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1 SÜDWESTRUNDFUNK SWR2 Wissen – Manuskriptdienst

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SÜDWESTRUNDFUNK
SWR2 Wissen – Manuskriptdienst
Dornröschen reloaded
Wie die Grimmschen Märchen weiterleben
Autorin: Gabriele Kammerer
Regie: Maria Ohmer
Redaktion: Anja Brockert
Sendung: Donnerstag, 1. Dezember 2011, 8 Uhr 30, SWR2
Bitte beachten Sie:
Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt.
Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen
Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR.
Mitschnitte auf CD von allen Sendungen der Redaktion SWR2 Wissen/Aula
(Montag bis Sonntag 8.30 bis 9.00 Uhr) sind beim SWR Mitschnittdienst in
Baden-Baden für 12,50 € erhältlich.
Bestellmöglichkeiten: 07221/929-6030
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http://www1.swr.de/podcast/xml/swr2/wissen.xml
_________________________________________________________________
Besetzung:
Zitatorin
Zitator
Erzählerin
1
Musik
Zitatorin (Grimm 1857):
Vor Zeiten war ein König und eine Königin, die sprachen jeden Tag: „Ach, wenn wir
doch ein Kind hätten!“, und kriegten immer keins. Da trug sich zu, als die Königin
einmal im Bade saß, dass ein Frosch aus dem Wasser ans Land kroch und zu ihr
sprach: „Dein Wunsch wird erfüllt werden.“
O-Ton – Kristin Wardetzky:
Sehr hübsch finde ich diesen Anfang, dass die Königin kein Kind bekommt und dann
im Bade sitzt und ein Frosch sich ihr nähert, und sie wird schwanger, da ist so was
von Geheimnis, da lauert so was, Anspielung auf Sexualität, das finde ich sehr
schön. Aber was dann folgt, mit diesen ganzen Feen und mit der Spindel, und dass
sie dann schlafen muss und dann die ganzen Prinzen, die in der Hecke da verrecken
… also nein!“
Ansage:
Dornröschen reloaded. Wie die Grimmschen Märchen weiterleben. Eine Sendung
von Gabriele Kammerer.
Atmo – Schüler-Gruppe spricht gemeinsam:
Krik – krak! Krik – krak! Der Schlüssel dreht sich und knackt. Die Märchentür, die
öffnet sich. Es war einmal, es wird einmal, es gibt kein Wenn und kein Vielleicht.
Erzählerin:
Zwanzig Kinder, ein Stuhlkreis und ein großer Schlüssel aus Messing – mehr
braucht es nicht, um aus einer Grundschulstunde eine Märchenrunde zu machen.
Einmal in der Woche kommt die Märchenerzählerin Sabine Kolbe in die AndersenSchule in Berlin-Wedding und entführt die jüngsten Schüler, noch bevor sie selber
lesen können, für eine Dreiviertelstunde in die Welt der Feen und Hexen.
Atmo – Sabine Kolbe vor der Klasse:
Sind die Ohren alle offen? Jaa …
Erzählerin:
Heute hat sie ein Märchen der Brüder Grimm mitgebracht – die dramatische
Liebesgeschichte von Jorinde und Joringel.
Atmo – Sabine Kolbe:
Es war einmal ein altes Schloss. – Ohh! – Mitten in einem großen dicken Wald. Und
in dem alten Schloss, da wohnte eine alte Frau, ganz alleine. Das war eine Zauberin.
O-Ton – Sabine Kolbe:
Auf das steigen sie ganz schnell ein, auf ein authentisches Erzählen, auf ein In-dieAugen-Blicken, die Kleinen, die machen die Gesten mit, die mein Erzählen begleiten.
Ich mein, ich bin kein Fernseher, ich bin lebendig da. Und ich kann auch reagieren,
wenn eine Frage kommt, oder kann was mit aufnehmen, oder mache einen Stopp in
der Geschichte und frage: Was meint ihr, was macht er nun?
