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13 Wie die Kartoffel nach Europa kam und später in die Fritteuse

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13 Wie die Kartoffel nach Europa kam und später
in die Fritteuse (Claudia, Uwe)
Es ist doch recht interessant, dass
sich manch ein Schimpfwort für Menschen einer bestimmten Herkunft
auf deren Ernährungsgewohnheiten
bezieht: Spaghettifresser, Knoblauchfresser, Froschfresser oder ... Kartoffel. Ganz ohne „Fresser“. Warum
ohne diesen Zusatz? Sehen Deutsche
etwa aus wie Kartoffeln? Also, da
möchte ich doch sehr bitten!
Ich weiß offen gestanden nicht, wo die
Spaghetti erfunden oder zuerst Knoblauch kultiviert wurde. Ich kann auch
nicht sagen, ob Frösche erstmals
bei unseren französischen Nachbarn
beobachtet wurden. Aber über die
Herkunft der Kartoffel, genauer gesagt
der Kartoffelpflanze, habe ich mich ein
wenig schlau gemacht. Auch wenn die
Kartoffel so sehr für deutsche Esskultur steht, entdeckt wurde sie erstmals
in Südamerika. Und zwar nicht von
Deutschen, denn um das Jahr 1500
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herum befuhren die Deutschen eher
den Rhein oder die Elbe als den
Atlantik oder den Pazifik. So dürfen
sich Spanier oder Portugiesen der
Entdeckung einer Frucht rühmen, die
im Laufe der Jahrhunderte nicht ohne
Folgen für Europa, wenn nicht sogar
für einen großen Teil der Welt blieb.
Verbürgt ist die Entdeckung der
Kartoffel für das Jahr 1537 durch
Gonzalo Jiminez de Quesada. Als der
Wert dieser Knolle erkannt wurde,
dauerte es nicht lange bis sie über die
Kanaren nach Spanien (und nahezu
zeitgleich nach England) kam. Doch
während z. B. den Inka der Umgang
mit der Pflanze aus der Gattung
der Nachtschattengewächse längst
vertraut war, mussten die Europäer
zunächst etliche schmerzhafte Erfahrungen nach unsachgemäßer Zubereitung machen.
Weder war es das über der Erde
wachsende Kraut, welches eine
Erweiterung der Küche darstellte
(angeblich musste sogar ein Koch
an einem Königshof erkennen, dass
das Obere ab muss, leider konnte
er mit der Erkenntnis nichts mehr
anfangen da sein Herr nach Überwindung königlicher Magenkrämpfe
ihm das gleiche Schicksal beschied),
noch konnte die Knolle roh verzehrt
werden, ganz egal was die Gewürze
der heimischen Küche hergaben. Und
von den Schweizern wird berichtet,
dass sie die Kartoffelpflanze lange
Zeit nur wegen ihrer schönen Blüte
als Zierpflanze zu schätzen wussten.
Nachdem alle europäischen Verdauungsprobleme überwunden und die
Kartoffel auch in der Schweiz von
den Fensterbänken auf die weiten
Felder ausquartiert wurde, war ihr
Siegeszug über den Kontinent nicht
mehr aufzuhalten. Schnell erkannten
die europäischen Herrscher, welchen
Nutzen das „Geschenk“ aus Übersee
bringen konnte. Trotz ihrer schönen
Blüte war die Kartoffel eine bescheidene Pflanze. Ob in den Anden auf
4000 Höhenmetern, auf deutschen
Feldern zwischen sommerlicher Hitze
und strengen Wintern oder auf den
Wind umtosten Feldern der Irischen
Insel: überall ließ sich die Knolle in
den Boden versenken, schlug Triebe
und sorgte für reichliche Nachkommenschaft.
Dem Alten Fritz wird nachgesagt,
dass er Kartoffelfelder von seinen
Soldaten bewachen ließ. So sollte
den Bauern in seinem Herrschaftsgebiet der Wert der Kartoffel unmissverständlich (und doch sehr subtil)
signalisiert werden. Da ein wahrer
Herrscher die Natur seiner Untertanen
gut einzuschätzen weiß, ließ der Alte
Fritz die Felder bewusst nachlässig
bewachen. Was kostbar ist erweckt
Interesse, und wenn es auch noch
leicht zu besorgen ist ...
Die Menschenkenntnis des Alten Fritz
verhalf der Kartoffel zu ihrem endgültigen Durchbruch im damaligen
Deutschland, ganz ohne Zwang, ohne
Gesetz oder königliches Dekret.
Die Kartoffel hatte viele Vorzüge, das
erkannten die Menschen schnell.
Leicht zu kultivieren bei gutem Ertrag,
einfach zu lagern, leicht zu verarbeiten, ganz anders als Getreide, ohne
Mahlen, Schroten, Backen) ab ins
kochende Wasser und fertig (zum Frittieren kommen wir noch). Und für alle
Stände gleichermaßen von Interesse.
Die begüterten Schichten konnten
sich tolle Kartoffelkreationen zaubern
lassen, das einfache Volk aß Pellkartoffeln mit Salz.
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Nach verheerenden Kriegen mit
Brandschatzung und obligatorischer
Vernichtung ganzer Ernten konnte
die Knolle aus fernen Landen schnell
wieder die Versorgung der Bevölkerung sichern. Doch offenbar widerfuhr
unserer Namensgeberin nicht genügend Wertschätzung und die Rache
erfolgte bald und brutal. Die Strafe
für den vollen Einsatz für die Kartoffel
ohne Berücksichtigung landwirtschaftlicher Alternativen war nach schlechten Jahren mit Missernten schon deutlich genug zu spüren. Doch als aus
Amerika – dieses Mal dem nördlichen
Teil des Kontinents – die verheerende Kartoffelkrankheit nach Europa
eingeschleppt wurde, sorgte das für
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eine Katastrophe, die mit den Folgen
von Pest oder Spanischem Fieber
vergleichbar war.
