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AMTSBLATT Nr. 12 vom 19.03.2015 - Ramstein

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Sonntag, 19. Oktober 2014 (20:05-21:00 Uhr), KW 42
Deutschlandfunk / Abt. Musik und Information
FREISTIL
„Vom Glück, gebissen zu werden“. Warum der Vampir nicht totzukriegen ist
Eine Sendung von Raphael Smarzoch
Redaktion: Klaus Pilger
[Produktion DLF 2011]
Manuskript
Urheberrechtlicher Hinweis
Dieses Manuskript ist urheberrechtlich geschützt und darf vom
Empfänger ausschließlich zu rein privaten Zwecken genutzt werden.
Die Vervielfältigung, Verbreitung oder sonstige Nutzung, die
über den in §§ 44a bis 63a Urheberrechtsgesetz geregelten Umfang hinausgeht, ist unzulässig.
©
- ggf. unkorrigiertes Exemplar -
Musik 1
Roky Erickson – Night of the Vampire (ab 0:26 – 0:36, dann leise als Bett bis unter Ansage) Text:
„Tonight is the night of the Vampire / Tonight is the night of the Vampire“
O-Ton 1 Stefan Keppler-Tasaki
Der erste Vampir, an den ich mich erinnere, hatte die Gestalt von Christopher Lee. Sportlich, kräftig, von adliger Herkunft, wie Christopher Lee ja selber aus italienischem Adel stammt.
Sprecherin 1
Stefan Keppler-Tasaki, Professor für Germanistik und Herausgeber des Buches „Vampire im
Film“.
O-Ton 2 Hans Brittnacher
In meinem 15. oder 16. Lebensjahr habe ich Bram Stokers Dracula, der kam damals im Hansaverlag, in dieser prachtvoll ausgestatteten Ausgabe von Uwe Bremer illustriert heraus. Ich erinnere
mich, dass ich den mit atemloser Spannung gelesen habe.
Sprecherin 2
Professor Hans Brittnacher, Germanist und Autor von „Ästhetik des Horrors“.
O-Ton 3 Florian Kührer
Da ich der etwas jüngeren Generation zugehöre, dürften das wohl die Ketchup Vampire sein, die
Anfang der 90er Jahre im Kinderprogramm gelaufen sind.
Sprecherin 3
Florian Kührer, Historiker – schrieb das Buch „Vampire: Monster, Mythos, Medienstar“.
O-Ton 4 Hans Meurer
Ich habe dann auf dem Flohmarkt in Marburg den Stoker Roman Dracula gefunden und gesehen
so anhand einiger Stellen: aha, da ist ja mehr drin.
Sprecherin 4
Hans Meurer – ehemaliger Leiter eines Vampirmuseums. Verantwortlich für die Monographie:
„Vampire – Die Engel der Finsternis“.
O-Ton 5 Christoph Augustynowicz
Bella Lugosi – da war ich 10 Jahre alt, 11 Jahre, also wo man nach 9 nicht mehr Fernsehen sollte.
2
Sprecherin 5
Christoph Augustynowicz, Professor für Osteuropäische Geschichte und Initiator einer digitalen
Anthologie über Vampirismus, „kakanien revisited“.
O-Ton 6 Laurence A. Rickels
I’m afraid I only have screen memories that are early of vampires – the Hammer production films
that now I don’t consider perhaps so terrible, but they were considered to extremely blood when I
was a child. I would have to sneak into the theater to see and I remember there were certain moments that really did terrify me. Like in „The Horror of Dracula“ the staking of one of the vampires
stayed with me. Those were the lasting impressions.
Overvoice 1
Ich habe nur Bildschirmerinnerungen an den Vampir. Die Hammer Filme, die ich jetzt nicht mehr
so schrecklich finde. Als ich ein Kind war, galten diese Filme als sehr blutig. Ich musste ins Kino
schleichen und bestimmte Ausschnitte erschreckten mich sehr, wie zum Beispiel die Pfählung des
Vampirs aus „The Horror of Dracula“. Das hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Sprecherin 6
Laurence Rickels, amerikanischer Professor für Germanistik, Psychoanalytiker und Theoretiker.
Verfasser der „Vampire Lectures“.
O-Ton 7 Rainer M. Köppl
Meine erste Erinnerung ist eigentlich nicht der Vampir selbst, sondern der Knoblauch. Das Mittel
gegen die Vampire.
Sprecherin 7
Professor Rainer Maria Köppl – Film- und Medienwissenschaftler. Autor von „Der Vampir sind
wir“.
Sprecher 1: Ansage
Vom Glück, gebissen zu werden – Warum der Vampir nicht totzukriegen ist.
Ein Feature von Raphael Smarzoch.
Musik 2
V.A. Tolle Kinderhits - Der kleine Vampir (0:00 – 0:13, dann langsamer fade out unter Autor 1)
3
Text: Ich bin Rüdiger von Schlotterstein und bei Nacht bin ich nicht gern allein / Ich öffne meinen
Sarg und ich flieg zu dir / Ich bin der kleine Vampir.
Autor 1
Meine erste Erinnerung an den Vampir ist der kleine Vampir. Rüdiger Schlotterstein ist sein Name. Er wohnt mit seiner Familie auf dem Friedhof, schläft im Sarg, trägt einen langen Umhang
und hat eine zottelige Frisur. Heute erinnert er mich ein wenig an einen Gothic Fan. Eigentlich
klingt das ganz harmlos. Doch die im Vorspann der Fernsehserie aus dem Sarg kommende Hand,
die bleichen Gesichter und morbiden Kulissen, das ganze Setting der Geschichte, suchen mich in
meinen Träumen immer wieder heim. Nachts natürlich, zu einer besonders vampirfreundlichen
Zeit.
Atmo / Trenner
Heulender Wolf (0:10)
Autor 2
Heute macht mir der Vampir keine Angst mehr.
Erzählerin 1
Es scheint als läge seine wilde Zeit weit zurück. Früher, da war er noch gefährlich, bohrte seine
spitzen Fangzähne in die Hälse attraktiver, junger Frauen, saugte ihr Blut, verführte und tötete.
Mittlerweile präsentiert er sich als Beschützer, als Schutzengel und perfekter Liebhaber – ein
Vampir für alle Fälle, auf den man sich immer verlassen kann. Am prägnantesten ist diese Wandlung in den Twilight Romanen der Amerikanerin Stephanie Meyer dargestellt. Sie erzählen von der
unsterblichen Liebe zwischen dem Vampir Edward Cullen und der jungen Frau Bella Swan.
Atmo
Vögel zwitschern, Schritte, Klopfen an einer Glastür.
Reporter 1
Hallo, ich bin Raphael!
O-Ton 8 Kathleen Mrosk
Kathleen, hallo!
O-Ton 9 Barbara
Hi, Barbara, komm rein...
4
Atmo
Treppenaufstieg, als Bett unter folgende O-Töne legen.
O-Ton 10 Kathleen Mrosk
Mein Name ist Kathleen Mrosk, ich betreibe eine der größten Twilight Fanseiten hier in Deutschland, Twilight-Fans.de.
O-Ton 11 Kathleen Ulmann
Ich bin Kathleen Ulmann, bin auch tätig bei Twilight-Fans.de.
O-Ton 12 Barbara Rubel
Ich bin Barbara Rubel, kurz Iso. Ich gehöre ebenfalls zum Projekt.
O-Ton 13 Kathleen Ulmann
Ich habe Twilight dreimal gelesen, zweimal in Englisch, einmal in Deutsch.
O-Ton 14 Kathleen Morosk
Twilight ist halt eher so Romantik und viel Kopfkino sozusagen.
O-Ton 15 Barbara Rubel
Man kann ganz viel träumen!
O-Ton 16 Rainer Köppl
Und warum gerade Twilght? Weil das eine Liebesgeschichte ist, die zumindest tragisch angehaucht ist. Liebesgeschichten sind dann attraktiv, wenn sie einen großen Widerstand überwinden
müssen. Beim Vampir geht es um die Schwelle von Leben und Tod, von Erlösung und Verdammnis. Das ist schon eine sehr große Kluft, die hier überwunden werden muss. Das ist ganz ganz
wichtig, weil die Liebe beansprucht ja immer über den Tod hinaus zu wirken und der Vampir verkörpert das auch. Das heißt, es funktioniert nur mit dem Vampir so gut.
Reporter 2
Also wir sind jetzt hier, Barbara, in deinem Zimmer?
