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1 SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 Leben - Manuskriptdienst Heimat

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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Leben - Manuskriptdienst
Heimat 2.0
Wie junge Designer den Schwarzwald neu Erfinden
Autorin:
Bärbel Waltenbauer
Redaktion:
Petra Mallwitz
Sendung:
Dienstag, 27.12.11 um 10.05 Uhr in SWR2
__________________________________________________________________
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Leben
(Montag bis Freitag 10.05 bis 10.30 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in
Baden-Baden für 12,50 € erhältlich.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-6030
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Webradio unter www.swr2.de oder als Podcast nachhören:
http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/leben.xml
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1
MANUSKRIPT:
Atmo: Szene aus dem Film „ Schwarzwaldmädel“ , verscheidene Kuckucksuhren
Ingo Haas (Kuckucksuhrenbauer aus Schonach):
Also, ich muss schon sagen, der Schwarzwald, der hat bisschen geschlafen in den
letzen Jahren. Das Bollenhutmädchen der 50ger 60ger Jahre, das hat damals
funktioniert, klar. Da hat man halt seinen VW Käfer genommen und ist zu Fünft in
den Schwarzwald gefahren mit seinen drei Kindern
Ursula Rothe (Inhaberin Raumgestalt in Bernau):
In Deutschland war es ja mehr so na ja, wenn ich mal 80 bin, dann geh ich vielleicht
mal einen Tag hin oder zwei - aber vorher doch bitte nicht.
Kim Schimpfle (Dirndldesignerin):
So in den 80ger, 90ger Jahren galt der Schwarzwald als sehr verstaubt und ich
glaub, das bricht sich jetzt gerade auf.
Ingo Haas:
Hey wir ind auch wer - wie soll ich sagen - wir haben auch schon Strom und wir
können hier auch schöne moderne Sachen machen, die pfiffig sind, die einen Gag
beinhalten und insofern trägt das diese Botschaft: Mensch - Schwarzwald könnte ich
eigentlich auch wieder mal hin.
Erzählerin:
Ingo Haas. Kuckucksuhrenbauer aus Schonach. Er hat den Kuckuck befreit. Befreit
aus dem schweren braunen Kasten, der mit Eichenblatt, Waldhorn und Wildbret
beschnitzt war.
Atmo: Kuckucksuhr, die ungewöhnlich klingt
Sprecher:
Die Kuckucksuhr
Erzählerin:
Im staubigen Dickicht, zwischen gewachsten Dielenböden und Handfräsen hängen
sie: ordentlich aufgereiht, fertig für den Versand. Rosa Häuschen mit weißem Herz,
grellgrüne quadratische Kästen, ein schneeweißes schlichtes Gehäuse mit
knallroten Zeigern.
Atmo: Kuckucksuhr, die ungewöhnlich klingt
Vater Hermann Haas:
Ich hab schon gesagt es gibt so einen schönen Spruch: einer spinnt immer und ich
habe gedacht , diesen Spruch könnte man vielleicht hier auch anwenden. Aber
schnell wurde ich etwas anderes gelehrt und ich hab festgestellt, dass ich jetzt nicht
Recht habe. Denn in meinem Alter konnte man sich das nicht vorstellen, dass das
tatsächlich den Menschen anspricht, das neue Modell. Wenn ich denke Jahrhunderte gab es schon die alte Kuckucksuhr und da hat man gedacht das bleibt
auch so.
