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9783404608027_Bowen_Bob und wie er die Welt sieht_Leseprobe

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Weitere Titel des Autors:
Bob, der Streuner. Die Katze, die mein Leben veränderte
Bob, der Streuner. Die Geschichte einer außergewöhnlichen
Katze. Für junge Leser ab 12 Jahren.
Die Titel sind auch als E-Book und Audio erhältlich
Über den Autor:
James Bowen ist der Autor des internationalen Bestsellers BOB,
DER STREUNER. Er fand den Straßenkater Bob 2007 und
nahm ihn auf. Das ungleiche Paar ist seitdem unzertrennlich.
Beide leben im Norden Londons.
James Bowen
BOB UND WIE ER DIE
WELT SIEHT
Neue Abenteuer mit dem Streuner
Aus dem Englischen von Ursula Mensah
BASTEI LÜBBE TASCHENBUCH
Band 60802
1. Auflage: März 2014
Dieser Titel ist auch als Hörbuch und E-Book erschienen
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:
Copyright © by James & Bob Limited and
Connected Content Limited 2013
All rights reserved.
Titel der englischen Originalausgabe:
»THE WORLD ACCORDING TO BOB«
Originalverlag: Hodder & Stoughton Ltd, London
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2014 by Bastei Lübbe AG, Köln
Titelillustration: © Clint Images
Umschlaggestaltung: Christin Wilhelm, www.grafic4u.de
Die Fotos im Innenteil wurden dem Buch
»BOB, NO ORDINARY CAT« entnommen.
Mit freundlicher Genehmigung von
Hodder & Stoughton Ltd. Copyright © Clint Images
Satz: hanseatenSatz-bremen, Bremen
Gesetzt aus der Stempel Garamond LT Std
Druck und Verarbeitung: CPI books Ebner & Spiegel, Ulm
Printed in Germany
ISBN 978-3-404-60802-7
Sie finden uns im Internet unter
www.luebbe.de
Bitte beachten Sie auch: www.lesejury.de
Dieses Buch widmen wir all den stillen Helden des Alltags, die
Obdachlosen und Tieren in Not helfen.
Inhaltsangabe
1 Der Nachtwächter
2 Neue Kunststücke
3 Das Bob-Mobil
4 Ein seltsames Paar
5 Ein Geist im Treppenhaus
6 Der Müll-Inspektor
7 Die Katze auf dem Dach
8 Keiner ist blinder
9 Bobs große Nachtwanderung
10 Zwei Welten
11 Zwei coole Kater
12 Glücksmomente mit Bob
13 Staatsfeind Nr. 1
14 Stolz und Vorurteil
15 Mein Retter
16 Doktor Bob
17 Urinstinkte
18 Warten auf Bob
Epilog: Für immer
Danksagung
11
21
34
48
58
67
79
92
108
118
136
151
165
174
185
202
209
221
228
237
Wer eine Katze hat, braucht das Alleinsein nicht zu fürchten.
Daniel Defoe
Könnte man Menschen mit Katzen kreuzen, würde dies die
Menschen veredeln, aber die Katzen herabsetzen.
Mark Twain
3
Das Bob-Mobil
A
n einem milden Frühsommernachmittag konnte ich tatsächlich mal früher Schluss machen. Die Sonne hatte unsere Mitmenschen aufgetaut und ich profitierte von ihrer guten
Laune. Alle meine Zeitschriften waren binnen weniger Stunden
ausverkauft.
Seit ich vor zwei Jahren als Big Issue-Verkäufer angefangen
hatte, hatte ich gelernt, mit meinem Geld hauszuhalten. Deshalb wollte ich von einem Teil meines Verdienstes auch gleich
meinen Vorrat für den Rest der Woche aufstocken. Mit Bob auf
der Schulter schaute ich daher auf dem Heimweg noch bei Rita
vorbei. Sie war die Big Issue-Vertriebsleiterin auf der Nordseite
der Islington High Street. Schon von Weitem sah ich sie, umringt von einer Gruppe von Verkäufern in ihren roten Warnwesten. Sie begutachteten etwas, was ich nicht sehen konnte.
