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Die Heilungsgeschichten der Bibel- und wie wir heute - Annastift

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Die Heilungsgeschichten der Bibel- und wie wir heute heil werden können
Von Cornelia Coenen-Marx, Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), Kirchenamt,
Hannover-Herrenhausen
In seinen Anfängen war das Christentum eine Heilungsbewegung. Das ist vielen heute nicht
mehr bewusst. Denn die Trennung zwischen christlichem Glauben und Heilkunst reicht
zurück bis in die Zeit der Auseinandersetzung mit den heilenden Frauen und wurde mit
Beginn der wissenschaftlichen Medizin noch einmal verschärft. Nach unserem Verständnis
sind Religion und Kirche für die Seele zuständig, Medizin und Pflege für den Leib. Erst in den
letzten Jahrzehnten wurde- zunächst dank der Psychosomatik, später auf dem Hintergrund
der modernen Hirnforschung - klar, dass diese Trennung von Leib und Seele auch dem
Stand der wissenschaftlichen Forschung nicht mehr entspricht. Der ganzheitliche Begriff der
Weltgesundheitsorganisation erinnert daran, dass Gesundheit mehr ist als körperliche
Integrität - längst ist klar; dass auch seelisches Wohlbefinden und soziale Integration eine
entscheidende Rolle spielen. Und vielen ist bewusst, dass es jenseits der
naturwissenschaftliche anerkannten Medizin Heil-Wissen und Heil-Weisheit aus alten und
kulturell anders geprägten Erfahrung gibt, das noch nicht ausreichend erforscht ist oder sich
einer Erforschung mit den bekannten wissenschaftlichen Verfahren entzieht- und offenbar
doch wirksam ist. Nicht mehr nur Patienten und ihre Angehörigen, auch Ärzte und Pflegende
interessieren sich für Traditionelle chinesische Medizin oder andere Erfahrungen aus dem
Fernen Osten. Die Frage nach dem Zusammenhang von Heilung und Heil wird neu gestellt.
Und plötzlich wird wieder entdeckt, dass Jesus wesentlich als „Heiland“ verstanden wurde.
Die wichtigste Einsicht aus diesem Prozess ist, dass Gesundheit nicht nur und nicht einmal
„in erster Linie ein medizinisches Problem ist.“.1 Die Bibel kann uns helfen, eine erweiterte
Sicht von Krankheit und Heilung zu entwickeln.
Dass Kranke im Umfeld Jesu Anteil bekommen an Gottes heilender Kraft und von ihr berührt
werden, gehört zu den wichtigsten Gründen für die Anziehungskraft und Ausbreitung des
Christentums. Die antike Welt war überzeugt, dass Kranke, Versehrte, Behinderte in die
widergöttliche Sphäre des Todes gehören und aus der
sozialen und kultischen
Gemeinschaft ausgegrenzt werden müssen. Dass sie von Dämonen besessen sind oder
dass eine Strafe auf ihnen liegt – und dass sie gerade damit das Miteinander bedrohen. Und
das Judentum des Alten Testament ging davon aus, dass Kranke von Gott geschlagen sind.
In Jesus Christus aber leidet Gott selbst und geht im Geschehen des Kreuzes in die
Todessphäre hinein. Er stellt sich an die Seite der Kranken und Schwachen. Das kehrt alle
bisherigen Vorstellungen von Krankheit und Heilung um. „ Denn wir haben nicht einen
Hohenpriester, der nicht mitleiden könnte an unseren Schwachheiten…“, heißt es im Brief an
die Hebräer. ( Hebr. 4,15) „ Darum lasst uns mit Freudigkeit zum Thron der Gnade treten,
dass wir Gnade finden, wenn wir Hilfe brauchen.“ Schwachheit gehört für die Bibel zum
Wesen des Menschen, ist Zeichen unserer Sterblichkeit, letztlich unserer Ohnmacht
gegenüber dem Tod. (So Paulus 1.Kor. 15, 42: Wo er Unehre, Schwachheit und
Vergänglichkeit der Kraft der Auferstehung gegenüber stellt).
Das Christentum kennt einen mitleidenden Gott. Die einfühlende Nächstenliebe ist sein
Markenzeichen. Auf diesem Hintergrund sind schon im 19. Jahrhundert die diakonischen
Dienste und Einrichtungen entstanden, denen es nicht nur um das Seelenheil, sondern auch
um das körperliche und soziale Wohlergehen der Menschen ging: Pflegedienste,
Krankenhäuser, Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Wie das gesamte
Gesundheitswesen sind sie heute geprägt durch die wissenschaftliche Medizin als öffentlich
finanzierte, institutionelle Norm. Viele Menschen gehen davon aus, dass Gesundheit
herstellbar sein müsse- als Produkt einer guten und effektiven Medizin, als erfolgreiche
1
Deutsches Institut für Ärztliche Mission (Hrsg.), Das christliche Verständnis von Gesundheit, Heilung
und Ganzheit. Studie der Christlich-Medizinischen Kommission in Genf, Tübingen 1990, 6
Dienstleistung. Wo dieser Glaube enttäuscht wird, wächst die Suche nach alternativen
Heilverfahren. eine neue Sehnsucht nach Ganzheitlichkeit und Harmonie, nach
vollkommener Einheit mit dem Kosmos. Der Psychiater und katholische Theologe Manfred
Lütz spricht in diesem Zusammenhang von einer neuen Gesundheitsreligion in unserer
Gesellschaft – Gesundheit, so sagt er, sei für uns unhinterfragt zum höchsten Gut geworden.
