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Hauptstadtrede
Freiheit, Freundschaft und Fahrrad –
wie Niederländer Berlin erfahren
von Marnix Krop
Berlin, den 31. Oktober 2012
Verehrte Anwesende,
sehr geehrter Herr Hassemer, willkommen im Prinz-Claus-Saal!
Seit einigen Monaten steht auf der Seitenfassade der niederländischen Botschaft folgender
Text:
Berlin
Der Morgen ist ein besudeltes Kleid
Eine Seite mit einem Eselsohr
Ein Klecks
Die Stadt
Eine halb abgeschminkte Frau
Doch zuckend bäumt sie sich in den Himmel
Wie ein blaues Pferd von Marc im Luftgeschirr
Berlin
Die Sonne gelb.
Das Gedicht ist von Hendrik Marsman, einem Titan der niederländischen Literatur. Er schrieb
es im Jahr 1922, nach zwei Besuchen in Berlin.
Er vergleicht die Stadt mit einer Frau, deren Schminke, vermutlich nach einer langen Nacht,
verlaufen ist. Von Erschöpfung oder gar Resignation kann bei ihr allerdings keine Rede sein,
denn wie die blauen Pferde auf den Gemälden von Franz Marc sprüht sie vor Lebensfreude.
So steht Berlin bei Marsman einerseits für einen gewissen äußerlichen, ja vielleicht auch
moralischen Verfall, andererseits aber verspürt er in der Stadt vor allem eine ungezähmte
Energie. Berlin, jene ungeschliffene, vitale Metropole der Zwischenkriegszeit.
Ist dies auch das Berlin des Jahres 2012, neunzig Jahre später? Warum schenkt – wenn man
so will – die niederländische Botschaft Marsmans Gedicht dem jetzt 775 Jahre alten Berlin?
Entspricht seine poetische Äußerung dem Bild, das Niederländer heute von der deutschen
Hauptstadt haben? Was finden Niederländer überhaupt an Berlin?
Viele Fragen, auf die es viele Antworten gibt. Ich hoffe, dass ich einige davon heute geben
kann.
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Mein Berlin
Lassen Sie mich mit meinem Berlin beginnen. Neben Paris und New York (und abgesehen
von Amsterdam) ist Berlin meine Lieblingsstadt. Nicht weil es so schön wäre, denn das ist es
– finde ich – nicht wirklich. Sondern weil es mich fasziniert. Das war schon früher so und hat
auch mit meiner Erziehung zu tun. Ein geschichtsbewusster Vater hörte nicht auf, mir, seinem
Sohn, die Bedeutung Berlins einzuschärfen. Berlin, Dreh- und Angelpunkt der europäischen
Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.
Stadt, die kurz an der Freiheit geschnuppert hatte, um sie dann mit brutaler Kraft zu
zermalmen. Stadt, die dafür mit Isolierung und teils auch mit Unfreiheit büßen musste und
damit zum Sinnbild eines geteilten Kontinents wurde. Stadt, in der ich 1977 in der Neuen
Nationalgalerie in Westberlin die Ausstellung »Tendenzen der Zwanziger Jahre« besuchte,
am Abend desselben Tages im Ostteil der Stadt im Berliner Ensemble eine sehr gelungene
Brecht-Aufführung sah, um dann nachts, zurück im Westteil, in einem Zelt auf dem Gelände
des Bethanien in Kreuzberg in meinen Schlafsack zu schlüpfen. Stadt, in der 1984 unsere
Hochzeitsreise begann und die fünf Jahre später, nach einer wundersamen Revolution, in
Frieden und Freiheit ihre Einheit wiedergewann. Botschafter in Berlin – das ist sicher die
Krönung einer interessanten Laufbahn, vor allem aber auch einer lebenslangen Faszination für
diese Stadt und dieses Land. Die Hauptstadtrede zu halten ist für mich mehr als ein Akt
diplomatischer Höflichkeit.
Marsmans Gedicht stammt aus einer Zeit, in der Berlin zur Weltstadt erblühte. Ein verlorener
Weltkrieg, ein untergegangenes Kaiserreich, eine unterdrückte Revolution, eine ungeliebte
Republik und eine gebrochene Identität – in dieser Gemengelage entfaltete Berlin eine
kulturelle, wissenschaftliche und wirtschaftliche Dynamik, die es weltweit zum Vorreiter
machte. Hier schien alles gleichzeitig zu geschehen und fast immer etwas früher als anderswo,
um dann rasch wieder zu verschwinden und Neuem Platz zu machen. Die Großstadt Berlin
wurde zur Symphonie (1927, Walter Ruttmann) und zum Roman (1928, Alfred Döblin
»Berlin Alexanderplatz«).
