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Christian Y. Schmidt legt Zeugnis davon ab, wie sich Seehofer in

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Christian Y. Schmidt legt Zeugnis davon ab, wie sich Seehofer
in Peking zum Horst macht, begegnet chinesischen Multimillionären, deutschen Staatssekretären und dem Pekinger Fußballorakel. Zudem handelt das Buch von innovativer Scheiße, schlagenden Chinesinnen, nichtsaufenden Mongolen, chinesischen
Anhängern der LOHAS-Religion, der Free-Fickbildchen-Bewegung und Posern in Pekinger Freibädern.
»Im Jahr des Tigerochsen« ist ein öffentliches China-Tagebuch
der letzten beiden Jahre. Für jeden China-Reisenden ein Muss,
für jeden Sinologen ein Darf und für jeden anderen ein großes
Solltehaben!
Christian Y. Schmidt war bis 1996 Redakteur des Satire-Magazins »Titanic«. Seitdem arbeitet er als freier Autor. Außerdem
ist er Senior Consultant der Zentralen Intelligenz Agentur, sowie Redakteur und Gesellschafter des Weblogs »Riesenmaschine«, dem 2006 der Grimme online-Preis verliehen wurde.
Zusammen mit Achim Greser, Heribert Lenz und Hans Zippert verfasst er die Comic-Serien »Genschman« und »Die roten
Strolche«. 1998 erschien seine Joschka Fischer-Biografie »Wir
sind die Wahnsinnigen«, 2008 das Reisebuch »Allein unter 1,3
Milliarden« (2010 als »Duzi zai 13yi ren zhi zhong« auch auf
Chinesisch) und 2009 der China-Crashkurs »Bliefe von dlüben«. Seit 2009 berichtet Schmidt zweiwöchentlich in einer satirischen taz-Kolumne aus China.
CHRISTIAN Y. SCHMIDT
IM JAHR DES
TIGEROCHSEN
Zwei chinesische Jahre
Verbrecher Verlag
Erste Auflage
Verbrecher Verlag Berlin 2011
www.verbrecherei.de
© Verbrecher Verlag 2011
Einbandentwurf: Sarah Lamparter
Satz: Christian Walter
ISBN: 978-3-940426-68-0
Printed in Germany
Vorwort
11
Innovative Scheiße (1)
25
Der Doppeltod Obamas (2)
27
Es lebe der Vorsitzende LOHAS! (3)
29
Die Frauen schlagen aus (4)
31
Doppelt hält besser (5)
34
Nachruf auf ein Haus (6)
36
Mao darf nicht fliegen (7)
38
Lasst hundert Wackelblumen blühen! (8)
40
Eingeholt von Mackie Messer (9)
42
Das Sanatorium der Kohlenminenarbeiter (10)
45
Doro rettet Goethe (11)
47
Streiken mit Ai Weiwei (12)
49
Druckt die Fotos der erschlagenen Han-Chinesen! (13)
51
Antiposing in Pekings Prinzenbad (14)
54
Millionär werden und bleiben! Ein Ratgeber (15)
56
Grrr, gargel, ächz (16)
58
Der erstaunliche innere Mongole (17)
61
Rettet die Wüste! (18)
63
Ordos muss nicht sein (19)
65
Durchs Tal der Ahnungslosen (20)
68
Der Mackenreport (21)
71
Deutsch-Chinesische Namensverwirrnis (22)
73
Schneller nach oben! (23)
75
Es gibt Reis, Baby! (24)
77
Professor Leggewie, ihren Wagen bitte! (25)
79
Die Welt ist keine Google (26)
82
Ein leidlich falsches Jahr (27)
84
Sushi aus Schokolade (28)
86
Designermuschi zeigen (29)
88
Bastarde und räudige Hunde (30)
91
Schnäppchen im Weltkrankenhaus (31)
93
Schluss mit der Etepetete-Zensur (32)
95
Sonntags telefonieren (33)
98
Seehofer macht sich zum Horst (34)
100
Wer schlägt mir auf den Kopf? (35)
102
Vögelt den Frauentausch-Professor frei! (36)
105
Das Fußballorakel von Peking (37)
107
Weltmeister China (38)
110
Ohne anmalen und ausziehen (39)
112
Sommerwunsch (40)
114
Funkelnder ferner Osten (41)
116
Ein großes Problem (42)
118
Reisetherapie (43)
121
Chinesen am Strand (44)
124
Liu Xiaobo muss raus, aber … (45)
126
Der Kommunismus ist da (46)
130
Brumm, Brumm (47)
132
Kulturrevolution jetzt! (48)
134
VIP-Land China (49)
136
Wir warten (nicht) auf das Christkind (50)
139
Baibai, Party, baibai (51)
141
Das kritische Schaf (52)
143
Anhang
Was bei den »Unruhen« im westchinesischen
Xinjiang wirklich geschah
147
Trendsport Mauerspringen
158
Auch bloß Propaganda?
