lila, Frauenmantel-Grün und Rosmarin-Blau,
je nach Lichtverhältnissen kräftiger oder zarter im Ton. Dahinter
steckt ein durchdachtes Konzept der Illustratorin und Gestalterin
Mo Richner, das eine Übersättigung an Farbe, eine Reizüberflutung verhindert. Auffällig-unauffällig, so könnte man den Gesamteindruck vielleicht am besten beschreiben. Nur für den Eingangsbereich und das zentrale Treppenhaus wünschte sich Claudia
Nothelfer «noch etwas Griffigeres als reine Farbflächen»: Kunst am
Bau. Und so durchzieht nun ein fantasievoller Motivreigen Decken und Wände; direkt auf die hellgrün gestrichene Tapete gepinselt, flattern das ganze Jahr über Schmetterlinge, Pusteblumen,
Kleeblätter, Federn und andere Naturmotive durchs Haus.
Gemütliche Wohnküche Rechts vom Eingangsbereich geht es in
einen überhohen, lichtdurchfluteten Raum, auf den die profane
Bezeichnung «Küche» eigentlich nicht zutrifft. Denn hier wird
nicht nur gekocht, hier wird gelebt. Claudia Nothelfer war diese
offene und grosszügige, im wörtlichen Sinn zu verstehende
Wohnküche ein echter Herzenswunsch. Entsprechend liebevoll,
in warmen Tönen und mit vielen Textilien, ist die Einrichtung ausgefallen: weich fallende Vorhänge, Kissen, ein roter Teppich,
gepolsterte Stühle in Violett und Grün. Die sechs Stufen zum
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Arbeitszimmer, ein halbes Geschoss tiefer, sind mit grauem Filz
belegt. Als halbhoher Raumteiler zwischen diesen beiden Wohnbereichen dient die breite Ofenbank, auf der man es sich sofort
bequem machen möchte. Wie das Riemenparkett im Haus ist
auch die raumlange Küchenfront aus farbkernigem Eschenholz
gefertigt. Auf dekorative Weise belebt die unregelmässige Färbung
und markante Strukturierung des Holzes grosse Flächen. Überhaupt spielen Hölzer im Innenausbau, etwa bei den Fenstern und
bei verschiedenen Einbauten und Schreinerarbeiten im Haus eine
bedeutende Rolle. «Holz sorgt einfach für ein tolles Raumgefühl,
man spürt, dass hier lebendes Material verarbeitet wurde», sagt
Claudia Nothelfer.
Archaischer Lehmofen Dass in dem 4,40 m hohen Küchen-Wohnraum kein ungemütlicher Hallencharakter aufkommt, liegt neben
den vielfältigen inneren Sichtbezügen und Ausblicken in Garten
und Umgebung auch am quadratischen Grundriss. «Die richtigen
Raumproportionen entscheiden, ob man sich in einem Raum
geborgen fühlen und zur Ruhe kommen kann», ist Architekt Hüsser überzeugt. Und natürlich trägt der archaische Lehmofen, der
mit Holz des ansässigen Bauern befeuert wird und sich als ökologische Hauptwärmequelle durchs ganze Haus zieht, wesentlich
zur heimeligen Atmosphäre bei. Zu Demonstrationszwecken legt
die Hausherrin ein paar Scheite nach und facht die Glut neu an;
es knistert und knackt und bald duftet es auch ganz dezent nach
Wald. Schwere Lehm- und Schamottsteine und gut 15 Tonnen
Lehm haben die Handwerker um den Lehmbauer und Baubiologen Ralph Künzler für die anspruchsvolle Konstruktion des Ofens
benötigt, der auf allen Etagen in eine wärmeleitende Lehmwand
übergeht. Nicht die Treppe, sondern der mit baueigenem Lehm
verputzte Ofen bildet hier das Rückgrat des Hauses. «Eigentlich
haben wir ein Holzhaus um einen Ofen herum gebaut», sagt
Roland Hüsser schmunzelnd.