Es ist etwas Besonderes, dass für die neue niederländische Botschaft kein Standort in
Tiergarten ausgewählt wurde, wo unsere Vertretung bis zum Krieg angesiedelt war, sondern
fast genau dort, wo sich vor dem Krieg das pulsierende Herz der Stadt befand. Lob gebührt
meinem Vorgänger Peter van Walsum, der hier an der Spree dieses Grundstück ausgesucht
hat, mit einer geradezu holländischen Aussicht. Und Respekt dem Architekten Rem Koolhaas,
der mit einer Sichtachse den Fernsehturm am Alexanderplatz buchstäblich zu einem Teil
dieses Gebäudes gemacht hat.
Nach der Wende, die in der niederländischen Bevölkerung große Begeisterung auslöste,
wollte das Königreich der Niederlande nach Berlin zurückkehren. In erster Linie natürlich,
weil die Bundesregierung nach Berlin umzog – und mit ihr Bundestag und Bundesrat. Berlin
hat eine segensreiche Rolle für die guten Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern
gespielt. Hier haben die Ministerpräsidenten Wim Kok, Jan Peter Balkenende und Mark Rutte
enge Kontakte mit Bundeskanzler Schröder und Kanzlerin Merkel aufgebaut und unterhalten.
Und die Verbindungen werden in Zukunft eher noch intensiver werden. Die Rettung des
Euros, die Vertiefung der europäischen Integration und die weitere Verflechtung unserer
beiden Volkswirtschaften machen dies notwendig.
Aber das Interesse reicht weiter und ist auch persönlicher. 1991 besuchte Königin Beatrix
gemeinsam mit ihrem Mann Prinz Claus als erstes ausländisches Staatsoberhaupt das
wiedervereinte Berlin. Sie übernachteten im ehemaligen Gästehaus der DDR: Schloss
Schönhausen. Der Entwicklung der wiedervereinigten deutschen Hauptstadt galt stets das
besondere Interesse von Königin Beatrix. Nicht umsonst war das »neue« Deutschland ein
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besonderer thematischer Schwerpunkt ihres Staatsbesuchs in Deutschland im vergangenen
Jahr; und der Berliner Teil des Programms begann erst so richtig, als sie zusammen mit dem
Regierenden Bürgermeister Wowereit hoch oben in der Kugel des Fernsehturms stand.
Niederländer fühlen sich in Berlin heimisch
Was finden nun aber »normalsterbliche« Holländer an Berlin? Warum kommen so viele
niederländische Touristen und Investoren hierher? Warum wohnen hier Tausende von
Niederländern: Künstler, Unternehmer, Studenten? Natürlich hat jeder seine ganz
persönlichen Motive. Dennoch glaube ich, dass ihnen allen eines gemeinsam ist: sie
verbinden mit Berlin – und mir geht es genauso – ein Gefühl der Freiheit, eine Perspektive auf
neue Möglichkeiten, ein Versprechen für die Zukunft. Einerseits erinnert Berlin die
Niederländer, ohnehin ein reiselustiges Volk, stark an eine bekannte holländische Stadt mit
einem ähnlich großen Freiheitsdrang.
Hier kann man so sein, wie man ist. Hier vermischen sich ganz verschiedene ethnische und
gesellschaftliche Gruppierungen relativ leicht. Hier ist die soziale Kontrolle nicht erdrückend.
Andererseits bietet Berlin, viel mehr als das flächenmäßig kompakte Amsterdam,
buchstäblich Raum: Raum zum Leben, Raum zum Experimentieren, Raum, etwas auf die
Beine zu stellen, kurzum: Freiheit. Und, nicht unwichtig: In Berlin ist das Leben relativ
erschwinglich, die Stadt bietet also auch finanzielle Freiheit. Zu guter Letzt bietet Berlin
neben Freiheit in der Gegenwart und Perspektiven für die Zukunft auch Gelegenheit,
Geschichte bewusst zu erleben und zu begreifen. Letzteres sogar ganz wörtlich, denn hier ist
Geschichte geradezu mit Händen zu greifen: die Nazizeit, die Judenverfolgung, der Ost-WestKonflikt, die DDR. Berlin geht mit diesen oft belasteten Kapiteln der Geschichte respektvoll,
ja fast befreiend um. Das alles sind Gründe, warum Niederländer gern nach Berlin kommen,
sich hier schnell zu Hause fühlen und zum Teil sogar niederlassen. Dazu später mehr. Doch
zuerst noch ein paar Anmerkungen zu den niederländischen Wurzeln Berlins, denn auch
denen begegnet man hier auf Schritt und Tritt, und auch sie wecken bei Niederländern
heimische Gefühle.