O-Ton 17 Barbara Rubel
Richtig, genau!
5
Reporter 3
Und stehen hier vor den Regalen. Ich sehe ein Twilight Puzzle!
O-Ton 18 Barbara Rubel
Ja, von Eclipse, ich habe aber noch mehr... (Lachen)
O-Ton 19 Laurence A. Rickels
Twilight’s enormous success has something to do with its clientel, its very specific clientel to
which it is pitched. On the one hand we’re trying to remake our market economy through Chinese
consumers but internally we had also these young teen and pre-teen girls to whom one had never
really made a coherent pitch before. With Twilight there was suddenly a book that mothers could
even use for educational purposes, read with their daughters and it’s a highly moral fable too because the one good vegetarian vampire family is where marriage happens and you don’t really
have sex beforehand either and this answers all those questions. The timing of sex for example, its
consummation as marriage.
Overvoice 2
Twilights ernormer Erfolg hat mit der Klientel zu tun an die es sich richtet. Auf der einen Seite versuchen wir unsere Wirtschaft durch chinesische Konsumenten zu erneuern, aber auf der anderen
Seite gibt es da all die jungen weiblichen Teenager, die noch niemand mit einem kohärenten Angebot adressiert hat. Mit Twilight gab es plötzlich ein Buch, das auch Mütter für erzieherische
Zwecke nutzen und es zusammen mit ihren Töchtern lesen konnten. Es ist eine hochmoralische
Geschichte über eine gute, vegetarische Vampirfamilie. Dort wird hineingeheiratet. Und es gibt
auch keinen Sex vor der Ehe – das beantwortet Fragen wie das Timing von Sex und seine Vollendung als Heirat.
Musik 3
Twilight New Moon Soundtrack – I need you (ab 0:00 – 0:13, dann als Bett unter Sprecher und
folgende O-Töne)
Sprecherin 8
„Er zögerte, [...]. Nicht so wie ein Mann zögert, bevor er eine Frau küsst, um ihre Reaktion abzuschätzen, um ihre Zustimmung einzuholen; nicht um den Augenblick der Erwartung zu verlängern, der manchmal besser war als der Kuss selber. Edward zögerte, um sich zu testen, um zu
ermessen, ob es sicher war, ob er seine Begierde unter Kontrolle hatte.“
6
Erzählerin 2
Stephanie Meyer ist bekennende Mormonin. Ihre Religion verbietet den Sex vor der Ehe. Wer sich
nicht an diese Regel hält, läuft Gefahr aus der Glaubensgemeinschaft ausgeschlossen zu werden.
Für viele Kritiker ist es kein Zufall, dass Bella und Edward bis zu ihrer Hochzeit warten, bevor sie
miteinander schlafen. Sie behaupten, die Twilight Romane reflektierten das konservative Weltbild
ihrer Autorin.
O-Ton 21 Rainer Köppl
Das einzige Bedürfnis, das ich dort noch verkörpert sehe und eigentlich retten möchte gegen die
Angriffe auf Twilight, das ist alles konservativ und das sind die Mormonen, dass es zumindest
hochhält und sagt: es gibt noch Bedürfnisse, die über das Hier und Jetzt und über den Kapitalismus und über die Konsumgesellschaft hinaus gehen, nämlich die Sehnsucht, die wahre Liebe, und
Liebe ist eigentlich etwas Revolutionäres.
O-Ton 22 Stefan Keppler Tasaki
Twilight transportiert sicher ganz explizit puritanische Werte.
Man kann zurecht von abstinent porn sprechen, symbolisiert in Edwards Zimmer, in dem kein
Bett steht. Im Vampirhaus steht kein Bett, weil die Vampire nicht schlafen, aber das Bett ist
dadurch zugleich symbolisch generalisiert. Überall, wo sich Bella und Edward aufhalten, steht ein
Bett, auf dem der Vollzug geschehen könnte.
O-Ton 23 Kathleen Mrosk
Also wenn man sich heute anguckt, die Teenager, die mittlerweile mit 12 Jahren oder jünger noch
mit nem Kerl in die Kiste gehen. Ich finde da ist unsere heutige Gesellschaft verkommen. Ich find
Enthaltsamkeit nicht schlecht.
O-Ton 24 Rainer Köppl
Zwei Autos in der Garage, dreimal im Jahr Urlaub, den neuesten DVD Player usw. Da wird natürlich jemand, der das alles nicht will attraktiv und spannend – ein Verweigerer. Und was kann man
verweigern in unserer Gesellschaft, wenn man den Kapitalismus politisch nicht verweigern kann,
kann man zumindest den Konsum verweigern. Das ist eine interessante Figur, die sagt, ich verweigere den Konsum, auch den von Sex weil es eigentlich mehr und etwas anderes gibt.
Reporter 4
Ihr würdet nicht einschreiten, wenn ihr eine jüngere Schwester hättet und die würde sagen, ich
mach das so wie Edward und Bella?
7
O-Ton 25 Kathleen Mrosk
Nö! Ich würde es sogar sagen, finde ich toll von dir. Wenn sie sagt, sie möchte das so machen
und sie hält es durch. Ich finde es geht.
O-Ton 26 Barbara Rubel
Sie hätte da meine vollkommene Unterstützung. Das ist doch etwas Besonderes.
O-Ton 27 Laurence A. Rickels
It’s not sexual but it is erotic. And that’s an important distinction perhaps because the space
which has been opened up for those teen girls with Bella at the front of the line is the sort of experimental medium of eroticism itself where the commitment is not too quickly made to sexuality
or sex and all that follows from sex. So yes it is conservative but it’s also reclaims the right to deferral in the broader sense for these young girls who are up for being consumed so rapidly.
Overvoice 3
Twilight ist nicht sexuell, aber erotisch. Das ist ein wichtiger Unterschied. Der Raum, der sich für
die jungen Mädchen mit Bella an der Spitze geöffnet hat, ist selbst eine erotische Experimentierfläche. Hier gibt es keine vorschnelle Bindung an Sex und all das, was nach dem Sex kommt. Natürlich, es ist sehr konservativ, aber es bietet auch einen Schutz, eine Abgrenzungsmöglichkeit, für
diese jungen Mädchen, damit sie nicht so schnell verbraucht werden.
O-Ton 28 Barbara Rubel
Und ganz besonders toll Carlisle (Lachen)
Reporter 5
Ach Quatsch! Was ist das?
O-Ton 29 Barbara Rubel
Carlisles Kostüm! Da haben wir seinen Kittel, sein Hemd aus Twilight, ein Stetoskop und seinen
Ausweis und natürlich seinen Siegelring mit den Wappen der Cullens.
Erzählerin 3
Barbara Rubel zeigt ein Kostüm von Carlisle Cullen. Carlisle ist Edward Cullens Vater. Er ist wohl
der erste Vampir, der als Arzt tätig ist und seine Gier nach Blut völlig unter Kontrolle hat. Seine
Erscheinung suggeriert Verlässlichkeit und Verantwortungsbewusstsein.
8
O-Ton 30 Kathleen Mrosk
Carlisle ist für mich, ich glaube für viele Menschen, der perfekte Vater. Eine perfekte Vaterfigur.
Gerade, wenn man, ich bin halt ohne Vater aufgewachsen, dann... ja... hat man sowieso noch
mehr Seifenblasen im Kopf. Er ist aber auch ein Mensch, mit dem man sich, glaube ich, auch sehr
gut unterhalten könnte.
O-Ton 31 Barbara Rubel
Über ganz viele Themen. Der würde ein ganz großes Wissen in seinem Kopf haben.
O-Ton 32 Kathleen Mrosk
Weil er einfach schon alt ist. Ich find den Aspekt der Cullens interessant, den Familienzusammenhalt, den die haben. Die haben einen extremen Zusammenhalt.
Reporter 6
Das suggeriert ja auch Sicherheit.
O-Ton 33 alle zusammen
Richtig!
O-Ton 34 Florian Kührer
Der Vampir bringt also zum Aspekt des aufregenden Lebens Sicherheit. Und in dem Jahrhundert,
in dem wir erlebt haben – 9/11, die Weltwirtschaftskrise der vergangenen Jahre - ist man anscheinend wieder mehr auf Sicherheit versessen als noch die Jahrzehnte zuvor. Also wir sehen: Abenteuer ja, aber immer nur mit Sicherheitsnetz.
