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Liedpredigt zu EG 452 - Evangelische Kirchengemeinde Oppenweiler

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8.So.n.Tr.
10.08.14
Liedpredigt zu EG 452 Pfr. Michael Schröder
Es gilt das gesprochene Wort!
Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse,
mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich
höre, wie Jünger hören. Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht
ungehorsam und weiche nicht zurück. Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich
schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich
nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht
zuschanden.
Jes 50,4-7a
EG 452 „Er weckt mich alle Morgen“
1. Er weckt mich alle Morgen;
er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen,
führt mir den Tag empor,
daß ich mit seinem Worte
begrüß' das neue Licht.
Schon an der Dämmerung Pforte
ist er mir nah und spricht.
2. Er spricht wie an dem Tage,
da er die Welt erschuf.
Da schweigen Angst und Klage;
nichts gilt mehr als sein Ruf!
Das Wort der ewigen Treue,
die Gott uns Menschen schwört,
erfahre ich aufs neue
so wie ein Jünger hört.
3. Er will, daß ich mich füge.
Ich gehe nicht zurück.
Hab' nur in ihm Genüge,
in seinem Wort mein Glück.
Ich werde nicht zuschanden,
wenn ich nur ihn vernehm':
Gott löst mich aus den Banden!
Gott macht mich ihm genehm!
4. Er ist mir täglich nahe
und spricht mich selbst gerecht.
Was ich von ihm empfahe,
gibt sonst kein Herr dem Knecht.
Wie wohl hat's hier der Sklave –
der Herr hält sich bereit,
daß er ihn aus dem Schlafe
zu seinem Dienst geleit'!
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8.So.n.Tr.
10.08.14
Liedpredigt zu EG 452 Pfr. Michael Schröder
Es gilt das gesprochene Wort!
5. Er will mich früh umhüllen
mit seinem Wort und Licht,
verheißen und erfüllen,
damit mir nichts gebricht;
will vollen Lohn mir zahlen,
fragt nicht, ob ich versag'.
Sein Wort will helle strahlen,
wie dunkel auch der Tag!
Text: Jochen Klepper, 1938. Melodie: Rudolf Zöbeley, 1941
„Weicher, glänzender Tag. Meine kleinen Osterbesorgungen für Mutter, Frau und
Töchter. In unserem alten Garten in der Seestraße blühen die alten Kirschbäume so
schön. […] Ich schrieb heute ein Morgenlied über Jesaja 50, 4.5.6.7.8, die Worte, die
mir den ganzen Tag nicht aus dem Ohr gegangen waren.“
So lautet der Tagebucheintrag von Jochen Klepper vom 12. April 1938.
Es ist einer jener seltenen und intimen Augenblicke, in dem wir einem Dichter
gewissermaßen über die Schulter blicken dürfen. So ist unser Gesangbuchlied mit
der Nummer 452 zur Welt gekommen und vielleicht lassen Sie es aufgeschlagen vor
sich liegen.
Offenbar haben Tageslosung und Lehrtext die künstlerische Phantasie angeregt:
„Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre wie ein Jünger.
Der Herr hat mir das Ohr geöffnet; und ich bin nicht ungehorsam und gehe nicht
zurück. Denn ich weiß dass ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich
gerecht spricht.“
Es muss nicht immer die Tageslosung sein. Aber dass sich ein Gedanke in uns
festsetzt, eine Idee uns beschäftigt, irgendetwas in uns schwingt – das kennen wir
alle. Wie sind Sie heute Morgen aus dem Bett gekommen? Haben Sie sich gefreut
auf diesen Gottesdienst; auf das, was Sie heute noch tun werden?
Vielleicht beschäftigt Sie auch das, was Sie gestern in der Tagesschau gesehen
haben: Bilder aus Gaza oder der Ukraine oder dem Irak. Vielleicht lässt Sie
irgendetwas seit Tagen nicht los, weil Sie eine Entscheidung zu treffen haben.
Und plötzlich begegnet Ihnen ein neuer Gedanke und es rattert in Ihnen.