Gelegentlich heißt es halb scherzhaft, ohne Niederländer wäre Berlin heute noch ein Sumpf.
Das stimmt natürlich nicht, aber ganz falsch ist es auch nicht. Nicht zuletzt aufgrund der
dynastischen Beziehungen zwischen den Hohenzollern und dem Haus Oranien-Nassau stand
vor allem im siebzehnten Jahrhundert das Wirtschafts-, Kultur- und Geistesleben in Berlin
unter niederländischem Einfluss. Damals war die Republik der Sieben Vereinigten Provinzen
ein Hort der Freiheit und des Fortschritts. Trockenlegungen und Kanalisierungen spielten
dabei eine große Rolle, auch in dieser Stadt, wovon die Schleusen in der Spree hinter mir
Zeugnis ablegen. Aber der Einfluss reichte viel weiter: im Schiffbau (Schiffbauerdamm), der
Viehzucht (»Holländereien«), zur Formulierung einer humanistischen Staatsphilosophie
(Justus Lipsius) und zur Reform des Kriegswesens unter Prinz Moritz.
Die brandenburgischen Kurfürsten und preußischen Könige verstanden es, besonders
niederländische Architekten (wie Bouman, van Langervelt und den in Holland ausgebildeten
Rheinländer Nehring) an sich zu binden, was eine Spur von holländischem Barock und
Klassizismus durch Berlin und das Umland gezogen hat.
Denken Sie an Schloss Charlottenburg, Schloss Bellevue, Schloss Schönhausen, Schloss
Köpenick, die Humboldt-Universität, die Alte Bibliothek, das ehemalige Zeughaus, das
Magnus-Haus am Kupfergraben, die St. Hedwigs-Kathedrale usw. In Potsdam wären unter
anderem noch Schloss Stern, das Marmorpalais im Neuen Garten und natürlich das
Holländische Viertel zu nennen. Und Unter den Linden ließ Kurfürst Friedrich Wilhelm nach
dem Vorbild der Lange Voorhout in Den Haag anlegen. Mitte des achtzehnten Jahrhunderts
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versiegte der niederländische Einfluss, um erst in den zwanziger und dreißiger Jahren des
zwanzigsten Jahrhunderts zurückzukehren, in Form enger Kontakte zwischen Walter Gropius’
Bauhausbewegung und der niederländischen Künstlergruppe »De Stijl« um Theo van
Doesburg.
Man könnte sagen, dass die hiesige niederländische Botschaft von Koolhaas erneut eine
kulturelle Brücke zwischen den Niederlanden und Berlin geschlagen hat. Und wie der Zufall
so will, schlägt sie mit der Ausgrabung archäologischer Funde aus der Steinzeit in der
unmittelbar angrenzenden Baugrube unverhofft auch noch eine Brücke zwischen dem ältesten
und dem neuesten Berlin.
Das Freiheitsgeschenk erwidern
Bis vor nicht allzu langer Zeit spielte die Kriegsvergangenheit eine wichtige Rolle in der
Wahrnehmung Berlins durch niederländische Besucher. Werke eines Schriftstellers wie Harry
Mulisch und eines Dichters und Malers wie Armando zeugen davon.
Bei einigen Niederländern hinterließ die jüngste Geschichte einen so tiefen Eindruck, dass sie
meinten, in der Umwälzung in der DDR das »gute« Deutschland zu erkennen.
Ein niederländischer Künstler, der in seiner Person und in seinen Werken eine Brücke
zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schlägt, ist Cees Nooteboom. Schon seit
den sechziger Jahren vertraut mit der besonderen innerdeutschen Wirklichkeit in Ost- und
Westberlin, schreibt er 1990 seine inzwischen zum Klassiker gewordenen »Berliner Notizen«.