2
Atmo aus Werkstatt
Erzählerin:
Herbert Haas Sohn Ingol hat es gewagt. Er hat den Kuckuck befreit. Raus aus dem
schweren Kasten, beschnitzt mit Eichblatt, Waldhorn, und Wildbret. Nun wohnt er im
lichten Eigenheim oder thront auf einem schlichten Kubus. Modell Vogelrei. Nur
gearbeitet wird noch wie immer: O-Ton 11 Atmo Fräse und Werkstatt
Ingo Haas:
Bei uns wird noch richtig gearbeitet. Also, es gibt ja gerade auch im modernen
Bereich viele kleine Sachen, die noch gemacht werden müssen. Viele kleine Teile,
die eben sonst niemand herstellt und die werden eben hier in der Werkstatt
fertiggestellt und geschliffen, gesägt und die ganze Geschichte. Innen auch
Mechanik und -Drehteile die wir noch selbst machen. Wobei ich sagen muss wir
haben viel natürlich auch ausgelagert. Vieles beziehen wir durch Zulieferbetriebe.
Anders würden wir das hier gar nicht packen.
Atmo: klappern und Kuckuck
Erzählerin:
Seit er vor fünf Jahren eine neue Kuckucksuhrgeneration auf den Markt gebracht
hat, verkauft er wieder gut. Eine kleine Auswahl hängt in seinem Verkaufsraum in
Schonach:
Ingo Haas:
Das ist ganz einfach unser Vogelhaus. Also da waren wir auch Vogelhaus inspiriert.
Also wir wollten dem Kuckuck mal so ein richtiges Vogelhaus zur Verfügung stellen.
Die Großen nennen wir Simple Line. Wir haben sie hier auch in Klein das heißt es
dann Kuckuck schlicht.
Vater Hermann Haas:
Man muss tatsächlich mal den Menschen und das hab ich in meiner Zeit als ich
Geschäftsführer war, dass es doch die Jugendlichen waren: Kuckucksuhren sind
schön, aber ein anderes Modell wäre noch schöner. Und da habe ich schon gedacht:
was ist das ein anderes Modell. Ich wäre natürlich nie auf die Idee gekommen so was
herzustellen.
Erzählerin:
Den Klassiker mit Eichenblattdekor gibt es auch noch. Nur ist er jetzt pink, türkis oder
grellgelb. Daneben hängt ein kapitales Jagdstück über und über beklebt mit
glitzernden Swarowski - Steinen. Diese Uhr hat es schon aufs Cover der Zeitschrift
GEO geschafft, die zierliche, kleine Schwarze mit dem roten Kuckuck sogar ins
Museum of Modern Art in New York.
Ingo Haas:
Wir haben, die Branche hat vom Amerikaner gelebt. Also Zwei Drittel der Uhren,
mindestens 60 Prozent der Uhren, die sind irgendwo an amerikanischen Wänden
gehangen. Das war damals so. Der Amerikaner war verrückt auf diese
Kuckucksuhren. Ist es immer noch kann sich es aber nicht mehr so leisten. Nine
eleven , das war für uns ein riesen Sargnagel. Das hat uns hier ein richtiges Loch
reingerissen. Und jetzt wiederum geht es wieder bergauf.
3
Auf einmal ist der Schwarzwald wieder was wert, hat ne Wertigkeit und mit auch die
Kuckucksuhr. Und eben jetzt dieses moderne dieses neue Bild dieses entstaubte
Bild . Ich sag ja vor sechs, sieben Jahren, da hing auch mein Kopf nicht so hoch wie
jetzt und jetzt bin ich natürlich da umso glücklicher, dass es wieder geht und dass ich
jetzt sagen kann: wir haben unsere Zukunft gesichert.
Erzählerin:
Eben noch war ein Bundestagsabgeordneter aus Berlin da, begeistert über seine
Sonderanfertigung: weißes Kreuz auf rotem Häuschen - ein Geschenk für den
Schweizer Botschafter. Und auch das Ehepaar neben mir starrt gebannt an die
Wand. Das Objekt der Begierde: ein buntbesprühter Kasten mit Barriton - Kuckuck.