Erzählerin 4
Dieses Sicherheitsnetz hat es in früheren Vampirerzählungen nicht gegeben. In Twilight geht es
um Schutzräume, um sichere Laborbedingungen, um die Idee, zusammen mit dem Vampir an
seiner Seite, das Experiment Leben erfolgreich zu meistern. Das war mal ganz anders.
Atmo
Geräusch einer Kassette, die zurückgespult wird.
Musik 4
Popol Vuh: Nosferatu Soundtrack – Mantra 1 (0:10 frei, dann als Bett bis zur nächsten Atmo)
9
Erzählerin 5
Der moderne Vampirmythos beginnt im 18. Jahrhundert in Südosteuropa. In Serbien, Rumänien
und Ungarn treibt der Untote sein Unwesen. So wie jeder weltbekannte Popstar mal klein anfängt,
beginnt auch der Vampir seine Karriere unter bescheidenen Bedingungen.
O-Ton 35 Florian Kührer
Der erste Vampir, das ist der Vampir aus dem Volksglauben, das Dorfmonster, das im Dorf groß
wird.
Erzählerin 6
Man glaubt, der Tote komme in der Nacht aus seinem Grab wieder zurück – ein lebender Leichnam. Das Erscheinungsbild dieses Wiedergängers ist nicht so charmant wie das der heutigen
Vampire. Der slawische Untote tritt im Leichentuch auf, macht seltsame Schmatzlaute und stinkt
nach Blut und Erde. Seine Opfer sind hinterbliebene Familienmitglieder, Freunde und Bekannte.
Vollkommen gesunde Menschen werden plötzlich krank und sterben.
Atmo
Monstersounds, dann als Bett unter O-Ton Köppl. Fade out.
O-Ton 36 Rainer Köppl
Wenn in einem Dorf Krankheit umgeht, Ansteckung, ein Virus, Leute sterben, was gibt es für
Erklärungsmuster? An Bakterien hat man damals nicht gedacht.
O-Ton 37 Florian Kührer
Dann muss jemand herhalten, der fremd ist, der in seinem Leben etwas falsch gemacht hat, der
nicht aus dem Dorf stammt, der vielleicht noch mit einem fremden Akzent spricht oder der mit
einem Mal geboren ist, das eben nicht dem Standard entspricht.
O-Ton 38 Laurence A. Rickels
Once the mechanism of projection is set in motion, so many kinds of projection at the same time
become available. People on the outskirts of society are via projection often considered to be an
inimical, uncanny, threatening and so they get handeld projectively, not only set up then but
placed in a position from which they can return as vampires.
Overvoice 4
Sobald der Mechanismus der Projektion in Bewegung gerät, gibt es so viele unterschiedliche Projektionsmöglichkeiten. Leute, die an den Rändern der Gesellschaft leben, werden via Projektion oft
10
als feindlich, unheimlich und bedrohlich wahrgenommen und in eine Position gerückt, von der sie
als Vampire wiederkehren können.
Atmo
Erdboden wird mit Schaufel bearbeitet. Als Bett unter folgende O-Töne.
O-Ton 39 Florian Kührer
Sie machen die Gräber auf und sie finden aber dann tatsächlich unverweste Tote...
O-Ton 40 Christoph Augustynowicz
...die Blut im Mund hatten, die derartige Anzeichen hatten, für Vampirismus, für wiederkehrende,
blutsaugende Tote.
Erzählerin 7
Die einzige Möglichkeit, den unerwünschten Besucher wieder loszuwerden, ist seine Exekution.
Gewöhnliche Tötungsmethoden funktionieren nicht. Man schlägt der Leiche einen spitzen Pfahl
durchs Herz, trennt ihr den Kopf ab und verbrennt anschließend den Körper. Hier zeichnet sich
bereits ein wichtiges Motiv späterer Vampirerzählungen ab – die Pfählung des Vampirs. Historiker
Christoph Augustynowicz beobachtet eine weitere Verbindungslinie zwischen den Überlieferungen
des 18. Jahrhunderts und den zeitgenössischen Vampirfabeln.
O-Ton 41 Christoph Augustynowicz
Ich denke die Settings moderner Vampirismusnarrative suchen sehr stark nach den Laborbedingungen, die das Dorfleben des 18. Jahrhunderts, des Vormodernen aufweist. Isolation zur Umwelt,
Isolation zu den städtischen Zentren, mangelhaft ausgeprägte Kommunikation. Selten vorbeikommende Busse, Großteil der Bevölkerung war nie in der Stadt, bewegt sich auf sehr kleinem
Raum, bewegt sich auf einem sehr engen gesellschaftlichen Geflecht.
O-Ton 42 Christoph Augustynowicz
Gerade das Leben in der Gosse des Vormodernen ist durchaus etwas, was die Leute interessiert.
Vielleicht ist das ein Bedürfnis, sich abzugrenzen, zu zeigen, wie gut es einem doch geht.
Atmo
Rascheln
O-Ton 43 Barbara Rubel
Was haben wir noch?
11
Reporter 7
Discover America!?
O-Ton 44 Kathleen Ullman
Das sind schon die Vorbereitungen.
O-Ton 45 Kathleen Mrosk
Das sind die Vorbereitungen für das nächste Jahr.
O-Ton 46 Barbara Rubel
Regionen der USA. Ich glaube da war ein bisschen was zu Forks dabei. Bisher waren wir noch
nicht da, aber im Moment planen wir so eine Reise durch einige Bundesstaaten, und da wollen wir
auch dann durch Forks.
Atmo
Naturgeräusche: Wind, Wald, Vögelzwitschern. Als Bett unter Sprecherin legen.
Sprecherin 9
Stephanie Meyers Twilight Epos spielt in Forks, einer Kleinstadt in der Nähe von Washington mit
ca. 3000 Einwohnern. In den Vampire Diaries besucht man das Städtchen Mystic Falls, geschätzte
Bevölkerung: ca. 2000. Die Autorin Charlaine Harris situiert die Handlung von True Blood in das
fiktive Bon Temps – Einwohnerzahl: 2712.
O-Ton 47 Christoph Augustynowicz
Dann kommen von Auswärts die Leute, die das untersuchen, die Detectives, CSI. Das ist dann
eben der Feldscher oder der Militärarzt des 18. Jahrhunderts.
Musik 5
Kevin Drumm – Snow (als Bett unter Zitator A und B legen, düstere Klangflächen)
Sprecher 2 (Zitate ineinander überblenden, Stereoeffekt links rechts nutzen)
„Habe mich in benanntes Dorf begeben / den bereits ausgegrabenen Cörper des Peter Plogojoviz
besichtig und gründlicher Wahrheit gemäß folgendes befunden: das Erstlich von solchem Cörper /
nicht der mindeste sonst der Todten gemeiner Geruch verspüret / [...] /
12
Sprecherin 10
„Bey der Secirung habe ich gefunden, daß sie in dem Angesichte gantz roth und lebhaffter Farb
ware“
Sprecher 3
„...die alte Haut /[...]/ hat sich hinweg geschellet / und eine frische neue darunter hevorgetan /[...]/
in seinem Mund hab ich nicht ohne Erstaunung einiges frisches Blut erblicket.“
Sprecherin 11
„Nach geschehener Visitation seyend denen Vampiren die Köpfe durch die dasige Zigeuner herunter geschlagen worden, und samt denen Cörpern verbrennet, die Aschen davon in den Fluß Morava geworfen.“
Sprecher Overvoice 1
Feldscherer Johann Flückingen, 1732.
Sprecher 4
„Nachdem nun ich dieses Spectacul gesehen / der Pövel aber mehr und mehr ergrimter als bestürtzeter wurde / haben sie gesamte Unterthanen in schneller Eil einen Pfeil gespitzet / solchen
dem Todten-Cörper zu durchstechen an das Hertz gesetzet.“
Sprecher Overvoice 2
Kameralprovisor Frombald, 1725.
O-Ton 48 Florian Kührer
Was in den 1730er Jahren passiert, ist tatsächlich, meiner Meinung nach, ein klassischer Medienhype.
Erzählerin 8
Historiker und Vampirforscher Florian Kührer.
O-Ton 48a Florian Kührer
Eine Nachricht kommt aus Südosteuropa nach Wien, landet auf dem Schreibtisch eines biederen
Beamten der Habsburger und durch irgendwelche nicht mehr nachvollziehbaren Umstände, wandert dieser Bericht dann in die Zeitungen. Und von den Wiener Zeitungen dann sehr schnell zu
den Drehschreiben der europäischen Zeitungsindustrie, wenn man für die Zeit so sagen kann,
Leipzig, später dann auch im fremdsprachigen Bereich, London und Paris.
