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Erwählung - freier Wille - wie passt das zusammen? - St. Matthäus

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Seminarwoche in der St. Matthäusgemeinde
5. November 2010
Erwählung - freier Wille - wie passt das zusammen?
Es geht um ein Stück Theologie, ein schwer verdauliches, an dem sich jeder ordentliche
Hauskreis alle paar Jahre festbeißt.
Es geht um eine tiefe Wahrheit, die sehr viel mit unserem Glauben zu tun hat und die
uns Grenzen aufzeigt, die wir nicht überschreiten können.
Mit diesem Thema befasst sich jeder Christ im Laufe seines Lebens früher oder später!
Denn Stellen in der Bibel, sowohl im AT wie auch im NT, bleiben uns schwer
verständlich.
Bei allem, was heute Abend trockener Stoff zu sein scheint, wünsche ich uns von
Herzen die Begegnung mit IHM, der uns vor Grundlegung der Welt erwählt und geliebt
hat.
Damit ihr den Aufbau der Referate mitverfolgen könnt, erscheinen Gliederung und
wichtige Bibelstellen hier vorne auf der Leinwand.
Wer nicht mitschreiben möchte und an dem gesamten Manuskript interessiert ist, der
kann sich das in den nächsten Tagen von der Internetseite der Matthäusgemeinde
runter laden.
Darum geht es an diesem Abend, darüber müssen wir nachdenken:
Auf der einen Seite ist da von dem allwissenden und allmächtigen Gott die Rede, der
sein Volk erwählt, der verstößt und annimmt.
So gewinnt man den Eindruck:
Letztlich ist es egal, was wir Menschen tun. Gott erwählt sich seine Leute. Und wenn
ich dabei bin, kann ich mich nur freuen. Aber wehe, wenn ich nicht dabei bin. Dann
habe ich auch keine Chance.
Auf der anderen Seite fordern aber sehr viele Stellen in der Bibel meine
Entscheidung.
So entsteht der Eindruck:
Ohne mein Ja nützt Gottes Erwählung auch nichts. Er gesteht mir eine Entscheidung
für oder gegen ihn zu!
Was ist nun richtig?
Bevor wir darüber sprechen möchte ich zum einen einige Dinge klarstellen, die wir bei
diesem schweren Thema immer im Auge behalten müssen.
Zum anderen einen kurzen kirchen- und dogmengeschichtlichen Überblick geben,
denn dieses Thema hat begreiflicher Weise die Kirche über die Jahrhunderte hinweg
bestimmt.
1 Seminarwoche 2004 Erwählung
Vorbemerkungen:
Eine erste Vorbemerkung:
• Gott steht über der Zeit
Wenn wir hören 'Gott hat uns vor Grundlegung der Welt erwählt', denken wir
automatisch in sehr langen Zeiträumen.
Wir stellen uns den planenden Gott vor, der über diese Welt nachdenkt und dann, nach
einer gewissen Zeit, den Entschluss fasst, sie zu schaffen, um dann Jahrtausende zu
warten, bis er Jesus auf die Welt schickt.
Diese Vorstellung ist verständlich, aber falsch!
In der Ewigkeit gibt es Zeit, aber die ist so unvorstellbar anders, als wir sie
wahrnehmen.
Psalm 90 Vers 4
" Denn tausend Jahre sind vor dir / wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie
eine Nachtwache."
Bei diesem Vers könnte man noch an einfach längere Zeiträume denken, aber
spätestens in den Beschreibungen Gottes selbst ist nur noch von Ewigkeit die Rede.
Psalm 90,2
"Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist du,
Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit."
Gott ist der ewige Gott und somit auch der Herr über die Zeit.
Von daher gibt es auch keine Langeweile, kein Warten müssen, kein Vergehen.
Schöpfung der Welt, Sündenfall, Kreuz und Auferstehung und Vollendung der Welt sind
vor Gott gegenwärtig.