Erst als sich bei meinem Eintreffen die Gruppe teilte, sah ich
das Fahrrad, das offenbar Gegenstand der Diskussion war. Rita
und ich kamen gut miteinander aus, also konnte ich es mir erlauben, sie ein bisschen aufzuziehen.
»Hey, Rita, was hast du vor? Willst du bei der Tour de France
mitradeln?«, witzelte ich.
»Nicht wirklich, James«, schmunzelte sie. »Ein Verkäufer
hat das Fahrrad gerade für zehn Zeitschriften eingetauscht. Dabei weiß ich gar nicht, was ich damit anfangen soll, ich steh’
nämlich gar nicht aufs Radfahren.«
Das Fahrrad, um das alle herumstanden, hatte seine besten
Zeiten schon hinter sich. Der Lenker war rostig, das Vorder– 34 –
licht hatte einen Sprung. Der Lack des Rahmens splitterte ab,
und als wäre das noch nicht genug, war das Schutzblech über
dem Hinterrad nur noch zur Hälfte vorhanden. Aber es fuhr.
»Ist es straßentauglich?«, fragte ich Rita.
Sie zuckte mit den Schultern: »Glaub’ schon. Der Vorbesitzer hat gesagt, die Bremsen sollten mal überprüft werden, aber
das ist alles.«
Meine Gedanken überschlugen sich, und Rita sah mir das
wohl an.
»Du kannst es ja mal ausprobieren.«
»Ja, warum nicht?«, stimmte ich ihr begeistert zu. »Kannst
du mal auf Bob aufpassen?«
Ich war zwar kein Bradley Wiggins, aber als Kind und auch
später in London bin ich immer gern Fahrrad gefahren. Vor ein
paar Jahren hatte ich sogar einen Kurs für Fahrradbau gemacht,
das gehörte damals zu meinem Rehabilitationsprogramm. Ich
war also nicht ganz hilflos, wenn es um Fahrradreparaturen
ging. Schön, dass dieser Unterricht nicht ganz umsonst gewesen war.
Ich holte Bob von meiner Schulter und übergab seine Leine
an Rita. Dann schnappte ich mir das Rad und stellte es kopfüber hin, um es besser überprüfen zu können. Beide Räder hatten genug Luft, die Kette war gut geölt und lief leicht und locker über die Zahnräder. Nur der Sattel war etwas zu niedrig
für mich, aber das war mit einem Handgriff behoben. Dann
schob ich es auf die Straße für eine Testfahrt. Die Gänge ließen sich nur schwer schalten und die Vorderbremsen funktionierten kaum, genau wie Rita gesagt hatte. Auch wenn man sie
mit aller Kraft anzog, schafften sie es gerade mal, die Fahrt zu
verlangsamen, aber zum Stehen brachten sie das Fahrrad nicht.
Wahrscheinlich waren die Bremszüge ausgeleiert. Das konnte
ich reparieren. Die Hinterradbremsen dagegen waren tadellos.
Was wollte ich mehr?
– 35 –
Ich berichtete Rita vom Ergebnis meiner Testfahrt. »Und
was heißt das jetzt?«, wollte sie wissen.
»Dass man es fahren kann«, antwortete ich. Meine Entscheidung war gefallen. »Weißt du was? Ich gebe dir ’nen Zehner dafür.«
»Echt? Bist du sicher?«, fragte sie verblüfft.
»Aber ja«, gab ich zur Antwort.
»Okay, abgemacht! Aber den hier brauchst du auch noch«,
stimmte sie zu und fischte unter ihrer Transportkarre einen
ziemlich verbeulten schwarzen Fahrradhelm hervor.
Ich habe schon immer alles eingesammelt, was andere Leute
wegwarfen. Meine Wohnung sah früher aus wie ein Trödelladen, vollgestopft mit Kuriositäten, von der Schaufensterpuppe bis zum Straßenschild. Aber das hier war etwas anderes. Es war meine erste sinnvolle Investition seit langer Zeit.