167
Wer China sagt, muss auch Deutschland sagen
170
Index
173
Well I’m gonna China to see for myself
Gonna China gonna China
Just got to give me some Rock ’n’ Roll
John Lennon: Meat City (1973)
Vorwort
Dieses kleine Buch ist, anders als mein letztes China-Buch
»Bliefe von dlüben«, keine Einführung in die chinesische
Welt. Es ist eine Chronik oder besser: ein öffentliches Tagebuch, in dem ich hauptsächlich von Ereignissen berichte,
die sich in den beiden im Titel genannten Mondkalenderjahren abgespielt haben. Nach dem westlichen Kalender handelt es sich dabei um den Zeitraum von Ende Januar 2009
bis Anfang Februar 2011. Das heißt, dieses Buch folgt genau
der Chronologie meiner China-Kolumne, so wie sie auf der
Wahrheitseite der Berliner tageszeitung erschienen ist.
Auch der Inhalt dieser Kolumne wurde vom Lauf der
Dinge in und um China herum diktiert. Nachdem im Dezember 2008 die letzte Folge der »Bliefe von dlüben«-Kolumne im Satiremagazin »Titanic« erschienen war, hatte ich
mir vorgenommen, mich in der von nun an doppelt so häufig erscheinenden taz-Kolumne mehr vom aktuellen Geschehen leiten zu lassen. Das bedeutete, mich auch um die
Kommentierung von wichtigen politischen Vorgängen nicht
zu drücken. So habe ich den, von dem Künstler Ai Weiwei
im Sommer 2009 ausgerufenen Internetstreik (Kapitel 12)
genauso kommentiert wie das Auftreten der chinesischen
Delegation auf der Weltklimakonferenz in Kopenhagen im
Dezember desselben Jahres (Kapitel 25), das Pogrom eines
11
uigurischen Mobs an Han-Chinesen im Westen Chinas
(Kapitel 13) ebenso wie die Verleihung des Friedensnobelpreises an den Dissidenten Liu Xiaobo (Kapitel 14). Auch
mindere Ereignisse habe ich nicht ausgelassen, so den bizarren Horst Seehofer-Besuch in Peking (Kapitel 34) oder die
Auswirkungen der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika
auf China und leider auch auf mich selbst (Kapitel 37, 38).
Ich habe mich aber nicht nur an öffentlichen Ereignissen
orientiert, sondern auch an meinem privaten Kalender. Das
heißt: Ich habe nicht nur möglichst viel von meinem Pekinger Alltag verarbeitet, sondern auch meine Reisen durch
China (Kapitel 7, 18, 19, 43, 44 und 46) und nach Deutschland (Kapitel 20, 21 und 22). Letzteres dachte ich mir zunächst als etwas größere Herausforderung, da die Texte immer einen Chinabezug behalten sollten. Es war dann aber
recht einfach. Selbst in Deutschland ist China ja inzwischen
allgegenwärtig.
Der Vorsatz, den Inhalt meiner Kolumnen vom Zeitgeschehen bestimmen zu lassen, hatte auch stilistische Folgen. Die »Wahrheit«-Seite der taz, auf der die »Im Jahr
des …«-Texte abgedruckt wurden und werden, ist eine Humor- und Satireseite. Auch deshalb waren meine Texte für
gewöhnlich in einem ironischen oder komischen Ton gehalten. Bei bestimmten Themen wie der Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo oder dem Pogrom in Xinjiang war jedoch dieser Ton nicht angebracht. Also wechselte
ich hier zu einer verbindlicheren Sprache.
Das gefiel nicht jedem und stieß selbst innerhalb der taz
12
auf Widerstand. Allerdings konnten sich die Stimmen nicht
durchsetzen, die mich auf eine humoristische Tonlage und
damit auf bestimmte Themen zwangsverpflichten wollten.
