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Ein REchEnzEntRUM ist WiE Ein MassanzUG – es muss perfekt

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Branche aktuell
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www.future-thinking.de
Interview mit Christian Krauthammel,
Geschäftsführer bei ttsp hwp seidel:
Ein Rechenzentrum ist
wie ein Massanzug
– es muss perfekt passen
Während es für Bürogebäude durchaus allgemeinverbindliche Grundlagen gibt, wird die Planung und der
Bau eines Rechenzentrums von so
unterschiedlichen und individuellen
Faktoren bestimmt, dass sich jedes
Gebäude zu einem einzigartigen
Unikat entwickelt. Wer sich auf dem
hart umkämpften Markt der „grünen
Rechenzentren“ erfolgreich behaupten will, muss deshalb über komplexes
Know-how und einen visionären Blick
verfügen.
Sie waren die erste Planungsgesellschaft in Deutschland, die an der
Errichtung eines Rechenzentrums nach
LEED-Vorgaben (Leadership in Energy
and Environmental Design) beteiligt
war – Sie waren Pionier auf diesem
Gebiet. Wie hat sich der deutsche
Markt seitdem entwickelt?
Das Rechenzentrum der Deutschen Bundesbank
(Foto: BAM Deutschland AG, Michael Godehardt Fotodesign)
Es handelte sich hierbei um das Citigroup Data Center in Frankfurt/Main,
das wir 2007 in Zusammenarbeit mit
dem Generalplaner Arup Associates,
London gebaut haben, der auch die
LEED-Zertifizierung durchgeführt hat.
LEED ist ein Zertifikat, das seit Anfang
der 90er Jahre in den USA gängige Praxis ist – und in Deutschland erstmalig
mit dem Citigroup Data Center umgesetzt wurde. Der Unterschied zu den
deutschen Nachhaltigkeitszertifikaten
DGNB und BNB besteht darin, dass
auch die Baustelle selbst, der Arbeitsablauf und die gesamten Prozesse umfassend in die Bewertung einfließen.
Es gibt hier also ein Tool, das die reale
Prozessqualität messen kann. LEED
bedeutet allerdings nicht zwingend
Energieeffizienz, da in Deutschland
von vornherein die Verordnungen
diesbezüglich wesentlich strenger sind
als in Amerika.
Die LEED-Zertifizierung hat sich
seitdem lawinenartig in Deutschland
verbreitet, denn sie ist besonders für
Vermieter ein starkes Marketingtool
und zieht internationale Kunden an.
Der Markt ist mittlerweile sehr hart
umkämpft. Aber die LEED-Zertifizierung hat im Grunde nichts Wesentliches an unserer Arbeitsweise geändert,
denn wir haben vom ersten Tag an
Christian Krauthammel
Geschäftsführer ttsp hwp seidel
Planungsgesellschaft mbH,
Frankfurt am Main
nachhaltig, energieeffizient, wirtschaftlich und kosteneffizient geplant und
gebaut.
Was macht ein Rechenzentrum zu
einem „grünen“ Rechenzentrum?
Green IT und grünes Rechenzentrum
sind Begriffe, die eigentlich keiner
mehr hören kann, weil sie so überstrapaziert sind. Heutzutage sind alle
Rechenzentren grün. Wer heute nicht
energieeffizient plant und baut, hat die
Zeichen der Zeit einfach nicht erkannt.
Wir haben darüber hinaus nicht nur
den Anspruch, energieeffizient zu
planen, sondern nachhaltig. Nachhaltigkeit ist viel, viel weitreichender – bis
hin zu der Auswahl der Materialien.
Wie wichtig ist Nachhaltigkeit für Ihr
Selbstverständnis als Unternehmen?
Wir haben eine eigene Abteilung bei
uns im Haus, die ausschließlich für
die LEED-Zertifizierung zuständig ist.
Nachhaltigkeit ist bei uns allgegenwärtig und der Umgang damit eine Selbstverständlichkeit, auch wenn nicht
jedes Projekt zertifiziert wird.
LEED – Leadership in Energy
and Environmental Design
LEED bewertet verschiedene Standards, die
ein Gebäude als umweltfreundlich, ressourcenschonend und nachhaltig ausweisen und
bezieht sich auf alle Phasen des Lebenszyklus‘ eines Gebäudes. Dabei werden folgende
Kategorien berücksichtigt:
▪▪ Nachhaltiger Grund und Boden
▪▪ Wasser-Effizienz
▪▪ Energie und Atmosphäre
▪▪ Material und Rohstoffe
▪▪ Innenraum-Umgebungsqualität
Die vom US Green Building Council entwickelte Zertifizierung vergibt 110 Punkte,
um die Gebäude in vier Qualitätsstufen zu
kategorisieren:
▪▪ Zertifiziert
40 bis 49 Punkte
▪▪ Silber
50 bis 59 Punkte
▪▪ Gold
60 bis 79 Punkte
▪▪ Platin
≥ 80 Punkte
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Branche aktuell
»Das Rechenzentrum
der Zukunft muss wie ein
Formel-1-Wagen sein.«
Das Rechenzentrum der Deutschen Bundesbank (Foto: BAM Deutschland AG, Michael Godehardt Fotodesign)
Rechenzentren sind als Energiefresser bekannt, die zudem
für eine Technologie gebaut werden, die sich exponentiell
entwickelt und verändert. Ist ein nachhaltiges Rechenzentrum nicht ein Widerspruch in sich selbst?
Das ist in der Tat ein Problem, das sich nicht wegdiskutieren
lässt. Die Halbwertszeit bei Rechenzentren liegt momentan
bei ca. 3 - 4 Jahren. Die Technologiesprünge sind immens
und erfolgen in immer kürzeren Abständen. Momentan
ist ein Rechenzentrum nach ca. 15 – 20 Jahren veraltet.