Hauptsache gesund, fit und leistungsstark. Diese Vorstellung habe aber eine gefährliche
Kehrseite: die Unfähigkeit mit der eigenen Vergänglichkeit umzugehen und die Ausgrenzung
der Kranken,
Auf diesem Hintergrund möchte ich heute Abend mit Ihnen fragen, welche Bedeutung und
welche Botschaft die Heilungsgeschichten der Bibel für uns haben und wie sie in ihrem
Kontext zu verstehen sind. Denn tatsächlich wird das heilende Handeln Jesu in allen vier
Evangelien programmatisch neben seine Verkündigung gestellt (Matth. 4, 23ff. parr.) Vier
Perspektiven sind mir dabei wichtig, die ich jeweils an Beispielgeschichten deutlich machen
möchte.
1.Aufrecht gehen: die Heilungsgeschichten unterstreichen die Würde jedes Menschen
Sie kennen wahrscheinlich die Bilder der jungen Frau mit dem schwarzen Haar und
leuchtenden Augen unter den buschigen Brauen. Sie trägt ein farbiges Kleid und schaut den
Betrachter offen, fast ein wenig herausfordernd an: Frida Kahlo. Frida mit Folkorekleidern
und Blumenkränzen im Haar, mit Papageien auf Schultern und Armen. Aber auch: nackt in
dem Korsett, das sie lebenslang tragen musste. Sie war noch ein junges Mädchen, als ihre
Wirbelsäule bei einem Busunfall brach; seitdem saß sie im Rollstuhl. Ihre zerbrochene
Wirbelsäule zeichnet sie wie die Stahlseile einer Gitarre zwischen ihren schönen Brüsten.
Dazu Nägel überall auf ihrem Leib –ja sogar auf dem Gesicht. Sie weint – zugleich aber hält
sie mit großer Eleganz ihren Rock, der mit den Wellen des Meeres schwingt, wie ihre langen,
offenen Haare. Mit schonungsloser Aufrichtigkeit zeichnet Frida Kahlo ihr Leben in Lust und
Schmerz.
Darum wohl wurde sie zu einer Ikone der Frauenbewegung- diese behinderte Frau war ein
Vorbild für alle, die lernen wollten, auf eigenen Füßen zu stehen, statt sich einfach nur
anzulehnen. Fridas Bilder erinnern daran, dass heil zu sein mehr ist als schmerzfrei zu sein,
und aufrecht zu leben mehr verlangt als eine gesunde Wirbelsäule. Das römische Motto
„Mens sana in corpore sano“- das geistige mit körperlicher Fitness verbindet, ist kein
christliches Motto. Das Nägelbild von Frida Kahlo erinnert an den Schmerzensmann mit den
Nägeln in Händen und Füßen, an den Gekreuzigten mit Dornenkrone und Seitenwunde, den
wir auch nach seiner Auferstehung an seinen Wunden erkennen. Der Verwundete ist
zugleich der Heiland – und umgekehrt: seine Heilungen sind so sehr Provokation, dass sie
ihn schließlich ans Kreuz bringen- darauf komme ich gleich zurück. Das Schicksal Jesu
zeigt: die Evangelien drehen sich nicht zuerst um körperliche Gesundheit, sondern um die
Frage nach einem sinnvollen Leben und Sterben.
Die eine sitzt im Rollstuhl und lebt aufrechter als andere. Die andere ist blind und entdeckt
Wirklichkeiten, zu denen andere keinen Zugang haben. Die Theologin Susanne Krahe hat
gerade ein Buch geschrieben mit dem Titel „ Der Geschmack von Blau“ geschrieben hat. Auf
dem Cover steht: „ Was ich weiß, seit ich nichts mehr sehe“: Andere kommt erst in einer
Krise wirklich zu sich selbst. So wie Jakob, dessen Krisengeschichte eine
Heilungsgeschichte ist, obwohl er am Ende hinkt.
Sie erinnern sich an Esaus Bruder, der auf dem Weg nach Hause durch die Furt des Flusses
Jabbok ziehen musste. Er schickt seine Frauen und Kinder vor und bleibt allein zurück. Da
ringt ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbricht. Die Bibel erzählt: „Und als er sah, dass
er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der
Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. „Lass mich gehen, denn die
Morgenröte bricht an“: sagt der Unbekannte, aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du
segnest mich denn“. Da fragt der Fremde nach Jakobs Namen und, ehe er geht, sagt er „Du
sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen
gekämpft und hast gewonnen“. Wie ein Traum scheint das alles, ein Alptraum vielleicht –
aber am Morgen, als Jakob aus dem Fluss steigt, geht ihm die Sonne auf, und er hinkt an
seiner Hüfte. Und Jakob deutet diese Erfahrung so: „Ich habe Gott von Angesicht gesehen,
und doch wurde mein Leben gerettet.“
Am Ende geht Jakob die Sonne auf. Und er trägt einen neuen Namen. „ Die Bewältigung von
Krisen geschieht nicht, indem man wieder ganz „ der Alte“ wird“; sagt der Analytiker? Michael
Mann,„ sie geschieht, in dem man einen neuen Namen annimmt. Lebendigkeit erwächst aus
den Kämpfen, in denen unsere Wahrnehmung geschärft wird.“ Der Schlag auf die Hüfte ist
hier eine Art Ritterschlag: Jakob wurde am Ende gesegnet.
Viel ist darüber gerätselt worden, wer Jakob in dieser Nacht begegnet- ist es Dämon, ein
Gegenspieler Gottes? Am Ende hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass Jakob in diesem
Namenlosen, in diesem Fremden Gott selbst begegnet. Immer wieder wird im Alten
Testament festgehalten, dass Gott selbst „schlägt und heilt“, dass er „ tötet und lebendig
macht“ ( Dtn 32, 39, 1. Sam. 2,6, 2. Kön. 5, 8 usw.). Krankheit wird also nicht, wie in anderen
Kulturen von bösen Mächten verursacht- alles, was geschieht, auch das Schmerzhafte,
bleibt in Gottes Hand. Und das bedeutet: es bleibt offen für das Ringen mit Gott. Genau das
zeigt uns die Jakobgeschichte- und sie verschweigt auch nicht, dass es Situationen gibt, in
denen Gott uns absolut fremd und unbegreiflich wird. Am Ende dieser Geschichte ist Jakob
gezeichnet – vielleicht auch von den Kämpfen seines Lebens, die er in dieser Nacht noch
einmal durchgestanden hat. Zugleich aber beginnt für ihn ein neues Leben- ein Leben in der
aufgehenden Sonne.