13
O-Ton 49 Rainer Köppl
Heutzutage kann man sich kaum mehr vorstellen, welche medialen Wellen das damals geschlagen hat. So wie heute AIDS, Vogelgrippe, Atom, war das ein, das Thema einige Jahre.
Atmo
Große Menschengruppe in einem geschlossenen Raum, Stimmen.
O-Ton 50 Hans Brittnacher
Er war omnipräsent. Er war sozusagen der Gossip in den Salons von Sankt Petersburg und Wien
und London – der kultivierten Welt.
O-Ton 52 Christoph Augustynowicz
Man beginnt sich zu Fragen, wo ist die Grenze zwischen Leben und Tod? Wie vermessbar ist der
Mensch? An welchen Punkten ist er vermessbar? Nach welchen Kriterien ist er vermessbar? – die
Ablösung der Theologie durch die Naturwissenschaft. Das ist ja was, was im 18. Jahrhundert stattfindet.
Sprecher 5
„Ich gestehe, dass es in diesen Städten Börsenspekulanten, Händler, Geschäftsleute gibt, die eine
Menge Blut aus dem Volk heraussaugen, aber diese Herren sind überhaupt nicht tot, allerdings
ziemlich angefault. Diese wahren Sauger wohnen nicht auf Friedhöfen, sondern in wesentlich angenehmeren Palästen.“
Sprecher Overvoice 3
François Marie Arouet alias Voltaire aus seinem aufklärerischen Essay über Vampire.
O-Ton 53 Stefan Keppler Tasaki
Die politische Metaphorik des Vampirs setzt sehr früh ein, schon in dem Augenblick als der Vampir aus der Folklore in den philosophischen Eintritt in der Mitte des 18. Jahrhunderts. [...]
O-Ton 54 Rainer Köppl
Der Karl Marx hat gesagt, das Kapital ist der Vampir.
Sprecherin 12
„Das Kapital ist verstorbene Arbeit, die sich nur vampirmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger
Arbeit und umso mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.“
14
Sprecher Overvoice 4
Karl Marx, Das Kapital.
O-Ton 55 Hans Meurer
Der Vampir ist der Ausbeuter...
Erzählerin 9
behauptet Vampirologe Hans Meurer.
O-Ton 55a Hans Meurer
...bis heute zum Finanzamt. Jeder Finanzminister wird irgendwann mal in der Zeitung als Vampir
dargestellt.
O-Ton 56 Rainer Köppl
Die Nazis haben gesagt, die Juden sind die Vampire, die den Volkskörper aussaugen.
O-Ton 57 Florian Kührer
Auch heute kennen wir dieses Phänomen, gerade im muslimischen Raum passiert es eben immer
wieder. Ein Höhepunkt war da sicher eine pseudosatirische Fernsehsendung, wo man dann Ariel
Sharon unterstellt, sich von Dracula zu ernähren, also ein Wortspiel, das eben besagt, dass er sich
als Erfrischungsgetränk Palestinenserblut zuführen würde.
Atmo / Trenner
Saugen durch einen Strohhalm.
Sprecher 6
„Die Vampire erschienen nach dem Mittagessen und blieben bis Mitternacht. Sie saugten das Blut
von Menschen und Vieh in großer Menge. Sie saugten durch den Mund, die Nase, hauptsächlich
aber durch die Ohren. Man sagt, daß Vampire eine Art Hunger verspüren, der sie dazu bringt,
selbst ihre Leichentücher im Grabe anzukauen.“
Sprecher Overvoice 5
Ein französischer Journalist in der Zeitung Mercure Galant zu Beginn des 18. Jahrhunderts.
15
Erzählerin 10
Einige Jahre später verfallen immer mehr Menschen der Vampirhysterie. Damit auf den Friedhöfen
in den Grenzgebieten wieder Ruhe einkehrt, stellt Königin Maria Theresia jegliche Leichenschändungen und Spekulationen über eine Magia posthuma unter Strafe.
O-Ton 58 Rainer Köppl
Haben sich die Vampire verbieten lassen? Nein! Man konnte sie nicht einmal mittels Gesetz aus
der Fantasie der Menschen verbannen. Sie sind sofort in der Literatur wieder auferstanden.
O-Ton 59 Hans Brittnacher
Der wirkliche Schrecken muss sozusagen überwunden sein, damit man beginnen kann, ihn literarisch zu goutieren und die Figur des Vampirs verändert sich ja dramatisch. Das ist eben nicht
mehr der serbische Tote, an dem noch Friedhofserde klebt und der seine überlebende Frau nach
sich zieht, sondern es ist ein kultivierter Gentleman geworden, der in den Salons der bürgerlichen
Emporkömmlinge umhersteht.
Sprecherin 13
„Es ereignete sich, daß mitten unter den Zerstreuungen eines Winters zu London, in den verschiedenen Gesellschaften der tonangebenden Vornehmen ein Edelmann erschien, der sich mehr
durch seine Sonderbarkeiten, als durch seinen Rang auszeichnete.“
Erzählerin 11
Dieser begehrte und mysteriöse Edelmann ist Lord Ruthven. Es ist der Arzt und Autor John Wiliam
Polidori, der den Vampir wieder erfolgreich reanimiert. Sein Blutsauger ist aristokratischer Herkunft, hat gute Manieren, eine exzellente Bildung und ist sehr attraktiv. Der Vampir in Gestalt einer nach Blut und Erde stinkenden Dorfleiche gehört der Vergangenheit an.
Musik 6
Marseillaise dann als Bett unter folgende O-Töne. Fade out unter Zitator A.
O-Ton 60 Hans Brittnacher
Es gab dieses Ereignis, das wie ein Erdbeben durch Europa ging. Das war die französische Revolution und die Enthauptung der Aristokratie. Und diese neuen Vampire, die jetzt erscheinen, das
sind gewissermaßen die Revenance dieser Aristokraten, die wiedergeborenen Aristokraten, die
sich jetzt an ihren Peinigern rächen, indem sie ihre Töchter beißen und diese in Wesen ihrer Art
verwandeln.
16
O-Ton 61 Florian Kührer
Wir stehen vor den Trümmern der Aufklärung. Napoleon hat bewiesen, dass es gar nicht so einfach ist, die revolutionären Ideen der Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit umzusetzen. Metternich regiert Europa mit strenger Hand. Der Wiener Kongress hat ein altes Europa wieder hergestellt. Also alle Visionen der Aufklärung sind zumindest verschütt gegangen. Und in diesem
Trümmerfeld entsteht anscheinend ein Rückgriff auf Transzendenz.
Sprecher 7
„Seiner Sonderbarkeit wegen wurde er in jedes Haus eingeladen; alle wünschten ihn zu sehen,
und diejenigen, welche an lebhafte Aufregung gewohnt waren und nun die Last der Langeweile
fühlten, freuten sich, ein Wesen um sich zu sehen, welches ihre Aufmerksamkeit zu fesseln vermochte.“
Musik 7
Chopin – Nocturne #2 (0:10 frei, dann als Bett unter O-Ton Tasaki, fade out unter Erzählerin 12)
O-Ton 62 Stefan Keppler Tasaki
Der Vampir feiert seine literarischen Erfolge erstmals in der Romantik deshalb weil er einige zentrale Motive romantischen Denkens bedient...
Erzählerin 12
...glaubt der Germanist Stefan Keppler Tasaki.
O-Ton 62a Stefan Keppler Tasaki
...Das ist das der Sehnsucht, etwa nach Unsterblichkeit, nach unendlichem Liebeskonsum. Der
Sehnsucht in die Ferne. Das romantische Wandermotiv wird vom Vampir als ständig Wanderndem, Grenzüberschreitendem, hervorragend bedient. Der Vampir beginnt seine literarische Karriere auch deshalb in der Romantik weil die romantische Literatur ihn als Reflexionsmedium künstlerischer Praktiken zu lesen vermag. Künstler bezeichnen sich selber als Vampire, sprechen von sich
selber als Büchervampiren wie Jean Paul das tut als exzessiver Leser. Sie beschreiben sich selber
als Künstler, als Grenzgänger zwischen Leben und Tod, als Gezeichnete und Ausgestoßene, die in
einem dritten Zustand existieren.
