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FORTUIN Sie hatte das Gefühl, nicht eine Minute - Stadt Osnabrück

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FORTUIN
Sie hatte das Gefühl, nicht eine Minute geschlafen zu haben. Wie eine
Träne rann der Schatten eines Tropfens über ihr Gesicht. Die Streben des
Ochsenauges und der darüber laufende Regen zeichneten ein sich ständig
änderndes Muster. Valerie kauerte auf dem Boden und lehnte mit dem Kopf
an der Wand. Ihr Blick ging starr durch das beschlagene Fenster nach
draußen ins Unendliche. Sie dachte an gestern, an Kalle, an seine Frage.
Ohne zu merken, dass der Kaffee darin längst kalt war, hielt sie ihren
Becher noch immer fest umklammert. Auf der schmalen Gasse vor dem
Haus herrschte bereits reges Treiben. Valerie fühlte sich ohnmächtig.
In die kleine Nische hatte sie sich spontan verliebt, als sie die Wohnung
zum ersten Mal betrat. Dass die Dachschräge an dieser Stelle gerade
genug Platz ließ, um zu knien und sich das Fenster nicht öffnen ließ, störte
sie kaum. Sie hockte gerne so wie jetzt mit angezogenen Beinen auf dem
abgewetzten Kissen vor dem runden Fenster, das fast den Boden berührte.
Auf der anderen Seite des Spitzbodens lag an gleicher Stelle ihre Matratze.
Wäre sie nicht jeden Abend zu erschöpft gewesen, hätte sie von dort
ebenfalls die schöne Aussicht genießen können. Gestern hatte sie dort mit
Kalle gesessen und eine Flasche Wein geleert. Eigentlich hätte sie
dringend Aufgaben für ihr Studium erledigen müssen. Trotzdem war der
Abend Balsam für die Seele. Bis die Frage kam.
Irgendwo schlug eine Tür zu. Erschrocken fuhr Valerie zusammen und sah
sich suchend nach der großen Wanduhr um. 9.15 Uhr. Mist, sie musste los.
Auf dem Weg zum Bad nahm sie hastig noch einen Schluck Kaffee, um ihn
gleich darauf mit angewidertem Gesicht ins Waschbecken zu spucken. Kalt.
Mit der Zahnbürste im Mund begab sie sich auf die Suche nach einem
Haarband. Aussichtslos, wie immer. An der Staffelei in der Mitte des
Zimmers fand sie eine braune Haarklemme. Sie hatte seit Monaten nicht
gemalt, die Staffelei mutierte immer mehr zu einer Ablage. Vor Beginn ihres
Studiums hatte sie dort voller Begeisterung viele Stunden verbracht. Das
angefangene Bild lehnte nun längst auf dem Boden an einem der
Holzbalken.
Leise fluchend versuchte sie den Schlüssel herumzudrehen und gleichzeitig
mit einem leichten Ruck die Tür zu öffnen. Es gab wohl einen Trick,
dennoch sie schien die einzige zu sein, bei der es immer wieder auf Zufall
beruhte, ob sich die Tür öffnen oder schließen ließ. Endlich gab diese
ächzend nach und schwang ins Innere des Cafés. 9.27 Uhr.
Glücklicherweise brauchte sie für den Weg von ihrer Wohnung bis zum
Café Fortuyn nur wenige Minuten.
Auf dem Weg in den Hinterraum führte sie die üblichen Handgriffe aus: Sie
rückte einen Stuhl zurecht, sammelte die beiden Gläser von der Theke, die
ihre Kollegen gestern nach Feierabend dort hatten stehen lassen und
schaltete den Kaffeeautomat an, der leise summend seinen Dienst
ankündigte. Gleichzeitig knöpfte sie ihren Mantel auf und wickelte den
Schal ab, was ihre Haarspange dankend zum Anlass nahm, sich aus dem
aalglatten Haar zu verabschieden. Erneut vor sich hin schimpfend fing
Valerie diese im Fallen auf, hängte ihren Mantel an einen Haken und
versuchte die langen Haare wieder am Hinterkopf zu befestigen. Ohne
einen Spiegel. Sie wollte sich den Anblick ihrer tiefen Augenringe ersparen.
9.58 Uhr. Die Tische waren eingedeckt, die dicke Kerze im Fenster zum
Großen Platz lud zum Einkehren ein. Valerie liebte das in die Jahre
gekommene Jugendstil-Café mit seinen kleinen Holztischen, den alten
Holzbohlen und den riesigen Jugendstilleuchtern, die den dunklen Raum in
ein warmes, goldenes Licht tauchten. Für sie war es fast ein zweites
Zuhause. Seufzend band sie sich ihre Schürze um, die auch schon einmal
bessere Tage gesehen hatte und vermutlich genauso viele Geschichten
hätte erzählen können wie das Café selbst.
Besonders liebte sie diese eine Geschichte. Zu gerne wäre sie selbst
einmal über den großen Teich geschippert, um dort eine Zeit lang zu leben.
