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1 SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 Leben - Manuskriptdienst Warum

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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Leben - Manuskriptdienst
Warum freuen die sich so?
Wie aus deutschen Altkleidern Hilfsgüter für die Ukraine werden
Autorin:
Birgit Galle
Redaktion:
Petra Mallwitz
Sendung:
Dienstag, 01.02.11 um 10.05 Uhr in SWR2
___________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben
(Montag bis Freitag 10.05 bis 10.30 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in
Baden-Baden für 12,50 € erhältlich.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-6030
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Webradio unter www.swr2.de oder als Podcast nachhören:
http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/leben.xml
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1
MANUSKRIPT
Uwe Schirmer:
Wenn Sie da so richtig tief drinstecken, tagelang in irgendwelchen Kinderheimen
sind, und man zeigt Ihnen vielleicht die Krankenstation, man zeigt Ihnen Sachen aus
der Stadt, Sie erleben die Menschen, nehmen am Leben der Menschen teil und
irgendwann schlagen Sie dann die Autotür wieder zu und bewegen sich nach Hause
und wenn Sie dann wieder hier zu Hause ankommen, haben Sie immer das gleiche
Gefühl, jedenfalls ging mir das so: was sind das eigentlich für Probleme, die die
Leute hier den ganzen Tag haben? Und man kann das nicht vergessen.
Erzählerin:
Uwe Schirmer. Anfang 50. Ein Mann mit Lederhose und Pferdeschwanz. Früher war
er Taxifahrer, dann Fernfahrer, jetzt ist er Taxiunternehmer. Und: einer von etwa
fünfzig Helfern, die ehrenamtlich bei der Ukraine-Hilfe arbeiten.
Uwe Schirmer
Tja irgendwie denkt man dann schon wieder darüber nach, beim nächsten Mal
wieder hinzufahren oder neue Sachen zu machen, und das entwickelt sich zum
immer größeren Strudel irgendwie. - So dass nachher die eigenen Probleme in den
Hintergrund gerückt sind. Dann lieber doch mal auf das eine oder andere verzichtet,
um eben lieber da mitzumachen.
Erzählerin:
Die Ukraine-Hilfe Lobetal. In einer christlichen Zeitschrift hatte ich davon gelesen und
gedacht: Lobetal, das Lobetal? Wo Erich Honecker nach der Wende bei einem
Pfarrer Zuflucht gefunden hatte? Wo ich zu Ostzeiten bei der Kirche nach
gebrauchten Westsachen angestanden hatte? Ja. Genau dieses Lobetal. Ein
parkähnlicher Ort, nahe Berlin, Teil der Hoffnungstaler Anstalten für Behinderte, Alte
und Kranke. Ein Asyl. Seit der Wende trage ich nichts Gebrauchtes mehr. Und jetzt
will ich wissen, wer da in Lobetal wem womit hilft, und warum eigentlich.
Atmo Berg-Diedler
Vorsicht, Kindersachen…. Guck mal Ingrid…
Erzählerin:
Hannelore Berg. Und ihre Freundin Inge Diedler. Jeden Montag kommen sie ins
Lager der Ukraine-Hilfe. Ein fester Termin in ihrem Rentnerleben.
Atmo Berg-Diedler: So, hier haste Höschen …
Erzählerin:
Die beiden Frauen schütten blaue Müllsäcke voller Spenden in ihren Sortierkorb.
Röcke, Anoraks, Unterhosen, Gürtel, Bügel, Schuhe, Handtücher, alles Mögliche.
Jedes Teil wird hoch gehalten, untersucht, beurteilt: gut - geht noch - lieber weg
damit. Was gut ist und noch geht, kommt in Bananenkartons.
Da sind Scheibenwischer. Wohin damit? Zu Klaus-Dieter Suppan, er ist der einzige
Mann in der Pack-Runde, zuständig für alles Technische. Ein kleiner älterer Herr.
Rheinländer.
2
Er war früher im Diplomatischen Dienst, jetzt steckt er im eisern selbst verordneten
Dienst und in einem grau-blauen Arbeitskittel, wie jeden Tag, von sechs Uhr früh bis
Mittag. Er sortiert und verpackt Brotmaschinen oder Staubsauger, Kugelschreiber
und Bleistifte. Er zählt und notiert alles (wegen des Zolls) und - putzt so manches
(wegen der Hygiene). Denn etliche Geräte werden so schmutzig abgegeben, wie die
Leute sie aus ihren Küchen, ihren Haushalten aussortieren.
