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1 Mina Ahadi, im Mai 2009 Delara war mir wie eine Tochter Delara

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Mina Ahadi, im Mai 2009
Delara war mir wie eine Tochter
Delara Darabi war gerade 17 Jahre alt, als ich vor sechs Jahren von der
drohenden Hinrichtung des jungen Mädchens hörte. Aus der Presse und den
Medien hatte ich erfahren, dass, obwohl zum Zeitpunkt der Tat noch minderjährig,
die Todesstrafe wegen Mordes gegen sie verhängt wurde. Ich nahm sofort
Kontakt zu ihrer Familie auf und versuchte die Öffentlichkeit auf diesen erneuten
grausamen Verstoß gegen internationale Vereinbarungen, wie den International
Covenant on Civil and Political Rights (ICCPR) und die Convention on the Rights
oft the Child (CRC).
Das erste Telefongespräch mit Delaras Vater dauerte eine Stunde. Die
Siebzehnjährige und ihr volljähriger Freund waren in Geldnot geraten. Da fassten
die beiden den törichten Plan, gemeinsam eine reiche Verwandte zu bestehlen.
Doch ihr Vorhaben schlug fehl. Das Opfer setzte sich zur Wehr, es war der junge
Mann der zuschlug und die Überfallene tödlich verletzte. Genau wissend, dass
ihm als Volljährigem die Todesstrafe für sein Verbrechen drohte, überredete er
seine Freundin, die Tat auf sich zu nehmen. Eine Jugendliche würden die Richter
sicher nicht hinrichten lassen. Delara war sehr verliebt und leicht zu überzeugen.
Sie wollte ihren Freund, unbedingt vor dem Strick retten. Daher legte sie bei der
Polizei das Geständnis ab, ihre Verwandte getötet zu haben.
Dieses Schuldeingeständnis wurde der damals Siebzehnjährigen zum
Verhängnis. Die Ermittlungsbehörden hatten trotz vorhandener Anzeichen für ihre
Unschuld den Fall nie richtig untersucht. Den Richtern genügte offensichtlich das
Geständnis der Minderjährigen, die sich über die Folgen ihrer Aussage nicht im
Klaren war. Internationale Proteste, der Widerruf des Schuldbekenntnisses und
Delaras nachträgliche Unschuldsbeteuerungen beeindruckten die Richterschaft
nicht. Delara wurde wegen Mordes zum Tode verurteilt, ihr damaliger Freund
musste wegen Mittäterschaft für zehn Jahre ins Gefängnis
In den sechs Jahren ihrer Haft habe ich Delara und ihre Familie durch alle guten
und schlechten Zeiten begleitet und eine starke Beziehung zu dem jungen
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Mädchen aufgebaut. Mehr als ein halbes Jahrzehnt zwischen Hoffen und
Bangen. Diese Zeit war für das junge Mädchen, ihre Familie und alle ihre
Freunde eine unglaubliche Belastung.
Delara war ihren Eltern immer eine gute Tochter. Ihr Wesen war zerbrechlich und
sensibel. Jeder der sie kannte mochte das fröhliche Mädchen, das immer
freundlich und hilfsbereit war. Sie war sehr harmoniebedürftig, konnte keiner
Seele etwas zu Leide tun, lachte gerne und liebte das Meer.
Schon als Kind hatte Delara zu malen begonnen. Diese Leidenschaft behielt sie
während der Haft bei, Zeichnen half ihr, die menschenunwürdigen Zustände, die
in iranischen Gefängnissen herrschen, zu ertragen. Mit einfachsten Mitteln,
zeitweise musste sie ihre Fingernägel als Pinsel benutzen, sind in der kahlen,
düsteren Gefängniszelle bemerkenswerte Kunstwerke entstanden. Ihre Portraits
wirken durch den geschickten Einsatz von Licht und Schatten trotz der fehlenden
Farbigkeit fast fotorealistisch, andere, alptraumartig verzerrte Fratzen in schwarz,
weiß und grau spiegeln ihre Angst und Verzweiflung wieder. Welch eine Zukunft
hätte eine so begabte Künstlerin haben können.