Und hier müssen wir passen!
Das können wir uns nicht vorstellen, denn Zeit gehört zu unserer Geschöpflichkeit!
Eine zweite Vorbemerkung:
• Der Himmel ist für uns (noch) eine Nummer zu groß.
Wo immer wir in der Bibel die unsichtbare Welt Gottes beschrieben bekommen, versagt
unsere Anschauungskraft.
Offensichtlich gibt es in der unsichtbaren Welt eine Dimension mehr, die uns noch
verschlossen ist.
Das führt dazu, dass wir bestimmte Dinge nicht völlig verstehen.
2 Seminarwoche 2004 Erwählung
Wir haben Probleme uns die Dreieinigkeit vorzustellen. Und doch ist sie das Realste
und Beständigste, was überhaupt existiert.
Wir können uns den Himmel nicht vorstellen.
Alle Bilder in den Propheten oder in der Offenbarung zeugen von der Unmöglichkeit,
mit unserer Beschränktheit die Wirklichkeit Gottes zu erfassen.
Wir kommen auch an unsere Grenzen im geistlichen Verständnis.
Manche Aussagen der Bibel erscheinen uns wie Widersprüche.
Z.B. wenn es heißt, dass Gott niemals etwas gereut, eben weil er Gott ist, aber an
andere Stelle steht 'und es gereute Gott'.
Einmal wird hier aus der Ewigkeit her die Sache gesehen und einmal aus unserer,
zeitlich begrenzten, Sicht.
Wenn wir also über Erwählung und den freien Willen des Menschen sprechen, bleibt ein
letztes Geheimnis, das wir nicht völlig ergründen können.
Soweit zwei wichtige Voraussetzungen, die wir niemals vergessen dürfen. Sie betreffen
alle Bereiche unseres Glaubens und ganz besonders auch den, der heute Abend hier
Thema ist.
Wie passen Erwählung und freier Wille zusammen?
Ein kurzer kirchen- und dogmengeschichtlicher Überblick:
Ein Name muss hier genannt werden, der Name eines mittelalterlichen Theologen, der
als 'Doctor gratiae', als 'Doktor der Gnade' in die Kirchengeschichte eingegangen ist.
AUGUSTINUS
Er hat von 354 bis 430 n. Chr. gelebt, war Kind aus wohlhabendem Elternhaus und ist
durch ein besonderes Erlebnis zum Glauben gekommen.
In einer persönlichen Krise, nachdem er, ähnlich wie der verlorene Sohn, alles
ausprobiert und durchlebt hatte, begegnen ihm kleine Kinder, die einen Kinderreim
singen:
Tolle lege, tolle lege!
Nimm und lies!
Das war für ihn Aufforderung sich neu mit dem Wort Gottes zu beschäftigen.
Er bekehrte sich und wurde der bekannteste Theologe der frühen Kirche.
Er hat gelehrt, was Luther dann in der Reformation neu herausgestellt und
konsequenter zu Ende gedacht hat:
Der Mensch wird einzig und allein aufgrund der Gnade Gottes gerettet.
Die Gnade ist voraussetzungslos und wird ohne Bedingung gewährt.
Auch der Glaube ist ein Geschenk Gottes und damit Bestandteil der Gnade.
Die Gnade Gottes kommt dem Glauben des Einzelnen zuvor.
3 Seminarwoche 2004 Erwählung
Das bedeutet:
Von dem ersten Verlangen des Menschen nach Erlösung bis hin zur bewussten
Bekehrung, bis hin zur vollendeten Heiligung ist alles Handeln der Gnade Gottes an
uns.
Eine entscheidende Bibelstelle für Augustinus war
Römer 8, 29
"Denn die er ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein
sollten dem Bild seines Sohnes, damit diese der Erstgeborene sei unter vielen
Brüdern."