Der Spendenberg hinter Pack-Truppe ist riesig. Alles privat gespendet, abgegeben,
abgeladen.
Atmo Packen
Erzählerin:
Jeder hier packt zwei bis drei Kartons die Stunde. In jede Kiste kommt obendrauf ein
Stück Seife (wegen der Geruchsverbesserung) und ein christliches Heftchen (wegen
des Glaubens). Der Karton wird verklebt, gewogen, nummeriert. Und zu den anderen
gestapelt. Die Stapel bilden hohe Wände, dicht an dicht. Eine Frau, die Spielzeugund Geschirrfrau, steht ganz schief da, mit taubem Bein und Schweiß überm Gesicht.
Um sie herum: Kuscheltiere, Kunstblumen, Krimskrams, Ess-Services, Vasen und:
ausrangierte Puppen. Die wäscht und bestrickt sie. Und macht ihnen aus alten
Perücken neue Haare. Sie ist trockene Alkoholikerin auf Hartz-IV, sie hat ihren Platz
gefunden hier, sie lacht mit den anderen. Den Rentnern, Arbeitslosen, behinderten
Bewohnern der Hoffnungstaler Anstalten. Sie nehmen sich hier unserer Reste an. Denn das sind diese Spenden doch, unsere Reste?
Uwe Schirmer:
Reste? Die Frage könnte man vielleicht bedingt mit Ja beantworten, müsste aber
verteidigend dazu sagen, dass die Reste nicht immer das Schlechteste sind. Also da
fallen mir sofort Krankenhäuser ein, die ich leer geräumt habe - wir haben einige
Kliniken, die entweder abgewickelt wurden oder umstrukturiert , und da waren fast
neue Sachen drin. Also wir haben da Krankenhausbetten, viel Kücheneinrichtung
aus Niro-Material und solche Dinge abholen dürfen, die ich so auf keinen Fall als
Rest bezeichnen würde, also man muss das abwägen. In gewisser Weise, denke
ich, ist das für viele auch eine Form von Entsorgung. Für viele ist es eine Form der
Hilfe, und in jedem Fall bleibt das ein Grenzbereich.
Erzählerin:
Die Humanitäre Hilfe - eine Art Entsorgungstonne? Und wenn schon. Lobetal ist es
recht. Wenn nur auch mehr Geldspenden kommen würden! Ein einziger Transport
kostet nämlich 5000 Euro. Für Diesel, Lastzugmiete, Gebühren jeder Art.
Uwe Schirmer:
Wir haben manchmal richtig böse Situationen, wir schicken manchmal Züge auf´n
Weg, obwohl wir genau wissen, dass gar kein Geld da ist, in der Hoffnung, dass,
wenn der Zug zurück kommt, das Geld reingekommen ist, tja - aber ich als
Unternehmer habe keine Angst vor solchen Situationen, die kenn ich aus meinem
Tagesgeschäft, und Frau Kunze hat keine Angst davor, Frau Kunze betet dann. Und
am Ende funktioniert´s.
Erzählerin:
Frau Kunze - das ist Elisabeth Kunze. Anfang 50. Nach der Wende hat sie
zusammen mit anderen Frauen Bibeln in russische Kasernen getragen.
3
Als die Soldaten abgezogen wurden, fragten sich die Frauen: Lieber Gott, was ist
jetzt dran? Ein ukrainischer Arzt nannte ihnen ein bedürftiges psychiatrisches
Krankenhaus in der Ukraine. Die Frauen schickten ein kleines Lieferauto mit
Kleidung und Lebensmittel dorthin.
Elisabeth Kunze:
Und was wir vielleicht für 40, 50 Mitarbeiter als kleinen Gruß gekauft haben, wurde
von den Mitarbeitern nicht selbst verwendet, sondern verteilt, mal ne Viertelscheibe
Käse, mal n Teelöffelchen Fisch, und schon das hat wahnsinnig geholfen. Und als
wir das gehört haben, dass die die Sachen nicht für sich selbst genommen haben,
sondern verteilt haben an die Patienten, da hatten wir den Eindruck, da lohnt sich´s,
weiterzumachen, da sind Leute, die sich wirklich für die Menschen in Not einsetzen.