Die aufgehende Sonne, das Licht der Welt- im Neuen Testament ist das auch ein Bild für
Jesus. Er erhellt die Dunkelheiten, in denen Menschen gefangen und allein sind. So wie die
gekrümmte Frau, von der das Lukasevangelium erzählt ( Lukas 13, 10 – 17). Niedergedrückt
und vor der Zeit gebeugt steht sie hinten in der Synagoge. Seit 18 Jahren kann sie sich nicht
mehr aufrichten, seit 18 Jahren hat sie Rückenschmerzen. Ich kann mir vorstellen, dass die
meisten gar nicht hingesehen haben – ältere Frauen sahen früher oft so aus. Und überhaupt
lenkte man die Blicke nicht auf Frauen, sie standen am Rand. Jesus aber sieht diese Frau
und er ruft sie nach vorn, mehr noch, er legt ihr die Hände auf, er berührt ihren Schmerz und
richtet sie auf. Ich glaube, wir können uns nur schwer vorstellen, was das für diese Frau
bedeutet haben muss: alle Blicke richten sich auf sie, als sie nach vorn geht. Sie tritt heraus
aus dem barmherzigen Dunkel – ins grelle Licht, wo alle ihren Schmerz sehen. Sie setzt sich
aus – und lässt sich berühren. Von diesem fremden Mann berühren. Es ist eine wohltuende,
heilende Berührung – und sie hat sich lange danach gesehnt. Aber es ist nicht einfach, die
eigenen Schmerzen mit anderen zu teilen, sich einem fremden Menschen anzuvertrauen.
Sich zu zeigen, sich auszusetzen- - aber so zu sich selbst zu stehen, auch zu den eigenen
Leiden, ist wohl die einzige Chance, ein freier Mensch zu werden.
Heilung ist Befreiung. Das wird deutlich, als Jesus sich mit seinen Kritikern auseinandersetzt.
Denn, was er tut, löst in der Synagoge sofort einen Tumult aus – die Heilung am Sabbat gilt
als Skandal. Schließlich soll an diesem Tag die Arbeit ruhen. Jesus aber nennt seine Kritiker
Heuchler. „Ihr bindet doch auch Eure Esel am Sabbat los, damit sie trinken können – da soll
ich nicht dieser Frau ihre Fesseln lösen?“ Es geht um ein aufrechtes Leben – gelöst sein, frei
sein. So wie Frida Kahlo im Blumenkleid, mit dem Papagei auf der Schulter. Die Heilungen
Jesu verweisen auf die kommende Freiheit, auf die Würde aller Menschen. Wie ein roter
Faden zieht sich die Fürsorge für „die Armen“ und Ausgegrenzten durch die Bibel, für
Schwache, Kranke, für Fremde, Witwen und Waisen. Jesus sieht sich berufen, “ zu predigen
„ den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkünden das Gnadenjahr des
Herrn“ (Lk 4, 18f). – gleich zu Beginn seines öffentlichen Wirkens deutet er so seine
Sendung unter Bezug auf den Propheten Jesaja. In diesem Zusammenhang sind auch seine
Heilungen zu begreifen: es geht darum, Menschen aus dem Dunkel zu holen und ins Licht zu
stellen, ihnen ihre Würde wieder zu geben, sie aufzurichten. Vielleicht kennen Sie
Rembrandt berühmte Radierung, das so genannte „Hundert-Gulden-Blatt“ – da sieht man die
Kranken und Verzweifelten aus dem Hintergrund des Bildes auf Jesus zuströmen. Im
Markusevangelium wird erzählt, dass Jesus am See Genezareth auf ein Schiff ausweicht,
um von den Menschen, die Hilfe suchen, nicht überrannt zu werden. „ Denn er heilte ihrer
vieler, also dass ihn überfielen alle, die geplagt waren, auf dass sie ihn anrührten.“ ( Mk.
3,10)
Soviel Leid ist kaum auszuhalten. Man möchte sich dagegen wappnen- und wir tun das
auch, wenn wir professionell in Medizin und Pflege arbeiten. Auch Jesus bleibt von der Not,
die er erlebt nicht unberührt, er wird bis ins Innerste erschüttert. Es jammerte ihn, heißt es
z.B. bei der Begegnung mit einem leprakranken Mann.2 Aber er lässt sich berühren und er
berührt die Kranken, auch diesen Aussätzigen (Mk 1,41); eine Fiebernde (Mt. 8, 15), Blinde
und Taubstumme, ja, den Sarg eines Toten. Er überschreitet damit die Grenzen zur
Unreinheit, die Grenzen zwischen den Geschlechtern, die Trennungen, die Menschen aus
der Gemeinschaft ausgrenzen und ihnen den Zugang zum Tempel verwehren. Wer krank ist,
ist abgeschnitten von Gott und den Menschen- gerade darum sehen Kranke ihre Hoffnung ,
Jesus zu berühren, vielleicht auch nur sein Gewand zu berühren, wie die Frau, die seit
langen Jahren unter Blutungen leidet. ( Mk 3, 10 / Luk. 6, 19 u.a.).
