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der Ringer für mich nach, bei dieser, wie mir scheint - Sophie

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der Ringer für mich nach, bei dieser, wie mir scheint, ziemlich übertriebenen
Nachäffung wird jedoch so viel gelacht, daß dabei nichts Erhebliches an
Erklärung für mich abfällt. Der erste Eindruck indessen, den die wirklichen
Sumo auf mich ausüben, ist, daß die Verspottung noch weit hinter der
Wirklichkeit zurückbleibt.
In einem ungeheuern Kuppelbau ist der amphitheatralisch emporsteigende
Fußboden durch je vier niedrige Holzbrüstungen in Tausende
schachtelartige Vierecke geteilt, in welchen wie im No=Saale je vier Per
sonen auf Kissen hocken. Eine solche »Loge« hat der Japaner, der mich zu
dem Besuche eingeladen hat, für mich
genommen, aber es ist in dem
Halbdunkel wahrlich nicht leicht,
zwischen den Reihen der anderen
»Logen« über Orangenschalen und
=kerne, Bananenreste, Reis, umge.
schüttete Teekannen, leere Holz-Eß=
kästchen, Tabakreste und dergleichen
hinweg zu unseren Plätzen zu gelangen, während uns ein Gebrüll aus
zwanzigtausend Kehlen umtost.
In der Mitte der Rotunde steht
ein Holzpodium von höchstens vier
Metern im Geviert, dessen dünne
Eckpfeiler eine Art Baldachin tragen
und auf dem zwei fast nackte Kämpfer
hocken, die wie lebendig gewordene
Kritzeleien eines Schulkindes aus
sehen. Die Umrisse der sonderbaren
Lebewesen sind nämlich so vollkommen
aus jeder menschlichen Linie
herausgeronnen, daß es fast unmöglich
ist, bei diesen Fleischmassen zu
erkennen, wo der Kopf aufhört und der
Rumpf beginnt. Sie sind Riesen
für europäische Begriffe und so schwammig und dick, daß man an über.
lebensgroße, eben in der Sonne zerfließende Schneemänner denken muß.
Über den Brüsten wölben sich Wülste, der Leib hängt über, die Arme
gleichen Walzen und die Beine Säulen, die ein Kirchenschiff tragen könnten.
Das Doppelkinn reicht bis zur Brust und der Nacken steigt bis zum Hinter.
kopf, die Finger sehen wie Würste aus. Das lange, schwarze, eingefettete
Haar ist auf dem Kopfe in einer Rosette zusammengebunden und wie bei
128
einer Frau hinter den Ohren vorgebauscht. Die Gesichter sind ungefähr
doppelt so groß als gewöhnliche japanische Antlitze, starke rote Lippen und
enorm lange Ohren geben diesen Giganten ein groteskes Aussehen.
Die mir am Vorabend gebotene Scherzvorführung hob als das Blöd.
sinnigste des ganzen Vorganges die Eigentümlichkeit hervor, daß unzäh. lige
Male, wenn der Kampf eben losgehen soll, immer wieder einer der beiden Ringer
zurücktritt. Man karikierte es auch, wie er mit einem Schluck Wasser in der
Kehle gurgelt, mit den Händen den Körper abtätschelt und sich vor den
Gegner hinhockt. Das wiederholt sich oft dreißigmal, ehe es losgeht, und
dauert manchmal über eine halbe Stunde, während der Kampf selbst schon
nach zwanzig Sekunden zu Ende ist. Ehe man überhaupt angefangen hat
zuzusehen, ist er meist schon aus. Erst nach jahrelangem Besuch ist man
imstande, mit geübter Aufmerksamkeit geistesgegenwärtig den Beginn des
Kampfes zu erfassen und den berühmten Griffen mit den Augen zu folgen.
Das anfänglich wirklich grotesk anmutende Aufstehen und Nieder= hocken
der Ringkämpfer verliert seine Lächerlichkeit, wenn man erfährt, daß schon der
Vorsprung einer Viertelsekunde beim Atmen zum Siege verhülfe und daß
daher der gleichzeitige Atem der beiden Kämpfer abgewartet werden müsse.
Gelingt es dem Schiedsrichter nicht, diese Atem. Gleichzeitigkeit zu
erreichen, so müssen sich die Kämpfer von der furchtbaren Anfangsstellung
ausruhen, bei welcher zuerst die Riesenlast ihrer Körper auf den Zehen
wuchtet, sich dann aber so weit nach vorne verschiebt, daß die Oberkörper
auf den geballten Fäusten, die nun auf den Boden gestemmt werden, lasten,
die Knie gebogen sind und die Füße auf der ganzen Sohle stehen. Sie dürfen
sich deshalb aufrichten, mit einem Schluck Wasser den Mund vom Speichel
reinigen, Achselhöhlen und Flanken mit Salz einreiben und Salz auf ihren
Platz streuen, die Kenntnis dieser Tatsachen läßt die Gesten, welche die
ausländischen Zuschauer am meisten zum Spott reizen, viel weniger komisch
erscheinen.
Manchmal dauert es solange, ehe der Schiedsrichter mit seinem Fächer aus
bemaltem, schwarzem Holz, der die Form einer Schiefertafel hat, das Zeichen
des Beginnes geben kann, und die Kämpfer stehen so oft auf, um sich gleich
darauf wieder niederzuhocken, daß das Publikum murrt. Doch manchmal klopft
der Schiedsrichter noch nach Beginn des Kampfes ab, wenn sich die Ringer
so sehr Stirn an Stirn oder Faust an Faust in= einander verkrampft haben, daß
sich keiner von ihnen rühren kann. Nach der Ruhepause muß der Kampf in
genau derselben Stellung wieder auf. genommen werden, wozu eine fabelhafte
Gedächtnisübung der Schieds
Alice Sehalek, Japan. 9
129
richter gehört. Diese stammen seit zweihundertfünfzig Jahren aus zehn
bestimmten Familien, sie dürfen sich nicht durch Adoption ergänzen und
ihre Tracht, die bei uns ein Märchendarsteller als Zauberkönig wählen
würde, ist seitdem unverändert geblieben. Den in Falten gelegten Hosen=
kimono sieht man sonst nur mehr im Theater bei klassischen Stücken, hier
ist er wie ein Montsuki mit Dutzenden von Familienabzeichen durchwebt
und durch einen breiten Seidengürtel gehalten. Ein spitzer schwarzer
Zuckerhut sitzt auf dem Kopfe. Der leiseste Verstoß in dern schwierigen
Amte des Schiedsrichters wird vom
auch untereinander und Prügeleien sind
nicht selten.
Die Niederlage besteht in der Be=
rühreng des Bodens durch die Hand=
flächen und in der Hinausdrängung
aus dem Kreise. Es gibt sechsund=
neunzig erlaubte Griffe, für jeden
Arm achtundvierzig; der Gegner darf
auch hinausgeschleift werden. Fallen
beide Kämpfer zu Boden oder gleiten
beide über die Linie hinaus, dann ist
bei diesem so rasend schnell ver=
laufenden Kampfe Schiedsrichter zu
sein eines der schwierigsten Gewerbe
der Welt und über berühmte Sumo
dürfen nur die Abkömmlinge der
Schiedsrichterfamilien
Gesellschaft von vierzig ausgedienten Sumo, die alle jeweilig
Publikum angepfiffen, man streitet
vornehmsten richten.
Eine Aufsicht über die Schiedsrichter wird von vier in die uralte,
klassische Sumotracht gekleideten Männern ausgeübt, die, an die vier
Pfeiler des Baldachins gelehnt, auf dem Podium hocken. Jeder von ihnen hält
den klassischen Fächer in der Hand, dessen Heben und Senken das Urteil
verkündet, wie sich denn diese Spiele überhaupt durch das Historische von
allen anderen Ringkämpfen der Welt unterscheiden. Auch der
Mundspülbeeher hat die veraltete Form einer langstieligen Pfanne bei=
behalten. Wie bei den No=Spielen liegt in jeder der Bewegungen des
Fächers, die wie alle anderen Einzelheiten des Ringkampfes seit einem
Vierteljahrtausend in festeVorschriften gepreßt sind, eine tiefere Bedeutung.
Diese vier Männer heißen Tosijori und sind Mitglieder einer sonder= baren
130
'3'
Kämpfenden besoldet. Die dreihundert kämpfenden Sumo teilen sich in die
Parteien Ost und West und diese in je zehn Gruppen zu je fünfzehn Kämpfern.
Wie bei unseren Fußballern stellt man gleichwertige Gruppen gegeneinander
und reiht die jeweiligen Sieger in eine höhere Gruppe ein. Nur die obersten
Fünfzehn sind bekannt und volkstümlich, diese dafür freilich in ganz Japan.
Alle anderen sind ihre Schüler. In der Hauptstadt Tokio kämpfen nur sie.
Auch der berühmteste Sumo muß an seinem zweiundvierzigsten Ge=
burtstage vom Kampfleben Abschied nehmen, was durch das Abschneiden der
langen Haare geschieht. Hat er genügend viel Geld, aus der Gesell= schaft
derTosijori, die sich in die Einkünfte teilt, ein Mitglied auszukaufen, so kann er
ein solches werden. Bei den bedeutenden Schenkungen für die Sumo aus den
Kreisen ihrer Anhänger ist es erstaunlich, daß nur so wenige die Mittel dazu
übrig behalten, doch werden sie von Geishas, die ihre stete Gesellschaft
sind - beinahe alle Gattinnen der verheirateten Sumo sind Geishas gewesen völlig ausgebeutet. Mit ihnen vertrinken und ver= jubeln sie alle vor sie
hingeschütteten Gelder, denn das Alkoholverbot für die Sumo besteht nur
zweimal im Jahr, während der Kampfspiele in Tokio, sonst pflegen sie
unmäßig zu zechen.
Fast jeder der obersten Fünfzehn hat einen Gönner, der ihn ins=
besondere nach Siegen verschwenderisch beschenkt. Die höchste bisher
bekannte Gabe waren die zwanzigtausend yen, die der berühmteste Sumo
Onishiki <der Name wird von dem Flusse der Geburtsstadt des Ringers
genommen> vom PrinzenTokugawa, seinem Schützer, erhielt, welche Be=
Wertung des Kampfes einer halben Minute sogar unter den Stammgästen
Aufsehen erregt hat und in ganz Tokio besprochen wurde.
Aber auch das weitere Schicksal des beliebten Ringers ist bekannt, wie
denn überhaupt jeder zweite Japaner Sachverständiger in den Sttmo= Kämpfen
ist. Onishiki trat anläßlich einer Kampfverweigerung der Sumos wegen einer
von den Tosijori verweigerten Lohnerhöhung nach einem vergeblichen
Eingreifen des Polizeipräsidenten als Mittler auf - und ver< sagte ebenfalls.
Aus Kränkung darüber schnitt er sich selbst die Haare ab -- eine Art
Harakiri - während dies sonst durch den, bereits Tosijori gewordenen
ehemaligen Lehrer und erst am Tage der Vollendung des
zweiundvierzigsten Lebensjahres geschieht. Ganz Tokio trauerte darüber,
daß Onishiki sich selbst aus den Kampfreihen gestrichen hatte, worauf er es
wagte, ins Parlament zu kandidieren. So weit verstieg sich jedoch die
Begeisterung nicht. Immerhin, die Gegner im Lohnkampfe fanden sich zu
einer Einigung bereit und Onishiki wurde vom Prinzen Tokugawa in
130
'3'
die Gesellschaft der Tosijori eingekauft, deren Sekretär er jetzt ist. Die
Gönnerschaft des Prinzen ging auf seinen besten Schüler über.
Die größte Beliebtheit genoß der seither verstorbene Sumo, den Prä= sident
Roosevelt nach Amerika geladen hatte. Er war der überhaupt dickste Sumo
und man erzählt sich, daß seinetwegen auf dem Schiffe Bordtreppe und
Kabinentüre verbreitert wurden; auch in das Schiffsbett konnte er sich nicht
legen.
Um den Fortbestand ihrer Gilde zu sichern, reisen die Sumo im Lande
umher und kaufen jeden ungewöhnlich großen und starken Jungen seinem Vater
ab, um ihn an Kindes Statt anzunehmen. Die jungen Sumo treten nur in der
Provinz auf und ihre Ringkämpfe sind dort auf Einnahmen berechnete
Schaustücke. In Tokio allein wird ihr Rang festgesetzt und hier geht es um ihr
Dasein. Buchmacher und Totalisateure gibt es nicht, weil Glücksspiele und
Wetten in Japan gesetzlich verboten sind; die ein= zige Ausnahme für
Pferderennen wurde erst während der letzten Tagung des Parlaments
beschlossen. Aber die privaten und geheimen Wetten, insbesondere zwischen
Kaufleuten, umfassen oft Tausende von yen.
Gesellschaftlich bemerkenswert ist, daß nicht nur den japanischen
Mädchen, sondern auch den verheirateten Japanerinnen der Besuch der
Ringkämpfe verboten ist, während die Geishas in Massen zuströmen, und daß
die Sumos vom ganzen Volk, nicht nur von den vornehmen und reichen
Kreisen, wie geliebte Kinder verhätschelt werden - sind sie doch trotz ihrer
Größe und Kraft oft wirklich kindisch zu nennen.
Nach Schluß dieser mittelalterlichen Vorstellung gibt es vor dem Ring= hof
eine Autoauffahrt, die kaum von einer völlig modernen Großstadt übertroffen
werden könnte. Und gewiß gibt es nirgend anderswo mehr
Ordnung.
15. D a s L e i c h e n b e g ä n g n i s d e s G r o ß a d m i r a l s .
Zwei ihrer Botschaft zugeteilte englische Offiziere, meine Hotel= genossen,
laden mich ein, mit ihnen im Anhängekorbwagen ihres Motor= rades zum
Leichenbegängnis des Prinzen Fushimi=No=Mija, des ältesten Prinzen der
kaiserlichen Familie und Großadmirals der japanischen Flotte, zu fahren. Die
Straßen rund um den Trauertempel sind schwarz von Menschen,
Hunderte sitzen auf den Dächern der Straßenbahnwagen und hängen von den
Puffern weg, so daß mir angst und bang zumute wird, wenn wir rücksichtslos,
wie Europäer im Osten oft gegen Andersrassige vorgehen, durch diese
Menschenmassen hindurchjagen. Vor dem ununterbrochenen Tuten des
Fahrers springen die Leute entsetzt zur Seite, bis
auf einmal unser Motor mit einem Knall stillsteht. Nun wird das Rad einfach
gegen einen Baum gelehnt. Man sollte dies bei solch einem
Ivlenschenzusammenstrom in einer europäischen Hauptstadt versuchen! Hier
132
aber wissen die Besitzer, daß sie das Rad dort wieder vorfinden werden.
Für uns, die wir uns der windigen Fahrt halber in dicke Mäntel und
Pelzüberschuhe gekleidet hatten, ist es bei der rasch zunehmenden Temperatur
höchst unangenehm, nun zu Fuße weiterzugehen. Hinter der Endstation der
Straßenbahn nimmt das Zusammenpressen der Massen immer bedrohlichere
Formen an, die Menge drängt von hinten gegen das IM-Iilitärspalier, das für die
Autos eine Gasse freihält und ebenso heftig zurückstößt. Da wird plötzlich,
unmittelbar neben uns, ein Knabe tot= getreten. Der überlange britische
Leutnant hebt die noch warme Leiche hoch über seinen Kopf, kämpft sich mit
dieser erschütternden Last auf den Armen nach hinten hinaus und
entschwindet unseren Blicken.
In dieser furchtbaren Viertelstunde, in der sich der Abstand von der Mauer,
gegen die wir beiden Zurückbleibenden gepreßt werden, beäng= stigend
vermindert, gibt die hin und her wogende tausendköpfige Menge keinen Laut von
sich. Es wird nicht geboxt, wie in Europa bei solchen Gelegenheiten, jeder läßt
alles mit sich geschehen, geduldig und demütig, wie Japaner eben sind.
Außerdem ist diesem kindlichen Volk alles Außer= gewöhnliche, auch ein
Gedränge, ein Spiel.
Die gewaltige Beteiligung des Publikums an dieser Feier erklärt sich daraus,
daß ihm Hofveranstaltungen erst seit ganz kurzer Zeit zugäng= lieh sind. Bei
kaiserlichen Leichenbegängnissen durfte früher niemand auf der Straße
verweilen, wie ja auch dem lebenden Kaiser niemand ins
Gesicht sehen darf. Als einmal der Kronprinzregent mit einem Soldaten
sprach, wurde dies von sämtlichen Zeitungen als außerordentliche Neue=
rung hervorgehoben. Mein englischer Begleiter erzählt mir, ein Schutz=
mann habe ihn kürzlich darauf aufmerksam gemacht, daß eben der Kron=
prinz vorbeifahre, ein Vorgang, der vor zehn Jahren noch zu den Un=
möglichkeiten gehört hätte. Die Tradition behauptet sich nur noch darin,
daß niemand höher stehen darf als der Kaiser und was zum Kaiser ge=
hört. Also sind die Fenster der Häuser geschlossen und gibt es keine
Tribünen, doch auch in diese Überlieferung hat die moderne Zeit ihr Loch
gerissen, da sich jeder Bewohner des sechsten Stockwerkes in den dicht
an den Kaiserpark angebauten neuen Wolkenkratzern höher befindet als
der Kaiser. Die ehemalige Absperrung bei den Leichenzügen der kaiser
lichen Familie wurde vor zwei Jahren abgeschafft, weil dern Kronprinzen
die Beteiligung des Publikums bei einer ähnlichen Gelegenheit in London
133
tiefen Eindruck gemacht
hatte. Doch schwächt das
leiseste Rütteln an den
einst so starren Ge=
setzen die für den Kaiser
geforderte Verehrung ein
wenig ab.
Da wir weder über die
Bescheidenheit der Japaner
noch über ihre Fähigkeit
verfügen,
in
solchem
Mensehenwir= beI einen
Spaß zu er= blicken,
stoßen wir mit vereinten
Kräften das Spalier durch,
so daß wir zwischen den
zwei
Postenketten
endlich
wieder frei aufatmen.
Hinter ihnen sehen wir Schule neben Schule aufgestellt, Lehrlingsklassen,
Studentenjahrgänge, Staats> beamte aller Grade, Schaffner, Briefträger und die
Feuerwehr, alle in Uni= form mit Goldlitzen und Goldknöpfen, eine gewaltige
Machtentfaltung japanischer Hierarchie. Hinter dem Spalier quetscht sich
Japan, aber Europa spaziert unbelästigt vor ihm vorbei, denn außer uns gehen
auch noch andere Weiße auf der freigehaltenen Straße gemächlich dahin. So
geschah es wohl früher immer und ein Teil der Unzufriedenheit der Residenten ist sicherlich der immer rascher fortschreitenden Verringerung dieser
Vorrechte zuzuschreiben. Mir ist dabei ein wenig bänglich zumute.
Wie, wenn mich jemand nach meinem Passier= schein früge? Aber niemand
erlaubt sich so etwas bei einer weißen Frau.
Da alle fremden Di=
plomaten in höchster Gala
mit allen Orden -unter
ihnen nimmt sich am
prächtigsten
der
als
Botschafter nach Tokio
134
entsendete französische Dichter Claudel aus, der sich außerordentlich um die
Volksgunst bemüht - und ihre Damen in tiefster Trauer erschienen sind, bitte
ich, meiner Motorrad=Dreß halber, der Feierlichkeit in der Journalistenloge
beiwohnen zu dürfen. Dort wird von meinen japanischen Berufsgenossen sofort
meine Zeiss=Kamera, deren Wert sie genau einzuschätzen wissen, betastet und
bewundert. Auch unter ihnen befindet sich ein Zeiss=Besitzer, aber als er sich
etwas zu weit vorwagt, um die uns gegenüber aufgestellten Diplomaten zu
photographieren, versetzt ihm ein komischer, kleiner, mit ungefähr zwanzig
Orden behängter Kammerherr, der die Gruppe der Berichterstatter zu
überwachen hat, vor aller Augen eine schallende Ohrfeige, ein echt
traditionelles Vorgehen, das zu dem
135
historischen Trauerstil
nicht allzuschlecht paßt.
Der mit einem modernen,
ausländischen
Lichtbild=
apparat
bewaffnete, von
einer
weltstädtischen
Zeitung entsendete und in
einen ausländischen Anzug
gekleidete Jour= nalist faßt
es jedoch ganz ohne
historischen Sinn
auf - - er entrüstet sich,
die Genossen stehen zu
ihm und aus den Gesten entnehme ich, daß sich der goldstrotzende
Kammerherr bei ihm entschuldigt.
Von Gold strotzt übrigens hier jeder Anwesende, denn der japanische
Generalstab tritt sehr großspurig auf. Die Generale bilden eine unendliche
Reihe von Goldlitzen, alle Uniformröcke sind von oben bis unten mit breiten
Goldblumen bestickt. Goldachselstücke, breite goldene Schärpen, goldene
Aasten, goldene Portepees -- es sieht aus, als seien alle diese kleinen,
älteren, ostasiatischen Männer von einem wüsten Goldtaumel besessen. Und
bei dieser Pracht der Uniformen wirken die Regenmäntel, die viele Generale
über dem Arm tragen, noch spaßiger. Gelegentlich trägt einer auch einen
Regenschirm.
Unleugbar ist die althistorische Tracht der ganzen Komparserie des
Trauerzuges malerisch, jedenfalls stilvoller als die trostlose europäische
Trauerkleidung der Da=
men des Kaiserhauses. Unser Empfinden stößt es aber ab, daß der Sohn und die
Töchter sich zu diesem letzten Gange ihres Vaters wie lebende Bilder kostümiert
haben, der Sohn mit dem
bau= schigen, langärmeligen
Kimono der Feudalzeit und
dem flachen, mit einer
Schnur kreuzweise
Ärmel bis an die Erde
reichen. Ihr Haar ist ganz
glatt auf dem Kopf festge=
bürstet
und
in einen
herabhängenden
Zopf
geflochten; in einem Lande,
wo auch die kleinsten
Mädchen hohe Frisuren
tragen, wirkt der Zopf als
Trauerhaartracht
noch
absonderlicher.
Der Herrscher läßt
sich nicht wie in einer
europäischen
Monarchie
durch ein Mitglied seiner
Familie vertreten, sondern
durch Kammer=
herren, die dann genau so
heilig sind und Anspruch auf
dieselben Ehren=
bezeigungen haben wie er
selbst. Sie erhalten die vordersten Plätze in der =
eremonienhalle, in welcher die ganze Trauergesellschaft end= lich
Platz nehmen darf, ein prunkvolles Bild wahrlich, welches ich aus der gut
gelegenen Journalistenloge wunderbar überschauen kann. Was sich nun
abspielt,
die
Shinto=Zeremonien
des
Totenmahles,
das
Heran=
schreiten eines derKinder nach
dem
andern
und
ihre
Verneigungen
vor
dem
Tempel, ist haupt=
unter dem Kinn festgebundenen
Hute
der
Shogune, von dem ein
Roßschweif senkrecht in die
Höhe strebt, die Töchter mit
grellgelben Kimonos, deren
136
137
sächlich um der überwältigenden Langsamkeit willen bemerkenswert. In dem
Tempo der No=Spiele, in dem offenbar einst die japanischen Feudalherren
geschritten sind, wiederholt sich derselbe Vorgang immer wieder durch andere
Persönlichkeiten und vor jedem der kaiserlichen Kammer= herren erhebt sich
beim jedesmaligen Vorbeischreitcn dreimal die gesamte Trauergesellschaft.
Diese Eintönigkeit dauert vollgemessene zwei Stun= den, aber als ich nachher
mit einem der europäischen Diplomaten heim= fahre und dieser Langsamkeit
Erwähnung tue, fällt er mir verwundert ins Wort: »Langsam? Es war doch
eine geradezu unanständige Hast!« Über die »unanständige Hast« muß er
selbst lachen, dann fügt er hinzu: »Da hätten Sie das Leichenbegängnis der
Kaiserin erleben sollen, das mitten in der Nacht stattfand - diese Langsamkeit
hat selbst uns alten
weißen Japanern imponiert.«
138
IV. DIE JAPANISCHE FRAUENBEWEGUNG.
16. D a s k o mme r z i a l i s i e r t e L a s t e r .
irres Abends führt mich mein Landsmann in das Geisha=Viertei, wo Eich
ein wenig von außen in eines der Geisha=Bureaus hineingucken kann. In
einem ebenerdigen offenen Raum mit zahlreichen Telephonen, hinter einer
Schranke, wie in dem Kassenraum einer Bank, sitzen an Pulten Schreiber und
Buchhalter. Ein ununterbrochener Betrieb ein= und aushuschender Männer
und Frauen, kleiner Geisha•Dirnlein, die sich ihre Aufträge holen, und vor
dem Tor herumlungernder Rikshakulis und Automobilchauffeure bietet das für
Tokio typische Durcheinander von geschäftlicher Nüchternheit und
exotischem Reiz. Hier wird in der modernsten Form, durch Telephon und
Auto, wie in einer Theateragen> tur, eine aus vergangenen Jahrhunderten
Übriggebliebene Einrichtung auf. rechterhalten; hierher kommen die
Bestellungen auf Geishas von den Tischgesellschaften der Hotels, von denen
die meisten im nahen Umkreise stehen. Aus jedem dringt Musik und Lärm,
wenn auch lange nicht so wüst und tierisch wie aus chinesischen
Vergnügungsvierteln.
Noch weiter draußen liegt der Bezirk der Prostituierten, das Yoshiwara,
wo die lebende Ware seit kurzem nicht mehr wie einst im Schau • fenster
ausgestellt werden darf - das aus jüngster Zeit stammende Verbot gilt aber
nur in der Hauptstadt Tokio und in Yokohama, während in vielen anderen
Städten diese Kulturschande noch immer fortbesteht. Seitdem haben die
verrufenen Häuser in Tokio im Toreingang einen kleinen Schauraum aufgebaut,
in welchem sehr große Photographien der Mäd= chen in einer Reihe an der
Wand hängen. Unterhalb dieser Bildergalerie japanischer Beautes - die
Mehrzahl finde ich allerdings nichts weniger als schön - steht fast überall ein
kleiner Altar. Bekanntlich vertragen sich in Japan Religionswesen und
Dirnentum ausgezeichnet. Ersteres schreibt letzteres geradezu vor. Neben dem
typischen Zwergfrchtenbaum steht auf dem Altar ein sehr groteskes
Arrangement aus Hummern, Krabben, malerisch hergerichteten Gemüsen,
Muscheln und allerlei buntem Papierzierat. Im Hintergrunde öffnet sich meist
eine Türe in einen der entzückenden japanischen Miniaturgärten mit einer
grauverwitterten
139
Steinlaterne, wie sie in den Tempeln zu finden sind, und einem mannshohen
Raum, dessen Äste künstlich rund tun den als Garten hergerichteten Hof
gezogen sind und vielfarbige Lampions, Fahnen und mit Goldfäden
überschüttete Papierblumen tragen. In dieser phantastischen Aufmachung
sie bleibt sich allerdings mehr oder minder überall gleich -- sitzt der Kassier,
meist ein widerwärtiger alter Zuhälter, der auch Animierdienste leistet, oder
ein noch abstoßenderes kupplerisches Weib. Gassen auf, Gassen ab,
viertelstundenweit nach jeder Richtung, durchwandern wir schmale, dunkle
Durchlässe zwischen diesen hellerleuchteten Häusern,
deren ehemals als Käfrg=
versehlußfürdiemenseh
liche Menagerie verwen=
dete, braune Holzgitter
nunmehr mit Papier ver=
klebt sind. Hekatomben
von Opfern japanischen
Feudalgeistes gehen hier
jährlidi zugrunde. In jedem
der Bilderräume zu ebener
Erde
wählen
einige
Männer
das
ihnen
zusagende Gesicht. Überall
hocken
ein
paar
Stammgäste neben dem
landesüblichen Hibachi, an
dem sie sich Finger und
Zehen wärmen, hinter den
Vorhängen fugen die Dämchen heraus, kichern, kokettieren und amüsieren
sich über uns seltsame Gäste.
Schließlich fahren wir bis an den Rand der Stadt hinaus, in denjenigen Teil
des jjoshiwara, der vor einigen Jahren abgebrannt und nun ganz neu erbaut
ist. Vorher, als noch in den Auslagen der niedrigen Schuppen junge Mädchen
einen lebenden Blumenladen bildeten, war diese damals licht= übersäte Straße
ganz toll und verschwenderisch wie ein Jahrmarkt heraus= geputzt. Jetzt ist es
hier verhältnismäßig finster und das Laster wirkt in den hohen neuen Häusern
noch düsterer, in dem modernen Geschäftsstil noch aufreizender als in dem
lustigen Farbentaumel einstiger Volksnaivität.
Angesichts dieser modernisierten Hölle erzählt mir mein Begleiter von den
kleinen Mädchen, die hier leben und sterben. Wenn ein Vater mehr trinkt, als
der Gehalt gestattet; wird der Tochter so lange zugesetzt, bis sie sich für die
Sake=Schulden opfert, manchmal für das Studium des Bruders,
140
oft auch nur für eine neue Wohnung oder für den Hochzeitsaufwand der
Schwester; durch das Losschlagen der Tochter wird auch jede von der
Familie für die kostspieligen Feierlichkeiten bei Begräbnissen benötigte Summe
hereingebracht, weshalb ihr Gewerbe, das sie ja als Opfer auf
sich nimmt, von niemandem, auch nicht von ihr selbst, als Schande betrachtet
wird. Nur sind diese Mädchen oft so traurig, so tieftraurig, daß der
europäische Gast manchmal mitleidig, ergriffen fortgeht, ohne sie zu berühren.
Überhaupt wird es einem Manne in Japan zu leicht, ein Mäd
'4I
chen zu verführen; so sanft sind sie hier, so sehr an Gehorchen gewöhnt, daß
sie nicht wagen würden, sich zu versagen.