Erzählerin:
So fing es an, mit der Ukraine-Hilfe. Auch wenn sie damals, vor mehr als 15 Jahren,
noch nicht so hieß; noch nicht mehr als zwölf Transporte im Jahr losschickte, kein
großes Lager hatte und noch nicht als Verein organisiert war.
Eigentlich ist Elisabeth Kunze Hausfrau mit kleinem Nebenbei-Job. Durch die
Ukraine-Hilfe hat sich ihr Aktionsradius um Zweitausend Kilometer erweitert. Sie ist
zur Managerin geworden. Ehrenamtlich. - Der Lohn: Lebensinhalt.
Elisabeth Kunze:
Vielleicht bedaure ich das dann irgendwann mal in der Rente, weiß ich nicht, bis jetzt
bin ich noch alle Tage satt geworden und bekleidet gewesen und n Dach über dem
Kopf. Ich bin eigentlich ganz froh und dankbar, dass ich das so machen konnte.
Erzählerin:
Sie trägt Sachen, wie sie auch in die Kartons kommen. Sie wirkt uneitler als die
meisten Menschen. Sie ist der „Motor“ der Ukraine-Hilfe. So jedenfalls hat es der
Bundespräsident gesagt, als sie das Bundesverdienstkreuz bekam.
Atmo Lkw-Packen mit Wort
Packen, Rumpeln, Krachen
Erzählerin:
Sie fasst sich in den Rücken. Steht auf einem Kistenpodest. Lässt sich Rollatoren
reichen, hievt mit, und verkeilt die Gestelle Rücken an Rücken, Bauch an Bauch.
Wenn das nicht hält. Sie stopft Zwischenräume mit Winterjacken in Tüten aus.
Deutsche Luft braucht in der Ukraine niemand. Auch Uwe Schirmer fasst zu.
Atmo - beim Packen Uwe Schirmer
Guck mal, kannste das Dreirad da oben noch mit raufknispeln da?
Erzählerin:
- worauf achten Sie jetzt beim Packen?
Uwe Schirmer:
Beim Packen sollte man als Lastkraftwagenfahrer möglichst dabei sein und eben
drauf achten, dass die Ladung sicher verstaut wird, dass sich nichts bewegt, dass
keine Luft mit drin ist und dass das Gewicht so verteilt ist, dass der Lastzug nachher
auch glatt und sauber auf der Straße rollt.
4
Erzählerin:
Uwe Schirmer hat sich extra frei genommen, um diese Tour zu fahren. Er ist aus
Abenteuerlust Helfer geworden, schon vor mehr als zwanzig Jahren. Als Freunde
einen Fahrer brauchten, fuhr er ihren Lastzug in ein Kinderheim nach Moskau.
Später war er dann hauptberuflich für die UNO unterwegs, während des BalkanKrieges. Und danach stieg er ehrenamtlich in Lobetal ein.
Atmo Packen Lkw
Erzählerin:
Morgen wird Uwe Schirmer in den Lobetaler Truck klettern. Und ich werde auf der
Beifahrerseite sitzen. Ein bisschen kribbeln Stolz und Reiselust - 1800 Kilometer in
einem Truck! Aber mir ist auch mulmig zumute. Es wird eine Fahrt in die Armut. Denn
die meisten Ukrainer sind, trotz Wirtschaftsaufschwung und Westannäherung ihres
Landes, arm. Vor allem auf dem Lande und in kleinen Städten, fern der
Konsummetropole Kiew.
Zu ihnen schaffen wir Kisten, Rollstühle, Gehhilfe, Toilettenstühle, Computer. Möbel,
Fahrräder und Matratze - samt Schrammen, Rost und großen Flecken. Manches wie
vom Sperrmüll. - Wie schlecht muss es jemandem gehen, um dankbar zu sein für
solche Sachen?
Vielleicht gar nicht so schlecht. Ich brauche gerade dringend eine Skihose. Der
Schnee, so hat Elisabeth Kunze vermeldet, soll hüfthoch liegen, dort wo wir
hinwollen. Hüfthoch? Elisabeth Kunze bringt ein paar Schneeanzüge. Schlaffe
Altkleider. Ein Anzug passt so lala. Geschenkter Gaul. Ich nehme ihn.
Atmo
Erzählerin:
Ein Toi, toi, toi, gibt es für uns nicht. Weil das Aberglaube ist. Aber beten werden sie
in Lobetal für uns. Dass wir mit der Fracht heil ankommen. 90 Kubikmeter Hilfe.