Glücklicherweise ist es bei der taz auch heute noch weitgehend Konsens, dass auf der »Wahrheit«-Seite Meinungen
vertreten werden können, die aus dem taz-üblichen Rahmen fallen. Eine solche Souveränität ist in der deutschen
Presselandschaft nicht selbstverständlich und soll an dieser
Stelle ausdrücklich gewürdigt sein.
Zusätzlich zur Freiheit, die mir von außen eingeräumt
wurde, habe auch ich mich bisweilen freigemacht, unter anderem vom selbstauferlegten Aktualitätszwang. So finden
sich in diesem Buch dann doch ein paar zeitlosere Kapitel,
wie sie auch in »Bliefe von dlüben« hätten stehen können.
Wichtig war und ist mir vor allem, dass meine Kolumne ein
hohes Maß an Abwechslung bietet und dass das, was ich
hier mitteile, nicht allzu erwartbar ist. Ob ich diesem Anspruch gerecht geworden bin, kann jetzt jeder anhand der
hier versammelten Texte selbst überprüfen.
Meine Kolumnenfreiheit erlaubte es mir aber auch, immer wieder über chinesische Themen zu schreiben, die Redaktionen anderer Blätter für irrelevant hielten. Deshalb
konnte ich manchmal schneller sein als andere Medien. So
erfuhren die Leser der taz schon sehr viel früher einiges
über die innermongolische Riesenstadt Ordos (Oktober
2009, Kapitel 19) als die von Spiegel Online ( Januar 2011).
Von anderen chinesischen Phänomenen hat man – wenn
ich mich nicht völlig irre – außerhalb meiner Kolumne in
13
der deutschen Presse noch nicht viel gelesen: Von Lohas in
China beispielsweise (Kapitel 3), dem irren Huazi-Turm in
Fengjie (Kapitel 6), von Pekinger Fahrraddemos (Kapitel
39) oder dem Frauentauschprofessor Ma Yaohai (Kapitel
36). Oder von Xi Yang Yang, einer der populärsten Zeichentrickfiguren der Welt (Kapitel 52), die in Deutschland trotzdem keiner kennt.
Die Frage ist natürlich, ob solche aktuellen Texte auch
der Zeit standhalten? Diese Frage stellt sich erst recht,
wenn die Texte von China handeln, einem Land, das sich
nahezu ununterbrochen in einem haarsträubenden Tempo
verändert. Und tatsächlich sind ein paar Informationen in
diesem Buch zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung bereits veraltet. Beispielsweise stimmt die Behauptung nicht
mehr, dass sich chinesische Liebespaare in der Öffentlichkeit nicht küssen (Kapitel 4). Seit mindestens einem Jahr
tun sie es und keiner weiß genau warum. Auch der Satz,
dass chinesische Badegäste in der Waterworld im Qingnianhu-Park nicht auf meiner Lieblingstreppe herumposen
(Kapitel 14), muss zurückgezogen werden. Genau an diesem Ort überraschten mich nämlich im letzten Sommer
eine nicht geringe Zahl von Pekinger Hardcore-Posern.
Auch dieser Paradigmenwechsel ist für mich im Moment
noch nicht erklärbar. Und selbst die bereits erwähnte Stadt
Ordos wird wohl auf einen heutigen Besucher nicht mehr
den von mir beschriebenen geleckten Eindruck machen.
Hier stürzte im Dezember 2010 ein für umgerechnet 150
Millionen US-Dollar innerhalb von sechs Monaten errich14
tetes Riesenstadion einfach ein, ohne dass jemand einen
Grund dafür nennen konnte.
Obwohl also diese Beobachtungen und Behauptungen
nicht mehr stimmen, habe ich sie dennoch in den jeweiligen
Kapiteln belassen. Erstens: Weil ohne sie die ganze Pointenarchitektur dieser Texte zusammenbrechen würde. Und
zweitens, weil die Texte ja auch Zeitdokumente sind, die
Auskunft darüber geben sollen, wie ich China in den Jahren
2009 und 2010 sah. Nur einige Zahlenangaben habe ich stillschweigend aktualisiert, wie z.B die der chinesischen Internet-Nutzer. Ansonsten wurden fast alle Kolumnen stilistisch überarbeitet und um einige Passagen erweitert, die es
wegen des begrenzten Kolumnenplatzes nicht in die taz geschafft hatten. Zwei Kapitel (»Druckt die Fotos der erschlagenen Chinesen« und »Die Welt ist keine Google«) wurden
im Anhang um zwei anderen Orts abgedruckte Texte ergänzt, weil mir hier meine Position besonders erläuterungsbedürftig erschien. Wem lediglich 3.000 Zeichen für einen
Text zur Verfügung stehen, der kann oft nur verkürzt argumentieren. Und natürlich macht sich derjenige, der sich auf
eine solche Verkürzung einlässt, angreifbar.