Mit leiser, bebender Stimme erzählt mir dies mein Freund, in dem
tragischen Ton, der einem Orte wohl ansteht, wo hübsche kleine Musmes
an dem ihnen aufgezwungenen Lebenswandel sterben. Schwach wie sie
sind, ertragen sie die furchtbaren Krankheiten, mit denen sie das ganze
Land zugrunde richten, selbst nicht lange. Das Übel, mit dem sie die
Irrenhäuser füllen, rafft sie in jungen Jahren dahin.
Durch die Missionsire ist es allmählich in die Welt hinausgedrungen,
welchen Dornenweg die japanische Dirne gehen muß, ehe sich der gluck=
selige Ausdruck in ihrem Gesichtchen festsetzt. Und doch träumt jeder
Jüngling in allen europäischen Ländern insgeheim von der in der ganzen
Welt berühmten Geisha. Jedem Handlungsreisenden, der nach Japan geschickt
wird, um dort Zwirn zu verkaufen, zuckt ein Lächeln in den
Mundwinkeln auf, wenn er an die Geisha denkt. Nur selten kommt er zum
Bewußtsein einer Enttäuschung, da das mitgebrachte Bild seiner Vorstellung
dem selbstempfangenenEindruck in der Regel überlegen bleibt. In meinem
Boarding=House sitzt am Tisch neben mir seit Wochen ein junger nordischer
Graf in verschlossener, kühler Wohlerzogenheit. Eines Abends hat ihn alle
Gemessenheit verlassen, freudestrahlend erzählt er mir, daß in wenigen Stunden
sein langjähriger, von seiner ganzen Phantasie getragener Wunsch in Erfüllung
gehen werde, da ihm ein echter Geisha= abend bevorstehe. Dieser koste
allerdings schweres Geld, aber da dürfe man nicht geizen, denn wozu wäre man
denn sonst nach Japan gefahren?
Am nächsten Morgen bekomme ich die ausführlichste Schilderung. Also
entzückend sei es gewesen, nein, ich könne mir gar nicht vorstellen, wie herzig
und eigenartig und zutraulich sich diese mädchenhaften Kin= der benommen
hätten. Im Zimmer seien sie umhergetollt, so voll Spiel= eifer, so niedlich, so
drollig, so süß -- - - Ob er denn verstanden habe, was sie redeten und sangen.
Nein, das habe er nicht. Und ob er gern mit Kindern Ringelreigen spiele.
Nein, das sei eigentlich recht langweilig. Und ob sie auf der nervenzerreißenden
Laute mit den wenigen Tönen Musik gemacht hätten. Ja, diese Laute sei das
einzige Instrument ge= wesen. Und ob die kleinen Liebesgöttinnen, als sie
endlich die Kimonos abwarfen, verführerisch ausgesehen hätten. Nein,
eigentlich hätten sie überraschend armselig ausgesehen, so klein und mager, mit
unschön ein= wärts gekrümmten Beinchen und mit unreiner, graugelblicher
Haut. Zu Hause dürfte man ihm das nicht zumuten und eine smarte
Amerikanerin sei eigentlich
Plötzlich springt er so heftig auf, daß die
Milch
kanne umfällt. Auf mich ist er böse, nur auf mich. »Es soll schön ge= wesen
sein, ich will es - - -!«
So ist die Geisha jahrzehntelang das Wunscherlebnis für Tausende gewesen,
142
die sie ja wirklich als entzückend farbig gekleidetes Püppchen gefunden haben,
als ein spielendes Kind <das nach jetzigem Gesetz aller= dings das zwölfte Jahr
überschritten haben muß); die Geisha singt, tanzt, musiziert für sie, den
Erwartungen genau entsprechend, und bedient sie mit einem glücklich
lächelnden Gesichtchen beim Mahle. Auch als hin= gebende Geliebte lernen sie
sie kennen - daß sie sich nicht aus Liebe gibt, nimmt der durch Gedichte,
Gemälde und Überlieferung benebelte Fremde urteilslos hin.
Man weiß jetzt, daß die Geisha von Kind an eine harte, ja grausame
Schulung der Glieder und der Stimme durchzumachen hat und dann meist von
ihrer Wirtin um ihre Einkünfte betrogen wird. Was man aber außerhalb Japans
fast gar nicht weiß, ist, welche unheilvolle Wirkung auf die japanische Ehe
die Einrichtung der Geisha übt, daß sie das ganze Volk gefährdet und für
die Entwicklung des Landes verhängnisvoll ist.
Nach außen sieht es so aus, als seien die japanischen Frauen, die
japanischen Familien die beneidenswertesten der Erde; in dieser mo= dernen
Großmacht, die im Rate der Völker gehört werden will, ist in Wahrheit
die Frau auch heute noch nichts anderes als eine Art Sklavin. Schon das
kleine Mädchen muß hinter dem Brüderchen, das im Hause alles bedeutet,
zurückstehen, auf das Spielzeug verzichten, sich tyrannisieren lassen und es
darf die bei jenem bewunderten Unarten nicht nach= machen. Wird es nicht
frühzeitig an »Geishaschulen« verkauft, so be= kommt es, ohne gefragt zu
werden, den vom Vater ausgewählten Gat= ten -- sitzengebliebene Mädchen
gibt es in Japan selten, mit Ausnahme der Missionsschülerinnen, weshalb der
Volkswitz das Altjungferntum zur Begleiterscheinung des Christentums
stempelt. Das erste nämlich, was der Täufling lernt, ist der Widerstand
gegen den Vater in der Frage der Verheiratung, doch da die junge Japanerin
noch viel zu unselbständig ist, um allein eine Wahl zu treffen, und zu
Männerbekanntschaften keine Gelegenheit hat, bleibt die gläubige Christin
einfach sitzen. Einsichtige Missionärinnen halten es augenblicklich selbst für
gefährlich, den an ein Beisammensein in unserem Sinne ganz und gar nicht
gewöhnten Jüng= lingen und Mädchen das Verlieben und Verloben zu
überlassen. In Japan wachsen nämlich die Geschlechter völlig getrennt auf,
sitzen im Tempel, im Kino, bei Vorträgen auf verschiedenen Seiten. Der
Versuch der ja= panischen Polizei, diese Vorschrift auf Europäer
auszudehnen, scheiterte
143
freilich an deren homerischem Gelächter. Unklar ist, ob solche Ausein
anderhaltung die leidenschaftliche Sinnlichkeit der Japaner eindämmt oder
etwa noch steigert, außer jedem Zweifel jedoch steht, daß in Japan bereits die
kleinen Knaben und Mädchen durch und durch mit Erotik getränkt sind und daß
der reife Mann wie ein Tier auf die Frau losgeht. Nichts Menschliches bleibt
den Kindern fremd, schlafen sie doch mit Vater und Mutter auf der Erde in
einem Futon, einer Art gefütterten Schlafsacks, und vor ihren jungen Augen
spielt sich das gesamte ehe= liche Leben ab. Sie bekommen genug zu hören und
zu sehen, denn hier wird Lust wie Hunger befriedigt, wenn die Japaner auch
nicht wie die Söhne der Mitte nach jeder Mahlzeit ihre Ehepflichten erfüllen.
Die of= fene, lose Kleidung begünstigt diesen Hang. An dunklen Abenden kann
man, insbesondere in den Seitengassen der Provinzstädte, auch im Freien
unglaubliche Vorgänge sehen. Diese Umstände lassen es fast als eine
Notwendigkeit erscheinen, die Jugend nicht aufeinander loszulassen. Da~ zu
kommt noch, daß die japanischeMoral den außerehelicher Geschlechts= verkehr
ganz und gar nicht beanstandet. Wie oft bietet ein Rikshamann dem Fahrgast, ein
Hausherr dem Untermieter ganz offen die Tochter an. Manche Japaner
verkaufen auch die Gattin. Ein mir bekannter euro= päischer Witwer, der mit
seiner Haushälterin intimere Beziehungen einging, hörte einmal, wie ein als ihr
Bruder eingeführter Mann, der aber ihr Gatte war, im Nebenzimmer zu ihr
sagte: »Halte noch ein Jahr aus, dann haben wir Geld genug!« Eine Magd bat
ihre Herrin um Urlaub, zur Brautschau ihres ehereifen Sohnes. Auf den
Hinweis der Europäerin, daß dieser doch bereits mit der eigenen Nichte der
Magd, der ihr anver= trauten Tochter ihrer Schwester, ein Kind habe,
erwiderte sie, daß sie dieses Kind zu sich nehmen werde, der Sohn aber
eine Vernunftehe schließen müsse.
Japan hat die größte Kindersterblichkeit - vierzig Prozent der Säug= liege -r
und ist trotzdem das an Kindern reichste Land. Fast jedes Jahr bekommt die
Frau ein Kind. Gibt es längere Pausen von zwei bis drei Jahren, so saugt
das letzte Kind die ganze Zeit über an der Mutterbrust. Wie oft sieht
man in der Straßenbahn, wie ein zwei= oder dreijähriger Bengel, der bereits
stramm neben der Mutter sitzt, in ihren Kimono greift und sich gütlich tut,
was sie unbekümmert um die im Gedränge dicht an sie gepreßten Zuschauer
zuläßt. Mit dreißig Jahren ist jede Frau ver= braucht, vertrocknet, runzelig,
mit hängenden Brüsten und aufgedunsenem Leib. Jede weiche Linie ist aus
ihrem Antlitz verschwunden, aus dem Munde blecken die viel zu großen
Zähne.
1
44
Und nun geht der Mann zur Geisha.
Weil er für seine Unterhaltung die Geisha zur Verfügung hat, die ihm
Gesellschaft leistet, ohne daß er ihr dafür anderes als Geld schuldet, paßt es
ihm, daß die eigene Frau ungebildet und weltfremd bleibt, liebt er es nicht, daß
sie sich allzuoft aus ihrem winzigen Häuschen entfernt. Aber auch die reiche
Frau erfährt nichts von den Sorgen oder Erfo1= gen ihres Gatten; diese
hat es sogar noch schlechter als etwa die kleine Geschäftsfrau, die im
Laden mithelfen und daher notgedrungen an man= chen Ereignissen
teilnehmen muß, ja, oft sogar den Mann unter den Pantoffel bekommt.
Kehrt der Mann abends nach Hause zurück - mittags ißt er meist im
Geschäft, in der Fabrik, im Restaurant - so vertauscht er seinen
ausländischen Anzug mit dem Kimono und hockt sich auf die Erde zu seinem
Mahl, bei dem die Gattin ihm und dem erwachsenen Sohn auf= wartet, ohne
daran teilzunehmen. Sie ißt mit den übrigen Kindern Lind den Dienstboten, auch
wenn Gäste da sind, die sie ebenfalls zu bedienen hat und zu welchen sie nach
dem Essen hereingerufen wird, ohne aber mitreden zu dürfen.
Einmal unterhielt ich mich während einer langen Eisenbahnfahrt mit zwei
japanischen Fabrikanten, die vor einer Europareise standen und auch
Wien zu besuchen gedachten, und wurde erst am Ziel gewahr, daß sie beide
ihre Frauen mithatten, die stundenlang daneben gesessen waren, ohne ins
Gespräch gezogen zu werden. Ein Mann geht mit der Frau aus und
besteigt die erste daherkommende Riksha, es der Frau über= lassend, eine für
sich zu suchen. Ein Bekannter des Mannes grüßt die Frau nicht und im
Gasthause wird der Gatte zuerst bedient. Auch wenn ich in einem Hotel Gast
eines Japaners war, bot der Kellner zuerst ihm die Schüssel an. Viele Männer
gehen für fünf Jahre oder noch länger nach Europa und lassen Frau und Kinder
unter der Oberaufsicht der Schwiegermutter zurück, wogegen Kerkerhaft noch
eine Idylle bedeutet.
Einmal fahre ich nachts in der Eisenbahn, willens, womöglich ein wenig zu
schlafen. Ein mir gegenübersitzender Europäer, der sich, wie hier üblich, mit
der Ausländerin unterhalten will, verstummt angesichts meiner Müdigkeit und
so schlafe ich wirklich ein. Da weckt mich mit dem Gepolter, mit dem Japaner
einzusteigen pflegen, ein Ehepaar, das heißt, sie kommt wie immer ganz leise
und still, er wie stets unmanierlich und lärmend. Alsbald entfaltet die zierliche
junge Frau seinen Plaid, bläst sein Luftkissen auf, während sich der dicke Gatte
ungeniert aus= zieht - Schuhe, Strümpfe, Kimono - und bequem hinlegt. Sie
hüllt
Alice Schatck, Japan. 10
145
ihn fürsorglich ein und verschwindet dann ins Nachbarabteil. Bald schnarcht
er, daß der ganze Waggon dröhnt, ich aber stehe auf, so müde ich bin, und
gehe sie suchen. Nebenan in der zweiten Klasse finde ich sie, steifgegürtet und
aufrecht sitzend, während ihr Ungetüm von Mann in der ersten Klasse liegt und
schnarcht. Ähnliche Geschichten, die mir dutzendweise erzählt worden sind,
hatte ich bisher nie so recht glauben wollen, nun sehe ich es mit eigenen Augen
mit an - und nicht im Urwald bei einem wilden Volke, sondern in dem
luxuriösesten Expreßzug, den sich nur je ein höchstzivilisiertes Land
geleistet hat. Wie ich nun ganz versonnen an meinen Platz zurückschreite,
sagt der Ausländer trockenen Tones: »Ja, deshalb bin auch ich vorhin ins
Nebencoupe gegangen.« Da muß ich lachen, ein Wort gibt das andere und,
da mich der Fremde für eine amerikanische Frauenrechtlerin hält, die hier
auf= hetzen will, sagt er ganz böse: »Weh Euch, wenn Ihr hier Unruhe
stif. tet! Diese Frauen denken über solche Dinge anders als Ihr und fühlen
sich, so wie sie sind, ganz zufrieden und glücklich!«
Nach vieljähriger Anwesenheit im Lande urteilt so ein Mann und
dieser Männerstandpunkt - einen Frauenstandpunkt gibt es noch nirgends in
der öffentlichen Meinung und jeder Ansatz hierzu wird überall mit dem Vorwurf
der Befangenheit im Keime erstickt - wurde zum Bit= dungsbestandteil der
ganzen Welt. Ein Gegengewicht zum Männer. urteil wäre aber bei keinem
Thema so nötig wie bei dem des japanischen Frauenschicksals, das vom Manne
geformt, vom Manne ausgenützt und vom Manne mit einer poetischen
Legende umgeben wird.
In den wenigen Monaten, die ich hier weile, kommt Frau auf Frau zu
mir und beteuert: »Glauben Sie nicht, daß wir glücklich sind. Wir sind von
Kindheit an darauf gedrillt, glücklich auszusehen, in Wirklich. keit sind wir
alle, alle sterbensunglücklich!« Nicht einmal allzu glücklich darf die Frau
aussehen, wenn sie dem japanischen Sittenkodex folgt. Sie soll keine ihrer
Empfindungen in ihrem Gesicht erraten lassen, weder verliebt noch gekränkt,
weder froh noch traurig erscheinen. Dadurch weisen alle Frauen denselben
Puppenausdruck auf, allerdings auch die gleiche Sicherheit in der Haltung und
im Auftreten, um die sie europäische Königinnen beneiden könnten.
Der Geisha dagegen ist alles erlaubt; sie darf mit lustigen Späßen
jedes Gespräch unterbrechen, ja, eben deshalb wird sie zu den Geschäfts.
diners geladen. Gewöhnlich liegen in den Hotels Listen von Geishas auf,
von welchen diejenige, die bereits vermietet ist, abgestrichen wird wie bei uns
ein Gang von der Speisekarte. Artet die Sitzung in ein Trink.
gelage aus, so bringt die Geisha den ihr zugewiesenen Betrunkenen heim. Man
sieht des Nachts häufig in der Straßen= oder Stadtbahn, wie der sinnlos
Berauschte den Kopf in ihren Schoß gelegt hat und schnarcht, während sie
tapfer die Augen offenhält. Daheim übernimmt ihn die Gattin, die auf ihn zu
warten hatte und nun für ihn und die Geisha Tee kocht, ja sogar nebenan
146
wacht, wenn die Geisha bei dem Manne bleibt. Sie lehnt sich nicht dagegen
auf, wiewohl sie darunter leidet, weil es nach japanischer Erziehung das
höchste Glück des Weibes bedeutet,
sich für den Gatten zu opfern. Die männlichen Methoden Japans sind
gerade in der Festlegung der Ethik für Frauen unübertrefflich. Die Tugend der
japanischen Frau hat sich nicht nur im Erdulden, sondern sogar in werktätiger
Selbsterniedrigung zu zeigen, weshalb gerade die ethisch am höchsten
stehende Edelfrau alle Bestrebungen der weiblichen Vorkämpfe rinnen, ihr
Martyrium zu lindern, ablehnt, ja verachtet.
Ist die Frau krank, so gestattet die Sitte dem Manne, völlig offen mit der
Hausgehilfin zu leben, der Ehebruch der Frau wird aber nicht nur
gesellschaftlich, sondern gesetzlich verfolgt, ein japanischer Aristokrat legte
seinen Adel nieder, weil seine Schwester ihrem Gatten mit einem
10
147
Liebhaber durchging, und eine japanische Dame vergiftete sich, als es
ruchbar wurde, daß sie zu einem ausländischen Konsul Beziehungen
unterhalte.
Schon Konfuzius zählt unter seinen fünf Beziehungen der Überordo nung:
»Vater-Solin«,
»Herr-Knecht«,
»Vorgesetzter=Llntergebener«,
»Erstgeborener jüngerer Bruder«, auch »Mann=Weib« auf, so daß bei den
geistig stets auf Oben und Unten eingestellten Japanern die Frau zum
untern Teil gehörte. Zum erstenmal in der Geschichte Japans wird
sie jetzt unbotmäßig oder, wie mir ein englischer 1\MIissionär sagte: »un= ruhig«. In
den Lehren des Konfuzius werden der Frau auch »die fünf schlimmsten
Krankheiten der Seele« : Ungehorsam, Unzufriedenheit, Eifersucht,
Klatschsucht und Dummheit, zugeschrieben. Da diese bei sieben bis acht
unter zehn Frauen zu finden seien, Keuschheit, Zuver= lässigkeit oder
Wahrheitsliebe ihnen aber fehlten, könne mit vollem Recht von einer
Minderwertigkeit der Frau gesprochen werden. Vor einem Wesen, dem
höchstens
zwei
gute
Eigenschaften,
nämlich
Loyalität
und
Selbstbeherrschung, gutzubuchen seien, brauche man keine Achtung zu
haben. In Buddhas Lehre wird die Frau ebenfalls als niedrigeres Wesen
148
bezeichnet, welches infolgedessen bestimmte heilige Berge nicht be= steigen
dürfe. Andererseits wird das Dirnentum durch Errichtung von
Freudenhäusern in den buddhistischen Tempeln zu einer heiligen Sache
erhoben.
Beispiellos in der Literaturgeschichte aller Völker ist die Gloriole, mit
welcher die japanische Poesie die zum Heile der Familie in den Ver= kauf
willigende Tochter umwebt, und erstaunlich die Mithilfe, welche die heiligen
Urkunden leisten, um die Frau in ihrer Hörigkeit zu erhalten. Die ihnen
entnommenen Sprüche: »Gehorsam ist das Gesetz der Frau« oder »Frauen
haben keine Rechte« oder »Die Frau hat in der Gegenwart des Mannes
unterwürfig zu sein« wurden zu »Etikettebüchern für Frauen« gesammelt und
in der Zeit des Feudalismus herausgegeben. Einmal im Leben wandert auch
jetzt noch jedes Ehepaar nach Futami zu den bei. den Felsen Myoto-seki,
dem Sinnbild der japanischen Ehe.
Der Kampf der kühnen Japanerinnen, die In= und Ausländern den Nimbus
der Geisha zerstören wollen, wird durch die äußere Aufmachung der Geisha
erschwert, durch welche diese für Japan viel gefährlicher ist als für andere
Länder eine gewöhnliche Prostituierte - darf doch nur sie die bunten Brokate
und herrlich schimmernden Seidengewebe tragen, die als japanische Kimonos
überall berühmt sind. <Begreiflicherweise findet es eine vornehme japanische
Dame höchst unschicklich, wenn Europäerinnen der guten Gesellschaft solch
ein Kostüm zu ihrem Morgenrock wählen.>
Meist stammt die Geisha aus den elendsten Schichten des Volkes, doch
wird sie sehr oft von hochstehenden Männern geheiratet - die Frau des Prinzen
Ito war eine Geisha - und so dringt das Übel in die herr= sehende Klasse, ja, die
Geisha erhält sogar Einfluß auf die Verwaltung des Landes. Ein früherer
Ministerpräsident bezog ganz offen Einkünfte aus einer Geishaschule. Ein
japanisches Sprichwort sagt: »Hinter jedem Verbrechen steckt eine Frau!« und
hinter der Käuflichkeit steckt die Geisha. Sie trägt die Bestechung zu dem
Beamten, sie wird dafür be= zahlt, wenn sie einen Geschäftsmann so betrunken
macht, daß er sich im Rausch zu Abschlüssen überreden läßt, die er sonst
ablehnt. Fast nie gibt es Prozesse wegen Bestechungen, bei welchen nicht eine
Geisha als Zeugin auftritt, durch ihr luxuriöses Verschwendertum richtet sie
zahlreiche junge, aufstrebende Existenzen zugrunde. Aber ein ausnahmslos
durchgeführtes, wenn auch ungeschriebenes Gesetz verbietet, zu einem Feste,
dem ein Mitglied des kaiserlichen Hauses beiwohnt, eine Geisha zu laden.
149
Es gibt über ein halbes Hunderttausend künstlerisch ausgebildeter
Geishas in Japan und mehr als doppelt so viele gewöhnliche Prostituierte.
Diese heißen mit Lizenz Shogi und ohne solche Shaku=fu und zu letzteren
gehören fast alle Nesan, die Barmädchen und Kellnerinnen. Rechnet man
eine ebenso große Zahl von »heimlichen schlechten Mädchen« <dies die
Bezeichnung der Missionäre> hinzu, so kommt man auf ungefähr eine
Viertelmillion weiblicher Wesen, die irgendwie dem sogenannten
»kom=merzialisierten Laster« anheimgefallen sind. Während die Zahl der
lizen=
zierten Prostituierten infolge der medizinischen Aufklärung über Geschlechtskrankheiten und der Propaganda der Frauenvereine und Frauen=
ärztinnen zurückgeht, steigt die der Barmädchen und besonders die der Geishas
noch von Jahr zu Jahr an. Es gibt in Tokio allein fünfhundert= einundsiebzig
gute Bürger, die als Unternehmer von diesem Gewerbe leben, in ganz Japan
mehr als zehntausend, einige davon als angesehene, reiche Rentner. Diese Art
von Einkommen ist in Japan durchaus nicht unehrenhaft, auch nicht, wenn
Hand in Hand damit der Mädchenhandel geht, welcher als das sicherste und
einträglichste Ausfuhrgeschäft Japans angesehen wird. Durch die
Gesellschaft wird es als Klatsch weitergetragen, daß von den sechs
Millionen Yen, welche das neue Imperial= Hotel gekostet hat, nur ein Teil
aus vornehmen Qellen stamme <von dem kaiserlichen Haushalt, der Stadt
Tokio und der Familie Okura>, der Rest jedoch von solchen dunklen
Ehrenmännern beigestellt worden sei.
Da die Geishas nicht unter Aufsicht gestellt sind, wiewohl sie genau
dasselbe Gewerbe betreiben wie die Prostituierten, vor denen sie bloß die
Ausbildung als Sängerinnen und Tänzerinnen voraus haben, so werden
diejenigen unter ihnen, die nicht früh sterben oder in Krankenhäusern
dahinsiechen, auch nicht das Glück haben zu heiraten oder in den Rang einer
Geishawirtin vorzurücken, in die Mandschurei, nach Korea, Indien und den
Sunda=Inseln verkauft.
Während der Mann außer Hause bei der Geisha weilt, überläßt er
seine Gattin, die zu ihm in das Haus seiner Eltern ziehen mußte, der
Willkür der Schwiegermutter. In ihrem täglichen Martyrium stellt er sich nie
auf ihre Seite, denn ebenso wie die Verachtung des Weibes gehört die
Elternverehrung zur Religion. Japan ist infolgedessen das einzige Land der
Welt, wo die junge Frau die alte beneidet. In diesem sogenannten
»Familiensystem« ist es eine der furchtbarsten Quälereien, daß die junge Frau
mit dem Gatten nie allein gelassen wird. Dieses Land kennt kein
Privatleben, hier lebt man, von innen und außen beobachtet, in voller
Öffentlichkeit.
150
Weiße Frauen, die Japaner geheiratet haben, verfallen demselben Los.
Solange das Paar in Europa bleibt, wo' zumeist solche Ehen zustande
kommen - in Japan selbst und in Amerika nur selten ist der Japaner der beste
Gatte. In Japan aber fällt in kürzester Zeit der westliche Firnis von ihm ab
und nach wenigen Monaten begreift er selbst diese Heirat nicht mehr.
Von der Familie wird die weiße Frau gehaßt, von der Schwiegermutter oft
gezwungen, genau wie die eingeborne Frau mit dem Kind auf dem Rücken
vor dem Wasch• zuber zu stehen, alle harte Arbeit im Hause zu tun, auf der
Erde zu sitzen und japanische Kost zu essen,
und von dem Gatten, die Geisha neben sich
zu dulden. Und da diese europäischen Frauen
meist aus unbemittelten Kreisen stammen japanische Ärzte hei= raten manchmal
Pflegerinnen in den Spitälern oder Töchter ihrer
Vermieterinnen, die sich bei solcher Heirat
interessant vorkommen -so können sie ihrem
furchtbaren Lose nicht durch eine Heimreise
entrinnen.
Ein Ausländer sagte mir einmal: »Es gibt
nichts Dümmeres für eine weiße Frau, als
einen japanischen Mann zu heiraten, und nichts
Klügeres für einen weißen Mann, als eine
japanische Frau zur Gattin zu nehmen.«
17. E i n
Damentee.
Das Lied vom japanischen Frauenleid ist
mir schon von meinem ersten Besuche in
Japan her bekannt. Die neuen japanischen
Ärztinnen, Journalistinnen, Frauenrechtlerinnen kann ich mir daher nur sehr unklar
vorstellen und auf die Bekanntschaft mit
ihnen richtet sich natürlich mein größtes
Interesse. Wie begrüße ich es daher, als mich
eines Tages Frau Kadono aufsucht, eine Dame
aus vor= nehmer Familie, die sich die
gesellschaftliche und wirtschaftliche Förderung
aller Bestrebungen des Frauentums zur Aufgabe gestellt hat.
Frau Kadono ist die Modernste der Modernen. Nichts in ihrem Auff
treten erinnert an die Japanerin. Sie hält den Stil ausländischer Kleidung aufs
sorgfältigste ein, die feinen grauen Seidenstrümpfe passen zu den
'5'
winzigen gleichfarbigen Schuhehen aus Sämischleder, so daß sie trotz
ihres bereits fortgeschrittenen Alters wie ein Pariser Püppchen aussieht.
Frau Kadonos Füßchen habe ich einmal im Imperial=Hotel aus einer
Nische hervorragen gesehen und sofort wieder erkannt -- gibt es doch
nur dieses einzige Paar in ganz Tokio. Ihr moderner Seidenturban
wackelt nicht irgendwo auf dem Hinterkopfe, sondern umschließt eng
die Schläfen, kurz diese schlanke, elegante, ondulierte Tokioterin könnte
ganz gut in jedem Salon der Welt Figur machen. Natürlich be= sitzt auch sie
japanische Kimonos, von welchen sie, wie sie lachend er= zählt, diejenigen, die
unmodern geworden sind oder deren sie überdrüssig ist, in den
Wohltätigkeits=Basaren an europäische Damen verkauft.
Frau Kadono will nicht nur ihre eigene kleine Persönlichkeit an die
europäische Mode anschließen, sondern auch die japanische Frauenwelt mit
der ausländischen in engere Verbindung bringen und so kommt sie zu mir, um
mir bei meinen Zwecken zu helfen und gleichzeitig ihre Zwecke zu fördern. Das
für mich höchst wichtige Ergebnis dieses Be= suches ist ein großer Damentee
in ihrem Hause, zu dem sie alle irgendwie militanten Frauen Tokios einlädt,
ob sie sie nun kennt oder nicht.
Mit einem entzückenden Elektromobil, welches so tip top ist wie das eines
englischen Lords -- neben dem feinsten europäischen Ledertäseh= chen für
Visitkarten schaukelt eine Blume in einer Kopenhagener Vase und es fehlt
auch die Pelzdecke nicht -- läßt sie mich aus dem Hotel holen. Daraufhin
bin ich wohl auf einen einwandfrei eingerichteten, europäischen Salon gefaßt,
nicht aber auf eine ganze Villa, deren sämt= liehe Schlaf= und Eßzimmer mit
Geschmack und Verfeinerung in aus= ländischem Stil gehalten sind. Und da
später, als der Tee gereicht wird, von japanischem Porzellan die Rede ist, stellt
es sich heraus, daß Frau Kadono gar keines besitzt. Das Bemerkenswerte daran
ist, daß diese Frau genau dieselbe Erziehung erhielt wie alle anderen
Japanerinnen und daß ihre Schwester auch heute noch völlig im
japanischen Stil denkt und lebt.