Uwe Schirmer:
Also viel wichtiger als die 90 Kubikmeter ist eigentlich die Sache, dass man damit
den Menschen dort demonstriert, dass sie nicht alleine sind. Also ich hab Situationen
erlebt, wo ich in Kinderheimen war, wo also Kinder mit schwersten körperlichen und
geistigen Behinderungen waren, und das war für mich ne ganz furchtbare Qual,
diese Bilder da sehen zu müssen, und irgendwann ist es aus mir heraus geplatzt:
könnt ihr mir mal erklären, warum die sich den ganzen Tag freuen? Und da sagten
die: na, weil du hier bist. Ich sage, ich mach nix. Ich bin einfach nur hier. Ja genau
deshalb. Weil du hier bist.
Atmo Fahrt
Erzählerin:
Polen durchqueren wir fast ohne Pause. 800 Kilometer auf Straßen, die keine
Höchstgeschwindigkeit mehr zulassen, 800 Kilometer zum MiteinanderWarmwerden. Uwe Schirmer streicht das Sie. Er ist jetzt Uwe, ich bin Birgit. Uwe
fährt konzentriert. Tief in der Nacht dann: die Grenze zur Ukraine. Das heißt: raus in
die Kälte. Wir verbeugen uns vor tief gelegenen Amtsfensterchen, stehen an
Abstempel-Buden an, suchen im kahlen Zollgebäude den richtigen Schalter. Uwe,
ohne Schlaf, mit Dokumenten-Mäppchen unterm Arm. Es dauert und dauert.
5
Vielleicht, weil wir keine Geldscheine in die Pässe gelegt haben wie die anderen
Fahrer.
Als es hell wird, schneit es breite, nasse Flocken. Das hat Uwe noch gefehlt. Schnee
bedeutet Schneeglätte. Schneeglätte - Gefahr. Hinterm Schlagbaum zockeln kleine
Pferdefuhrwerke vorbei. Zwei Alte hocken drauf. Eingemummelt nach alter Sitte.
Unser erstes Ziel ist Dnipropetrowsk. Millionenstadt im hinteren Drittel der Ukraine.
Am Fluss Dnipr oder - russisch - Dnjepr. Uwe war schon mal da.
Uwe Schirmer:
In der Nähe von Dnjepropetrowsk, alles vereist, verschneit, der Lastzug ist da hin
und her gerutscht, und dann sollten wir den noch so halb um die Ecke in so n Lager,
was so halb im Keller, wie so n Bunker lag, und dann kamen vierzig
Krankenschwestern. Im weißen Kittel und sollten bei eisiger Temperatur teilweise
Waschmaschinen abladen, die zehn Männer nicht hätten anheben können. Aber sie
haben´s geschafft. Das war ´n bewegender Augenblick.
Erzählerin:
Anderthalb Tage Fahrt liegen hinter uns, anderthalb vor uns. Der Soundtrack unserer
Fahrt: die Musik von CD, das Holpern über Schlaglöcher und Bodenwellen, das
Knipsen der 16-Gänge-Schaltung. V-max - also Höchstgeschwindigkeit - 50, 60 Kmh.
Atmo Uwe Schirmer beim Fahren
Gerüttel Wenn der nicht gleich Schwung gibt, dann kommen wir da hinten nicht hoch.
Fahren Musik Spiegelblank, merkst du? Motor ackert
Erzählerin:
Hoch auf dem Bock sitzen, irgendwie auf Distanz zum Land. Fremdartige Friedhöfe
und Dörfer. Wie ein Film. Die Felder schimmern kohlrabenschwarz durch die Risse
im Schnee, die Landschaft hat einen weiten Schwung. - Siehst du das alte Häuschen
da neben der Tankstelle?, fragt Uwe. - Umgekehrt, sage ich, siehst du die moderne
Tankstelle da neben dem alten Häuschen? Es ist noch nicht lange her, da hat Uwe
den Sprit an kleinen Buden oder bei Schwarzverkäufern gezapft. Er erinnert sich an
die Anfangsjahre, 1990, 91.
