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Daheim wie noch nie zuvor - EMK Winterthur

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Daheim wie noch nie zuvor
Lesungen: Philipperbrief 1,2-11.21-23; 3,20f
Offenbarung 21,1-6; 22,1-5
Es geht hier um den Himmel – nicht um den Himmel auf Erden, so naheliegend jenes Anliegen auch sein
mag, sondern um die Wirklichkeit, die uns jenseits des irdischen Lebens erwartet. Ich verzichte zudem
auf die Auslegung eines Textes (die bei mir dem Normalfall entspricht). Vielmehr will ich euch an dem
anteilhaben lassen, was mich insbesondere beim Schriftsteller Clive Staples Lewis (1898-1963) inspiriert
hat. Dieser Nordirländer – Professor für Englischliteratur an den Universitäten Oxford und Cambridge –
ist berühmt, weil er einerseits die Fabelwelt Narnia entwarf und, neben weitere Belletristik, andererseits auch als scharfsinniger christlicher Denker viel Sachliteratur zu Glaubensfragen schrieb. Als Leser
derselben Bibel wie ich hat er meines Erachtens manches erblickt, was den Himmel ausmacht. Darum
gebe ich jetzt (wie bei jeder Predigt) weiter, was ich empfangen habe, was mich selber berührt hat.
Heutzutage genieren wir uns, vom Himmel nur schon zu sprechen. Wir fürchten, man/frau könnte uns
Wunschdenken oder Weltflucht vorwerfen – Flucht aus unserer Pflicht, diese Welt hier und jetzt glücklicher zu machen. Doch der Traum vom Himmel ist eingeflochten ins ganze Gewebe unsres christlichen
Glaubens (C.S.L.: The Problem of Pain). Und Hoffnung ist eine christliche Tugend. Wer Geschichte liest,
der entdeckt, welche Christen am meisten für die jetzige Welt taten, nämlich gerade jene, die am meisten über die nächste nachdachten. Seitdem Christen weitgehend aufgehört haben, sich mit dem Himmel zu beschäftigen, sind sie auf Erden ineffektiv geworden. Ziele auf den Himmel, und du erhältst die
Erde als Zugabe; ziele auf die Erde, und du bekommst keins der beiden (C.S.L.: Mere Christianity). Nur
fragst du, ob sich heutzutage überhaupt noch an einen Himmel, eine Ewigkeit glauben läßt, ob jenseits
vom Universum der Wissenschaftler noch etwas sein kann? Meines Erachtens überschätzt sich unsere
Generation der Menschheit maßlos. So sehr wir aufgeklärt sein mögen, ist unsere Sicht viel stärker eingeschränkt, als wir ahnen. Alles, was wir sehen, betrachten wir durch die Brillen unserer Zeit. Doch nur
unsere Auslegungen von allem Bisherigen zählen. Wir mögen vieles wissen, weiser sind wir deswegen
leider nicht. Wollen wir uns wirklich immer noch der Illusion hingeben, diese Welt werde besser, könne
durch uns Menschen in einen Himmel auf Erden verwandelt werden? Wir sind subjektive Erden-Wesen.
Wieso sollen wir annehmen, es gebe keine Wirklichkeiten jenseits unserer Wahrnehmungen?
Andererseits stellen wir uns ein zukünftiges Dasein oft gerne so, wie es nicht sein kann. Wir stellen uns
ein Wiedersehen der ganzen Familie am anderen Ufer vor – alles nach bekanntem, irdischem Muster.
Das klingt unglaubwürdig, spüren wir wohl. Es ist auch nicht biblisch. So kann es nicht sein, wissen wir.
Die Wirklichkeit wiederholt sich nie – nie ist es so, daß dasselbe genommen und wieder gegeben wird.
Ganz schön wird dieser Köder von Spiritisten ausgelegt: "Hier drüben ist es doch nicht so anders...!" So
hätten wir es gerne: (ungetrübtes) vergangenes Glück nun wiederhergestellt (C.S.L.: A Grief Observed).