2. Heilung der Gemeinschaft: Die Heilungsgeschichten als Aufforderung zur
Inklusion
Die Heilung Kranker und die Integration von Ausgeschlossenen und Randsiedlern in die
Gemeinschaft kennzeichnen des Wirken Jesu. Darum heilt Jesus immer wieder vor den
Augen der Öffentlichkeit. Jesus will aufrütteln und stellt die gängige Deklassierung der
Kranken in Frage. Das dumpfe Gefühl, am eigenen Leiden schuld zu sein, dass noch immer
fröhliche Urstände feiert, wird durchkreuzt. So berichtet zum Beispiel das
Johannesevangelium, wie die Jünger angesichts eines von Geburt Blinden fragen, wer denn
nun eigentlich gesündigt habe, der Blinde selbst oder seine Eltern. Jesus antwortet: Weder
er noch seine Eltern - er ist blind, damit an ihm die Taten Gottes offenbar werden. (Joh. 9,3).
Es geht nicht nur um die neue Sehkraft, sondern um Heilung der Beziehungen. In der
Familie, der Gemeinschaft, aber auch zu Gott. Damit gewinnt seine Geschichte Sinn – nicht
nur für ihn selbst, sondern auch für seine Umgebung.
So geht es auch dem Mann, der 38 Jahre am Teich Bethesda lag, weil er keinen Menschen
hatte, der ihn zum Wasser brachte, wenn der Engel Gottes darüber ging.( Joh.5) Jesus wird
ihm zum Nächsten, er spricht ihn an und rührt ihn an: „ Willst Du gesund werden?“ Und diese
heilende Begegnung macht den Engel ganz überflüssig- er ist ja schon da. Da geht er, der
Kranke, mit seiner Trage über dem Kopf- aufrecht,
zurück in die Stadt. Diese
Wundergeschichte enthält zwei ganz einfache Wahrheiten: die eine: allein können wir nicht
gesund werden, wir brauchen andere Menschen. Menschen, die uns Wege zur Heilung
bahnen, wenn wir das nicht mehr schaffen. So wie die Freunde, die den Gelähmten auf einer
Trage zu Jesus bringen und sogar das Dach abdecken, um ihn gleich vor seinen Füßen
herunter zu lassen. Er wird um des Glaubens seiner Freunde willen geheilt. (Mk. 2, 1- 12):
Das andere gilt aber auch: Heilung ist nichts Passives – wir sind zutiefst beteiligt an dem,
was da geschieht. „ Willst Du gesund werden?“, fragt Jesus in der Bethesda-Geschichte. An
anderer Stelle heißt es: „ Dein Glaube hat Dir geholfen“; und hier: „ Geh hin und sündige
hinfort nicht mehr.“ Immer geht es um eine Lebenswende- den Weg zurück ins Leben der
Gemeinschaft. Was das nach 38 Jahren bedeutet, bleibt kaum vorstellbar.
Wir leben in einer anderen Welt – und diese Welt ist geprägt vom christlichen Glauben, von
der Überzeugung, dass keiner ausgeschlossen werden soll. Es gibt einen Rechtsanspruch
2
vgl. zum Beispiel Mk 1, 41
auf Hilfe, unsere Hilfesysteme funktionieren – die Altenhilfe, die Behindertenhilfe, die Hilfe für
Suchtkranke und Psychisch-Kranke. Leider neigen wir auch dazu, die Menschen, um die es
geht, vor allem als Hilfeempfänger zu sehen. Das hält viele in ihrer Rolle als kranke oder
behinderte Menschen gefangen und hebt die Grenzen zwischen Gesunden und Kranken,
zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen nicht auf. Wie Inklusion gelingen
kann, wie es gelingen kann, Menschen aus ihrer Rolle als Hilfeempfänger zu lösen, ist
darum ein großes Thema in unserer Gesellschaft. Ich möchte in diesem Zusammenhang
unsere Aufmerksamkeit auf ein kleines Stück aus der Apostelgeschichte lenken. Eine
Heilungsgeschichte, die sich nach der Auferstehung Jesu in der christlichen Gemeinde
ereignet. Die wichtigste Botschaft heißt hier: Augenhöhe.
Petrus und Johannes gehen zum Tempel, um zu beten. Da wird ein lahmer Mann
herbeigetragen, den setzen sie vor die schöne Pforte des Tempels. So wie jeden Tag, soll er
um Almosen betteln. Und so bittet er auch Petrus und Johannes. Petrus sieht ihn an und
sagt: Sieh uns an! Und der Mann schaut auf und wartet auf eine milde Gabe. Aber Petrus
sagt: Silber und Geld habe ich nicht. Was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu
Christi von Nazareth steh auf und wandle. Und er greift ihn bei der rechten Hand und richtet
ihn auf. Und der Mann kommt tatsächlich auf die Beine und steht fest und kann gehen und
geht mit ihnen in den Tempel und läuft herum und tanzt und lobt Gott. Und die Leute sehen
ihn und erkennen ihn- den Bettler von der schönen Pforte, und sie waren „voll Wunderns und
Entsetzens über das, was ihm widerfahren war.“
Der Theologe Ulrich Bach, der als junger Mann an Kinderlähmung erkrankte und dann Zeit
seines Lebens im Rollstuhl saß, hat beschrieben, was es heißt, nicht dazu zu gehören.
Wochenlang, ja monatelang war er bestimmt von dem Gefühl, nicht mehr er selbst zu sein.
Nie mehr tanzen oder Sport treiben zu können, nie mehr allein reisen zu können. Er hatte
das Gefühl, der Boden wäre ihm unter den Füßen weggerissen worden und es brauchte
lange Zeit und viel Unterstützung von Freunden, bis er begriff: Boden unter den Füßen hat
keiner. Wir brauchen alle immer wieder Freunde, die uns leben helfen. „Die Frage, ob ich
dazugehöre“, schreibt Ulrich Bach, „wird oft zuerst von der anderen Seite beantwortet. Wenn
sich (andere) ... freiwillig zu mir bekennen, indem sie sagen: wir gehören zu dir, dann ...
bekomme ich die Möglichkeit, zu erleben: tatsächlich, ich gehöre zu Euch.“ Petrus und
Johannes werden dem lahmen Bettler zu einem solchen Freund. Sie sind von Anfang an auf
Augenhöhe mit ihm. Wie er sind sie Außenseiter und immer auch auf Hilfe angewiesen. Nur
eins haben sie ihm voraus: sie kennen die Kraft, die Menschen aufrichten kann. Hier werden
ja nicht nur die Füße und Knöchel fest, hier gewinnt einer neues Selbstbewusstsein. Nicht
alle freuen sich übrigens daran- denn was hier geschieht, hebt die Hierarchie des Helfens
aus den Angeln. Nicht „Kannst du was, dann bist du was“ – sondern: „Jeder Mensch gilt“, ist
der biblische Grundsatz.