Das Fahrrad würde mir in Tottenham gute Dienste leisten. Ich
konnte es für kurze Strecken in der Umgebung nutzen, zum
Einkaufen oder für Arztbesuche. Die zehn Pfund würde ich
durch eingesparte Busfahrkarten schnell wieder herausholen.
Für die weiten Wege wie zur U-Bahn-Station Angel oder in
die Innenstadt von London würde ich natürlich weiter den
Bus oder die U-Bahn nehmen. Auf den Hauptverkehrsstraßen
von London radzufahren wäre mir dann doch zu tückisch. Da
gab es richtige Hotspots, an denen immer wieder Fahrradunfälle passierten.
Erst als ich in Gedanken die Wege durchging, die ich ab sofort mit dem Fahrrad zurücklegen konnte, bremste die wichtigste aller Fragen meinen Enthusiasmus.
»Wie kriege ich das Fahrrad bloß nach Tottenham?«
Im Bus sind Fahrräder genauso verboten wie in der Londoner U-Bahn. Die Busfahrer passen da genau auf, und im
U-Bahnhof wäre spätestens an den Ticket-Kontrollschranken
Schluss. Meine einzige Chance wären die oberirdisch fahrenden
– 36 –
Straßenbahnen, aber keine davon fuhr auch nur annähernd in
die Richtung meiner Wohnung.
Es gab nur eine Lösung. »Okay, Bob, sieht so aus, als würden wir beide heute nach Hause radeln«, erklärte ich meinem
aufmerksam lauschenden Rotpelzchen.
Bob hatte sich neben Rita auf dem Boden lang hingestreckt
und ließ sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Aber er behielt mich im Auge. Als ich das Rad für die Probefahrt bestieg,
neigte er den Kopf leicht zur Seite, als wollte er sagen: »Was ist
denn das für ein seltsames Gebilde? Und warum setzt du dich
da drauf?«
Als ich mir den Fahrradhelm aufsetzte, meinen Rucksack
schulterte und mit dem Rad auf ihn zusteuerte, musterte er
mich immer noch skeptisch.
»Na komm, Kumpel, steig auf«, sagte ich und beugte mich
zu ihm hinunter, damit er auf meine Schulter klettern konnte.
»Na, dann viel Glück«, rief Rita uns hinterher.
»Danke, das können wir brauchen«, antwortete ich.
Der Verkehr auf der Islington High Street war mörderisch
wie immer, es gab kein Durchkommen. Also schob ich das Rad
eine Weile auf dem Gehweg neben uns her, Richtung Islington Memorial Green. Wir kamen an zwei Polizisten vorbei, die
mich zwar verblüfft musterten, aber sie hielten uns nicht auf.
Noch gab es kein Gesetz gegen das Radfahren mit Katze auf
der Schulter. Zumindest hatte ich noch nie etwas davon gehört.
Uns selbst wenn sie das Recht gehabt hätten, mich zu stoppen,
hatten sie zum Glück gerade Wichtigeres zu tun.
Ich wollte auf keinen Fall auf der High Street fahren, also
überquerte ich an einem Zebrastreifen die Straße. Das Rad
schob ich immer noch. Trotzdem zogen wir mehr Blicke auf
uns als sonst. In den Gesichtern der Passanten spiegelten sich
bei unserem Anblick die unterschiedlichsten Reaktionen. Von
– 37 –
Staunen bis Heiterkeit und Skepsis war alles dabei. Einige blieben stehen und zeigten mit dem Finger auf uns, als wären wir
Besucher von einem anderen Stern.
Aber wir ließen uns nicht aufhalten. Immer noch schiebend,
durchquerten wir einen Teil von Islington Green, vorbei an der
Waterstone Buchhandlung, um die Essex Road zu erreichen,
die Hauptstraße, die in den Norden von London führt.
