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Anna-Theresia Bohn So etwas wie An diesen Tagen, an denen der

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Anna-Theresia Bohn
So etwas wie
An diesen Tagen, an denen der Himmel seine Ellbogen stützt auf die
Dächer einer Stadt, deren Namen ich noch immer nicht aussprechen
kann, lasse ich mich von den Treppen hinunterführen zur Straße, der
ich nur so lange folge, dass ich auch zurückfinde und nicht warte
auf Linie 17, von der ich nun weiß, dass sie nur am Morgen um acht
Uhr sechzehn anfahren und halten wird, und weil ich einsteigen will,
werde ich wohl keine Zeit finden zu duschen. Ich werde nicht
geduscht in sauberer Hose in den Bus steigen. Auf Linie 17 warte ich
am Morgen bis acht Uhr sechzehn und die restlichen Stunden dieser
Tage warte ich auf den Morgen.
Macht nichts, dass ich warte und macht nichts, dass ich ein wenig
stinke, denn es regnet und der Geruch aus den Haaren wäscht sich
hinaus. Wenn ich die Augen schließe, rinnen die Tropfen an den
Wimpern die Wangen hinunter und ein bisschen salzig schmeckt es
auch. Ein bisschen nach Meer.
Wir sind aufs Meer zugelaufen, hinein und gegen eine Welle. Dana
hatte sich an ihrem Lachen verschluckt, die Augen zugekniffen. Ich
habe den Mund aufgerissen, wie ein Steinbutt, der nach Luft
schnappt, obwohl er an der Luft ist. Er liegt auf einem Holzbrett
und über seinen Augen Mutters Brüste und in ihrer rechten Hand ein
Messer für Fisch und Fleisch. Ich frage mich, ob der Steinbutt das
Messer sieht, er sucht es zumindest, als hätte er schon davon
gehört, sucht es, rollt seine Augen, vor und hinter.
Ich habe zu Dana gesehen, wie sie mit mir in der Flut badet. Die
Welle habe ich nicht gesehen, die hat mich hart umarmt, wie Mutter
den Fisch mit der linken Hand hart umschließt, dass er ihr nicht
entwischt, dass er nicht zappelt und sie sich nicht in den Finger
schneidet.
Das hat Dana getan. Im Wohnzimmer hat die Mutter dem Besuch die
Kirschtorte angeschnitten und in der Küche hat Dana sich in den
Finger geschnitten, weil sie den Fisch nicht fest auf das Holzbrett
gedrückt hat. Sie wollte nicht, dass ihm ihre Knochen schwer sind.
Der Steinbutt hat gezappelt und Dana hat aufgeschrien, dass ich
hinein in die Küche bin. Sie hat ihn an der Flosse gepackt und in
das Wasserbecken geworfen, zum schmutzigen Geschirr, dort ist er
geschwommen, zwischen Tassen und Tellern und Gabeln, deren Zacken
ihn am Bauch kitzeln. Vielleicht hat er gedacht, die Teller wären
von seiner Art, ich könnte ihn verstehen, ein wenig sieht der
Steinbutt aus, wie es unsere Teller tun. Er ist geschwommen und
immer um die Teller herum, bis ich Dana die Finger verbunden habe
und wir den Fisch hinaus in die Regentonne tragen konnten, dass
nicht der Vater kommt, weil er nach Tellern für die Kinder geschickt
wurde und auf der Suche danach den Stöpsel zieht, damit das Wasser
aus dem Becken läuft, die Essensreste durch das Rohr fließen und mit
ihnen ein nicht zubereiteter Steinbutt für das Abendessen, und Vater
greift ins Becken und holt zwei Teller für die Kinder, ohne sich die
Hände nass zu machen und denkt sich dabei, was ein guter Vater er
sei, und sagt zur Mutter, er habe auch noch gespült.
Dana hat nicht mehr Steinbutt essen wollen und ich dafür auch ihre
Portion, solange ich wusste, dass in unserem Regenwasser ein Fisch
schwimmt.
Die Augen reiße ich auf. Ich kann unter Wasser atmen, sage ich ihr,
wie ein Steinbutt. Und Dana prustet Wassertropfen, du bist kein
Steinbutt, sagt sie, das hoff ich zumindest.