Kundin bei Rombach und Haas:
Ja weil ich eben Kindheitserinnerungen habe - an eine Kuckucksuhr bei meinem
Onkel. Wo ich eben davor gesessen habe und habe gewartet bis der eben
rauskommt der Kuckuck. Und als wir dann vor zehn Jahren das erste Mal im
Schwarzwald Urlaub gemacht haben, da habe ich zu meinem Mann zu Hause zu
schon gesagt: Also wenn wir in den Schwarzwald fahren, dann bekomme ich eine
Kuckucksuhr. Der hat das zwar nicht ganz ernst genommen, aber wir haben dann
eine kleine helle gefunden, die eben in unsere Küche passt. Aber: wo ich jetzt diese
schönen, modernen sehe, mmh - da prickelt`s irgendwie. Da möchte ich schon einen
Kuckuck haben. Und der Kuckuck hat ja diesen besonders schönen Ton, weil der
diese große Pfeife hat.
Atmo: Kuckuck nur einmal ganz kurz!
Ingo Haas:
Und dann kam wirklich ne Phase, das ging über Jahre wo wir wirklich richtig
angegriffen worden sind . Nicht nur von Mitbewerbern - so nach dem Motto - Äh des
isch doch kei Kuckucksuhr mä sonder auch vom Verbraucher, also vom
Schwarzwälder, der unsere Uhren gesehen hat und das sogar verflucht hat. Wo ich
dann auch erkannt hab: ne Kuckucksuhr ist doch so emotional belegt, ein
Schwarzwälder empfindet das als einen Teil seiner Heimat und wenn das jemand
verändert, dass ich da hingeh zu dem und sage: Hey was Du da machst ist furchtbar
- lass das sein. Da haben wir ganz viele Gespräche geführt aber für mich hat das
auch einen positiven Nebeneffekt, dass ich gemerkt hab, welchen Stellenwert diese
Kuckucksuhr hat, was da für ein Heimatgefühl aufkommt. Das hat uns noch motiviert
zu sagen: Okay hier machen wir weiter.
Atmo: Kuckucks-Collage „ Willkommen im Schwarzwald
Oh- Ah- Oh - ah Willkommen im Schwarzwald, Willkommen im Schwarzwald , oh ...
ah..,., oh ... ah, Kuckuck , Kuckuck, Kuckuck, Willkommen im Schwarzwald.
Oh...,ah...
Erzählerin:
Gedanken zur Kuckucksuhr von Schülern des Internats Birklehof in Hinterzarten. Der
Autor Jens Schäfer schreibt in seinem Buch „ Gebrauchsanweisung für den
Schwarzwald“
4
Zitator:
Am Titisee und an der Deutschen Uhrenstrasse, die quer durch den Schwarzwald
führt und all seine chronometrischen Sehenswürdigkeiten erfasst, liegen
Aberhunderte von Geschäften, die ausschließlich Kuckucksuhren verkaufen. Sie
haben sich längst darauf eingestellt für ihre Kunden nur ein Ziel von vielen zu sein
und dass es diese vor logistische Probleme stellen würde, wenn sie eine große
Schachtel durch halb Europa schleppen müsste, in der sich ein filigran gearbeitetes
Holzkunstwerk befindet. Deswegen kann man sich seine Uhr heute aussuchen, vor
Ort bezahlen, verpacken und frankieren lassen, ehe sie zum Wunschtermin nach
Hause geschickt wird.
Erzählerin:
So ist das jetzt. Die ganze Welt will einen Vogel, sagt Ingolf Haas. Er baut ihn für die
Kundschaft in Shanghai und Houston, in Tokyo und Los Angeles. Immer schon.
Doch jetzt ruft der Kuckuck auch in Bamberg und Berlin, in Herborn und Husum in
Offenen Designer- Wohnküchen und hippen Hotellobbies.
Ingo Haas:
Man fühlt Kunst, man fühlt Handwerk. Man kann es einfach empfinden, dass das
eben von Hand gemacht wurde, geschnitzt, gemalt oder was auch immer oder ob
das irgendwie aus einer Presse rauskommt. Das kannst du fühlen. Das hängt eben in
Deinem Wohnzimmer und hat irgendeine Energie.
