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19. Kapitel Die Schächte und Hütten des 16. Jahrhunderts Wie an

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19. Kapitel
Die Schächte und Hütten des 16. Jahrhunderts
Wie an dem Umfange der noch vorhandenen alten Schachthalden zu erkennen ist, gab es im
16. Jahrhundert nur kleine Schächte. Auf jeder Halde erhob sich ein aus Holz gezimmertes
Dach, unter dem der Haspel über dem Schachtloch stand. Neben der Halde lag ein kleines
Gebäude, die Kaue, die zur Aufbewahrung des Gezähes und der Habseligkeiten der Bergleute
diente. Der Schacht hatte einen Querschnitt von etwa 4 mal 4 Metern. Er war ringsum mit
starken Bohlen abgesteift. An zwei Seiten lief die Leiterfahrt, in der Mitte wurde der
Förderkorb auf- und abgezogen. Die Leitern, von denen jede fünf Meter lang war, standen
schräg und endeten auf einer an der Wand des Schachtes angebrachten Bühne. Über diese
erreichte der Bergmann die andere Leiter. So kam man schließlich auf der Schachtsohle in
einem Raume, dem so genannten Zugeweite, an, der nach obenhin erweitert und verzimmert
war. Der Korb setzte nicht auf der Sohle, sondern etwas tiefer auf, damit der Hunt, ein
niedriger vierrädriger Wagen, in dem die gewonnenen Schiefern vom Bergjungen nach der
Förderung "getreckt" wurden, besser und leichter aufschlagen (entleert werden) konnten.
Unter dem Balkenrost, auf dem der Korb aufsetzte, lag das Vorgesümpfe, wohin das Wasser
vom Ort her abfloss.
Die Belegschaft der Schächte bestand aus zwei Arbeitergruppen:
den über Tage im Tagelohn arbeitenden Haspelern und dem im Gedingelohn beschäftigten
Sinker, die unter Tage arbeiteten. Wer von ihnen frühmorgens zuerst auf dem Schachte
ankam, öffnete die Kaue und machte Licht. Die Sinker entnahmen einem Kasten einige
Lichte und steckten sie, bis auf eins, welches sie auf dem Fahrhut befestigten, in die Tasche.
Dann gingen sie zum Schachte. Bevor sie einfuhren, knieten sie nieder und sprachen halblaut
ein kurzes Gebet. Das Licht auf dem Fahrhute wurde erst auf der ersten Bühne angezündet,
um zu verhindern, dass es der Wind ausblies. Nun ging es weiter in die Tiefe. Vorsichtig trat
der Bergmann rückwärts eine Sprosse nach der anderen hinunter, wobei er sich mit beiden
Händen an den Fahrtholmen - nicht an den Sprossen - festhielt, weil ihm sonst der nächste
leicht auf die Hände treten konnte. Unten angekommen, nahm man das Licht vom Hute und
steckte eines in den Leuchter. Der bestand aus einem an einer Seite gespaltenen Aststück, in
dessen Zwinge das Licht gesteckt wurde. Dann setzten sie sich im Zugeweite nieder und
verzehrten ihr mitgebrachtes Frühstück. Das Frühstück vor der Arbeit war eine alte Bergmannsgewohnheit, denn das Frühstücken vor Ort wäre mit Schwierigkeiten verbunden
gewesen, da man im Liegen arbeiten musste, um nach Möglichkeit nur das niedrige Flöz
auszuhauen. Und zum Vorfahren nach dem Zugeweite während der Schicht hatte man keine
Zeit, weil das Gedinge so gesetzt war, dass scharf an die Arbeit herangegangen werden
musste, um das tägliche Brot zu verdienen. Nach dem Frühstück kramten die Leute aus
einem Winkel des Zugeweites ihre Sachen vor. Zuerst legten sie das Beinbrett an, das von der
linken Hüfte bis etwa unters Knie reichte. An den vier Ecken waren Lederriemen
eingepflöckt mit denen es festgebunden wurde. In die linke Hand nahmen sie die Latsche.
Das war ein Stück Brett, etwas länger als der Unterarm einschließlich der Hand, das vorn
etwas zugespitzt war. Außerdem war hier ein Holzpflock senkrecht eingelassen, der mit der
linken Hand umfasst wurde, sodass während der Fahrt der Unterarm auf dem Brette auflag.
So fuhren die Häuer in den niedrigen Gange, der kaum 50cm hoch war, vor Ort, jeder sein
Licht vor sich herschiebend.
Zur Ausrüstung des Bergjungen gehörte, außer sein Beinbrett und der Latsche noch der
Stönschuh (Steinschuh). Das war das abgeschnittene Fersenteil eines alten Schuhs, welches
sich wie eine Kappe um das rechte Knie legte. Beim Trecken stemmte sich nämlich der
Junge, um sich fortzubewegen, mit dem rechten Knie gegen das Hangende. Am rechten
Dorfbuch Hergisdorf, 19. Kapitel - Schächte des 16. Jahrhunderts Eine Chronik, erstellt von Karl Hempel, Dölau 1937 - 1944.
Unterarm hatte er das Armleder. Um dieses wurde der Riemen oder die Kette geschlungen,
mit der er den Hunt hinter sich her zog. Erst später - um 1600 - kam das Ziehen mit dem
Beine auf. Der Junge war mit seinem Hunte schon vor den Häuern vor Ort gewesen, um die
scharfen Keilhauen, die er dem Förderkorb entnommen hatte auszulegen. Jeder Häuer fand
daher, wenn er vor Ort kam, sein Gezähe vor und konnte sofort mit der Arbeit beginnen.