»Okay, Bob, jetzt geht’s los!«, warnte ich mein Rotpelzchen
und wappnete mich gegen das unausweichliche Verkehrschaos,
in das wir uns nun stürzen mussten. Wir stiegen auf, und so
vorsichtig wie möglich schlängelte ich uns an Bussen, Autos sowie Groß- und Kleintransportern vorbei.
Bob und ich hatten den Bogen schnell raus. Während ich
mich auf den Verkehr konzentrierte und gleichzeitig versuchte,
beim Fahren den Rücken möglichst gerade zu halten, konnte
ich spüren, wie Bob auf meinen Schultern noch nach der besten Sitzposition suchte. Anstatt zu stehen, drapierte er sich klugerweise um meinen Nacken, wobei er seinen Kopf nach vorn
reckte und sich gleichzeitig vor dem Wind duckte. Ganz offensichtlich wollte er diese Fahrt genießen.
Es war etwa vier Uhr nachmittags, die Zeit, in der viele Schulen schließen. Die ganze Essex Road entlang blieben Gruppen von Schulkindern in Uniformen stehen und winkten uns
zu. Ich versuchte nur einmal zurückzuwinken und verlor dabei
beinahe das Gleichgewicht, was zur Folge hatte, dass Bob mir
fast von der Schulter rutschte.
»Hoppla! Tut mir leid, Kumpel. Das mache ich nicht noch
mal!«, versprach ich ihm, während wir uns beide darum bemühten, das Gleichgewicht wieder zu finden.
Immerhin kamen wir vorwärts, wenn auch manchmal nur
langsam. Sobald der Verkehr stoppte und auch wir stehen bleiben mussten, riefen uns die Leute aus den umstehenden Autos zu, dass sie uns fotografieren wollten. Zwei junge Mädchen
– 38 –
hüpften sogar aus dem Auto der Eltern, nur um Fotos mit uns
zu machen.
»O mein Gott, das ist so süß«, beteuerte die eine und lehnte
sich bei ihrer Pose für das Foto so stürmisch gegen mich, dass
sie uns fast umwarf.
Ich war schon Jahre nicht mehr radgefahren und dementsprechend aus der Übung. Meine Kondition ließ auch deutlich
zu wünschen übrig. Deshalb brauchte ich die eine oder andere
Atempause am Straßenrand. Immer waren wir schnell von Zuschauern umringt. Die meisten lächelten verzückt, aber es gab
auch ein paar unwirsche Kopfschüttler.
»So ein Idiot«, hörte ich einen älteren Mann im Anzug murmeln, während er an uns vorüberging.
Aber ich fühlte mich gar nicht idiotisch. Ganz im Gegenteil,
das Radfahren machte richtig Spaß. Und auch Bob gefiel das
neue Spiel. Er streckte seinen Kopf neben meinen in den Fahrtwind und schnurrte mir zufrieden ins Ohr.
Wir fuhren die ganze lange Strecke bis Newington Green
und von dort aus zur Kingsland Road, wo die Straße Richtung
Seven Sisters weiterführt. Auf diese Kreuzung hatte ich mich
schon gefreut. Bisher waren die Straßen, bis auf ein paar kleine
Neigungen, ziemlich eben verlaufen. Aber ab Seven Sisters ging
es fast zwei Kilometer weit bergab. Da konnte ich aufhören zu
strampeln, und das Rad würde uns von ganz allein vorantragen.
An der heiß ersehnten Kreuzung erwartete uns noch eine angenehme Überraschung: ein Fahrradweg, der noch dazu völlig
leer und unbefahren war. Bob und ich flogen geradezu den Hügel hinunter. Der warme Sommerwind zerzauste uns Fell und
Haar. »Wowiiii, das macht Spaß, was Bob?«, rief ich ihm zu. Ich
kam mir vor wie Elliott in dem Kinofilm E.T. – nicht, dass ich
abheben und über die Dächer von Nordlondon fliegen wollte,
aber wir bretterten mit gefühlten 30 Stundenkilometern dahin,
und das war fast wie Fliegen.
