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Meine Reben sind wie Kinder - Weingut Pflüger

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Meine
Weinbau
mit Tradition
sind wie
Reben
Kinder
Wenn Winzer Alexander Pflüger von seinen Reben spricht,
dann könnte man meinen, es handelt sich um Menschen. Sie haben
einen Charakter, man muss sie erziehen, sie haben Stimmungen.
Jetzt ist die Zeit der Lese – und der Geschmack der Weinberge
soll den Weg in die Flasche finden.
12
L a n d L eben
Ein kritischer Blick auf die Riesling-Trauben:
Sind Sie schon reif oder sollen Sie doch ein
paar Tage weiter reifen? Die Entscheidung
muss jeden Tag neu überprüft werden.
N
och hängen Sie an den Rebstöcken: Kleine Trauben,
je nach Licht golden leuchtend oder
matt grün schimmernd. Aber schon
in den nächsten Tagen werden sie geerntet, dann soll der ganze Geschmack
des Sommers 2009 in die Flasche kommen. Winzer Alexander Pflüger läuft
an seinen Reben vorbei und probiert
in einem fort die kleinen Rieslingtrauben. „Es geht nicht nur um den Oechslegrad, wenn es um den richtigen Zeitpunkt für die Ernte geht,“ erklärt er.
Der Oechslegrad ist der Gradmesser
für den Zuckergehalt der Trauben. „Es
geht auch um das Aroma, dass sich in
der Frucht entwickelt hat“. Er untersucht einen Rebstock genauer und lächelt. „Das wird ein guter Herbst. Die
Trauben sind gesund bis in die Spitzen,
das haben wir nicht jedes Jahr.“
Mit seinen 29 Jahren ist er der jüngste
Biowinzer Deutschlands. Schon sein
Vater hat den Anbau umgestellt, der
Hof der Pflügers im pfälzischen Bad
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Dürkheim arbeitet schon seit über
zwanzig Jahren nach biologischen
Grundsätzen. Seit 1991 ist das Weingut durch Ecovin als Bio-Weinbau zertifiziert. „Uns ging es anfangs nicht um
den Bio-Anbau um seiner selbst willen,“ erklärt Alexander. „Wir waren auf
der Suche nach dem besseren Wein. In
den 70er Jahren wurde wahnsinnig viel
Kunstdünger verwendet. Nach meiner
Überzeugung ist das gegen die Natur.
Einen guten Wein kann man aber
nicht gegen die Natur, sondern nur
mit der Natur herstellen.“
Begeisterung für den
familienbetrieb
Das Interesse für den Wein ist bei Alexander Pflüger langsam gewachsen auch wenn er den Riesling quasi mit
der Muttermilch aufgenommen hat.
Eigentlich wollte der junge Winzer
nach dem Abitur ein Medizinstudium
machen. Als ihm aber klar wurde, dass
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Auf der Suche nach dem besten
Wein entstand ein Bündnis mit
der Natur - nicht gegen sie
Weinlese in den
50er Jahren: Ganz
links steht Großmutter Pflüger bei
der Lesemannschaft
L a n d L eben
Die ständige
Arbeit mit den
Weinstöcken
nimmt den größten Teil der Zeit
ein. Jeder Weinstock muss im
Laufe eines Jahres
acht bis neunmal angesehen
werden. Bei den
90.000 Rebstöcken
der Pflügers viel
Arbeit.
der Familienbetrieb dann nicht mehr
weiter bestehen würde, entschloss er
sich zu einer Winzerlehre. „Meine Familie hat schon seit dem 17. Jahrhundert Wein angebaut. Am Anfang sicher
nur, um den Eigenbedarf zu decken.
Seit meinem Großvater lebt die Familie
aber ausschließlich vom Wein.“ Schon
in den ersten Wochen der Winzerlehre fand ein Umdenken statt. „Das war
einfach genau mein Ding. Ich liebe die
Arbeit im Wingert, ich habe bei unserem Wein von A bis Z alles in der
Hand, vom jungen Rebstock bis zum
fertigen Wein.“
Denken in generationen
Die Rosenstöcke
am Ende jeder Reihe sind nicht nur
schön, sondern
auch nützlich. Sie
erkranken noch
vor dem Wein
an Mehltau, der
Winzer kann seine
Pflanzen schon
vorbeugend
behandeln
Im Wingert ist seine Begeisterung
leichter zu verstehen. Fast liebevoll
zeigt er über 30 Jahre alte Reben, die
unterhalb einer Mauer mit Zypressen und Feigenbäumen liegt. „Diese
Reben haben Charakter, die haben
mehr Inhaltsstoffe und mehr Gehalt
als die Trauben von den jungen Weinstöcken.“ Etwa 40 Jahre lang können
die Reben guten Wein geben. Wenn
die Entscheidung fällt, einen Wingert komplett neu anzulegen, fällt die
Entscheidung schwer. „Da schwingen
Erinnerungen an die tollen Jahrgänge mit. Oft lassen wir die Weinstöcke noch ein oder zwei Jahre länger
stehen, als es wirklich sinnvoll wäre.“
Zwischen alten, knorrigen Reben blühen Kräuter in gelb, lila und leuchtend
blau. Sie werden gesät, um den Boden
zwischen den Reben locker zu halten.