2
Erzählerin:
Sabine Kolbe trägt ein rotes Tuch im Haar, die Schultafel hinter sich hat sie mit
einem Blumenstoff verhängt. Auf mehr Requisiten verzichtet sie bewusst. Wälder
und Schlösser sollen im Kopf der Kinder entstehen. Kein Glitzerregen, kein rosa Tüll,
keine sphärische Musik kündigen hier Prinzessinnen an, und Aschenputtel heißt
Aschenputtel und nicht Cinderella. Natürlich kennen auch Sabine Kolbe und ihre
Mitstreiterinnen die Zeichentrickfilme von Walt Disney; sie wissen, dass jeden Abend
im Fernseh-Kinderkanal KiKa ein sprechendes Märchenbuch durch die Serie
„SimsalaGrimm“ fliegt.
Erzählerin:
1812, vor bald 200 Jahren, veröffentlichten die Brüder Grimm ihre „Kinder- und
Hausmärchen“ als Buch. Von den rund 160 Geschichten sind heute kaum mehr als
eine Handvoll im medialen Dauergebrauch: Aschenputtel eben, Dornröschen,
Schneewittchen, Hänsel und Gretel, der Froschkönig – und Rapunzel natürlich, das
ewig sein goldenes Haar wallen lässt.
Sabine Kolbe und andere Schauspieler wollen mit ihren Besuchen in Schulen und
Kindertagesstätten den modernen Medien eine alte Kulturtechnik entgegensetzen:
das schlichte Zuhören.
„ErzählZeit“ heißt dieses Projekt. Die Erzählerinnen sind gut ausgebildet. Sie führen
Stimme und Atem, sie sind mit dem weltweiten Kosmos von Mythen und Märchen
vertraut und international vernetzt.
An der Berliner Universität der Künste gibt es jetzt sogar einen eigenen Studiengang
„Künstlerisches Erzählen“. Seit Jahren hat sich die Theaterpädagogin Kristin
Wardetzky dafür eingesetzt. Sie ist überzeugt von der Verführungskraft der alten
Stoffe und Worte.
O-Ton – Kristin Wardetzky:
Der Zuhörer bekommt nur mit einem Kanal etwas gesendet, nur über das
gesprochene Wort, hat keine anderen Hilfsmittel: [OC: Es wird nicht bildgestützt
erzählt, es wird nicht durch musikalische Begleitung unterstützt, es ist wirklich nur
das gesprochene Wort, Ende OC] und das gesprochene Wort hat Magie. Das löst in
den Hörern, wenn es gut gesprochen ist, etwas aus, was einem inneren Film
gleichkommt. Das ist Aktivität im besten Sinne. Es ist nicht nur Konsum von
Geschichten, sondern es ist die Teilhabe, die Mitarbeit, das Mitschöpfertum des
Zuhörers beim Erzählen.
Zitatorin (Grimm):
Das Fest ward mit aller Pracht gefeiert, und als es zu Ende war, beschenkten die
weisen Frauen das Kind mit ihren Wundergaben.
Zitator:
Dem Mann fand dem Tochtern so geil, dass dem eine korreckte Party gemacht hat.
Erzählerin:
Dornröschen aus „Märchen auf Kanakisch un so“ von Michael Freidank.
3
Zitator:
Auf Party waren au andere Tussn. Dem ham dem Tochtern ein 3ern, Alufelgen und
Sportauspuff un so geschenkt, isch schwör! Dem Ex von Ehemann war abern net auf
Party eingeladen und war krass sauer. Dem hat gesagt: „Dem Tochtern soll, wenn
dem dem Fuhrerschein hat, sich an dem 3ern an krasse Auspuff Beine verbrennen
und undert Jahre pennen, isch schwör!“
Zitatorin (Grimm):
Und ohne ein Wort weiter zu sprechen, kehrte die dreizehnte weise Frau sich um und
verließ den Saal.
O-Ton – Kristin Wardetzky:
Diese Geschichten haben offensichtlich ein Substrat in sich, dass die Menschen über
eine Generation hinaus in die nächste weitertragen und das immer wieder etwas
Faszinierendes hat. Hans Blumenberg hat mal gesagt: ‚Geschichten gehen durch
das Fegefeuer der Mündlichkeit‘. Das finde ich einen sehr schönen Begriff. Denn was
im Erzählen nicht den Hörer erreicht, verliert sich.
Erzählerin:
Die alten Märchen wurden nicht von einem Künstler erdacht. Sie sind irgendwann
entstanden – und heute wie Kiesel, abgeschliffen im Fluss. Sie wurden gekürzt,
ausgeschmückt, umgestellt, kombiniert, auf jeden Fall aber immer weiter erzählt. Die
Wurzeln dieser Geschichten sind so alt, dass sich nicht nur die Literaturwissenschaft
damit befasst, sondern auch die Volkskunde. Zum Beispiel die Ethnologin Sabine
Wienker-Piepho aus Jena.