Nicht nur aus diesem Grund bin ich nicht sonderlich verwundert, dass ich für das, was ich in der Tigerochsenkolumne vertreten habe, teilweise etwas rüder kritisiert
wurde. Ein solches Echo war auch deshalb erwartbar, weil
ich ja selbst immer wieder als Kritiker auftrete, insbesondere, wenn es um die deutsche Chinaberichterstattung
und -kommentierung geht. Glücklicherweise stehe ich mit
15
dieser Kritik inzwischen nicht mehr allein da. Die 2010 erschienene wissenschaftliche Studie der Heinrich-BöllStiftung »Die China-Berichterstattung in den deutschen
Medien« bestätigt im Großen und Ganzen das, was ich in
meinen Kolumnen gelegentlich etwas überspitzter formuliere. So kann man in dieser Studie, die sich auf umfassendes
empirisches Material aus dem Jahr 2008 stützt, nachlesen,
dass praktisch alle deutschen Medien »deutliche blinde Flecken in der Themenagenda« haben, wenn es um China
geht, dass viele von ihnen »extrem versimplifizierte(n) und
verkürzende(n) Klischees« verbreiten und dass in ihrer Berichterstattung eine »auf Konflikte und Gewalt fokussierende Kernagenda« vorherrscht.
Das Resultat einer solchen Berichterstattung ist ein allzu
simples bis falsches Chinabild in den Köpfen zwar nicht aller, aber doch vieler Deutscher. Dieses Bild spiegelte sich
zuweilen auch in den Kommentaren zu einzelnen Tigerochsen-Kolumnen auf der Homepage der taz wieder. Hier
machte man mir den Vorwurf, zu regierungsfreundlich
bzw. generell zu prochinesisch zu sein: »Ich finde: ›China
sucks‹«, erklärte jemand, »keinen Vertrag mit Menschenrechten.« Ein anderer schimpfte mich einen »Schmierfink«
und ausgerechnet die brave taz ein »Revolverblatt«, und
noch einer erklärte meine Sicht der Dinge zur »Augenwischerei eines ehemaligen Maoisten«. Was man halt so
schreibt, wenn man nicht Bescheid weiß, und dazu etwas
Galle getankt hat.
Ich hatte allerdings heftigere Reaktionen erwartet, zum
16
Beispiel anlässlich meiner Stellungnahme zur Verurteilung
des Dissidenten Liu Xiaobo. Auf meiner Facebook-Seite
wurde dieser Beitrag auch eifrig diskutiert, auf der tazHomepage gab es dagegen keinen einzigen Leserkommentar. Dass hier die Diskussion ausblieb, mag daran liegen,
dass die Kolumne eben auf einer Satireseite erscheint, auf
der man auch Ernstgemeintes nicht für voll nimmt. Andererseits gab es zu anderen, weniger kontroversen Beiträgen
auch immer wieder ernsthafte Hinweise und Korrekturen
von taz-Lesern, die in sinologischen Fragen oft gebildeter
sind als ich. Hin und wieder wurde die Kolumne auch gelobt, besonders von in China lebenden Deutschen und in
Deutschland lebenden Chinesen. Gerade diese Reaktionen
haben mich gefreut und dafür will ich mich an dieser Stelle
endlich einmal bedanken.
Gefreut habe ich mich auch, dass mir zumindest einige
taz-Leser unterstellten, ich mache China und die chinesische Regierung absichtlich schlecht. Anlässlich der Kolumne »Reisetherapie«, in der ich beschreibe, wie man mir
auf Reisen durch die Provinz Liaoning mehrmals ein Hotelzimmer verweigerte, weil ich ein Ausländer bin, glaubte
zum Beispiel ein Kommentator, mich als antichinesischen
Fälscher entlarven zu können: »Sind Sie sicher«, fragte er
wohl die Redaktion, »dass Herr Schmidt sich das nicht ausgedacht hat?« (mehr auf Seite 122). Gefreut habe ich mich,
weil dieser Kommentar ein vorzeigbares Indiz dafür ist,
dass ich nicht der Propagandist der chinesischen Regierung
bin, für die mich die Mitglieder der Galle-Fraktion halten.
