close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

(Clemens Bomsdorf) [pdf, 63.96k] - Deutsche Botschaft Oslo

EinbettenHerunterladen
Clemens Bomsdorf
Wirtschaft und Arbeitsleben im Wandel
Norwegen ist wie das Kind reicher Eltern. So könnte man auf den Punkt bringen, was Ökonomen und
Arbeitsmarktexperten von dem nordeuropäischen Land halten.Wegen seines von der Natur geerbten
Rohstoffreichtums hat Norwegen unglaubliche Möglichkeiten, seinen Bewohnern ein angenehmes, nicht
allzu arbeitsreiches Leben im Wohlstand zu garantieren. Gleichzeitig muss es aber aufpassen, dass es sich
nicht zu sehr auf dem Reichtum ausruht oder ihn gar verschleudert, sondern versuchen, dennoch eine
gewisse Disziplin an den Tag zu legen: Sonst geht es dem Land wie dem reichen Erben, der nie selber
arbeitet und dann feststellen muss, dass das Erbe doch nicht groß genug war, um sich diesen
Lebensstil auf Dauer leisten zu können.
Wie anders sieht es mit Deutschland aus: Die größte Volkswirtschaft Europas könnte – um im Bild zu bleiben
– als das gebeutelte Arbeiterkind gelten. Das Land hat kaum Ressourcen und als mit der Wiedervereinigung
sozusagen plötzlich der arme Bruder auftauchte, der finanzielle Unterstützung brauchte, gerieten
Deutschland und seine Bewohner an den Rand der Leistungsfähigkeit. Die Arbeitslosigkeit stieg stetig und
erreichte mit knapp fünf Millionen im Frühjahr 2005 einen neuen Nachkriegsrekord. Damit waren in
Deutschland mehr Menschen ohne Arbeit als Norwegen zum selben Zeitpunkt Einwohner hatte.
Norwegens Ressourcenreichtum und die deutsche Wiedervereinigung sind zwei der Faktoren, die dazu
beitragen, dass die Entwicklungen der Volkswirtschaften der beiden Länder und damit die sozioökonomische
Realität, zu der auch das Erwerbsleben gehört, sich seit 1905 zum Teil erheblich unterscheiden.Während
diese beiden Faktoren dazu führten, dass Norwegen in den vergangenen Jahrzehnten und vor allem in den
letzten zehn Jahren im Vergleich zu Deutschland eine unglaubliche Prosperität mit entsprechend niedriger
Arbeitslosigkeit und hoher Erwerbstätigenquote erlebte, hat die relativ späte Industrialisierung Norwegens
und die damit verbundene langanhaltende große Bedeutung des primären Sektors (Agrarwirtschaft und
Fischerei) in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts genau den entgegengesetzten Effekt gehabt.
Lange lag das Pro-Kopf-Einkommen in Norwegen hinter dem in Deutschland. Weitere Bestimmungsfaktoren
für die zum Teil recht verschiedene Entwicklung des Erwerbslebens der beiden Länder in den vergangenen
100 Jahren sind die Differenzen bei den politischen Mehrheitsverhältnissen und der Partizipation an den
zwei Weltkriegen mit der entsprechenden Ausrichtung der Wirtschaft und des Arbeitsmarktes in den
Kriegsperioden und danach. Das Jahr 1905 war für Norwegen nicht nur politisch, sondern auch
wirtschaftlich ein einschneidendes. Im selben Jahr, in dem Norwegen sich von Schweden loslöste,wurde das
Unternehmen Norsk Hydro etabliert.Während in Deutschland die industrielle Produktion bereits seit einigen
Jahrzehnten auf Hochtouren lief und die Beschäftigung im sekundären Sektor rasant gestiegen war, kam
Norwegen mit der umfassenden Nutzung der Wasserkraft zur Stromerzeugung erst Anfang des 20.
Jahrhunderts endgültig im Zeitalter der Industrialisierung an. Dennoch beschäftigte der primäre Sektor
weiterhin mehr Menschen und trug einen größeren Teil zur Wirtschaftsleistung des Landes bei und die
Menschen lebten dort, wo sie Arbeit fanden – auf dem Lande. »Norwegen war schon vor der Entdeckung
des Öls ein ressourcenreiches Land. Die großen Vorkommen an Fisch und Holz sorgten dafür, dass erst
Ende der 1940er mehr Beschäftigte im sekundären als im primären Sektor arbeiteten«, so Ola Grytten,
Professor an der Norwegischen Handelshochschule in Bergen. Das schon länger industrialisierte
Deutschland war in der ökonomischen Entwicklung dem nordischen Nachbarn weiterhin voraus, dort
erlangte der Industriesektor bereits um 1910 herum eine größere Bedeutung für Beschäftigung und
Bruttosozialprodukt als der Agrarsektor.
