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3 WIE VERMEIDE ICH EINE SCHLECHTE AUSLEGUNG?

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Die Bibel verstehen
Hermeneutische und exegetische Grundlagen
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WIE VERMEIDE ICH EINE SCHLECHTE AUSLEGUNG?
3.1
Was ist eine schlechte Auslegung?
Es gibt also viele Gründe, eine gute Auslegung anzustreben, um Missverständnisse und in der
Folge falsche Anwendungen zu vermeiden. Aber woran kann man erkennen, wann eine
Auslegung gut ist und wann schlecht? Gibt es hierfür allgemeingültige Kriterien oder gar
einen Maßstab, an dem man eine Auslegung messen kann?
Einen Maßstab für alles gibt es sicher nicht, aber es gibt Prinzipien und Grundsätze, die
helfen nachzuvollziehen, ob eine Auslegung eher gut oder eher schlecht ist.
Um es in einfachen Worten zu sagen: eine Auslegung ist dann schlecht, wenn …
ein Ausleger die zentralen Fragen nicht entdeckt, die ein Text aufwirft
der Ausleger die Bedeutung des Textes nicht erkennt
der Ausleger dem Text eine Bedeutung zuweist, die er nicht hat
Haupt- und Nebenbedeutungen (Zielrichtung, Gewichtung) vertauscht werden
der Ausleger Textaussagen auf sich anwendet, die ihm nicht gelten oder Aussagen nicht
auf sich anwendet, die ihm gelten
Schlecht wäre eine Auslegung aus christlicher Sicht, die …
die sich in Mt 16,15 nicht die Frage stellt, worin das Fundament der Gemeinde besteht:
Ist es Petrus selbst oder sein Bekenntnis?
die nicht erkennt, dass in Jes 53 von Jesus die Rede ist
wenn Lk 10 allegorisch ausgelegt wird
wenn in Mt 13,32 hauptsächlich darüber nachgedacht wird, wen die Vögel
symbolisieren
wenn ein Evangelist Jos 1,3 auf sich anwendet
3.2
Die Frage als Schlüssel zur Erkenntnis
"Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis." (Spr 1,7), der Schlüssel zur
Erkenntnis ist die Frage. Nichts ist bei der Exegese so wichtig, wie die richtigen Fragen zu
stellen. Eine gute Frage ist mehr wert als 10 schlechte Antworten.
Deshalb ist es von großer Bedeutung, dass der Exeget bei der Auslegung nicht die Position
des Wissenden, sondern des Fragenden einnimmt. Wir wissen aus 1Kor 13,12 ebenso wie aus
unserem Leben, dass unsere Erkenntnis Stückwerk und unvollkommen ist. Das wird sich zeit
unseres Lebens auch nicht ändern. Deshalb ist es keine Schande, sondern vielmehr der Mut
zur Echtheit und Authentizität, wenn wir Fragen, Zweifel, Anfragen u.a. zugeben und
formulieren. Auch dieses Script wird nicht alle Fragen beseitigen, möglicherweise wird es
mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Von Wilhelm Busch stammt das Zitat: "Ein jeder
Wunsch, wenn erfüllt, kriegt automatisch Junge". Das ist mit Fragen nicht anders. Viele
Fragen – sind sie erst beantwortet – werfen eine Reihe neuer Fragen auf.
Eine der wichtigsten Hauptaufgaben des Exegeten besteht darin, Fragen an den Text zu
stellen, die ihm dessen Bedeutung erschließen.
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Hermeneutische und exegetische Grundlagen
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Beispiele hierfür sind:
1Mo 4,4f
Warum wurde Kains Opfer nicht angenommen?
2Kor 5,18-20 Wer versöhnt wen?
Mk 16,16
Glaube und Taufe oder nur Glaube?