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Tatsächlich versuche ich das Land, in dem ich seit nunmehr über sechs Jahre lebe, möglichst unvoreingenommen
zu beschreiben, und dabei vor allem seine komischen und
unterhaltsamen Seiten zu zeigen. Ich bestreite aber keineswegs, dass es auch andere, weniger unterhaltsame Seiten
gibt. Auf diese negativen Aspekte Chinas konzentrieren
sich allerdings bereits eine ganze Reihe meiner Kollegen,
die zudem für wesentlich einflussreichere Medien arbeiten.
Deshalb denke ich, dass ich dieser Seite nicht ganz so viel
Aufmerksamkeit schenken muss. Würde allerdings kein
deutscher Journalist aus China über Bergwerksunglücke,
Umweltverschmutzung, Zensur und Menschenrechtsverletzungen berichten, wäre ich gewiss der erste, der sich dieser
Themen annehmen würde.
Ich will aber auch nicht verhehlen, dass ich, je länger ich
in China lebe, die Verhältnisse hier umso kritischer sehe.
Der Demokratisierungsprozess, den die Regierung selbst
versprochen hat, geht äußerst schleppend voran und erleidet immer wieder Rückschläge. Am schwersten sind wohl
die wiederkehrenden Berichte über Behördenwillkür zu
ertragen, die übrigens auch in der chinesischen Presse zu
finden sind. Wieso zum Beispiel der Künstler Ai Weiwei
– ein Mann, den ich durchaus nicht so unkritisch sehe wie
die Mehrheit der westlichen Presse; siehe Kapitel 12 »Streiken mit Ai Weiwei« – dabei behindert wurde, die Namen
der beim Erdbeben 2008 in Sichuan umgekommenen Schulkinder zu sammeln und zu dokumentieren, ist mir unverständlich. Auch die Behinderung und Verfolgung von Pe18
titionären und ihren Anwälten, Korruption und Vetternwirtschaft, rechtlose Arbeitsverhältnisse, die immer noch
sehr hohe Zahl der Todesurteile oder übertriebene Zensurmaßnahmen trübten in den letzten Jahren zusehends mein
Chinabild.
Dennoch bleibt festzuhalten, dass die chinesische Regierung einiges besser macht als die meisten Regierungen in
der dritten Welt (siehe dazu: »Auch bloß Propaganda«,
S. 167). Denn dass China bei 4.000 US-Dollar Jahreseinkommen pro Kopf immer noch ein Dritte-Welt-Land ist, darf
bei seiner Beurteilung nicht vergessen werden. Trotzdem
hat es das hiesige Regime geschafft, die überwiegende
Mehrheit der Bevölkerung dem Elend zu entreißen. Und
das betrifft nicht nur die seit rund zehn Jahren immer wieder zitierte – und deshalb etwas zweifelhafte – Zahl von
vierhundert Millionen Menschen, die inzwischen zur Mittelschicht gehören. Selbst viele der einst bitterarmen Bauern haben von der Entwicklung Chinas profitiert.
Dass der ökonomische Fortschritt auch großen Teilen
der Bevölkerung zugute kommt, muss man noch nicht einmal den offiziellen Darstellungen und Statistiken glauben.
Man kann es sehen, wenn man, so wie ich, häufig im ganzen
Land herumreist. Dabei bekommt man natürlich auch das
eine oder andere architektonische Beispiel von Größenwahn, Fehlplanung und Verschwendungssucht zu Gesicht.
Es überwiegen aber große Wohnungsbauvorhaben, der Bau
von Schulen und Universitäten, Krankenhäusern, Kraftwerken, Eisenbahn- und U-Bahnnetzen, und das überall im
19
Land, nicht nur im sowieso schon recht wohlhabenden Osten. Dazu werden inzwischen gewaltige Anstrengungen im
Bereich des Umweltschutzes unternommen. Überall im
Land entstehen Windkraftanlagen, in den Städten werden
große Parks angelegt und landesweit sind die ersten Erfolge
des größten Wiederaufforstungsprogramms in der Geschichte der Menschheit zu besichtigen (Kapitel 18: »Rettet
die Wüste!«).
Keine Frage: Trotz dieser allenthalben sichtbaren und etlicher weiterer unsichtbarer Erfolge ist das chinesische Entwicklungsmodell weit davon entfernt, perfekt zu sein. Es
wundert aber auch nicht, dass sich inzwischen andere Entwicklungsländer, die trotz (oder wegen?) westlicher Entwicklungshilfe in den letzten Jahrzehnten bei der Bekämpfung des eigenen Elends keinen Schritt vorangekommen
sind, sich zusehends an dem chinesischen Modell orientieren.