Drolligerweise ist Frau Kadono mit ihrem gewaltigen Sprunge aus der
japanischen in die westländische Kultur dicht bei der Spielart der
europäischen Mondäne angelangt und bildet nun ein getreues Gegen= stück zu
der wohlbekannten heimischen Wohltätigkeits= und Jourdame mit Ethik,
Ästhetik und Interesse für Kunst, Literatur und Ausland. Nichts ist amüsanter
als das Programm ihrer gehetzten Tage, bedenkt man, aus welchem Milieu der
Ruhe und Langsamkeit sie stammt. Die einzige Zeit der Muße bringen ihr die
Samstag=Nachmittage, an denen
sie -- damit sie das Telephon nicht auch in diesen Stunden quäle - in ihr
Landhaus am Strande von Kamakura fährt. Die Erholung besteht eigentlich
nur in der Bahnfahrt, denn am Ziel erwarten sie wieder Gäste, Auto= touren und
Bade=Picknicks. Sie hat es sich zum Grundsatz gemacht, vom Bahnhof zu
152
Fuße in ihre Villa zu gehen und das an der unterlassenen Rikshafahrt ersparte
Geld für die Armen zu sammeln. Ihrer Überzeugung, daß die Gabe mehr
Wert habe, wenn sie aus eigener Leistung hervor= geht, entstammt auch
der Verein »Charitas«, der aus vierzehn der reich= sten Damen von Tokio
besteht und dessen Mitgliedsbeitrag, mindestens dreißig Yen im Jahr, nur aus
dem Erlös selbstgehäkelter oder =gestrickter Bekleidungsstücke aufgebracht
werden darf. Zu der Sitzung dieses Ver= eins kehrt Frau Kadono am Sonntag
vormittag wieder nach Tokio zurück. Sie ist außerdem Mitglied von etwa
zwanzig Wohlfahrtsunternehmungen, bei denen sie überall persönlich
mitarbeitet -- mittags ist sie meist zu einem Lunch geladen und abends zu
einem Diner. Dazwischen liegt irgendein Vortrag, heute der einer englischen
X„Iissionärin in ihrem Klub.
Während sie mir das Haus zeigt, rauscht das alles über mich hinweg, in
einer ganz unjapanischen Nervosität, die mich eine Vision sehen läßt: Tokio als
ein zweites Berlin und die Japanerin, wie sie in wenigen Jahren die Berlinerin
noch weitaus übertrumpfen wird -- In dem ganzen Hause erinnert nur ein einziges kleines Kunstwerk an das
Land, in welchem es steht: ein Servierbrett unter Glas, auf welchem Frau
Kadono soeben, in der müßigen Minute des Wartens auf mich, mit einer
winzigen Spielzeugschaufel ein Bild aus feinem Meersand entworfen hatte rechts oben die Silhouette des Fujiyama=Gipfels in althergebrach= ter Form,
die berühmte Kontur nur durch Anhäufung des Sandes heraus= gearbeitet,
darunter, in niedrigeren Häufchen leicht zusammengeschaufelt, eine anmutig
geschwungene Gebirgskette und unten, nur aus ein paar Sandkörnern, die
Wellen des Meeres, das Ganze so entzückend, als sei es aus Gold in Stahl
gehämmert. Solches Können sei mit jedem Japaner geboren, versichert mir
Frau Kadono, enttäuscht über mein Entzücken, das sie in ihrem reichen, neuen
Hause wirklich nicht gerade bei diesem Gegenstande erwartet hatte.
Im Salon harren meiner die bereits versammelten Damen und Frau Kadono
bringt es in einer gesellschaftlich bemerkenswert gewandten Weise zustande,
mich mit jeder von ihnen eine Zusammenkunft verab= reden zu lassen, um
deren Werk, das Wesen ihrer Arbeit in allen Einzel= heiten kennenzulernen.
Die Hausfrau, die sich in ihrem dunkelgrauen Schlüpfkleid aus Seidensamt
mit gleichfarbigem Pelzkragen von dieser
153
Gesellschaft fremdartig abhebt, flüstert mir nur leise zu: »Zu mir müssen Sie
noch einmal kommen, wenn ich Gäste nach meinem Geschmack bei mir
habe.«
Nein, wahrlich, weder hübsch noch elegant oder gar anmutig sind
diese erstaunlichen Erscheinungen, die mir von jetzt an - das sei gleich
vorausgeschickt - die tiefsten Eindrücke aus Japan vermitteln und in mir die
Erwartung wecken, daß uns der Osten durch seine Frauen einmal
Gewaltiges schenken könne. Ein stehendes Wort sagen die Europäer
Von links nach rechts: i) Mrs. Gountlett, 4) lano Jodai, 5) Frau Hani, 6) Frau Kadono
jetzt schon, wenn sie über Japaner zu Gericht sitzen: »Aber die Frauen
sind nett.« Und eigentlich müßte es heißen: »Die Frauen sind Japan: bester
Teil.«
Im ganzen Osten gilt die Japanerin infolge ihrer Selbstlosigkeit, Auf=
opferungsfähigkeit, Treue, Hingabe und Mütterlichkeit als die Krone der
Weiblichkeit, weil sogar die durch den gelben Sklavenhandel verschlepp ten
Mädchen noch rührend für die Männer sorgen, von denen sie als
Wirtschafterinnen gekauft werden. In Sumatra erfuhr ich beispielsweise die
Geschichte einer solchen verschleppten Japanerin, die einem hollän=
dischen Offizier von dem ihr übergebenen Wirtschaftsgelde das
1
54
angenehmste Leben bereitete und ihm dann bei seiner Abberufung nach Hause,
also in dem Augenblick, da er sie für immer verließ, zweitausend Gulden
übergab, die sie für ihn gespart hatte.
Daß die japanische Frau unter so fürchterlichem Drucke zu einem so
gütigen, liebenswerten Wesen wurde, könnte freilich den Schluß gerecht=
fertigt erscheinen lassen, daß die übrige Welt der Frau zu viel Freiheit
gönnt. Die japanischen Frauenvorkämpferinnen aber bringt man durch nichts
mehr in Erregung als durch die Befürchtung, daß die japanische Frau durch die
Sprengung ihrer Fesseln in ihren weiblichen Tugenden Schaden nehmen
könnte. Von Hingabe, Opferung und Selbstlosigkeit wollen sie nichts mehr
hören. Ohne Rücksicht darauf, welche Ver= schiebungen im Leben der
ganzen Nation und in der einzelnen Familie entstünden, wenn aus der
japanischen Frau eine Persönlichkeit, ein Selbst erwüchse, soll sie zu einem
Ich erhoben werden. Ohne weiteres wird eingeräumt, daß dann aus Japan
manches Reizvolle verschwände, doch stände der Verlust in keinem
Verhältnis zum Gewinn, weil die Lichtstrahlen des jetzigen Systems nur einen
rein äußerlichen Glanz über das Land breiteten, während seine Schatten das
gesamte innere Dasein verdunkeln.
Mrs. Gountlett, die Präsidentin des Vereins der Temperenzler, ist die
Gattin eines Engländers, dessen Sprache sie vollkommen beherrscht. Ein
farbloses Lehrerinnengesicht auf einer dicken, kleinen Figur, an welcher, wie
auf einem Kleiderständer, ein plumpes, dunkles Samthemd hängt. Sie kann auf
ihre Toilette kein Geld verwenden, denn sie hat fünf Kinder und der Gatte
unterrichtet an japanischen Schulen, was sehr schlecht bezahlt wird.
Um Haupteslänge wird sie von Fräulein Kawai überragt, welche als
Präsidentin der dem Weltverein angegliederten japanischen Y.W.C.A.
<Young Women's Christian Association> jahrelang in Amerika das Wesen
dieser internationalen, einflußreichen Vereinigung studiert hat. Sie sagt mir,
daß sie den Kimono trage, weil sie zu alt sei, um jetzt noch um=
zusatteln, doch zählt sie mir der Reihe nach die Schwierigkeiten dieser
nationalen Tracht auf, wobei ihr alle anderen Damen eifrigst zustimmen.
Wiewohl diese Frau nur der Arbeit ergeben ist, darf sie sich höchstens
gestatten, den Wechsel in der Stoffmustermode unbeachtet zu lassen und
jahrelang dasselbe Kleid zu tragen, sonst aber muß auch sie all den zeitraubenden, unbequemen und kostspieligen Forderungen der Kleidung
nachkommen und einen großen Teil ihres selbstverdienten Einkommens
155
auf ihre Toilette verwenden, weil die anderen Frauen sie sonst nicht
achten und ihren Ratschlägen nicht trauen würden.
Neben ihrer ragenden Körperlichkeit verliert sich beinahe die schmale,
hagere des schlichten Fräuleins Jodai, der Leiterin der Tokioter Zweigstelle der Y.W.C. A., deren schon etwas spiegelndes stumpf blaues Samthängekleid mit einem runden Ausschnitt kahl um den gealterten gelben Hals
liegt; ein alter, breitrandiger Hut -- man mag dies gerade noch Hut nennen -beschattet das verblühte Altmädchengesicht. Während Fräu= lein Kawai die
politische Führung in der Hand hält und die internationalen Beziehungen pflegt,
obliegt ihr die praktische Arbeit.
Die häßlichste von allen ist die ältliche Frau Hani, deren typisch
japanische Figur ich mir ebensogut in einem der offenen Basarlädchen
vorstellen könnte, wo des Nachts falsche Haare feilgehalten werden. In der
kurzen Frist, seit welcher Japaner Denkarbeit leisten, hat diese sich nicht einmal
in die männlichen Gesichter einzugraben vermocht. Frau Hani spricht nur
japanisch, so daß ich mit ihr nicht in persönliche Be= ziehung treten kann; sie ist
Herausgeberin einer Frauenzeitung, worunter ich mir noch nichts Rechtes
vorstelle, und Direktorin einer Mädchen= schule, welche zu besuchen ich im
Grunde nur deshalb zusage, weil Frau Hani die Schwester des von mir sehr
geschätzten Redakteurs Matsuoka von der Tokioter Zeitung »Nichi Nichi«
ist. Daß diese unscheinbare Frau mit den wulstigen Lippen, den winzigen
Äuglein, die von herab= hängenden Lidern halbverdeckt sind, und der breiten,
so ungeistigen Nase mir die höchste Wertschätzung abnötigen werde, kann ich
im Augenblick freilich noch nicht ahnen.
Es ist gar nicht so leicht, in den Notizbüchern dieser Damen eine
freie Stunde zu finden, die Verabredungen mit Fräulein Kawai und Mrs.
Gountlett müssen auf vierzehn Tzge hinaus vorgemerkt werden und auch dann
auf die achte Morgenstunde; sie haben so viele Sitzungen, Schreibe= reien,
Vorträge und Dienstreisen vor, daß mir bei der Aufzählung förmlich
schwindelt. Nachmittagstees seien ihre Sache nicht. Die Auszeichnung, daß
der heutige Nachmittag dennoch gewaltsam für mich freigemacht wurde, kann
ich in ihrer vollen Bedeutung erst würdigen, da ich der Reihe nach in ihre
Tätigkeitsgebiete eindringen darf. Der Hauptgrund dafür, daß mir diese
Teestunde geschenkt wurde, liegt darin, daß alle diese Frauen die
Annäherung an das Ausland und die Bekämpfung der Miß= verständnisse und
des Mißtrauens zwischen den Rassen auf ihr Programm gestellt haben. Im
Kreise dieser Japanerinnen, die eindringlichst bestreiten, daß die Japaner von
Abneigung und Haß gegen die Weißen erfüllt seien,
156
muß ich der zahlreichen Abende gedenken, an denen ich von Europäern vor
ihnen gewarnt, gegen sie aufgehetzt wurde. Die Kluft zwischen den Rassen im
Lande leugnen sie nicht, aber sie lehnen den Vorwurf ab, daß die Japaner sie
gegraben hätten. Gewiß trage die Erziehung des Japaners zum Mißverstehen
bei, höre er doch schon als Kind nichts als die nimmer en= digende Predigt:
»Lache nicht, weine nicht, zeige nicht, was du fühlst.« Der Weiße glaube,
daß sich die hierdurch gezüchtete Zurückhaltung des apaners gegen ihn
J
wende, doch verhielten sich Japaner untereinander keineswegs anders. Mrs.
Gountlett erzählt, wie gekränkt ihr Gatte in den ersten Jahren ihrer Ehe
gewesen sei, wenn sie seine Geschenke mit un= bewegtem Lächeln
entgegengenommen habe. Was die Ausländer als Hoch= mut brandmarken, sei
vielfach nichts als Schüchternheit und Ungewandt= heit; wie oft würden sich
Japaner gerne an Europäer anschließen, zeigten sich diese nicht so ungeduldig,
ja schroff. Auch die Verschiedenheiten der Sprache und der Lebensweise
wirkten trennend, so habe unlängst eine amerikanische Dame, die bei Japanern
geladen war, abgelehnt, ihre Schuhe auszuziehen, und sei, als sie hörte, daß sie
auf dein Boden sitzen solle, bei der Türe umgekehrt. So etwas stehe dann in der
Zeitung und verbreite sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Stadt, worauf sich die
übrigen noch ängstlicher vom Verkehr mit Europäern zurückzögen.
Mrs. Gountlett erzählt mir schließlich noch, daß sie kürzlich mit ihrem
Manne dabeige-,xwesen sei, wie das Hütchen eines Babys zu Boden fiel, ohne daß
die ihr Kind auf dem Rücken tragende Mutter es hätte aufheben können. Ein
Junge, der daneben stand, rührte sich nicht. Entrüstet habe Mr. Gountlett es
aufgehoben, aber da habe ihn der Junge leise stotternd gebeten, der Herr möge
ihn nur ja nicht falsch verstehen, er hätte den Hut so gern, ach so gern
aufgehoben, aber sei zu scheu dazu gewesen, zu ängstlich .. .
Ein japanischer Junge und scheu! Er, der einer der frechsten Bengel der Welt
ist, selbstbewußt schon an der Mutterbrust! Und doch kann ich mir
solch einen Jungen vorstellen, vielleicht ein ganzesVolk, voll besten Willens,
aber nach anderen Idealen erzogen und ungeschickt, so daß, was es tut, auf
unser ethisches Empfrnden genau die entgegengesetzte Wirkung übt.
iS. Bei Mrs. Gountlett.
Die Verabredung mit Mrs. Gountlett einzuhalten, ist kein einfaches
Unternehmen. Eine Stunde mit Hoch- und Straßenbahn brauche ich nur bis
zu ihrem Distrikt und dort muß ich das Gebäude des Temperenz= lervereins
noch eine halbe Stunde lang suchen. Wohl bin ich in der
157
richtigen Straße, doch immer wieder überrascht mich eine neue Ab
zweigung. An der Ecke steht das Haus Nr. zzo, dann kommt Nr. 8 und
dann 17, dann teilt sich die Straße - ich aber will zu Nr. 6S. Niemand
versteht Englisch und ich bin schon ganz entmutigt durch den zähen Brei, in
welchem meine Überschuhe, die bei meiner Ankunft funkelnagelneu waren und
nun ihre Absätze verlieren, immer wieder steckenbleiben. Wasser rinnt mir in
die Schuhe, als ich aber endlich das gesuchte Haus ausfindig mache, rinnt
mir Wasser auch bereits aus den Augen. Hat mir doch Mrs. Gountlett nur
eine befristete Zusammenkunft gewährt, deren Dauer nun immer kürzer wird!
Der freundliche Empfang läßt mich bald alle Unbilden vergessen,
insbesondere, da ich zu Frau Kaji yajima hineingeführt werde. Diese
Bekanntschaft gehört wahrlich zu den rührend= sten und erschütterndsten
Eindrücken meines' Lebens. D?e einund= neunzigjährige »Großmutter der
japanischen Frauenbewegung«, das verehrteste und gefeiertste weibliche
Wesen des ganzen Landes, hat die Ideen zu dem Verein vor vierzig Jahren aus
Amerika und England mitgebracht. Sie war in Japan die erste, die es wagte,
das Wort »Frieden« als öffentliche Forderung der Frauen aufzustellen und
dem Kaiser ein Gesuch um Abrüstung mit hunderttausend weiblichen
Unterschriften vorzulegen. Daß Frau yajima zweimal aus Japan fortgewesen,
wird nicht nur deshalb von ihr erzählt, weil eine solche Tatsache bei jedem
Japaner eigens erwähnt wird, sondern weil sie erst im Vorjahre mit fast einund=
neunzig Jahren zum zweiten Male in Amerika war und damals mit dem
Präsidenten zusammen vor dem Weißen Hause photographiert wurde.
Die Greisin hat eben eine Lungenentzündung überstanden, infolge
tagelanger Bewußtlosigkeit ist sie nur mehr ein lebender Leichnam. Hin=
gebungsvoll teilen sich die Mitglieder des Vereins in ihre Pflege, stundenlang
sitzen sie bei ihr. Nur ein Blick auf sie sollte mir gewährt werden, auch das galt
als Auszeichnung; als 'ch aber in dem geheiligten Zimmer an ihr Bett trete, ist
sie wach und ganz klar. Nun schreibt man der völlig Ertaubten auf, was ich hier
vorhabe, und sie dankt mir dafür, daß ich dabei mithelfen will, das Streben des
japanischen Frauentums im Ausland zur Anerkennung zu bringen. Eigenhändig
setzt sie ihre Unter= schrift unter ihr an ihrem neunzigsten Geburtstag
aufgenommenes Bild, nebst dem Datum und einem Segenswunsche für mich.
Alle Anwesenden sind Christen, auch ein christlicher japanischer
Missionär ist da. Die Missionäre haben die leitenden Ideen dieser Vereinstätigkeit in Amerika studiert, so daß der neue Idealismus der japanischen
Frauenerhebung nur wenig Zusammenhang mit Europa hat.
JJIm Arbeitszimmer erfahre ich von Mrs. Gountlett, daß in den vierzig ahren,
seit es in Japan Vorkämpferinnen für die Selbständigkeit der Frauen gibt,
nicht so viel erreicht wurde wie in dem letzten Dezennium oder vielmehr in
der Zeit nach dem Kriege. Während bei uns der Um= schwung mehr die
Einrichtungen als die Seelen erfaßte, habe der Krieg in apan, wo er eigentlich
158
nur in den Zeitungen in die Erscheinung trat, das innerste Leben umgewühlt.
Auf die Frauenbewegung habe er die große Wirkung dadurch aus
geübt, daß die durch den wirtschaftlichen Aufschwung hervorgerufenen
Neugrün= dungen auch Frauen beschäftigten und daß dieser neue Bedarf nach
weiblichen Hilfskräften Tausende von Land> mädchen zu erwer= benden
Städterinnen machte, die sich dann nicht mehr ins frühere häusliche Joch
zurückdrängen ließen.
Die Patriarchin Frau
yajima wurde bereits
vom verstorbenen Kai=
ser Meji durch einen
Orden
ausgezeichnet,
das Publikum der Jahr=
hundertwende
aber
verlachte und haßte ihre
Jüngerinnen,
die
Zeitungen setzten sie
herab, brachten sie um
jeden Einfluß und die
Polizei verfolgte sie. In
zunehmender Steigerung
wächst
jetzt
der
Umkreis, durch wel=
chen ihre Stimmen
reichen. Zwei Jahre
erst sind es her, seit
sich Ivlrs. Gountlett
zum erstenmal ein Herz
faßte und bei dem
Direktor einer Mäd=
chenschule anfragte, ob
sie
dort
öffentlich
sprechen könne - als
»öffent= lich« galt ihr damals ein Schulzimmer. Höflich zustimmend
antwortete ihr der Direktor - auf ihren englischen Namen hin. Die antretende
Japa= nerin aber lehnte er ab. »Die Mädchen würden Ihnen nicht zuhören!«
Während mir Mrs. Gountlett dieses erzählt, wundert sie sich selbst,
159
T
daß seit jenem Mißerfolg erst zwei Jahre vergangen seien, hat sie doch
kürzlich vor zweitausend Zuhörern im Festsaale der Zeitung »Osaka
Mainichi« eine Rede für das gesetzliche Verbot des Alkoholgenusses von
Kindern gehalten. Das diesbezügliche Gesetz wurde seitdem bereits im
Parlamente eingebracht, natürlich noch von Männern - Frauen aber haben
den Boden vorbereitet. »Graben, unentwegt, unermüdlich die Scholle
offenhalten, bis jemand ein Saatkorn hineinwirft,« -- -- solche Kleinarbeit
findet Mrs. Gountlett nicht zu geringfügig. Einzeln müsse Gemüt für Gemüt
erschlossen werden.
Eines Tages habe ihr die Dienstmagd gekündigt. Sie müsse heim.
Heiraten. »Wen denn?« fragt die Herrin. Oh, das wisse sie noch nicht.
Der Bruder habe bloß geschrieben, es sei alles abgemacht. Aus ihrer
Stimme habe nicht einmal Ergebenheit in ein unvermeidliches Schicksal, bloß
Selbstverständlichkeit geklungen, so - wie einer b'richtet, daß es donnert,
und auch nichts unternimmt, es abzustellen. Solche Unerschütterlichkeit in
Zweifel zu wandeln, sei wahrlich nicht leicht. Die Frau rät der Magd, den
Mann doch erst kennen zu lernen, sich nach ihm zu erkundigen und ihn nur
dann zu heiraten, wenn er ihr zusage und wenn er sie erhalten könne. Das
Mädchen wird stutzig. In den stumpfen Blick tritt Spannung. Ja, meint sie, das
sei gar nicht so dumm. Und sie verspricht zurückzukehren, falls ihr der Mann
nicht gefalle - Der Verein der Temperenzler, der dem gleichnamigen Weltbund an=
gegliedert ist und in Japan in zehn Distrikte zerfällt, hat drei Hauptziele:
Abstinenz, Keuschheit und Frieden. Und da es hauptsächlich die Trinker sind,
die ihre Töchter feilbieten und damit eigentlich morden, sieht sich der Verein
gegen die Trunksucht unwillkürlich auch in den Kampf gegen die Prostitution
und den Mädchenhandel verstrickt. Es ist ein Erfolg des Vereins, daß die Zahl
der Lizenzwerber für Alkoholausschank zurück= geht. Buntgedruckte
Ansichtskarten, die der Verein kostenlos im Volke verbreitet, stellen in sehr
drastischen Bildern die Folgen des übermäßigen Trinkens dar.
Die Hauptmethode ist die Aufklärung und Erziehung durch zeit
schriften, ärztlicheVorträge und Schulunterricht. DerVerein hat Hundert=
tausende von winzigen Papiersäckchen mit dem Aufdruck: »5 Sen im Jahre«
verbreitet, in welchen jeder sein Scherflein zu dem Betriebskapital beitragen
kann, und auf diese Weise sind im letzten Jahre in dreißigtausend Beiträgen
1761 yen 76 Sen eingegangen. Die Präsidentinnen des Ver= eins werden für
ihre Tätigkeit nicht nur nicht entlohnt, sondern sie be= streiten sogar ihre
eigenen Ausgaben im Dienste der Sache in bcispiel=
losem Idealismus aus eigenem. Die Hilfsorgane, die für 50 Yen monat lich
16o
I
mitarbeiten, könnten im Geschäftsleben das Doppelte für dieselbe Leistung
erzielen; aus Liebe zum Werk bleiben sie ihm treu. Die hundert
sechsundvierzig Zweigstellen des Vereins, deren Abgesandte sich einmal im
Jahr bei einer Generalversammlung treffen und jede Art von weib. licher Arbeit
ermutigen und unterstützen, leisten auch Heimerziehung durch Errichtung von
Hunderten von Kochschulen im ganzen Lande und durch Entsendung von
Frauenärztinnen, welche in den Häusern Hygiene, Krankenpflege und die
Zubereitung von Krankenkost lehren.
Die sanitären Zustände sind nämlich geradezu jammervoll. In den
ungelüfteten und ungeheizten kleinen Räumen werden die Menschen
haufenweise lungenkrank. Die Männer sind tagsüber im Geschäft, abends mit
Freunden oder Geishas im Hotel; daheim halten die Frauen die Hände
über den Hibachi und die schlechtbezahlten Mägde kommen aus der tiefsten,
unwissendsten Klasse des Volkes. Die weltberühmte japa= nische Sauberkeit ist
ziemlich äußerlich und beschränkt sich darauf, die Tatami, die Matten, vor
der Berührung mit Schuhen zu bewahren.
Der Verein sieht seine Hauptaufgabe darin, das Rückgrat der Töchter zu
stärken, ohne allzuviel Unzufriedenheit in die Familie zu tragen, deren
Zusammengehörigkeit die Grundlage Japans bildet. Die Töchter werden zwar
schon durch ein Gesetz davor geschützt, gegen ihren Willen von den Eltern
verkauft zu werden, aber die meisten Mädchen kennen es nicht. Das
Übergewicht des Vaters ist auch viel zu stark und die Empfind. samkeit bei der
Selbstaufopferung viel zu romantisch. Wohl sieht das junge Mädchen, das sich
für die Schulden des Vaters opfert, das Schicksal der Nachbarstochter, der
ebenfalls versprochen wurde, sie müsse nur für die kurze Zeit fortbleiben, bis
der Vater die Schulden abgezahlt habe, auf deren Haupt aber im Hause der
Geishawirtin oder des Bordellbesitzers so viel eigene Schulden gehäuft wurden,
daß sie nie wieder zurück= kam; und dennoch glaubt keine einzige daran, daß
dies auch ihr eigenes Schicksal bedeute. Ist es doch ganz unglaublich, was
die Japaner an Rührseligkeit hervorbringen und verdauen können und wie sehr
ihre poetische Veranlagung ihre Rücksichtslosigkeit verzuckert. Lefcadio
Hearn hat nur von der süßen Außenseite erzählt, John Paris, der Autor des
Romans »Kimono«, nur vom bittern Kern. Und doch machen beide zusammen
erst Japan aus.
Nun ist in Osaka etwas Unerhörtes geschehen, etwas in Japan noch
nie Dagewesenes, was Mrs. Gountlett triumphierend auf ihr Konto
bucht: Eine Geisha, die ihrer Käuferin mit einem Liebhaber entlaufen
Alice Sdialck, Japan. 11
i61
162
war, wurde vorn Gericht freigesprochen und der Richter verkündete zu diesem
Urteil die denkwürdige Begründung: Niemand dürfe durch Schuf= den in
seiner Freiheit beschränkt werden. Darin erblickt Mrs. Gountlett das
Dämmern der Morgenröte.
Noch sind die Volksschulen und die rückständigen Adelsschulen Mrs.
Gountlett und ihren Gesinnungsgenossinnen nicht zugänglich, aber in den
modernen Mädchenschulen werden solche Dinge jetzt ebenso wie Schreiben und
Lesen gelehrt und ihre Absolventinnen lassen sich nicht länger als Prostituierte,
als Geishas verkaufen, nicht mehr so leicht an den erstbesten Gatten
verschachern. Der Verein will auch die Gesellig= keit erneuern und die Jugend
in harmloser Weise zusammenbringen, damit das Weib nicht länger neben
dem Jüngling als etwas Verbotenes, Geheimnisvolles und Verachtetes
aufwachse. E~ie Knaben sollen die 1vIäd= chen kennen und begreifen lernen.
Was noch vor einem halben Jahrzehnt als öffentlicher Skandal verfolgt worden
wäre, spielt sich jetzt ganz unbeanstandet vor aller Augen ab: junge Pärchen
lesen zusammen unter Bäumen, photographieren
Es ist noch nicht ganz
alltäglich, geschieht nicht allzuoft und jeder Fall des Mißbrauchs solcher neuer
Freiheiten wird dem Verein aufs Kerbholz gesetzt; daß es überhaupt mög= lich
ist, bedeutet einen großen Schritt nach vorwärts. Der japanische Mann hat
bisher anziehende, unterhaltende und verführerische Weiblichkeit mit
Käuflichkeit und Laster in Verbindung gebracht, hingegen dumpfe, langweilige
und ungebildete mit Verlobung, Heirat und Heim. Das Hauptaugenmerk des
Vereins richtet sich nunmehr dahin, die zur Verheiratung bestimmte Klasse
von Mädchen mit den reizvollen, gesell= schaftlichen Künsten der Geishas
vertraut zu machen, um ihr auch ohne Alkohol und Laster deren
Anziehungskraft zu verleihen. Mrs. Gount= lett bringt jetzt Eltern dahin, ihre
Heime den Freunden ihrer Söhne zu öffnen und sie zu ihren Töchtern
einzuladen, während man bis vor kur= zem eher den leibhaftigen Satanas zu
Gaste gebeten hätte. Mrs. Gount= lett hält es augenblicklich für das wichtigste
Ziel Japans, die Jugend ihre Vergnügungen in gesunder Umgebung suchen zu
lassen; so zeigt sie den jungen Mädchen, wie sie sich als Haustöchter zu
benehmen haben, wie sie mit den eingeladenen jungen Männern zierlich
kokettieren sollen. Hier findet sich eine Tochter, die Klavierspielen lernt, dort
ein Sohn, der die Geige kratzt. Jeder gibt zum besten, was er eben kann,
man ist ja noch anspruchslos; gelingt es, die vorläufig noch ziemlich verlegene
Steifheit solcher Nachmittage in Gemütlichkeit zu wandeln, so ist die Haupt=
arbeit getan. Die Schwierigkeit besteht besonders darin, daß man in
16o
Il*
163
den guten Familien oft noch der Tochter, die einen jungen Mann ihre Gefühle
erraten läßt, vorwirft, sie benehme sich wie eine Geisha -- den ärgsten
Schimpf, den man ihr antun kann. Die japanische Moral geht in diesem Punkt
unsern Verständnis entgegengesetzte Wege. Nicht daß die Tochter gefallen
ist, gilt als schimpflich, sondern daß sie es aus Liebe dazu kommen ließ, nicht
Käuflichkeit wie bei uns, sondern Una beherrschtheit der Sinne wird
gebrandmarkt. So gab es bisher nichts Ungehörigeres für eine Braut, die sich
etwa in den ihr von den Eltern zugeführten Gatten verliebte, als ihn etwas
davon ahnen zu lassen. Niemals würde ein wohlerzogenes japanisches
Mädchen derartige Gefühle verraten.
Es ist wohl das Exotischeste im exotischen Lande, wie diese un=
schöne, ältere Frau im geschmacklosen Hängerock erzählt, daß sie die
Töchter des Landes flirten lehre, um Japans Wappenschild von dem
Schandfleck der Geisha zu reinigen.
Daß der Verein Mädchen mit ledigen Kindern aufnimmt, denen sonst nur
der Selbstmord übrigbliebe, weil sie von den Eltern weggejagt wurden, hängt
mit einer Jugenderinnerung von Mrs. Gountlett zusammen. Ihre Mutter erhielt
bei ihrer Hochzeit von ihren Eltern einen Dolch mit der Weisung, ihn als
einzige Heimat zu betrachten, falls sie dem Gatten jemals untreu würde.
Jährlich einmal, beim Räumen der Truhen und Schränke, sei dieser Dolch zum
Vorschein gekommen und habe auf ihre kindliche Seele wie ein
Flammenzeichen zum Aufruhr gewirkt.
