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„Die Schule ist wie eine Krake“
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„Die Schule ist wie eine Krake“
Unterscheiden sich Arbeitsbelastung und Anforderungen von Lehrkräften in
verschiedenen Schulstufen und -formen so sehr, dass sich damit eine ungleiche
Bezahlung rechtfertigen lässt? Eckhard Stengel porträtiert zwei Lehrerinnen aus
Oldenburg. In getrennten Gesprächen haben sie ihren Arbeitsalltag geschildert.
Fast wäre Wencke Hlynsdottir Gymnasiallehrerin geworden wie Pia Dreyer. Denn
ursprünglich wollte die 37-jährige Tochter eines isländischen Vaters und einer deutschen
Mutter Sek-II-Lehrerin werden. Aber nach dem Abitur absolvierte sie ein Freiwilliges
Soziales Jahr im Kindergarten – und entdeckte ihr Herz für die Jüngeren. Also: Studium
fürs Lehramt an Grund- und Hauptschulen. An der Grundschule in Oldenburg-Nadorst
wird sie zurzeit nach A 12 bezahlt – eine Besoldungsgruppe schlechter als die
gleichaltrige Studienrätin Dreyer im Oldenburger Graf-Anton-Günther-Gymnasium. Macht
einige hundert Euro Unterschied pro Monat.
Wecker klingelt zur selben Zeit
Dabei haben die beiden viel gemeinsam. Das fängt schon damit an, dass bei ihnen zur
selben Zeit der Wecker klingelt: um sechs Uhr früh. Studienrätin Dreyer taucht dann
schon kurz nach sieben in ihrer Schule auf, um alles Mögliche zu erledigen: hier ein paar
Kopien machen, dort eine Reservierungsliste fürs Videogerät ausfüllen oder noch schnell
einen Kassettenrecorder besorgen.
Grundschullehrerin Hlynsdottir braucht zuhause etwas mehr Zeit, weil sie sich als
alleinerziehende Mutter erst noch um ihre neunjährige Tochter kümmert. Dann radelt sie
fünf Kilometer zur Schule. „Dabei atme ich ein“, sagt die Klassenlehrerin einer 3. Klasse.
In der Schule warten keine von Lehrkräften umlagerten Kopiergeräte auf sie, sondern ihre
Schülerinnen und Schüler: „Das Fahrrad ist noch nicht im Ständer, da rennen vier Kinder
auf mich los, die alle etwas von mir wollen. Gleichzeitig.“
Spätestens um 13.30 Uhr atmet Hlynsdottir wieder aus. Bis dahin war sie maximal sechs
Schulstunden lang hoch präsent: in einer Integrationsklasse mit 20 Kindern, davon 13 mit
Migrationshintergrund und vier mit geistigen und/oder körperlichen Behinderungen, die
teilweise durch zusätzliches Personal begleitet werden. In Parallelklassen ohne
Behinderte sitzen auch mal 26 Kinder, mit sehr unterschiedlichen
Eingangsvoraussetzungen.
Die Grundschule Nadorst – ein Backsteinbau von 1902 mit zwei moderneren
Erweiterungen – ist mit 250 Kindern und rund 20 Lehrkräften zwar sehr übersichtlich;
aber der Stadtteil gilt als das, was man einen sozialen Brennpunkt nennt: viele Hartz
IV-Empfänger, viele Migranten, vor allem aus Russland und der Türkei.
„Das Unterrichten selbst ist nicht so anstrengend“, findet Wencke Hlynsdottir. „Aber ich
muss erst mal versuchen, diesen kleinen Seelen den Kummer und die Belastungen von
der Schulter zu nehmen – sonst können sie nicht lernen.“
„Schulgröße macht Stress“
Pia Dreyer hat es in der Hinsicht etwas leichter. Auf die Graf-Anton-Günther-Schule, das
Gymnasium des Landkreises Oldenburg, gehen nur Schüler „aus relativ kleinen
Gemeinden mit relativ heiler Welt“. Aber dafür reichlich viele: mehr als 1.500.
Entsprechend riesig ist das Kollegium. Dreyer holt sich eine Liste und zählt die Namen:
insgesamt 130. „Die Schulgröße macht Stress“, findet sie. „Wenn Schüler zum
Lehrerzimmer kommen und sagen: ‚Können Sie mir mal Herrn N. rausholen?’, dann weiß
ich gar nicht, wer das ist. Man hetzt aneinander vorbei.“
Laut ist es auch. Aber am schlimmsten findet die Klassenlehrerin eines 5. Jahrgangs die
Größe der Klassen. In der Sek. I drängeln sich über 30 Schüler in einem Raum. „Das ist
unheimlich anstrengend und erfordert ein hohes Maß an Konzentration“, erzählt Dreyer.
„Weil 33 Leute schwer bei der Stange zu halten sind, muss man relativ häufig
disziplinieren“ – zumal auch an ihrer Schule die Verhaltensauffälligkeiten zunehmen.
Wenn sie dann auch noch sechs Stunden hintereinander unterrichten muss, ist sie
„wirklich fertig“.
„In einer Tour gefordert“
An solchen Tagen verschafft sich die Studienrätin manchmal kleine Verschnaufpausen,
indem sie Stillarbeit anordnet. Das kann Grundschullehrerin Hlynsdottir nicht so einfach:
„Die Kinder fordern dich in einer Tour.“
Auch die Pausen bringen da keine Entlastung. „Da stehen verletzte Kinder vor der Tür
oder ich muss beim Jugendamt anrufen, wo der Zuständige aber gerade nicht zu
erreichen ist“, erzählt Hlynsdottir.