Außerdem locken sie Insekten an, die
wiederrum die Schädlinge an den Reben im Zaum halten. „Die Kräuter
haben ganz unterschiedliches Wurzelwerk. So wird der Boden unglaublich
fluffig und lebendig. Das spürt man,
wenn man im Wingert steht - die
Stimmung ist lebendiger. Manchmal
beneide ich meine Reben,“ erklärt der
junge Winzer.
Wir gehen weiter zu einem jungen
Winget. Alexander Pflüger sieht sich
die jungen Pflanzen genau an. „Ein
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junger Weinstock ist wie ein Halbstarker. Der weiß gar nicht wohin mit
seiner Kraft, der schießt nach oben,
hat unglaublich viel Trauben. So einen
Weinstock muss man regelrecht erziehen.“ Die Weinstöcke, die vor uns stehen sind fünf Jahre alt, seit dem letzten
Jahr gibt es Wein aus diesem Wingert.
„Unsere Entscheidungen sind immer
auf einen sehr langen Zeitraum ausgerichtet. Wenn ich jetzt neue Weinstöcke pflanze, dann ist mir klar, dass
meine Kinder die Früchte meiner Arbeit ernten werden.“
Aus diesem Grund spielen auch Modeweine kaum eine Rolle bei seinen
Überlegungen. Alexander Pflüger
grinst breit: „Für mich müsste es nur
Riesling und Spätburgunder geben.
Das sind die Sorten, die hier in der
Pflaz beheimatet sind, die passen hierher und liefern großartige Ergebnisse.“ Um seinen Kunden dennoch ein
breiteres Angebot zu bieten, baut er
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Ein alter Wingert hat Charakter
wie ein gereifter Mensch
in seinen Weinbergen auch Cabernet
Sauvignon, Merlot, Weißburgunder,
Rivaner oder Chardonnay an.
ausbildung weltweit
In seiner Ausbildung hat er sich auch
in anderen Weinanbaugebieten umgesehen. Da die Weine der Neuen Welt
einen regelrechten Boom erleben, arbeitete er mehrere Monate in Südafrika. Das, was er dort erlebte entspricht
nicht seinem Verständnis von Wein.
„Der Wein wird dort sehr industriell
hergestellt, der Geschmack im Keller
regelrecht designt. So entstehen sehr
gefällige Weine, aber der Jahrgang und
die Lage wird nicht respektiert.“
Anschließend ging es nach Südfrank-
Etikettenkunde
Verpflichtend auf einem Weinetikett
ist die Bezeichnung der Qualitätsstufe (Kabinett, Spätlese etc.), des
Anbaugebietes (Rheingau,, Franken etc.), des
Erzeugers/Abfüllers und
des Alkoholgehaltes. Die
Nennung der Rebsorte
und des Jahrganges
sind erlaubt, wenn
jeweils 85% des Weines
aus ihr stammen. Die
Geschmacksangabe (z.B.
trocken, lieblich) bietet
eine grobe Orientierung. Die Lage
interessiert oft nur Kenner.
L a n d L eben
ganz links: junge
Rieslingstöcke, die
2008 den ersten
Wein brachten;
daneben: Reben,
über 30 Jahre alt aus ihnen entsteht
eine Spätlese;
Kräuter sorgen
für ein gesundes
Bodenklima;
unten: die Mauern
wurden bereits
vom Großvater
wieder aufgebaut.
reich. Hier wartete das genaue Gegenteil auf ihn. „Alle Arbeit findet im
Weinberg statt, da wird im Keller nicht
nachmodelliert.“
Diese Art des Weinbaus emtspricht
heute auch seiner Philosophie. „Jede
Lage hat einen ganz speziellen Stallgeruch, jeder Wingert unterschiedliche
Stimmungen. Die große Individualität meiner Lagen soll man in meinem
Wein schmecken können.“ Daher
seine Kritik an dem System, mit dem
Weine in Deutschland bezeichnet werden. Die Lage wird zwar auf der Weinflasche häufig genannt, aber die Bezeichnungen von Kabinett bis Spätlese
haben ausschließlich mit dem Zuckergehalt der Trauben, zu tun. „Ich kann
eine Spätlese der Lage Bahndamm
West herstellen - bei entsprechender
Pflege wird der Zuckergehalt hoch
genug. Aber damit ist der Einmaligkeit des Geschmacks von bestimmten
Wingerten nicht Rechung getragen.“
wertvolle handarbeit
Vater und Sohn bei
der gemeinsamen
Arbeit im Keller.
Der Wein muss
täglich probiert
werden, dann fällen sie gemeinsam
die Entscheidung,
was weiter mit ihm
geschehen soll. Die
Fässer, in denen
ein Teil des Weines
gärt, sind 70 Jahre
alt.