So oder so ähnlich muss es Jochen Klepper an diesem Morgen auch gegangen sein.
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8.So.n.Tr.
10.08.14
Liedpredigt zu EG 452 Pfr. Michael Schröder
Es gilt das gesprochene Wort!
Eigentlich spielt er hier mit Schöpfungsmotiven. Es werde Licht!
Jeder Tag ist erst einmal neu und unschuldig. Manchmal fahre ich auf meinem
Motorrad in den Sonnenaufgang hinein. Durch die Nebel ist das neue Licht bereits zu
erahnen, es duftet nach Gras und Wald, das sonore Brummen der Maschine beruhigt
und lässt meine Gedanken schweifen. In dieser Mischung aus Freiheit und
Meditation erfahre ich: Jeder Morgen ist so neu wie der allererste Morgen der
Schöpfung.
In jedem neuen Morgen, den Gott uns schenkt, liegen ungeahnte Chancen und
Möglichkeiten. Theoretisch wissen wir das, in jedem Moment unseres Lebens spricht
Gott zu uns. Im Lärm des Alltages geht das aber oft unter, da sind wir wie
zugedröhnt. Darum brauchen wir die Stille eines Morgens, solche seltenen und
kostbaren Augenblicke, in denen wir tatsächlich hören können.
Hören können wir Gott nur als „Jünger“. Jünger sind keineswegs die, die schon alles
wissen. Ganz im Gegenteil: Jünger sind - so die Bedeutung des neutestamentlichen
Wortes µαθεται - „Lernende“…
Alt oder jung, im Glauben ist lebenslanges Lernen angesagt.
Und als Lernender hat sich Jochen Klepper auch verstanden.
Das klingt so einfach und plausibel, aber machen wir es uns einmal klar, was das
bedeutet: wir wissen nichts oder wenig, wir haben die Wahrheit nicht für uns
gepachtet - und Gott erst recht nicht!
Hören. Hören und lernen. Nichts ist wichtiger für uns.
Unser Lied 452, mit allem, was es da beschreibt – hören, geweckt werden, erfahren,
das Schweigen der Angst, sich fügen, sich genügen lassen usw. – all das spielt sich
erst einmal nur in uns ab. Man kann nicht mit seinen Überzeugungen in die
Öffentlichkeit gehen, bevor man das nicht irgendwie in und an sich erlebt hat. Unser
Glaube ist erst einmal eine sehr private Geschichte, zwischen uns und Gott.
Dann wird er öffentlich. Worauf kommt es in der Öffentlichkeit an?
Nicht auf frommes Gelaber, nicht auf Moralpredigten.
Die dritte Strophe bezieht sich auf ein Gleichnis Jesu: „Selig sind die Knechte, die der
Herr, wenn er kommt, wachend findet.“ Es gibt einen Augenblick in unserem Leben,
in dem wir ganz und gar da sein sollten. Weil es um eine Entscheidung geht.
Dafür oder dagegen?
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Liedpredigt zu EG 452 Pfr. Michael Schröder
Es gilt das gesprochene Wort!
Das muss noch nichts Weltbewegendes sein. Die biblische Tradition nennt das den
καιροζ - jenen Moment der Entscheidung, den Gott uns schenkt. Aber dann sollten
wir sehr wach sein, denn es geht um ein Ja oder Nein, ein Tun oder Lassen – beides
hat jeweils weitreichende Konsequenzen, worum auch immer es geht.
Als der Nationalsozialismus von unserem Vaterlande Besitz ergriff - immerhin das
Land der Dichter und Denker! - konnte er das nur tun, weil unglaublich viele
Menschen mitmachten. Auch in der Kirche.
Die „Deutschen Christen“, die 1933 in den Kirchengemeinderatswahlen und in den
Wahlen zu den Synoden in vielen Landeskirchen erfolgreich waren, sahen in der
„nationalen Erhebung“ Gott am Werk – und in Adolf Hitler so etwas wie einen
Messias. Eine Million Menschen gehörten zu dieser Bewegung, darunter ein Drittel
der Pfarrerschaft. Bis manche begriffen, was da wirklich passierte, war es zu spät.