Von der Auslegung dieses Verses angeregt, hat Augustinus seiner Gnadenlehre die
Lehre von der Prädestination, die Lehre von der Vorherbestimmung, Erwählung
Gottes hinzugefügt.
Für Augustinus stellt sich die Erwählung so dar:
- Der Beginn des Glaubens ist die Berufung Gottes, die sehr unterschiedlich aussehen
kann.
- Darauf antwortet der freie Wille des Menschen durch den Glauben.
- Gott schenkt durch seine Gnade die Rechtfertigung des Glaubenden, also die
Vergebung seiner Sünden und das neue Leben aus Gott. Aus einem Geschöpf Gottes
wird ein Kind Gottes.
- Damit schafft Gott die Vorbedingung für die Erwählung.
- Das Vorherwissen Gottes erwählt den Menschen, der sich für Gott und gegen den
Unglauben entscheidet.
Alles klar?
Wohl eher nicht, denn es bleiben Fragen!
Zum Beispiel:
- Wie ist die Antwort auf den Ruf Gottes überhaupt möglich, wenn alles Gnade ist?
Habe ich keine Gnade, kann ich auch nicht hören!
- Wie ist die Erwählung des Einzelnen vereinbar mit den universalen Folgen des
Sündenfall und dem Vorauswissen Gottes.
Es geht doch um ein die Erde umspannendes Geschehen, und nicht nur um die
Geschichte Gottes mit einigen wenigen Menschen, für die die anderen nur Kulisse
sind.
Augustinus hat diese Fragen nicht befriedigend beantworten können.
Er hat schließlich immer wieder betont, dass Gottes Handeln 'unausforschlich' ist.
Die frei geschenkte Gnade wirkt nur, wenn der Mensch sich willentlich dafür
entscheidet.
Aber damit bleibt der Konflikt:
Was ist Geschenk, was ist Verdienst?
4 Seminarwoche 2004 Erwählung
Augustinus hat als größte Sünde, die Ursünde, die 'superbia' bezeichnet, den Stolz, den
Hochmut.
Deshalb hat er es abgelehnt, dass der einzelne Christ seiner Erwählung gewiss sein
dürfte.
Um geistlichen Hochmut zu verhindern, sprach er sich gegen die Heilsgewissheit aus.
Schlussendlich endet die Gnadenlehre Augustinus in folgender Zuspitzung:
Die freie Gnade Gottes ist der alleinige Grund der Errettung, die selbst gewählte
Sünde der alleinige Grund der Verdammnis.
Das kommt meiner persönlichen Überzeugung und der Glaubenspraxis vieler
evangelischer Christen am nächsten.
Nur das mit der Heilsgewissheit macht mich ganz unruhig.
Da hätte ich jetzt gerne noch einen zweiten Abend um darzustellen, warum ich sie für
unverzichtbar halte.
Aber – wir werden sehen – die Kirchengeschichte ging weiter und dieses Thema hat
nicht zuletzt die Reformation sehr beschäftigt.
Seit der Reformation unterscheiden wir drei Hauptströme in der
protestantischen Kirche:
- Die Lutherisch Kirche in der Tradition von Martin Luther
- Die reformierte Kirche in der Schweiz in der Tradition von Huldreich Zwingli
- Die reformierte Kirche in der Schweiz und dann in vielen Ländern dieser Erde in der
Tradition von Johannes Calvin
Für die geschichtliche Entwicklung sollen Luther und Calvin die Maß gebenden
Reformatoren sein.
Heute teilt sich der Protestantismus in lutherische und reformierte Frömmigkeit,
allerdings in unzähligen Variationen.
Anfang des 17. Jahrhunderts kam dann noch eine Kraft dazu, die gerade für die
Freikirchen eine entscheidende Rolle spielen würden.
Arminius und Hugo Grotius
Im Gegensatz zur schroffen Prädestinationslehre eines Johannes Calvin betonte eine
holländische Gruppe von Theologen – die Arminianer – die Willensfreiheit des
einzelnen Menschen und legte Wert auf undogmatische praktische Frömmigkeit.