Hermann Haas:
Es ist ein Action dabei, bei der Kuckucksuhr. Das Türchen da oben das öffnet sich .
Da kommt ein Vogel raus . Der schreit Kuckuck. Es ist was an der Uhr. Die Uhren,
die man allgemein hat im Wohnzimmer oder überall im Schlafzimmer ist einfach ein
Stillstand. Sie sehen gar nichts an der Uhr. Und eine Kuckuckuhr hat Bewegung. Und
das liebt nicht nur das Kind. Ich dachte immer die Eltern kaufen die Uhr wegen der
Kinder. Nei, Nei. Die Kuckucksuhr ist genauso interessant für die Erwachsenen. Aber
die haben das Kind so vorgeschoben, damit sie nicht so das Lächerliche gesehen
haben in der Uhr. So Kuck- Kuck - ne.
Atmo Kuckuck digital / Musik Schwarzwald
Zitator:
Die Kirschtorte
Atmo: Geräusch Schneebesen, Handrührer
Zitator:
Eine Schwarzwälder Kirschtorte besteht aus roten Kirschen, weißer Sahne und
braunem Biskuitboden, basta. Sie ist ja keine Pizza Napoli, deren Belag extra für den
Besuch der italienischen Königin in den Farben der italienischen Flagge
zusammengestellt wurde. Serviert wird die Torte heute auf der ganzen Welt.
Manchmal begegnet man ihr im veränderten Zustand, so dass man sie gar nicht
wiedererkennt. Dann ist sie eine Biskuitrolle, ein Petit Four oder ein Stück
Trockenkuchen. Aber heißen tut sie immer gleich: nämlich Schwarzwälder
Kirschtorte, oder Black Forrest Cherry Cake , Gateau Foret Noir, Karaorman Pastasi.
5
Kirschtortenrezept auf Japanisch
Atmo: Landleben (Schwarzwaldkühe, Glocken, Hahn)
Erzählerin:
Immer im Juli, wenn Frau Itsyakoa aus Kyoto beim Todtnauer
Kirschtortenwettbewerb antritt, biegen sich in St. Peter die Zweige unter der Last der
prallen, roten Früchte. Hier ist der Schwarzwald pure Postkartenidylle, hier stand
Sonja Ziemann als Schwarzwaldmädel vor der Kamera. Ich fahre vorbei an
sattgrünen Wiesen. Ein paar Hinterwälder wiegen kauend ihr gehörntes Haupt zum
Klang der Klosterglocken. Am Ende der Hauptstrasse, die das Dorf in der Mitte teilt,
erreiche ich das Industriegebiet. Auch das hochglänzend wie im Heimatfilm. Das
auffälligste an der blitzsauberen Großbackstube von Johannes Ruf ist der
Misthaufen dahinter. An der grauen Stahltür zu seiner Backstube erwartet mich der
Bäckermeister zum Großeinsatz an der Teigpresse:
Atmo: Teig fließt in Dose
Atmo: Backstube
Bäcker Johannes Ruf wiegt den Teig:
Jetzt haben wir zwei mal 530. So jetzt wird es langsam besser
Atmo:Teigmaschine
Erzählerin:
Johannes Ruf hat die Kirschtorte verbannt. Weg, ins ewige Blech. Die zarteste
Versuchung des Schwarzwalds ist jetzt Dosenfutter für die Massen. Eine spontane
Idee sei das gewesen, erklärt mir der Bäckermeister und Supermarktbesitzer. Seine
Schwester in Amerika sollte ihr Heimweh stückchenweise stillen können:
Johannes Ruf:
Wo ich das vorgestellt habe, meine Mutter hat mich für komplett verrückt erklärt. Die
Idee ist eigentlich nicht kompliziert. Man muss sie eigentlich nur machen. Und das
war eigentlich so, dass es so simpel ist, dass jeder gesagt hat das funktioniert
sowieso nicht, das ist Quatsch, brauchts nicht machen. Ja- wir haben es deswegen
trotzdem probiert.