Sie umfassen den Zeitraum von April 1989 bis Juni 1990 und damit auch den Fall der Mauer
und den Beginn der deutschen Vereinigung. Auch bei Nooteboom findet man natürlich viel
historisches Bewusstsein, es dient bei ihm aber nicht dazu, das Heute vor allem mit den
Augen von gestern zu betrachten. Im Gegenteil, er erlebt den unaufhaltsamen Niedergang der
DDR und die wundersame Erstehung des wiedervereinten, demokratischen Deutschlands als
einen – allerdings durchaus mühseligen – Weg zur Freiheit. Denken Sie auch an die deutschen
Schriftsteller, die ab 1933 in den Niederlanden Asyl fanden und dank der Unterstützung
einiger Amsterdamer Verleger weiterhin ein internationales Lesepublikum mit ihrer
sogenannten »entarteten« Literatur bedienen konnten: Damals wie heute konnte Literatur eine
Freiheitsbrücke sein.
Wie gesagt, Berlin bietet Niederländern ein Stück Freiheit. Eine Freiheit, die ihnen aus ihrem
eigenen Land zwar nicht unbekannt ist, die sie hier aber doch etwas anders erleben:
großstädtischer, unfertiger, in einem unvergleichlichen historischen Kontext. Und sie
genießen diese Freiheit. Niederländer sind unter Berlins ausländischen Touristen die
zweitgrößte Nationalität, und sie stürzen sich mit Begeisterung ins Berliner Kultur- und
Nachtleben. Unter den ausländischen Direktinvestoren bilden sie sogar die größte Gruppe: in
Berlin sind über 400 niederländische Unternehmen aktiv, mit einem investierten Kapital von
fast 4 Milliarden Euro. Und mit über 4000 Ansässigen bilden Niederländer eine
unverwechselbare, lebendige »Kolonie« in Berlin, inmitten der vielen anderen Alt- und
Neuberliner.
Einige von ihnen bemühen sich eifrig, ihren Landsleuten den Gang nach Berlin zu erleichtern.
So schreiben niederländische Zeitungskorrespondenten Bücher mit spannenden Einblicken ins
Berliner Leben; ein mitreißendes Beispiel ist »Boze geesten van Berlijn« (wörtlich: Böse
Geister von Berlin) von Philippe Remarque. So schreibt Marjolijn Uitzinger literarische
Krimis, die in interessanten Berliner Kiezen spielen. Und so kam vor kurzem ein Buch mit
dem Titel »Berlijn voor gevorderden« (Berlin für Fortgeschrittene) heraus, in dem Berliner
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Holländer ihren Landsleuten den Weg durch das Berlin jenseits der ausgetretenen Pfade
weisen.
Berlins Holländer profitieren also von der Stadt. Aber wie profitiert Berlin von ihnen? Wie
erwidern wir die genossene Gastfreundschaft? Wie erweisen wir der deutschen Hauptstadt
unsere Anerkennung? Unabhängig von den unverkennbaren Impulsen für die Berliner
Wirtschaft, die von unseren Touristen und Zugereisten, unserem Handel und unseren
Investitionen ausgehen, denke ich an einen Beitrag zu dem, wofür Berlin heute steht: Freiheit.
Denn Freiheit erleben besteht nicht nur aus Nehmen, sondern auch aus Geben. In dem
Zusammenhang möchte ich Ihnen gern sieben Niederländerinnen und Niederländer vorstellen,
die in Berlin wohnen und der Stadt etwas für die gewährte Gastfreundschaft zurückgeben und
so ihren ganz persönlichen Beitrag zur Berliner Freiheit leisten. Sie stehen für verschiedene
Berufsgruppen, in denen Niederländer in Berlin gut vertreten sind: Künstler, Wissenschaftler,
Unternehmer, Studenten, Manager und Trainer.