Die Hauptvertreter dieser innerkirchlichen Erneuerungsbewegung waren der besagte
Arminius und Hugo Grotius.
5 Seminarwoche 2004 Erwählung
Die evangelischen Freikirchen sind, bis auf wenige Ausnahmen, eine noch relativ
junge kirchengeschichtliche Erscheinung.
Freie evangelische Gemeinde, Baptisten, Methodisten, Pfingstler, Charismatiker – sie
alle sind erst im 18., 19. und 20. Jahrhundert entstanden.
Entsprechend vielfältig sind ihre Wurzeln.
Wir finden lutherisches Glaubensgut, reformierte Überzeugungen, viel von den
Arminianern und viel undurchdachte Überzeugungen.
Sicherlich lehrt die Geschichte, auch die Kirchengeschichte, dass jede Generation immer
wieder zu wenig aus der Geschichte lernt.
Aber noch mal einen Schritt zurück:
Unser Thema ist Erwählung und freier Wille.
Was sagt der Vater der deutschen Reformation dazu?
MARTIN LUTHER 1483 - 1546
Seine Auffassung entsprach weit gehend der augustinischen Gnadenlehre.
Wie Augustinus hielt er an der Erwählung des Menschen durch die Gnade Gottes fest,
lehnte aber die doppelte Prädestination ab.
Doppelte Prädestination – was ist das?
Vertreter dieser Auffassung lehren, dass Gott
- die Einen zum ewigen Heil erwählt und vorherbestimmt hat,
- die anderen in der gleichen Konsequenz zu ewiger Verdammnis.
Vertreter dieser Lehre war vor allem der Genfer Reformator
JOHANNES CALVIN 1509 – 1564
Calvin wurde als Sohn eines bischöflichen Sekretärs geboren. Als seine Mutter sehr früh
starb, wurde er im Haus seines adligen Gönners erzogen und großgezogen.
Mit 18 Jahren wurde er Priester mit eigener Pfarrei – was damals einer sichern
Einnahmequelle auf Lebenszeit entsprach.
In Paris kam er in den Kontakt mit evangelischen Christen. Vermutlich im Herbst 1533
hat er sich bekehrt.
Zunächst lehrte er in Basel reformatorische Anschauungen und kam 1536 dann nach
Genf.
Nach vielen Kämpfen begann im September 1541 in Genf ein einzigartiger Abschnitt
der Kirchengeschichte. Genf wurde eine durch und durch christlichen Stadt, die ganz
der Auffassung des Reformators entsprach.
Die Stadt war ab 1555 geistlich und politisch in den Händen der Anhänger Calvins.
Hiermit beginnt die große Zeit des Calvinismus.
6 Seminarwoche 2004 Erwählung
Was in Genf begann, sollte neben der katholischen Lehre zur stärksten Kraft in der
weltweiten Christenheit werden.
Johannes Calvin vertrat die Prädestinationslehre mit unerbittlicher Konsequenz und
schreckte nicht davor zurück theologische Gegner zu vernichten.
Kern seiner Lehre war:
Gott bestimmt den einen Menschen zur Seligkeit und den anderen zur Verdammnis.
Der Fall Adams ist von Gott gewollt!
Alles ist vorherbestimmt!
Motiv dieser harten Prädestinationslehre war der Gottesbegriff Calvins.
Der letzte Zweck allen Seins sieht Calvin in der schrankenlosen Selbstverherrlichung
Gottes. Ihr dient sogar die Seligkeit des Gläubigen, genau so wie die Höllenqual des
Verdammten.
Gott schafft das Gute wie das Böse, um seine göttliche Ehre zu erweisen.
Habt ihr gewusst, dass die reformierten Kirche solche Wurzeln hat?
Wohl eher nicht!