Erzählerin:
Vor allem experimentiert habe er, verrät mir der Bäckermeister. Ein Jahr lang hat es
gedauert, bis der Kuchen endlich in die Dose passte, die Konsistenz so perfekt, der
Geschmack so authentisch war, wie gewünscht:
Johannes Ruf:
Ist ja kein Geheimnis. Es ist ein Rührkuchen mit Kirschen drin und Kirschwasser.
Und Kirschwasser schon ordentlich, weil meiner Meinung nach das auch das ist was
man auch bei der Schwarzwälder am meisten rausschmeckt. Und wir haben nicht nur
Lob. Es gibt auch viele, die sagen, das hat mit der Torte nichts mehr zu tun. Das
wäre schon fast Frevel, dass man so was macht.
6
Atmo Umfrage Messebesucher mit Atmo Messe:
Das find ich schon gut. Ja. Muss ich schon sagen. Auch für die Fremden und so. Ist
das schon interessant. Für mich ist das jetzt zu trocken. Mir fehlt einfach die Sahne
daran. Die Originaltorte halt. Aber das geht ja natürlich nicht in der Dose. Schmeckt
fein. Ist sehr luftig. Also nicht bappig oder klebrig. Ist doch nicht ganz wie die
Kirschtorte um ehrlich zu sein. Also, da fehlt mir dann doch die Sahne und die
Kirschen. Die echte Schwarzwälder Kirschtorte schmeckt doch sehr viel besser. Aber
es ist eine gute Idee und ich bewundere immer die Ideen von den Designern. Super,
wunderbar.
Erzählerin:
Ich stehe zwischen Kisten und Paletten, Büchsen und Etiketten. Das Lager von
Johannes Ruf ist der Kuchenkapazität kaum noch gewachsen. 3000 Dosen werden
hier Woche für Woche versandfertig gemacht. Für Souvenirläden in Freiburg und
Baden Baden, sogar für den am Flughafen Tegel in Berlin, für den Internetshop und
treue Stammkunden, die ihre Order an den Dosenbäcker von St Peter adressieren:
Johannes Ruf:
Wir haben einen Kunden in Kanada und einen auf den Kanarischen Inseln. Das ist
wirklich unglaublich. Der hat uns zu Anfang geschrieben - und das trifft eigentlich
auch den Punkt. Dass, wenn er dieses Bild sieht und diesen
Kirschwassergeschmack riecht - wenn Sie die Dose aufmachen, dann kommt schon
dieser Geschmack raus - erinnert ihn das - der muss irgendwie hier aus der Nähe
kommen, erinnert ihn das an seine Heimat. Das ist eigentlich das Lob für uns. Bevor
er überhaupt reinbeißt, hat der schon ein positives Gefühl mit diesem Geschenk oder
Kuchen.Musik „ Mädle aus dem schwarzen Wald „
Sprecher:
Der Bollenhut
Atmo: Umfrage Schüler aus dem Internat Birklehof )
Wenn man jetzt irgendwie auf einem anderen Kontinent wäre und dann den
Bollenhut sehen würde, dann würde ich das sofort mit Schwarzwald in Verbindung
bringen. Ein Bollenhut ist für mich halt Teil von einer Tracht. Ja, es gehört halt schon
hierher, ich würd mal sagen, weil es etwas Besonderes ist und weil es das nicht
irgendwo anders gibt. Wenn jetzt in Bayern jemand mit dem Bollenhut rumlaufen
würde, würde das glaub ich ziemlich komisch aussehen. Es gab ja dieses Musical
Schwarzwaldmädel. Und ich glaube daher kommt das auch. Dass das ziemlich
klischeehaft ist. Es tragen nicht alle Leute in ihrer Freizeit Bollenhüte.