Das ist vielleicht das Beste, was wir uns vorstellen können. Aber würde es die tiefste Sehnsucht stillen?
Es hat Zeiten gegeben (schreibt Lewis) da habe ich gedacht, wir hätten kein Verlangen nach dem Himmel; doch häufiger ertappe ich mich bei der Frage, ob wir im Grunde unseres Herzens uns jemals nach
etwas andrem gesehnt haben (C.S.L.: The Problem of Pain). Über diesen 'unüberwindbaren Appetit für
den Himmel' (C.S.L.: The Screwtape Letters) können wir jedoch selten miteinander kommunizieren. In
jedem von uns steckt ein untröstliches Geheimnis – ein Verlangen, dessen Erwähnung uns peinlich ist,
weil wir es mit Nostalgie, Romantik und dgl. verbinden. Am ehesten nennen wir es Schönheit. Es ist oft
ein Musikstück, das Sehnsuchtsbilder in uns aufsteigen läßt. Diese guten Bilder des Ersehnten sind aber
nicht zu verwechseln mit dem Ersehnten. Sie sind gleichsam der süße Duft einer noch nie gefundenen
Blume, das Echo einer bisher noch nie gehörten Melodie – ein flüchtiger Einblick in jene Welt, wo wir
endlich mit etwas wiedervereinigt sind, von dem wir uns gegenwärtig abgeschnitten fühlen, wo wir auf
der Innenseite einer Tür sind, die wir sonst stets nur von außen zu sehen bekamen. Zu dieser tiefsten
Sehnsucht spricht die biblische Verheißung der Herrlichkeit (C.S.L.: The Weight of Glory).
Dort wird uns der Morgenstern gegeben (Off 2,28) – wir werden leuchten wie die Sonne (Matt 13,43).
Die Pracht der Sonne können wir aber jetzt schon an manchem frühen Morgen genießen. Was wollen
wir mehr? Doch in der Tat wollen wir noch viel mehr – wovon die Dichter und die Mythologien wissen.
Schönheit wollen wir nicht lediglich sehen, so wunderbar das ist. Das, was wir wollen, läßt sich kaum in
Worte fassen: Wir wollen gleichsam vereinigt werden mit der Schönheit, die wir sehen; sie in uns empfangen, in sie hineingehen; in ihr baden, Teil von ihr werden. Weil wir irdischen Menschen solche Wonne nun nicht genießen können, haben wir sie in Götter und Göttinnen, in Nymphen und Elfen projiziert.
Aber wenn wir die biblische Bilderwelt ernst nehmen, liegen solche Mythen vielleicht doch näher an der
Wahrheit, als wir meinten, sofern wir sie als Prophezeiung hören. Gegenwärtig sind wir auf der Außenseite jener Welt, auf der falschen Seite der Tür. Die Frische und Reinheit eines irdischen Morgens nehmen wir wahr, nur werden wir nicht dadurch selber frisch und rein. Mit den Herrlichkeiten, die wir sehen, können wir uns nicht vermischen. Aber alle Blätter des NT rascheln mit dem Gerücht, daß es nicht
immer so sein wird. Eines Tages, so Gott will, werden wir hineinkommen (C.S.L.: The Weight of Glory).