Erzählerin 13
Die Geschichte von Lord Ruthven und seinem Adepten Aubrey entsteht im Jahre 1816 in der Villa
Diodati am Genfer See, in einem völlig unvampirischen Territorium, während einer verregneten
Sommernacht.
17
Atmo
Gewitter, Donnern und Regen, als Bett unter O-Ton Kührer.
O-Ton 63 Florian Kührer
Stark verbunden mit diesem Phänomen ist Lord Byron, eine der bekanntesten Figuren der europäischen Kulturszene dieser Zeit. Er hat zu dieser Zeit am Genfer See gewohnt und hat sich ein paar
Freunde, Literaten, eingeladen und hat sie eben zu einer literarischen Nacht herausgefordert. Jeder von diesen Personen sollte eben ein schauerliches Gedicht, eine schauerliche Geschichte
schreiben, und in dieser Nacht sind eben unter anderem entstanden Mary Shelleys "Frankenstein"
und auch ein erster Entwurf zu einer Vampirgeschichte, nämlich nicht von Lord Byron selbst, sondern von seinem Leibarzt und Gespielen, John Polidori.
Atmo/Trenner
Donnergrollen
Erzählerin 14
Ist es etwa Zufall, dass der Vampir und das Frankenstein Monster, der Blueprint für den Zombie,
zur selben Zeit, ja sogar in derselben Nacht, entstehen? Zwei Untote: der eine, ein tödlicher, blutbesessener Verführer, der seinen Opfern nachts auflauert und sie aussaugt. Der andere, ein Wunder der Medizin, ein recycletes Organmonster. Für den Germanisten Hans Brittnacher ist eine
Verbindung zwischen diesen beiden Geschöpfen nicht unwahrscheinlich:
O-Ton 64 Hans Brittnacher
Die Tatsache, dass der Grundgedanke zu dieser modernen Phantastik in dieser einen Nacht gelegt
wurden, legt es natürlich auch Nahe, dass es da einen Zusammenhang geben muss, und was diese Texte ja gemein haben, das ist die Außerkraftsetzung des letzten großen Tabus der Moderne,
nämlich des Todes.
Musik 8
Bob Dylan – Death is not the end. (0:00 – 0:15 frei, dann als Bett bis nächste Atmo) Text: When
you’re sad and when you’re lonely / And you haven’t got a friend / Just remember that death is not
the end / ...
18
O-Ton 65 Rainer Köppl
So lange wir sterblich sind, ist der Vampir unsterblich. So lange wir nicht wissen was nach dem
Tod tatsächlich ist, denken wir uns eine Geschichte aus, was sein könnte. Der Vampir sagt uns:
ah, ich schlag dem Herrn Gott ein Schnippchen. Ich unterwerfe mich dem Tod nicht. Ich bin untot. Ich bin da dazwischen, ich bin ganz etwas Anderes. Und das ist natürlich sehr attraktiv.
O-Ton 66 Florian Kührer
Also bevor man da alt wird und vielleicht noch sich überlegen muss, ob man in den Himmel
kommt oder in die Hölle lässt man sich einfach vom Vampirfreund beißen und hat eigentlich all
diese Probleme erledigt. Hier geht es tatsächlich darum, um eine Art Metamorphose, um die
Wandlung vom Menschen zum Übermenschen und die kann eigentlich jeder mitmachen, wenn er
sich eben hoffentlich von einem netten Vampir beißen lässt. Tatsächlich geht es darum, den eigenen Körper und wohl auch den eigenen Geist upzugraden.
Atmo
Medizinische Apparate, als Bett unter Erzählerin 15.
Erzählerin 15
Der Biss des Vampirs besiegt Alter und Tod, Krankheit und Schmerz. Es ist die heutige Biotechnologie, die dem Vampirbiss Konkurrenz zu machen scheint. Sie ermöglicht ein längeres Leben und
verspricht vielleicht sogar die Überwindung des Todes, die Möglichkeit, den Alterungsprozess des
menschlichen Körpers mit avancierten technologischen Eingriffen zu stoppen. Der medizinische
Fortschritt hat aber nicht nur Erfolge vorzuweisen, sondern präsentiert auch erschreckende Resultate. Menschen, die nicht sterben können, die in Krankenhäusern zwischen Leben und Tod gefangen sind. Im Zwielicht medizinischer Apparaturen fristen sie ihr tragisches Dasein.
O-Ton 67 Hans Brittnacher
Es gibt eine neue Vorstellung des ewigen Lebens und in dem Maße, in dem die rasante Entwicklung der Biotechnologie uns ja auch seit einigen Jahren gewissermaßen verspricht, das wir bald
noch älter werden können und irgendwann vielleicht gar nicht mehr sterben müssen, wird diese
Form einer vampirischen, ewigen Existenz auch auf eine erstaunliche Weise ganz realistisch oder
rückt jedenfalls in eine gewisse denkbare Nähe.
19
O-Ton 68 Stefan Keppler Tasaki
Um 1800 gibt es in der Medizin die Idee der Makrobiotik, der Lebensverlängerung. Ein mit Goethe
eng befreundeter Arzt ist ein Hauptvertreter dieser Idee, dass man durch eine bestimmte Form
diätetischer Lebensweise sein Leben verlängere und insofern ist der Vampir im Grunde der Idealpatient dieser Makrobiotik.
Atmo / Trenner
Biss in einen Apfel
Sprecher 8
„Ich bin mir natürlich nicht sicher, aber vielleicht kann man es mit einer Ernährung auf Tofu- und
Sojamilchbasis vergleichen. Wir nennen uns Vegetarier - unser kleiner Insiderwitz.“
Sprecher Overvoice 6
Twilight Vampir Edward Cullen.
O-Ton 70 Kathleen Mrosk
Von Twilight gibt's dann auch Popcorn und Cappuccino und keine Ahnung was. Es gibt extrem
viel Schwachsinn.
Reporter 8
Schmeckt das anders?
O-Ton 71 Barbara Rubel
Genau das gleiche
Reporter 9
Schmeckt halt wie Popcorn, ist halt nur der Edward vorne drauf.
O-Ton 72 Kathleen Mrosk
Mit Edward ist gesalzen, lustiger Weise! Keine Ahnung warum.
Atmo
Platzendes Popcorngeräusch
20
O-Ton 73 Hans Brittnacher
Wenn man sieht wie sehr sich die ersten Vampire, ich denke jetzt an die von Polidori und Byron
kurz nach 1800, von denen, die mittlerweile in den Romanen von Stephanie Meyer erscheinen, wie
die sich unterscheiden. Da sieht man eben auch, wie sehr sich eigentlich die Darstellung des
Vampirs verändert hat.
Musik 9
Bram Stoker’s Dracula Soundtrack – The Ring of Fire (man hört gruselige Geräusche, Stimmen,
Stöhnen, Schreie usw. Geräusche dramaturgisch zwischen O-Töne und Zitator legen, fade out bei
O-Ton Mrosk)
O-Ton 74 Stefan Keppler Tasaki
Der Vampir ist der Mensch in Extremform. Er treibt bestimmte Eigenschaften des Menschen, die
der Mensch vielleicht selber ungern in seiner Kultur anerkennt ins Profil: das Triebhafte, das außerhalb der Natur stehende. Der Vampir kann extrem gewalttätig sein. Er hat Herrschaftsgelüste,
er will andere manipulieren. Er will beständig die Welt erobern. Darin ist er eine Figur der anthropologischen Reflektion, des Nachdenkens des Menschen über sich selbst von seiner Schattenseite
her.
O-Ton 75 Hans Brittnacher
„Wir können an der Lust des Täters das Opfer zu hypnotisieren, sich seiner zu bemächtigen, es
willenlos und gefügig zu machen, Teil haben. Wir können aber auch mit der Unterwerfungslust
des Opfers sympathisieren, wir können uns danach sehnen unsere Verantwortung ledig zu sein, in
Besitz genommen, gebraucht zu werden.
Sprecher 9
„Er war völlig von Kräften, aber gleichzeitig erregt und ungeheuer verliebt. Solange du es nicht
erlebt hast, sagte er, kannst du dir nicht vorstellen, wie es ist. Zu fühlen, wie dir in der Dunkelheit
das Blut von jemanden ausgesogen wird, den du anbetest.“
Sprecher Overvoice 7
Lawrence Durrell – Pursewardens Erzählung.