In der Kriegs- und Zwischenkriegszeit von 1914 bis 1945 erlebten beide Länder wirtschaftlich turbulente
Zeiten. Im Weltwirtschaftskrisenjahr 1921 fiel das norwegische Bruttosozialprodukt um 21 Prozent – nur
Großbritannien erlebte einen stärkeren Niedergang. Dennoch blieb Norwegen ein explosionsartiger Anstieg
der Arbeitslosigkeit, wie ihn Deutschland verzeichnete, erspart und »die Depression der 1930er war milder
und kürzer als in den meisten westlichen Ländern«1. Bis zum Ausbruch des Zweiten
Weltkriegs lag die Arbeitslosenquote zumeist deutlich unter zehn Prozent. »Norwegen hat bis in die 1970er
Jahre hinein nie mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen gehabt«, so Grytten. Deutschland richtete die Wirtschaft
während des Zweiten Weltkrieges immer mehr auf die Bedürfnisse des Militärs aus. Der Krieg hatte sich zu
einem totalen Krieg gewandelt und die Beschäftigung wurde mehr und mehr in die Rüstungsbranche
verlagert. Weil viele Männer im Militär eingesetzt wurden, stieg die Frauenerwerbsquote in Deutschland
drastisch an. »Eine derart extreme Entwicklung kann auf dem norwegischen Arbeitsmarkt nicht gesehen
werden«, so Grytten. Der Angriff und die darauf folgende Besetzung durch deutsche Truppen 1940 führten
jedoch zu einer erneuten Wirtschaftskrise.
Nach dem kriegsbedingten wirtschaftlichen Niedergang setzte in Norwegen und der Bundesrepublik
1
Deutschland in den 1950er Jahren ein rasanter wirtschaftlicher Aufschwung ein. Beide Staaten profitierten
überdurchschnittlich stark von den ins Land fließenden Geldern des Marshall-Plans. Im Zuge dessen kamen
in beiden Ländern mehr und mehr Menschen in Beschäftigung und die Arbeitslosenquote sank, in der
Bundesrepublik hatte der Wert noch im März 1950 über zwölf Prozent betragen. In beiden Ländern ging
diese Entwicklung mit zunehmender Staatsaktivität einher, der Anteil der Beschäftigten im öffentlichen Sektor
und bei staatlich stark beeinflussten Branchen stieg. In den 1950er Jahren ging die Erwerbsquote der
Frauen in Norwegen sogar zurück, denn »es galt damals als ein Zeichen für Wohlstand, wenn die Frau zu
Hause bleiben konnte«, so Grytten.
Die Entdeckung umfangreicher Erdölvorkommen vor der norwegischen Küste in den 1960er Jahren war die
Basis für den bis heute nur temporär abflauenden Wirtschaftsaufschwung Norwegens. Dank seines
Ressourcenreichtums konnte das Land sich in der wirtschaftlichen Entwicklung stärker von der
Weltkonjunktur abkoppeln. Während Deutschland und der Rest Europas unter dem seit Herbst 1973 stark
ansteigenden Ölpreis litten und die Arbeitslosigkeit stieg, schloss Norwegen gemessen am Pro-KopfEinkommen in puncto Kaufkraftparität auf und ließ nach und nach alle europäischen Länder außer
Luxemburg hinter sich. Dennoch litt auch das reiche nordeuropäische Land an wirtschaftlichen Problemen –
der hohe Ölpreis sorgte für steigende Löhne in allen Branchen und gefährdete so die Wettbewerbsfähigkeit
der klassischen Industrie. Die Zeiten des Ölpreisbooms von 1973 bis 1985 gelten deshalb auch als Zeitalter
der Deindustrialisierung Norwegens mit immer geringer werdender Beschäftigung im sekundären Sektor
außerhalb der Ölbranche. Die Petroleumindustrie war gemessen an der Größe des Landes jedoch so stark,
dass die negativen Auswirkungen auf die Arbeitslosigkeit und die makroökonomische Stabilität des Landes
stets nur kurzfristig blieben. So wie die Entdeckung der Ölvorkommen für Wirtschaft und Arbeitsmarkt
Norwegens ein einschneidendes Ereignis war, war es für Deutschland die Wiedervereinigung. Zwei
unterschiedlich entwickelte Ökonomien sollten vereint werden, gleichzeitig war das westdeutsche
Lohnniveau eine Art Richtschnur für den deutlich weniger produktiven Osten des Landes. Wie nicht anders
zu erwarten, schnellte die Arbeitslosigkeit nach oben. Bemerkenswert ist, dass die
Frauenerwerbstätigenquote in der DDR dank ideologischer Propagierung der Erwerbsarbeit und
umfangreicher Bereitstellung von Kinderbetreuungsplätzen norwegische Ausmaße erreicht hatte. Weil der
Westen des Landes der Frauenerwerbstätigkeit weniger Bedeutung zumaß, fiel die Ziffer für
Gesamtdeutschland deutlich hinter die für den Osten des Landes zurück, ist seit Beginn der 1990er aber
deutlich gestiegen und liegt mit 66 Prozent dennoch immer noch rund zehn Prozentpunkte hinter Norwegen.