Und wie ist es dann wohl auf der Innenseite jener Tür? Sind wir in jenem ewigen Leben nun pausenlos
am Singen oder am Harfenspiel? Sitzen wir dort bei einem unaufhörlichen Abendmahl zusammen (wovon alles Bisherige bloß ein 'Vorgeschmack' war) – bei einem endlosen Bankett? Alte Dichter stellten es
als ein ewiges 'Schweben' dar. Mir ist das alttestamentliche Bild eines glückseligen Tanzens viel lieber:
Dort werde ich endlich tanzen können, und zwar ekstatisch, in größter Eleganz und Freiheit – nicht um
andere zu überbieten, nein, aus lauter Freude! Alle Schmerzen und Freuden, die wir auf Erden gekannt
haben, so Lewis (The Problem of Pain) sind erste Einarbeitungen in die Bewegungen eines Tanzes. Dieser Tanz ist Liebe und darum voller Freude. In der Narnia-Fabel kommen nach dem allerletzten Kampf
die bunten Persönlichkeiten der Geschichte in den Narnia-Himmel. Und der spricht mich sehr an: Hier
finden sie sich unter blauem Himmel, umgeben von Blumen im frühsommerlichen, warmen Tageslicht,
in einem weitläufigen grünen Land. Die Früchte an den Bäumen – schon um diese Jahreszeit – sind unvergleichlich frisch, saftig und süß. Die Farben von allem sind intensiver als alles, was sie bis anhin gekannt haben. Und in den Augen des Löwen, Aslan, sehen sie ein Lachen. Hier wird nun wirklich gelacht.
Und doch gibt es ein Staunen, das ihre Glückseligkeit zugleich ernst macht. Niemand fühlt sich alt. Alle
sehen jünger aus, als sie zuletzt im irdischen Leben waren – wobei die Kinder oft auch älter aussehen.
Alle Steifheit des Alters ist weg, alles, was wehtat, ebenso. Nichts mehr macht dir Angst. Alles, was dir
auf Erden Angst gemacht hätte, ist einfach schön aufregend. Die Kleider, die du trägst, sehen nicht nur
schön aus, sondern fühlen sich auch schön an. Da faßt einer zusammen, was alle empfinden: "Ich bin
endlich heimgekommen, das hier ist mein wirkliches Heimatland, hierhin gehöre ich. Nach diesem Land
habe ich mein ganzes Leben gesucht, merk ich jetzt – erst jetzt. Nun weiß ich aber ebenso, weshalb wir
unser altes irdisches Heimatland liebten: Manchmal sah es nämlich ein bißchen so aus, wie dieses Land
hier." Da hörst du ein Rufen – Aslan ruft: "Weiter hinein, weiter hinauf! Kommt weiter hinein!" Und je
weiter du in diese Himmelswelt hineingehst, merkst du, desto weitläufiger wird sie. Jede Schicht einer
Zwiebel nach innen hin wird kleiner. Im Himmel ist es gerade umgekehrt: Der Umfang vom Inneren ist
immer größer als der vom Äußeren! "Weiter hinein, weiter hinauf!" So dringst du immer mehr ins Echte und Wirkliche hinein. Das Beste in unserer irdischen Welt war nur ein Schattenbild dieser größeren
Wirklichkeit bei Gott. Bald merkst du, wer alles auch da ist: alle, von denen du je gehört hast! Und falls
du Geschichten gern hast: Erst hier und jetzt beginnt die eigentliche Geschichte! (C.S.L.: The Last Battle)
Das sind hier Ahnungen der Vollendung. Zur Erlösungsbotschaft der Bibel jedenfalls auch die Erlösung
der Natur. Nichts wird verlorengehen. Alles wird in seinem Wesen vollendet und offenbar, wie es von
seiner Bestimmung her in Wahrheit ist (vgl. C.S.L.: Miracles). Wenn wir in den Himmel hineingehen, so
gehen wir jedoch in eine Realität hinein, die jenseits der Natur und größer als die Natur ist, wie wir sie
heute kennen. Die Freuden, die uns jetzt auf Erden zugänglich werden können, sind nur eine leise Vorahnung dessen, was sein wird. Essen werden wir jenseits der Natur vom Baum des Lebens und trinken