Und doch hat sie von Genf aus ihren Siegeszug durch die Welt angetreten und ist in
deutlicher Abschwächung bis heute die stärkste evangelische Kraft.
Ich darf euch nur daran erinnern, dass die meisten evangelischen Kirchen in unserer
Stadt reformierte Gemeinden sind.
In diese Frömmigkeit liegt eine unglaublich Kraft.
Letztlich ist der Wohlstand und die Macht der westlichen Kultur hier drin begründet.
Als Erwählte Gottes wollen wir unseren Herrn durch unser ganzes Leben verherrlichen.
Es gibt kein Privates ohne Gott.
Gottesdienst ist am Sonntagmorgen, aber auch am Montag in der Leitung meiner
Firma, im Verkauf von Handelsgütern, in der Leitung einer Bank, in der Erziehung
meiner Kinder.
Habe ich erste einmal die Erwählung Gottes erkannt, lebe ich Kraft dieser Erkenntnis
auch ein Leben, dass Ihn verherrlicht.
Die vielleicht eindrücklichste Darstellung dieser Auffassung finden wir im
Selbstverständnis der USA.
Dort finden wir eine stark vom Calvinismus geprägte Frömmigkeit, die politisch zu der
Erkenntnis führt:
Wir sind das auserwählte Volk. Ob wir es wirklich sind, muss sich in unserer Innenund Außenpolitik festmachen.
Ein ungeheurer Sendungsanspruch ist damit verbunden, den wir Europäer gar nicht
nachvollziehen können.
7 Seminarwoche 2004 Erwählung
Zurück zu Johannes Calvin:
Erheblichen Widerstand gegen die doppelte Prädestination gab es später aus der
lutherischen Kirche und besonders aus dem schon erwähnten Kreis der Arminianer.
Im Gegensatz zu Calvin betonten Arminius und Hugo Grotius den freien Willen den
Menschen.
Wie so oft wird in der Korrektur einer überhöhten Lehre eine neue begründet, die dann
auch wieder ins Extrem tendiert.
Folge war damals:
Die Entscheidung des Einzelnen wurde überbetont und Gottes Erwählung spielte gar
keine Rolle mehr.
Wir kennen diesen Konflikt bis heute, bis hinein in unsere Gemeinden, wie ich das in
einer Diskussion nach einer meiner Predigten vor einiger Zeit wieder gemerkt habe.
Betone ich zu stark die Notwendigkeit einer persönlichen Entscheidung, melden sich die
einen und sagen:
Wo bleibt hier der souveräne Gott, der uns sucht, bevor wir überhaupt an ihn
denken.
Betone ich aber diese Seite zu stark, gibt es eine andere Reaktion.
Ein Mann kommt nicht mehr zur Gemeinde mit der Begründung: Mich hat Gott nicht
erwählt – also hat es auch keinen Zweck sich anzustrengen.
Und damit sind wir bei unserem Thema – und ihr merkt, es ist nicht nur ein
akademisches Problem.
Es hat ganz viel mit unserem Glauben, ganz viel mit unserem Leben zu tun.
Kommen wir zum ersten Hauptpunkt, zu dem Begriff 'Erwählung' überhaupt, oder wie
es in der theologischen Fachsprache heißt:
Zur Lehre der Prädestination:
1. Zum Begriff 'Erwählung'
Die Bibel gebraucht diesen Begriff weniger im Sinne einer Abgrenzung, als viel mehr im
Sinn einer positiven Zuordnung.
Es ist ganz wichtig, dass wir zunächst einmal hören, ohne gleich ein Raster anzulegen,
dass unserer Überzeugung entspricht.
Was wird tatsächlich gesagt – und was nicht?
Psalm 65, 5
"Wohl dem, den du erwählst und zu dir lässest, dass er in deinen Vorhöfen wohne;
der hat reichen Trost von deinem Hause, deinem heiligen Tempel."
Es ist nicht die Rede von denen, die nicht erwählt sind, sondern positiv wird gedankt für
die, die Gott erwählt hat!