Das Fortuyn, benannt nach einem Schiff. Fortuin, Glück. Vor ungefähr 400
Jahren war die Fortuyn die Hoffnung vieler Menschen, die auf der Suche
nach Abenteuer in die Neue Welt aufbrachen. Denn Handel und Seefahrt
brachten im Goldenen Zeitalter Hollands einigen Reichtum hervor.
Vermögende konnten sich so die Passage leisten. Für sie war es die
Chance, sich den Traum von einem neuen Leben zu erfüllen.
Vermögen. Bizarrerweise hieß Fortuin nicht nur Glück, sondern auch
Vermögen. Bei dem Gedanken an Geld kamen Valeries Sorgen und ihre
unbändige Müdigkeit zurück. Sie sank auf einen Barhocker und hielt
sekundenlang die Augen geschlossen. Ihr bester Freund Kalle hatte
gestern mit einer Frage ihr Leben ins Wanken gebracht wie raue See einen
Schiffsboden. Bist du glücklich?
Ein kalter Lufthauch kündigte den ersten Gast an. Es war der Grafiker von
nebenan, dessen Namen sie nach fast zwei Jahren immer noch nicht
wusste. Sie nickte ihm zu und erhob sich, um ihm einen Koffie verkeerd zu
machen. Wie immer.
Valerie mochte Haarlem irgendwie. Warum genau, hätte sie nicht sagen
können. Es war halt ihr Zuhause. Ihre winzige heimelige Dachwohnung war
ein ebensolcher Glücksgriff wie der Job im Café Fortuyn. Und dann kam im
Sommer doch noch die Zusage der AHK. Die Akademie der Bildenden
Künste. Sie hätte überschäumen können vor Glück. Nach jahrelangem
Streben, Zweifeln und Wiederaufstehen hatte die Elite in Amsterdam sie
endlich für gut befunden. Ein lang gehegter Wunsch wurde wahr. So würde
sie ihrem Traum vom Künstlerdasein näher kommen. Und dann vielleicht
auch zu neuen Ufern aufbrechen können.
Draußen folgte eine junge, elegant gekleidete Frau ihrem Schirm, der im
Herbstwind ein Eigenleben entwickelt hatte und nun eher einem Segel
glich. Ein paar vereinzelte Tauben ließen sich im letzten sommerlichen
Übermut das Gefieder zerzausen. Es war fast elf als eine Gruppe lachender
ehemaliger Studenten das Café betrat. Valerie kannte die Truppe. Seit die
ersten Kinder hatten, kamen sie nur noch selten. Umso mehr freute sie sich
heute von ihnen mit wildem Hallo begrüßt zu werden. Sie wollten
frühstücken, um im Anschluss zu einem Strandspaziergang nach Zandvoort
zu fahren. Gerne hätte sie sich von der Leichtigkeit anstecken lassen. Aber
Kalles Frage blockierte.
Kaum waren alle versorgt, kehrte ihre Melancholie zurück. Nach der gerade
erlebten Fröhlichkeit waren ihre sich ständig im Kreis drehenden Gedanken
unerträglich. Sie versuchte wieder auf Standby-Modus zu schalten, indem
sie auf die Regentropfen an der beschlagenen Scheibe starrte. Da schob
sich ein nasser wuscheliger Kopf Grimassen schneidend ins Bild. Kalle.
Valerie musste lachen. Dann verschwand er für einen Moment, um im
nächsten Augenblick mit strahlenden Augen vor ihr im Café zu stehen.
„Ich hab etwas für dich!“ Seine Augen erschienen noch blauer als sonst.
„Aber erst brauche ich einen Kaffee.“ Valerie wusste, dass Kalle den Kaffee
im Fortuyn liebte und deswegen so häufig wie möglich in den Laden kam.
Dass er nur ins Café kam, wenn sie arbeitete, wusste sie nicht.
Ein kalter Luftzug verriet ihr, dass Kalle die Tür nicht richtig geschlossen
hatte. DE DEUR GUID SLUITEN A.U.B. Das Schild half nichts. „Zuerst
machst du die Tür zu.“ Im gleichen Moment erschien ihre Kollegin, die
selbige mit einem kräftigen Ruck schloss. Kalle zuckte mit den Achseln.
Valerie drehte sich um, um mit routinierten Handgriffen einen Espresso für
Kalle zu brühen. Er bemerkte schmunzelnd ihre wirren Haare, die im
krassen Gegensatz zu ihrer aufrechten Haltung standen. Kalle liebte es ihr
beim Arbeiten zuzusehen. Bei Valerie wirkte jede Bewegung im Café als
wäre das Ganze Teil eines Tanzes, anmutig fließend. Während er sich
setzte, hörte er wie die Tasse mit klirrendem Knall auf dem Boden
zersprang. Ihr Tanz hatte jäh geendet.
Sie war hoffnungslos übermüdet. Seit Semesterbeginn wusste sie nicht
mehr, wo ihr der Kopf stand. Dass die Kosten hoch sein würden, war ihr
vorher klar. Die Arbeit machte ihr nichts aus, genauso wenig das Pendeln
nach Amsterdam. Doch der Leistungsdruck an der Akademie war hoch.