O-Ton 76 Hans Brittnacher
Ich glaube, dass bestimmte Aspekte, die mit dem Vampirismus zusammenhängen, z.B., dass der
Vampir seine Opfer hypnotisiert, dass es dann wie in Trance zum Fenster schleicht und das Fenster öffnet, damit der dunkle Bräutigam eintreten kann.
21
O-Ton 77 Kathleen Mrosk
Er besucht sie auch nachts, wenn sie schläft. Letztendlich ist es schon stalkig. Ich weiß auch, dass
bei uns im Forum viel darüber diskutiert wurde. Ich glaube, dass, es gibt einige, die ihn als Stalker
sehen, weil letztendlich, also ich würde es jetzt nicht schön finden, auch wenn das ein Mann ist,
den ich toll finde, der nachts in meinem Zimmer steht und mich beim Schlafen beobachtet. Das
finde ich eher gruselig.
Atmo / Trenner
Vampirlachen
O-Ton 78 Stefan Keppler Tasaki
Zu den Konstanten der Vampirfigur in ihrem Wandel gehört die sexuelle Aufladung.
O-Ton 79 Hans Meurer
Die Art und Weise der Darstellung der Sexualität, auch der sozusagen der machtvollen Sexualität
ist natürlich der Biss.
Reporter 10
Findest du, das ist eine erotische Vorstellung beim Sex gebissen zu werden?
O-Ton 80 Barbara Rubel
Es gibt genug Menschen, die das machen. Die sprechen nur nicht drüber.
O-Ton 81 Laurence A. Rickels
I anyway always resisted decoding the blood sucking as though it stood for some kind of more
normative sexual act. The point seems to be that genital sexuality is circumvented for most of the
history of vampirism.
Overvoice 5
Ich habe es immer vermieden, das Blutsaugen als normativen sexuellen Akt zu dekodieren. Auffällig ist doch, dass die genitale Sexualität in der Geschichte des Vampirismus umgangen wird.
O-Ton 82 Hans Brittnacher
Das ist ja nicht nur ein Angriff auf das Primat der genitalen Sexualität, sondern es ist auch ein Angriff auf Konzepte wie Mutterschaft, wie Zeugung, wie patrilineare Codierung usw. Nicht die vertikale Fortpflanzung, sondern die horizontale oder laterale.
22
O-Ton 83 Kathleen Mrosk
Es gibt ja echte Vampire unter uns. Es gibt ja irgendwo Leute, die wirklich da mit einer Kanüle den
anderen stechen und das Blut trinken, was ich persönlich nicht toll finde.
O-Ton 84 Barbara Rubel
Man muss ja nicht unbedingt Blut trinken es reicht ja eigentlich auch, wenn man sich gegenseitig
beißt. Da ist ja dann auch ein Gefühl, teilweise ein Schmerz, aber es muss ja nichts verletzt werden. Es reicht ja schon, wenn man sich gegenseitig spüren kann.
O-Ton 85 Laurence A. Rickels
I prefer to stick to the details and imagine what it is that could be so pleasurable about the biting
and the sucking and the blood. And that means to be open to imagining all kinds of sexual pleasures that are literally perverted or displaced from reproductive aims. Now that the vampire is so
integrated as to be having genitaly centered sex the biting has been reduced to foreplay which is
hard to imagine how could the force of replication for the vampire in the past suddenly be that
kind of an ornament, an afterthought.
Overvoice 6
Ich fokussiere mich lieber auf die Details und versuche mir vorzustellen, was das Beißen und
Blutsaugen so erregend macht. Das bedeutet, dass man sich ganz viele unterschiedliche sexuelle
Befriedigungen denken muss. Manche von ihnen sind buchstäblich pervers und stehen abseits
der gängigen Vorstellung von Reproduktion. Jetzt, da der Vampir so integriert ist und genitalen
Sex praktiziert, ist das Beißen zu einer Art von Vorspiel geworden. Es ist schwer vorstellbar wie die
Macht der vampirischen Replikation plötzlich zu einem Ornament, einer Erinnerung werden konnte.
O-Ton 86 Hans Brittnacher
Deshalb ist es auch kein Zufall, das der Vampir gepfählt wird. Das ist gewissermaßen die Bekehrung des Vampirs zum Prinzip der genitalen Sexualität. Also er, der, wenn man so will, die slawische Perversion des Vampirismus verbreitet, wird im Akt der Pfählung wieder zur kreuzbraven
genitalen Sexualität bekehrt, die in unserem Kulturkreis die dominierende ist.
Musik 10
Bram Stoker’s Dracula Soundtrack – Love Eternal (0:10 frei, fade unter Erzählerin 16. Dann langsamer fade out. )
23
Sprecherin 14
„Da blitzte Jonathans großer Dolch auf, den seine starke Hand ohne das geringste Zittern führte.
Ich stieß unwillkürlich einen lauten Schrei aus, als die scharfe Klinge Draculas Kehle durchschnitt,
während Mr. Morris sein Bowiemesser im gleichen Augenblick bis zum Heft in das Herz des Ungeheuers bohrte.
Erzählerin 16
Auf diese tragische Weise stirbt wohl der bekannteste Vampir überhaupt – Graf Dracula. Bram
Stokers im Jahre 1897 publizierte Geschichte über den transsilvanischen Blutsauger, der als tödliche Gefahr aus dem Osten in den Westen eindringt und in London, dem damaligen Nabel der
Welt, ein Haus erwirbt, zählt zu den populärsten Vampirerzählungen. Bis heute hat sie ihre Faszination nicht verloren, war noch niemals vergriffen, wird immer wieder neu gelesen und interpretiert. Eine der spannendsten Interpretationen stammt von Friedrich Kittler. Für ihn ist Dracula
nicht nur ein Vampirroman, sondern auch eine Auseinandersetzung mit Aufschreibesystemen und
Diskurstechniken.
Atmo
Schreibmaschine
O-Ton 87 Hans Brittnacher
Da wird phonographiert, da wird stenographiert, da wird mit der Schreibmaschine geschrieben, da
wird telegraphiert und alle diese Mittel der modernen Technik werden in den Dienst genommen,
um den Vampir zur Strecke zu bringen.
O-Ton 88 Stefan Keppler Tasaki
Das zeigt sich aber auch noch in jüngster Zeit, wenn etwa Bella Swan in Twilight den Vampir recherchiert, auf eine Weise, zu der es einen Medienverbund braucht.
Sprecherin 15
„Ich seufzte und ging zum Computer. Wie nicht anders zu erwarten, war der Bildschirm mit Werbe-Pop-ups übersät. Irgendwann war ich zu meiner Lieblingssuchmaschine vorgedrungen. Ich
schloss ein paar weitere Werbefenster und gab ein einziges Wort ein. Vampir.“
Erzählerin 17
Die Verknüpfung von Vampirismus und technischen Medien ist ein interessantes Phänomen. Es
stellt die Frage, ob das Untote nicht ein fester Bestandteil des Lebens ist? Diese Vermutung lässt
sich folgendermaßen erklären: Während die Sprache immer als lebendig angesehen wurde, da sie
24
in Echtzeit wahrnehmbar ist, ging die Schrift eine Liaison mit dem Tod ein. Nur durch den Prozess des Lesens lassen sich niedergeschriebene Inhalte wieder reanimieren. Das sieht auch Medienwissenschaftler Rainer Maria Köppl so:
Atmo / Trenner
Buch wird aufgeschlagen, Seiten werden schnell umgeblättert.
O-Ton 89 Rainer Köppl
Alle Zeichen sind tot, bis wir sie zum Leben erwecken durch die Lektüre und damit sind sie eigentlich untot.
Erzählerin 18
Sind vor diesem Hintergrund unsere analogen und digitalen Aufzeichnungssysteme, Bücher, Bibliotheken, Facebook und Twitter – Medien, mit denen wir jeden Tag konfrontiert werden – vampirische Medien, natürliche Wohnstätten des Untoten?
O-Ton 90 Hans Brittnacher
Man müsste den Gedanken dahingehend noch erweitern, ist inwieweit diese Schrift ein Akt parasitärer Bemächtigung an uns vollzieht. Verbraucht sie uns auch, indem wir leben, indem wir an anderen Leben teilhaben über die Lektüre, geben wir da sozusagen auch unser Blut hin?