O-Ton – Sabine Wienker-Piepho:
Es sind immer einzelne Motive, die sehr alt sind, und die können wir untersuchen. Da
können wir, wenn wir Glück haben, schriftliche Aufzeichnungen aus der Antike
finden, und dann können wir ohne einen roten Kopf zu kriegen sagen, das Motiv ist
2000 Jahre alt. Zum Beispiel das Motiv, das im Dornröschen irgendwelche
Schicksalsfrauen über das Kind an der Wiege bestimmen.
Erzählerin:
Ob es nun Feen sind oder „Moiren“ oder „Parzen“ – Frauen, die kraftvolle Wünsche
überbringen, sind schon bei den alten Griechen bekannt, und die heutige Ethnologie
hat das Motiv z.B. in mündlichen Traditionen auf dem Balkan wiedergefunden.
Seit es Menschen gibt, erzählen sie Geschichten. Was aber, wenn das Lesen
wichtiger wird als das Hören? Wenn die Literatur dem Volksmund den Rang abläuft?
In Zeiten der Aufklärung wäre der Hang zur „Hochkultur“ den Volksmärchen fast zum
Verhängnis geworden. Hätte es nicht zwei junge Gelehrte gegeben, die diese alten
Geschichten des Aufschreibens für wert befunden und damit gerettet hätten.
Als Jacob und Wilhelm Grimm zu Weihnachten 1812 ihren Märchenband
herausbrachten, war das wirtschaftlich gesehen ein Flop. Nur wenige interessierten
sich für die volkstümlichen Geschichten. Kulturhistorisch gesehen aber war die
Sammlung eine Großtat.
4
Der Germanist Heinz Rölleke ist einer der bekanntesten Grimm-Experten. Akribisch
hat er Handschriften und gedruckte Auflagen der Märchen verglichen und zahlreiche
kommentierte Ausgaben veröffentlicht. Über die wissenschaftliche
Auseinandersetzung ist er zum Fan der Texte geworden. Den Mut der sammelnden
Brüder Grimm kann er gar nicht genug loben.
O-Ton – Heinz Rölleke:
Das galt zu der Zeit als Ammenmärchen und Aberglauben und Köhlerglauben und
Armeleute-Literatur, um die kümmerten sich die Gebildeten nicht, die Gelehrten
schon gar nicht, und da waren die Brüder Grimm die ersten weltweit. Sie sind dafür
auch verspottet worden, sie hätten ‚Andacht zum Unbedeutenden‘ oder sammelten
jeden Trödel und verlangten auch noch Respekt davor; die Kritik war am Anfang sehr
harsch, aber sie haben dieses Ideal durchgehalten und durchgesetzt – und jetzt
kommt das Entscheidende: Sie haben den Märchen eine faszinierende Gestalt
gegeben.
Erzählerin:
Am Ablauf und an den Motiven der Geschichten haben die beiden Brüder aus Hanau
kaum etwas verändert, wohl aber am Stil. 17 Überarbeitungen erlebten die Märchen
noch zu Lebzeiten der Grimms. Vor allem Wilhelm, der Jüngere, feilte von Auflage zu
Auflage an den Texten. 1857 schließlich war er bei einer Art Mittelstufe zwischen
damals modernem Deutsch und dem Deutsch der Luther-Zeit angekommen. Ein
ganz eigener „Grimm-Ton“ war entstanden, und der Erfolg gab Wilhelm Recht:
Inzwischen waren die Märchen ein Bestseller – und sie sind es bis heute geblieben.
Das Buch ist das meistübersetzte deutschsprachige Werk aller Zeiten: 140
Versionen gibt es auf der Welt.