Eigentlich rechnet die Bewegung gar nicht damit, auf die gegenwärtige
Generation Eindruck zu machen; Mrs. Gountlett hält dies für eine hoff
nungslose Taktik. Der Weg, den sie geht, ist der schmale, unsichtbare
Wühlweg eines Maulwurfs. Ihr Verein gründet Kindergärten, um der zartesten Jugend die neuen Ideen einzuimpfen, und dort werden die Kinder nicht nur
gelehrt, sich in kurzen Hängekleidchen - welche ihre Mütter nähen lernen freier zu bewegen, sondern auch fröhlich zu turnen und zu singen und schon im
Alter von fünf Jahren an Tischen und auf Bänken zu sitzen. Weist solch ein
kleines Mädchen die Frage, ob es Geisha werden wolle, entrüstet zurück,
so bedeutet das für Mrs. Gountlett ein Fest, denn der Geisha gilt ihr voller
Vernichtungswille. Der Kampf gegen sie ist das Hauptprogramm fast aller
Frauenzeitschriften, jedoch veröffentlichen jetzt auch Tageszeitungen mit fetten
Lettern die Namen der Lyzealschülerinnen, die heutzutage noch Geishas
werden wollen, und es gibt auch Männer, die sich diesem Kampfe
anschließen. S o schrieb Professor Hoashi im »Fujin Koron« <der größten
Alice Sdialck, Japan. 11
i61
162
Il*
163
Frauenzeitschrift
16o
Alice Sdialck, Japan. 11
i61
Japans>: »Die Geisha=Einrichtung ist die gefährlichste Strömung, die das
gesellschaftliche Leben Japans durchzieht.« Ein anderer bedeutender Arzt, Dr.
IVIotoda, schrieb: »Diese Frauen zerbrechen die Gesundheit der Nation,
lockern die Zucht der Gesellschaft, zerstören den Frie= den der Familien,
untergraben das sittliche Gewissen und hinterlassen Elend für die
Nachkommenschaft!« Nichts kann Mrs. Gountlett so sehr aufbringen, als von
»gebildeten« Geishas zu lesen, weiß sie doch, daß von zehn Geishas, die eine
Konversation führen können, mindestens sieben auch ihren Körper verkaufen.
Ihr oberflächliches Ge= schwätz Bildung zu nennen, sei überdies
lächerlich. Was sie bei den Gesprächen der Männer an dem einen Abend
aufschnappen, verwenden sie wieder beim nächsten. Wohl sei die Geisha in
der Lage, sich teuere Lehrer zu nehmen, aber hauptsächlich werde sie doch
darauf gedrillt, den Männern die Sorgenfalten wegzuscheren, die sogenannte
Bildung sei ihr genau so wie die Rosenfarbe der Wanger. für den Männerfang
angeschminkt.
Mit tieftrauriger Stimme spricht Mrs. Gountlett von dem Geishastück der
japanischen Schriftstellerin Frau Kayoko Omura. Solche Stücke, die von
armen, geopferten Geishas handeln, richteten mehr Schaden an, als ihr
ganzer Verein wieder gutmachen könne. Nicht etwa, als ob es nicht auch
gutherzige Geishas gebe, viele seien mehr bemitleidens= als hassenswert, aber
wenn das in Japan so brennende Problem des zwischen zwei Arten von
Frauen stehenden Mannes von einer Frau literarisch behandelt werde, dann
dürfe das Publikum nicht zur Sym= pathie für die Sache der Geisha aufgerufen
werden. Natürlich versuche auch die japanische Ehefrau, ihren Mann für sich
zu behalten - seien darin doch die Frauen auf dem ganzen Erdenrund
einander gleich daß sie ihn aber so oft an die Geisha verliere, liege
hauptsächlich an ihrem Mangel an Selbstvertrauen, weil nicht einmal sie
selbst glaube, den Gatten fesseln zu können, und weder die Erziehung, noch
die öffentliche Meinung böten ihr dabei die geringste Stütze. Ließen sie
auch noch die modernen Schriftstellerinnen im Stich - welchen Nutzen
brächten diese dann der Allgemeinheit? Nichts sei deshalb verkehrter, meint
Ivlrs. Gountlett zum Schlusse, als die Außenseiten fremdländischen Lebens in
Japan nachzumachen. »Wir müssen in tiefster Kenntnis unserer Nöte
unser einstürzendes Haus neu aufbauen, nicht bloß die Fassade streichen.«
164
'9. Die japanische Y.W.C.A.
Fräulein Kawai in der y. W. C. A., dem Christlichen Jungmädchen
Verein, muß ich nicht so lange suchen, weil jedermann in Tokio dieses
Wohlfahrtsunternehmen kennt und mir jeder Polizist ganz genau den Weg
weist.
TiIichiko Kawai ist eine ungewöhnlich große, knochige Erscheinung, die
sehr unjapanisch aussieht,
was wohl auf eine
gewisse,
den
Japanerinnen
sonst gänzlich
führen ist. Sie
gleicht Strumpf, wie er
vom*
Anfang unsere'
aussah. Ihr Auf=
weit ruhiger,
rer und zum
dein deutschen Blau=
dreißig Jahren zu
Emanzipation
treten ist freilich
innerlidi sidle=
rückhaltender
BerlinerVor=
weil die ty
japanischen
ten auch
gen anhaf
eckiges Ge=
ernst zu neh=
einen bedeu=
druck.
was ganz an=
hier finde, nicht
Umwälzungen
scnung, nicht Fra=
Weltanschauung, son=
internationaler Betrieb. In
als das ihrer gängerin,
pischen
Eigenschaf=
den Abseiti=
ten. Ihr
sieht ist sehr
men und hat tenden Aus=
Es ist et= deres, was ich gesellschaftliche
und Seelenfor=
gen der Moral und der dein nüchterne Arbeit und
Michiko Kawais Hauptbureau laufen die Fäden aus den z:weigstellen in
Tokio, Yokohama, Osaka, Kobe und Kyoto, die achtundzwanzig
christliche Schulen unterhalten, zusammen.
Vor zwanzig Jahren regte die Sekretärin des Hauptverbandes in New
York auf einem Kongreß in London die Frage an, ob es nicht an der
Zeit wäre, den Weltring endlich auch auf Japan auszudehnen. Damals
sprang in Japan gerade die erste Begeisterung für Frauenarbeit auf und die
Provinz fing an, ihre Töchter zur Erziehung nach Tokio zu senden. Die
Schulen hatten aber für die Mädchen keine Schlafhäuser Lind so führte
1
6
5
die Frage ihrer Behausung bereits drei Jahre später zur Verwirklichung der
Angliederung Japans an die y. W. C. A. Eine Kanadierin, Mrs. Me.
Donald, vereinigte alle Japanerinnen, die jemals außer Landes gewesen waren,
zu einem Komitee zur Gründung von Boarding=Häusern, nicht nur für
Studentinnen, sondern auch für Verkäuferinnen, Telephonistinnen und
Beamtinnen. Auch postenlose Mädchen wurden aufgenommen und zu
Krankenpflegerinnen ausgebildet und alle Pensionärinnen wurden von Mrs.
Mc. Donald in englischer Sprache, Literatur und Mathematik unterrichtet;
auch Bibelstunden hielt sie mit ihnen ah.
Jetzt bietet der Verein seinen Gästen nicht nur eine anständige und billige
Wohnung, sondern auch geistige Anregung und Gesellschaft. Ge= schmeidig
passen sich die Leitungen der Zweigstellen den örtlichen Be= dürfnissen an, so
übernehmen sie in den Hafenstädten die ausreisenden Japanerinnen, die von
ihren in der Fremde angesiedelten Männern hinaus= berufen werden, lehren
sie vor der Abfahrt Gabel und Messer zu ge= brauchen, sich ausländisch
zu kleiden, in Schuhen zu gehen; man besorgt ihnen den Paß und unterrichtet
sie einige Wochen hindurch in englischer Sprache. Die Tokioter Abteilung
zieht die Fabrikarbeiterinnen zu den Vortragsabenden heran und nähert sie
gesellschaftlich der Mittelklasse,
x66
wodurch in das Feudalsystem ein wenig Demokratie gebracht wird. Hier gibt
es Abendkurse, in denen Englisch, Nähen, Häkeln, Turnen, Körper= pflege,
Zubereitung von ausländischen Speisen und von Krankenkost, ferner
Klavierspiel und Gesang, aber auch japanisches Schreiben, Blumen=
arrangieren und die Teezeremonie unterrichtet werden. Die für jedermann frei
zugänglichen Sondervorträge umfassen die Gebiete des Wohnens und
Haushaltens, des Frauenrechts, der Hygiene, Religion und Kunst=
erneuerung, sowie der Geschlechtsprobleme, es gibt aber auch frohe Unter=
haltungsabende, an denen allerlei Aufführungen und Konzerte stattfrnden. Die
ständigen Besucherinnen werden zu Klubs vereinigt, deren gewählte
Vertreterinnen einen Ausschuß bilden.
Nach dem Kriege fing man an, in diesen Zusammenkünften darüber zu
sprechen, daß die Welt groß sei und nicht nur Japan enthalte. Man weckte
bei den Frauen Interesse für die Fremde, lehrte sie, die Sorgen anderer Völker
zu begreifen und international zu fühlen, und knüpfte für sie Verbindungen mit
dem Auslande an. Und nichts macht Fräulein Kawai glücklicher, als wenn
von draußen ein Echo ihrer Bestrebungen kommt. Auf ihre Anregung hat der
Verein fünftausend Yen als Liebes= gabe nach Genfgeschickt, viertausend
nach Korea und eine große Summe nach China, als dort die Hungersnot
wütete, »und weil das«, so sagt Fräulein Kawai, »ohne Religion nicht
möglich ist,« steht auch die japa= nische Y.W.C. A. auf dem Boden des
Christentums.
Sechzig Millionen nicht getauften Japanern stehen hundertfünfzig= tausend
Protestanten als eine winzige Minderheit gegenüber, aber fast das ganze
soziale Werk, die Armen=, Waisen= und Wohltätigkeitspflege, geht von ihnen
aus; auch die noch weniger Anhänger zählenden Katholiken leisten
ausgezeichnete Erziehungsarbeit in den von ihnen erhaltenen Schulen und ihre
christlichen Ideen von Reinheit, die sie hier weit unver= fälschter lehren als in
den christlichen Ländern, erzwingen sich ihren Ein= gang in die japanische
Ethik. Die geringe Zahl der zum Christentum be= kehrten Japaner, von denen
jeder einzeln gewonnen werden mußte, weil die Lehre nicht weitergreift, steht
im umgekehrten Verhältnis zu dem großen Einfluß, den die christliche Kirche
auf das japanische Erziehungs= wesen nimmt und der nur dadurch in seiner
Wirksamkeit beschränkt wird, daß die verschiedenen christlichen Bekenntnisse
getrennt marschieren. Immerhin wirkt er sich so stark in der japanischen
Öffentlichkeit aus, daß man diejenigen Stellen in den japanischen Ministerien,
die sich mit Für= sorgewerken befassen, mit Christen besetzt, die sonst im
Staatsdienste nicht allzu gute Aussichten haben.
167
Einen eben so starken Einfluß wie die Religion nimmt die englische
Literatur: Dickens, Thackeray, Carlyle, George Elliot werden unter japanischen Arbeiterinnen sehr stark gelesen; zu ihrem innigsten Bedauern muß
Fräulein Kawai feststellen, daß russische Bücher sie in allerneuester Zeit ein
wenig verdrängen.
In jedem Sommer bringen die Abgesandten aller zweihundert Klubs auf
einer Konferenz ihre Wünsche und Zweifel vor. Im Laufe des Jahres reist
Fräulein Kawai persönlich von Zweigstelle zu Zweigstelle, um die strittigen
Fragen zu sammeln und diesen Kongreß vorzubereiten. Im letzten Jahre fuhr sie
sogar zweimal nach China, um die Fühlung mit dem dortigen Komitee
aufrechtzuerhalten.
Fast drei Wochen hatte ich warten müssen, bis Fräulein Kawai eine freie
Stunde für mich gefunden hatte; nun stellt sich heraus, daß auch diese
von ihr irrtümlich als frei bezeichnet worden war. Eine Amerikanerin
unterbricht uns stürmisch, behauptet, sie habe allerwichtigste Dinge mit der
Präsidentin zu besprechen, und so verlasse ich sehr nachdenklich diese Stätte
eines so inbrünstigen Hilfswerkes, grübelnd, welche Frauentätigkeit in
meiner Heimat ich dieser hier gleichzusetzen vermöchte.
_o. Frau Inrniye.
Frau Inouye <sprich Inuje>, die führende Frau unter
den Vorkämpferinnen, lernte ich nicht auf dem Tee bei
Frau Kadono kennen, weil sie damals verreist gewesen
war, sondern besuche ich in der sogenannten »Frauen
universität«, deren Ehrenpräsidentin sie ist. Welches
Amt sie hier eigentlich ausübt, bleibt mir unklar, denn
ihre Persönlichkeit ragt turmhoch über diese noch recht
unausgereifte Bildungsstätte hinaus, die ich schon vor
zwölf Jahren besucht hatte, als sie noch unter Graf Oku
mas Obhut stand. Seit damals hat sie sich fast gar nicht
geändert; geändert hat sich nur mein Standpunkt zu ihr,
denn was mir damals höchst vorgeschritten vorkam, er=
scheint mir nach den jetzigen Erfahrungen rückständig
und versteinert. Dieses »Universität« genannte Institut
steht im Range tief unter unseren Lyzeen. Es wurde vor
zweiundzwanzig
Jahren gegründet und wird jetzt von über zweitausend Mädchen be.
sucht, von weichen siebenhundert auch im Hause wohnen; senden doch
die guten Familien aus ganz Japan, außerdem aus Formosa, Korea,
China und der Mandschurei - sowohl die dorthin ausgewanderten
eingeborenen - ihre
Töchter hierher.
Die eigentliche Lei
tung liegt in der Hand
eines Präsidenten, eines
der japanischen Männer,
die sich äußerlich als
ebenso erstaunlich unge•
schliffen und proletarier=
haft darstellen, wie sie
sich als innerlich über=
raschend hochstehend
entpuppen. Der unbe=
schreiblich dürftige und
saloppe Anzug, die her=
abhängenden Wollsokken,
die unbeschuhten
Füße, der schmutzige Wollschal und das keineswegs saubere Taschen
tuch, das der stark erkältete Japaner unausgesetzt hervorzieht, scheinen fast
unvereinbar mit dem weltentrückten Ausdruck seiner Augen, mit welchem er
während der ganzen Unterredung eine Rose betrachtet, die in einer Vase auf
seinem Schreibtische steht. I r sagt mir, daß die Regie.
rung ihn eingela= den
habe,weibliche
Fabrikinspektor
rinnen
hcr.3n_ubil=
den, was ein neuer,
licher Beweis dafür sei,
daß dem Lande keine
Neuerung gewaltsam
aufgezwungen werden
müsse, weil es sich
dem
Fortschritt
freiwillig öffne.
Von
Fortschritt
merkt man aller. dings
in
seiner
i68
16g
japanischen als auch die
Schule nicht allzuviel, was mir auch die einzige europäische Lehrerin, die hier
englische Sprache unterrichtet, bestätigt. Um den Unterricht aber scheint sich
Frau Inouye überhaupt nicht zu kümmern, ihre Gedanken richten sich nach
weit ausgreifenderen Zielen.
Diese kleine Frau ist zweifellos die reizloseste Japanerin, die ich kennen
gelernt habe, die Palme in der Geschmacklosigkeit ausländischer Toilette
gebührt sicherlich
ihr. Das viel zu
kurze, verschossene
unschicke« Frau
Augenblicke
nicht leicht. Und
doch führt sie, so
wie viele der für
den
Fortschritt
tätigen
Damen,
eine Ehe in un=
serm Sinne und hat
sich
die
Gleiehberechti=
gung vor allem bei
ihrem
Gatten
erkämpft. Dic Ehe
Inouye gilt als
ideal. Leider lerne
graue Samtkleid
ich den Gatten
läßt
nicht
nur
die
vertretenen,
schwarzen
Schnürstiefel
nicht ken= nen,
sehen, sondern
aber beim
auch die besonders unschöne Biegung ihrer Beine, und für
diese so »tod=
in Enthusiasmus zu ~cratcn, scheint nur im ersten
Anblick dieser vielgerühmten, vielbeschäftigten Frau staunt man nicht nur
darüber, welch eine Wirkung Geistigkeit bei japanischen Männern erzielen
kann, sondern auch darüber, daß eine so häßliche Frau es unternimmt, die so
reizende Erscheinung der Geisha=Püppchen aus dem japa= nischen
Gesichtskreise zu verdrängen. Wahrlich, man muß Achtung vor den
170
171
japanischen Männern bekommen, denn bei ihnen scheint es über= haupt nicht ins
Gewicht zu fallen, wie eine Frau aussieht, die im Geistes= leben Tokios eine
Rolle zu spielen berufen ist.
Und die Rolle der Frau Inouye ist gewaltig. Es ist ihr gelungen, neun
japanische Männer= und Frauenvereine für Frieden und Internatio= nalismus
zum Zusammenschlusse zu bringen und den Abgeordneten
Tagawa zur Obmannschaft zu gewinnen, so daß ihre Ideen von Völkerverbrüderung bis ins Parlament dringen. »Japan wacht zu internationalem
Gewissen auf«, sagt sie, »und wir blicken überlegen zu dem Nachkriegs=Frankreich hinab, das in so beschränkter Weise nur seinem eigenen
Interesse folgt.« Frau Inouyes Einspruchsschrift gegen den Versailler Vertrag,
meines Wissens die einzige von einer Frau, die außerhalb der besiegten
Staaten veröffentlicht wurde, war das Ergebnis ihrer Reise um die Welt und
ihrer Teilnahme an dem Kongreß in Washington und wurde in Japan
außerordentlich viel gelesen. Mit diesen und anderen Schriften hat Frau Inouye
einen so rasch wachsenden Einfluß auf Japan gewonnen, daß sie, die noch vor
drei Jahren mit ihren Versuchen, Vorträge über ihre. Ideen zu halten, völlig
Schiffbruch erlitten hatte, jetzt immer wieder durch das Land reist und überall
Tausende von Zuhörern findet, die sich an ihren Sammlungen freigebig
beteiligen. Einmal fanden sich bei einem ihrer Vorträge zweitausenddreihundert
zahlende Besucher zusammen. Ihr Hauptthema ist der Abbau des Hasses
zwischen den Völkern und die Be= freiung der Schule von nationalistischem
Lehrstoff. Der von ihr gegründete Verein für internationale Erziehung hat sich
bereits das Recht erkämpft, alles Völkerfeindliche aus den Schulbüchern
zu entfernen. Natürlich müssen diese vor dem Druck der Regierung
vorgelegt werden, aber Frau Inouye ist bereits zu sehr von Volkstümlichkeit
getragen, als daß jemand an ihren Verfügungen etwas zu ändern wagte.
Nach jedem ihrer Vorträge strömen ihr Hunderte von Zuschriften auch aus
den entferntesten Provinzen zu, darunter zahlreiche Gesuche von
Bauerntöchtern, die nach Tokio kommen und etwas lernen möchten. Nicht
einmal für ein Zehntel aller dieser Bildungshungrigen ist gegenwärtig Platz. Frau
Inouye hat deshalb einen neuen Verein gegründet, zur Erbauung von
Mittelschulen für Mädchen auf dem Lande, aber eröffnet sie eine
neue auch im winzigsten Nest, so ist diese sofort für den Andrang zu klein.
Von den europäischen Ideen über Frauenbildung sind die ihrigen
himmelweit verschieden. Nicht eine Nachahmung der Männeruniversi
täten, sondern eine Frauenhochschule schwebt ihr vor: für die Vervoll
kommnung weiblicher Talente, weiblicher Geschicklichkeiten, vor allem
für die milde Arbeit für Frieden und Freundschaft, die Verbesserung der
Hygiene im Heim, die Verwendung der Technik in der Küche und in der
Kinderstube. Die ungleichen geistigen Fähigkeiten der Frauen und der
Männer sollen auch zu verschiedenen Ergebnissen ausgebildet werden,
insbesondere soll eine medizinische Fakultät für das Studium von Frauen
und Kinderkrankheiten gegründet werden, die nur den Bedürfnissen des
170
171
weiblichen Geschlechts zu dienen hätte, ohne mit den Männern in Wett=
streit zu treten. Den Frauenärztinnen müßte die Ausübung jeder andern Praxis
verboten sein. »Europa, das seine Mädchenerziehung der Knaben= erziehung
nachlaufen läßt, verrät hierdurch, daß es noch immer in dem grundlegenden
Irrtum befangen ist, in den Männern und den Frauen die= selbe Art von
Lebewesen zu sehen. Männer machen Geld und streiten, Männer suchen
Macht und hängen an der Stofflichkeit, Frauen aber sollen die Moral und die
Gefühlsseite des Lebens als ihr Gebiet betrachten.« Ließe das japanische
Parlament jemals weibliche Abgeordnete zu - und Frau Inouye wäre wohl
die erste -, dann dürften sie nicht einfach die Parteien der Männer vertreten und
mit ihnen über politische Dinge ab= stimmen, sondern müßten sich immer
abseits halten und geschlossen der Verteidigung des Frauen= und Kindtums
widmen. Dadurch, daß die weiblichen Abgeordneten in Europa Parteien
angehören, sei das Geschenk des Wahlrechts, das ihnen die Revolution in
den Schoß geworfen habe, für die Welt vollkommen ergebnislos geblieben. Das
Heil werde erst von Japan kommen, denn hier werde das Stimmrecht der Frauen
nichts mit politischem Schacher und mit Chauvinismus, diesen schmutzigsten
Männergeschäften, zu tun haben. Im geraden Gegensatz zu den männ= lichen
Volksvertretern, die nur für die Befestigung der Landesgrenzen eifern, werden
die weiblichen für ihre Verwischung, in geistiger wie in nationaler Hinsicht,
eintreten.
In welchem Lande Europas wagte es wohl in diesem Augenblicke die
führende Frau, so zu einer ausländischen Journalistin zu sprechen, ohne
fürchten zu müssen, von der Presse ihrer Nation zu Tode gehetzt zu werden?
Und es beugt meine europäische Seele tief hernieder, daß ich die ersten Worte
von Frieden, Freundschaft und Verbrüderung nach dem Kriege von den
Lippen einer Frau zu hören bekomme, die nicht weißer Rasse ist.
In ein noch gefährlicheres Gebiet, das der Religion, trägt diese Frau
ebenfalls erneuernde Pläne. Wohl folgt sie bei diesem Gegenstande dem
geläufigen japanischen Gedankengange der Verschmelzung ausländischer und
japanischer Errungenschaften zur Erzielung einer neuen, modernen und doch
bodenständigen Mischung, daß aber eine Frau es unternehmen will, aus
Christentum und Buddhismus eine auf Japan zugeschnittene neue Religion zu
bilden, weil für das neue Japan das Christentum »zu wenig Geistigkeit« und der
Buddhismus »zu enge Grenzen« habe, muß doch als etwas noch nie
Dagewesenes bezeichnet werden. Japan, das duldsamste Land der Welt,
in dem Christus, Buddha und Konfuzius nebeneinander bestehen können und
172
Kinder aus christlichen, buddhisti=
sehen und shintoistischen Familien dieselbe Schule besuchen, ohne ein= ander
durch Religionsunterricht entfremdet zu werden, in dem man auch bei der
Heirat religiösen Haß nicht kennt, sei berufen, die Ideen aller dieser
Glaubensbekenntnisse aus der veralteten Form und aus dem verstaubten
Formelkram loszulösen und zu einer neuen Religion zu ver= klären. In der
jetzigen Form habe das Christentum wenig Aussicht, in Japan Anhänger zu
gewinnen, frnde es doch unter den Weißen im besten Falle nur Lippengläubige.
Seine Gemeinde habe es deshalb verloren, weil seine so völlig veralteten
Satzungen in die moderne Welt nicht mehr passen. Bei dieser
Gelegenheit schiebt Frau Inouye die Frage ein, ob nicht das abendländische
Christentum mit seinen heiligen Ideen und un= heiligen Handlungen ein viel
ergiebigeres Gebiet für das Studium des »Nebeneinander« biete als Japan. Und
es geschehe keinesfalls aus Be= sorgnis vor kirchlicher, sondern nur vor
kirchenpolitischer Werbearbeit, daß sich das japanische Volk gegen einen
päpstlichen Nuntius wehre.
In Japan machen sich die Kinder bereits mehr und mehr von der
Familienreligion los und gehen zu Frau Inouyes sogenannter »Neuen
Religion« über, bei welcher sie beispielsweise christliche Lieder singen, weil es
buddhistische Lieder nicht gibt, nicht aber an die Auferstehung Christi und an
die Erbsünde glauben. Von den Kindern von hundert buddhi= stischen Eltern sind
in dieser Schule nur mehr dreizehn buddhistisch, bei den shintoistischen ist die
Verhältniszahl noch geringer. Vom Hundert aller Schülerinnen der
Frauenuniversität bekennen sich sechsundzwanzig zu der »Neuen Religion«
(zu der kein einziges Elternpaar gehört) und neun= undzwanzig zur
Religionslosigkeit (die bei den Eltern nur in einem ein= zigen Falle vorkommt).
Wohl läßt dies auf die tiefe Gleichgültigkeit des Volkes gegen die Religion
seiner Kinder schließen, aber für die neue Selbständigkeit der sechs bis achtzehn
Jahre alten Mädchen muß man doch den Führerinnen Achtung zollen, bedenkt
man, in welcher Abhängigkeit von den Eltern die Töchter aufwachsen.
Diese neue Selbständigkeit hat allerdings auch ihre Schattenseiten, denn
ebenso wie die Schülerinnen der Missionen wollen auch die von Frau Inouye
nicht mehr nach dem alten System heiraten, ein neues aber gibt es noch
nicht. Und so sieht sie sich zahlreichen verblühten alten Jungfern als
Schuldtragende gegenüber. Freilich betrachtet sie es anderer= seits als ihr
Verdienst, daß bei den Heiraten im hergebrachten Stile die Eltern nicht mehr
wie früher ausschließlich auf Familie und Reichtum sehen. Die moderne
173
geistige und körperliche Ausbildung der auszu= wählenden Schwiegertochter
fange an, eine große Rolle zu spielen, die
172
173
Braut solle stark, gesund und energisch sein, während früher das zarte,
willenlose Wesen den Vorzug fand, auch wenn es offenkundig an Lungen
schwindsucht litt. Die Aufklärungstätigkeit über Tuberkulose und Kinder=
sterblichkeit seit dem Kriege habe gewaltige Folgen gezeitigt. Ein Mäd= chen,
das nicht durch die Mittelschule gegangen sei, habe fast gar keine
Heiratsaussichten mehr. Frau Inouyes Ziel sei es auch, den jungen Eheleuten
ein eigenes Heim zu sichern und sie der Schwiegermutter zu ent= ziehen, weil es
gerade für ihre modern erzogenen Schülerinnen doppelt bitter sei, unter die
Tyrannei alter und völlig ungebildeter Frauen zu geraten. Auch eine
Freidenkergesellschaft für Erwachsene hat Frau Inouye gegründet, die
»Concordia«, deren zweihundert Mitglieder Eucken und Bergson als ihre
geistigen Leiter betrachten und sich das Recht vorbehalten, was ihnen
richtig erscheint zu glauben. Der Weg ihres Freidenkertums führt nicht wie
der unsrige zur Befreiung vom Gottesglauben, sondern zur Erlösung von der
Bevormundung durch Andersgläubige.
Während Japaner sonst fast nur kritiklose Zustimmung oder Ab= lehnung
äußern, steht Frau Inouyes Gedankengang weitab von fertigen Sätzen und
engherziger Durchschnittsmoral auf außergewöhnlicher ethischer Höhe. Wie
viele dieser Ideen, die, wenn sie überhaupt auf westländischen Idealen fußen,
nur auf solche amerikanischer Färbung hinweisen, sie aus den Vereinigten Staaten
mitgebracht hat, sei dahingestellt, jeden= falls aber hat sie sie bis aufs letzte
verarbeitet.
zt. Die Freiheitsschule der Frau Hani.
Noch ehe ich dieser Schule selbst meinen Besuch abstatte, folge ich Frau
Hanis Einladung in dasTheater des Imperial=Hotels, wo ihre Schülerinnen
Shakespeares »Sommernaehtstrattm« in englischer Sprache vor einem
zahlenden Publikum aufführen. Junge Mädchen aus gutem Hause, die
öffentlich Theater spielen! Es ist keine Übertreibung, diese Ver= anstaltung als
eine in Japan bahnbrechende zu bezeichnen. So selbst= sicher Frau Hanis
Haltung und die ihres ebenfalls im Publikum sitzenden Stabes auch ist, sie
haben doch alle tüchtig Angst. Aber siehe da -- man darf in Tokio heute
immer um noch einen Schritt weiter gehen, als selbst der Mutigste zu denken
wagt. Das Theaterehen ist ausverkauft und die Kritik verhält sich wohlwollend.
Schon daß weder Zwischenrufe noch Mißbilligungen aus dem Publikum
kommen, ist ein Erfolg, wenngleich dieses natürlich zum größten Teil aus bereits
bearbeiteten Angehörigen der jungen Künstlerinnen und aus Gebildeten besteht,
1
74
da die Kenntnis der englischen Sprache Vorbedingung ist.
Die Mädchen selbst haben alle Kostüme genäht. Kulissen gibt es nicht und
die durch Puck bezauberten Liebespaare legen sich zum Schlafe auf den
Teppich. Die Mendelssohnsche Musik wird von einem Grammophon zu
Gehör gebracht. Die japanische Phantasie arbeitet ja auch hier mit. Spielen
sonst Männer die Frauenrollen, so spielen hier Frauen die Männer= rollen. Das
Wichtigste ist die Neuerung, daß die Langsamkeit der klassischen Bühne
völlig überwunden scheint. Übrigens wüßte ich bei uns keine Schule, die
imstande wäre, eine Shakespeare=Aufführung in der Originalfassung
herauszubringen, und kein Publikum, das sämtliche Ein= trittskarten hierzu
aufnähme; und bei dieser Gelegenheit werde ich mir zum erstenmal bewußt, als
wie selbstverständlich wir Europäer hier überall die Kenntnis der englischen
Sprache voraussetzen, ja, wie wir uns darüber lustig machen, wenn sie
mangelhaft beherrscht wird. In den uns viel näher liegenden Gebieten Rußlands
oder des Balkans, die viel länger westlicher Kultur teilhaftig wurden, dürfte der
Reisende vergeblich versuchen, mit einer nicht nationalen Sprache durch das
Land zu kommen.