Keine erholsamen Pausen
Bei Dreyer sind die Pausen auch nicht erholsamer. „Da muss ich organisieren oder mit
Kollegen reden“, sagt sie. Wenn es um 13.10 Uhr im Gymnasium klingelt, fährt Dreyer
noch nicht gleich nach Hause. „Es kann sein, dass ich da noch was organisieren oder
besprechen muss.“ Dann aber: Essen und Mittagsschlaf – bis zu anderthalb Stunden,
„um Abstand zu gewinnen und den Kopf freizubekommen“.
Gegen vier, halb fünf setzt sich die Französisch- und Biologielehrerin an den
Schreibtisch: Vorbereitung, Korrekturen. „In den ersten Jahren ging das bis 22 oder 23
Uhr. Aber inzwischen arbeite ich nur noch bis 20 oder 21 Uhr.“
Zwischendurch mal ein Telefonat mit Eltern. Und natürlich die Konferenzen. „Das hat
erheblich zugenommen“, klagt Dreyer.
„Eltern rufen häufig an“
Dienstbesprechungen, Fach- und Schulkonferenzen – das kennt auch Hlynsdottir. Sie
greift aber noch öfter zum Hörer als Dreyer. „Die Eltern rufen total häufig an.“ Die
Grundschulpädagogin sieht sich auch als Erziehungs-, Eltern-, Ernährungs- und
19.10.2009 11:11
„Die Schule ist wie eine Krake“
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Grundschulpädagogin sieht sich auch als Erziehungs-, Eltern-, Ernährungs- und
Eheberaterin. Am Telefon oder auf Elternabenden „muss ich erklären, dass ein
Fernseher nicht ins Kinderzimmer gehört oder dass Kinder in Deutschland nicht
geschlagen werden. Das ist schon nicht einfach.“ Die Schicksale verprügelter Kinder
oder Ehefrauen beschäftigen sie auch in ihrer raren Freizeit.
Wenn ihre Tochter im Bett ist, setzt sich Hlynsdottir noch für eine oder anderthalb
Stunden an den Schreibtisch, um den Unterricht vorzubereiten oder per E-Mail Ausflüge
zu außerschulischen Lernorten zu organisieren. Ins Bett geht sie schon um 21.30 Uhr.
Am Wochenende sitzt sie ebenfalls an Vorbereitungen, nimmt sich aber auch Zeit für ihr
einziges Hobby: ihre beiden Pferde. Dreyer hat dagegen ihre Hockey-Wettkämpfe
aufgegeben – zu zeitaufwändig. Jetzt macht sie nur noch Fitnesstraining und Yoga. Wenn
sie ein arbeitsfreies Wochenende haben will, muss sie sich das „wirklich freischaufeln“.
Ansonsten sitzt sie – jedenfalls in den „Hoch-Korrekturzeiten“ – samstags noch „drei bis
vier Stündchen über den Arbeiten, und am Sonntag muss ich auch noch mal korrigieren
und den nächsten Unterricht vorbereiten“.
„Besonders übel: die Abi-Zeit“
„Aber besonders übel ist die Abi-Zeit“, erzählt die Studienrätin. Arbeiten korrigieren,
Gutachten schreiben, bis zu zehn mündliche Prüfungen pro Kurs abnehmen – „da gehen
alle auf dem Zahnfleisch“. Und das alles parallel zum „normalen Wahnsinn des
Schulalltags“.
Das Zentralabitur mache es noch schwerer. „Da müssen sich auch ältere Kollegen neu in
Themen einarbeiten“, weiß Dreyer. Sich einfach nur den alten Ordner mit
Unterrichtsmaterial zu schnappen, funktioniert nicht.
Das kann aber auch die Deutsch-, Mathe- und Musiklehrerin Hlynsdottir nicht: „Die
Lerngruppe ist jedes Mal anders. Da kann ich nicht eine ganze Unterrichtseinheit aus
dem Schrank holen und fertig.“
Dafür scheint sie in den Ferien etwas weniger zu arbeiten als Dreyer.
Beobachtungsbögen ausfüllen und neue Einheiten vorbereiten – das ja. Aber nicht auch
noch Arbeiten korrigieren wie die Studienrätin.
Die leidet stark darunter, dass ihre „hehren pädagogischen Ansprüche“ immer wieder mit
den schulpolitischen Vorgaben kollidieren. Über zu viele
Vergleichsarbeiten, Dokumentationspflichten und anderen „Schreibkram“ klagt aber auch
Hlynsdottir. Sie wehrt sich dagegen, indem sie in der GEW und im Personalrat
mitarbeitet.
„Die Schule ist wie eine Krake“, sagt Dreyer. Der Satz könnte auch von Hlynsdottir
stammen. Sie nimmt ihre Arbeit „permanent im Kopf mit“. Viele Gemeinsamkeiten also
zwischen den beiden Vollblut-Lehrerinnen. Ist es da gerecht, dass die eine mehr verdient
als die andere? Die Gymnasiallehrer sind kognitiv stärker gefordert und müssen mehr
korrigieren, haben aber dafür weniger Pflichtstunden und werden psychisch nicht so
beansprucht wie die Grundschullehrkräfte. Nicht überall geht es so heftig zu wie in
Oldenburg-Nadorst. Also: Nicht kleinlich aufrechnen, sondern gleiche Bezahlung für alle
Lehrkräfte. Ein Polizist in Cloppenburg bekommt schließlich auch das gleiche
Grundgehalt wie einer in Berlin-Kreuzberg. Aber ihren Beruf aufgeben – nein, das möchte
keine der beiden Frauen. Dafür lieben sie ihn zu sehr.
Eckhard Stengel,
freier Journalist
19.10.2009 11:11
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