O-Ton – Heinz Rölleke:
In Japan kommt kein Märchen gegen Grimms Märchen auf, keine japanischen und
keine anderen Nationalsammlungen, das sind da förmlich Heilige. Die haben da
Grimmkultstätten gebaut, den Marktplatz von Hanau nachgebaut, die Originalziegel
von Hanau importiert in Schiffen und die da aufgeschlagen – also man kennt schon
in der Welt die Leistung der Grimms und sagt nicht nur: Och, das sind irgendwelche
Märchen, die hätten andere auch aufzeichnen können; so ist das nicht. (0’29)
Erzählerin:
Japanische Zeichentrickfilme und Manga-Comics umspielen Motive aus den
Grimmschen Märchen, und die fernöstliche Faszination für den deutschen Stoff
reicht weit zurück. Schon im 19. Jahrhundert wurden Dornröschen und Co. in Japan
populär – wohl deshalb, weil ihre bürgerliche Moral gut in die dortige Gesellschaft
passte.
Viele Menschen weltweit lieben die Märchen der Brüder Grimm. Das hat auch mit
ihrem Klang zu tun, der selbst in Übersetzungen erhalten bleibt. Auch viele
„moderne“ Fassungen lehnen sich eng ans altertümliche Original an. Kein Wunder,
sagt Erzähllehrerin Kristin Wardetzky. Die Märchen spielen ja in einer anderen Welt –
da dürfen sie auch ein bisschen fremd klingen.
O-Ton – Kristin Wardetzky:
5
Der Abstand von der Alltagssprache stimuliert noch eine andere Form der
Aufmerksamkeit. Das ist eine gewisse Atemlosigkeit, die sich dadurch einstellt, ein
gewisses Staunen. Mitunter sind das ja einfach Klangformen eines Wortes, die die
Kinder erreichen, wo sie sich dann einen eigenen Reim auf Begriffe machen, die sie
nicht mehr kennen. Mit Genuss, mit Freude, in entspannter Weise sauge ich etwas in
mich ein an Sprachgebilden, die mir sonst nicht vertraut sind. Das ist eine Urform der
literarischen Bildung.
Musik
Zitator:
Es ist besser“, sagte der König, „wenn du heute trotz deines Geburtstages das
Schloss nicht verlässt.“
Erzählerin:
„Dornröschen“ aus dem Band „Zehn auf einen Streich. Wachgeküsste, neue und
verdrehte Märchen“ von Christian Peitz aus dem Jahr 2010.
Zitator:
„Aber Papi“, entgegnete die Prinzessin. „Das geht so nicht. Man kann mich doch an
meinem achtzehnten Geburtstag nicht einsperren wie einen Verbrecher!“ „Wir
meinen es nicht böse“, sagte die Königin besänftigend. „Es ist nur zu deinem Besten.
Und morgen sieht die Welt schon wieder anders aus.“
Zitatorin (Grimm):
Da ging es allerorten herum, besah Stuben und Kammern, wie es Lust hatte, und
kam endlich auch an einen alten Turm. Es stieg die enge Wendeltreppe hinauf und
gelangte zu einer kleinen Türe. In dem Schloss steckte ein verrosteter Schlüssel, und
als es ihn umdrehte, sprang die Türe auf, und saß da in einem kleinen Stübchen eine
alte Frau mit einer Spindel und spann emsig ihren Flachs.
Zitator:
„Darf ich auch mal spinnen?“, bat die Prinzessin, die ganz fasziniert von dieser
Tätigkeit war. Als sie dann aber zu spinnen versuchte, stach sie sich an der Spindel,
genau wie es die dreizehnte Fee in ihrem Fluch angekündigt hatte. „Dir fehlen Übung
und Hornhaut“, bemerkte die Alte.
Im nächsten Moment wollte der Fluch der dreizehnten Fee in Erfüllung gehen, doch
der mildernde Wunsch der zwölften tat ebenfalls seine Wirkung. Da nun zwei
gegensätzliche Zaubersprüche miteinander kämpften, lag ein bedrohliches
Grummeln im Raum, das erst verstummte, als sich der gute Zauber durchgesetzt
hatte. Vom Stuhl aus fiel die Prinzessin in das Bett nieder und gleichzeitig in einen
tiefen Schlaf. Und dieser Zauberschlaf breitete sich über das gesamte Schloss aus.
Erzählerin:
„Volks-Märchen“ – lange hielt sich die Vorstellung, Jacob und Wilhelm Grimm seien
quasi mit Papier und Bleistift durch die Lande gezogen und hätten dem Volk aufs
Maul geschaut, also die Geschichten aufgeschrieben, die sich die einfachen Leute
nach Feierabend so erzählten.