7 Berliner Holländer
Als erstes Hella Jongerius: ein großer Name in der Welt des Designs. Sie entwarf Schuhe für
die spanische Marke Camper, ein neues Interieur für Maschinen der niederländischen
Fluggesellschaft KLM und Vasen für das schwedische Möbelhaus IKEA. Museen stellen ihre
Möbel, Service und sonstigen Objekte wie Kunstwerke aus. 2007, auf einem Höhepunkt ihres
Erfolgs in den Niederlanden, beschloss sie, mit Mann und Kindern nach Berlin zu ziehen. Sie
wollte neu anfangen, wollte frei sein, nicht umgeben von Bekannten, sondern als
Außenstehende. Berlin bot ihr diese Freiheit – einen mentalen Raum, aber auch Raum im
konkreten Sinne, in Form eines niedrigen Quadratmeterpreises. Berlin bot ihr Impulse für ihre
Kreativität. Hella Jongerius war prominent vertreten in der Ausstellung »Dutch Design – Huis
van Oranje«, die kürzlich in Schloss Oranienbaum zu sehen war. Sie gibt Berlin inzwischen
etwas zurück, indem sie an der Kunsthochschule Weißensee Design unterrichtet.
Als zweites möchte ich Ihnen den Wissenschaftler Marc Vrakking vorstellen. Er ist seit 2010
Direktor am Adlershofer Max-Born-Institut für Nichtlineare Optik und Kurzzeitspektroskopie
und außerdem Professor in der Physik an der Freien Universität. Er gehört zu den Pionieren
der Spektroskopie mit sogenannten Attosekundenpulsen. (Falls Sie es nicht gewusst haben:
eine Attosekunde ist der milliardste Teil einer Milliardstelsekunde.) In Zusammenarbeit mit
Forschergruppen aus ganz Europa untersucht Vrakking damit das Verhalten von Elektronen in
Atomen, Molekülen und bald auch an Oberflächen. Nicht zuletzt aufgrund der intensiven
Kooperationen hat die europäische Wissenschaft in diesem Bereich einen Vorsprung vor den
USA. Von Berlin aus leistet Marc Vrakking dazu einen wichtigen Beitrag.
Als drittes Jan IJspeert, Unternehmer. Er leitet die BAE Batterien GmbH, ein traditionsreiches
Berliner Unternehmen mit einer über hundertjährigen Geschichte. Nach der deutschen
Einigung geriet das Unternehmen durch die Konkurrenz immer mehr in Schwierigkeiten. Im
Jahr 2005 wurde per Ausschreibung ein neuer Investor gesucht, der Niederländer Jan IJspeert
hat sich für die Übernahme gefunden. Er brachte als Finanzexperte ausgezeichnete Kenntnisse
und Kontakte mit und sicherte zuerst die Finanzierung des Unternehmens. Die strategische
Ausrichtung wurde erheblich geändert, mit Schwerpunkten im Bereich Notstromversorgung,
erneuerbare Energien und nachhaltige Konzepte für die Energiewende. BAE Batterien ist
mittlerweile wieder ein solides Unternehmen. Jan IJspeert ist Schatzmeister des Berlin Solar
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Network und Mitbegründer des 2010 ins Leben gerufenen Deutsch-Niederländischen
Businessclubs Berlin.
Nummer vier ist ein Geschwisterpaar: Edial und Floris Dekker. Die beiden Brüder wohnten
schon einige Jahre in Berlin, als sie 2011 – zusammen mit Philipp Wassibauer, einem
österreichischen Freund – ein innovatives, kreatives Internetunternehmen gründeten. »Gidsy«
ist eine Online-Plattform für Veranstaltungen. Wer bestimmte Aktivitäten organisiert, zum
Beispiel Führungen oder Workshops, kann diese kostenlos online auf Gidsy anbieten. Erst
wenn Nutzer tatsächlich eine angebotene Aktivität buchen, muss der Veranstalter Gidsy zehn
Prozent Provision zahlen. Gidsy bietet viele Möglichkeiten, Berlin auf spannende Art und
Weise zu erkunden, es inspiriert die Berliner aber auch dazu, etwas für andere oder zusammen
mit anderen zu organisieren. Die Brüder Dekker haben mit Gidsy schon ihre Fühler nach
Amsterdam und New York ausgestreckt, und Istanbul und Gent stehen als nächstes auf dem
Programm. Sie beschäftigen schon heute in Berlin ein Dutzend Mitarbeiter.