Und dazu gehörte vielleicht auch Jochen Klepper.
Rund 14 Lieder gibt es von ihm in unserem neuen evangelischen Gesangbuch, je
nach Auswahl des landeskirchlichen Teils. 1938 wurden sie gerade noch als
Ausnahmeveröffentlichung gedruckt. Ein kleines schmales Bändchen nur, das
„Kyrie“, mit Gedichten, Liedern. Ausnahmslos alle spiegeln Kleppers biblisch
reflektierte Erfahrungen wieder: Es geht um Leid und Hoffnung, um das
Getröstetwerden, trotz der Stärke des Bösen.
Solche Lieder fallen nicht vom Himmel.
Gerade mal 35 Jahre alt war Jochen Klepper, als er unser Lied schrieb. Er kommt
aus einer Pfarrfamilie und ist studierter Theologe. Aber er ging nie ins Pfarramt - Gott
sei Dank, möchte man sagen, denn ob in der Tretmühle des pfarramtlichen Dienstes
diese so tiefen, ja geradezu zärtlichen Texte entstanden wären?
Jedenfalls haben sie viele Menschen in der kirchlichen Szene der dreißiger Jahre
des letzten Jahrhunderts schwer beeindruckt.
Ein christlicher Dichter, der Fanpost kriegt? Eine Frau schreibt ihm:
„Lieber Herr Klepper, verzeihen Sie, dass ich nicht schreiben kann: ‚Sehr geehrter - ', obwohl ich Sie gar nicht kenne; ich lebe aber seit einem Jahr so stark mit ‚Ihren
Gedichten‘, dass ich es Ihnen einmal sagen muss. ‚Die Lieder‘ geben in den
schlichten Worten Unendliches, Unausschöpfbares her an innerem ‚Wissen', an
Leiderfahrung, an Gebetserfahrung, an Zur-Ruhe-Kommen nach großen Schmerzen.
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Liedpredigt zu EG 452 Pfr. Michael Schröder
Es gilt das gesprochene Wort!
Ihre Worte gehen so tief, so sehr ins schonungslose Leid, in Qual und Heimweh des
Herzens, dass ich manchmal fragen muss, kann das alles wirklich ein Mann
geschrieben haben?
Bitte missverstehen Sie mich nicht! Nicht dass ich meine, ein Mann könne nicht so
tief fühlen wie eine Frau. Nein, das andere: Kann ein Mann wirklich so zutiefst
demütig sein und zugleich so frei? Das hilft so wunderbar."
Es half damals und das tut es offenbar bis heute.
Ich glaube, es liegt an Kleppers Sprache. Sprache, die geprägt ist von der Bibel, aber
auch von Luthers Schriften, die Klepper gewissermaßen kanonisch, also wie einen
heiligen Text verstand. Kleppers Texte sind fromm, ohne zu frömmeln.
Kein erbauliches Geschwätz. Darum baut es auf.
Bescheiden war Klepper nicht unbedingt, sein Ehrgeiz war es durchaus, ins
Gesangbuch zu kommen. Warum auch nicht, für einen Liederdichter ist das ein Stück
Unsterblichkeit. Das „Kyrie“ wurde zu einem Renner, das viele zeitgenössische
Komponisten in Musik umsetzten. Mehr und mehr Variationen kamen dazu.
Und so wurde Kleppers Werk nach Paul Gerhardt und Martin Luther zum
meistvertonten christlichen Dichter in unserer evangelischen Kirche.
Wie klein und normal fing es aber an. Klepper arbeitete als Journalist und auch beim
Hörfunk. Texte basteln war sein Broterwerb. Doch sein Ziel war es stets, als freier
Schriftsteller zu leben.
Mag ja sein, dass seine literarischen Werke nicht der ganz große Wurf, und erst recht
keine Weltliteratur sind. Aber schon „Der Kahn der fröhlichen Leute“, der vom Leben
an und auf der Oder erzählt, kommt gut an.