Das Motiv der Erwählung ist nicht Abgrenzung, sondern seine Liebe:
8 Seminarwoche 2004 Erwählung
1. Johannes 4,10+19
" Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt."
Gott hat, indem er Jesus auf diese Erde sandte, grundsätzlich Ja zu uns Menschen
gesagt.
Johannes 3,16
" Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit
alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben."
Fest steht: Gott will nicht den Tod des Sünders.
1.Timotheus 2,4
" welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der
Wahrheit kommen."
Das ist zunächst einmal die Überschrift und wir müssen uns hüten, sie vorschnell zu
relativieren, indem wir ihm unterstellen, er hat die einen erwählt und die anderen von
vornherein verdammt!
Aber wir wollen nicht vorschnell harmonisieren, sondern auch die Gegensätze
aufzeigen, die uns auffallen und mögliche Antworten aufzeigen.
2. Schwierigkeiten mit möglichen Antworten
a. Da ist die Rede vom erwählenden Handeln Gottes:
Johannes 6,44
" Es kann niemand zu mir kommen, es sei denn, ihn ziehe der Vater, der mich
gesandt hat, und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage."
Es wird nicht gesagt, wen der Vater zieht und wen er nicht zieht, sondern es werden
die angesprochen, die er bereits gezogen hat! Diese Stelle ist also ein Zuspruch an die,
die Kinder Gottes sind!
Eine weitere, oft angeführte Stelle, die wir richtig einordnen müssen:
Römer 9,10-13
"Ehe die Kinder geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten, da
wurde, damit der Ratschluss Gottes bestehen bliebe und seine freie Wahl nicht aus Verdienst der Werke, sondern durch die Gnade des Berufenden -, zu
Rebekka gesagt: Der Ältere soll dienstbar werden dem Jüngeren,
wie geschrieben steht: Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehasst."
Hier müssen wir genau untersuchen, was mit Erwählung und Verwerfen gemeint ist.
9 Seminarwoche 2004 Erwählung
In Römer 9 ist damit nicht die Erwählung in Ewigkeit gemeint, sondern es geht um den
Platz, den der einzelne in der Heilsgeschichte Gottes einnimmt!
Esau wurde in demselben Sinn 'verworfen', wie später Eliab, der älteste Sohn Isais, von
dem Gott zu Samuel sprach: 'Ich habe ihn verworfen'.
Eliab war trotz dieser 'Verwerfung' genauso ein Angehöriger des Volkes Israel, wie
David auch!
Also:
Esau und Eliab sollten in der Geschichte Gottes mit uns Menschen nicht den Platz
einnehmen, der Jakob und David zustand!
Doch ihnen galt die Liebe Gottes genau so, wie sie allen Menschen auf dieser Erde
gilt!
Römer 9, 16-18
"So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes
Erbarmen.
Denn die Schrift sagt zum Pharao: Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir
meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.´
So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will."
Hier wird nicht gesagt, dass der Pharao schon in Ewigkeit dazu bestimmt war
verdammt zu sein!
Aber der Pharao wird, nachdem er die Umkehr ablehnte, zum mahnenden Beispiel.
Schwierigkeiten mit möglichen Antworten
a. Da ist die Rede vom erwählenden Handeln Gottes:
b. Da ist die Rede davon, dass wir uns entscheiden müssen!
Und diese Stellen müssen wir genauso ernst nehmen, denn Gott spielt mit uns nicht
Theater!
Die Bibel ist voll von Aussagen, die die Verantwortung des Menschen betonen und sich
immer wieder an seine Bereitschaft richten, der Einladung Gottes Folge zu leisten.
Offenbarung 22,17
" Und der Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es hört, der spreche:
Komm! Und wen dürstet, der komme; und wer da will, der nehme das Wasser des
Lebens umsonst."