In den Staaten des Europäischen Wirtschaftsraumes ist nur in Dänemark, Island und Schweden der Anteil
der Frauen, die berufstätig sind, höher als in Norwegen. Mit 36 Stunden pro Woche arbeiten die Norweger
im Schnitt eine Stunde weniger als Deutsche. Allerdings weist Grytten darauf hin, dass das tatsächliche
Pensionsalter in Norwegen mit knapp 64 Jahren höher ist als in Deutschland und damit die
Lebensarbeitszeit dementsprechend höher. Zusammen mit der höheren Beschäftigungsquote in Norwegen
bewirkt das, dass die jährliche Arbeitsleistung in Stunden pro Arbeiter in Deutschland und Norwegen in etwa
gleichauf liegt.
Fast genauso stark wie durch das Öl ist Norwegens Wirtschaft und Arbeitsmarkt durch die Sozialdemokratie
geprägt worden, die anders als in Deutschland seit 1930 nahezu unangefochten an der Regierungsspitze
stand. »Vorher hatte Norwegen sehr schwache Gewerkschaften und regional und branchenspezifisch stark
auseinander klaffende Arbeitsbedingungen. Mit den Sozialdemokraten haben auch die Gewerkschaften an
Macht gewonnen«, so Grytten. Auch die zwischenzeitlich regierenden Konservativen haben das
Umverteilungsmodell nicht abgeschafft und es ist Konsens, dass das Land sich, weil es so reich ist, leisten
soll, nicht immer nur nach dem Kriterium der monetären Effizienz zu schielen. »Seit Schweden die
Sozialsysteme umfassend reformiert hat, hat Norwegen den generösesten Wohlfahrtsstaat«, so Hege Torp
vom Institut für Sozialforschung in Oslo.2 So beträgt beispielsweise die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall
volle 100 Prozent und Karenztage gibt es nicht. Beide Bedingungen sind in Deutschland strikter. Zwar
könnte das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen sicherlich noch höher ausfallen, wenn in Norwegen
amerikanische Verhältnisse mit niedrigen Einkommensteuern und geringerer sozialer Sicherheit herrschen
würden. Doch die Vereinten Nationen küren Norwegen in ihrem Human Development Report regelmäßig
zum Land mit der höchsten Lebensqualität, Deutschland erreichte 2004 nur Platz 19.
Auch die niedrige Arbeitslosenquote trägt zu einer höheren Lebensqualität bei. »In Norwegen bereitet die
Angst vor Arbeitsplatzverlust anders als in Deutschland fast niemandem Sorge«, sagt Astrid Tideman
Sørland, stellvertretende Geschäftsführerin der Deutsch-Norwegischen Handelskammer in Oslo. Dazu
kommt, dass der Umgang zwischen Geschäftspartnern sowie zwischen Chefs und Mitarbeitern in Norwegen
entspannter ist als in Deutschland. »In Norwegen hat man nie diese hierarchischen Strukturen entwickelt wie
es sie in Deutschland traditionell gibt«, so Tideman Sørland. Der Chef wird geduzt. »Deutsche, die nach
Norwegen kommen, schätzen diesen entspannten Umgang miteinander«, sagt Sørland. Neben dem Öl
2
könnte die Arbeitskultur also ein weiterer Exportschlager des Landes werden. Deutschland, stets einer der
größten Handelspartner Norwegens, wäre dankbarer Abnehmer.
Weiterführende Literatur
Bomsdorf, Clemens: »Wohlstand durch Ölförderung«. In: Financial Times Deutschland 14.12.2004, S. 16.
Bührer,Werner: Ökonomische Entwicklung der Bundesrepublik 1945 bis 1961. Bonn 2003.
Grytten, Ola Honningdal/Hodne, Fritz: Norsk økonomi i det 20. århundre. Bergen 2002.
Reegård, Stein: Tyskland – en kort studie av et viktig land i endring. Oslo 2005.
UNDP: Human Development Report 2004, New York 2004.
Wehler, Hans-Ulrich: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. München 1996–2003.
Anmerkungen
1
Grytten, Ola Honningdal: »The Economic History of Norway«. In: R. Whaples (Hg.):
EH. Net Encyclopedia, Miami o. D. u. S.
2
Bomsdorf, »Wohlstand durch Ölförderung«, S. 16.
3
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
11
Dateigröße
64 KB
Tags
1/--Seiten
melden