3.3
Exegese in drei Schritten
Es gibt eine Reihe guter Bücher, die unterschiedliche methodische Schritte zu einer guten
Auslegung aufzeigen. Diese Tatsache macht deutlich, dass es den Königsweg zur guten
Exegese nicht gibt und alle systematischen Überlegungen letztendlich nur ein Hilfsmittel
darstellen, das eine gute Exegese leichter und eine schlechte Exegese unwahrscheinlicher
macht. Diese Systematiken sind zwangsläufig von der eigenen Persönlichkeit des jeweiligen
Autors geprägt und von daher subjektiv. Auf der anderen Seite gibt es eine Reihe von Dingen,
die bei einer guten Exegese beachtet werden müssen und auf die deshalb nicht verzichtet
werden kann. Diese Dinge sollen auf keinen Fall unbesprochen bleiben, wenngleich ich auch
nicht einem der – von mir manchmal als etwas starr empfundenen - Schemata folgen möchte,
das andere Ausleger als Hilfe anbieten.
Dennoch möchte ich nicht auf eine gewisse Systematik verzichten, was sich in der Aufteilung
in drei Hauptschritten niederschlägt, die aus meiner Erfahrung heraus für eine Exegese
unerlässlich sind.
Eine gute Exegese umfasst meiner Überzeugung nach immer 3 Schritte:
das Herangehen an einen Text
das Hineinschauen in den Text und
das Herauslesen aus einem Text.
Jeder dieser Schritte ist für die Exegese von großer Bedeutung und darf bei einer guten
Exegese nicht fehlen. Dabei ist es wichtig, zwischen diesen drei Elementen sorgfältig zu
unterscheiden, auch wenn sie sich aufeinander beziehen – oder gerade deshalb. Das gilt auch
und vor allem, wenn es um die Beurteilung von Bibelkommentaren geht. Hier empfiehlt es
sich, den persönlichen Hintergrund des Verfassers und dessen grundsätzliche Einstellung zur
Bibel im Blick zu haben, wenn man dessen Erklärungen liest. Das ermöglicht es auch, von
Kommentatoren zu profitieren, die eine andere Grundausrichtung haben als man selbst. Denn
die Beobachtungen, die im zweiten Schritt vorgenommen werden, können sehr hilf- und
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Hermeneutische und exegetische Grundlagen
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lehrreich sein, auch wenn man die Schlussfolgerungen des Kommentators aufgrund seiner
Vorentscheidungen nicht teilt.3
3.3.1
Das Herangehen an einen Text
Das Herangehen an einen Text ist der Teil der Exegese, der am häufigsten unbewusst
erfolgt oder ganz vergessen wird. Dabei kommt ihm die gleiche Bedeutung zu wie den
anderen beiden Schritten.
Das Herangehen an einen Text meint die Vorentscheidungen, Denkmuster und
Auslegungsvoraussetzungen, denen jede Exegese oder besser: jeder Exeget unterliegt. Kein
Subjekt ist in der Lage, völlig objektiv an einen Text heranzugehen. Immer bringt er seine
persönlichen Voraussetzungen mit, die für das Hineinschauen und Herauslesen wesentlich,
wenn nicht gar entscheidend sind. Zu einer guten Exegese gehört deshalb immer eine
Selbstreflexion des Exegeten.
Zum Herangehen an einen Text gehört gleichermaßen auch die Frage, mit welchen
Denkvoraussetzungen und Maßstäben der Exeget an den Text herangeht, den er verstehen
möchte. Bei der biblischen Exegese rückt dabei die Frage in den Mittelpunkt, mit was für
einem Dokument es der Exeget denn eigentlich zu tun hat. Ist es ein historischer Bericht, eine
Erfindung religiöser Fanatiker, eine göttliche Offenbarung, ein einfaches Buch? Ist es
glaubwürdig, hat alles so stattgefunden, wie es in heutiger Fassung niedergeschrieben ist?
Auch hier geht es wieder um Vorentscheidungen, die die Auslegung wesentlich beeinflussen.
Und es geht um Verstehensschlüssel, die uns die Bibel selbst an die Hand gibt.