Lukas 9,23
"Da sprach er zu ihnen allen: Wer mir folgen will, der verleugne sich selbst und
nehme sein Kreuz auf sich täglich und folge mir nach."
10 Seminarwoche 2004 Erwählung
Jesaja 55,1
" Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld
habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein
und Milch!"
Apostelgeschichte 17,30
" Zwar hat Gott über die Zeit der Unwissenheit hinweggesehen; nun aber gebietet er
den Menschen, dass alle an allen Enden Buße tun."
Wenn wir tatsächlich an eine absolute Vorherbestimmung glauben, dann sind diese
Stellen nicht zu verstehen.
Dann ist der Ruf zur Umkehr überflüssig.
Offensichtlich hat Jesus selbst und auch die Apostel die Lehre von der Erwählung so
nicht verstanden, denn sonst wäre die Urgemeinde nicht vor allem missionierende
Gemeinde gewesen.
Bitte bedenkt:
Die Apostel waren bereit für die Erfüllung des Missionsbefehls zu sterben.
Wenn dieser Befehl nur Theater wäre, würde das alles auf den Kopf stellen, was wir
von Gott wissen!
Noch etwas unterstreicht diese These:
Der Missionsbefehl ist kein Nebensatz, keine beiläufige Bemerkung Jesu an einer Stelle
mit anderer Intention!
Der Missionsbefehl wird in allen vier Evangelien und in der Apostelgeschichte in
unterschiedlichem Zusammenhang wiedergegeben.
Jesus muss das also sehr wichtig gewesen sein, wenn er so kurz vor seinem Tod immer
wieder auf diesen Auftrag für seine Jünger hingewiesen hat.
3. Was soll nun die Lehre von der Erwählung?
Sie soll genau das Gegenteil von dem erreichen, was wir daraus gemacht haben.
Wir sollen nicht darüber spekulieren, wer nun verloren geht und wer nicht, sondern wir
sollen in aller Anfechtung und allen Zweifeln immer gewisser werden, dass Gott uns,
dich und mich erwählt hat!
Epheser 1, 3-6
"Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit
allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.
Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und
untadelig vor ihm sein sollten; in seiner Liebe
hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem
Wohlgefallen seines Willens,
zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten."
11 Seminarwoche 2004 Erwählung
Als Gott diese Welt schuf und den Menschen als wirklichen Gegenüber, sah er natürlich
auch, was dann passieren würde.
In seiner Liebe hat er von Anfang an einen Ausweg aus der Sünde und Verlorenheit
geschaffen.
In diesem Sinne hat er uns 'in Christus' erwählt.
Das heißt, er hat zu uns ja gesagt und uns die Möglichkeit eröffnet mit ihm zu leben
und in den Himmel zu kommen.
Wenn Paulus in Römer 9 diese Erwählung so stark betont, dann hat dies darüber
hinaus eine pädagogische Bedeutung:
Die frommen Juden waren der Ansicht, dass ihre guten Werke Gott zwingen sie als
gerecht anzusehen.
Gegen diese Sicht sagt Paulus:
"Nicht die guten Werke, nicht das Wollen und Laufen eines Menschen bringen ihn in
den Himmel, sondern allein Gottes Erbarmen."
Wenn Gott nicht in Christus grundsätzlich ja gesagt hätte, käme kein Mensch über den
Graben, den Gott und Menschen trennen.
So soll das Reden von der Erwählung nicht den Zustand der Verlorenen festschreiben,
sondern den Geretteten immer wieder klar machen:
Gott hat zu euch ja gesagt.
Ihr seid seine Kinder und niemand kann euch von ihm trennen.
4. Erwählung oder freier Wille – was nun?
Ihr merkt:
Die Lehre der doppelten Prädestination lehne ich aus oben dargestellten Gründen ab.
Dennoch bleibt Gott mit seiner Erwählung und seinem Vorherwissen und damit bleibt
auch eine noch nicht aufgelöste Spannung.