an der Quelle des Lebens: Freude (vgl. C.S.L.: The Weight of Glory). Der Kern von allem, wonach wir nur
schon in unseren verdorbensten Wünschen gesucht haben, wird über alle Erwartungen hinaus im Himmel auf uns warten (C.S.L.: The Great Divorce). Die Vollendung unserer Erlösung wird im NT vorzüglich
mit Bildern der 'Herrlichkeit' beschrieben. Solche Bilder versuchen, symbolisch auszudrücken, was unbeschreiblich ist. So steht Musik für Ekstatisches und Unendliches, unsere Krone für Anteilhabe an Gottes Pracht, Kraft und Freude, Gold für die Kostbarkeit und Zeitlosigkeit des Himmels (C.S.L.: Mere Christianity). Was sollen wir aber unter dem Begriff der 'Herrlichkeit' vorstellen: daß wir wie Sportgrößen,
Popstars oder Schönheitsidole Berühmtheit erlangen? oder daß wir etwa in lebendige Glühbirnen verwandelt werden? Wer wünschte sich denn so was? Unsere himmlische Herrlichkeit ist doch, daß Gott
Gefallen an uns hat, daß wir die Anerkennung Gottes genießen (vgl. Matt 25,21.23), so geschätzt werden wie noch nie zuvor, daß wir Gott eine Freude sind. Auf der Innenseite jener Tür sind wir von allen
Minderwertigkeitsgefühlen erlöst und auch frei von Eitelkeit. So zu sein, wie Gott uns gedacht hat, und
so geliebt zu sein, wird uns lauter Freude sein. Das ist das unermeßliche Gewicht der ewigen Herrlichkeit, die Paulus auf uns warten sieht (2.Kor 4,17; C.S.L.: The Weight of Glory).
In den Himmel hineinzugehen, ist, menschlicher zu werden, als es dir je auf Erden gelungen ist; in die
Hölle hineinzugehen, ist, von Menschlichkeit verbannt zu werden. Was dort hineinkommt, kann kein
Mensch mehr sein, höchstens ein Ex-Mensch (C.S.L.: The Problem of Pain). Die siebenjährige Anna aus
Londons East End der 1930er Jahre hatte meines Erachtens ebenfalls hilfreiche Ahnungen des Himmels.
Auf der Erde ist es leider meist so: Der größte Teil eines Menschen ist draußen, nicht drinnen. Angeleitet von der Werbung, suchen wir unsere Identität allenthalben außerhalb von uns selber und verlegen
uns dorthin. Und so klaffen entsprechend große Lücken in unserem Inneren. Gott will jedoch, daß wir
komplett – in Inneren voll – sind. Nur so können wir uns selber richtig lieben und darum auch andere
lieben, wie Gott es will. "Wenn du im Inneren nicht voll bist, kannst du aus allem etwas Magisches machen, und dann wird es zu einem Außenteil von dir": so entstehen großen Lücken in dir. Und so kommt
es auch, daß der Glaube eines Menschen nicht in ihm selber lebt, sondern in seine Version von Kirche
nach außen verlegt worden ist. Wir entfremden uns voneinander – grenzen uns voneinander ab. Doch
im Himmel ist es anders: "Im Himmel gibt es keine verschiedenen Kirchen; im Himmel ist nämlich jeder
Mensch innerhalb von sich selbst." Und in sich voll. Wo immer du gehst, bist du dort voll und ganz dabei. Du bist, wie Gott dich gedacht hat (Fynn: Mister God, This Is Anna). Und dort bist du total daheim.
Predigt gehalten in der Evangelisch-methodistischen Kirche Winterthur
29.07.12 Peter G.A. Caley
Weitere Betrachtungen zum Thema – mit C.S. Lewis und mit Anna
Dein Platz im Himmel
Wie für dich gemacht wird dir dein Himmelsplatz vorkommen, für dich allein gemacht, denn dafür bist
du gemacht, wie ein Handschuh Stich für Stich für eine Hand gemacht wird (C.S.L.: The Problem of Pain).
Geschlechtslos im Himmel?