3.3.2
Das Hineinschauen in den Text
Das Hineinschauen in einen Text lässt sich am ehesten mit dem Stichwort "Beobachten"
beschreiben. Es ist die Phase der Exegese, in der der Text gelesen, bedacht und eben
beobachtet wird. Zum Beobachten gehört vor allem das genaue Erfassen dessen, was da steht
und was nicht da steht. Hier spielt die Textgrundlage eine Rolle, aber auch die
Grundtextsprache bzw. die Übersetzung. Ein wichtiger Teil des Hineinschauens besteht darin,
Hintergrundwissen zu sammeln oder sich in Erinnerung zu rufen und die Zusammenhänge zu
erfassen, in die der Text eingebettet ist.
3.3.3
Das Herauslesen aus dem Text
Beim Herauslesen aus einem Text geht es dann um die Bedeutung des Textes für den
Exegeten selbst bzw. – wenn die Exegese zur Predigtvorbereitung dient – der Zielgruppe der
Predigt. Die wesentlichen Fragen, die sich bei diesem Schritt stellen, lauten: Welche
Bedeutung hatte er für den ursprünglichen Adressaten? und schließlich: Welche Bedeutung
hat der Text für mich?
3
So finden sich m. E. die fundiertesten und gründlichsten Beobachtungen gerade nicht bei "bibeltreuen" oder
freikirchlichen Kommentatoren, sondern eher im katholischen Umfeld. Trotz der historisch-kritischen
Ausrichtung sind die Beobachtungen dieser Exegeten häufig sehr genau und detailliert. Diese oftmals mühevolle
Arbeit sollte man sich mit Dankbarkeit zu Nutzen machen, auch wenn diese Beobachtungen aufgrund anderer
Vorentscheidungen zu anderen Schlussfolgerungen führen als beim katholischen Exegeten.
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TEIL B: HERANGEHEN
Im vorangehenden Kapitel haben wir bereits angedeutet, dass die Auslegung maßgeblich von
den Denkvoraussetzungen bestimmt wir, mit denen der Exeget an die Bibel herangeht. Diese
Denkvoraussetzungen lassen sich in zwei wesentliche Kategorien einteilen:
Vorentscheidungen des Exegeten im Allgemeinen
Vorentscheidungen über die Bibel im Besonderen
Diesen beiden Kategorien sollen in den beiden nächsten Kapiteln gesondert behandelt
werden.
4
DIE TÜCKEN DER KOMMUNIKATION
4.1
Die biblischen Texte als Botschaften
Wie immer man zur Bibel steht, sie ist und bleibt ein schriftliches Dokument mit einem
Absender, einem Adressaten und einer Botschaft - und damit ein Kommunikationsmittel.
Diese Tatsache gilt unabhängig davon, ob man nun Gott als eigentlichen Autoren versteht, der
sich einiger Menschen bedient hat, um eine Botschaft zu senden oder ob man die Bibel als
Textdokumente menschlichen Ursprungs betrachtet: Da alle Texte immer einen Sender, einen
Empfänger und eine Botschaft haben, ist die Bibel ein Mittel der Kommunikation, eine
Botschafterin.
Deshalb ist Exegese immer auch ein kommunikativen Vorgang: es gilt, eine Botschaft so zu
verstehen, wie sie der Absender gemeint hat.
4.2
Missverständnisse auf der Sachebene
Eigentlich ist Kommunikation etwas ganz Einfaches: Ein Sender sendet einem Empfänger
eine Botschaft. Das Problem dabei: Ausgesandte und empfangene Botschaft können sehr
unterschiedlich sein. Die nachfolgenden Beispiele machen das deutlich.
Beispiel 1:
Im diesem Beispiel sehen beide die gleichen Linien, dennoch interpretieren Sie diese ganz
unterschiedlich. Tatsächliche Botschaft ("die junge Frau") und vermutete/empfangene
Botschaft ("die alte Frau") sind nicht identisch.
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Beispiel 2:
"Der Bauer steht auf dem Feld." (… a4)
(Landwirt/Ackerfeld oder Schachfigur/Schachbrett?)