Als fünftes möchte ich Ihnen Marijke van der Ploeg vorstellen. Sie hat in Groningen
Geschichte studiert und besuchte 2008 ein Sommerseminar an der Universität Potsdam. Wie
so viele niederländische Studenten, die nach Berlin kommen, wollte sie die Stadt nicht mehr
verlassen. Mit Praktika und verschiedenen Jobs schlug sie sich durch. So wirkte sie an den
Vorbereitungen für die Rede des Bundespräsidenten am diesjährigen Befreiungstag in Breda
mit (dazu gleich mehr). Außerdem macht sie englisch- und niederländischsprachige
Führungen durch das ehemalige Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Dabei begibt sie sich
zusammen mit den Besuchern auf die Suche nach den Wurzeln von Freiheit und Unfreiheit in
der jüngeren Geschichte. Inzwischen arbeitet sie auch bei einem Berliner Internet-StartupUnternehmen, das Daten über Ladestationen für Elektroautos in ganz Europa zusammenträgt:
Freiheit diesmal in Grün, könnte man sagen.
Nun zu unserem sechsten Holländer in Berlin: Ivan van Kalmthout. Seit 2011 ist er
Operndirektor bei der Staatsoper Unter den Linden (die zeitweise im Schillertheater
untergebracht ist). Obgleich seit frühester Jugend Opernliebhaber, studierte er
Betriebswirtschaft an der Universität Nijenrode. Nebenbei spielte er Geige. Dann wirkte er in
leitenden Funktionen an Opernhäusern in Antwerpen, Hamburg und – zehn Jahre lang – in
Barcelona. 2010 kam er nach Berlin, angelockt vom blühenden Berliner Kulturleben und auch
von der blühenden deutschen Wirtschaft. Berlin setzt auf die Magnetwirkung von Kunst und
Kultur. Mit seinem reichen Angebot will es sich von anderen Städten abheben und so
Besucher aus der ganzen Welt anziehen. Auch deshalb fühlt sich Ivan van Kalmthout in
Berlin zu Hause. Es ist ihm die liebste unter allen Städten, in denen er bisher gewohnt und
gearbeitet hat. Er sagt aber auch: »Berlin hat viel Ähnlichkeit mit den Niederlanden. Die
Menschen hier haben eine fast holländische Mentalität.« Und das meint er als Kompliment.
Der jüngste Neuzugang unter den sieben Zugereisten ist Jos Luhukay, Trainer von Hertha
BSC. In den Niederlanden war er zunächst als Profifußballer aktiv, vor allem bei VVV-Venlo.
1998 begann er dann seine Trainerlaufbahn. Seit 2000 ist er bei deutschen Vereinen tätig:
zunächst bei Uerdingen 05, dann beim 1. FC Köln, bei Paderborn 07 und Borussia
Mönchengladbach und ab 2009 beim FC Augsburg. Mit den Augsburgern schaffte er den
Aufstieg in die Erste Bundesliga und dann den Klassenerhalt. Und seit dem 1. Juli steht er vor
der Aufgabe, dem 120 Jahre alten Traditionsverein Hertha BSC, der seine Heimspiele im
Olympiastadion bestreitet, zu einem gebührenden Platz an der deutschen Fußballsonne zu
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verhelfen. Mit einer Mischung aus Leidenschaft und Klugheit scheint es ihm bisher zu
gelingen, Hertha auf Aufstiegskurs zu halten. Sollte er sein Ziel tatsächlich erreichen, wird
Jos Luhukay im Mai 2013 der mit Abstand beliebteste Niederländer in Berlin sein. Ich
wünsche ihm alles Glück dieser Welt.
Diese sieben niederländischen Berlinerinnen und Berliner stehen stellvertretend für viele
andere, die ihren Teil zu Berlins Freiheit beisteuern.
Wussten Sie zum Beispiel, dass der niederländische Historiker Krijn Thijs die Ausstellung
konzipiert hat, die zeigt, wie vor 25 Jahren in West- und in Ost-Berlin jeweils die 750-JahrFeier der Stadt begangen wurde? Vielleicht haben Sie ja die faszinierenden Darstellungen auf
den Säulen am Alexanderplatz schon selbst gesehen. Wussten Sie, dass der niederländische
Landschaftsarchitekt Eelco Hooftman den Auftrag erhalten hat, das Gelände des ehemaligen
Flughafens Tempelhof neu zu gestalten, und zwar so, dass dort nicht nur neue Wohnungen
entstehen, sondern vor allem die Berliner auch weiterhin ihren starken Freiheitsdrang
ausleben können? Und wussten Sie, dass ein niederländisches Unternehmen (Stage
Entertainment) das Musical »Hinterm Horizont« produziert?