In meiner ersten Gemeinde in Mönchengladbach feierten wir einmal im Jahr Gottesdienst mit
einer Gruppe aus Hephata, Hephata ist ein diakonisches Unternehmen mit Hilfsangeboten
für geistig Behinderte. Es war jedes Mal ein Fest, wenn der Chor aus Hephata sang – 20
oder 25 Jungen und Männer, manche davon spielten Mundharmonika, sangen ganz
einfache, eingängige Lieder. Gospels, Kindergottesdienstlieder. Mit Klatschen und Stampfen
und einer unbändigen Freude, die die Gemeinde mitriss. Am Ende standen die Menschen im
ganzen Kirchenschiff und sangen begeistert mit. Alles Trennende, alle Vorurteile zwischen
der Ortsgemeinde und der so genannten Anstaltsgemeinde waren dann überwunden.
Inzwischen leben kaum noch behinderte Menschen auf dem alten Anstaltsgelände. Die
allermeisten sind ausgezogen und wohnen jetzt in kleinen, betreuten Wohngruppen- auch in
meiner alten Gemeinde. Sie wollen nicht länger ausgegrenzt sein- sondern mitten im Leben
stehen. Trotzdem sieht man die neuen Nachbarn selten in der Kirche. Einmal im Jahr
zusammen feiern – das ließ sich machen. Aber regelmäßig inklusive Gottesdienste zu
gestalten, ist schwer. Es braucht Zeit, Geduld, Einfühlungsvermögen, einfache Bilder, Lieder
und Worte.
Hephata, „Öffne Dich“, ist das Schlüsselwort in einer der Heilungsgeschichten Jesu. Im
Mittelpunkt dieser Geschichte steht ein taubstummer Mann, der ganz und gar abgeschnitten
ist von der Welt. Als ich Kind war, lebte bei uns im Pfarrhaus ein Urgroßonkel, der
schwerhörig und später taub war. Er hatte noch kein Hörgerät, nur ein so genanntes Hörrohr.
Ansonsten musste man in sein Ohr schreien, wenn man mit ihm sprach. Und weil das
mühsam war, blieb er oft außen vor. So war er misstrauisch geworden und missmutig
geworden –ich hatte Angst vor ihm. Dabei war er selbst voller Ängste, in sich verschlossen,
von der Welt abgeriegelt. Nur seine Schwester, die ihn nie im Stich gelassen hatte, sah in
ihm den kleinen Bruder; sie konnte ihn besänftigen.
Zurzeit Jesu war man überzeugt, dass in dieser Krankheit Dämonen am Werk waren. Es
waren doch keine menschlichen Stimmen, die sich da artikulierten. Es ist deshalb schon ein
kleines Wunder, dass der Mann, um des hier geht, Freunde hat, Menschen, die sich
berühren lassen von seinem Leiden und ihn zu Jesus bringen. Menschen, die stellvertretend
für ihn um Heilung bitten. Das Evangelium erzählt ganz anschaulich, wie das geschieht ( Mk
7, 31ff), wie ein Mensch frei wird, wie sich seine Fesseln lösen, seine Zunge sich löst, wie die
Welt sich öffnet. Jesus hat keine Berührungsängste, keine Angst vor Dämonen und
Fremdheit; er lässt sich ganz und gar auf diesen Menschen ein. Er kommt ihm körperlich
nah, so wie wir es tun, wenn wir Taubblinden etwas in die Hand diktieren. Er legt dem
Kranken die Finger in die Ohren, er berührt seine Zunge, dann erst spricht er- er betet:
Hephata, tu Dich auf. Und plötzlich spricht auch der Stumme, mit einer menschlichen
Stimme. Und dann springt der Funke über, so wie damals in meiner Gemeinde, wenn der
Chor aus Hephata sang. „ Jesus hat alles gut gemacht“, sagen die Leute, „ die Tauben
macht er hörend und die Sprachlosen reden.“
Wer liest, der spürt: Es geht nicht nur um den Taubstummen, es geht um alle, die das
miterleben und um uns, die diese Geschichte hören. Die Menschen, die im 19. Jahrhundert
diakonische Anstalten gegründet haben, sahen den Menschen und nicht die bösen Geister in
den Kranken und Behinderten. Und ist es nicht auch eine Wundergeschichte, dass wir uns
einfühlen und Verschiedenheit zulassen können? Dass Gebärdendolmetscher auf vielen
Veranstaltungen selbstverständlich sind und Wörterbücher für Gebärdensprache und ihre
Dialekte entstehen? „ Früher mussten sich die Gehörlosen der hörenden Welt anpassen,
sagt eine junge gehörlose Medizinerin, heute aber empfinden sich viele einfach als eine
sprachliche Minderheit mit ihren eigenen Rechten.“
Luther fand übrigens, diese Geschichte helfe uns, eine tiefere Wahrheit unmittelbar zu
verstehen; jeder Mensch sei isoliert und in sich verschlossen, bis er von Gott angerührt
werde. Ein „homo in se incurvatus“ – verkrümmt in die eigene Gedankenwelt. Besessen von
den eigenen Ideen und Ängsten. Unfrei und voller Sehnsucht nach Erlösung. Die Geschichte
stelle uns ganz leiblich vor Augen, was das heißt. Wie sehr wir darauf angewiesen sind, dass
Gott uns die Ohren öffnet. Jesus sagt das übrigens wenig später zu seinen Jüngern: „
Versteht Ihr noch nicht? Und begreift Ihr noch nicht? Habt ihr noch ein verhärtetes Herz in
Euch? Habt Augen und seht nicht und Ohren und hört nicht?“ Wie so oft in der Bibel werden
hier Blindheit und Taubheit, Herzenshärte und Lähmungen zum Symbol. Es sind oft nicht die
Behinderten behindert, sondern die, die sich für gesund halten. Die Dämonen, die wir bei
anderen entdecken. sitzen oft genug im eigenen Herzen.