Ich hab doch auch gesagt, wie einer. Ich nehme ihre Hand und
streiche sie über meine Haut.
Sind das Schuppen, frage ich.
Mir bleibt die Frage, bleibt unbeantwortet, bleibt gesagt, bleibt
ein Satz.
Wohin, habe ich zu Dana gesagt, als sie alleine ins Auto gestiegen
ist. Sie hat Gas gegeben, in Mutters Geranien. Seit dann haben die
Beiden selten telefoniert. Dana habe ihr keine neuen Blumen
mitgebracht, hatte die Mutter gesagt, als Dana dann irgendwann doch
wieder im Wohnzimmer auf der Couch saß, den Teller mit Kirschtorte
auf den Oberschenkeln. Dir geht es ja gut, hatte Vater gesagt und
ihr Geld für’s Benzin eingesteckt.
Sie hatte nicht gesagt, wohin. Und weil ich auf mein Wohin keine
Stimme abspielen kann mit dem Dahin, habe ich das Geld gezählt, dass
Dana mir zugesteckt hatte und bin hierhin.
Hier warte ich bis acht Uhr sechzehn auf Linie 17 in einer Pfütze,
die mir folgt, wenn ich einen Schritt zur Seite mache.
Es regnet und ein Junge hält den offenen Mund dem Himmel entgegen
und es sieht aus, als hätte man einen feuchten Lappen über sein
Gesicht ausgedrückt, dass die Konturen verschwimmen, und wo die
Tropfen aufschlagen, quillt es auf und an seinen Füßen sammelt sich
das Wasser. Auch an meinen.
Aber macht nichts, nasse Füße, das bin ich gewohnt, das ist nicht
schlimm. Auch wenn ich einmal geweint habe, als ich nasse Füße
hatte. Dana hat versucht, den Apfelsaft aufzusaugen, den sie auf den
Boden über meine Füße geschüttet hatte. Sie hat gesagt, wollte ich
nicht, entschuldige. Aber ich habe geweint und die Mutter hätte
deswegen in die Küche kommen können, also hat Dana mir meine Füße
trocknen wollen, hat den Apfelsaft vom Boden gesaugt. Dana, kleiner
als ich und jünger, wusste damals schon, wo der Staubsauger liegt.
Dana, damals schon ein wenig schwarz unter den Achseln. Du wirst mal
wie die Mutter, hatte ich gesagt und sie hat den Apfelsaft
ausgeschüttet und aufgesaugt und danach Entschuldige gesagt und hat
mir in die Zehen gebissen, damit sie wieder warm werden.
Ist schon ein wenig trocken, aber kalt, mir ist kalt an den Füßen,
das soll ich gesagt haben und geweint haben, deswegen hat Dana
gebissen und nachher ins Wasserbecken gespuckt, weil ich Wollsocken
anhatte und ihr die Fusseln auf der Zunge geblieben sind.
Ich kann mir nicht selbst in die Zehen beißen, ich würde es trotzdem
gerne tun, würde mir vorher die Socken ausziehen und in jeden Zeh
einmal beißen, nur reiche ich nicht mit dem Kopf an die Füße und
nicht mit den Füßen an den Kopf. Ich habe es schon probiert, nachts
auf dem Sofa, weil hier nachts nicht geheizt wird und ich nur im
Warmen schlafen kann. Nachts habe ich kalte Füße, weil ich nachts an
so etwas wie Steinbutt und Apfelsaft denke, und dann ist an Schlafen
auch nur zu denken. Dana schläft dann schon, ich müsste sie bitten,
mich zu beißen, aber auch daran ist nur zu denken, denn sie schläft
nachts bestimmt, und würde ich sie wecken, sie könnte nicht hierher
kommen und ich nicht zu ihr, denn nachts fährt Linie 17 nicht.
Um acht Uhr sechzehn fährt sie und solange muss ich warten mit
kalten Füßen in nassen Socken in feuchten Schuhen.
Aber macht nichts, warten ist nicht schlimm, nur manchmal würde ich
länger warten wollen und manchmal nicht so lange.
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Seele and Geist
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