Hier sind es nicht Linien, sondern die (gleichen) Worte, die mit unterschiedlicher Bedeutung
gefüllt werden können.
In beiden Fällen versteht der Empfänger die ausgesendete Nachricht ganz anders, als sie
gemeint war. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Sender und Empfänger haben jeweils
subjektive Perspektiven und verbinden mit der eigentlichen Nachricht/Sachaussage
unterschiedliche Bedeutungen.
Missverständnisse auf der Sachebene entstehen immer dort, wo der Sachverhalt nicht richtig
erfasst wird, was bei Texten durch die Verwendung von Fremdwörtern oder Fachausdrücken,
einen komplizierten Satzbau, mehrdeutigen Formulierungen und Begriffe usw. geschieht.
Zwei Beispiele aus der Bibel mögen dies verdeutlichen:
1. „Talente“
In Mt 25,14-30 (par Lk 19,11-27) finden wir den Begriff "Talente". Talente waren zur Zeit
der Abfassung des Textes eine Währungseinheit, es geht also um die Übergabe und das
Überlassen von Geld. Eine Teilnehmerin einer Jugendgruppe, die über diesen Text eine
Andacht hielt, wusste das nicht und legte den Text dahin aus, dass Jesus seinen Jüngern
Begabungen schenkt, mit denen sie umgehen sollen. Das mag von der Aussage her nicht
falsch sein, ergibt sich aber nicht direkt aus dem Text. Der Übergabe von Geld an die Arbeiter
kann ein Prinzip zugrunde liegen, das auch für die Ausstattung des Menschen mit Gaben gilt,
zwingend ist das aber nicht. Die Mitarbeiterin glaubte, den Text durch einfaches Lesen zu
verstehen. Tatsächlich aber fand schon beim Lesen eine Auslegung und Übertragung des
eigentlichen Inhaltes auf andere Situationen statt – eine Auslegung, von der sie nicht einmal
wusste, dass sie sie vornahm.
2. „hassen“
Ein weiteres Beispiel findet sich in Joh 14,26, wo Jesus (scheinbar) dazu auffordert, seine
Eltern zu hassen. Wer sich hier mit der deutschen Übersetzung des griechischen Textes
begnügt, kommt leicht zu dem Schluss, dass Jesus damit aggressives Verhalten gegen die
Eltern rechtfertigt und damit zu einem Verstoß gegen das 4. Gebot (2Mo 20,12) aufruft. Das
einfache Lesen des (deutschen) Bibeltextes genügt zum richtigen Verstehen nicht, weil erst
ein Blick in den griechischen Grundtext (oder entsprechende Hinweise geübter Ausleger)
offenbart, dass es Jesus nicht um Hass geht, wie wir ihn verstehen. Vielmehr spricht er hier
von einer Reihenfolge, einer Priorität. Es ist richtig und gut, die Eltern zu lieben und zu ehren,
noch wichtiger ist es aber, Jesus Raum in seinem Leben zu geben. Den Platz, der Jesus
gebührt, sollen auch die Eltern nicht einnehmen. Damit steht er mit beiden Beinen auf dem
Fundament der 10 Gebote. Dem vierten Gebot geht nämlich das erste voraus, in dem Gott
fordert, dass niemand seinen Platz einnehmen darf.
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Gleiches gilt von Röm 9,13, wo Paulus sich auf Mal 1,3 bezieht. Die Aussage "Jakob habe ich
geliebt, Esau aber habe ich gehasst" scheint in direktem Gegensatz zur allumfassenden Liebe
Gottes zu stehen, wie sie in Joh 3,16; 1Tim 2,4 und vielen weiteren Stellen herausgestellt
wird. Beachtet man aber, dass "hassen" in diesem Zusammenhang "Zurückstellung hinter
etwas anderes" bedeutet, dann wird auch dieser Text verständlich. Gott hasst Esau nicht, er
gibt lediglich Jakob den Vorzug, wenn es um das Weitertragen der Verheißung an Abraham
geht.