Zum Schlusse ziehen die glückstrahlenden Mitwirkenden, auch die ganz
kleinen Mägdelein, die als Elfen und Gnomen mitgespielt hatten, über die
Bühne; der englischen Lehrerin, die das Ganze in drei Monaten einstudiert
hatte, wird eine Huldigung gebracht und dann tritt Frau Hani vor und hält
den achthundert Zuschauern eine kühne Rede über Freiheit und
Mädchenerziehung, die mit stürmischem Jubel beantwortet wird -und dies
alles im Lande der Geisha.
Kaum jemals erscheint mir das Nebeneinander so schroff, wie sodann auf
meinem Wege aus der Stadt Tokio hinaus zu Frau Hanis Freiheitsschule.
Die Straßen, die ich durchwate, sind von bunten Buden :ein= gesäumt, deren
Jahrhunderte hindurch gleichgebliebener, malerischer Betrieb kurios zu den
Dingen paßt, die ich an meinem Ziele zu hören bekomme und die ihrer Zeit
wohl um ein halbes Jahrhundert voraus sind.
Schon der Name dieser Schule: Jin Gakuen (Freie Mädchenschule> wäre
bei uns gewagt. Nur in einem Lande, das in Umwandlung begriffen ist, kann
ein solcher Versuch in so kurzer Zeit zu so bedeutendem Erfolge führen, denn
Frau Hani ist genötigt, der Schule schon nach zweijährigem Bestande einen
Neubau anzufügen. Sie begann ihre Laufbahn als Heraus= geberin der in
zweihunderttausend Exemplaren erscheinenden Frauen=
zeitung Fujin no Tomo <Freundin der Frau>, eines Sprachrohres der neuen
175
Forderungen nach Umgestaltung des Frauendaseins. Trotz einer uns hoch
scheinenden Auflage kann eine solche Monatsschrift in Japan nur knapp
die Kosten decken, weil sie sehr billig sein muß, aber Frau Hani geht
1
74
175
bei der ihren nicht auf Gewinn aus. Nicht als Lockspeise für Unterhals
tungsgier wählt sie den Inhalt, im Gegenteil, manche Leserinnen gehen verloren,
weil sie durch Dinge abgestoßen werden, die sie nicht gerne hören. In unzähligen
Zuschriften der mit ihr einverstandenen Abonnentinnen wurde Frau Hani
gebeten, ihren Ideen praktischen Ausdruck zu geben, da gründete sie ihre
Schule, der dann die Anregerinnen eilends ihre Töchter zuführten.
Stürmisch begrüßen diese mich beim Gartentor der Schule und mit
erwartungsvoll und gläubig auf mich gerichteten Augen versammeln sie sich
dann in der Halle, um meinem Vortrag zu lauschen, meine Freizügig= keif ist
für sie der Inbegriff des Erstrebenswerten und so bittet mich Frau Hani, das
Thema: »Wie wird man
energisch! « zu wählen.
Sie weiß von mir nichts
anderes, als
daß ich allein von weit= her
kam und auf einer
Studienfahrt bin, aber sie
wünscht
mit
ihrem
Schwung selbstloser Be=
geisterung
des
Vor=
kämpfertums, den es bei uns
längst nicht mehr gibt, ihren
Pflegebefohlenen zu
ähnlichem Tun Kraft und Energie einzuimpfen. Die Mehrzahl versteht
Englisch, für die übrigen übersetzt eine der Lehrerinnen, Frau Tamura, jedes
Wort meiner Ausführungen, die in atemloser Stille angehört werden.
Die Schule, ein großer, luftiger Pavillon, ist ein Neubau im europä= ischen
Stil. Sogar jetzt, mitten im Schneewinter, ist die Luft hier draußen so würzig
wie bei uns auf einer Höhe und man kann in der Mittagssonne im Freien sitzen.
Das Mittagessen für sämtliche Schülerinnen wird unter Leitung einer
Kochlehrerin im Hause selbst zubereitet und zwar jede Woche von einer
andern Klasse. Die Mädchen kaufen die I ebensmittel selbständig ein und eine
der jungen Köchinnen verliest nach dem Mittagsgebet - die gesamte Schule ist
christlich - die Liste der Ausgaben und Einkäufe, damit die kleinen
Haustöchter Markterfahrungen gewinnen. Die Gesamtauslagen werden
alltäglich auf die Schülerinnen aufgeteilt; wurde zu teuer ein= gekauft, so regt
sich kräftiger Einspruch - sowohl hier im Kreise der Mit= schülerinnen, als auch
abends zu Hause, wenn sich herausstellt, daß die Mutter nicht wirtschaftlicher
gewesen ist. Den japanischen Frauen wird
176
nachgesagt, daß sie nicht einzukaufen verstehen, und das ist einer der Gründe,
weshalb Frau Hani das Wohnpensionat ablehnt. Soll doch das Gelernte der
Familie unmittelbar weitergegeben werden. Frau Hani nimmt nämlich nur
solche Mädchen auf, die daheim gegen die neue Erziehung keine allzu starken
Widerstände finden, am liebsten Töchter ihrer Lese. rinnen, denn nichts hält
sie für falscher, als eine Anzahl moderner Frauen heranzubilden, die mit
ihrem eigenen Nest im Widerstreit leben.
Nach Aufhebung der Tafel wird die Säuberung des Speisesaales und der
Küche nach der Uhr durchgeführt, um die typische japanische Lang= samkeit
zu besiegen. In erstaunlicher Geschwindigkeit, innerhalb fünf Mi• nuten, ist das
halbe Dutzend langerTafeln abgeräumt. Die Flinkste gewinnt einen Preis.
Lysander und Hermia schrubben mit aufgebundenen Röcken den Herd und
Titania reibt den Fußboden, aber nicht mehr in der neur. asthenischen
Planlosigkeit ihrer zu Haussklavinnen gewordenen Mütter, die jede ihrer
Handbewegungen aus einerTradition heraus machen, son. dern in voller
Bewußtheit des Wertes jedes Handgriffes, nach einem selbstgeschaffenen
System. Frau Hani ist die erste Pädagogin, die den Nationalmängeln ihres
eigenen Volkes zielbewußt entgegentritt. Während in der übrigen Welt der
heute stärker als je wütende Chauvinismus jede Rück. ständigkeit der eigenen
Nation versteinert und denjenigen, der gegen sie anrennt, zum Verräter
stempelt, nimmt diese Frau gegen die Unent. schlossenheit ihres Volkes
den Kampf auf. Daß an Schönheit manches verlorengehen werde, wenn die
jungen Japanerinnen statt still und schüch. tern flink und lebhaft auftreten,
verhehlt sie sich nicht, doch stellt sie dem Schönheitsverlust des ersten
Lebensdrittels den Schönheitsgewinn des zweiten und dritten entgegen, in
denen die altmodische Japanerin bisher vollkommen vertrocknet und abgeblüht
war. »Die neue Jugend hat keine Zeit mehr, mit langen Ärmeln dazusitzen und
schön zu sein.«
Alle Anmeldungen bei der Polizei, die Bezahlung der Gasrechnung, das
Abonnement der Zeitung - nachmittags wird gemeinsam die Zeitung gelesen -all dies besorgen die Mädchen selbst. Hingegen dürfen sie ihre jüngeren
Geschwister nicht mehr auf dem Rücken tragen, während sonst schon
sechsjährige Mädchen die Ein= und Zweijährigen huckepacknebmen. Zahllose
Frauen wissen durch die Frauenzeitungen, wie schädlich diese Sitte für die
ganze Nation ist, aber die von Schwiegermüttern alten Stils tyrannisierten
jungen Frauen wagen nicht, sie abzustellen. Im Gegensatz zu dem Gehorsam,
den unsere Schule predigt, lehrt deshalb Frau Hani den Widerstand gegen
die Eltern. Da ich Hermia und Lysander bitte, mir für meinen Zeiss die
üblichen Verbeugungen der Japanerinnen vor
Alice Schalek, Japan. 12
1
77
zumachen, erklärt Frau Hani stolz: »Meine Mädchen neigen sich nicht mehr
so tief!« Eine eigene Meinung zu haben, eine Überzeugung durch= zusetzen,
die Tätigkeit nach eigener Anlage zu wählen, kurz das eigene Leben und nicht
das der Masse zu leben - das kann man aus Büchern nicht lehren und so
behilft sich Frau Hani ohne sie und wirkt dabei einem weiteren japanischen
Fehler, alles aus Gedrucktem zu lernen und das Wissen mit einer Seitenzahl
zu verknüpfen, entgegen. Frei von der Leber weg dürfen die Mädchen über
ihre Familienerfahrungen sprechen, offen und ohne Heuchelei klärt Frau Hani
sie über die Prostitution und ihre Gefahren auf, besucht sie mit ihnen, zur
Abschreckung durch den An= schauungsunterricht, die Dirnenstraßen. Und
um der so völlig nieder=
gedrückten
Frauenwelt
auch Unternehmungsgeist
und
eigene
Impulse
einzuimpfen, wird der
Stundenplan, in dem all
diese lebendige Arbeit
mitinbegriffen ist, von
Klassenkomitees auf par=
lamentarische
Weise
entworfen. Frau Hanis
Mädchen sollen nicht
rotbackigen Äpfeln glei=
chen, die ein wurmstichi=
ges Innere haben.
Wie Frau Inouye
und Mrs. Gountlett ist
auch Frau Hani in glückte
lichster Ehe verheiratet. Diese unscheinbaren, reizlosen Erscheinungen haben
im heutigen Japan Männer gefunden, die ihre vornehmen Seelen mehr lieben
als den schönen Körper einer Geisha. Wie viele europäische Länder haben
Ebenbürtiges danebenzusetzen?
Erst auf dem Heimwege fällt mir ein, daß ich nach dem, was diese
Schülerinnen stofflich an Wissenschafterr lernen, gar nicht gefragt habe. Doch
es erschien mir nebensächlich neben dem Unterricht in den neuen Idealen.
22. M o d e r n e J a p a n e r i n n e n .
Frau Tamura, die Lehrerin, die in Frau Hanis Schule meine An.
sprache an die Mädchen so fließend aus dem Englischen übersetzt hatte, ist
eine junge Witwe, welche Schwiegermutter und Kind durch ihre
178
geistige Arbeit ernährt. Das Gesetz erlaubt zwar der Witwe, ihren
Mädchennamen anzunehmen und die Mutter ihres Mannes zu verlassen, aber
diese Schwiegermutter wird von ihrer Schwiegertochter sehr geliebt. Als
Mädchen hatte Frau Tamura in Amerika studiert und dann mit ihrem Mann,
der Ingenieur gewesen, auf der Basis geistiger Ebenbürtigkeit eine moderne
Ehe geführt. Daß sie sich jetzt aus eigener Kraft erhält, macht sie wohl stolz,
ihre Arbeit wird aber von der japanischen Öffentlichkeit kärglich entlohnt.
Von morgens um fünf bis Mitternacht dauert ihrTage= werk und trägt ihr nicht
mehr ein, als in meinem umeleganten Boarding= house ein Zimmer und zwei
Mahlzeiten kosten. Davon zu dritt in Tokio zu leben ist ein Kunststück, das
nur Frauen schweigend fertigbringen. Und Frau Tamura wundert sich
nicht wenig bei dem Abendessen in meinem Hotel, zu dem ich sie
einlade, daß weiße Menschen es auf die Dauer aushalten, bei einer
Mahlzeit so viel zu vertilgen - wobei ich sie natürlich nicht im Zweifel
darüber lasse, daß die geistige Arbeiterin bei uns daheim auch nicht in diesem
Stile lebt.
Von fünf bis sieben Uhr früh besorgt sie ihren Haushalt, muß sie
doch für die gelähmte alte Frau kochen und einkaufen gehen. Eine Stunde
erfordert, wie jeder Weg in Tokio, auch der ihre zur Schule, wo sie um
acht Uhr zu sein hat. Ihr Fach ist der Unterricht ausländischer Art und Sitte
und der Besuch von Findelhäusern, Spitälern, Gefängnissen, Museen,
Zeitungsgebäuden und Ausstellungen mit ihrer Klasse, der sie an Ort und
Stelle Erläuterungen erteilt.
Während die unnachahmliche Schlichtheit ihrer sanften Bewegungen aus
der Jahrhunderte alten Tradition einer guten Familie hervorgegangen ist, muß
die moderne Haltung des aufrecht getragenen Kopfes und der in Japan
ungewöhnliche gerade Blick auf das Studium in Amerika zurückgeführt
werden. Sie könnte sich leicht, liebreizend wie sie ist, zu neuer Ehe
verkuppeln oder von einem Manne aushalten lassen - - »aber glauben Sie,
daß eine Frau unter Frau Hanis Einfluß so etwas tun kann?«
In jedem ihrer Worte zeigt sich Frau Hanis Saat. Sie pflegt in ein
Badehaus zu gehen, in dem auch Geishas verkehren - in Japan bieten die
Badehäuser dem Volk oft die einzige Gelegenheit, wenigstens einmal im Tage
durch ein Untertauchen in glühend heißes Wasser den ganzen Körper zu
durchwärmen. Männer und Frauen seifen sich vorher in getrennten
Räumen bei einer Waschschüssel ein und steigen dann völlig unbekleidet in
das Bassin; der Körper der Frau wird ohne weiteres in Anwesenheit des
Mannes, die Denkart aber nur in seiner Abwesenheit enthüllt. Sind die
Frauen unter sich, dann geben es manche Geishas
12*
179
lachend zum besten, wie sie die Männer übers Ohr zu hauen pflegen. Unverfroren berichten sie, wie sie die lyrische Geschichte von dem Verkauf ihrer
Jugend immer wieder aufs neue verwerten, wie sie die Traurigen spielen und
die Geopferten herauskehren, weil sich die Männer dabei am besten
ausnützen lassen. Diese rückhaltlosen Geständnisse machen
sie während des Schminkens, denn eine Geisha scheut sich nicht im
geringsten, ihr Gesichtchen stundenlang vor Zuschauern zu bemalen.
Im Ohr haftet mir noch der tragisch verklingende Ton, mit dem mir
Europäer - allerdings vorn andern Ufer her - dieselbe Geschichte
anvertrauten, und die umflorte Stimme, mit der sie beichteten, daß sie von so
einem Mädel manchmal erschüttert fortgegangen seien, ohne es zu berühren.
Und nun höre ich Frau Tamura die Zielbewußtheit schildern, mit der nicht
nur die Mädchen, sondern auch ihre Familien dahinter= her seien, wenn ein
Europäer eine Japanerin zu seinem Liebchen wählt. Er wird dann von ihren
Angehörigen nach allen Regeln der Kunst aus. gebeutet und es wird ihm
unmöglich gemacht, das Verhältnis wieder zu lösen. Mit den paar
Goldstücken, Tit denen sich Pierre Lotis »Madame Chrysanthème« abfrnden
ließ, kann er jetzt eine japanische Konkubine nicht mehr los werden, ja, ein
Verhältnis mit einer Japanerin bindet ihn fester als eines mit einer Europäerin.
Entweder muß er sie heiraten oder ihr einen mächtig großen Tribut entrichten.
Vater, Advokat und Behörde, natürlich auch die Presse, üben den in solchen
Fällen nötigen Druck aus. Heiratet dann der Weiße die gelbe Frau, so
verrammelt sie ihm wohl die Rückkehr nach Hause, in Japan vermag sie ihn
indessen nicht zu verwurzeln. Den Seinen entfremdet, heimatlos hier wie dort,
findet er nicht einmal den Weg zur Seele seiner eigenen Lebensgefährtin. Frau
Tamura erwähnt schließlich auch noch die vielbesprochene Verurteilung eines
Ausländers, des Konsuls einer fremden Macht, den eine Japanerin beschuldigte, daß er ihr eines Abends auf der Straße Gewalt antun wollte. Trotz
seiner Beteuerungen, daß die Klägerin den Vorfall maßlos übertreibe, wurde er
zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, weil die Zeitungen das Vorkommnis zu
einer Hetze aufbauschten. Frau Tamura aber ge= steht mir, daß im ganzen
Lande, Abend für Abend, dasselbe durch japanische Männer geschehe und daß
niemand das geringste dabei finde. In Tokio würden alleingehende Frauen so
oft überfallen, daß sie selbst, die von ihren Privatstunden erst im Dunkeln
heimkehre, stets einen Dolch bei sich trage.
Auch aus dem Eheleben erzählt sie mir Geschichten und Szenen zu dem
ausdrücklich betonten Zwecke, daß ich sie veröffentliche. Sie hofft
180
nämlich, daß meine Aufsätze in Japan abgedruckt werden. »Nur auf diese
Weise kann uns geholfen werden. Bitte, bitte«, fleht sie, »machen nicht auch
Sie aus Japan, aus unserm Frauenschicksal hier, einen poetischen Roman; nur
Wahrheit tut uns not, bittere, ungeschminkte Wahrheit.«
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Dort, wo in Tokio die höchsten amerikanischen Wolkenkratzer auf,
ragen, an der Kyobashi-Ecke der Ginza, steht das riesige Versicherungs=
Gebäude, dessen Lifts und Paternosteraufzüge wie in Chicago ohne
Unterbrechung laufen und in dessen endlosen Gängen jede Tür in ein anderes
Unternehmen führt. Im vorletzten Stockwerk hat Baronin Shidzué Ishimoto
einen Laden eröffnet.
Diese junge Frau, die zu der allerersten Gesellschaft Tokios gehört,
verkörpert das hypermoderne Japan, dort, wo es auch noch Amerika
übertrumpfen möchte. Von ihren Standesgenossinnen wurde mir unzählige
Male versichert, daß Baronin Ishimoto alles nur aus Sensationslust und
Wichtigtuerei unternehme. Der Klatsch in Tokio, gegen den die
meistverspotteten kleindeutschen Kaffeekränzchen noch wohlwollend genannt
werden müssen, behauptet, daß Baronin Ishimoto heute international sei und
nur ausländische Kleidung trage, morgen hypernational und sich nur in den
extravagantesten Kimonos zeige. Zeitungsschreibe= rinnen komme sie
bezaubernd entgegen, so daß richtig die Mitarbeiterin der Saturday Evening Post
in einem Artikel über Japan ihr Bild veröffentlicht habe. Aber diese junge
Adlige steht nicht nur im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Weiberklatsches,
sondern auch in dem der Zeitungs< angriffe und sie erfreut sich außerdem des
Mißtrauens der Polizei, ja sogar der Regierung. Will sie doch durch ihre
Aufklärungsarbeit den allzu reichlichen Kindersegen Japans einschränken.
Im Vorjahre war die Amerikanerin Mrs. Sanger nach Japan gekommen, um
dort zu Zwecken der Verringerung der Geburten und in weiterer Folge
auch der Kindersterblichkeit den Malthusianismus zu predigen. Die japanische
Polizei hatte sie zuerst gar nicht an Land lassen wollen und zwei Tage lang
draußen auf dem Dampfer festgehalten, bis sie ihr endlich unter allerlei
Bedingungen und Vorbehalten die Aufenthaltsbewilligung erteilte; doch blieb
sie ihr unaufhörlich auf den Fersen. Weil nämlich die das Land regierende
Militärkaste Rekruten verlangt, ohne Rücksicht darauf, ob sich das Volk dabei
aufreibt oder nicht, wird auch Baronin Ishimoto, seitdem sie sich als Jüngerin
von Mrs. Sanger bekennt, von der Polizei umlauert; sie ist trotz ihrer
verwandtschaftlichen Be
181
ziehungen zu Viscount Goto und anderen hohen Herren in ständiger
Gefahr, ausgewiesen zu
werden, und muß daher sehr
vorsichtig vorgehen.
Unter all dem Sonderbaren
hier wohl das Sonderbarste
ist diese junge
Dame, die Jünglingen
Vorträge über Enthaltsamkeit
hält. Man stelle sich
dergleichen in Europa vor.
Aber trotz des Sturmes
um sie her entwickelt die
junge Aristokratin sehr
ruhig ihre Ansicht, daß
den so rasch dahinwelken
den Müttern Japans un>
bedingt mehr Ruhe ge= währt
werden müsse. Das Leben sei
zu kostspielig und die Nation
zu arm, um so viele Kinder
ordentlich
aufzubringen.
Suche doch die Tuberkulose
ihre Opfer vorwiegend in den
Fami=
lien
mit
allzu
zahlreichem
Nachwuchs.
Sogar dem Militarismus tritt
die junge Frau entgegen und
schreibt kühn in die ZZei=
tung, es sei irrig anzunehmen, daß viele Einwohner
ein Land stark machten -nur
starke Einwohner könnten
dies tun.
Die für eine Japanerin sehr hoch gewachsene, schlanke junge Frau führt
mich noch eine Treppe hinauf bis unter das Dach,
I82
wo sie im siebenten Stocke
eine Strick= und Häkelschule für arme Frauen leitet, deren Erzeugnisse,
insbesondere den so rasch modern gewordenen Wollschal in den reizend=
sten Farben, sie in ihrem Laden wie eine richtige, tüchtige Geschäftsfrau von
morgens bis abends feilhält. Ihre bemerkenswerte Sicherheit Ab=
nehmern und Wollieferanten gegenüber, den Ladenbetrieb überhaupt mit der
Bedienung der Kundschaft und der Führung der Bücher hat sie in Amerika
gelernt, wohin sie zum Studium der englischen Sprache gereist war. Aus dem
College weg verdingte sie, die Tochter reicher und vor= nehmer Eltern,
sich als Sekretärin bei einem Kaufmanne, ohne ihm ihre Herkunft zu verraten,
worüber der ganze japanische Adel in Entrüstung geriet. Nur ihr Gatte, der
Sohn des früheren Kriegsministers, der ebenfalls einem der ältesten
Adelsgeschlechter entstammt, war damit einverstanden. Er selbst ging
währenddessen als einfacher Arbeiter nach London, um dort aus eigener
Wahrnehmung die Arbeiterfrage zu studieren. Das alles plaudert mir die
Baronin mit dein ernstesten Gesichtchen vor, es will mir aber nicht aus dem
Sinn, daß ihr künstlerisch mit der Hand gemalter Obi und ihre ganze, etwas
exzentrische Kleidung mehr wert sind als das jährliche Ergebnis ihres
Wohlfahrtsunternehmens.
Die Stunde, die sie für meinen Besuch auf ihr Programm gestellt
hatte, ist um und es bleibt
der
Vielbeschäftigten
keine Zeit mehr, sich von
mir photographieren zu
lassen, weshalb sie mir ein
Atelierbild mit. gibt. In
dem neuen Japan hat eben
auch die Frau »keine
Zeit«.
Die Ärztin Frau Dr.
Joshioka besuche ich auf
ihrer Klinik. Während sie
mir die Einzelheiten ihrer
medizinischen
Tätigkeit
darlegt, versuche ich, mir
das groteske Äußere dieser
183
Frau ins Gedächtnis einzuprägen. Ihre sehr dicken, kurzen Beine stecken in
dunklen Wollsocken mit
weißen Strumpf bändern. Die Füße schlürfen in » Fleckipatschen « aus Filz.
Unter dem schief hinaufgesteckten Woll= rock schleift ein zer= rissener
Unterrock und über ihm hängt eine Art Nachtjacke. Die Frisur ist halb
herunter= gerutscht und zottelnde
Strähne umspielen den
schmutzigen Kragen. Ihr
ganzes Sanatorium ver=
rät einen ähnlichen Stil,
die Schürzen und Kittel
I82
183
r
der Pflegerinnen sind höchst waschbedürftig, ebenso die weißen Häub
chen auf den schwarzen Haaren, unter denen die Gesichter ebenso trost
los unmalerisch aussehen wie die der neuen Omnibusschaffnerinnen unter
ihrer Uniformhaube. Im Operationszimmer, einer Art Rumpelkammer,
ist allerlei aus der Hand gestellt, wie etwa beim Großräumen oder an
einem Abreisetage. Der englische Journalist, der sich unserm Rundgange
anschließt, zwinkert mir zu, wenn wir hinter dieser modernen Hygie=
nikerin die enge Wendeltreppe in den nächsten Stock hinaufsteigen und
wenn sie bei jeder Stufe ihre Pantoffel auffängt. Auf den Fußboden=
matten der Krankenzimmer im japanischen Stil, ohne Heizung und mit
Papierwänden, sind die Lager ohne Leintuch aufgebettet, die Patientinnen
sind in unhygienischester Weise durch drei natürlich nicht waschbare Kimonos
und minde=
stens vier Decken ge=
schützt. Diese Ge=
einem Stall
einem Spital
Ärztin, die
Doktor
Operateustellt, ist
nur eine Heb
an
künstlern Kranke
IT.,
.on t.. (,.............. A-
gen die Kälte ge= bäranstalt sieht
ähnlicher al., und die
sich als med, und rin vor=
eigentlich
amme. In Ja= Arten von Heil= behandeln, nebst den
versitäten ausgebildeten, unter denen es aber noch keine Frauen gibt, noel eine
Art von Feldscherern, Absolventen der zahllosen Medizinschulen deren
etliche auch Frauen offenstehen. Die Ärztin teilt mir sehr pompös mit, daß von
den tausend Frauenärztinnen ungefähr siebenhundert in dei von ihr geleiteten
Medizinschule ausgebildet wurden. An der medizi.: nischen Fakultät der
kaiserlichen Universität wird mir aber die Sache weit weniger großartig
dargestellt. Die Vorschule der Frau, die High School, die aber entgegen
ihrem Namen nur eine niedere Mittelschule ist, und das ebenfalls fälschlich
Universität genannte Frauenlyzeum gewähren in den für das
Hochschulstudium notwendigen Fächern der Mathematik, Chemie, Botanik,
Zoologie und Physik eine viel zu be= schränkte Ausbildung, als daß ein
richtiges Doktorat damit erzielt werden könnte. An der medizinischen
Frauenklinik wird daher nur eine einfachere Art von Heilkunde gelehrt - vom
vierten Jahre an immerhin aus deutschen Büchern und mit lateinischen
Ausdrücken - mit welcher
184
r
Töchter von Landärzten, die ihrem Vater in der Geburtspraxis helfen oder
sich Ärzten als Assistentinnen verdingen wollen, ihr Auslangen finden.
Viele Ärzte heiraten dann diese Gehilfinnen und nur ein Zehntel aller
Absolventinnen wird in der Ehe ihrer Arbeit untreu, was bei sechshundert
Studentinnen eine ansehnliche Ziffer von beruflich tätigen Heilkünstlerinnen
abgibt. Diese weibliche Medizinschule ist zwar zum Unterricht amtlich
bevollmächtigt, der Staat hat aber nichts mit ihr
zu schaffen und ihre Erhaltung wird durch das ihr angegliederte Sana=
torium bestritten, in welchem sich täglich ungefähr zweihundert Frauen
amhulatorisch behandeln lassen. Im Gegensatz zu anderen Ländern zieht
die weibliche Bevölkerung Japans dem männlichen Berufsgenossen die Ärztin
vor, so daß diese über ein recht gutes Einkommen verfügt, wie denn
überhaupt die Ärzte in Japan finanziell nicht ungünstig stehen, freilich müssen
sie sehr fleißig sein, denn die Honorare sind niedrig. Mehr ist an den
Arzneien zu verdienen, die hier nicht in Apotheken, sondern vom Arzt
selbst hergestellt und verkauft werden. Doch ist jetzt schon eine
Bewegung im Gange, welche nach europäischem Vorbild ihren Ver= schleiß
staatlich überwachten Apotheken übertragen will. Der ärztliche Beruf steht in
Japan sehr hoch, weil durch die Zeitung auch das niedere Volk auf dem
Lande dazu erzogen wird, sich mit jedem Leiden sofort an die richtige
Stelle zu wenden. Die Drogen der Kurpfuscher, die in
185
China eine so starke Anziehungskraft üben, oder gar die Gepflogenheit
chinesischer Priester, Heilungsuchende im Tempel gegen eine kleine Gabe
eine Nummer aus einem Sack ziehen zu lassen, welche dann eine be=
stimmte Medizin bedeutet, werden hier als längst überwundener Aber>
glauben verachtet.
Eine der reizendsten Frauen, die Blüte des neuen Typs der Japanerin, ist
die Gattin des Redakteurs Matsuoka vom »Nichi Nichi«. Sie ist nicht so
bedeutend wie Frau Hani, die Schwester ihres Gatten, aber ihre von den
Großeltern ererbte ruhige Zurückhaltung und Würde harmonieren auf das
glücklichste mit den modernen Anschauungen und Kenntnissen einer aus
Amerika zurückgekehrten Studentin. Das Ideal ihrer Muster= ehe wird von
wenigen europäischen erreicht, Frau Matsuoka lebt an der Seite ihres
verständnisvollen Gatten die Theorien ihrer Schwägerin prak= tisch aus und
ist gleich weit entfernt von der europäischen Art, dem Manne entweder einen
geistigen Wettlauf aufzuerlegen oder sich als Luxuspuppe von ihm erhalten zu
lassen, wie von der halbverblödeten Wirtschafterinnenfigur der japanischen
Ehesklavin. Dem häuslichen Teil der gemeinsamen Lebensführung steht sie
vor, dem beruflichen er. Die geistigen Arbeiter Japans kämpfen sich durch
dasselbe aufreibende Leben wie die Europas durch, es erhält nur vom
japanischen Familiensinn einen wärmeren Ton. Der Verwirklichung des
Gedankens, europäische Wohn= stätten zu japanisieren, kommt ihr reizendes
Heim sehr nahe, in dem japa= nischen Hause gibt es Glasfenster, Gas,
elektrisches Licht, Schreibtische, Stühle und Betten und dennoch bleibt ihm
sein exotisch=malerischer Reiz. Sowohl die ungemütliche Teilung in die
unzugänglichen nationalen Wohn= räume und in das leblose europäische
Sitzzimmer, wie sie sonst in Japan üblich ist, als auch die nicht minder
unwohnliche Teilung in Prunk= und AIL tagszimmer, wie Europa sie kennt,
entfallen in diesem einheitlichen Hause.