Meistens ist es viel teurer ein altes RZ zu modernisieren als
einfach ein neues zu bauen. Leider sind RZ so speziell konzipiert, dass sie nur wenige Möglichkeiten für eine Drittnutzung bieten - bestenfalls noch als Lager. Aus diesem Grund
gibt es auch eine großen Leerstand an alter RZ-Fläche.
Die spezielle Funktionsweise eines RZs unterwirft Sie sehr
vielen Determinanten. Schränkt Sie das im Design der
Gebäude ein?
Wir sind kein klassisches Architekturbüro, sondern eine
Planungsgesellschaft, die viele unterschiedliche Disziplinen unter einem Dach vereint. Das heißt, es ist nicht unser
oberstes Ziel, die Handschrift eines bestimmten Stils in
jedem Projekt deutlich zu machen. Planung ist eine Dienstleistung, die sich am Wunsch des Kunden orientiert. Für
uns ist nicht das Aussehen des Gebäudes die Zielsetzung,
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sondern dass wir den Wunsch unseres Kunden verstehen
und optimal umsetzen. Manchen Kunden ist die Optik des
Gebäudes sehr wichtig, anderen wiederum gar nicht. Da das
Gebäudedesign keinen direkten Nutzen für die Kunden hat,
betrachten manche ein Invest in das Design der Fassade als
Geldverschwendung.
Sie haben einmal gesagt, Sie wären keine 6-B-Architekten.
Was meinen Sie damit?
6-B bezeichnet die Stärke eines Bleistiftes. Das sind sehr
dicke Stifte, mit denen man die grobe Linienführung eines
Gebäudes festlegen kann, für die Detailplanung sind sie
jedoch ungeeignet. Wenn man sich einer bestimmten Architekturrichtung verpflichtet fühlt, ist es sehr hilfreich, diese
immer wieder mit einer groben Linienführung zu überprüfen. Wir planen und gestalten jedoch als Dienstleister,
d. h. für uns ist die oberste Richtlinie die Zufriedenheit des
Kunden, und die kann viele verschiedene Gesichter haben.
Aber dicke Stifte haben wir auch.
Betreiben wir mal etwas future thinking.Wie sieht für Sie
das Rechenzentrum der Zukunft aus?
Die Frage nach einer realisierbaren Vision ist allgegenwärtig, weil die aktuellen RZs mit ihren riesigen Energieverbräuchen eigentlich schon fast Dinosaurier sind.
Ich vergleiche das gerne mit dem
Bau von Autos – es gibt Autos, die
für die Straße gedacht sind. Sie sind
mit allem was notwendig ist und
zusätzlichem Luxus ausgerüstet, was
sie natürlich sehr schwer macht. Und
dann gibt es die Formel-1-Wagen. Sie
fahren genauso wie die Straßenautos,
sind aber auf ein Mindestmaß an Material reduziert und in Leichtbauweise
konzipiert. Mir schwebt ein Formel1-Rechenzentrum vor, das so schlank
wie möglich gebaut ist – nicht nur im
Hinblick auf Energieeffizienz, sondern in allen Bereichen. Man kann
leichtere Fassaden bauen, auf Stahlbetondecken verzichten und im Bereich
der Redundanzen gibt es auch ein erhebliches Potential für Einsparungen
– aber das alles entspricht momentan
nicht dem Sicherheitsbedürfnis der
meisten Kunden.
Was nutzt mir ein flugzeugabsturzsicheres Gebäude, wenn die Rückkühlung völlig ungeschützt nebenan
steht?
für Schwerionenforschung GmbH in
Darmstadt. Die Racks sind in geschlossenen Schränken platzsparend
in einem fast kubischen Bau angeordnet, der wesentlich kompakter als
die normale Bauweise ist. Die warme
Abluft wird an der Rückwand der
Schränke direkt mit Wasser gekühlt
und durch einfaches Verdunsten wieder rückgeführt. Für mich ist das eine
komplette Symbiose aus Architektur,
IT und Kühlungskonzept, die dem
„Formel-1-Rechenzentrum“ schon
nahe kommt.
Das Citigroup-Rechenzentrum
(Foto: Christian Richter)
Karin Jantke, Redaktion
Das Rechenzentrum der Deutschen Bundesbank
(Foto: BAM Deutschland AG, Michael Godehardt
Fotodesign)
Das Rechenzentrum der Zukunft
sieht für mich viel eher wie ein Industriegebäude mit einem Mindestmaß
an Ausstattung aus.
Ein zweiter, wesentlicher Faktor ist
die Kühlung. Die Hitze entsteht im
CPU. Ist es da nicht viel sinnvoller,
das CPU direkt zu kühlen und nicht
den Umweg über die Raumkühlung
zu gehen? Und wenn man diesen Weg
konsequent weiterdenkt, stellt sich die
Frage – warum müssen CPUs eigentlich so viel Hitze erzeugen? Gäbe es
nicht Materialien oder Systeme, die
denselben Zweck ohne so viel Wärmebildung erfüllen und ohne eine
Kostenexplosion zu erzeugen?
Das RZ der Zukunft ist für mich eine
Symbiose aus allen Gesichtspunkten:
Gebäudearchitektur, technische Ausrüstung und intelligentere IT.
Das Citigroup-Rechenzentrum (Foto: Christian Richter)
Ist das „Formel-1-Rechenzentrum“ in
naher Zukunft realisierbar?
Erste Schritte dahin machen wir unter
anderem bereits mit dem Green IT
Cube für das GSI Helmholtzzentrum
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Seele and Geist
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