Auf der Sachebene (wie hier die Schwierigkeit mit den Begriffen "Talente" und „hassen“)
sind Verständnisprobleme in der Regel leicht auszuräumen, indem man sich
Hintergrundinformationen beschafft und Zusammenhänge klärt. (Was meint der Sender mit
…, wie füllt er diesen Begriff?). Das ist eine wesentliche Aufgabe der Exegese.
4.3
Missverständnisse auf der persönlichen Ebene
Was das Verstehen einer Botschaft aber besonders schwer macht, ist die Tatsache, dass neben
der reinen Sachinformation auch persönliche Mitteilungen gesendet werden, die der
Empfänger interpretieren muss, um sie zu verstehen. Denn diese persönlichen Mitteilungen
sind es, die die eigentliche Botschaft enthalten (Watzlawick). Erst die persönlichen Aspekte
machen eine Nachricht zu einer Botschaft an den Empfänger!
Damit eine Botschaft richtig ankommt, muss der Sender also nicht nur verstehen, was der
Sender sagt (Sachaussage), sondern auch, was er damit sagen möchte (persönliche Nachricht).
Es ist wie bei einem Auto, das mit einer Dachbox unterwegs ist. Das Auto (die
Sachinformation) transportiert die persönlichen Nachrichten (in der Dachbox enthalten) an
den Empfänger. Da dieser nicht in die Box hineinschauen kann – es sei denn, der Absender
öffnet sie für ihn – muss er über deren Inhalt Vermutungen anstellen.
Bei den persönlichen Aspekten einer Nachricht ist die Gefahr von Missverständnissen
deutlich größer als bei der Sachinformation, weil für den Empfänger häufig nicht klar ist,
welche Absicht der Sender mit der Nachricht verfolgt. Denn anders als in o.g. Beispielen wird
diese Absicht in der Regel nicht mit Worten transportiert.
Diese Lücke muss der Empfänger nun füllen. Dazu bietet sich vor allem die Rückfrage an
("Habe ich Dich richtig verstanden?"). Schwierig wird es dort, wo der Empfänger gar
nicht auf die Idee kommt, dass er den Sender missverstanden haben könnte, weil ihm
seine eigene Interpretation als "auf der Hand liegend" erscheint. Tatsächlich jedoch stellt jede
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Interpretation einer Nachricht zunächst einmal eine Vermutung dar, was der Sender gemeint
haben könnte.
Dazu ein Beispiel des Kommunikationswissenschaftlers Schulz von Thun4:
Ein Mann und eine Frau sitzen beim Abendessen.
Der Mann sieht Kapern in der Soße und fragt: „Was ist das Grüne in der Soße?“
Die Frau antwortet: "Wenn es Dir nicht schmeckt, kannst Du ja woanders essen gehen."
Auf der Sachebene gibt es hier kein Missverständnis, beide wissen, was mit "das Grüne" und
mit "Soße" gemeint ist. Auf der persönlichen Ebene aber unterscheiden sich gesendete und
verstandene Botschaft stark voneinander.
Der Mann meint:
Die Frau versteht:
"Ich weiß nicht, was es ist. Sag mir was es ist."
"Ich mag das nicht.
Lass nächstes Mal das Grüne weg (oder: Du kannst nicht kochen)"
Dazu ein biblisches Beispiel:
In 1Mo 2 spricht Gott den Menschen mit den Worten an: "Seid fruchtbar und mehrt euch"
(1Mo 1,21.28; 9,1.7).
Die Sachaussage ist klar – jeder weiß, was mit Fruchtbarkeit und Vermehrung gemeint ist.
Auf der persönlichen Ebene aber kann man diese Bedeutung dieser Aussage durchaus sehr
unterschiedlich verstehen:
Gott meint:
Der Mensch versteht:
4.4
"Ihr steht unter dem Ja Gottes." (Segen)
"Sorgt für Nachwuchs!" (Appell)
Der Empfänger entscheidet
Der Empfänger hat großen Anteil daran (Schulz von Thun: "bestimmt selbst"), was bei ihm
ankommt. Er ist es, der die Nachricht entschlüsselt und ihr eine Bedeutung verleiht – unter
Umständen eine Bedeutung, die der Sender der Nachricht gar nicht beilegen wollte.