In den vergangenen sechs Jahren haben Aktivistinnen und Aktivisten des
Komitees gegen Todesstrafe und ich versucht, gemeinsam durch Berichte in den
Medien,
durch
Ausstellungen
ihrer
Bilder,
mit
Petitionen,
Unterschriftensammlungen und anderen öffentlichkeitswirksamen Aktionen den
Fall Delara Darabi weltweit bekannt zu machen. Tausende E-Mails und Briefe
wurden an den iranischen Justizvorsitzenden Shahrodi und den Mahmud
Ahmadinejad geschrieben. Auch im Iran haben mehrere hundert Menschen eine
Resolution gegen die Todesstrafe an Minderjährigen verfasst. Verschiedene
Künstler und sogar zwei oder drei Mollas haben sich für eine Aufhebung des
Todesurteils gegen Delara Darabi eingesetzt. Diese breite Bewegung gegen die
Exekution hat uns Hoffnung gemacht. Noch in der letzten Aprilwoche haben wir
uns im Satellitensender NEUER KANAL gegen die Todesstrafe ausgesprochen.
Am 1. Mai, dem internationalen Arbeitertag, wurde Delara um 6:30 mit der
Nachricht geweckt, sie solle sich vorbereiten, es sei ihr letzter Tag. Sie hat diese
Aufforderung zunächst nicht verstanden, weil sie noch am Tag zuvor gehört hatte,
dass tausende E-Mails, Briefe und Unterschriften unter ihrer Petition vermuten
ließen, dass sie vielleicht frei kommen würde. Sogar für die Zukunft hatte sie
Pläne, in einem Telefonat mit ihrer Mutter am Vortag hatte sie voll Optimismus
berichtet, studieren zu wollen, wenn sie wieder frei sei. Nun jedoch die
Ankündigung der kurz bevorstehenden Hinrichtung. Delara rannte erschrocken
zum Telefon, um ihre Eltern anzurufen, und ihre Worte gehen mir seitdem in
meinem Kopf herum:
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„Mami, Papi, kommt her, sie wollen mich umbringen. Bitte kommt und sagt,
sie dürfen so etwas mit mir nicht machen, bitte kommt, ich habe Angst!“
Delaras Vater anwortete:
„Sei stark liebes Kind, sie möchten dich nur wieder verängstigen, es ist
noch nicht soweit das ist unmöglich, sie dürfen dich nicht töten!“
Beide Eltern fuhren sofort mit dem Onkel los zum Gefängnis. Inzwischen ist es
7:00 Uhr morgens, am ersten Mai, einem Freitag. Als sie ankamen, verließ
gerade ein Krankenwagen das Gefängnisgebäude und Delara liegt in diesem
Wagen. Sie ist umgebracht worden.
Seit ich von Delaras Ermordung weiß, bin ich sehr traurig. Ständig muss ich an
das letzte Gespräch zwischen Delara und ihrem Vater denken. Zwischendurch
rede ich mit meinen Töchtern hier in Köln, zwischendurch lache ich, doch immer
wieder überkommt mich die Erinnerung an das Leben und Sterben von Delara.
Sie ist am ersten Mai um 6:30 im Gefängnis aufgeweckt worden, am
internationalen Arbeitertag, und hat gehört: Du musst dich vorbereiten, heute ist
dein letzter Tag. Stets, wenn wir ihre Bilder ausgeteilt haben, hat mir ihre Stimme
sozusagen im Ohr geklungen, sie pflegte zu lachen und zu sagen: „Ich bin jetzt
ein Superstar!“ Ich war die erste Person, die dieses schöne Foto von ihr
bekommen hat. Damals vor sechs Jahren bereits hat sich mir die Frage gestellt,
wie man denn nur diese Mädchen und Jugendlichen umbringen kann, wie man
denn nur einen Menschen umbringen kann.
Delara war und ist nicht die einzige Minderjährige aus dem Iran, die zum Tode
verurteilt worden ist. 140 dieser jungen Menschen warten auf ihre Hinrichtung. Es
gibt Jugendliche, die einen Tag nach ihrem achtzehnten Geburtstag im Gefängnis
hingerichtet werden, was für ein ungeheuerliches Verbrechen gegen die
Menschlichkeit.
Ich appelliere an alle Kinderrechts- und Menschenrechtsorganisationen: Lassen
Sie uns gemeinsam etwas gegen den Mord an Minderjährigen unternehmen.
Das Internationale Komitee gegen Todesstrafe ruft für Samstag den 9. Mai zu
einem Aktionstag gegen die an Delara vollstreckte Hinrichtung auf – machen
auch Sie mit!
Für mich war Delara nicht irgendeine Person, sondern ein Teil von uns, ein Teil
meiner Familie, sie war wie eine Tochter für mich.
Mina Ahadi
3
0049-1775692413
minaahadi@aol.com
www.adpi.net
www.ex-muslime.de
www.rowzane.com
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Seele and Geist
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