Erst recht sein Roman „Der Vater“. Vordergründig geht es um den Konflikt zwischen
dem preußischen Soldatenkönig, Friedrich Wilhelm I. und dessen Sohn Friedrich II.,
den man später „den Großen“ nennen sollte. Der Kronprinz rebellierte gegen den
Vater, denn er war ein musischer Mensch, der viel lieber Flöte als Soldat spielte.
Wohl nicht zufällig wurde dieses Thema gewählt, über das der junge Autor drei Jahre
lang schreibt: Klepper verarbeitet in seinem Roman auch den eigenen Vater-SohnKonflikt. Denn sein gestrenger alter Herr, ein würdiger Pfarrherr, wie er im Buche
steht, war nicht angetan von seinem Sohn und dessen Karriere, der sich noch dazu
in eine 13 Jahre ältere Frau mit zwei Töchtern verliebt und sie geheiratet hatte.
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Liedpredigt zu EG 452 Pfr. Michael Schröder
Es gilt das gesprochene Wort!
„Der Vater“ ist vor dem Hintergrund der Zeitgeschichte bis heute spannend zu lesen!
Klepper entwirft im Bilde eines Königs, der in allem nach Gott fragt und sich als
„ersten
Diener
im
Staat“
begreift,
ein
Gegenbild
zum
Führerkult
des
Nationalsozialismus. Als der Roman im Februar 1937 erscheint, wird er ein
Verkaufsschlager, besonders in preußisch gesinnten Kreisen.
Da war Klepper aber schon in erheblichen Schwierigkeiten.
Paradox geradezu: während das Kriegsministerium den Roman zur Pflichtlektüre für
Wehrmachtsoffiziere bestimmte, hatte Klepper als ehemaliges SPD-Mitglied im
Rahmen der Gleichschaltung längst seine Stelle in Rundfunk und Verlag verloren.
Wenn ich mich als historisch interessierter Mensch mit dieser Zeit beschäftige, merke
ich: was ich wirklich widerwärtig finde, ist nicht in erster Linie die äußere Gestalt der
Gewalt, in Führerstaat oder Kriegführung. Das auch.
Aber was mich wirklich anwidert und was mich bis heute beschäftigt: wie können es
Menschen überhaupt wagen, sich in großer Selbstgerechtigkeit über andere zu
erheben!?! Mit welchem Recht wagen Menschen es, anderen ihre Wurzeln vorwerfen
oder ihre Gedanken, Träume, Bilder, kurz, alles, was sie lieben, als falsch oder gar
als „entartet“ brandzumarken?
Jochen Klepper war ein Mensch von reichen Gaben.
Und wurde, wie unzählige Andere, von denen wir weit weniger wissen, durch den
Nationalsozialismus in seiner Existenz vernichtet. Achtlos beiseite gefegt.
Nicht einmal mit großen Hass oder einer aufwendigen politischen oder militärischen
Kampagne. Nein, auf dem Verwaltungswege. Weil er die Falsche geheiratet hatte.
Seine Frau, die Rechtsanwaltswitwe Johanna Stein geb. Gerstel, und ihre beiden
Töchter Brigitte und Renate galten nach der Definition der Nürnberger Rassegesetze
als Jüdinnen.
Das genügte.
Klepper selbst sah in der wachsenden Judenfeindlichkeit Frevel an Gott. Seine
Tagebuchaufzeichnungen erinnern an die Beobachtungen des Philologen und
Universitätsprofessors Victor Klemperers: zwei bürgerliche Menschen, Akademiker,
ordentliche Staatsbürger werden ausgegrenzt, diffamiert und verfolgt – und können
es nicht fassen, was da an ihnen und vor ihren Augen geschieht. Denn das scheint
plötzlich ganz normaler Alltag zu sein.
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Liedpredigt zu EG 452 Pfr. Michael Schröder
Es gilt das gesprochene Wort!
Die „Banalität des Bösen“, nannte das die Publizistin Hanna Arend, angesichts des
Prozesses gegen Eichmann, des Organisators der sog. Endlösung.
Ich glaube nicht, dass diese populäre Charakterisierung zutrifft; banal ist das Böse
nie. Aber banale Gedanken oder Handlungen befördern es.