Atmo Rumpelndes Fahren
Uwe Schirmer:
Man hat keine Restaurants gehabt, keine Hotels am Wegesrand waren maximal
Parkbuchten, Parkplätze, wo man rauffahren konnte, wenn man Glück hatte, waren
sie halbwegs befestigt, da stand unter freiem Himmel bei offenem Feuer jemand, der
Schaschlik angepriesen hat, und irgendwie aus der Thermoskanne Tee, Kaffee,
denn war einige Jahre später schon so eine Art umgebauter 40-Fuss-Container da,
aus dem 40-Fuss-Container wurde wieder einige Jahre später eine Bretterbude,
dann Ende der 90er Jahre war dann schon das erste kleine Hotel dann zu sehen,
und jetzt steht an derselben Stelle ein Restaurant, wo Kellnerinnen in Trachten bei
regionaler handgemachter Musik dem Gast die feinsten Speisen feilbieten,
Autowerkstätten, die nicht besser in unserem Land zu finden sind, bitumierter
Untergrund, so dass man auch nicht, wie das früher war, bis zum Knie im Schlamm
versinkt.
6
Erzählerin:
Wir passieren sehr gute Autobahnabschnitte, hell beleuchtet. Am Rand der Straße
gibt´s Äpfel in Eimern, Honig und Riesenplüschtiere zu kaufen. Privater Handel. Ein
Gießerei-Fachmann aus Deutschland erzählt uns unterwegs: Das große Geld
besitzen die Oligarchen, die sich die wertvolle Konkursmasse des Sozialismus
angeeignet haben. Ehemalige Betriebs-Direktoren, Funktionäre und gewöhnliche
Banditen wurden zu Multimillionären. Sie haben viele Betriebe bis ins Letzte
ausgepresst und den kleinen Ukrainer gleich mit. Wir erblicken im Vorbeifahren eine
Industriestadt, wie ich sie verkommener noch nie gesehen habe. Und woanders
nagelneue Industriehallen.
Nun ist es nicht mehr weit bis in den Osten der Ukraine. Golden glänzen die
Zwiebeltürme neuer orthodoxer Gotteshäuser an schön gewählten Standorten. Die
Kirche, zu der wir fahren, ist schlicht. Wir beliefern Baptisten.
Atmo Abladen in Dnepropetrowsk
fröhlich, Kistenschurren, Leute
Erzählerin:
Uwe hat den Truck in den Hof gefädelt. Eine freudige Erwartung liegt in der kalten,
sonnigen Luft. Viele Gläubige sind da. Zum Helfen, das sie Dienen nennen. Sie
bilden eine Kette. Hieven die Kisten in die Kirche, stellen Räume voll und die Treppe
zwei Etagen hoch. Der Zoll wird das Ganze versiegeln und erst nach Prüfung
freigeben. Das dauert normalerweise einige Wochen, wenn nicht Monate. Dieses Mal
soll es aber schneller gehen, weil Elisabeth Kunze von Deutschland aus kräftig
vorgearbeitet hat, mit Listen und Papieren.
Atmo Abladen in Dnjepropetrowsk
Fahrradklingel Swetlana Dima, Dimotschka, tuda mebel, ... Schritte Gerede...
Erzählerin:
Swetlana Visir dirigiert das Abladen. Möbel dahin, Fahrräder dorthin. Ihr Mann Pawel
hat streng unseren Glauben geprüft und enttäuschend wenig davon gefunden - er
fängt an, beschädigte Lattenroste und Schränkchen wieder zusammenzunageln.
Swetlana Visir geht nachher auch zum Zoll, mit allen Papieren, Listen und Codes.
Und sie entscheidet, was die Gemeinde abgibt von der Ladung. Denn abgeben muss
sie. Das schreibt das ukrainische Gesetz vor. (Genauso wie die Art und den
Abnutzungsgrad der Spenden.) Den Beleg für´s Teilen der Hilfe schickt Swetlana
Visir nach Kiew. Eine Kopie geht nach Lobetal. Auch Nina Yanshenko bekommt
etwas von den deutschen Kisten. - Nina Yanshenko stammt aus Prypjat, der
Wohnstadt neben Tschernobyl, sie hat dort die Reaktorkatastrophe überlebt. Der
Kopf tut ihr oft weh. Sie kümmert sich in einer Hilfsorganisation um die, denen es
schlechter geht als ihr.
Nina Yanshenko:
Bei uns gibt es eine Frau, sie ist herzkrank. Und hat ein Kind mit Downsyndrom
geboren. Einen Mann hat sie nicht mehr, er war auch krank. Sie hat es sehr schwer.
Und bittet nicht um Hilfe. Aber ich lade den Jungen, mit dem Down-Syndrom, immer
ein: Roman heißt er. Er hat sich so sehr ein Fahrrad gewünscht.