Das bedeutet nun nicht, dass wir diese Geschichte nur symbolisch verstehen können. Jesus
war tatsächlich Heiler und Wundertäter wie viele in seiner Zeit. Die Methoden, mit denen er
heilt, gleichen denen, die heute noch in Afrika oder in Lateinamerika angewandt werden –
ganz ursprünglich und doch zu unserem Erstaunen oft sehr wirksam. Aber für ihn ist das
offenbar nicht das Wesentliche, denn er will nicht, dass die Menschen damit für ihn werben.
Wichtiger ist ihm, dass jeder Gottes Kind ist – dass jeder, auch die Kranken, vor Gott Würde
haben und Teil der Gemeinschaft sind.
3. Heilende Kräfte: über die Bedeutung von Spiritualität
Viele der Krankheiten, für die die Bibel Dämonen verantwortlich macht, können wir heute
erklären. Wenn einer immer wieder stürzt und mit Schaum vor dem Mund zitternd auf dem
Bodenliegt, dann wissen wir: er ist Epileptiker. Wenn einer bei schrecklichen Kopfschmerzen
Lichtreflexionen sieht, dann kann das eine Migräne sein. Wenn jemand religiöse Visionen
oder wenn er sich von Gott verworfen sieht, dann hat er möglicherweise eine Schizophrenie.
Wir haben Namen für das Unbegreifliche und Fremde. Und wir wissen, auch die psychischen
Erkrankungen haben ihre Ursachen in unserem Gehirn. Und was das Wichtigste ist: für viele
Erkrankungen, die Menschen früher zugrunde gerichtet und ins Irrenhaus gebracht haben,
haben wir Medikamente. Damals aber sprach man vom bösen Geist. Von dem
Unerklärlichen, das Menschen niederwirft und niederdrückt. Und ganze Familien krank
machen kann.
Wir haben kaum noch Zugang zu diesem Denken. Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen,
hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Mit dunklen Mächten und bösen Geistern können wir
nichts anfangen. Wir gehen rational mit Krankheiten um. Das ist aber nicht die ganze
Wirklichkeit. Denn wer eine schwere Krankheit erlebt, der findet sich plötzlich in einer
anderen Welt wieder – verzweifelt und allein. Das Evangelium erzählt von der Liebe und der
Verzweiflung einer Frau aus dem kanaanäischen Bergland, die Jesus nachläuft ( Matth. 15,
21ff) - die schreit und stört, auf die Knie geht und sich vor Jesus niederwirft – ohne Scham,
ohne Angst. Sie tut alles, damit ihre Tochter gesund wird. Denn das Mädchen ist, so heißt es
im Evangelium, „von einem bösen Geist“ geplagt – und man spürt, welche Macht das ist,
denn die Mutter ist selbst ganz außer sich. Die Geschichte dreht sich um die Frage, ob Jesus
ihr überhaupt helfen kann; denn diese Frau hat eine andere Religion, sie ist keine Jüdin, so
wie Jesus. Am Ende aber zeigt sich: Gott ist größer als die Trennungen zwischen den
Religionsgemeinschaften, seine Liebe geht über Israel hinaus – das Schreien diese Mutter,
ihre Bitten und Gebete werden erhört.
Genauso wie die Bitte eines römischen Hauptmanns um die Gesundheit seines Knechts.(
Luk. 7,1- 10) Der Mann hatte ganz sicher Zugang zu den besten Ärzten am Hof, er wird sie
konsultiert haben, alle medizinischen Möglichkeiten ausprobiert haben – aber nichts hat
geholfen, jetzt hilft nur noch ein Wunder. So macht er sich auf den Weg von Kapernaum
hinauf nach Kana, eine Tagereise weit auch zu Pferde, weil er von Jesus gehört hat. Von
dem Wundertäter, der sogar Wasser in Wein verwandelt hat. Wenn einer helfen kann, dann
der. Die Bibel erzählt, wie der Hauptmann Jesus bedrängt – er will ihn mitnehmen in sein
Haus. Er fleht ihn an. Aber Jesus scheint das alles nicht zu berühren. Es scheint, als nähme
er die Verzweiflung gar nicht wahr. Stattessen lesen wir einen irritierender Satz – wohl eher
zu seinen Anhängern gesprochen: „ Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, so glaubt ihr
nicht“: Da hängt das Leben eines Menschen am seidenen Faden, alles drängt zur schnellen
Hilfe- und das Evangelium hält uns auf- mit dieser einen Frage hängt nun Euer Glaube
davon ab, dass der Knecht wieder gesund wird? Was wird aus Eurem Glauben, wenn Gott
Eure Gebete nicht erhört? Keine einfache Frage – es lohnt, sich damit aufzuhalten. Denn am
Ende wird alles darauf ankommt, was wirklich trägt.
Ich stelle mir vor, wie dieser Hauptmann vor Jesus steht – er ist vom Pferd gestiegen – und
tausend Gedanken schießen ihm durch den Kopf. Was nutzen Karriere, Ansehen, Einfluss
angesichts des Todes? Selten war ihm seine Ohnmacht so klar, seine Hilflosigkeit – und
auch bei Jesus ist Hilfe nicht garantiert. Hier ist nichts zu befehlen, nichts zu zwingen, nichts
zu machen – hier bleibt nur noch bitten. Und das tut er – ganz ohne Scheu. Und dann
geschieht das Wunder: Jesus wendet sich ihm zu und antwortet: „ Geh, dein Knecht lebt“ –
und der Hauptmann glaubt ihm und geht. Er verlässt sich auf Jesus, obwohl er eben noch
nicht weiß, wie die Geschichte endet. Erst später lesen wir, dass das genau der Augenblick
ist, in dem den Knecht das Fieber verlässt.