O-Ton 91 Laurence A. Rickels
We are always dealing with the undead as the personalization of the gap and the possibility of
death in the span of the transmission. That’s as old as letter writing of course.
Overvoice 7
Wir werden immer mit dem Untoten konfrontiert. Das ist so alt wie Briefeschreiben. Schließlich ist
es möglich, dass wir Post von jemandem erhalten, der im Laufe der Sendung verstorben ist.
O-Ton 92 Hans Brittnacher
Auch dass Anne Rice ihren Roman „Interview with a Vampire“ nennt... ...Also diese Interviewsituation, der Vampir, der ja bekanntlich kein Spiegelbild wirft, aber offensichtlich Spuren auf dem
Tonband hinterlässt. Auch das zeigt, dass der Vampir immer auch genommen wird, um die technische Disposition einer Gesellschaft in Frage zu stellen oder zu reflektieren jedenfalls.
25
O-Ton 93 Rainer Köppl
Wir wissen, dass der Vampir Energie aussaugt, nachtaktiv ist, eine Art zweites Leben führt und
dann denke ich an Facebook, dass am Stromnetzt hängt, die Kinder, die vor diesem Bildschirm
sitzen und sich hier in ein zweites Leben oder Second Life hineinbegeben und das alles in der
Nacht und die dort viel stärker sind als im wirklichen Leben, die dort ihre Avatare durch den Cyberspace schicken, dann haben die Medien zweifellos etwas Vampirisches, vor allem in der Wahrnehmung der Aufklärung von außen. Die sagt: was ist los mit unseren Kindern? Die sitzen in den
düsteren Zimmern, nur der Bildschirm flackert, diese Spiegel zu einer Welt und dahinter spielt
sich Sex und Gewalt, nämlich genau das, was der Dracula verspricht und gleichzeitig bedroht.
O-Ton 94 Hans Meurer
In der heutigen Zeit gibt es schon viele Menschen, die sich ein zweites Leben in der Virtualität
schaffen. Dieses zweite Leben ist oftmals wichtiger als das erste. Und dieses zweite Leben kann
auch fortgesetzt werden, wenn man real tot ist. Das heißt, man muss nicht in der zweiten Welt
aus dem Leben scheiden.
Atmo
Kurzschluss, Computer aus!
O-Ton 96 Stefan Keppler Tasaki
Der Vampir war von seinen literarischen Anfängen jedenfalls um 1800 herum immer eine Figur
auch der Medienkritik, in der sich Bedenken hinsichtlich der Verwendung von Medien spiegelten.
Mit der Erfindung des Kinos geht eine starke Anti-Kinobewegung einher, eine Kritik an dem
Schund, der dort produziert wird, eine Kritik der Wirkung, der Warnung davor. Und wenn man
jetzt die jüngere Mediengesellschaft in Verbindung setzt mit dem Vampir als deren Spiegel der
Internet Community, als dem neuen Reich der Schatten; das ist nur eine Verlängerung des Arguments aus der Filmkritik als Medienkritik heraus.
Reporter 11
Lass uns doch mal weiter in deiner Sammlung schauen. Was gibt es da noch? Du kramst gerade
in einem großen Bücherstapel rum und du hast sie ja versteckt, hinter ganz viele Büchern...hat
das ein Grund, dass du die ganzen Twilight Romane...
O-Ton 97 Barbara Rubel
Ne, ich hatte keinen Platz
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Reporter 12
Du hattest also keinen Platz, ok.
O-Ton 98 Barbara Rubel
Also eigentlich ist das so mein heiliges Regal... eigentlich tue ich das gar nicht so viel drauf. Aber
wenn man halt mal in einem Aufräumwahn ist. Die DVDs, ganz wichtig.
Atmo
Projektorengeräusch als Bett unter Erzählerin 19.
Erzählerin 19
Nachdem die Literatur im 19. Jahrhundert dem Vampir einen Zufluchtsort gibt, erobert der Blutsauger im ausgehenden 20. Jahrhundert die dämonische Leinwand, den Film. Auch dieses Medium hat untote Qualitäten. Denn die aufgezeichneten Bilder des Films werden aufgenommen, geschnitten, zerstückelt und wieder neu zusammengesetzt. Auf der Leinwand erwachen sie dann
wieder zum Leben. Der Film wird damit zum natürlichen Zuhause des Vampirs.
O-Ton 99 Stefan Keppler Tasaki
Der Vampir ist der Herr im Königreich der Schatten. Als Königreich der Schatten hat Maxim Gorki
das Kino bezeichnet und damit schon auf das Gespenstische des Kinos, seiner lebendigen Schatten, hingewiesen, und in diesem Reich wird der Vampir einen festen Platz finden.
Erzählerin 20
Besonders auffällig sind drei Schauspieler, die unheilige Trias der Vampirdarsteller, die das Bild
des blutsaugenden Wiedergängers maßgeblich geprägt haben.
Musik 11
Nosferatu Soundtrack – Overture Omens of Nosferatu (bleibt als Bett bis zur nächsten Musik)
Sprecherin 15
Max Schreck in Murnaus Nosferatu
O-Ton 100 Hans Meurer
Der Unterschied ist, dass der Murnau Film in einer Zeit gedreht wurde, in dem das ganze Kriegselend und all diese Sachen noch sehr aktuell waren, da war jemand, der die Plage der Ratten
bringt und der das Böse bringt und der auch nicht sehr gut aussah, da war das noch das bestimmende Moment.
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O-Ton 101 Florian Kührer
Da sieht man auch, dass es tatsächlich über die Trivialität des Leinwandvampirs hinaus tatsächlich möglich ist am Vampir Gesellschaft zu messen. Das sieht man bei Murnau sehr schön am
Äußeren dieses, übrigens sehr gut gespielten Vampirs, der wie ein Insekt daherkommt, der mit
seinem spitzen Ohren, mit den langen Fingernägeln, mit den tiefen Augenringen ja tatsächlich ins
Gesicht geschrieben hat, wie er als Untoten herumwandeln muss, als Unglücklicher. Er ist eine
leidende Figur.
Musik 12
Tschaikowsky – Schwanensee Intro (0:10 frei, als Bett bis zur Musik)
Sprecherin 16
Bela Lugosi in Tod Brownings Dracula
O-Ton 102 Rainer Köppl
Der zweite große Höhepunkt kommt mit der Erfindung des Tonfilms, denn plötzlich kriegt das
Böse eine Stimme. Der Bela Lugosi mit diesem starken ungarischen Akzent sagt dann: I am Dracula.
O-Ton 103 Florian Kührer
Bela Lugosi verkörpert einen völlig anderen Dracula. Er bringt eigentlich ein theatralisches Verhalten mit. Also das was wir heute eigentlich als recht verkrampft, als spastisch bezeichnen würde,
war damals einfach notwendig. Er kam von der Bühne und er hat sich dieses Verhalten, diese Art
zu spielen, zu Blicken und zu sprechen, auch für den Film beibehalten und dementsprechend
auch die späteren Draculas geprägt.
Musik 13
Hammer: The Studio that dripped Blood – Dracula Main Theme (0:10 frei, dann als Bett bis unter
O-Ton Kührer)
Sprecherin 17
Christopher Lee in den Hammer-Filmen
O-Ton 104 Rainer Köppl
Das dritte in der technischen Entwicklung ist entscheidend, ist der Farbfilm, plötzlich kann man
Blut zeigen.
28
O-Ton 105 Stefan Keppler Tasaki
Die Intensität der Farben, Farben wie man sie im Grunde in der Wirklichkeit nicht sieht. Insbesondere das Rot und die Röte des Rots im Technicolor...
O-Ton 106 Rainer Köppl
...und im Farbfilm haben wir dann endlich diese klassische Konfrontation: von die weiße Haut, das
Dekolleté der Frau und die Farbe der Unschuld und dann gleichzeitig das rote Blut - Verdammnis,
Gefahr, Gewalt.
O-Ton 107 Hans Meurer
Bei Lee ist es einfach der mächtige, beherrschende, erotische Überflieger.
O-Ton 108 Florian Kührer
Es ging hier um völlig andere Dinge. Eines darf man aber nicht vergessen. In den frühen 60ern
hatte aber eigentlich schon durchaus etwas von der sexuellen Revolution vorweggenommen, die
da erst im Anrollen war. Auch hier sieht man wieder, dass eigentlich der Vampir sehr stark mit
Populärkultur, ja man kann sagen mit Trash verbunden ist. Kritiken hat er nie gute bekommen,
aber die Zuseher waren begeistert.