Der Obstwanderweg Leverkusen
führt auch durch malerische Dörfer
Jetzt, in der Zeit der Weinlese, sind in
den Weinanbaugebieten die großen
Vollernter unterwegs. Sie klopfen die
Weintrauben von den Rappen und
sparen den Winzern so viel Arbeit. In
den Weinbergen der Pflügers herrscht
allerdings die reine Handarbeit.
„Der Vollernter nimmt alle Trauben
mit, egal ob sie unreif oder verfault
sind. Deswegen muss man sehr gnau
vorselektieren, durch die Reihen gehen und alles herausnehmen, was man
nicht im Wein haben möchte. Bei
Handlese kann ich das noch genauer
machen.“ 18 Hektar gehören zu dem
Weingut, für die Ernte sind ein Dutzend Helfer für etwa sechs Wochen beschäftigt. Das steigert die Kosten der
Lese um etwa 30%, für die Erzeugung
von Qualitätswein aber ein lohnendes
Investition.
„Der Vollernter verdichtet den Boden
ungemein. Ohne die Luft sterben viele
Organismen im Boden ab. Das kann
jeder Laie im Weinberg sehen: Wenn
17
zwischen den Reihen viel Löwenzahn
wächst, dann wurde mit dem Vollernter gearbeitet. Löwenzahn kommt mit
relativ hartem Boden gut zurecht.“
Im Keller werden die Trauben sorgfältig gekeltert und zu Wein verarbeitet.
Die vielen Stahl- und Holzfässer erlauben jeder einzelnen Lage ihren ganz
speziellen Charakter zu entwickeln.
Beim täglichen Probieren entscheiden
Bernd und Alexander Pflüger gemeinsam, was mit den jungen Weinen weiter geschehen soll.
Das gröSSte Weinfest
Am schönsten ist es aber, wenn die
Kunden auf den Hof kommen, den
Wein probieren und Pflügers die direkte Reaktion auf ihre Arbeit sehen
können. Dabei ist Alexander Pflüger
eine Sache ganz wichtig: „Wenn man
in einer Weinbauregion ist, dann sollte
man wirklich zum Winzer gehen und
sich die Weine erklären lassen und kosten. Es ist auch ganz bestimmt keiner
beleidigt, wenn man nichts kauft - wir
zeigen gerne, was wir produziert haben, es gibt keinen Kaufzwang.“
Nur wenige hundert Meter vom Weingut der Pflügers entfernt findet alljährlich im September das größte Weinfest
der Welt statt - der Wurstmarkt. Hier
dürfen nur Winzer aus Bad Dürkheim
ausschenken, Pflügers bieten dabei den
einzigen Bio-Wein an. Und hier trifft
man sie auch wieder: Die „Alten Reben“ vom Michelberg im Glas.
Wer sich für den Wein der Pflügers interessiert: Weingut Pflüger, Gutleutstr.
48, 67098 Bad Dürkheim, 06322/ 63
148, www.pflueger-wein.de
Katrin Kaiser
Beim Besuch des
traditionellen
Wurstmarktes in
Bad Dürkheim
konnte Redakteurin
Katrin Kaiser sich
vom Geschmack
der Pflüger-Weine
überzeugen. Vater
und Sohn schenken
auf dem größten
Weinfest der Welt
gemeinsam aus.
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Wein im eigenen
Garten
Geeignet für den Garten: Regent
Wer von einem eigenen Weinstock im
Garten oder an der Hauswand träumt,
sollte folgende Tipps von Alexander
Pflüger beachten:
Der richtige Ort: Wichtig ist viel Sonne und ein lockerer Boden. Dann kann
der Weinstock an einer Wand oder an
einem Gitter wachsen.
Die richtige Sorte: Hier sollte die
Wahl auf möglichst resistente Sorten
fallen. Sie sind nicht so anfällig für
Schädlinge, Fäulnis oder Mehltau.
Besonders gut: Regent, Palatina oder
Johanniter. Seit 150 Jahren gibt es in
Deutschland nur noch Weinstöcke, die
auf amerikanische Sorten gepfropft
werden. Der Grund: Die Reblaus aus
Amerika, die wurzelechte Stöcke
schwer schädigte.
Die richtige Pflege: Anfangs sollte
man seinen jungen Weinstock regelmäßig gießen. Erst wenn die Pflanzen
älter werden, können sie mit Stress
durch Wassermangel umgehen. Der
Boden sollte immer wieder vorsichtig
gelockert werden, das Stämmchen
muss vor allem am Anfang festgebunden werden. Im Winter kann man sich
seinen kleinen Rebstock durch Schnitt
in die gewünschte Richtung „erziehen“.
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Der Blick im Herbst
auf die Wingerte
im goldenen Laub.
Weiße Trauben
verfärben sich
gelb, rote Trauben bekommen
leuchtend rotes
Blätter. Klar ist:
Hier wächst viel
Riesling!
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