Höher als sie jemals gedacht hatte. Sie konnte arbeiten, das wusste sie.
Sie wusste, dass sie gut war. Aber gut sein reichte nicht. Die Elite ließ sie
spüren, was Elite war. Kunst, seit jeher ihre größte Leidenschaft, mutierte
zur Krux.
Kalle war besorgt. Sehr besorgt. Seit Monaten. Noch nie hatte er seine
quirlige, lebenslustige Valerie so bedrückt erlebt wie in letzter Zeit. Er
wusste, dass sie dringend etwas ändern musste, um nicht
zusammenzubrechen. Die Akademie war gut, aber sie war nicht gut für sie.
Wie gut, dass er neulich diese Ausschreibung für ein Stipendium entdeckt
hatte. Ohne ihr Wissen hatte er ihre Unterlagen eingereicht: Er wollte ihr die
Enttäuschung ersparen für den Fall, dass es nicht klappte. Aber er war sich
sicher, dass es genau das richtige für sie war. Denn wie viele Ideen hatten
sie gemeinsam gesponnen, als sie noch ausschließlich im Café arbeitete.
Diese Ideen hatten ihr den Weg nach Amsterdam geebnet. Diese Ideen
waren fast tot.
Valerie ließ sich seufzend auf den leeren Stuhl Kalle gegenüber fallen. Die
Mittagszeit war überstanden. Ihre Kollegin hatte den Dienst übernommen
und sie nur gebeten, im Notfall wieder einzuspringen. Samstags wusste
man nie, wann es plötzlich voll würde. Aber da das Wetter immer
herbstlicher und unwirtlicher wurde, hatte Valerie Hoffnung auf einen freien
Nachmittag. Sie hätte die Arbeitsstunden brauchen können. Aber sie
müsste auch dringend waschen. Und schlafen. Insbesondere schlafen. Und
zumindest ein bisschen skizzieren. Beim Gedanken daran zog sich ihr Hals
zu.
„Hörst du mir eigentlich zu?“ Allmählich kam sie wieder im Café an und sah
Kalle, der sie fragend ansah. „Tschuldigung, ich war gerade nicht ganz
da.“ „Das habe ich gemerkt. Dabei habe ich gerade von deinem Traum
berichtet.“ Noch mehr Träume, das konnte nicht gut sein. Und was wusste
Kalle schon von ihren Träumen. Kalle zog einen Brief aus seiner Tasche,
der an sie adressiert war. „Lies es selbst durch und überleg in Ruhe.“ Er
stand auf und lächelte sie verschmitzt an. „Ich komm später mit Pizza bei
dir vorbei. Vielleicht solltest du bis dahin einfach mal schlafen, du siehst
müde aus.“ Sie hatte das Gefühl ausgebremst zu werden. Später musste
sie etwas für ihr Studium tun. Der angekündigte Besuch passte ihr gar
nicht. Außerdem hatte er sie gestern mit seiner Frage, ob sie glücklich sei,
schon genug aus der Bahn geworfen. Aber er war schließlich ihr bester
Freund. Und in einem Punkt hatte Kalle Recht. Einfach mal schlafen. Doch
zuerst wollte sie den Brief lesen. Trotz aller Müdigkeit und
Gedankenverlorenheit hatte er ihre Neugier geweckt.
Sie war sprachlos. Immer wieder überflog sie den Briefbogen. Der Inhalt
blieb der Gleiche. Neulich hatte sie Kalle in einem übermütigen Moment
von ihrem uralten Traum eine Zeit lang in New York zu leben und sich dort
der Kunst zu widmen erzählt. Gemeinsam hatten sie sich ausgemalt, wie
toll es wäre, eine alte Fabriketage zur Verfügung zu haben. Dort zu malen.
Die Stadt zu erleben. Erlebnisse zu verarbeiten. Neues auszuprobieren.
Kreativ zu sein. Träume zu realisieren.
In der Hand hielt sie ein Stipendium. Brooklyn. Atelier, Wohnung,
monatlicher Zuschuss. Ein Jahr.
Kalle. Lieber Kalle. Lieber, lieber Kalle. Er würde ihr fehlen. Mehr als ein
bester Freund.
Der Marktplatz verschwand hinter einem leicht beschlagenen Fenster über
das vereinzelte Regentropfen flossen. Über ihr Gesicht rannen Tränen.
Hanna von Behr
Zur Autorin: Hanna von Behr wuchs in der Lüneburger Heide auf. Sie
absolvierte ein Magisterstudium in den Bereichen Literaturwissenschaft,
Medien und Kunst und arbeitet seit 2007 als freiberufliche Filmkritikerin.
2009 publizierte sie die Kurzgeschichte „Johannissteine“, die in der
Anthologie „Am Wegesrand - 12 Kurzgeschichten zu Naturdenkmalen in
und um Osnabrück“ (Hrsg. von Thorsten Stegemann und Jörg Ehrnsberger.
Osnabrück 2009) veröffentlicht wurde.
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