Musik 14
True Blood Soundtrack: Jace Everett – Bad Things (0:15 frei, dann als Bett unter Erzählerin 21)
Erzählerin 21
Und das sind sie bis heute. In alten Erzählungen und Filmen trat der Vampir noch als Außenseiter
in Erscheinung. Ein grimmiges Monstrum, das alleine in seinem Schloss hauste. Nur zum Jagen
verließ er seine modrigen vier Wände, um sich vor Morgengrauen wieder gesättigt in seinen Sarg
zu legen. Sein Platz in der Gesellschaft war der eines Aussätzigen. Mittlerweile scheint der Vampir
darum bemüht zu sein, dieses Image abzulegen. Er ist zu einem Teil unserer Gesellschaft geworden. Das ist vorwiegend das Verdienst der amerikanischen Schriftstellerin Anne Rice, die mit ihrem Buch „Gespräch mit einem Vampir“ ein Paradigmenwechsel in der Wahrnehmung des Blutsaugers einleitete.
29
O-Ton 109 Laurence A. Rickels
One shouldn’t leave out Anne Rice’s contribution to all of that. She tends to be forgotten and overlooked at the moment but it was really her contribution to make it possible to identify with the
vampire and with the vampiric desire in ways that already changed the figure of the vampire as
bloodsucker only who has to consume the world and us with it.
Overvoice 8
Man sollte Anne Rices Beitrag zu all dem nicht vergessen. Sie hat es möglich gemacht, sich mit
dem Vampir und der vampirischen Begierde auf eine Art zu identifizieren, die ihn nicht mehr als
Blutsauger darstellt, der uns mitsamt der ganzen Welt verschlingen möchte.
O-Ton 110 Florian Kührer
Während vorher der Vampir als Bedrohung dargestellt wird, vielleicht als spannende, interessante
Bedrohung - er bleibt diese Bedrohung. Darf er dann, so heißen ja auch die Bücher, Interviews
geben. Er darf sich rechtfertigen. Er darf erklären, warum er existiert, warum er handelt wie er handelt. Es geht einher mit der Idee, die nach Christentum und den beiden Totalitarismen des 20.
Jahrhunderts über bleiben, nämlich die Idee der Gleichberechtigung, der Nichtdiskriminierung.
Sprecherin 18
„Als der Vampir das Lokal betrat, hatte ich schon jahrelang auf ihn gewartet. Seit Vampire vor vier
Jahren ganz offiziell hatten aus ihren Särgen kriechen dürfen, hatte ich immer gehofft, einer von
ihnen würde auch nach Bon Temps kommen. Alle anderen Minderheiten waren schließlich in unserer Stadt vertreten, warum sollte dann diese eine, die neueste, fehlen, die der rechtlich anerkannten Untoten?“
Erzählerin 22
Fragt sich Sookie Stakhouse aus Charlaine Harris erfolgreichen Vampirnovellen, die unter dem
Titel True Blood als Fernsehserie verfilmt worden sind.
O-Ton 111 Rainer Köppl
Was ich an True Blood schöne finde, dass man da wiederum soziale, revolutionäre, die Gesellschaft betreffende Themen, im Mantel des Vampirs besprechen kann. Homosexualität, Gewalt,
fremde Kultur. Der Vampir ermöglicht das zu diskutieren.
30
Erzählerin 23
Vampire sind in True Blood eine Minderheit, die um ihre Integration kämpft. Sie wollen ein Teil
der Gesellschaft sein, menschliches Blut ist tabu. Abhilfe verschafft ein japanisches Kunstblutimitat, das die domestizierten Untoten trinken.
Integration ist ein Begriff, der unseren Alltag weitestgehend bestimmt. Man denke zum Beispiel
an die Sarrazin Debatte oder an die Rede von Bundespräsident Christian Wulff zum 20. Jahrestag
der Deutschen Einheit. Der Politiker provozierte mit seiner Äußerung, der Islam gehöre zu
Deutschland, eine kontroverse Debatte. Das Internet konfrontiert uns jeden Tag mit einer Vielfalt
von Meinungen und Ideen. Alles wird miteinander vermischt, integriert und existiert zur selben
Zeit.
O-Ton 112 Rainer Köppl
Es gibt eigentlich kein richtig und falsch mehr. Es gibt so eine Gleichzeitigkeit der Phänomene und
keine Linie. Deswegen wird alles gleichberechtigt.
Erzählerin 24
Die Idee der Gleichberechtigung und der Integration ist für Theoretiker Laurence Rickels von großer Bedeutung, um die heutige Renaissance des Vampirs zu verstehen.
O-Ton 113 Laurence Rickels
Whatever vampirism may be, whatever our identification with vampirism may be and it’s certainly
there, it now has to find a place in society. I would argue that today integration is a term like democracy 100 years ago that we need to think about philosophically and critically we need not so
much to worry about integration but consider the extent to which it wheels a sort of literalizing
power and it seems to me that increasingly everything comes back, this could also be digital. But
everything has a right to come back. The Christian right, the gay left, all these things are now back
but they’re back because they also have to fit in now. Nothing can wrap the other out, everything
has to be available in a strange kind of synthesis.
Overvoice 9
Was auch immer Vampirismus sein mag, wie auch immer unsere Identifikation mit ihm aussehen
mag, eins steht fest – sie braucht einen Platz in unserer Gesellschaft. Integration ist heutzutage
ein Begriff wie es Demokratie vor 100 Jahren war, ein Begriff, der philosophisch und kritisch reflektiert werden muss. Wir müssen uns keine Sorgen darüber machen, allerdings seine buchstäbliche
Kraft verstehen. Es kommt mir vor, als ob alles zurückkommt, auch auf digitaler Ebene. Alles hat
ein Recht dazu, wiederzukommen. Die christliche Rechte, die schwule Linke – all diese Dinge sind
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wieder zurück. Sie sind zurück weil sie jetzt reinpassen müssen. Nichts schließt sich aus, alles
muss in einer seltsamen Synthese verfügbar sein.
O-Ton 115 Laurence A. Rickels
And if I were to characterize the return of vampirism right now it would be not so much that it is
conservative but it represents this kind of excess that needs to be integrated which brings about a
kind of normativization of that excess.
Overvoice 10
Und wenn ich die heutige Rückkehr des Vampirismus charakterisieren müsste, geht es weniger
darum, dass er konservativ ist, sondern, dass er eine Art von Exzess darstellt, der integriert werden muss und von daher auch einer Regelung bedarf.
Erzählerin 25
Dass der Vampir heutzutage nicht mehr beißt und seine Blutbesessenheit weitestgehend unter
Kontrolle hat, ist ein Ausdruck dieser Regelung – wie könnte er auch sonst ein Teil unserer Gesellschaft sein, wenn er sich nicht nach unseren Gesetzen richten würde?
Reporter 13
Könntet ihr euch vorstellen, dass ein Vampir euer Nachbar ist?
O-Ton 116 Barbara Rubel
Kommt drauf an was das für ein Vampir ist. Sind das Vampire die einfach nachts reißen gehen,
kann ich mir nicht vorstellen. Ich denke, dann werden diese Vampire aus der Gesellschaft entfernt
und zwar ganz schnell. Wenn das allerdings diese Twilight Vampire sind, die Cullens, die mit
Menschen zusammenleben können, dann denke ich schon, dass die eventuell ein wichtiger Teil
der Gesellschaft werden könnten. Allerdings reißerische Vampire, die Menschen halt zur Gefahr
werden – auf keinen Fall!
Musik 15
Annie Lennox – Love Song for a Vampire (als Bett unter Absage, fade out)
Sprecher 10: Absage
Vom Glück, gebissen zu werden – Warum der Vampir nicht totzukriegen ist.
Ein Feature von Raphael Smarzoch, mit Christoph Augustynowicz, Hans Brittnacher, Rainer Maria
Köppl, Florian Kührer, Hans Meurer, Laurence Arthur Rickels, Stephan-Keppler Tasaki und dem
Fanclub Twilight-Fans.de.
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Es sprachen: Edda Fischer, Demet Fey, Oliver Krietsch-Matzura und Robert Steudtner
Ton und Technik: Gunter Rose & Angelika Brochhaus
Regie: Robert Steudtner
Redaktion: Klaus Pilger
Produktion: Deutschlandfunk 2011.
ENDE
33
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Seele and Geist
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