Was ist geschehen zwischen den beiden und was ist geschehen zwischen Jesus und dem
Knecht des Hauptmanns? Was sind das für Heilkräfte, die hier wirksam werden? Es scheint,
als seien alle Entfernungen aufgehoben in diesem Hier und Jetzt, in dem das Wunder
geschieht. Das Wunder des Glaubens, das Wunder der Heilung. In diesem Moment treten
alle Ängste zurück, die Zeit steht still. In diesem Augenblick ist Ewigkeit. Unsere
Vorstellungen über Krankheit und Heilung sind durch Erfahrung und medizinische Methoden
geprägt. Vor allem die westliche, wissenschaftliche Medizin, setzt auf Objektivität und
Überprüfbarkeit. Wir glauben zu wissen, dass bestimmte Krankheitsverläufe unumkehrbar
sind, unsere Erfahrung sagt uns, dass medizinische Hilfe auch körperliche Nähe braucht.
Spontanheilungen und Fernheilungen haben wir ins Feld der Esoterik verbannt. Wir haben
keine Erklärung für die geheimnisvollen Kräfte, die da wirken.
Klaus-Dieter Platsch, ein Mediziner, den diese Fragen interessieren, hat ein ganzes Buch
über die tieferen Dimensionen im Heilungsprozess geschrieben. Heilung erwüchse aus
einem Raum jenseits der Methoden und Medizinsysteme, in einem heilenden Feld der Liebe.
Offenheit sei dabei eine wesentliche Voraussetzung. „ Je bewusster der Arzt oder die Ärztin
ist“; schreibt Platsch,“ je mehr sie erkennen, dass wir nicht nur die Handelnden sind, sondern
auch Raum geben müssen, in dem Dinge geschehen können, desto stärker kann sich ein
Heilungsprozess entwickeln.“ Es gehe darum, meint er, das Ich zurücktreten zu lassen – das
Ich des Arztes, das Ich des Patienten – und gemeinsam auf das Wesentliche zu schauen.
Heilung sei ein spiritueller Prozess, in dem es letztlich um das Licht eines neuen Lebens
gehe.
Auf der Suche nach Heilung ist auch der Hauptmann selbst einen Glaubensweg gegangen.
Er weiß jetzt: Entscheidend ist, was Leben und Sterben trägt – jenseits von Raum und Zeit,
von Gesundheit und Krankheit. Die Psychotherapeutin Anne-Marie Tausch hat während ihrer
Krebserkrankung ihren Glaubensweg so beschreiben „ In den letzten Monaten ist mir klar
geworden, dass die wirklichen Entscheidungen nicht in meiner Hand liegen. Wenn ich
annehme, was ist, das ist eine große Hilfe. Sich diesem Fluss des Geschehens anvertrauen
zu können und zu denken: Du brauchst das Ruder nicht in der Hand zu halten, wenn Du
Dich dem Strom anvertraust. Das ist noch schwer, das möchte ich noch stärker
hinbekommen- aber in diesem Glauben brauche ich vor nichts mehr Angst zu haben.“
Klaus-Dieter Platsch, den ich eben zitiert habe, versteht sich als Außenseiter in unserem
hochtechnisierten modernen Medizinsystem. Aber die Zahl der wissenschaftlichen
Untersuchungen zur Bedeutung von Spiritualität und Gebet für die leibseelische Gesundheit
wächst. Und Chefredakteur der Zeitschrift „Psychologe heute“ schreibt: „Psychologen
entdecken die Religion als einen lange Zeit unterschätzten und übersehenen Heilfaktor für
die seelische und körperliche Gesundheit“3.Zunächst in den USA, jetzt auch in Europa4,
wurden und werden in den letzten Jahren epidemiologische Studien zum Zusammenhang
zwischen Spiritualität und leibseelischer Gesundheit durchgeführt Als Parameter für
Spiritualität dient in den meisten Studien die quantitativ erfasste Teilnahme an religiösen
Veranstaltungen. In einigen Untersuchungen wird die Auswirkung von Gebeten auf die
eigene Gesundheit oder die Gesundheit anderer untersucht. Inzwischen liegen mehr als
1.000 solcher Studien vor, zum Teil mit sehr großen Fallzahlen und langen
Untersuchungszeiträumen
(bis
zu
90.000
Probanden
pro
Studie
und
Beobachtungszeiträume von bis zu zehn Jahren). Es geht um den Einfluss von Spiritualität
auf die Lebenserwartung, auf das Auftreten von Herz-Kreislauferkrankungen, auf die
Überlebenszeit von Tumorkranken oder auf die Häufigkeit des Auftretens von Depressionen.
Diese Studien kommen in über 80 Prozent zu dem Ergebnis, dass sich Spiritualität positiv
3
Heiko Ernst, Macht Glaube gesund?, in: Psychologie heute compact, Heft 8 (2004)
In den USA wurde Ende der 1970er Jahre mit diesen Untersuchungen begonnen. Seit etwa zehn
Jahren gibt es epidemiologische Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Spiritualität und
Gesundheit auch in Europa: In Deutschland an den medizinischen bzw. psychologischen Fakultäten
der Universitäten Trier, Heidelberg, Witten/Herdecke; in Österreich an den Universitäten Wien und
Innsbruck sowie in der Schweiz an der Universität Zürich.