Was noch Jahrzehnte zuvor ein Garant für eine bessere Versorgung der
Bevölkerung war erwies sich nun auf
Grund der Monokultur in weiten Teilen
Europas als Verhängnis. Der gesamte
Kontinent war von einer Hungerkatastrophe betroffen, Millionen von Menschen starben den Hungertod. Am
schlimmsten betroffen war die Irische
Insel. Hier wurde die anspruchslose
Kartoffel zunächst als Segen bringende Pflanze gesehen in einem
Klima, das den Anbau vieler anderer
Kulturpflanzen nur schwer zuließ.
Die Kartoffel versprach alles . . . und
nahm am Ende alles. Die Insel wurde
in vielen Teilen regelrecht entvölkert,
viele Menschen hatten nicht einmal
das Geld für Brot oder Getreide und
mussten verhungern. Betroffen waren
1 Millionen Menschen in nur 2 Jahren!
Genau so viele Iren flohen vor der Katastrophe in die Neue Welt. Dahin, wo
der drohende Untergang ihrer Nation
den Anfang nahm.
Doch die Kartoffel blieb, nichts und
niemand konnte ihren Erfolg aufhalten. Nach dem ersten und dem zweiten Weltkrieg wurden viele Nutzgärten
und Parks in Kartoffeläcker umgewandelt, um die Versorgung der leidenden
Bevölkerung zu sichern. Vielleicht war
es auch ihr Signal, ein Zeichen der
Demokratie: „Ich bin wichtig, so viel
Stolz habe ich schon. Doch ich bin
nicht alleine wichtig, ich bin nicht die
alleinige Herrscherin über die Bedürfnisse der Menschen. Achtet auch
andere Grundnahrungsmittel, nur so
kann ich Euch sinnvoll dienen!“ Sollte
dies die wahre Botschaft der Kartoffel
sein? Dann bin ich stolz darauf, wenn
man mich Kartoffel nennt!
Stop! Fast hätte ich es vergessen!
Hier geht es doch um das Rezept
der Besitzerin einer Imbissbude im
Viehplätzchen-Viertel, und eine Imbissbude ohne Pommes Frites kann
es nicht geben, oder? Aus diesem
Grund begann diese Geschichte mit
dem Einzug der Kartoffel in Europa.
Denn Pommes werden aus Kartoffeln
gemacht. Fragt doch mal Eure Kinder,
woher die Pommes stammen. Und
wenn sie Euch antworten: „Mensch,
die werden doch bei Mac Donalds
im Garten geerntet“, dann wird es
höchste Zeit für diese kleine Geschichte!
Also, es streiten sich wohl einige Nationen um die Erfindung der Pommes.
Das sagt doch einiges aus über den
Stellenwert meines Grundnahrungsmittels, oder? Die Engländer erheben
den Anspruch, begründet mit „Fish
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& Chips“. Ich würde sagen, sie sind
nahe dran und knapp vorbei.
Die Franzosen rühmen sich eines zu
feinen Gaumens, um als Schöpfer
eines so bodenständigen Gerichts
gelten zu können. Lange Zeit sah
ich die Deutschen gut im Rennen.
„Pommes Fritz“, da vermutete ich den
Alten Fritz als Erfinder. O.k., wir begnügen uns dann mit dem Bismarck
Hering, der Schillerlocke und dem
Fürst-Pückler-Eis, man muss ja nicht
alles haben (auch wenn die Unbedarften unter uns den HAMburger als nationales Gut betrachten). Bleiben noch
Belgien und die Niederlande. Nachdem nun bei Popi und Riad Atris die
Frage nach den wahren Fußballnationen geklärt wurde und die Niederlande anno ‘74 Vizeweltmeister wurden,
lassen wir den Belgiern wenigstens
die Pommes-Weltmeisterschaft!
Also, die Fischer in Belgien haben
sich im Winter mit kleinen Öfen
versorgt. Die dienten nicht nur dem
Wärmen, sie wurden auch fürs Essen
genutzt. Ein Topf mit siedendem Öl,
hinein mit kleinen Fischen: frittierter
Fisch!
Jetzt bitte ich die englischen Leser um
Aufmerksamkeit: im Wínter, wenn die
Aussicht auf guten Fang gering war,
gaben die Frauen der Belgier den Fi-
schern geschnittene Kartoffelscheiben
mit. Blieb der Fang dürftig, so wurden
die Kartoffelscheiben frittiert. Das war
die Erfindung der „Pommes Frittes“.
Und in guten Zeiten mit besserem
Fang wohl auch von „Fish & Chips“.
Bleibt nur noch die Frage nach den
Besonderheiten der Pommes zu
klären. Ketchup kommt eigentlich aus
dem Indischen, in Verbindung mit
Pommes geht es aber um gekochte
Tomaten. Die Mayo lässt sich wohl
auf die Franzosen zurückführen. Und
Pommes-Ketchup-Mayo heißen in
echt „Pommes Schranke (wie Bahnschranke)“. Damit sind wir wieder in
Deutschland. Mitten im Ruhrgebiet.
Hau rein – Guten Appetit
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Seele and Geist
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