– 39 –
Auf der Hauptstraße neben dem Fahrradweg dagegen ging
nichts mehr. Die Autofahrer im Stau ließen die Fenster herunter, um ein bisschen Frischluft zu schnappen. Als wir an ihnen
vorbeizischten, hätte ich den einen oder anderen Gesichtsausdruck dieser staugeplagten Londoner gern fotografiert. Der
Anblick war unbezahlbar.
Ein paar Kinder streckten die Köpfe aus den Sonnendächern
ihrer Autos und kreischten vor Vergnügen. Einigen Autofahrern stand der Mund offen vor Staunen. Aber das war auch verständlich. Wann sieht man schon mal eine rote Katze auf einem
Fahrrad einen Hügel hinunterheizen?
Insgesamt brauchten wir nur eine halbe Stunde nach Hause.
Das war ziemlich beachtlich, wenn man die vielen Pausen bedenkt, die wir eingelegt hatten.
Kurz vor unserem Wohnhaus sprang Bob so selbstverständlich von meiner Schulter, als würde er aus dem Bus aussteigen.
Das war ganz typisch für seine entspannte Haltung zum Leben. Er hatte auch dieses Abenteuer mit Bravour gemeistert: ein
ganz normaler Tag mit James in London.
Den Rest des Tages und den ganzen Abend verbrachte ich
damit, an dem Fahrrad herumzuschrauben. Die Vorderbremsen waren schnell repariert und auch alles andere wurde generalüberholt. Stolz präsentierte ich Bob das Ergebnis meiner Arbeit:
»Schau mal, Bob, hier ist es: dein ganz persönliches Bob-Mobil!«
Ich bin zwar nicht ganz sicher, aber ich meinte in seinem
Blick den Ausdruck von Zustimmung zu lesen.
*
Ich werde oft gefragt, wie Bob und ich uns ohne Worte so gut
verständigen können.
»Das ist einfach«, antworte ich dann immer. »Er hat seine eigene Sprache und ich habe gelernt, sie zu verstehen.«
– 40 –
Das klingt vielleicht verrückt, aber es ist wahr.
Bob verständigt sich hauptsächlich über Körpersprache. Er
hat eine ganze Palette an Signalen, die seine Gefühle ausdrücken. Oder noch genauer, mit denen er mir zu verstehen gibt,
was er gerade will.
Wenn er beispielsweise zur Toilette muss, während wir irgendwo in London herumlaufen, dann brummt und knurrt er
leise. Dabei fängt er an, auf meiner Schulter herumzuzappeln.
Ohne ihn auch nur anzusehen, weiß ich, was er tut: er sieht sich
nach einer Stelle mit weicher Erde um, wo er sein Geschäft erledigen kann.
Wenn er an der Leine neben mir her läuft und mir sagen will,
dass er müde ist, stößt er ein sanftes, tiefes Murren aus, dass
sich wie ein Klagelaut anhört. Wenn ich darauf nicht gleich reagiere, bleibt er wie angewurzelt stehen. Nichts und niemand
bewegt ihn dann zu einem weiteren Schritt. Nur seine großen
Augen flehen: »Komm schon, Kumpel, nimm mich hoch, ich
kann nicht mehr!«
Erschreckt er sich auf meiner Schulter, macht er einen Katzenbuckel. Ist er dabei auf dem Boden, geht er mit aufgeplustertem Fell so lange rückwärts, bis er zwischen meinen Beinen
steht, sodass ich ihn schnell hochnehmen kann.
Aber Bob ist kein ängstlicher Kater. Er lässt sich weder von
der durchdringenden Sirene eines Krankenwagens noch von
dem schrillen Lärm eines Polizeiautos aus der Ruhe bringen.
Durch unsere tägliche Arbeit in der Innenstadt von London
ist er daran gewöhnt. Nur die Luftdruckbremsen von großen Lastwagen und Bussen machen ihm immer noch zu schaffen. Jedes Mal, wenn er dieses laute, zischende Geräusch hört,
weicht er verschreckt zurück. Auch die lauten Schüsse und
Explosionen von Feuerwerken sind ihm nicht geheuer. Aber
aus sicherer Entfernung wie vom Fenster unserer Wohnung
aus beobachtet er die hellen, auseinandersprühenden Fun– 41 –
ken am Nachthimmel mit mehr Begeisterung als so mancher
Mensch.