7
Erzählerin:
Sie hat das Fahrrad neulich ergattert. Und einen Anzug dazu, mit Krawatte! Davon
hatte Roman geträumt. - Nina Yanshenko kann von Kindern erzählen, die sich nur zu
erkälten brauchen, um zu sterben. Von Erwachsenen, denen man gar nicht ansieht,
wie krank und arm sie eigentlich sind und wie das Heimweh nach Tschernobyl sie
quält.
Nina Yanshenko (- russisch)
Auch mein Vater ist an Tschernobyl gestorben. Mit 62. 1991. Er hat dort beim
Abtransport geholfen, dann man hat ihm die Beine abgenommen, er hatte einen
schweren Tod - so war das.
Erzählerin:
Er gehörte zu den 600.000 Liquidatoren, den Aufräumarbeitern. Etwa
100.000 Menschen aus der Region sind, so schätzt Greenpeace, an den Folgen der
Katastrophe gestorben. Und die kranken Überlebenden bekommen kaum Hilfe. Eine
Chemotherapie kostet 2000 Euro. Darum helfen die Sachspenden so sehr: die
Schuhe, die Haushaltsgeräte, die Rollstühle, die Kleidung, die nach Gewicht verteilt
wird.
Nina Yanshenko: - russisch
Wir gehen auch in ein Kinderheim. Dort leben 96 invalide Kinder. Sie können alles
brauchen, vor allem Windeln. Bei uns gibt es so viele kranke Menschen, und etwas
kann ich ihnen immer geben. Aber, verstehen Sie, die Hilfe wird in Kilogramm
gemessen, die Wünsche wiegen noch viel schwerer. Nun, wir bemühen uns, und die
Menschen sind wirklich dankbar.
Erzählerin:
Michail Ostanin kommt zum Abladen, und sein Freund Konstantin Girenko. Michail
Ostanin hat eine eigene Kirche in Dnjepropetrowsk gegründet. Nur ein paar Familien
groß. Ein Ableger des Hamburger Missionswerkes „Arche“. Die „Arche“ hat Sachen
mitgeschickt auf dem Lobetaler Lastzug. Fahrräder, Musikinstrumente, Ski. Michail
will mir zeigen, wie man wirklich in der Ukraine lebt, jenseits der großen Städte. In
seinem Transporter lassen wir Dnjepropetrowsk hinter uns.
Atmo Swjeta und ihr Leben – (russischukrainisch) Wo ist deine Mama? ... Guten Tag,
guten Tag - dürfen wir - hallo, hallo... Chh, oj! so viel - Qualm. Aaa! Aijaijai. ...Hund
kläfft Erzählerin:
Ein Haus, das keines ist. Nur ein Rest steht noch. Zwei Räumchen. Sackvorhang,
Herd, unangenehme Wände. Slum. Eine Frau hievt sich von einer armseligen
Bettstatt hoch. Nein, nicht fotografieren!, sagt sie zu Michail Ostanin. Nicht in diesem
Zustand! Sie heißt Swjeta. Drei Kinder hat sie, 18 Quadratmeter misst ihre Bleibe,
und nein, sie ist nicht krank, sie hat drei Nächte gearbeitet. Sonnenblumenkerne
sortiert, bei Snack-Export, für etwa zwei Euro pro Schicht. Sie klingt zahnlos, ist
trotzdem schön, nur völlig fertig. Eine Flasche ist nicht zu sehen. - Die Männer
fragen: Hat das Sozialamt sich gemeldet, wegen einer Wohnung?
8
Atmo Swjeta und ihr Leben: Nein, die haben mir eine Wohnung versprochen, aber
ich habe noch keine gekriegt. Hallo, nicht fotografieren! - Na, sie ist doch eine
Schönheit... - darein Erzählerin:
Erzählerin:
Nein, immer noch keine Wohnung. Hallo, nicht fotografieren! - Michail Ostanin knipst
Aljona. Und dann doch auch Swjeta. Die muss gar nicht viel hermachen. Michail
Ostanin will mit ihrem Elend Geldspenden einwerben.
Konstantin Girenko raschelt mit einer Tüte. Mehl, Graupen, Nudeln, Zucker. Für
Milch und Fleisch hat´s nicht gereicht. Swjeta dankt für die Geschenke und dafür,
dass sie nicht vergessen wird. Michail bittet Swjeta inständig, an Jesus Christus zu
glauben. - Swjeta schlägt die Augen nieder.