Unter der traulichen Hängelampe ist der Tisch in ausländischer Art für
vier Personen gedeckt, denn auch Frau Hani ist da. Während wir der
köstlichen Nationalspeise Niku Nabe, die ich schon von meinen Landsleuten
her kenne, zusprechen, gehen ernste Worte zu mir her; ich fühle, daß hier eine
Welt der andern etwas zu geben versucht, statt von ihr, wie es sonst meist der
Fall ist, etwas zu begehren. Noch nie bisher habe ich zu einem andern Volke
eine solche Nähe empfunden und immer wieder muß ich mir ins Gedächtnis
zurückrufen, daß es zwischen Ost und West angeblich keine Brücke gibt.
186
Und da Frau Matsuoka so lieb und freundschaftlich zu mir spricht, wie noch
kaum je eine Frau unter
Weißen, öffnet sich ihr mein Vertrauen und ich erzähle ihr, daß mir eine der
größten Zeitschriften Japans ein hohes Honorar angeboten hat f für einen
Artikel über sämtliche Frauen, die ich in Tokio kennen lernte, unter Beifügung
meiner von ihnen aufgenommenen Bilder. Da dieser Antrag aus Sensationslust
und aus der Hoffnung auf Enthüllungen gestellt war, hatte ich ihn bereits
abgelehnt, die Zeitung wiederholte ihn jedoch noch dringender. Redakteur
Ivlatsuoka ist für eine neuerliche Ablehnung, denn er fürchtet, daß der Artikel
zu viel Schmeichelhaftes für die Japaner ent= halten müßte. Und er ergreift
J die Gelegenheit, mir zu sagen, daß die apaner wohl eitel seien und es
liebten, sich loben zu lassen, daß sie aber niemanden geringer schätzten als
denjenigen, der ihnen nach dem Munde rede; zumindest erachteten sie sein
Urteil für wertlos. Anderseits könne ich in dem Lande, das mir so viel
Gastfreundschaft erwiesen habe, nichts Schlechtes veröffentlichen. Die beiden
Frauen wechseln einen raschen Blick und ein paar japanische Worte und dann
widerspricht die junge Frau ihrem Gatten, ein Ereignis, das hier an sich schon
bemerkens= wert erscheint. Sie und ihre Schwägerin, sagt sie, seien
unbedingt für diesen Artikel, der schonungslos sein solle, wenngleich gerecht.
»Es tut uns not zu hören, wie uns Fremde sehen,« sagt sie wörtlich, »wir sind
nicht so kleinlich, wie die Ausländer es von uns glauben und wie sie es
selbst oft sind. Offenen Tadel ertragen wir nicht nur, sondern lieben wir
geradezu. Nur aus ihm kann man lernen und wir wollen lernen. Die
deutschen Patronessen des großen Wohltätigkeitsbasars baten meinen Mann,
entweder jede oder gar keine Dame in seinem Bericht mit Namen anzuführen.
So engherzig sind wir nicht.« Sie lächelt, als ich nun beichte, daß man mir
prophezeitet habe, eine rückhaltlose Darstellung japanischer Verhältnisse,
erschiene sie auch außerhalb Japans, würde mich meine Mitte arbeiterschaft beim
»Nichi Nichi« und beim »Osaka 1\vlainichi« kosten. Ihr Gatte fügt hinzu:
»Unsere Zeitung wird Ihr Buch übersetzen und ver=
öffentlichen und Sie auf jeden Fall als Mitarbeiterin festhalten. Aber
hätten Europäer ein Recht dazu, es zu tadeln, wenn wir entgegengesetzt
handelten? Welches Land der Welt, Japan ausgenommen, verträgt offene
Kritik? Ächtet das chauvinistische Europa nicht jeden, der seine Finger
auf offene Wunden zu legen wagt? Unsere Zeitung ist dazu da, Ärgernis
abzustellen, und uns gilt es als unwesentlich, ob darauf durch inländische
oder ausländische Federn hingewiesen wird.« Und seine Gattin sagt das
187
Schlußwort: »Wir glauben nämlich an eine zukünftige internationale
Verbrüderung aller geistigen Arbeiter ohne Gehässigkeit.« Am nächsten
Tage schreibt mir Frau Matsuoka, daß ich, wenn ich je wieder nach
186
187
188
Japan käme, bei ihr wohnen und so lange bleiben möge, als es mir irgend
gefiele. Zu diesem Brief meint einer der unverbesserlichen Zweifler: »Ver=
suchen Sie es doch. Sie werden schon sehen. Am besten fährt man mit Ja=
panern, wenn man nur das glaubt, was sie tun, und nicht das, was sie reden.«
Bei Frau Tsurumi kommt der lang versprochene Tee der »Gruppe der
Jugend« nun doch zustande, und zwar stellt er sich als eine der neuen
Gesellschaftsumwälzungen dar, die sich vorläufig erst in der Hauptstadt Tokio
durchzusetzen versuchen. Es sind nämlich junge Herren und junge Damen
erschienen. Mit allen Fibern hat diese neue Jugend der Zu= sammenkunft
entgegengebebt, nun steht sie verlegen da wie eine Kinder. gesellschaft, der von
den Eltern gesagt wird: »Spielt doch schön miteinander«, die aber miteinander
nichts anzufangen weiß. Außer Frau Tsurumi und der Baronin Ishimoto ist die
Herausgeberin des Frauenblattes »Fujin Gato« anwesend. Auf die Frage,
was »Fujin« heiße, da alle Frauen • blätter dieses Wort als ihre Überschrift
wählen, gibt sie mir die Antwort: »Die verheiratete Dame.« Als ich weiter
frage, was »die unverheiratete Dame« auf japanisch heiße, sagt sie: »Das gibt
es doch nicht!« eine Ant= wort, die mir in diesem modernen Rahmen erstaunlich
klingt. Das ledige Mädchen heißt Musme, die Tochter. Die Sprache dieses
Volkes billigt dem weiblichen Wesen kein Eigenleben, nur die Beziehung zum
Manne zu. Heute sind freilich auch zwei junge Mädchen geladen, Tsurumis
Nichten, deren Anwesenheit eine Ungeheuerlichkeit im altjapanischen Sinne
bedeutet. Die jungen Japaner haben vor ihnen mehr Scheu als vor der fremden
Frau; zu mir setzen sie sich ganz unbefangen und vertrauen mir ihre modernen
Ideen an.
Was da an angelesener Phraseologie herauskommt, erinnert mich an die
Sozialpolitik unserer Weltverbesserer vor dem Kriege, als noch nie. mand
ermessen konnte, welche Fülle von Folgerungen die Worte Revolution,
Sozialisierung, Demokratie und Kommunismus umfassen. Nun wir durch sie
hindurchgegangen sind, erscheinen uns geläufige Worte wie Internationalismus
und Individualismus, mit denen nur unklare Vorn stellungen verbunden werden,
wie von jeder Kenntnis unbeschwerte Theorien, an denen junge Heißsporne
sich berauschen. Allerdings sind diese jungen Leute davon überzeugt, daß sich
die japanischen Idealisten nicht einer Revolution zu eigennützigen Zwecken
bedienen, sondern sich ihr unterordnen würden. Auch wir haben vor fünfzehn
Jahren an Ideale geglaubt, auch wir haben in der Zeit unserer
politisch=literarischen Vor, kriegssalons Sozialpolitiker als Aufputz eingeladen
und, während ich mich
t
18g
jetzt, bei diesem Tee, um fünfzehn Jahre zurückversetzt fühle, denke ich darüber
nach, ob auch diese »Gruppe« in so kurzer Zeit wie wir die Politik satt
bekommen und gleich unserer »Geselligkeit« nur mehr Tänze. rinnen und Tenöre
als Anziehungskraft betrachten wird.
Plötzlich sind alle Damen verschwunden. Zur allgemeinen Erleich. terung
haben sie es vorgezogen, der gesellschaftlichen Hilflosigkeit ein Ende zu
bereiten. »Meine Frau bittet, sie zu entschuldigen«, erwidert der Hausherr auf
meine suchenden Blicke. Er und seine Gäste lassen mich aber nicht fort. Ihre
innere Umstellungsfähigkeit setzt unbewußt ein und derselbe Japaner, der sich
mit einer Frau seiner eigenen Rasse nicht eine halbe Stunde lang unterhalten
kann, läßt einer Ausländerin gegenüber den Strom seiner Rede munter
dahinfließen.
Der Hausherr erzählt mir, daß ihn mein heutiges Erscheinen der Polizei wieder
einmal verdächtig gemacht und daß sich ein Detektiv bei ihm er, kundigt habe,
was ich hier wolle. Es sei nicht nur kein wahres Wort an der Behauptung der
Weißen, daß die Regierung für die Kosten der Be. wirtung ausländischer
Gäste aufkomme, sondern man kundschafte viel= mehr auch seine eigenen
Besuche bei Europäern aus und besteche seine und ihre Dienstleute zum
Zwecke des Spionierens. Diese Spionage • spielerei in jeder Küche und durch
jede »Ama«, das Kindermädchen der Weißen, vertiefe bloß die Kluft zwischen
den Rassen, einen wirklichen Gauner erwische die Polizei aber nie.
Tsurumi habe sich die Mühe nicht verdrießen lassen, nun auch seinerseits
diesem geheimen Treiben der Polizei nachzuspüren, und habe zu seiner
Überraschung dabei die Entdeckung gemacht, daß diese Tausende, ja
Hunderttausende von Polizeiberichten einfach in den Archiven ver. schwänden,
denn die Verfolgungen hätten aufgehört. Einem als verdächtig bezeichneten
Amerikaner sei der Polizist, der den Auftrag gehabt hatte, ihn zu überwachen,
bis auf die Spitze des Fujiyama nachgegangen, ohne daß sodann die geringste
Amtshandlung erfolgt wäre. Das habe Tsurumi in der Überzeugung bestärkt,
daß die ungeheure Polizeiorgani. sation, unter der Japan schmachtet, vor allem
der Versorgung eines Heeres von Angestellten, die sonst brotlos wären, diene.
Ihre fieberhafte Tätigkeit verschleiere nur ihre Überflüssigkeit und der geringste
Anstoß würde es an denTag bringen, daß dieses Ungetüm auf tönernen Füßen
stehe.
zur Erläuterung einiger Unklarheiten meines Artikels
Die Herausgeberin der »Fujin Gato«, die mich in Tsurumis Haus um einen
Beitrag für ihre Wochenschrift ersucht hatte, bittet mich einige Tage später, sie
18g
zu empfangen. Ungern sage ich zu; das dieses niedliche Püppchen eine
kostet jedenfalls Zeit und ich sehe bereits damit wirklich nicht allzuweit den angreifendsten meines
den Vormittag dahinschwinden.
ich mich unter Aufgebot
gerungen an den Ver=
Unterm
farbigen
mühe, ihr etwas von
Papierschirm, auf
hohen
Geta,
greiflich zu machen,
^eitung die Ober=
gen, mag da Zeug
heraus
Dieser
mühVormittag
gibt
griff davon, sinn in
Japan
übersetzt
wird.
dem
Obersetzer
kommt die junge
Dame
im
Schneegestöber
an;
so
entzückend
ist
sie
anzusehen,
daß mir plötzlich
Zweifel darüber
Ausspruch nach,
auftauchen,
ob
sehr in die Ge=
geistige
3elehrten vertieft,
Arbeiterin
sein
träge und seine
könne. Daß es her
setze, letztere gewisser=
ist, weiß ich nach
Armer Einstein! Ist doch
den
drei
Stunden
so doppelsinnig ins Japanische
Aufenthaltes -, in denen
Sexualproblem darunter ver=
meiner gesamten Er= kehr mit Kindern be=
dann enttäuscht wieder
meinem Aufsatz be= Da ihr bei ihrer setzengen
oblie= manch kurioses kommen. - - selig groteske
mir einen Be= welcher Uli=
zusammen
Sagt man doch Einsteins den er habe sich so dankengänge des daß er seine
Vor= Werke ganz frei über= maßen selbst schreibe, sogar das Wort Relativität
übersetzt worden, daß die Japaner ein muteten und sich um die Bücher rissen,
um sie zurückzugeben.
Satz für Satz gehen wir den Artikel durch, er handelt von dem Hilfs= werk
Hollands für die Wiener Kinder und, wiewohl nichts darin steht, was nicht ein
Halbwüchsiger bei uns verstände, muß ich gestikulieren, zeichnen, mit
'go
I
Zündhölzchen die Waggons-des Kinderzuges veranschau= lichen und jedes
Wort buchstabieren oder durch ein ähnliches ersetzen, bis ich eines finde, das
sie versteht. Und insgeheim bedaure ich unaus= gesetzt, in dieses
Nippespüppchen, das zum Küssen herzig neben mir sitzt, in dieses ebenso süße
wie vernagelte Köpfchen so viel ernsthaftes Zeug
hineinreden zu müssen.
V. MODERNE
STUDIEN.
23. U n t e r r i c h t .
N Lclit einmal Tsurumis
»Gruppe der Jugend« war
imstande,
ihren
»Internationalismus«
in
einer
mir
halbwegs
verständlichen Sprache vorzubringen; die Schuld an dieser Erscheinung trägt
aber neben dem
Mangel an Sprachtalent auch die Methode des Unterrichtes.
Diese Tatsache wird mir
_
dem Augenblicke klar, da ich die japanische Hochschule für Aus=
landsreisende, die den Titel »Akademie« führt und der ehemaligen Wie= ner
»orientalischen
Aka=
demie« vergleichbar ist,
besuchen darf. Sie sieht wie
ein Hafenspeicher aus Lind
steht wie so viele andere
Gebäude
mitten
im
Stadtbezirk,
wo
ihre
Fassade ohne Halt ins
Leere blickt und ihre bei
einem der letzten Erdbeben
abgerutschte
Mauer
'g1
irgendwo im Straßenschmutz liegenblieb. Ein häßliches Heizhaus, ein
wunderbarer Brunnen, der mit den typisch geschnittenen, poetischen japa=
nischen Steinen eingefaßt ist, und ein herrliches, schmiedeeisernes Tor
zwischen zwei schmutzi= gen Kalkmauern ver= sinnbildlichen gleich von außen
das Nebeneins ander.
Wenn die japanischen Schüler an die Hochschule kommen, sind sie
bereits Männer und ihr Gehirn ist durch die furchtbare Belastung
'go
'g1
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
mit den japanischen »Charakteren«, ihre Psyche durch die nicht minder
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
furchtbare Strenge in den Erziehungsanstalten und bei den zahllosen Prüfungen
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
übermüdet. Drei volle Jahre hindurch sollen sie hier eine fremde Sprache lernen,
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
mit einer zweiten als Nebenfach, um sich für den Kon= sularberuf, für
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
ausländischen Handel oder für Literatur vorzubereiten.
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
(Kulis
192
tragen die Zeichen der Firma, bei der sie bedienstet sind, auf dem Kittel gedruckt.)
Alice Sdialek, Japan. 13
193
192Da die Zahl von dreißig Schülern nicht überschritten werden darf und
Alice Sdialek, Japan. 13
193
es hier ausnahmsweise noch europäische Lehrer gibt - die sonst fast überall in
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
Japan entlassen wurden, weil man meint, ihrer bereits entraten zu können -, so
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
kostet jeder Schüler den Staat eine beträchtliche Summe, für welche dieser
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
äußersten Fleiß verlangt.
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
Die Klassenzimmer sind kleine Räume, in deren engen Schulbänken
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
fünfzehn ziemlich reife Jünglinge sitzen, alle natürlich in Uniform. Diese ist
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
vorgeschrieben und besteht aus einem blauen europäischen Anzuge,
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
der in jüngster Zeit durch den modern gewordenen, langen, schmalenWoll= schal
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
ergänzt wird, und einer Kappe, welche an die unserer Geschäfts= austräger
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
erinnert. In der Regel besitzt der Student nur ein einziges solches, fertig
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
gekauftes Schulgewand, das meist von oben bis unten fleckig ist und so
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
schlecht paßt, daß man damit erst nach längerem Auf= enthalte im Lande die
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
Vorstellung von einem Hochschüler verbindet. Das auf Austreibung jedes
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
Privatgefühls hinzielende japanische Schulsystem zwingt jeden Schüler, auf
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
Kappe, Kragen und Knöpfen ein Abzeichen der Schulgattung und der
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
Klasse zu tragen, wo= durch schon den Kin= dern der letzte Rest von
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
Persönlichkeit genom= amen wird. Auf den Kappen der Juristen und Mediziner
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
stehen dieAn= fangsbuchstaben ihrer Fakultät und auf ihrer Nase sitzt eine die
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
Ge= lehrtheit versinnbild= lichende Brille.
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
Auch die Sprach=
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
schüler sind uniformierte Jungen, die als Zeichen angestrengten Zuhörens, das
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
ihnen keine Zeit läßt, an ihren eigenen Körper zu denken, hörbar den
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
Nasenschleim hinauf=
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
ziehen. Ein japanischer Lehrer liest ihnen aus einem Buche vor. Ver= geblich
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
bemühe ich mich festzustellen, in welcher Sprache, bis mich endlich der mir
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Alice Sdialek, Japan. 13
193
zunächst sitzende Schüler in seinem Buche mitlesen läßt.
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
Es ist Deutsch! Wahrhaftig! Und was ist es? In stecknadelkopfgroßen
192
Alice Sdialek, Japan. 13
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Lettern gedruckt, mühselig zu entziffern - Laokoon! Anderthalb
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
Dutzend angsterfüllte junge Männer lesen schwitzend zu dem Zwecke,
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
sich im Auslande zurechtzufrnden, Lessings verschollene Weisheit! In
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
einer Gliederung, aus welcher nicht einmal das Satzende zu entnehmen
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
ist, liest der Lehrer immer etwa zwanzig Zeilen und erklärt dann ganz
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
kurz ihren Inhalt.
192
Alice Sdialek, Japan. 13
193
'94
Leise frage ich meinen Nachbar: »Verstehen Sie das?« Er glotzt
mich mit dem typisch verlegenen Lächeln an, das erscheint, wenn ein
Japaner in der Sprache angeredet wird, die er »kann«. Ich kleide also
meine Frage in andere Worte: »Ich möchte wissen, ob Sie das begreifen?«
Aber er versteht keine Silbe meines Deutsch und ich keine des seinigen. Wir
stottern uns gegenseitig etwas zu, ich spreche in der Nennform wie im
Malaiischen und endlich erfahre ich, daß damit der ganze Unterricht erschöpft
ist, denn von dem Durchgenommenen wird nachher nichts mehr wiederholt.
Und dabei stehen diese Abiturienten des letzten Jahrganges unmittelbar vor
dem Schulschluß!
Übrigens wird der Lehrstoff in allen Schulen aus einem Buche vor= getragen
und der Unterricht ist derartig an den Wortlaut gefesselt, daß ein
unwilliges Fußgetrampel den Lehrer, der eine Abschweifung aus eigenem
hinzuzufügen wagt, an seine Vorschrift mahnt.
Im Nebenzimmer lernt der erste Jahrgang deutsche Grammatik. Eben sagt
der Professor: »Meine eine Tochter ... mein einer Sohn ...«, was die ganze
Klasse laut wiederholt. Dann schellt leider die Glocke und es ist aus.
Dem Japaner ist das Höchste und Tiefste, Schwerste und Beste gerade gut
genug. Bereits nach achttägigem Unterricht im Englischen wird Byron gelesen
und Klopstock wird in Japan mehr gekauft als in Deutschland. Es ist
ergreifend, wie ein fast über die Kraft angespannter und doch ver= geblicher
Fleiß dem sehr hemmenden Mangel an Sprachtalent, an dem Japan leidet,
entgegenwirken will; wegen dieser Lücke der Begabung ver= lieren sogar
diejenigen Japaner, die im Auslande studiert haben, bald nach ihrer Heimkehr
die Geläufigkeit. Dagegen Abhilfe zu schaffen, ist die vollkommen unsinnige
Unterrichtsmethode nichts weniger als geeignet; das im praktischen Verkehr
mit Fremden aufgeschnappte Englisch der Rikshakulis und Hotelportiers ist oft
wortreicher und wird besser aus= gesprochen als das der gelehrten
Hochschüler.
Die Methode ist nicht nur unsinnig, sondern auch grausam und die
Studenten erleiden während jeder Semester=Schlußprüfung, die zehn Tage
dauert, geradezu ein Martyrium. Wie geistesabwesend verlassen sie mor=
gens bebend das Haus, büffeln sie jede Minute, die sie daheim verbringen,
sitzen sie des Nachts bei den Büchern. Und das hat jeder zweimal im Jahr
in solchem Ausmaße, in geringerem dazwischen dutzendmal durch=
zumachen.
Einmal darf ich eine unter der Qual der Prüfung keuchende Klasse
192
195
13*
betreten: da sitzen die Gefolterten tief über ihr Papier gebeugt und die Luft
erbebt förmlich von den Angstwellen, die jedem der Knaben über den Körper
laufen. Die englischen Prüfungssätze habe ich mir abgeschrieben »He takes to
making shoes« oder: »1 am not much given to complain« und so fort, welche
Sätze den Schülern zum Übersetzen ins Japanische hektographiert nach
Hause mitgegeben werden.
.r
Bei meinem Besuch in der Tokioter Universität weise ich dem Pedell meine
Einführungsschreiben vor, doch ein Japaner der unteren Klassen begreift nie,
was man will, auch nicht, wenn es das Nächstliegende ist. Da mischt sich ein
Student ein, den ich anfangs für einen der neugie= rigen Schulbuben halte, die
jeden Fremden ansprechen, um an ihm ihr Deutsch oder Englisch zu üben. Er
erweist sich als Doktorand der Me= dizin, der mir die Professoren suchen
helfen will, was dadurch erschwert wird, daß man in all den Pavillons, aus
welchen die medizinische Fakultät besteht, die Schuhe ausziehen muß. An den
seinen sitzen freilich nur mehr wenige Haken und überdies schlingt er die
Schnüre großzügig nur über deren Hälfte, während über meinen hohen Stiefeln
die mit Straßen= schmutz zentimeterdick belegten Überschuhe stecken.
An der kaiserlichen Hochschule in Tokio studieren gegenwärtig fünfhundert Studenten Medizin, welche -- ebenso die Absolventen der vier
anderen kaiserlichen Universitäten in Kyoto, Fukuoka, Sendai und Ho= kaido
- ordentliche Professoren werden können, während die Doktoren der nach
amerikanischem Vorbild von Millionären gestifteten Privatuni= versitäten
<beispielsweise der neuen Keyo=Universität> nur die Möglichkeit der
Privatpraxis haben. Es gibt ein pathologisches, anatomisches, bak=
teriologisches, hygienisches, physiologisches und elektrophysiologisches
Institut, jedes hat mehrere Laboratorien und viele Arbeitsräume. Inner= halb
einer erstaunlichen Anzahl von Zimmern und in parallel zu ihnen laufenden,
schier endlosen Korridoren arbeiten eine Unmenge Forscher an zahllosen
Tischen. An dem einen wird eine Arbeit über Milzbrand, an dem andern eine
über psycho=galvanische Reflexe, drüben werden Messungen der Polarisation
der Haut gemacht.
Im krassesten Gegensatz zu solcher Gelehrtheit steht die beispiellose
Unordnung in sämtlichen Räumen. An allen vier Wänden der Zimmer und an
beiden der Korridore steht Tisch an Tisch, in der Mitte ebenfalls, und jeder
ist bis zum letzten Eckchen mit Geräten, Glasbechern, Rechauds, Eimern,
Alice Sdialek, Japan. 13
193
'94
13*
195
Alice Sdialek, Japan. 13
193
Bassins, Flaschen, Gewichten,Wagen und Tausenden von Eprouvetten in
Ständern vollgeräumt, für die es weder Schränke noch Wand=
192
regale zur Aufbewahrung gibt. Auch auf der Erde steht und liegt alles
herum, dickbäuchige Flaschen mit den Vorräten an Chemikalien, Kisten,
Schuhe, weiße Studiermäntel, Papierstöße und ab und zu Tierleichen. Die
Reichhaltigkeit in der Beteilung der Institute mit Instrumenten und der Ställe
mit Versuchstieren steht im erstaunlichsten Gegensatz zu dern überall
herrschenden, bis an die Decke reichenden Schmutz.
Am Monatsende kaufen die Laboratorien für den Rest des An=
schaffungsbeitrages, der sonst auf den nächsten Monat vorgetragen wer= den
müßte, haufenweise auch augenblicklich nicht Benötigtes ein. Die Mehrzahl der
Instrumente, Chemikalien und Arzneien kommt aus Deutsch= land, wie denn
überhaupt die japanische Medizin auf deutschem Unter= rieht und deutschen
Lehrbüchern fußt. Noch herrscht die deutsch er= zogene Generation, wiewohl
eine Bewegung unter den jungen Professoren dahin zielt, der im Verkehr mit
dem Auslande ausschließlich verwendeten englischen Sprache auch in der
medizinischen Wissenschaft den Vortritt einzuräumen, weil man ohne sie nicht
mehr an den Kongressen teilnehmen könne, seitdem Deutschland bei diesen
fehle, In den Vorbereitungsschulen für die medizinische Fakultät wurde früher
nur deutsch gelehrt, jetzt gibt es dort auch englische Lektoren. Auch die
Abhängigkeit von den deut= sehen Geräten will man loswerden und die
japanischen Laboratorien und Techniken arbeiten Tag und Nacht daran, den
hinter ihnen stehenden japanischen Fabriken Lebensfähigkeit zu verleihen. Zu
diesem Zwecke werden jährlich etwa zweihundert japanische Professoren auf
Staatskosten außer Landes geschickt, mindestens ebenso viele zahlen die Reise
selbst oder haben Aufträge von Fabriken. Man macht hier bereits einfache
Registrierapparate oder Stromunterbrecher nach, erzeugt sogar eigene
Mikroskope, die dann mit Zeiss=Linsen versehen werden, aber ohne die
feineren deutschen Präzisionsapparate geht es doch noch nicht.
In diesem Durcheinander arbeiten zahlreiche Assistenten, Doktoren und
Laboranten -r Studenten sind nicht zugelassen -- von früh bis abends,
manchmal auch nachts, in hingebendem Fleiße, mit gewalttätigem, des eigenen
Körpers nicht achtendem Ehrgeiz, brennend vor Sehnsucht nach Können und
Wissen. Daß dieses Volk, welches hauptsächlich aus der Tradition schöpft,
es durch Anspannung seines Willens so weit gebracht hat, muß geradezu als
Weltwunder bezeichnet werden; die Japaner wollen es noch weiter bringen,
doch bleiben ihre Kräfte hinter ihrer Energie ohnmächtig zurück. Dieser
japanische Lerneifer ist erschütternd und führt zu einer der furchtbarsten
menschlichen Selbstquälereien. Er endet oft tragisch, da sich durchgefallene
192
196
Studenten vor den Tokio=Kobe=Expreß
Alice Sdialek, Japan. 13
193
197
werfen. Auch der Selbstmord hat hier Methode. Verfügten die Japaner über
ihrem Willen ebenbürtige Fähigkeiten, sie schritten bald der ganzen Welt
voran.
Das pathologische Institut ist mit einem erstaunlich gut gemalten modernen
Porträt seines Gründers, des Professors yanagiwa, eines Schülers von
Virchow, geschmückt. Er war der erste, der die von Lubarsch theoretisch
für möglich erklärte künstliche Erzeugung von Karzinom praktisch
durchgeführt hat, eine typisch japanische Errungen= schaft, weil hier mit
japanischer Zähigkeit und Ausdauer in unendlicher Geduld die Idee eines
andern auszuwerten war. In der Bibliothek, für welche die aus Deutschland
zurückkehrenden Mediziner, um die Aus= fuhrzuschläge zu ersparen, die
deutschen Archive und Bücher mitbringen, steht das Skelett des Professors
Osawa, der es ihr in echt japanischer Kaltblütigkeit testamentarisch
hinterlassen hatte. Bücher nach Hause mit= zunehmen, ist nur den
Professoren, nicht den Studenten gestattet.
In den japanischen Bibliotheken gibt es in deutscher Sprache fast gar keine
Werke der modernen schönen Literatur, gar keine neuen Romane, weil nicht
einmal der fortgeschrittenste Japaner, habe er die Sprache auch im Auslande
studiert, es hierzu weit genug bringt und weil die vollständig nach der
klassischen Seite hin orientierte öffentliche Meinung dem Bil= dungsbeflissenen
gestattet, solche Bücher zu vernachlässigen. Da Eng= lisch die
Umgangssprache aller Japaner mit den Ausländern ist, bringt der Buchhändler
allenfalls englische Schundromane an, freilich nicht viele, weil die japanische
schöne Literatur so spottbillig ist, daß fast jede Köchin eine Liebesgeschichte in
ihrem Schrankfache liegen hat.
Die deutschen Klassiker werden wohl gekauft, hauptsächlich aber nur als
Aufputz für den Bücherschrank. Sehr wenige Japaner haben von Schiller und
Goethe mehr gelesen als kurze Auszüge in den höheren Sprachschulen, in
deren Lesebüchern es auch Stücke von Hauptmann, Sudermann und
Wedekind gibt. Aber bei diesen Modernen, deren ver= schnörkelte,
literarische Sprache vor dem Durchschnittsgebildeten riesengroße
Schwierigkeiten auftürmt, erfordert eine Seite eine zweistündige Anstrengung.