Wie gerne würde ich euch nun eine eindeutige Antwort geben.
Das würde ich schon deshalb gerne tun, weil ich damit in die Dogmengeschichte
eingehen würde und zu einem der ganz Großen im Reich der Theologen aufsteigen
würde.
Mein Name würde in einem Atemzug mit Augustinus, Anselm von Canterbury, Martin
Luther und Karl Barth fallen.
Ich habe keine eindeutige Antwort – aus der Traum! Und ich befinde mich in guter
Gesellschaft.
Nie werde ich die Vorlesungen von Francis Schaeffer vergessen. Ich gehöre noch zu
den wenigen in meinem Jahrgang, die diesen evangelikalen Theologen und Philosophen
live hören durften.
12 Seminarwoche 2004 Erwählung
Francis Schaeffer war ein ungemein gescheiter Mann.
Nie zuvor und auch nicht danach habe ich eine so intelligente Verteidigung des
Christentums gehört, wie durch ihn.
Er machte uns immer wieder klar, dass die christliche Lehre die mit Abstand
intelligenteste Beschreibung der Wirklichkeit ist, die wir haben.
Nur durch sie lässt sich das Woher, Warum und Wohin von uns Menschen hinreichend
erklären.
Aber Francis Schaeffer machte zwei Einschränkungen:
Er sagte, es gäbe zwei Kernstücke christlicher Lehre, die wir nicht hinreichend erklären
und verstehen könnten:
Die eine ist die Lehre von der Dreifaltigkeit, die Trinitätslehre:
Gott ist einer und doch begegnet er uns im Vater, im Sohn und im Heiligen Geist.
Die drei sind drei Personen, und doch eine Substanz, untrennbar miteinander
verbunden, wie die drei Seiten, die ein Dreieck ausmachen.
In der Sprache der Kirche: Tres personae, una substantia!
Das können wir so beschreiben und lehren – verstehen können wir es in einem letzten
Sinne nicht.
Die zweite Einschränkung ist die Lehre von der Prädestination, von der
Erwählung, bzw. Vorherbestimmung:
Hier haben wir das nun hinlänglich beschriebene Dilemma. Wie verträgt sich der freie
Wille des Menschen mit dem Erwähltsein durch Gott.
Und auch hier beschreiben und lehren wir, mal so und mal so, aber auflösen können
wir dieses Spannung nicht.
Ich darf euch an die Vorbemerkung vom Anfang erinnern!
Wir können die Wirklichkeit Gottes nicht völlig erfassen.
Vieles bleibt für uns unverständlich, einfach zu hoch.
Uns fehlt eine Dimension!
So werden wir einerseits immer wieder betonen müssen, dass Gott der Handelnde ist.
Er erwählt, er sagt ja zu uns und davon leben wir.
Andererseits werden wir damit nicht aus der Verantwortung entlassen.
Wir werden angesprochen, werden in die Pflicht genommen und müssen uns
entscheiden.
Lösen wir diese Spannung einseitig, haben wir schädliche Extreme zu verantworten.
Entweder eine Kirche, die zu sehr die menschliche Seite betont. Da haben nur die
starken, willensstarken Menschen eine Chance.
In einer solchen Kirche ist kein Platz für Versager, für die Zauderer, für die Behinderten.
In einer solchen Kirche ist kein Platz für Sünder.
13 Seminarwoche 2004 Erwählung
Oder eine Kirche, die so sehr die Seite Gottes sieht, dass Mission und Evangelisation
überflüssig werden. Wenn Gott erwählt, dann tut er es schon. Also sehn wir mal zu, wie
er es macht.
Wie so oft in dem Nachdenken über unseren christlichen Glauben, kommen wir auch
bei diesem Thema zu dem Schluss:
Die Wahrheit liegt in der Mitte.
Es ist der schmale Weg, von dem Jesus sagt, dass er in den Himmel führt.
14 Seminarwoche 2004 Erwählung
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