Sein Schwanz ist ein weiteres wichtiges Ausdrucksmittel. Ich
erkenne seine Laune an der Bewegung dieses wichtigen Gleichgewichtsorgans aller Katzen. Nur wenn er döst oder schläft,
steht dieses Gefühlsbarometer ganz still. Ist Bob wach, bewegt sich auch sein Schwanz. Und diese Schwingungen kann
ich deuten. Die häufigste Schwanzbewegung ist ein federleichtes Hin- und Herschwingen der Spitze, das man am ehesten mit
der niedrigsten Stufe eines Scheibenwischers vergleichen kann.
Ich nenne es sein »behagliches Wedeln«. In den vielen Stunden,
die wir zusammen in London herumsaßen, habe ich gelernt,
dass es für Neugier oder Aufmerksamkeit steht.
Die Frau im Tweedkostüm, die versucht hatte, Bob zu entführen, war nicht die erste, die von dieser Schwanzbewegung
auf Unmut schloss. Natürlich kann Bob auch böse werden,
aber dann steht das Schwanzbarometer eher auf schnell und
hart schlagender Fliegenklatsche.
Bob hat auch seine zärtliche Seite. Wenn er sich beispielsweise um mich sorgt, kommt er mit seinem Gesicht ganz nah
an meines, als wollte er mich genau unter die Lupe nehmen.
Wenn ich ein bisschen erkältet bin, drückt er sich eng an mich
und hört mir regelrecht die Brust ab. Es gibt viele dieser kleinen Liebesbeweise. So kommt er oft zu mir, reibt sich an meinem Bein und schnurrt dabei ganz laut. Oder er reibt sein Gesicht an meiner Hand und schmiegt seinen Kopf so stürmisch in
meine Handfläche, dass mir gar nichts anderes übrig bleibt, als
ihn hinter den Ohren zu kraulen. Zoologen und Tier-Verhaltensforscher haben ein Recht auf ihre Meinung, aber für mich
ist das Bobs ganz persönliche Art, mir seine Liebe zu zeigen.
Die wichtigsten Gebärden von Bob, die ich verstehen muss,
betreffen natürlich das Futter. Wenn er will, dass ich in die Küche komme, um ihn zu füttern, läuft er dort herum und schlägt
– 42 –
mit einer Pfote gegen die Türen der Küchenschränke. Er ist so
schlau, dass er die Kindersicherungen, die ich sehr schnell anbringen musste, als er bei mir einzog, mit Sicherheit knacken
könnte. Deshalb muss ich auch immer nachsehen, ob die Türen noch zu sind, wenn er randaliert. Sobald ich in die Küche
komme, sitzt er an einer bestimmten Stelle neben der Heizung
und mustert mich mit gekonnt unschuldigem Blick. Nur: Lange
hält er das nicht durch, denn ein Leckerchen pro Küchenbesuch
muss schon drin sein.
Bob ist der hartnäckigste Kater der Welt, und er würde niemals Ruhe geben, bis er bekommt, was er will. Wenn ich ihn
mal absichtlich ignoriere, frustriert ihn das ungemein. Dann
buhlt er mit allen möglichen Tricks um meine Aufmerksamkeit.
Er klopft mit der Vorderpfote auf mein Knie oder verfolgt mich
mit seinem »Gestiefelter Kater«-Blick. Seine Kreativität kennt
keine Grenzen, wenn es darum geht, das Loch in seinem Magen zu füllen.