Und noch etwas, bevor das Buch dann gleich wirklich
durchstartet: Die chinesische Gesellschaft ist weitaus liberaler als man gemeinhin in Deutschland meint. Und das
nicht nur, weil man in China im privaten Rahmen alles sagen kann, was man sich so zusammendenkt. Nein, selbst
in der staatlichen Presse finden sich immer wieder kritische
Artikel und Kommentare. Ansonsten würden ihre Journalisten wohl kaum gelegentlich mit den Zensurbehörden aneinander geraten oder bei investigativen Reportagen von
der Polizei behindert werden. Auch Hochschullehrer und
andere Intellektuelle äußern sich kontrovers und kritisch
20
in der Öffentlichkeit. So lange sie nicht an bestimmte, wenige Tabus rühren, ist das problemlos möglich.
Das in der chinesischen Verfassung garantierte Recht auf
freie Religionsausübung ist zwar immer noch deutlich eingeschränkt, vor allem für Anhänger von Sekten wie Falun
Gong. Auch behält sich der Staat vor, religiöse Organisationen zuzulassen und zu kontrollieren sowie der Ernennung
ihrer Würdenträger zuzustimmen. Aber sogar die illegalen
»Hauskirchen« und die papsttreue katholische Untergrundkirche werden zusehends toleriert. Selbst das christliche
Hilfswerk »Open Doors«, das jährlich einen »Christenverfolgungsindex« aufstellt, räumt ein, dass es in den letzten
Jahren »bemerkenswerte Fortschritte hinsichtlich der Religionsfreiheit in China gegeben« hat. Dieselbe Organisation
bescheinigt den chinesischen Christen übrigens auch, mehr
religiöse Freiheiten zu haben, als beispielsweise ihre Glaubensbrüder und -schwestern in dem von vielen Westlern
distanzlos bewunderten buddhistischen Himalajakönigreich Bhutan.
Die staatliche Kontrolle der verschiedenen Religionsgemeinschaften hat allerdings auch zumindest einen positiven
Aspekt: Ein wie auch immer gefärbter Gottesstaat hat momentan in keinem Teil Chinas eine Chance. Genauso ist es
dem chinesischen Staat bisher gelungen, jede Form von ethnisch motivierter Verfolgung und Gewalt schon im Ansatz
zu unterbinden (siehe »Was bei den ›Unruhen‹ im westchinesischen Xinjiang wirklich geschah«). Das heißt nicht,
dass nicht auch unter der hiesigen Bevölkerungsmajorität
21
der Han-Chinesen – sie machen etwa einundneunzig Prozent der in China lebenden Menschen aus – rassistische Einstellungen verbreitet sind. Trotzdem sind in China die Angehörigen der staatlich anerkannten fünfundfünfzig so
genannten Minderheiten wesentlich besser geschützt als ethnische Minderheiten in manch einem anderen Teil der Welt.
Sie können ihre Kultur praktizieren und ihre Sprache sprechen; in autonomen Regionen wie Xinjiang oder Tibet sind
die jeweiligen Minderheitensprachen Amtssprache neben
Mandarin. Es erscheinen Zeitungen in diesen Sprachen,
und es gibt Fernsehsender, die sie ausschließlich verwenden. Auch in den Schulen werden sie gelehrt und die Beschilderung im öffentlichen Raum ist nahezu durchweg
zwei-, wenn nicht dreisprachig.
In einigen Punkten – wie zum Beispiel bei der Zulassung
zum Hochschulstudium – werden Angehörige von Minderheiten gegenüber Han-Chinesen sogar bevorzugt. Und da
die Minderheiten nicht der Ein-Kind-Politik unterworfen
sind, wachsen sie auch schneller als die Han. So stieg der
Anteil dieser Ethnien an der Gesamtbevölkerung Chinas
von 6,1 Prozent im Jahr 1953 auf 9,4 Prozent in 2005. Zwar
ist es richtig, dass Angehörige von Minderheiten vielfach
noch benachteiligt sind, wenn es um die Vergabe administrativer Posten und um Arbeitsplätze geht. Doch wer im
Zusammenhang mit der heutigen Nationalitätenpolitik Chinas von »Endlösung« oder »Holocaust« spricht, wie wiederholt der Dalai Lama, oder von »Genozid« – wie der Dalai Lama, der türkische Premierminister Erdogan oder die
22
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