Diese erfolgreiche Show rund um die mitreißenden Songs von Udo Lindenberg leistet einen
wichtigen Beitrag zur popkulturellen Auseinandersetzung mit jenem weltbewegenden Kapitel
Berliner Geschichte: der Wiedergewinnung der Freiheit 1989.
Freiheit und Radfahren
Meine Damen und Herren, gestatten Sie mir zum Schluss noch einen kleinen Ausflug zu
einem Thema, das uns Holländern sehr am Herzen liegt. Wir sind ein freiheitsliebendes Volk.
Wir handeln, wir reisen, wir sagen unsere Meinung, wir experimentieren, wir lassen in
unserer Freizeit die Seele baumeln. Jeder auf seine Weise. Was uns aber in der Ausübung
unserer Freiheit – und das wird Sie vielleicht überraschen – am meisten verbindet, quer durch
alle Bevölkerungsgruppen, ist: das Fahrrad, oder de fiets, wie wir sagen. Wer jemals in den
Niederlanden gewesen ist – und ich nehme an, Sie alle waren schon einmal dort –, der weiß:
Holland ist das Land der Radfahrer. Mehr als jedes andere Volk auf der Welt bewegen wir
uns auf dem Drahtesel fort. Dabei treten wir mächtig in die Pedale, denn bei uns kommt der
Wind eigentlich immer von vorne. In den Niederlanden gibt es mehr Fahrräder als Einwohner,
und so erstaunt es nicht, dass wir 36 Prozent aller Fahrten bis 5 Kilometer mit dem Fahrrad
absolvieren. (An der gesamten Mobilität hat das Fahrrad in den Niederlanden einen Anteil
von 26 Prozent; in Deutschland sind es 10 Prozent.) Fragen Sie Holländer, die im Ausland
leben, was sie am meisten vermissen, und Sie werden sehr wahrscheinlich die Antwort hören:
das Radfahren.
Als Botschafter eines Radfahrerlandes stelle ich mit Freuden fest, dass auch in Berlin immer
mehr geradelt wird. Natürlich ist Berlin nicht Amsterdam, noch lange nicht, aber es gibt
Fortschritte. In Prenzlauer Berg oder Kreuzberg kommt man sich manchmal vor wie in einer
holländischen Enklave, so sehr beherrschen dort die Fahrräder das Straßenbild, typisch
holländische Szenen inklusive, von Eltern, die ihre Kinder mit dem Transportfahrrad (oft ein
niederländisches Fabrikat) durch die Gegend kutschieren, bis hin zu genervten Autofahrern.
Ist es Zufall, dass in einer Stadt, in der mehr und mehr Niederländer leben, das Radfahren
immer beliebter wird?
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Aber Spaß beiseite, der zunehmende Radverkehr wirft auch ernste Fragen auf, zum Beispiel:
Sind Radfahrer in Berlin gleichberechtigte Partner im Straßenverkehr?
Gibt es in Berlin genügend Radwege und andere Anlagen und Vorkehrungen, die das
Radfahren in unmittelbarer Nähe von Autos und Motorrädern sicher machen? Fährt der
Berliner Radfahrer selbst rücksichtsvoll genug, um umsichtiges und verantwortungsvolles
Verhalten bei anderen Verkehrsteilnehmern zu fördern?
Ist das Radfahren in Berlin wirklich eine »Freiheitsübung«?
Aufgrund meiner eigenen Erfahrung – ich bin leidenschaftlicher Radfahrer – sehe ich das
etwas skeptisch. Und das, wo ich doch überwiegend im relativ ruhigen Zehlendorf unterwegs
bin. Nun ist mir bekannt, dass der Berliner Senat eine Radverkehrsstrategie verfolgt, die
darauf abzielt, den Verkehrsanteil des Fahrrades von heute 13 Prozent auf 18 bis 20 Prozent
im Jahr 2025 zu erhöhen. Und dass verschiedene Maßnahmen geplant sind, um dieses Ziel zu
erreichen. Dennoch könnte sich all dies als unzureichend erweisen. Denn so wichtig die
»Hardware« in Form von Radwegen und baulichen Vorkehrungen auch ist, so wenig geht es
ohne die nötige »Software«, das heißt die richtige Mentalität, den Willen, sich unter freiem
Himmel fortzubewegen und in der Stadt schnell ans Ziel zu kommen. Hier könnte Berlin
sicher noch einiges von der Welthauptstadt des Radfahrens – Amsterdam – lernen. Ich freue
mich daher, Ihnen mitteilen zu können, dass wir am 21. November 2012 in diesem Gebäude
ein deutsch-niederländisches Fahrradsymposium abhalten werden.