Einige Zeit fand er es gar nicht lustig, wenn ich mich auf meiner gebrauchten Xbox in ein Computerspiel vertiefte. Dann
versuchte er mich mit allen Mitteln abzulenken. Aber meistens
sah er mir beim Daddeln gerne zu. Spiele wie Autorennen fand
er richtig spannend. Er stand dann neben mir und verfolgte
gespannt jede Kurve und jedes Überholmanöver. Ich könnte
schwören, dass sein Körper sich mit in die Kurve legte, als wir
eine besonders gefährliche Haarnadelkurve zusammen in Angriff nahmen. Doch bei Action-Spielen mit viel Herumballern
war bei ihm Schluss. Wenn ich damit anfing, verzog er sich auf
die andere Seite des Wohnzimmers. Wenn das Spiel – oder auch
ich – zu laut wurde, hob er den Kopf und starrte mich an. Dieser genervte Blick war nicht misszuverstehen: »Hallo? Mach
leiser, siehst du nicht, dass ich schlafen will?«
Manchmal vergaß ich tatsächlich Raum und Zeit über den
Xbox-Spielen. Es kam vor, dass ich um neun Uhr abends an– 43 –
fing und bis zum Morgengrauen durchmachte. Bob gefiel das
gar nicht, und er tat alles, um meine Aufmerksamkeit zurückzuerobern, vor allem wenn er hungrig war.
Im Eifer des Gefechts konnte es schon mal vorkommen, dass
mir sogar seine Charme-Offensiven entgingen. Aber auch da
wusste sich mein schlauer Kater durchzusetzen.
Eines Abends spielten Belle und ich gerade gegeneinander,
als Bob auftauchte. Er hatte erst vor zwei Stunden sein Abendessen bekommen. Trotzdem war er der Meinung, es wäre Zeit
für einen Snack. Er zog alle Register, mit denen er sich sonst
immer sofort in den Mittelpunkt schummelte, er gab die verschiedensten Laute von sich, drapierte sich theatralisch auf meinen Füßen und strich mir stürmisch um die Beine. Aber Belle
und ich waren so damit beschäftigt, als Erster den nächsten Level des Spieles zu erreichen, dass wir auf keine seiner Maßnahmen reagierten.
Für einen Moment sah es aus, als würde er aufgeben. Er
umkreiste den Mehrfachstecker auf dem Boden, über den der
Fernseher und die Xbox ans Stromnetz angeschlossen waren.
Gleich darauf stakste er entschlossen auf die Spielekonsole zu
und presste seinen Kopf gegen den großen Schaltknopf in der
Mitte.
»Hey, Bob, was machst du da?«, fragte ich zwar automatisch, war aber viel zu sehr in unser Spiel vertieft, um seinen
Plan zu durchschauen.
Und plötzlich war der Bildschirm schwarz und die Xbox
aus. In seinem Frust hatte er tatsächlich so viel Druck auf den
Knopf ausgeübt, dass er sie ausgeschaltet hatte. Das Erreichen
des höheren Levels konnten wir nun vergessen und hätten allen Grund gehabt, wirklich böse auf ihn zu sein. Aber wir waren so verdutzt, dass wir unseren Cyberkater nur fassungslos
anstarrten.
»Hat er das jetzt wirklich getan?«, flüsterte Belle ungläubig.
– 44 –
»Na ja, ich habe es gesehen, also hat er es tatsächlich getan.
Aber glauben kann ich es nicht.«
Bob musterte uns triumphierend. Sein Blick sagte alles: »So,
jetzt könnt ihr mich nicht mehr ignorieren!«
Bob und ich verlassen uns aber nicht nur auf bekannte Signale
und Körpersprache. Manchmal ist es, so seltsam das auch klingen mag, tatsächlich Telepathie, so als wüssten wir einfach, was
der andere gerade denkt oder tut. Und wir haben gelernt, uns
gegenseitig vor Gefahren zu warnen.
Ein paar Tage nachdem ich das Fahrrad erstanden hatte, radelten wir zu einem nahe gelegenen Park, der vor Kurzem eine
Rundumerneuerung bekommen hatte. Für Bob waren unsere
kurzen Radausflüge auf meiner Schulter schon zur lieben Gewohnheit geworden. Beherzt warf er sich wie ein Beifahrer auf
dem Motorrad mit mir in jede Kurve.