Die Häuer schrämten mit der Keilhaue den Lochen, den weichsten untersten Teil des
Flözes, aus. Das war eine harte Arbeit, weil sie im Liegen getan werden musste. Eine Folge
davon war, dass die Bergleute im Laufe der Jahre krumme Hälse bekamen. Sie wurden
deswegen auch Krummhälse genannt. Die losgehauenen Schiefern kratzten sie hinter sich.
Hatte ein Hauer einen Haufen losgehauen, so kläubte er ihn sorgfältig aus und warf das
ungültige Gestein hinter sich in die "Maire". Denn er hatte einen Eid geleistet, nur reine
Schiefem zu fördern. Wenn er unreine Schiefem lieferte, konnte er bestraft werden.
War ein Haufen ausgekläubter Schiefern vorhanden, so belud der Junge seinen Hunt
damit. Beim aufladen bediente er sich eines dreieckigen Brettstückes, der Limpe. Dann
treckte er den Hunt zur Förderung. Beim Aufschlagen (Entlehren) hatte er darauf zu achten,
dass er die Schiefem nicht ins Vorgesümpfe kippte, und der Förderkorb infolgedessen
vorzeitig aufgezogen wurde.
An der Haspel standen zwei Haspeler. ihre Tätigkeit bestand darin, den Förderkorb
mit dem Haspel aufzuziehen, zu entleeren und wieder herunterzulassen. Die ausgeschütteten
Schiefern kläubten sie noch einmal durch. Dabei kamen die guten in Bunker ähnliche
hölzerne Bauten, die man Schieferställe nannte, die schlechten auf die Halde. Bei den
letzteren konnte es sich nur um geringe Mengen handeln, da die Schiefern ja schon im
Schachte von den Häuern ausgekläubt waren. Die im Schachte ausgesonderten ungültigen
Schiefem wurden zum Versetzen der Gänge verwendet.
Am Ende der Schicht fuhr der Junge aus und brachte mit den Haspelern Wallholz und
Späne in den Förderkorb und fuhr wieder ein, während die Haspeler die Last in den Schacht
hinunterließen. Dann treckte er das Holz vor Ort, wo es von den Häuern am abzubauenden
Flöz aufgeschichtet wurde. In dieser Zeit hing der Junge die Keilhauen an das Seil, die für dir
nächste Schicht scharf gemacht werden mussten. Die Häuer aber fuhren aus, da ihre Arbeit
getan war. Denn das Anzünden des Holzes hatte der Junge zu besorgen.
Das Feuer am Flöz hatte den Zweck, das Gebirge zu erhitzen und dadurch Risse und
Sprünge hervorzurufen, wodurch dem Häuer am anderen Morgen die Arbeit erleichtert
wurde. Mit dem Anzünden des Feuers waren aber bestimmte Gefahren verbunden, und
schon mancher Junge hatte dabei sein Leben lassen müssen. Fing nämlich das trockene Holz
zu schnell Feuer, so kam der in die entstehenden Rauchschwaden und musste darin ersticken.
Man hätte ihn dann erst am nächsten Morgen vor Ort oder auf der Strecke gefunden, weil die
Häuer bereits ausgefahren waren und sich auch sonst niemand mehr auf dem Schachte
befand. Es hätte auch keiner mehr zur Rettung in den Schacht einfahren können, weil sich
durch das Feuer schlechte Wetter im Schacht bildeten. Sogar am anderen Morgen war beim
Einfahren noch Vorsicht geboten.
Beim Anzünden des Holzes hatte sich infolgedessen ein eigenes Verfahren herausgebildet. Es wurde "Schuss" gemacht, d.h. es wurden kleine Häufchen trockener Späne so um
das Licht herumgelegt, dass die Späne, wen das Licht heruntergebrannt war, auf dieses drauf
fielen und sie anbrannten. Der Junge gewann so Zeit, seinen letzten Hunt vorzutrecken, sich
der Beinbretter zu entledigen und aus dem Schachte auszufahren. Oben musste er allerdings
noch eine Weile warten, um sich zu überzeugen, dass der Holzstoss wirklich angebrannt war.
Dies machte sich durch einen feinen Brandgeruch bemerkbar, der allmählich immer stärker
wurde, bis dicker Rauch aus dem Schachte quoll. War aber der Holzstoss nicht angebrannt,
so musste er noch einmal einfahren. Erst wenn er dicken Rauch aus dem Schachte kommen
Dorfbuch Hergisdorf, 19. Kapitel - Schächte des 16. Jahrhunderts Eine Chronik, erstellt von Karl Hempel, Dölau 1937 - 1944.
sah, konnte auch er niederknien, sein kurzes Gebet sprechen und den Heimweg antreten.
Die vorstehenden Angaben wurden der Erzählung "Aus der Sturmzeit des Bauernkrieges"
von Erich Freygang entnommen. Das Bergmannsleben, wie es sich in den 1870er Jahren
unter und über Tage abspielte, schildert Heinz Zscheyge (ein Sohn des damaligen Kreisfelder
Pastors) überaus treffend in seinem Buch "Dämon Kultur" oder "Die Kanonenbahn" auf S.
33/34. Auch die übrigen Erzählungen des Buches atmen Heimatluft. Denkungsart,
Sprachweise und Charaktere sind lebenswahr. Die geschilderten Personen lebten tatsächlich
in Eckstedt (das ist Kreisfeld), wenn sie auch andere Namen tragen.
Dorfbuch Hergisdorf, 19. Kapitel - Schächte des 16. Jahrhunderts Eine Chronik, erstellt von Karl Hempel, Dölau 1937 - 1944.
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Seele and Geist
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