Die Botschaft arbeitet dabei mit dem Berliner Senat und dem Bundesverkehrsministerium
zusammen; auf niederländischer Seite nimmt die Stadt Amsterdam teil. In den Gesprächen
wird es nicht nur um die Integration des Fahrrades in die Stadtinfrastruktur gehen, sondern
auch um Sicherheit im Radverkehr und ökologisch verantwortliches Radfahren. Mit der
Organisation dieses Symposiums hofft die Botschaft, die Zusammenarbeit zwischen den
Niederlanden und Berlin auch auf dem Gebiet des Radverkehrs zu verstärken; so will sie
einen weiteren Beitrag zur Freiheit Berlins leisten.
Einen ersten symbolischen Impuls setzten 2009 der damalige niederländische Europaminister
Frans Timmermans und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, als sie zusammen mit
einer Gruppe deutscher und niederländischer Jugendlicher einen Teil des Berliner Mauerwegs
mit dem Fahrrad abfuhren. Mauerfall und Radfahren weisen eine verblüffende Parallele auf –
beides hat nämlich etwas mit der Wiedergewinnung und dem Erleben von Freiheit zu tun.
Freiheit, Freundschaft, Fahrrad
Meine Damen und Herren, ich möchte schließen mit der Erinnerung an ein Ereignis auf einer
ganz anderen Ebene. Ein Ereignis, das für mich wie kein anderes die Freiheit und die
Freundschaft zwischen Deutschland und den Niederlanden symbolisiert.
Am 5. Mai dieses Jahres war Bundespräsident Joachim Gauck in den Niederlanden zu
Besuch. An dem Tag, an dem wir die Befreiung unseres Landes von den Schrecken des
Zweiten Weltkriegs feiern, hielt er, als erstes ausländisches Staatsoberhaupt, in Breda die
Befreiungsrede. Dass die Rede des deutschen Bundespräsidenten auf beiden Seiten Freude
und bewegte Reaktionen auslöste, zeigt nicht nur, wie tief der Drang nach Freiheit in unseren
beiden Ländern verwurzelt ist, sondern auch, wie sehr die Freundschaft zwischen Deutschland
und den Niederlanden gewachsen ist.
In seiner beeindruckenden Rede sagte der Bundespräsident unter anderem: »Vor 67 Jahren
hätten wir den heutigen Zustand nur als paradiesisch empfinden können: Seit drei
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Generationen teilen Niederländer und Deutsche ihre Werte und setzen sich in Europa und in
der Welt gemeinsam für diese Werte ein. Wir können stolz darauf sein, dass unsere Staaten
seit Anbeginn Teil des geeinten Europas sind und in vielen Teilen der Welt als ehrliche und
berechenbare Akteure geschätzt werden. Von Freiheit, Frieden und Wohlstand, die mit der
verstärkten europäischen und internationalen Zusammenarbeit einhergehen, profitieren wir
gemeinsam. Ich hoffe, dass dieser einzigartige Erfolg uns die Kraft gibt, auch die heutigen
Herausforderungen zu meistern und unsere gemeinsame Zukunft in Europa zu gestalten.« (…)
»Wir sehen: Freiheit will nicht nur immer neu errungen sein, Freiheit muss auch immer
wieder neu gestaltet werden. Jede Generation steht vor der Herausforderung, für sich und für
ihre konkreten Umstände Freiheit zu vollenden, Freiheit, die sich in ihrer schönsten Form als
Verantwortung darstellt, und ebendies neu zu erlernen und neu mit Inhalten zu füllen.« Soweit
der Bundespräsident.
Eine schönere Herausforderung, Freiheit zu »leben«, ist kaum vorstellbar. Ich bin davon
überzeugt, dass die Freiheit, die Berlin uns bietet, Deutsche wie Niederländer auch künftig
inspirieren wird, ihre Freundschaft immer wieder neu mit Inhalten zu füllen. Ob nun mit dem
Fahrrad oder auch nicht.
Ich danke Ihnen.
Botschaft des Königreichs der Niederlande
Berlin, den 31. Oktober 2012
Es gilt das gesprochene Wort.
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