Leider war der Park eine kleine Enttäuschung, denn außer
ein paar neuen Bänken und Büschen sowie einem annehmbaren Spielplatz für Kleinkinder hatte sich nicht viel verändert.
Bob wollte die Grünanlage trotzdem erkunden. Wenn ich das
Gefühl hatte, dass Bob in Sicherheit war, ließ ich ihn gern von
der Leine. Ich gönnte ihm das Vergnügen, nach Herzenslust im
Gebüsch und Unterholz herumzukriechen, bis er den perfekten Platz für sein Geschäftchen gefunden hatte. Auch an diesem
Tag durfte er streunen. Gerade hatte ich mich auf eine Bank in
die Sonne gesetzt und las ein Comic-Heft, als ich ein weit entferntes Bellen vernahm.
O je, dachte ich.
Von meiner Bank aus hatte ich einen guten Blick auf die
Straße vor dem Park. Als ich meinen Kopf zum Parkeingang
drehte, sah ich einen Schäferhund, der ohne Leine auf den Park
zugeschossen kam. Er war nur noch drei Meter von uns entfernt und ganz offensichtlich im Jagdfieber.
– 45 –
»Bob«, rief ich mit scharfem Unterton in die Büsche, wo
Bob, dem Ruf der Natur folgend, schwer beschäftigt war. »Bob,
komm sofort her!«
Ich spürte Panik in mir aufsteigen. Doch wie schon so oft,
waren wir auf gleicher Wellenlänge. Sein Kopf tauchte umgehend aus dem Gebüsch auf. Ich winkte ihn heran und versuchte dabei, mich nicht zu auffällig zu benehmen. Schließlich wollte ich den Hund nicht auf mich aufmerksam machen.
Bob hatte die Situation sofort erfasst und sauste auf mich zu.
Er hatte keine Angst vor Hunden, aber er wählte seine Kämpfe
und seine Gegner mit Bedacht. So, wie sich dieser Schäferhund
aufführte, wollten wir es lieber nicht darauf ankommen lassen.
Leider war Bobs hellrotes Fell auf dem grünen Rasen nicht
zu übersehen. Der Hund hatte die willkommene Beute sofort
entdeckt und stürmte auf Bob zu. Sein lautes Bellen überschlug
sich fast. Ich hatte Angst, dass Bob es nicht mehr rechtzeitig auf
meine Schultern schaffen würde. Deshalb schnappte ich mir das
Fahrrad und machte mich bereit, ihn damit notfalls zu schützen. Bob wäre in ernsten Schwierigkeiten, wenn der Schäferhund ihn zu fassen bekäme.
Aber wie schon so oft in der Vergangenheit, hatte ich Bob
mal wieder unterschätzt.
Er raste über die Wiese und ich hatte gerade noch Zeit, in die
Knie zu gehen. Mit einer einzigen Bewegung setzte ich ihn mir
auf die Schulter, schwang mich in den Sattel und trat in die Pedale. Bob stand noch auf meiner Schulter, als ich wild strampelnd aus dem Park raste.
Der frustrierte Hund verfolgte uns mit wütendem Gebell, ja,
er lief sogar kurz neben uns her, während wir die Straße entlangbretterten. Bob fauchte wütend zurück. Ich konnte zwar
sein Gesicht nicht sehen, aber ich hätte darauf gewettet, dass er
ihn verhöhnte: »Na, du blöder Hund, was willst du noch?«
Erst als wir die Hauptstraße erreicht hatten, die zu unserem
– 46 –
Wohnblock führte, drehte ich mich um. Unser Verfolger war
zurückgefallen, und sein Besitzer hatte ihn endlich eingeholt; es
war ein stämmiger Kerl in schwarzer Jacke und Jeans. Er versuchte vergeblich, seinen Hund wieder an die Leine zu nehmen.
Aber das war zum Glück nicht mein Problem.
»Das war knapp, Bob«, schnaufte ich atemlos. »Wie gut, dass
wir das Bob-Mobil haben!«
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Seele and Geist
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