Maria Schüly, Leiterin Augustinermuseum Freiburg:
Der Bollenhut entstand aus dem Rosenhut. Das war ein Strohhut mit ziemlich großer
Krempe, der verschiedene Blumen hatte, die schwarz waren. Und irgendwann
wurden die dann durch rote Bollen ersetzt. Durch diese Bollen, die sie von den
Pudelmützen her kennen. Also es waren wohl schon die Karlsruhrer Maler, die
praktisch den Hut für sich entdeckten. Aus Karlruhe sind sie in den Schwarzwald
gekommen und das hat sich sicher gut gemacht, die roten Bollen auf der grünen
Wiese. Also es wurde schon zur Werbung benutzt.
7
Christopher Krull , Schwarzwald Tourismus:
Der Bollenhut hat seinen Siegeszug begonnen mit dem Film „ Das
Schwarzwaldmädel“. Das war die Operette vom Jessel, die zunächst mal hier für
Furore gesorgt hat. Und er steht als Symbol für ganz Deutschland. Beispielsweise in
Amerika. Dort wird auch gerne mal der Bollenhut mit der Lederhose kombiniert. Das
ist schon kurios. Aber er ist eben wirklich exotisch. Schinken, Uhren - das gibt es
überall. Den Bollenhut, den gibt es nur hier.
Erzählerin:
Und deshalb muss er wieder herhalten. Heimat ist hip und der Schwarzwald
neuerdings vereint unter dem Bollenhut. Christopher Krull, Geschäftsführer der
Schwarzwald Tourismus hat ihn zum Markenbotschafter erkoren. Jetzt ziert er
Milchtüten und Mineralwasserflaschen. Dabei ist er sogar im Schwarzwald selbst
eine Randerscheinung, darf, nur in den Orten Kirnbach, Gutach und Reichenbach
getragen werden. Streng genommen. Die Freiburger Modedesignerin Kim Schimpfle
hat die alten Hüte jetzt kurzerhand entstaubt :
Kim Schimpfle, Dirndldesignerin:
Wir haben jetzt schwarze Bollen und rote Kirschen drauf. Wir haben jetzt einfach
schwarze Kirschen genommen.
Erzählerin:
Hüte ? Eher bunte Bollengebinde für das Schaulaufen in der Großstadt. Und- na ja
das ist eher so ein Haarreif der oben noch einen kleinen Deckel mit Bollen drauf hat.
So könnte man das beschreiben. Aber wir haben auch klassische Hüte, aber auch so
Kleinigkeiten, wo dann eben Bollen drauf gemacht werden.
Erzählerin:
Jeden Nachmittag sitzt Kim Schimpfle in ihrem kleinen Modeatelier und näht,
Büstiers und Corsagen , Schürzen und Tellerröcke. Zur Zeit arbeitet sie an einem
Dirndl:
Kim Schimpfle: mit Atmo: Nahmaschine
Ich nähe jetzt eine Unterrock mit einem Tüllrock dran , damit dass so ein bisschen
den Petticoateffekt bekommen.
Erzählerin:
Seitdem sie sich auf moderne Trachten spezialisiert hat, läuft der Laden. Sogar aus
New York kommen Anfragen, eine Berliner Boutique hat ihre Kollektion schon im
Sortiment. Model Babette muss heute Abend schon wieder auf den Laufsteg:
Atmo: bei er Anprobe. Dialog zwischen Kim Schimpfle und Babette Bisang:
..so ein Dirndl soll ja immer eng sitzen. So. Genau - müssen wir hochziehen.
Ziehen wir hoch. Schnürrchen. Schöner Lodenstoff stimmt`s.
Ja ist ein reiner Lodenstoff. Finde ich auch immer wieder schön - für den Winter.
Schön, dass man einfach mal sagt ist mal ein winterliches Dirndl aus dickerem Stoff.