Wohl ist die Bibliothek der Stolz jedes japanischen Hauses und natür= lich
auch jeder Unterrichtsanstalt, da aber die Sehnsucht nach aus= ländischen
Büchern namhafter Verfasser zumeist auf Mode beruht -- in der Wahl des
Zieles ist die japanische der europäischen weitaus über= legen -, so wird sie
nur dann erfüllt, wenn die Bücher nicht zu teuer sind. Amerika, dessen
192
196
Missionsschulen Japan mehr und mehr amerikani=
Alice Sdialek, Japan. 13
193
197
i
sieren, überschwemmt das Land mit billigen Büchern wissenschaftlichen
Inhaltes, so daß nur mehr die Ärzte, die Juristen und die Techniker
deutsche Bücher kaufen, diese allerdings alle, die in ihrem Fache er=
scheinen. Sie lesen freilich bloß einzelne Stellen daraus und geben sich nur mit
besonders wichtigen Schriften großer Männer mehr Mühe. Deutschland kann
auch mit seinerKunst und Graphik, so begehrt deutsche Bildersammlungen in
Japan sind, nicht den Vorsprung französischer Bild= kunst einholen, die
große Massen billiger Ware nach Japan wirft.
In der guten Zeit der geschäftlichen Hochflut hatten alle neuen Fach=
schriften, alle illustrierten Werke, insbesondere die schön gebundenen,
Aussicht, von den Büchersammlungen der Schulanstalten, Spitäler und
Laboratorien gekauft zu werden, doch zwingt die wirtschaftliche Krise die
japanische Regierung mehr und mehr, ihre wissenschaftlichen Aus= gaben
einzuschränken; die teuersten Bücher, also augenblicklich die deut= schen,
werden zuerst gestrichen und so besteht die Gefahr, daß die Vor= herrschaft
deutscher Wissenschaft in Japan ins Wanken gerate.
Bemerkenswert ist, daß während des Krieges das Interesse für deutsche
Literatur auf eine vorher nie geahnte Höhe stieg; deutsche U=Boot=
Bücher und deutsche Kriegsgeschichte und =geschichten gingen nicht nur in
den Originalausgaben reißend ab, sondern wurden auch ins Japanische
übersetzt und erschienen was den in Japan internierten Deutschen grotesk
vorkam in schwarz=weiß=rotem Umschlag, versehen mit Emp= fehlungen des
japanischen Kriegsministers. Jeder Office=Boy besaß ihrer mindestens ein
halbes Dutzend und las sie auf der Fahrt zum und vom Geschäft.
Jetzt werden in deutscher Sprache sozialistische `Merke, vor allem die
Schriften von Marx, sehr begehrt. Bolschewistische Literatur ist in japanischer
Sprache verboten und Professor Morito kam schon für sechs Monate ins
Gefängnis, bloß weil er Krapotkin ins japanische übersetzt hatte. Auch der
Verleger wurde bestraft. Da aber die Regierung vor= aussetzt, daß gelehrte
Männer, die Deutsch lesen können, über genügend eigenes Urteil verfügen, um
sich von diesen lockenden Zukunftsvers sprechungen nicht betören zu lassen,
so darf man deutsche Bücher auch mit dem aufrührerischsten Inhalte verkaufen.
Zu dem Interessantesten in der Universität gehören die Modelle zweier
japanischer Häuser in der Abteilung für Hygiene, in welcher die
Wissenschaft endlich das Studium der Lüftung, Beleuchtung, Beheizung
und Wärmeregulierung in den Wohnungen aufgenommen hat. Das eine Haus
hat Wände aus Papier, das andere aus Glas, so daß die Gesehwin= digkeit der
198
Lüftung in den beiden gemessen und verglichen werden kann. Freilich muß man
an der Genauigkeit der Ergebnisse zweifeln, weil das Modellhaus aus Papier
ebenso wie jedes gewöhnliche Wohnhaus große Löcher aufweist. Wie das
von der Stadtverwaltung gegründete Hygiene= amt versichert, nimmt es
jetzt auch Anteil an der Wasserversorgung Tokios und an der Frage der
Abwässer; augenblicklich ist freilich der Mangel jeder Kanalisation in der
Großstadt Tokio ein Ärgernis und eine Verlegenheit. Der Begründer der
japanischen Hygiene, Professor Ogata, der vor vier Jahren starb, war zwar
ein Schüler Pettenkofers, sein Wir= kungskreis beschränkte sich indessen
auf die Theorie. Im Volke weiß man von Hygiene noch so gut wie nichts
oder höchstens das, was die ausländischen Missionen hereingebracht haben.
So baden beispielsweise in der einen Heilquelle neben den übrigen Besuchern
auch die mit einer Hautkrankheit behafteten und in eine andere taucht
jedermann seine Hände ein, um seine entzündeten Augen damit einzureiben.
Ein großer Teil der Kindbetterkrankungen ist darauf zurückzuführen, daß die
Sitte den schwangeren Frauen die Besteigung des Berges Mayasan bei
Kobe vorschreibt; bei Frühgeburten werden jeder modernen Hygiene
geradezu hohnsprechende Mittel in Anwendung gebracht.
Die japanischen Universitäten geben den Studenten theoretisch die= selbe
Lernfreiheit wie die europäischen, in der Praxis aber führt jeder Lehrer über
die Fehlenden genau Buch. Mein Begleiter macht zu diesem Kapitel die
typische Bemerkung, daß die Überwachung überflüssig sei, »denn, wenn wir
keine Kenntnisse erwerben, schädigen wir uns doch nur selbst«. Entgegen den
Erfahrungen bei uns, beklagt sich der japanische Lehrer über zu große
Ausnützung seines Wissens durch die Schüler, die auch nach der Stunde
unaufhörlich fragen und fragen.
Es gehört zu den jähen Brüchen im japanischen Charakter, die uns immer
unverständlich bleiben werden, daß die geknechteten, durch massen= haft
unerbittliche Prüfungen überbürdeten, uniformierten, schlechtgenähr= ten
Studenten die Willenskraft aufbringen, die von ihnen als untüchtig erkannten
Lehrer hinauszudrängen. In diesem Staate, wo nur die Obrig= keit befiehlt, übt
der armseligste Student einen größeren Einfluß auf den Unterricht aus als bei
uns der bedeutendste, weil hier die Lernenden noch nicht durch
Gleichgültigkeit gegen das Wissen stumpf geworden sind. Trotz strengstem
Schülergehorsam gibt es hier Streiks, bei welchen fast immer die Schüler
siegen und der abgelehnte Lehrer versetzt wird.
*99
r
Die Tokioter Universität hat noch Fakultäten für Literatur, Architektur,
Chemie, Technik, Schiffsmaschinen= und Wegebau, Elektrizität, Rechtslehre
und eine mit dem Gesamttitel »Wissenschaft«, welche Wirt= schafts= und
Sprachkunde, Völker- und Kunstgeschichte und dergleichen umfaßt. Für die
Rechtswissenschaften ist ein neues Gebäude errichtet worden, ein
eigenartiges Achteck. Tausend Studenten sind dort inskri= biert; da sie
zumeist unzulänglich vorbereitet aus den Mittelschulen kom= mnen, bleiben sie
auch auf der Universität auf niedrigem Bildungsstand und vergrößern das
ohnedies schon zahlreiche geistige Proletariat.
Der Festsaal der juridischen Fakultät faßt achthundert sitzende ZZuhörer
und hier hat Professor Einstein seinen Hauptvortrag gehalten. Der mich
begleitende Doktorand der Medizin, der es sich nicht nehmen läßt, die
Ausländerin von Pavillon zu Pavillon zu führen, obwohl er nach langer
Krankheit eben erst genesen ist und vor einer Prüfung steht, sagt mir, das
Bitterste an seiner lebensgefährlichen Krankheit sei für ihn gewesen, daß er
diesen Vortrag habe versäumen müssen. So gut mein Führer bis= her alle
Fragen beantwortet hat, so verständnislos sieht er mich an, als ich mich
erkundige, wo die Aula sei und wo denn die Studenten in den Pausen bummeln.
Dazu fehlt ilim der Vorbegriff: der japanische Student bummelt nicht während
des Lernens und so braucht er auch keinen
Raun, rfa:u.
24. E i n A u s f l u g n a c h S e n d a i .
»Nein, nach Sendai kann man im Winter nicht fahren,« sagen mir alle
meine japanischen Bekannten, »dort ist es jetzt viel zu kalt.« Bei schlech= tem
Wetter geht der Durchschnittsjapaner nicht einmal in Tokio aus dem Hause,
geschweige, daß er Ausflüge nach dem Norden des Landes machte, der
infolge seines langen und harten Winters auch nur spär= Eich bevölkert
ist. Aus diesem gefürchteten Norden kommt aber von meinem Landsmann
Professor Dr. Molisch, der von der japanischen Re= gierung für mehrere Jahre
nach Sendai berufen wurde, ein so freundlicher Einladungsbrief, daß ich mich
trotz der zehn Expreßzugsstunden über eine dicht verschneite Trasse kurz
entschlossen dort anmelde. Da in der Nacht vor dem für meine Abreise
bestimmten Tage einer der hier gar nicht seltenen Schneestürme einsetzt,
fühlen sich auch meine sämtlichen europäischen Hausgenossen verpflichtet,
mich vor Schneeverwehungen auf der Strecke zu warnen.
Der Zug rast wohl durch eine menschenöde Gegend, die in un=
berührtem Weiß schimmert, aber pünktlich auf die Minute, wie hier der
Eisenbahnverkehr überhaupt immer ist, komme ich gegen elf Uhr abends in
Sendai an. Wer beschreibt meine Überraschung, als mich zu so vorgerückter Stunde der ganze Lehrkörper des pflanzenphysiologischen In= stituts
200
unter Führung des Hofrates Molisch von der Bahn abholt, drei= zehn Herren
und eine Dame, unter welchen sich die Riesengestalt des Europäers wie
Gulliver unter den Zwergen ausnimmt.
Dieser Größenunterschied ist kein Hindernis für eine ebenbürtige
Freundschaft. Das in Verbindung mit Japanern so oft gebrauchte Wort
»Höflichkeit« reicht bei weitem nicht aus, die hingebungsvolle Zärtlich= keit
wiederzugeben, mit der Professor Molischs kleingewachsene Kollegen ihn hier
verhätscheln und umwerben; wie eine Diva, ist man versucht zu sagen, aber da
muß man hinzusetzen, wie eine Diva bei uns, denn in Japan sind die Vertreter
der Wissenschaft im Volke weit angesehener als irgendein Künstler oder
Mine. Daraus erklärt sich Professor Einsteins märchenhafter Erfolg hier und wenn auch natürlich in etwas enger gezogenen Grenzen -- die Stellung des
Hofrates Molisch in Senda:, wo ihn jedes Kind kennt und sich auf der
Straße nach ihm umdreht, wo die jungen Mädchen hinter ihm drein
»Molisch=san« (Herr Molisch> wispern.
Mißvergnügte Residenten pflegen diese Verehrung des ganzen Volkes für
Persönlichkeiten, deren Werk jenseits seines Verständnisses liegt, Snobismus
oder Sensationsgier zu nennen. Verstand aber das europäische Publikum, das
sich von Rabindranath Tagore indisch vorlesen ließ, mehr davon? Jedenfalls ist
für einen österreichischen Gelehrten diese Bereit= willigkeit zur Bewunderung
ein erstmaliges Ereignis. Nicht einmal in Deutschland werden die Leuchten der
Wissenschaft persönlich gefeiert, und sogar ein Dubois=Reymond, ein Abbe
hätten sich gewundert, wären ihnen Caruso=Ehren zuteil geworden. Nach der
Revolution in Wien wie in Berlin fand es jedermann in Ordnung, daß der
Professor hungerte, sogar er selbst. Diesem Wiener Gelehrten, der sich so wie
seine Kollegen daran gewöhnt hatte, in seinen Daseinsbedingungen hinter
denjenigen mancher Handarbeiter zurückzubleiben, und der nun endlich,
endlich, zum erstenmal, gefördert, anerkannt und geschätzt, sein Leben
sorglos der Wissenschaft hingeben kann, eröffnet sich hier in Japan eine un=
bekannte Welt.
Rührend und auch erschütternd ist die Glückseligkeit dieses Euro= päers
darüber, daß ihm dies noch trotz seines vorgerückten Alters beschieden ist,
lebt er auch getrennt von Frau und Kindern, fern von jeder
europäischen Gesellschaft, im kalten Norden Japans. Nur darüber ist er
201
bekümmert, daß er täglich einige dieser unwiederbringlichen Stunden dem
Schlafe opfern muß, aber an jedem Abend macht er die Augen zu wie ein
Kind, das weiß, daß morgen Weihnachten ist.
Das alles erfahre ich noch nachts im Hotel, in dem ich, die Lands= männin
des verehrten wissenschaftlichen Lehrers, Gast der Universität bin. Das
»Institut« hat sich das nicht nehmen lassen und alle Professo= ren begleiten
mich bis zum Eingang und versichern mir mit strahlendem Lächeln, daß sie sich
seit Wochen darauf gefreut hätten, einen Gast des Wiener Gelehrten als ihren
Gast empfangen zu dürfen.
Das Institut hat auch alles für den Ausflug nach Matsushima vor= bereitet,
einer
erscheint der Gedanke
in offenem Boote
gem Schnee=
tesk, aber
I\Iolisch
Assistent
Hibino
ren mir
Glü k
=
fallos. Und
sächlich alle un=
die achtundachtzig
standenen Inselehen
Küstenlandschaft in der
Nähe Sendais, welche
eine Winter= schönheit
und noch dazu eine der
drei »Sankei« ist, der drei
berühmte= sten in Japan ~uI
.
an eine Meerfahrt
bei dickflocki= treibengro=
Professor
und
sein
Professor gratulier zu dem
ses Schnee=
er erfüllt tat= sere
Erwartungen: winzigen,
fchtenbe=
im Golf von Matsushima
202
mit ihren edellinigen Bäumen sind sämtlich weiß
0
bemalt und schimmern durch das Flockengewirr wie lockende Geister und der
Shintotempel der Familie Date in einem dicht= verschneiten Koniferen=
walde sieht aus wie mit weißer Farbe nach= gezeichnet. Und da zu Mittag gar
noch die Sonne herauskommt und es zu schneien aufhört, da lichte Sonnenkringel
über die Schneedecke huschen, sich die weiß= glitzernden Inselehen wie
liebliche Meeresblumen vom azurnen Horizonte abheben und sich plötz= lich
mächtig heraustretende Alpenketten - weiß natürlich auch sie zu einem
gewaltigen Rahmen um das zierliche Bild schließen, genießen wir wie trunken
all diese Herrlichkeit.
Insbesondere den japanischen Professor macht der schöne Tag ganz
glücklich, denn nichts freut einen Japaner mehr, als das Entzücken Fremderüber sein Land, dem jeder seiner Söhne gleichzeitig die Gefühle eines Eigners
und eines Knechts entgegenbringt, in einem seltsamen Patrio= tismus dessen
dienende Art uns fremd bleibt. Natur und Mensch sind hier ,
eins. Jeder Japaner ist, wie etwa ein Kirschbaum, ein Stück
dieses Landes.
Professor Hibino folgt unseren bewundernden Blicken mit leuchten= den
Augen und so kommen wir bereits als gute Freunde wieder in Sendai
\C O Uns an der
Rah„ A-1Q Antn AP-Z
denten erwartet
waltungsbe=
dem Rang
Rektors
selbst
sondern
Regie=
vorge=
horde über
renkollegium
Art
~~ne
Wünsche des Lehr= v
dem Staat über die
Mit der Freiheit und
och nicht weit her.
an, Universitätspräsi= Dieser Ver= amte mit eines
ist nicht Lehrer, von der rung als setzte D
e=
das Professo= gesetzt; er soll di>
roter der Regierung die
körpers vermitteln, aber auch als eine Art Detekti Vorgänge an der Universität
Auskunft geben. Selbstverwaltung der Hochschulen ist es in Japan
Eigentlich ~c•o11te ich mich vor dem Empfang n
. ~........... ~ ...........
ein wenig im Hotel zurechtmachen, aber Professor Hibino redet es mir aus.
Aus ähnlichen Erfahrungen weiß ich, daß ein Japaner kein Ver= ständnis
dafür hat, ob eine ausländische Kleidung, die einem Schnee= wirbel auf
offener See trotzen sollte, für einen Besuch geeignet sei oder nicht, und
ich bin sicher, daß mich der Herr Präsident in Wollsocken
und Pantoffeln empfangen wird.
Die Zusammenkunft, in welcher ich meinen Dank für all die Gast=
freundschaft abstatten kann, findet in einer Ecke des riesigen Festsaales
dicht bei einem eisernen Ofen statt. In der Glühhitze, die er ausstrahlt,
C:-.Lt-,,t, »,.,J, ;... t n ,mmon . -A t1 p hpi=
20
3
den anderen Herren sitzen im Winterrock da -- daß man diesen im Vorn
zimmer ablegt, ist hier noch nicht
üblich.
Wir trinken Tee und reden
Höflichkeiten. Solche Besuche
sind über= all in Japan
unerläßlich
und
nehmen
natürlich nicht nur dem Gaste,
der gern so viel wie möglich
sehen möchte, sondern auch den
Würdenträgern kostbare Zeit
weg. Aber nirgends kann man
etwas besichtigen, ohne vorher
mit dem leitenden Di
rektor Tee getrunken zu haben.
Reichte etwa die vorhandene Zeit
nicht zu dem Tee aus, so muß
auch
die
Besichtigung
unterbleiben.
Endlich aber darf ich Pro=
fessor Molisch in sein neues
Laboratorium folgen und hier
gewinnt ungeteilte Hochachtung
vor den Japanern wieder die
Oberhand.
Die japanische Würdigung
der Wissenschaft zeitigt nicht nur
die Folge, daß sich das Volk die
Gelehrten zu seinen Lieblingen
erkürt, sondern auch, daß der Staat
die
Universitäten
freigebig
ausstattet. Die Pro= fessoren selbst sind zwar, wie alle Staatsbeamten, sehr
schlecht bezahlt, aber mit den neuesten Apparaten, Maschinen und
Lehrmitteln in versehwenderi= scher Fülle versehen. In Sendai ist die
wissenschaftliche For=
schungsstätte der Universität umgebaut worden, es gibt zehn neue In= stitute,
darunter eigene Häuser für Paläontologie, Geologie, Mineralogie, Zoologie,
204
eine Fakultät für Ingenieure und ein großartiges Gebäude für
Stahlforschung, Metallexperimente und Versuche mit leichteren Legie= rungen,
wo das geeignete Material für Luftschiffahrt ausfindig gemacht und
wissenschaftliche Ergebnisse in der Praxis ausgeprobt werden sollen.
Man hat diese neuen Institute großartig ausgebaut, weil man die Jugend
des Nordens, die wie alle japanischen Studenten aus den Provinzen von Tokio
angelockt wird, in ihrem heimatlichen Bezirk festhalten will; aus demselben
Grunde hat man Professor Molisch dahin berufen -- als An= ziehungskraft,
als wissenschaftlichen Star.
Japan ist reich an Vulkanen und heißen Quellen und für die Wissenschaft
ist die Biologie der Organismen und die Mikrobiologie des Meeres mit seinen
Algen, seinen Schwefel=, Leucht= und Purpurbakterien bei sechzig und
siebzig Grad Wärme ein völlig unbekanntes Gebiet, so daß
Professor Molisch hier eine ganz neue Experimentalphysiologie begründen
205
und verankern kann. Das Experiment liegt nämlich dem japanischen Wesen
nicht, die Japaner eignen sich mit ihrer Vorliebe, aus Büchern heraus zu
arbeiten und zu lernen, besser zu Systematikern und Morpho= logen. Da sie
sich wie kein anderes Volk über ihre eigenen Unvollkommenheiten klar sind,
haben sie in Erkenntnis dieses Mangels des Volks= charakters den Meister des
Experiments hierher berufen und nun lesen sie ihm jeden seiner Wünsche an
den Augen ab. Die kostspieligsten Zeiss= Instrumente stellen sie ihm zur
Verfügung oder lassen sie ihm kommen, jede von ihm vorgeschlagene
Neueinrichtung führen sie aus, jeder seiner
204
205
Anregungen leisten sie Folge. Ein Glashaus, ein botanischer Versuchs=
garten, eine reichhaltige Bibliothek gestatten dem
sich ungestört
unverwöhnten Wiener,
dürfe, wie Professor Molisch
sich hier zum erstenmal aus
schlägt es ihm, daß der
Residenten in Tokio
eben ausgenützt
dem Vollen
dem die Japaner
wissenschaftlich
len, um dann
auszuleben; jede
Schwierigkeit,
weggeworfen
die Ver=
durch Lie=
digkeit
dazu, daß
zu früh
sondern
hergebe, und
könne. der
alte Herr
hätte sich all
lang nichts hei=
als immer auf
genützt« zu werden
Vom flachen Dach
..uwerden; zuckerung benswür=
diene nur
jede
Nebenobliegenheit
wird ihm aus dem Wege
geräumt,
Dutzende von Händen sind angewiesen, alle laufende Arbeit an seiner
Statt zu erledigen und jede Ablenkung von ihm fernzuhalten, damit er
seiner reinen Forschungstätigkeit hingeben könne -- oder
selbst es nennt. Was ver=
Chor der tadelsüchtigen
behauptet, er werde
wie jeder, von
etwas lernen wol=
rücksichtslos
eine wunderbare Rund=
206
er es nicht
merke,
willig alles
was er sei Doch meint lächelnd, er sein Leben
fier gewünscht, solche Art »aus=
des Instituts gibt es sicht auf den Bergkranz,
in dessen Mitte, wie in einem Kessel, Sendai liegt, und auf die hundert
20
7
Windungen des Hirose=Gawa=Flusses. In diese schöne Umgebung der Stadt
fahren wir des Nachmittags im Auto hinaus, sehen auf den Kanälen die
Buben Schlittschuh laufen - manche haben die Eisen an die bloßen Füße
geschnallt, wie auch mit bloßen Füßen Fußball gespielt wird -r und
berochen die alte Festung des Daimiyos Date, die im Jahre 1868 zerstört
wurde, als in Japan der Feudalismus einer moderneren Zeit weichen mußte.
Und im weißen Schmucke eines Schneemantels sehen wir noch den
wunderbaren, uralten Tempel, den die Sage den Ainos, den Ureinwohnern
Japans, zuschreibt.
206
Abends gibt mir das »Institut« in dem neuen Hotel der Stadt eines der
epikuräischen Essen, mit denen Japaner ihre Gäste zu bewirten pflegen.
Nichtsdestoweniger wird in einer Rede, der Tradition gehorchend, »das arme
und bescheidene Mahl« entschuldigt. Diese japanischen Redensarten kommen
dem die Ansprache haltenden Professor nicht mehr ganz naiv aus dem Munde,
hat er doch fünfzehn Jahre lang in Amerika gelebt,
und so lacht er bereitwillig mit, wenn ich mich bei jedem neuen, lukullischen
Gang über das »armselige« Menü entrüste. Auch so gelehrte Herren, die
auf der Höhe moderner Wissenschaft stehen, dürfen es nicht wagen, vom
Herkommen abzuweichen, wiewohl diesem halb amerikanisierten Japaner und
seiner Frau all der Ballast aus dem Mittelalter, den mitzuschleppen hier
jeder verpflichtet ist, offensichtlich ebenso kurios erscheint wie mir.
20
7
l
Nach hier herrschender Sitte kommt das »Institut« zu meiner Abreise spät
abends wieder auf den Bahnhof, wobei mich natürlich der Gedanke bedrückt,
daß der alte Herr aus Wien in solcher Kälte, im Schnee, nach Mitternacht
in offener Riksha heimkehren muß.
Die ganze Nacht hindurch fahre ich nach Tokio zurück, zwei Stunden
braucht die Riksha vom Bahnhof ins Hotel, während welcher meine ge=
räderten Glieder nur nach Ausruhen verlangen - aber nein, im Warte= zimmer
harrt meiner ein Reporter, um meine Eindrücke aus Sendai noch brühwarm ins
Blatt zu bringen.
7
5 , Beim Direktor des Irrenhauses.
An der Strecke einer neuen, mit breiterem Geleise und wundervollen
Aussichtswagen ausgestatteten elektrischen Seitenbahn liegt die kürzlich
eröffnete neue Irrenanstalt. Bei dem Knotenpunkt, bei dem ich die Straßen=
bahn verlasse, habe ich eine Verabredung mit ihrem Direktor, dem Psy=
chiater Professor Miyake, der gerade zurechtkommt, um in meiner Aus=
einandersetzung mit dem Schaffner zu vermitteln. Letzterer ist vollkommen im
Recht. Fälschlich war-ich der Meinung gewesen, in die andere Elek= trische
mit derselben Straßenbahnkarte umsteigen zu können, die ich daher nicht
abgeben wollte. Deshalb bleibt der Wagen der Straßenbahn stehen und hemmt
den Verkehr des nachfolgenden, trotzdem ich mit dem Fahr= schein auf der
großen Bahn nicht den mindesten Mißbrauch hätte treiben können. Ein
japanischer Schaffner hat aber die Fahrscheine abzunehmen und die
Staatsmaschine hat ihm das eigene Urteil über besondere Fälle ausgetrieben.
Die Bekanntschaft mit Professor Miyake ist also schnell gemacht, ins=
besondere, da er gut Deutsch spricht und in Wien bei den Professoren
Obersteiner und Wagner von Jauregg studiert hat. Wien - - ! Sein Gesicht
verklärt sich bei dem Worte »Prater«. Für jeden dieser einmal außer Landes
gewesenen Gelehrten bedeutet die tief in der Erinnerung verankerte
Jugendreise den einzigen Lichtblick seines Daseins; dieses wird nämlich -- so
heiter Japan äußerlich scheint -- vom Untertan nur er= duldet. Er ist nicht
dazu da, sich seines Lebens zu freuen.
Daß es in Japan im Verhältnis zur Bevölkerung einen größeren Prozent= Satz
Irre gibt als überall sonst, kommt ebenso wie das Höchstmaß an
Kindersterblichkeit von der furchtbaren Verseuchung des Volkes mit
venerischen Krankheiten. Dem mit Rosen bekränzten Geisha=Libretto folgt
hier ein weit weniger zu Operettentexten geeignetes Nachspiel. Die Zahl der
geistigen Erkrankungen, besonders die der juvenilen Paralyse,
208
steigt immer noch an und nur dreizehn Prozent der Fälle werden geheilt
entlassen. Trotz des ungeheuren Sakekonsums wird höchstens einmal in fünf
Jahren ein dem Trinkerirrsinn Verfallener eingeliefert. So sehr ist die
Bevölkerung an dieses Gift gewöhnt.
Einen grauenhafteren Anblick als diese blöden, glattrasierten Köpfe über
den abschreckend häßlichen und beschmutzten, grauen Kitteln, diese nackten
behaarten Arme, die sich in dem eiskalten, völlig leeren Papier= raum wie
hilfeflehend über das Holzkohlenfeuer des Hibachi recken, kann sich auch die
kühnste Phantasie nicht
ausdenken. Nur an den
Stellen, an welchen die
matten
Papierwände
zerrissen sind, kommt in
den
dämm=
rigen,
mattenbelegten
Raum etwas natürliches
Licht, aber auch die
ganze Kälte von draußen.
Dieses neue Irrenhaus
umfaßt 72 000 Morgen
Grundes und soll das
umfangreichste der Welt sein. Es ist mit sieben=
hundert mittellosen
Kranken belegt, denn die
Wohlhabenderen suchen eine der zehn Privatanstalten Tokios auf. Kalt=
wasserkur und Psychoanalyse werden von der japanischen Wissenschaft
abgelehnt. Die Heilmethode kann ich nicht ausfindig machen, man be= gnügt
sich hier offenbar mit der Einzelverwahrung. Bei den weniger schweren Fällen
sehe ich Beschäftigungsversuche, Gemüsebau und Handarbeiten.
Umgrenzungsmauern gibt es nicht und aus den im alt= japanischen Stile
erbauten, völlig offenen Papierpavillons kann weglaufen, wer will.
Erschütternd einfach ist die Kost: über den Reis, der in einem offenen
Schuppen in acht riesigen Dampfkesseln gekocht wird, gießt man aus Kannen
eine dünne, graue und fettlose Gemüsesuppe und dem ein= zelnen wird auf
seinem Holzteller so wenig davon gereicht, daß mein Herz vor Mitleid
erzittert. Das Mittagessen der Ärzte ist nicht viel üppiger. Das des
Direktors steht seit zwei Stunden auf einem zugedeckten Teller inmitten des
bunten Durcheinanders seines Schreibtisches. Einfacher kann man nicht mehr
amtshandeln, denn sein Zimmer ist fast ganz leer.
Als mich Professor Miyake abends in sein Haus mitnimmt, bringt seine
Frau in das europäische Zimmer das weit reichhaltigere Abendmahl für den
Gatten und den Gast in japanischen Schalen und Töpfchen. Bei
Alice Schalek, Japan. 14
209
a
jedem Gang bleibt sie ein Weilchen bei uns stehen und sieht uns essen zu.
Japanische Kost im Privathause kann vorzüglich, wenngleich nicht so
prickelnd wie chinesische Küche munden. Zum Backwerk kommen alle acht
Kinder herein und jedes darf ein Stückchen nehmen; zwei enta zückende,
schalkhafte Mägdlein, Akiko, zu deutsch Sonnenschein, und Momo, Pfirsich,
schmiegen sich zutraulich an mich. Sie bringen mir ihre abonnierten
Zeitungen, ihre Schulhefte und Zeichnungen und es wird sehr gemütlich. Das
Gefühl, willkommen zu sein, blüht in mir auf und ich kann es nicht recht
glauben, daß man nach einigen Jahren des Auf= enthalts in Japan zur
Erkenntnis reife, wie unmöglich es sei, in die japanische Familie einzudringen.
Nach dem Mahle führt mich der Professor in das anstoßende Haus zu
seinen bejahrten Eltern. Bei diesen von keinerlei ausländischer Zivi= lisation
angekränkelten Urjapanern ist alles echt, die wunderbaren alten Zeichnungen
an den Wänden der fast leeren Zimmer, die köstlichen Schnitzereien über
den Türen und die edellinigen Bronzen auf den schim= mernden Lacketageren.