Wie weit wäre das Böse gekommen, wenn etwa die Kirchen nicht freiwillig ihre
Bücher geöffnet, Verwaltungsbeamte nicht problemlos funktioniert oder Eisenbahner
ihre Züge nicht gefahren hätten.
Da ist ein gutbürgerlicher Zeitgenosse. Ein Schreibtischmensch, ein Dichter, ein eher
schüchterner, liebenswerter Charakter, der sich eine bescheidene bürgerliche
Existenz aufgebaut hat, glücklich ist mit seiner Familie und auch ein bisschen traurig,
weil ihm eigene Kinder versagt bleiben. Politisch hat er sich eigentlich nicht groß
positioniert, wenn er auch das Zeitgeschehen und den Weg der evangelischen
Kirche zwischen Anpassung und Bekennender Kirche mit großer Anteilnahme und
Sorge verfolgt.
Diese Sorge aber ist mit Händen zu greifen in seinem unvergleichlichen Adventslied
„Die Nacht ist vorgedrungen.“ Klepper ist ein Seher, aber kein Apokalyptiker.
Zunächst kämpft er noch, nicht mit politischem Protest, wie auch, sondern mit Worten
und Briefen; er läuft von Pontius zu Pilatus, irgendeiner muss ihm und seiner Frau
doch helfen, er ist doch kein Unbekannter, seine Leser sucht er auf, selbst an den
Innenminister wendet er sich.
„Es geschieht Hannis wegen“, notiert er. „Ich glaube nicht an Aktionen. Gott will im
Dunkel wohnen, und das Dunkel kann nur durchstoßen werden durchs Gebet.“
Fromm sind andere in diesen dunklen Zeiten auch, aber die werden sich für den
Staatstreich entscheiden. Das ist Kleppers Sache nicht.
Wenn man sein Adventslied singt, begreift man: es ist eben so!
Immer herrscht die Nacht und Leid und Schuld werden die Menschen umfangen alle
Zeit. Das klingt nicht einmal resigniert, sondern eher in höchstem Maße realistisch.
Vor hundert Jahren begann mit dem ersten Weltkrieg die Urkatastrophe des 20.
Jahrhunderts. In ihr lagen die Wurzeln für die nächste, noch schlimmere. Wenn wir
uns die aktuellen Konflikte so anschauen – haben wir den Zeitgenossen von 14/18
irgendetwas voraus? Immer noch herrscht die Gewalt, auch im vermeintlich so
fortschrittlichen, aufgeklärten, modernen 21. Jahrhundert …
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Klepper fragte nach dem, was trägt und eine andere Welt verheißt, inmitten von
Gewalt, Tod und politischem Irrsinn. Er sah das im Stern von Bethlehem und in der
Hoffnung auf den Friedefürst. Fromm? Und/ oder naiv?
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Liedpredigt zu EG 452 Pfr. Michael Schröder
Es gilt das gesprochene Wort!
Mehr und mehr gerät er in die Mühlen nationalsozialistischer Verwaltungspolitik.
Ausschluss aus der „Reichsschrifttumskammer“ – das heißt Berufsverbot, Klepper
durfte nirgendwo mehr etwas veröffentlichen.
Wovon lebt ein Schriftsteller, der nicht mehr schreiben kann. Wie kann ein Künstler
atmen, der nicht mehr seiner Kunst leben darf?
Entlassung
aus
dem
Heeresdienst,
in
den
er
sich
geflüchtet
hatte,
„Wehrunwürdigkeit“ wird dem bei einer Nachschubtruppe Dienenden attestiert,
aufgrund seiner sog. „Mischehe“
Es gelingt ihm noch, eine Tochter ins schützende Exil nach England zu bringen.
Aber als Ende 1942 die Ausreise der Jüngsten scheiterte, und ihre Deportation
bereits anberaumt ist, wird seine Verzweiflung größer und größer.
Nach einer persönlich erteilten Auskunft des Reichsinnenministers Wilhelm Frick
musste Klepper davon ausgehen, dass Mischehen zwangsweise geschieden werden
und so auch seiner Frau die Deportation drohte.