Und dann sieht man das so, wenn man sich so dreht- oder ?
Lässig, genau. Jetzt machen wir noch mal das mit dem Mantel. Und Du knöpfst den
auf. Geh mal nach hinten. Ich muss das noch mal von Weitem sehen.
So.
8
Erzählerin:
Auf dem Oberteil erscheint er wieder: der Bollenhut samt Trägerin. Ein Postkartenbild
aus längst vergangener Zeit, mit moderner Technik auf den Stoff gedruckt..Den
Kundinnen gefällt das:
Atmo: Dialog zwischen Kundin und Kim Schimpfle:
Was mich noch interessieren würde ist etwas, dass noch ein bisschen mehr Farbe
hat, noch ein bisschen mehr Farbakzente. Zum Beispiel hier dieses Dirndl, das gefällt
mir sehr gut.
Ja : Das ist jetzt ein Dirndl, das wir in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Florian
Richter gemacht haben. Der ist Fotograf, lebt mittlerweile in Berlin, hat aber hier in
Freiburg gewohnt und fotografiert den Schwarzwald. Und wir haben diese Fotos
genommen und haben die auf Stoff printen lassen.
Erzählerin:
All das wird garniert mit Kuckucksuhrknöpfen , Bollenbordüren und
Kirschtortenkropfbändern. Der Name ihres Ladens ist eben Programm „Schwarzwald
Couture“
Kim Schimpfle:
Wenn man hier die Tür auf hat und die Leute gehen draußen vorbei, dann hör ich
schon die Leute sagen: Guck mal Schwarzwaldcouture. Ach.. Schwarzwaldcouture.
Das sind so die klassischen Reaktionen wenn die dann hier vor dem Schaufenster
stehen, die sehen ja nicht dass ich das höre - da heißt es dann: ach guck mal hier
Dirndl, ja ja das trägt man ja jetzt und guck mal hier aus dem Schwarzwald. Dann
erzählen die aus ihrer Kindheit und wollen wissen , wie Dirndl und warum .Das ist
schon sehr emotional.
Erzählerin:
Rein kommen dann die Jungen zwischen 20 und 40. Trachten sind bei Ihnen voll im
Trend :
Frage Erzählerin:
Hat man da auch Heimatgefühle in so einem Dirndl?
Kundin :
Ja ich muss schon sagen, man fühlt sich unglaublich weiblich. Und irgendwie kriegt
man auch Heimastgefühle. Ich habe mal eine Zeitlang in Hamburg gewohnt und
immer wenn ich dann nach Hause gefahren bin und die Berge kamen. Da war das
schon ein besonderes Gefühl.
Kim Schimpfle:
Man fühlt sich schon sehr weiblich in so einem Dirndl. Es gibt natürlich auch
Kundinnen, für die hat das so ein bisschen eine braune Vergangenheit. Die haben
das als Kinder immer tragen müssen. Aber bei mir ist das so: Seitdem ich mich mit all
dem beschäftige habe ich auch ein ganz anders Bewusstsein bekommen. Aber die
jungen sehen das total anders . So ein Dirndl muss man einfach haben. Das ist total
in.Aber es kommt noch besser: Bei Unternehmerin Jutta Rothe aus Bernau im
Schwarzwald sitzen die Bollen nicht mehr auf dem Haupt oder am Rever:
9
Jutta Rothe, Raumgestalt Bernau:
Der Bollenhut ist jetzt ein ganz schlichter schwarzer Hocker, der einmal mit den roten
Bollen für die unverheirateten Frauen und einmal mit den Schwarzen Bollen für die
verheirateten Frauen. Aber ganz klar muss sein, dass man ein bisschen lächelt, ein
bisschen schmunzelt. So ist das eigentlich gedacht. Weil wir uns verändert haben,
weil wir offener geworden sind, weil wir uns mehr trauen uns nicht mehr in diesen
starren Strukturen leben müssen. Man kann in Anführungszeichen, den Bollenhut
mal auf die Schippe nehmen. Auf der anderen Seite sehnen wir uns aber trotzdem
nach diesen alten Ordnungen.