Im eigenen Heim klimpert mir dann die älteste der jungen Damen auf Wunsch
des stolzen Vaters das Gondellied von Men= delssohn auf dem Pianino vor wie Menschen mit uralter Geschmacks= kultur sich zu der Lebenslüge solchen
Klaviergezupfes hinfinden können, begreife ich allerdings nicht.
Vater und Tochter begleiten mich noch bis zu meiner Wohnung und ich
soll mit dem von der »Universität« graduierten Fräulein englisch
sprechen. Sie lächelt verlegen und erschrocken und bleibt stumm, so daß mich
bald wieder die Erschöpfung, die der Verkehr mit Japanern unab= wendbar mit
sich bringt, völlig lähmt. Nie werde ich erfahren, ob Yukiko= san, Fräulein
Glücklich, wirklich in fünfjährigem englischen Unterrichte nicht die einfachste
Frage zu beantworten lernte oder ob die Schuld daran nur die tödliche
Schüchternheit japanischer Mädchen trägt, gegen die alle modernen
Frauenvereine ihre Kampftruppen in Bewegung setzen.
Moderne Malerei.
Mit genau derselben Beharrlichkeit, mit welcher die Japaner ihrer un=
gelenken Zunge fremde Sprachen abzwingen, mit der sie ihre überlieferte,
gedankenschwere Langsamkeit modernen Betrieben anpassen, nötigen sie auch
ihrer angestammten Kunst eine Annäherung an die europäische ah, was bei
der Malerei und der Musik nicht ohne gewaltsame Anstrengung geschieht.
Nichts vermag einen europäischen Beschauer so traurig zu stimmen wie
eine Ausstellung moderner Gemälde in Tokio. Gewiß umschließt oft auch der
Münchener Glaspalast allerlei unerfreulichen und bolschewisti= schen Kitsch,
aber diese Modemätzchen erschlagen keine bodenständige Volkskunst. In
Japan hingegen drängen sie sich an die Stelle einer kürst= lerischen
Vollkommenheit, deren einziger Fehler darin gelegen ist, daß sie den
26.
210
Nachkommen für einen weiteren Ausbau nichts mehr zu tun übrig= läßt. Das
beste Beispiel hierfür ist der im Museum zu Tokio ausgestellte Lackschrein aus
dem 17. Jahrhundert, der im Jahre 1873 zur Wiener Welt= ausstellung gesendet
wurde und mit dem Schiffe unterging; als er ein Jahr später vom
Meeresgrunde gehoben wurde, war er völlig unversehrt. Da= durch aber, daß
die Gesetze der japanischen Volkskunst zum Dogma er= starrten und das
Publikum auf ihrer restlosen Einhaltung besteht, wird die erstaunliche Bildung
des japanischen Volkes in den Gebieten seiner eigenen Kunst und Literatur
zum Hemmnis für die Entfaltung neuer Schulen.
Das japanische Kind wird als Maler geboren. In einem Alter, in dem das
unsrige oft noch nicht einmal einen Bleistift festhalten kann und besten= falls
quer über ein Stückchen Papier kritzelt, beobachtet es in Japan, wie die Sonne
über das Meer glänzt, wie der Mond aufgeht, wie das Vieh auf der Weide
steht, vermag es, die malerischen Motive in der Natur aufzufinden. In
einem Kindergarten auf dem Lande habe ich von drei= bis vierjährigen, von
einer einfachen Kindergärtnerin geleiteten Kleinen farbige, freie
Handzeichnungen gesehen, bei denen der Raum des Papiers künstlerisch
eingeteilt und diejenigen zwei oder drei Striche hingeworfen waren, mit denen
ein Berg, ein Haus, eine Stimmung anzudeuten ist. Ihre Impulse sind die
Ergebnisse von Jahrhunderten, weil das Können jedes großen Künstlers der
japanischen Vergangenheit auf die gesamte Nachkommenschaft übergegangen
und zu einer festen Grundlage gewor= den ist, auf die sich der lebende
Künstler stützen kann, - -- aber auch stützen muß. Setzte ein Maler die
Silhouette des Berges Fuji, des in der japanischen Kunst meistverwendeten
Motivs, statt oben rechts oben links hin, füllte er die untere Hälfte des Bildes
nicht mit Wellen des Meeres aus oder führte er deren Andeutung nicht in der
vorgeschriebenen Weise durch, so wie Frau Kadono es in einer
spielerischen Minute aus Sand fertigbrachte, so gälte das für die öffentliche
Meinung als Herausforderung.
Nirgends hat es daher der Maler so schwer wie in Japan. Will er nicht
zu den bereits vorhandenen Hunderttausenden Bildern gleichen Stils ein
weiteres unpersönliches hinzufügen, will er neue Wege gehen, so läuft er
Gefahr, in der Öffentlichkeit als Nichtskönner zu gelten. Aus solcher
Unduldsamkeit der japanischen Tradition erklärt sich ebenso wie auf an= deren
Gebieten das urteilslose Untersinken des jungen Malernachwuchses in ganz
ultramodernen Absonderlichkeiten, mit welchen die aus Paris zurückkehrenden
Künstler das Publikum erschrecken. Unfähig, aus den Errungenschaften der
Vergangenheit das geringste in die neue Malerei mitzubringen, werden sie in
demselben Augenblicke, in dem sie die ge= wohnte Bahn verlassen, auch selbst
von dem Talent ihrer Rasse verlassen und stehen der modernen Kunst genau
so hilflos gegenüber wie Hotten= totten oder Fidschi=Insulaner.
Eine moderne Aquarell=Ausstellung in Tokio ist das Schmerzhafteste, was
es gibt. Die äußere Aufmachung ist die getreue Nachahmung irgend= einer
europäischen Sezession: in das Gewächshaus des Ueno=Parées sind niedrige
Kämmerchen in der Form von Honigwaben, mit schmalen Zellen= wänden aus
grauer Sackleinwand, eingebaut worden, so daß die hohe Decke des an eine
Reitschule erinnernden Riesenraumes noch höher wirkt. Der Saal ist ungeheizt
und daher einem Eiskeller nicht unähnlich und an jeder Seite der
sechseckigen_ Zellen hängt in einsamer Öde je ein Bild -also wie die Europäer
sich räuspern, hat man ihnen glücklich abgeguckt. Japanisches
Dekorationstalent hätte sich ohne europäische Knebelung natürlich
tausendmal erfindungsreicher über das einförmige Grau hinweg= geholfen.
Die Bilder selbst sind trostlos. Zu den Versuchen des Malers Matsu=
yama, holländische Landschaften wiederzugeben, variiert man am besten den
Ausruf des Ungarn von dem Porträt seines Vaters: »Armes Holland, wie
hast du dich verändert!« Dabei gehört dieser Künstler noch zu den
gemäßigten. Das Bild eines japanischen Tempels, ein Motiv, welches hier
jedes Kind zeichnen kann, wird von einem Expressionisten als ein so
jämmerliches Gepatze gebracht, daß ich bedauere, nicht zu wissen, wie es
auf Japaner wirkt. Zwei Maler haben es gewagt, in diese Ausstellung der
Modernen den Fujiyama hineinzuschmuggeln, trotzdem er in diesen Kreisen
als »abgedroschen« und »abgetan« gilt; gibt es doch in Japan kein Bäckerschild
und kein Textilerzeugnis, keine Zigarettendose und keinen Manschettenknopf,
keine Lackschachtel und keine in Stahl gehämmerte Goldarbeit, die nicht den
Fujiyama als Schmuckzeichnung verwendete, ja, diese von sechzig Millionen
Japanern so sehr geliebte Bergsilhouette verziert in den Warenhäusern sogar
das zum Einpacken dienende Seiden= papier. Die Hingebung eines ganzen
Volkes an die Schönheit eines Land= schaftsbildes ist ergreifend - und was hat
Herr Yashisaki daraus ge= macht? Einen wüsten Schneebrei, als ob der
Fujiyama in der Sonne
212
zergangen wäre. Natürlich gibt es hier auch den Akt, den das alte Japan
ausnahmslos ablehnte; der moderne Maler sucht ja geradezu gegen die Sitte zu
verstoßen. Die expressionistischen Porträts können noch am ehesten als
Verbindungsglied zwischen alter und neuer Kunst aufgefaßt werden, weil die
antiken japanischen Porträtisten die Ähnlichkeit für un= nötig hielten und dafür
Dekoratives lieferten. Auf den dick aufgetragenen Farben stehen die Namen
der Maler weithin sichtbar in europäischen Buchstaben und so erfährt auch
der ausländische Besucher, daß es ein Herr Miaji war, der eine
sezessionistische Paraphrase der berühmten Ährenleserinnen geschaffen
hat. Japanische Kopisten stellen ihre Nach bildungen europäischer
Museumsstücke, die sie mit unerschrockener Genauigkeit vollinhaltlich
abgemalt haben, in Japan unter eigenem Namen als Originalschöpfungen aus. In
dieser Ausstellung zeichnet zum Beispiel ein Maler namens Yokote eine
Rembrandt=Kopie mit seinem Namen, wobei die Einbeziehung des
Rembrandt=Kopfes in die hypermoderne Gemäldeschau niemanden stört. Die schlimmste der Geschmacksverirrungen ist wohl ein Genrebild, dem
ausländisch angezogene Japaner als Staffage dienen.
Während ich durch diese Ausstellung schreite, taucht in meiner Erinnerung die Festbeleuchtung einer Palmengruppe an der Küste von Ceylon mit
bunten, elektrischen Birnen auf - so zerstören wir Europäer überall, wohin
unser Fuß tritt, die Schönheit des Ostens.
»Diese japanischen Künstler«, sagt mir einmal der Schweizer Maler, der in
meinem Boarding=house wohnt, »die uns so überlegen sind und so viel mehr
können als wir, zu entmannen, ist einfach das Gemeinste, was wir Europäer
jemals gemacht haben. Wie in der Geschichte von Mey= rinck, in welcher
eine Kröte einen Tausendfüßler fragt, nach welcher Vorschrift er eigentlich
seine tausend Füße bewege, worauf dieser plötzlich überhaupt nicht mehr
gehen kann, nehmen wir Europäer den Japanern ihre Sicherheit des Andeutens
und des Bildausschnitts. Schon die Umwandlung des Hochformates, in dem so
unendlich viel Möglichkeiten liegen, in unser Querformat, ist eine
Herabminderung japanischer Kunst.«
Wenn wir allein sind, flucht er gottserbärmlich über jeden Luftzug, der in
Japan etwas umwirft. Er selbst versucht indessen mit allen Mitteln, den
Japanern seine Bilder aufzudrängen. Wie schwierig das augenblicklich noch
ist, kann ich an seinen Anstrengungen ermessen, denn nicht nur die Malweise
ist verschieden, sondern auch die Art der Betrachtung, so daß der Käufer
nicht nur von seinem Geschmack, sondern auch von alten Gewohnheiten
abgehen muß. Die alten japanischen Gemälde wurden
213
von den meist kurzsichtigen Malern, die auf der Erde hockten, aus nächster
Nähe gemalt und von den Käufern auch aus nächster Nähe besehen. Sie
liegen in einem Wandfach fein säuberlich eingerollt und werden erst in dem
Augenblicke, in welchem sie betrachtet werden sollen, abgewickelt. Der
Beschauer setzt sich zu diesem Behufe vor ein niedriges Tischchen auf die
Erde, spult das Bild von der einen Seite ab und auf der andern wieder auf,
so daß er immer nur ein kleines Stückchen davon genießt.
Fast jeder Japaner ist imstande, über Bilder im alten Stil richtige Urteile
abzugeben, hingegen hat kaum einer für unsere Kunsterzeugnisse Verständnis,
kauft sie infolgedessen nur, wenn der Maler einen Namen hat oder sich in
Szene zu setzen versteht, in letzterem Falle auch dann, wenn sie ihm nicht
gefallen.
Mein Schweizer Hausgenosse ist zynisch genug, ganz offen einzugestehen, daß er dementsprechend handle und vor keinem Mittel der Reklame
zurückscheue. In europäischen Kreisen wundert man sich über seine Verlobung mit einer der berühmtesten Geishas und über seine Absicht, sie auch
wirklich zu heiraten, aber der Künstler erzählt mir ganz ohne Umschweife,
daß er gar niclirgenug Leinwand vollklecksen könne, seit das Brautbild
durch alle Zeitungen gehe und sein Name in aller Munde sei. Müsse er doch
bei manch einem Abendessen mit Japanern fünfzigmal dasselbe Motiv auf
Tischkarten zeichnen, jedes natürlich für ein beträchtliches Honorar, bloß weil
der amüsierte und betrunkene Zecher zusehen wolle, wie ausländische
Malerei »gemacht« werde. Außerdem habe die Geisha überall Beziehungen,
auch in den kleinsten Landstädtchen, und veranstalte Ausstellungen von den
Bildern ihres Bräutigams in Orten, die Europäer sonst nicht einmal dem
Namen nach kennen.
Auf diese Weise verkauft der Mann wahre Massen seiner Bilder in Japan.
Nicht eines ist darunter, ebensowenig wie in der ganzen modernen
Ausstellung, das ich besitzen wollte, während man sonst hier Gasse auf, Gasse
ab förmliche Folterqualen leidet, weil man einfach nach sämtlichen
Gegenständen aus jeder Auslage Verlangen trägt. Nichts ist unschön in
Japan, nur die neue Kunst bringt Häßliches zuwege und daran tragen einzig wir
Europäer die Schuld.
27. E u r o p ä i s c h e M u s i k .
Die einzige ausländische Lehrerin für Musik an der Tokioter Staatsakademie, eine hochblonde Norwegerin, ist mit einem Deutschen ver214
heiratet, aus welchem Grunde sie zugunsten der Deutschlandhilfe ein Konzert
veranstaltet. Dieses Konzert bedeutet für mich den ersten Zu
sammenstoß mit der Pflege ausländischer Musik in Japan. Es findet in einem
der nüchternen, kahlen, schuppenartigen Holzbauten statt, die in ausländischem
Stile gehalten sind und daher jeder Schönheit entbehren. In dem trostlos
ungemütlichen Saal, den man eher für eine Straßenbahn= wartehalle als für
einen Konzertraum halten möchte, wird eben, da ich eintrete, Schuberts HMoll-Symphonie, die grandiose Unvollendete, von einem Jünglingsorchester
gespielt, doch ehe ich diese Tatsache von einem Programmzettel ablese, kommt
mir bei dieser unmusikalischen Musik gar nicht der Gedanke an das geliebte
Werk meiner Heimat. Der Gatte der
Veranstalterin des Konzerts erklärt mir angelegentlichst, daß das Orchester
nicht aus Schülern des Konservatoriums, sondern aus Dilettanten, aus
Hochschülern gebildet sei, die sich dem Wohltätigkeitswerk unentgeltlich zur
Verfügung gestellt hätten. Das Urteil über die modernen Leistungen der
Japaner schwankt immer zwischen Härte bei dem Vergleich mit dem
215
europäischen Vorbild, wobei noch keineswegs auf musikalisches Können in
Wien zurückgegriffen werden müßte, und Nachsicht bei der Erwägung der
Kürze der Zeit des Unterrichtes, bei welchem auch noch die Rührung über
das ungeheure Streben der Japaner, über ihre Fähigkeiten hinaus
Unmögliches zu erreichen, in die Wagschale fällt. Daß sich arme Studenten
aus eigenem Antrieb zusammentun, um die ihnen
214
215
so unendlich fernliegende Schubert=Musik einzuüben, ist sicherlich außer=
ordentlich rühmenswert; dagegen gehört ein großes Stück des japanischen
Mangels an Kritik ausländischer Dinge dazu, mit solchen herzzerreißenden
Katerklängen in die Öffentlichkeit zu treten.
Da das Programm die hier übliche, erschreckende Länge hat, blicke ich
düster in die Zukunft. Nach Schubert kommt Mozart, Bach, Händel - von
jedem das längste Werk; drei Symphonien, ein Streichquartett, mehrere
Violinkonzerte, genug, um bei uns drei Musikaufführungen zu füllen. Die
Residenten, die bei der Wohltätigkeitsveranstaltung acte de présence machen,
sehen alle so unglücklich aus, daß ich fälschlich das Konzert fällt in den
Beginn meines japanischen Aufenthaltes - aus der Endlosigkeit dieser den
Japanern fremden, schwierigen Musik auf deren noch größere Qual schließe.
In Wahrheit fordern sie geradezu so lange Programme, in der halb ehrgeizigen,
halb kindlichen Vorstellung, daß man, je mehr man sich innerlich langweile,
desto stolzer sein könne, daß man dabei aushalte. Infolgedessen sind sie um so
ausdauernder, je schwerer die Musik ist, bei deren Pflege sie ihrem Grundsatz:
immer nur das Tiefste, Schwierigste, Beste, treu bleiben. Operetten,
Tanzweisen, Couplets - mit Ausnahme der Foxtrottbegleitung, die sie als
Zweckmusik gelten lassen - das leichtere Genre überhaupt wird von ihnen
verachtet. Der Erfahrene stellt daher sein Programm doppelt so klassisch und
dreimal so lang zusammen als in Europa.
Den zweiten Teil des Konzerts leitet die Professorin durch ein paar
selbstgesungene Lieder ein, bei welchen sie von einer unauffälligen, be= brillten
Japanerin wie von einem Schatten begleitet wird. Während der weiße Tabi auf
dem Pedal meine Blicke anzieht, ist für die japanischen Anwesenden die
Blondheit der Sängerin das Ereignis des Abends. Das gelbe Nordlandsblond
der Skandinavierin blendet die Japaner noch mehr als das gewöhnliche, so daß
ich begreife, wie sehr die Mitwirkung einer blonden Sängerin das
Zustandekommen meines Vortrages gefördert hätte. Nach der Lehrerin tritt
ihre beste Schülerin auf, mit hübschen Kopftönen und einer im Hinblick auf
die Kleinheit des Persönchens überraschend tragfähigen, angenehmen
Stimme. Aber sie ahmt nicht nur Mundhaltung, Tonansatz und Klangfärbung,
sondern auch die ein wenig festgefrorenen Mätzchen der podiumsichern
Konzertsängerin so genau nach, daß man bei der Freischütz=Arie dieser
bebrillten Anfängerin im Kimono und auf Sandalen mit allen
Vortragsfertigkeiten einer Berufssängerin das Lachen kaum verbeißen kann.
Die Einladung der Professorin, sie in der Akademie zu besuchen,
216
nehme ich mit dem größten Interesse an. Der schlichte, angegilbte Holzbau
liegt malerisch im Hintergrunde des Ueno=Parkest von der Haltestelle hat man
noch zwanzig Minuten zu Fuße dahin zu gehen, so daß ich -von meiner
Wohnung zwei Stunden für den Weg benötige. Von der unvermeidlichen
Ermüdung, die jeder in Japan überallhin mitbringt und die zweifellos die
Ursache der unleugbaren Nervosität und Gereiztheit ist, die in Tokio überall
in der Luft liegt, besorge ich so wie stets, sie könnte mein Urteil trüben.
Den Staat kostet diese erstaunliche Akademie bedeutende Summen, ihre
Erhaltung wird aber, so gering die Ergebnisse sind, von der öffent= lichen
Meinung gefordert. Ihr gesellschaftlicher Rang ist so hoch, daß jede ihrer
Absolventinnen, was immer für Erfolge sie dort erzielt, auf eine bessere
Heirat rechnen kann. Wohl versteht der Bräutigam nichts von ihrem Spiel
oder Gesang, er hört der musizierenden Gattin auch niemals zu, aber er und
seine ganze Sippe sind auf ihre musikalische Aus= bildung stolz und es
entzückt sie, wenn sie den Gästen vorspielt, so sehr sich diese auch dabei
langweilen mögen. Der Klavierunterricht euro= päischer junger Mädchen
hilft sicherlich auch beim Männerfang und lockt den unmusikalischen weißen
Bräutigam genau so an, auch bei uns gibt die Jungverheiratete ihre
Musikstudien rasch genug auf, aber die Durch= schnittserrungensehaft ist
wenigstens nicht so kläglich.
Was ich hier zu hören bekomme, ist geeignet, Tote zu erwecken. Man
stelle sich ein Bretterhaus mit einfachen Holzwänden und großen Ritzen
zwischen den Latten vor, so daß fast jeder Ton durch das ganze Gebäude
schallt. Die zellenartigen Räume sind meist nicht viel breiter, keinesfalls viel
länger als das Klavier. Die Türen in der Korridoren sind wie in einem
Gefängnis höchstens drei Meter weit voneinander entfernt und jeder Schüler
hört während seines eigenen Spieles sämtliche Instru= mente des Traktes. So
wie ein japanischer Chauffeur gleichmütig über eine Brücke ohne Brüstungen
saust, sind die japanischen Nerven Klavierübungen mit dreifachem Violinspiel
gewachsen und, hört man eine Zeit= lang dieses Tohuwabohu von Tönen
mit an, so begreift man, daß im Russisch= Japanischen Kriege die
japanischen Kanonen eher zermürbt waren als die japanischen Nerven.
Fast überall hat das Spiel den Rhythmus einer Kinobegleitung; das
Notenheft, aus dem die Takte mechanisch heruntergeleiert werden, ist der Hort
des Könnens, denn das japanische Gedächtnis ist schwach und man sieht nur
selten auswendig spielen. Mit Ausnahme von drei Europäern unterrichten
ausschließlich Japaner. Japan farà da sè. Die Folge
217
des Abbaus der Europäer ist aber, daß die Schüler nach der Reifeprüfung bei
den europäischen Lehrern Privatstunden nehmen. Der Unterricht fußt auf
deutscher Methode und auf deutscher Musik. Deutsche Noten liegen überall
herum - die mir aus eigener Jugend so wohlbekannten Etüden und die Schule
der Geläufigkeit. Es gibt nur deutschen Gesang. Mit ängstlichem
Gesichtsausdruck legt mir eines der kleinen, herzigen Püppchen, dessen
schöne Stimme sehr gut geschult ist, die Frage vor, ob ich das Deutsch des
Liedes verstanden hätte. Zu lange bin ich schon in Japan, als daß die typisch
japanische Eigenschaft, immer nur das zu
sagen, was der andere gern hört, nicht ein wenig auf mich abgefärbt hätte,
und so beschließe ich, der kleinen Sängerin im Kimono nicht wehe zu tun.
In der Gesangsabteilung werden die Fortschritte der Schüler dadurch
verlangsamt, daß die herkömmliche Scheinsittsamkeit in den Staats=
schulen gemischte Duette und Chöre, überhaupt den gemeinsamen Unter=
richt von Jünglingen und Mädchen untersagen. Nach wiederholten Bitt=
gängen sind kürzlich einige Chorstunden unter der Bedingung gestattet
worden, daß die Geschlechter getrennt sitzen und verschiedene Ausgänge
benützen. Diese Vorschriften der Sitte und der Obrigkeit lassen sich bei
den aufgeklärten Studenten und Studentinnen natürlich nicht mehr recht
218
aufrecht erhalten - wohl verlassen sie die Akademie auf getrenntenWegen, aber
draußen im Ueno=Park treffen sie einander wieder.
Sonderbar ist, daß ausländische Opern verpönt sind; niemals vorher sind
sie in Japan aufgeführt worden. Während meines Aufenthaltes er= eignet sich
zum erstenmal das Unerhörte, daß eine italienische Opern= truppe im
KaiserliehenTheater ein Gastspiel gibt - und einen überwältigen= den Erfolg hat.
Eben jetzt ist man sehr geneigt, bisher Verbotenes mit weitgeöffneten
Armen zu empfangen; sämtliche Musikakademiker wohnen täglich den
Vorstellungen bei und schon mittags sieht man sie in langen Reihen vor der
noch geschlossenen Kasse des Theaters angestellt.
Mit diesen Ereignissen halten die amtlichen Erlässe der Regierung nicht den
gleichen Schritt. Der »Orpheus in der Unterwelt« war bereits einstudiert, die
Professorin hatte sich die unglaublichste Mühe mit den Darstellern gegeben,
alles war bereit, Kulissen und Ausstattung waren bezahlt - da kam in letzter
Stunde von oben ein Aufführungsverbot. Nun unternehmen die Schüler
schlecht und recht häusliche Spielversuche.
Daß in Japan europäische Musik in Mode gekommen ist, verlockt
Künstler aus allen Ländern der Erde, nach dem Osten Konzertreisen zu
unternehmen, deren Kosten früher nicht einmal der berühmteste westliche
Virtuose mit seiner Musik hätte decken können, so gern sich manch einer
unter Verzicht auf jeden Gewinn bloß die Reise erspielt hätte. Vor dem Kriege
war aus dem japanischen Publikum gar kein Geld dafür zu holen. Bei
Sitzpreisen von drei Yen blieb der Saal völlig leer. Jetzt drängen sich die neuen
japanischen Bildungsanwärter, deren Aufstieg dem unserer Kriegsgewinner
ähnelt, zu jedem Konzert, auch wenn oder vielmehr weil die Plätze zehn bis
fünfzehn Yen kosten. Während meines Aufenthaltes in Japan kündigen sich
MischaElman,Burmester,Kreisler und die Schumann= Heink nacheinander an
und eröffnen damit eine ganz neue Ära des japa= nischen Konzertlebens, ein
Ereignis, das allerdings nicht nur aus dem steigenden Wohlstand und der
wachsenden Genußsueht des Ostens, son= dern auch aus der sinkenden
Kaufkraft und der Verarmung der Künstler= schaft des Westens erwuchs.
Aber auch jetzt muß die Reklame noch tüchtige Vorarbeit leisten, um für
den berühmtesten Star hier einen Saal voll zu bekommen. Ein ganzes Jahr lang
muß sein Auftreten vorbereitet werden; in dieser Woche er= scheint in der
einen Zeitung sein Bild mit irgendeiner Sensationsmeldung, in der nächsten
Woche bringt die andere die Lebensgeschichte mit rühren den Zügen aus der
Jugend. In den letzten Wochen vor seiner Ankunft hängen die Plakate mit
dem Konterfei in jedem dritten Laden der ganzen
219
Stadt. Als Kreislers Konzert bevorstand, gab es in ganz Tokio kaum eine
Schusterwerkstatt oder Lampionbude, in der nicht angeschlagen war, daß
Kuraisureru, wie Kreisler im Japanischen genannt wurde, Japan die große
Ehre erweisen werde, dort zu spielen. Die Konzertunternehmer arbeiten
geschickt und mit Menschenkenntnis; sie kurbeln die Vaterlands= liebe ihres
Volkes an und führen es jedermann als seine Verpflichtung vor Augen, zu
dem würdigen Empfang des fremden Genies durch das Lösen einer
Eintrittskarte beizutragen, weil es sehr wichtig sei, daß Japan in die
Konzertreisen der Musikgrößen, durch welche seine Jugend so viel lernen
könne, einbezogen werde. Sind überall die Grammophonplatten des be=
treffenden Künstlers rechtzeitig vorrätig, so strömen nicht nur die Tokioter
reichen Gesellschaftskreise herzu, sondern auch die kleinen Leute, die ja aus
ihrer Zeitung auch von dem großen, fremden Wundertöner erfahren. Der
Erfolg ist dann gesichert, auch wenn im Saale niemand von der
wirklichen Bedeutung des Künstlers eine Ahnung hat. Kann man doch von
keinem Volk der Erde mit solchem Recht wie von dem Japaner sagen,
er sei ein »Herr Adabei« -- wie der Wiener Volksmund den= jenigen nennt,
der überall mithin will.
Für die Residenten, die bis zum Kriege nur das an Kunst, Musik und
Theater besaßen, was sie einander selbst boten, und die während des
Krieges überhaupt auf jede Freude verzichten mußten, bedeutet diese
Wandlung im japanischen Kunstleben unendlichen Gewinn. Jetzt hat jedes
Hotel sein Symphonieorchester, -- freilich stehen nicht alle im Range des
österreichischen im Imperial=Hotel -, auch im Grand=Hotel gibt es klassische
Wochenkonzerte, bei denen das fast durchwegs japanische Publikum
mäuschenstill zuhört. Die Österreicher im Imperial haben es nicht allzugut, sie
wohnen in den Ruinen des abgebrannten alten Traktes und müssen auch bei
schlimmster Winterkälte durch zugige Gänge in ihre Dachkammern gehen,
aber mit ihrer Musik haben sie sich vollkommen durchgesetzt. Ich selbst sehe
es einmal bei einem Sonntags-five o clock tea mit an, wie ein Japaner die
schriftliche Bitte um das Ave=Maria von Händel zur Musikestrade
hinaufschickt. Solche persönliche Wünsche werden natürlich von einer
Geldgabe begleitet, aber sonst sind diese Konzerte jedem Gast des Hotels
frei zugänglich, so daß Tausende und Tausende von Japanern für den Preis
einer Tasse Tee die ganze klassische Musikliteratur Europas kennenlernen. Es
gibt auch zahllose Privat= orchester und =streichquartette und die Verbreitung
des Grammophons ist geradezu verblüffend: kaum ein Dorf in ganz Japan, in
dem nicht jeder wohlhabendere Bauer eines besitzt. In den engen Straßen auch
der klein
220
sten japanischen Städte kann man manchmal fünf Grammophone gleichzeitig
aus der Nachbarschaft hören. Japan hat selbst eine Grammophon=
platten=Industrie, die allerdings vorläufrg von Amerikanern und Engiän= dern
betrieben wird.
In fast allen größeren öffentlichen Parks spielt des Nachmittags ein
Militärorchester europäische Musik und die Stadtverwaltung baut dazu
Musikpavillons und Bänke für die Zuhörer. Jedes Warenhaus bietet vom frühen
Morgen an den Käuferinnen mindestens ein Quartett. Die Japaner, die
sicherlich das im westlichen Sinne unmusikalischeste Volk der Welt sind,
werden mit derselben Energie, mit der das Land jede technische Erfindung
aufgreift, auch der Musik zugeführt und es muß eigens ver= merkt werden, daß
in einer Zeit, wo die erleuchtetsten Geister der großen westlichen
Kulturnationen jede deutsche Musik auspfiffen, der Bitte der japanischen
Kaiserin, daß der Pflege deutscher Musik trotz der Feindseligkeiten der
Armeen keinerlei Schwierigkeiten bereitet werden, von der japanischen
Regierung Folge geleistet wurde.
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Seele and Geist
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