Jenseits der Auferstehung, sagt Jesus, sind wir "wie die Engel im Himmel": wir heiraten nicht mehr und
werden auch nicht geheiratet (Mk 12,25). Alle Aussagen der Bibel deuten darauf hin, daß es kein sexuelles Leben mehr ist. Doch grade dieser Gedanke fällt uns schwer. Wird unser neuer Körper im Jenseits
kaum noch als menschlicher Körper erkenntlich sein?! Oder leben wir dort in unendlicher Enthaltsamkeit?! Unsere Vorstellungen sind vielleicht mit denen eines Kinds vergleichbar, der zu Ohren bekommt,
der Geschlechtsakt sei die höchste körperliche Freude, und sofort wissen will, ob man dabei Schokolade esse. 'Nein', lautet die Antwort. Den negativen Bescheid muß das Kind nun einordnen. Also hält es
das Fehlen von Schokolade für das Hauptmerkmal der Sexualität. Vergeblich würde man ihm erklären,
warum Liebespaare bei ihrem körperlichen Entzücken sich keine Gedanken über Schokolade machen,
nämlich, weil sie noch Besseres im Kopf haben. Das Kind ist mit Schokolade vertraut; es hat aber noch
nichts Positives kennengelernt, bei dem Schokolade ausgeschlossen wäre! Wir sind in derselben Lage.
Wir kennen das Geschlechtsleben; das andere, das es im Himmel übertrifft und überflüssig macht und
darum ausschließt, können wir uns noch gar nicht vorstellen, wir erahnen es höchstens flüchtig. Dort,
wo uns die Fülle erwartet, stellen wir uns also auf ein Fasten ein! Wenn das Geschlechtsleben, wie wir
es gegenwärtig verstehen, nun keinen Teil der endgültigen Glückseligkeit ausmacht, so dürfen wir natürlich nicht daraus folgern, daß die Unterschiede zwischen den Geschlechtern verschwinden werden.
Was nicht länger für biologische Zwecke gebraucht wird, kann im Himmel einer höheren Bestimmung
der Schönheit und Herrlichkeit dienen... 'Geschlechtslos' ist also kein passender Begriff für das Leben
im Himmel, viel eher 'übergeschlechtlich' bzw. 'transsexuell' (Nach C.S.L.: Miracles).
Kein Eigentum im Himmel – außer eines neuen Namens
Im Himmel gibt es keinerlei Besitzverhältnisse. Nur in der Hölle werden Eigentumsansprüche erhoben.
Das einzige, was du dein eigen nennen könntest, ist der neue Name, den du von Gott empfängst, und
dieser ist ein Geheimnis zwischen dir und Gott (Off 2,17). Wie ist diese Geheimhaltung wohl zu verstehen? Doch wohl, daß jedes Gotteskind besser imstande ist als alle anderen Kreaturen, eine bestimmte
Seite der göttlichen Schönheit zu kennen und zu preisen. Warum sonst wurden Individuen geschaffen,
wenn nicht damit Gott in seiner unendlichen Liebe für alle jedes seiner Kinder anders liebt? (C.S.L.: The
Problem of Pain) – Und ebenso damit wir alle auf ureigene Weise Gott lieben.
Vergangenes in einem neuen Licht
Wenn das Gute und das Böse ausgewachsen sind, entfalten sie Rückwirkungen auf unsere Vergangenheit. Denen, die gerettet werden, wird ihre ganze irdische Vergangenheit himmlisch vorkommen. Der
Himmel, wenn wir ihn erlangen, wird rückwirkend auch allen Schmerz in Herrlichkeit verwandeln. Den
zugrunde Gehenden hingegen wird alles als ihre Hölle vorkommen. Beide Prozesse nehmen ihren Anfang noch vor unsrem Tod. Die Vergangenheit eines guten Menschen verändert sich so, daß seine vergebenen Sünden und seine erinnerten Leiden die Qualität des Himmels annehmen. So werden die Gesegneten sagen: 'Wir haben nirgendwo anders gelebt als im Himmel', aber die Verlorenen: 'Wir waren
immer in der Hölle.' Und beides wird der Wahrheit entsprechen. Diese Retrospektive läßt sich nur nicht
vorwegnehmen, ohne daß wir uns in Täuschungen verirren (C.S.L.: The Great Divorce).