Atmo Swjeta und ihr Leben: ... ohne ihn können wir nicht leben. Darum flehe ich hier,
glauben Sie an den Herrn Jesus Christus.
Erzählerin:
Weiter durch die ukrainische Realität: Wir suchen Häuser und alte Leute auf. Wir
fahren durch den Schlamm von Dorfstraßen, durch Orte, die man die vergessenen
Dörfer nennt. Die vom Staat vergessenen Dörfer. Michail Ostanin sieht den Verfall,
die Krankheiten, den Mangel an Medikamenten und Vitaminen. Konstantin Girenko
erzählt von Kindern, die noch nie Schokolade gekostet haben. Die Leute sind
fürchterlich arm. - Wer hier deutsche Altkleider braucht? Was für eine Frage!
Atmo Fahren Transporter und-Atmo Michail - (russisch): Viele laufen in sehr
schlechten alten Sachen herum. Wenn der Winter kommt, haben sie keine Mützen,
keine Schals, keine Wintersachen. Kindersachen gibt es auch nicht. Die sind im
Laden sehr teuer, und Kinder wachsen ja so schnell. Und nicht jeder kann das
kaufen. Und wenn man sieht, was die Kinder an haben: alles zu klein. Die Arme
gucken aus den Sachen raus und die Beine.
Erzählerin:
Wir fahren zurück in die Großstadt. Ich werde über deutsche Spenden und die
Humanitäre-Hilfe-Mechanismen ausgefragt. Ich berichte: ein Lobetaler
Kleidungsstück ist, alle Kosten für eine Hilfstour aufschlüsselt, 25 Cent wert. Billigere
Kleidung gibt es nicht. Auch nicht in der Ukraine, sagt Michail Ostanin. Doch als er
hört, dass eine Tour 5000 Euro kostet, ist er geschockt. So viel Geld?!
Atmo Fahren
Erzählerin:
Zu viel Geld, findet Uwe.
Uwe Schirmer:
Zumal die Lastzüge komplett leer zurück fahren. Weil es ja kein kommerzieller
Transport ist, am Ende bleibt ein fader Geschmack übrig. Das ist einfach Irrsinn.
Erzählerin:
Deshalb ist diese Tour seine letzte. Er wird keine Kisten mehr fahren. Er steigt aus
der Humanitären Hilfe aus. Was er sich sonst vorstellt? Weg von den Kisten - hin zu
Projekten.
9
Uwe Schirmer:
Es können einfache Sachen sein, kleinere Näh-Kabinetts zum Beispiel, das können
Computerkabinetts sein, das können kleine Handwerksbetriebe sein, so wie zum
Beispiel das begonnene Projekt in Poltawa, 300 Kilometer weiter östlich von Kiew,
wo teilweise mit unseren Mitteln und mit unseren Krediten eine gesamte
Tischlereiwerkstatt aufgebaut wurde, ne Möbeltischlerei, das sind sicherlich Projekte,
die zukunftsweisend sind.
Erzählerin:
An dieser Tischlerei fahren wir auf dem Rückweg vorbei. Sie ist modern, liegt
allerdings im Winterschlaf. Es gibt Absatzprobleme.
Uwe Schirmer:
Ein Beispiel ist der Bau von Doppelstockbetten, die überall gebraucht werden, ob das
Kinderheime sind, sonstwo, und auch die Modellbetten, die von der Werkstatt gebaut
wurden, allerfeinster bester Qualität waren, aber der Preis am Ende viel zu hoch war,
um am Markt bestehen zu können. Also das sind sicherlich noch Probleme, die
gelöst werden müssen, auf irgendeine Art und Weise, man muss sich Lösungen
einfallen lassen, um vielleicht da Preise zu senken, Preise anzupassen, sich
eventuell neue Wege anschauen.
Erzählerin:
Uwe traut das den Ukrainern zu. Er spricht von Pioniergeist und Aufbruchstimmung. Wir rollen heim. In unser Land, in dem Unentwegte voller Glaube und Liebe und mit
viel Mühe Krankenhausbetten und Rollstühle besorgen, gebrauchte Kleidung in
gebrauchte Bananenkisten verpacken und versuchen, auch die ferne Tischlerei zu
beleben. Elisabeth Kunze hat viel zu tun. - Den Schneeanzug habe ich bei ihr wieder
abgegeben. Ich habe ihn nicht gebraucht.
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