Atmo: Musik
Erzählerin:
Bollenhuthocker und Schwarzwaldrap, Kuckucksuhrenkunst und Designerdirndl.
Heimat hat Hochkonjunktur versichert mir Maria Schüly. Sie ist Kuratorin der
Ausstellung „Unser Schwarzwald“, die im Freiburger Augustinermuseum zu sehen
war:
Maria Schüly, Augustinermuseum Freiburg:
Auf jeden Fall ist es trendy .Es gibt viele Bücher jetzt wo Schriftsteller ihre Erlebnisse
im Schwarzwald schildern. Wird gekauft. Es sind nicht mehr die Bildbände in drei
Sprachen, die das Bild vom Schwarzwald prägen. Sondern die persönliche Sicht.
Christopher Krull:
Heimat ist wieder sexy. Der Begriff Heimat wird wesentlich unverkrampfter gesehen.
In Deutschland hatte man ja ein sehr gebrochenes Verhältnis. Es ist nicht so der
konservative Heimatbegriff der hier eine Rolle spielt. Es ist eher dieses farbenfrohe,
bunte aber auch das Spielen mit dem Begriff Heimat. Auch das Bekenntnis, man darf
wieder stolz sein auf das was einem Heimat bietet, auch auf das was die eigene
Region hervorgebracht hat als Tradition und die jungen Leute greifen das wieder auf.
Erzählerin:
Sieht so Heimatliebe in Zeiten der Globalisierung aus? Wir machen es uns im Dirndl
gemütlich, wenn es draußen immer unübersichtlicher wird? Hilft Kirschtorte in der
Dose gegen Krisenstimmung? Oder geht es doch wieder bloß um den Kommerz?
Was bleibt vom neuen Heimweh nach Heimat?
Kim Schimpfle:
Also ich glaub es ist ein Zeichen unserer Zeit. Man ist ständig erreichbar mit I-phone,
i-pod und so weiter. Man ist so global mittlerweile, dass wir, glaube ich uns
manchmal darin verlieren. Das ist dann einfach so der Rest der bleibt, wo ich einfach
sage mit dieser ganzen Globalisierung: Hier bin ich daheim und hier bin ich Ich, und
hier weiß ich auch wo meine Wurzeln sind.
Jutta Rothe:
Dadurch dass das heute gar kein Thema mehr ist. Wir fahren nach Frankfurt und
setzen uns in den Flieger und fliegen nach Tokyo. Dadurch, dass wir aber alle noch
kleine Menschlein sind, das heißt unsere Seele ist dieser Globalisierung noch nicht
ganz gewachsen. Und da sehnen wir uns nach Wärme, nach einer kleinen Welt. Und
wir stellen diese beiden Pole meiner Meinung nach gegenüber.
10
Ingo Haas:
Natürlich wird sich alles verändern. Das ist ja ein Zeichen unserer heutigen Zeit, dass
sich eben alles schnell verändert. Über uns muss ich jetzt mal sagen, das was wir
hier angefangen haben mit den Uhren. Da können wir unsere Kreativität mal so
richtig ausleben. Diese Freiheit haben wir jetzt. Für mich ist das noch lange nicht
beendet. Diese Tür, die wir da aufgemacht haben, der Raum der dahinter liegt, der
ist noch nicht mal ansatzweise ausgeschöpft. Also, wir haben unsere Zukunft
gesichert.
Buchtipp:
Jens Schäfer
Gebrauchsanweisung für Freiburg und den Schwarzwald
Piper Taschenbuchverlag
224 Seiten für 14,95 Euro
ISBN: 978-3492275620
11
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Seele and Geist
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