Zuerst das Sterben
Die einzige Vorbereitung fürs Sterben ist, wirklich zu leben. Wer wirklich gelebt hat, dem kann es nicht
schwerfallen zu sterben. Das sieht Anna am Beispiel ihrer Adoptivgroßmutter: Die Erinnerungen an so
viel Schönes machen, daß sie auch im Sterben glücklich ist. "Es ist ein Umgekrempelt-werden", bekundet diese: die Innenseite wird nach außen gekehrt. Und das waren auch Annas Worte, als sie selber an
den Folgen eines schweren Unfalls im Sterben lag. Mit erstauntem Gesicht sagte sie ihrem großen, väterlichen Freund Fynn: "It is like turning inside out." Und seine letzten Worte an Anna: "Ich wette, Mr
God wartet auf dich." Trostlos nach der Begräbnisfeier leere er Annas Beutel voller Blumensamen über
das Grab aus. Und sogleich kamen die Schrecken des Zweiten Weltkrieges an. Am Tag nach dessen Ende erstmals dort wieder zu Besuch fand er dort einen fröhlich roten Mohn-Teppich. (Fynn: Mister God,
This Is Anna)
Ohne Federn beflügelt – In unseren Bildern stellen wir Engel hauptsächlich quasi als Menschen dar –
plus gefederte Flügel. Das hat Anna sehr gestört. Engel müssen doch deutlich anders sein als wir. Und
im Himmel sehen wir auch selber sicher anders aus als jetzt. Mit der Idee, daß wir Gott ins Angesicht
schauen, ist Anna auch nicht einverstanden. "Mr God hat doch kein Gesicht", sagte sie, "denn er muß
sich nicht umdrehen, um uns zu sehen" – er hat kein Vorne und Hinten (Fynn: Mister God, This Is Anna).
Predigt gehalten in der Evangelisch-methodistischen Kirche Winterthur
29.07.12 Peter G.A. Caley
'Himmel' heißt u.a.
1) oben, das Himmelsgewölbe – als Spielfeld der Wolken und Lebenselement der Vögel des Himmels –,
das uns Unendlichkeit gleichnishaft erahnen läßt, aber in sich nicht ewig ist: "Himmel und Erde werden
vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen" (Lk 21,33//; vgl. 16,17 // Matt 5,18);
2) die transzendente Welt Gottes, die sich gleichnishaft im Himmelsgewölbe über uns manifestiert und
unsre vergehende irdische Welt berührt: der Himmel, der sich bei der Taufe Jesu über ihn öffnet, in die
er bei seiner 'Auffahrt' aufgenommen worden ist (Mk 1,9ff//; Apg 1,2.10.11.22; 3,21; Lk 9,51; 24,51);
3) 'das Reich Gottes', bei Matthäus 'der Himmelreich', das auf entscheidende Weise mit Jesus in unsere
Welt und Zeit eindringt, diese Welt mit umfaßt und verändert; die Wirklichkeit, in die Christus-Gläubige
jetzt schon geistlich hin versetzt worden sind (Eph 1,3; 2,6f);
4) die jenseitig göttliche Welt, wo unsere Namen aufgezeichnet sind (Lk 10,20 – worüber wir uns mehr
freuen sollten, sagt Jesus, als etwa, daß uns Vollmachten über böse Geister gegeben sind), der Ort, wo
unser Schatz sein soll und unser 'Lohn' ist: Matt 5,12; 6,20; Mk 10,21; Lk 12,33; 18,22; 6,23)
5) die Welt der Auferstehung, wo, wenn die Menschen von den Toten auferstehen, sie nicht mehr heiraten, sondern wie die Engel im Himmel sein werden (Mk 12,25); wo es keine Tränen mehr gibt, keine
Schmerzen, kein Tod – wo das neue Jerusalem ist, wo alles neu ist, und wo wir daheim sind (Off 21f).