Da sehen sie keinen Ausweg mehr, so, wie rund 1600 jüdische Menschen allein in
Berlin in den Jahren 1938 folgende.
In der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 1942 nahm sich die Familie Klepper
durch Schlaftabletten und Gas gemeinsam das Leben.
Die letzte Eintragung im Tagebuch lautet:
„Nachmittags die Verhandlung auf dem Sicherheitsdienst. Wir sterben nun – ach,
auch das steht bei Gott – Wir gehen heute nacht gemeinsam in den Tod. Über uns
steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt.
In dessen Anblick endet unser Leben.“
Im Leben Jochen Kleppers wird deutlich, wie dunkel die Nacht ist.
Und deshalb ist das kein historisches Thema! Dieses Dunkel wird von uns - auch von
uns Menschen von heute! - immer wieder neu erschaffen.
Gnade Gott denen, die immer so genau wissen, was richtig ist.
Sie begeben sich auf einen Weg, der in die Hölle führen kann.
Ganz klein beginnt es, zunächst nur mit dem Gefühl, etwas Größeres oder Besseres
zu sein. Dann werden Normen oder Verhaltensmaßregeln aufgestellt. Das gehört
sich so – das darfst du nicht … Und wehe allen, die dem nicht entsprechen können
oder wollen oder die irgendwie nicht „normal“ sind, was immer das auch heißen mag.
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Liedpredigt zu EG 452 Pfr. Michael Schröder
Es gilt das gesprochene Wort!
Das erleben wir bis heute, auch in unserer Kirche; alles, was uns bei anderen
Menschen nicht passt – seien sie zu frech, zu kritisch, zu bunt, zu schwul, was auch
immer! - wird gemaßregelt oder ausgegrenzt.
Das Schlimme: die solches tun, tun es immer nach bestem Wissen und Gewissen!
Ganz klein wird es anfangen. Und dann glauben solche Leute, dass mit dem Gefühl,
besser zu sein und eher zu wissen, was richtig ist, auch das Recht verbunden sei,
über andere zu richten, zu herrschen oder gar über ihr Leben zu befinden.
Wir haben die Phase der Ketzerverbrennung inzwischen zwar ein Stückweit hinter
uns, deshalb schauen wir so verständnislos, wenn Mordbrenner wie die ISIS nicht
nur Heiligtümer zerstören, sondern alles töten, was anders ist oder denkt als sie
selbst. Aber ist das wirklich vorbei? Und kann man nicht Menschen ebenso mit
Worten zerstören?
Hüten wir uns vor dem Dunklen, dem abgrundtief Bösen, das in jedem von uns
steckt. Jede und jeder von uns ist zu allem fähig.
Erst wird das Lachen verboten, dann werden Bücher verbrannt und wer Bücher oder
Ideen oder Träume verbrennt, der verbrennt irgendwann auch Menschen.
Viele verdrängen das gern.
Auch das lässt sich nicht nur am Schicksal Kleppers sehen.
Wie kann ein Lied eines Selbstmörders bloß ins Kirchengesangbuch kommen,
fragten manche Leute, als 1953 das neue evangelische Gesangbuch mit dem
Adventslied erschien. Als sei das Opfer schuldig.
Eine Landeskirche verhinderte zunächst sogar die Anbringung einer Gedenktafel für
Dietrich Bonhoeffer, der sei ja bloß ein politischer Widerstandskämpfer gewesen …
Immer wieder erhebt das Böse sein Haupt, in Selbstgerechtigkeit und Intoleranz.
Wer sind wir bloß, wir Menschen?
Nichts steht zwischen uns und dem Bösen als Gott selbst.
Hoffentlich schaffen wir es, gelegentlich stille zu sein.
Denn Gott versucht es immer wieder mit uns.
Er will mich früh umhüllen mit seinem Wort und Licht,
verheißen und erfüllen, damit mir nichts gebricht;
will vollen Lohn mir zahlen, fragt nicht, ob ich versag'.
Sein Wort will helle strahlen, wie dunkel auch der Tag
Hören wir, um Gottes, willen hören wir zu!
Amen.
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