4
auf die körperliche und seelische Gesundheit auswirkt und auch auf den Umgang mit
körperlichen und seelischen Krankheiten.5
Dabei zeigt sich, dass Gebet, Meditation und religiöse Rituale einen messbaren Einfluss auf
physiologische Vorgänge im Körper haben. So kommt es beispielsweise zu einer Senkung
des Blutdrucks und einer Verringerung der Ausschüttung von Stresshormonen im Körper.
Glaube trägt zur Sinnfindung bei. Gläubige leben oft in einem tragenden sozialen Netz. Und
sie können Ressourcen zum Umgang mit Krankheiten und Schicksalsschlägen mobilisieren
(„innere Kraftquellen“, aber auch bedingt durch die soziale Unterstützung).
„Sollen wir nun an die Kirchentüren schreiben: Wer wöchentlich hier herein kommt, dessen
Lebenserwartung steigt um einige Prozente;“ fragt deshalb Peter Bartmann vom DW EKD?
Besteht nicht die Gefahr, dass wir den Glauben damit erneut instrumentalisieren, den
Kranken gar die Schuld geben, weil sie zu wenig gebetet haben? Das passt nicht zu dem
Gott des Alten und Neuen Testaments, der auch das Leiden umfängt und ihm einen Sinn
geben kann. Heilung als Geschenk Gottes ist und bleibt uns unverfügbar. Die
Heilungsgeschichten der Bibel machen deutlich: es geht um Gottes souveränes und freies
Handeln. Nicht in allen Heilungsgeschichten ist der Glaube der Kranken Voraussetzung der
Heilung- und wo das der Fall ist, da geht es nicht um bestimmte Glaubenssätze und
Methoden: es geht ganz einfach um eine Bewegung auf Jesus zu, die Hoffnung auf Hilfe. Die
Übersetzung „ Dein Glaube hat Dich gesund gemacht“, oder „Dein Glaube hat Dir geholfen“,
die man oft findet, trifft nicht, was im griechischen Text steht: Dein Glaube hat Dich gerettet.
Nicht die Gesundheit steht also im Mittelpunkt der Heilungsgeschichten, sondern das neue
Leben, die erneuerte Beziehung zu Gott und den Mitmenschen.
4. Heilung als Vorschein des neuen Lebens: Leben ist mehr als Gesundheit
Die Predigt des irdischen Jesus war von Zeichen und Wundern begleitet, durch die Gottes
heilvolle Nähe erfahrbar wurde – als Vorschein des Reiches Gottes. Mit den Heilungen
nimmt Jesus kranke und behinderte Menschen sichtbar aus dem Einflussbereich des Todes
heraus; er bestreitet dem Tod seine Macht. Wo Menschen sich aufrichten, eine
Lebenswende erleben, ihre Sprache finden, wo Menschen neu werden, wird die
Schöpferkraft Gottes erfahrbar. Deswegen steht der Heilungsauftrag Jesu an seine Jünger in
allen Evangelien gleich neben dem Verkündigungsauftrag. Jesus sendet seine Jünger zu
predigen, zu heilen und Dämonen auszutreiben (Matth 10, 1.8. und parr.). Und auch die
Apostelgeschichte reflektiert in ihrem konstanten Wechsel zwischen Verkündigung und
Heilungswundern diese therapeutisch-heilende Dimension in der Ausstrahlung des
christlichen Glaubens.
Heute wird die spirituelle Dimension von Heilung und Gesundheit neu entdeckt. Nicht zuletzt
auf dem Hintergrund der Palliative-Care-und Ethikbewegung erfährt die Bedeutung von
Spiritualität auch in Medizin- und Pflegewissenschaften eine neue Aufmerksamkeit.
Spiritualität wird zur anerkannten Dimension in der Qualitätssicherung. Daneben entsteht ein
neuer Markt esoterischer Therapie- und Heilungsangebote von Reiki bis zur Traumarbeit mit
heilenden Berührungen und Fernheilungen. Viele dieser Techniken versprechen die große
Lebenswende. Und manche dieser Versprechen kommen auch in den biblischen
Geschichten vor. Trotzdem führt die Lektüre der biblischen Heilungsgeschichten auch zu
einer gewissen Nüchternheit.
Denn die Heilungen Jesu sind Zeichenhandlungen – nicht mehr und nicht weniger. Sie
verweisen auf das neue Leben, das uns im Reich Gottes erwartet und unterstreichen damit
5
Umfassende Überblicke über diese Studien bis zum Jahr 2000 sind zu finden bei: Harold König,
Michael McCullough, David Larson, Handbook of Religion and Health, New York 2001; Dale A.
Matthews, Glaube macht gesund. Spiritualität und Medizin, Erfahrungen aus der medizinischen
Praxis, Freiburg 2000
die Verkündigung Jesus. Deswegen besteht, biblisch betrachtet, zwischen Heil und Heilung
ein bleibender Unterschied, Paulus behielt trotz vieler Gebete, eine schwere physische
Erkrankung, den „Stachel im Fleisch“, den er deutet als Engel, der ihn schlug - aber er
erfuhr sich als geliebt und gerechtfertigt, d.h. grenzenlos angenommen durch Gott. Selbst die
Wunder Jesu, die den Tod in Frage stellen – die Auferweckung der Tochter des Jairus oder
des jungen Mannes in Nain, die Auferweckung des Lazarus, bleiben Auferweckungen in ein
sterbliches Leben. Nicht jede Krankheit ist heilbar, aber jedem Menschen, auch dem
Todkranken und bleibend Behinderten, gilt das Angebot, „heil“ zu werden und von der
heilenden Liebe Gottes berührt zu werden. In diesem Sinne hat sich der hinkende Jakob als
ganz und gar heil erlebt. Und der Theologe Ulrich Bach, von dem ich vorhin erzählt habe, hat
sich zeitlebens gegen den Anspruch gewehrt, dass er nur in einem gesunden Körper ganz
und heil wäre.
Cornelia Coenen-Marx, Annastift 19.6.12
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Seele and Geist
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