Bezug zum Aussenraum Vom Wohnbereich führt eine Holztreppe
auf gerader Linie ins Obergeschoss. Bei der Raumaufteilung stand
auch hier eine gewisse Grosszügigkeit Pate. So fand sich hinter
dem Treppenraum noch Platz für eine Ankleide: ein schlauchförmiges, komplett holzverkleidetes Zimmer mit offenen Regalsystemen bis unter die Decke. In dem geräumigen Badezimmer mit
«mutigem» Bandfenster zur Nachbarschaft wird die vor der hochgezogenen Lehmwand freistehende Badewanne zum unumstrittenen Mittelpunkt: Über ihr zaubern in die Gipsdecke eingelassene
Glasfaserbündel ein romantisches Sternenbild an die Decke. Vom
angrenzenden Schlafzimmer betritt man den nach Süden ausgerichteten, überdachten Balkon – der stetige Bezug zum Aussenraum ist wichtiger Teil des Wohnkonzepts. Gekonnt setzt sich im
Schlafzimmer auch das bekannte Spiel aus dem unteren Geschoss
der inneren Sichtbezüge fort: Durch eine kleine, quadratische Öffnung in der Wand blickt man hinunter in die Wohnküche und
hinaus auf den dahinterliegenden Hang. Auch dieser kleinen verspielten Details wegen hat das Haus einen Spitznamen bekommen: «Wundertüte». «Ich bin immer wieder erstaunt», sagt Claudia Nothelfer, «wie vielfältig sich unser Haus präsentiert. Es vereint ganz verschiedene Wohncharaktere.» Gleicht das Arbeitszimmer mit der markanten Lehmwand eher einer Tierhöhle, fühlt
man sich im lichten Attikageschoss dank der grossflächigen Verglasung so leicht und frei wie ein Vogel. Hier hat das Ehepaar sein
eigentliches Wohnzimmer mit zwei diagonal gegenüberliegenden
Dachterrassen. So kann man in der kühleren Jahreszeit mit der
Sonne wandern – und im Sommer immer ein schattiges Plätzchen
finden. <
1+2) Die Treppe passt zum Haus: geräumig, farbig, extravagant.
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Reportage Ein Haus wie eine Wundertüte
Dachgeschoss
Obergeschoss
531.45
532.90
533.05
abst.
532.90
433.05
dachgeschoss
Erdgeschoss
obergeschoss
Untergeschoss
428.15
528.36
525.65
528.18
527.10
untergeschoss
erdgeschoss
Konstruktion Ständerbau in Elementen. Bodenplatte und Kellerräume
in Beton. Dämmung mit Schaumglasschotter und -platten. Aufbau der
Aussenwände und Sumpfkalkschlämmputz 0,5 mm, geglättet. Gipsfaserplatten 10/15 mm. Ständer/Weichfaserplatte 180+180 mm. Schalung
13 mm. Lattung 30 mm. Schalung Lärche 24 mm. U-Wert (W/m2 K): 0,14.
Innenwände: Sumpfkalkschlämmputz 0,5 mm, geglättet, Gipsfaserplatten
15mm, Dreischichtplatten 50 mm oder 80 mm, Gipsfaserplatten 15 mm,
Sumpfkalkschlämmputz 0,5 mm. Fenster Holz/Metall.
Innenausbau Wände: Sumpfkalkschlämmputz 0,5 mm, geglättet oder
Tapete, gestrichen. Bodenbeläge: Riemenparkett Esche 24 mm, geölt auf
Lattung/Weichfaserplatten 30 mm, auf Weichfaserplatten 20 mm.
Architektur
Roland Hüsser & Stefan Schmid
GmbH für Baukunst
Dipl. Architekten ETH SIA SIB
5600 Lenzburg
Tel. 062 892 36 00
www.baukünstler.ch
Mitarbeit
Lukas Kaiser, dipl. Architekt FH
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Beteiligte Unternehmen
Holzbau
Ofenbau
Schreinerarbeiten und
Holzböden
Malerarbeiten
Gartengestaltung
Farbkonzept und Kunst am Bau
Schäfer Holzbautechnik AG, Aarau
Ralph Künzler Lehmbau, Winterthur
SchreineRey, Schöftland
Malerei Strub, Dottikon
Ruedi Lüthi, Kölliken
Mo Richner, Birrwil
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Kunst und Fotos
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