Schultz von Thun schreibt:
"Die Schwerpunktsetzung des Senders, der äußere Rahmen und die Gewohnheiten des
Empfängers beeinflussen den Kommunikationsprozess. Es gibt Empfänger, die vor allem mit
dem Sachohr hören, andere reagieren übersensibel auf die Beziehungsaspekte. Das was beim
Empfänger ankommt, wird von ihm selbst bestimmt. Er entschlüsselt die Nachricht, indem er
ihr aufgrund seiner Erwartungen und Vorerfahrungen eine Bedeutung verleiht."5
Wie sehr vorhandene Voraussetzungen die Wirksamkeit einer Botschaft beeinträchtigen, hat
Jesus lange vor Schulz von Thun im Gleichnis vom vierfältigen Acker deutlich gemacht.
4
Friedemann Schulz von Thun: Miteinander Reden. 1: Störungen und Klärungen, Reinbek bei Hamburg 1981,
62 f.. Das Beispiel wurde leicht gekürzt.
5
Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden 1: Störungen und Klärungen, 1998.
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Aufgabe 4: Der vierfältige Acker
Lies das Gleichnis vom vierfältigen Acker in Mt 13,1-9; Mk 4, 1,9 oder Lk 8,4-8. Welche
Faktoren sind für das Aufgehen der Saat entscheidend? Welche Rolle spielen dabei der
Sämann, das Saatgut, die Qualität des Bodens und die übrigen Umstände (z.B. Wetter)?
4.5
Die hermeneutischen Brillen
Bei der hermeneutischen Brille handelt es sich eine Veranschaulichung, die dem 4-OhrenModell bei Schultz von Thun ähnelt. Eine schriftliche Botschaft wird vom Empfänger durch
eine bestimmte Brille gelesen und die Brille ist entscheidend für sein Verständnis. Die
hermeneutische Brille ist das Ergebnis verschiedener Einflussfaktoren.
Meines Erachtens lassen sich die prägenden Einflüsse zu sechs Gruppen zusammenfassen:
a) individuelle Einflussfaktoren
Biografie
Persönlichkeit
Interessen und Bedürfnisse
Kompetenzen und Grenzen
b) kollektive Einflussfaktoren
Persönliche Lebensumstände
Kulturelle Denkweise und Lebensart
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Aufgabe 5: Einflüsse
Diskutieren Sie in einer Kleingruppe (3 bis 4 Personen), inwiefern diese Einflüsse die
Exegese beeinträchtigen können. Reflektieren Sie sich dabei auch selbst und berichten Sie
von eigenen Erfahrungen. Welche Faktoren haben auf Ihre Exegese besonders großen
Einfluss? Gibt es Elemente in Ihrer persönlichen Theologie, die ihren Ursprung mehr in der
eigenen Prägung als in den Aussagen der Bibel haben?
Wie kann der Ausleger sich diese Vorentscheidungen bewusst machen und sich seine
prägenden Einflüsse vergegenwärtigen? Auf diese Frage gibt es keine Pauschalantwort,
hilfreich scheint aus meiner Sicht neben dem grundsätzlichen, wach zu haltenden Bewusstsein
der eigenen Subjektivität eine gründliche Selbstreflexion der o.g. Einflussfaktoren. Aber auch
die Teilnahme an einem der vielen Kurse zu diesem Themenbereich oder die Beschäftigung
mit Fachliteratur zu Persönlichkeitsmodellen stellt eine gute Möglichkeit dar, sich selbst und
seine Antriebe besser kennen zu lernen (z.B. Enneagramm, Struktogramm, DISG, …).
Hinsichtlich der Exegese kann uns an dieser Stelle aber der "hermeneutische Kreis" eine Hilfe
sein, die eigenen Vorentscheidungen sichtbar zu machen – ohne allerdings deren Herkunft zu
erklären.
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