Himmel als Ersatzwort für Gott: Lk 15,18.21
Einige weitere Bibeltexte: 2.Kor 4,14–5,10; Johannes 14,1-6 + V.23 plus 17,24-26; Jesaja 11 / 35 (usw.)
Himmel? Jeder Ort sein, wo unsere Sinne vollkommen sind (xo Anna – Fynn: Mister God, This Is Anna).
Und die Hölle?
Wir wissen viel mehr über den Himmel als über die Hölle, denn der Himmel ist die Heimat der Menschheit... die Hölle hingegen ist nicht da für die Menschen (Matt 25,34.41). In keiner Weise ist sie eine parallel verlaufende Koexistenz mit dem Himmel oder ihm ein Gegenüber, das bestehenbleibt. Sie ist die
'Finsternis draußen', der äußere Rand, wo das Sein ins Nichts verblaßt (C.S.L.: The Problem of Pain).
Profitgier am Ende
Gewinnsüchtigen Seelen hat der Himmel nichts zu bieten, das sie begehren. Denen hingegen, die reinen Herzens sind, ist es ungefährlich zu sagen, daß sie Gott sehen werden, denn nur solche Menschen
wollen so was (Matt 5,8). Liebe will immer Freude am Geliebten (C.S.L.: The Problem of Pain).
Rechthaberei am Ende
Wir haben uns geirrt. Das ist es, was wir alle herausfinden, wenn wir dieses Land erreichen. Das ist der
große Witz. Es ist unnötig, irgend jemandem vorzumachen, wir hätten recht gehabt. Jetzt können wir
zu leben beginnen (C.S.L: The Great Divorce).
Der Himmel als Belohnung?
Mancher, der versucht, Gottes Weisung zu beachten, erhofft sich dadurch als Belohnung, in den Himmel zu kommen. Wer sich aber Gott im Vertrauen überlassen hat, will deshalb so handeln, weil ein erstes Licht, ein Schimmer des Himmels schon in seinem Herzen scheint (C.S.L: Mere Christianity).
"Alle finden, was sie in Wahrheit suchen" (C.S.L.: The Last Battle).
Untröstliche Trauer um Verstorbene?
"Ich würde Jahrtausende lang die Sterne durchwandern, in allen Formen mich kleiden, in allen Sprachen des Lebens, um dir einmal zu begegnen" (Friedrich Hölderlin, Erinnerung Mimi). – Stell dir aber
vor, es werde zu deinem Verblüffen gemeldet, eine verstorbene Person, die dir viel bedeutete, sei nun
doch nicht ganz unerreichbar, sondern weit entfernt z.B. in Neuseeland anzutreffen. Wie weit würdest
du reisen, wieviel ausgeben, um wen sehnlichst wiederzusehen? Würde es dir fast genügen zu wissen,
daß jener Mensch "noch da" ist? Spüren wir, daß er nicht mehr hierhin gehört?
Mehr müssen wir wollen
Apropos "Ziele auf den Himmel, und du erhältst die Erde als Zugabe; aber ziele auf die Erde, und du bekommst keins der beiden (Seitdem Christen weitgehend aufgehört haben, sich mit dem Himmel zu beschäftigen, sind sie auf Erden ineffektiv geworden): Eine seltsame Regel? Nicht so seltsam, wie du wohl
meinst. Nimm dir das Anliegen Gesundheit als Beispiel. Gesundheit ist zwar ein großer Segen, aber sobald sie dir zu einem deiner größten, unmittelbaren Ziele wird, beginnst du, ein Fanatiker zu werden,
und du stellst dir vor, es sei mit dir was los. Gesundheit zu genießen, setzt voraus, daß du andere Dinge noch mehr willst als sie: Essen, Bewegung, frische Luft, Arbeit, Spiel, Spaß. Ebenso müssen wir lernen, etwas anderes noch mehr zu wollen, als unsere Zivilisation zu retten (C.S.L.: Mere Christianity).
Predigt gehalten in der Evangelisch-methodistischen Kirche Winterthur
29.07.12 Peter G.A. Caley
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Seele and Geist
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