6
O-Ton – Heinz Rölleke:
Sie haben sogar in der ersten Vorrede gesagt, das sind alles ächt hessische
Märchen, wobei sie ächt noch mit ä schrieben, also richtig kernig, und da hat man
gedacht, aus dieser Formulierung, die haben wirklich in Echt-Hessenland
gesammelt. (0’15)
Erzählerin:
Märchenforscher Heinz Rölleke hat genau nachverfolgt, welche Quellen die Brüder
Grimm für ihre Märchen angegeben haben, welche Phantasien über die Herkunft der
Geschichten sie also fördern wollten. Von bewusster Irreführung der Öffentlichkeit
will er nicht sprechen, aber ein bisschen unredlich findet er die Grimmschen
Angaben doch.
O-Ton – Heinz Rölleke:
Sie haben verschwiegen, wo sie wirklich gesammelt haben, und damit haben sie den
Eindruck suggeriert: Aha, die sind in die Spinnstuben gegangen, Köhlerhütten, wo
auch immer, und haben da die alten Mütterchen abgefragt, das stimmt so überhaupt
nicht.
Erzählerin:
Heinz Rölleke hat in den 1970er Jahren herausgefunden, wie es wirklich war. Durch
die Analyse von Handschriften und Briefen konnte er zeigen: Die Zuträgerinnen der
Grimms waren gebildete Bürgersfrauen, oft aus hugenottischen, also französischen
Familien. Die Märchen waren gar nicht allein durch mündliche Überlieferung geformt,
wie lange vermutet wurde. Sie hatten vielmehr oft schon vor der Grimmschen
Niederschrift künstlerische Formen gefunden.
Ein eklatantes Beispiel ist Dornröschen: Es ist erwiesen, dass die junge Frau aus
Kassel, von der die Grimms das Märchen hörten, die Fassung kannte, in der der
Franzose Charles Perrault die Geschichte erzählt hatte. Dessen Text vom Ende des
17. Jahrhunderts greift wiederum auf die barocke Erzählung des Italieners
Giambattista Basile zurück.
Literarische Abhängigkeiten statt volkstümlicher Basisarbeit: ein Paukenschlag für
die Quellenforschung. Für die Ethnologin Sabine Wienker-Piepho ein Grund zum
Schmunzeln:
O-Ton – Sabine Wienker-Piepho:
Wenn man das zu Ende denkt, dann kommt man ziemlich schnell auf den Verdacht,
dass das höchste deutsche ideologisch gesehen deutscheste aller deutschen
Kulturgüter, nämlich die deutschen Volksmärchen, eigentlich französische Märchen
waren.
Erzählerin:
Was natürlich zugespitzt ist, denn eigentlich französisch sind die Stoffe auch nicht.
Die Geschichten scheinen durch die Welt zu fliegen, wie eine Anekdote von Heinz
Rölleke belegt:
O-Ton – Heinz Rölleke:
7
Ich war mal in Jakarta eingeladen zu einem Märchenkongress, und dann habe ich
vorher gefragt: Ich möchte gerne das indonesische Nationalmärchen wissen, was
dort alle kennen und was am bekanntesten ist und üblichsten. Und dann haben sie
mir einen englischsprachigen Text geschickt, und das war Frau Holle. Allerdings mit
anderen Namen und anderen Wörtern, statt Brunnen war da Fluss, statt Spindel war
es ein Hemd, aber sonst war das genau Frau Holle, von vorne bis hinten. Das habe
ich dann in der Diskussion gesagt, und da waren die Leute sehr erbost zunächst und
dann sehr traurig, denn sie schworen Stein und Bein, das ist ein indonesisches
Nationalmärchen, und gegebenenfalls hätten die Brüder Grimm das aus Indonesien
importiert.
Erzählerin:
In diesem Fall war die Sache bald geklärt. Über niederländische Schulbücher hatte
Frau Holle den Weg in die Kolonie Indonesien gefunden. In den Familien wurde die
Geschichte auf Indonesisch weitererzählt und verwandelte sich innerhalb weniger
Generationen zum nationalen Kulturgut.
Überhaupt ist das Schicksal von Rotkäppchen, Hänsel, Gretel und Co. nach den
Grimms, also im 19. und 20. Jahrhundert, ganz gut zu rekonstruieren. Schwieriger
wird es, wenn es um ihr Vorleben geht. Wo waren die Figuren, bevor sie Eingang ins
Grimmsche Kompendium fanden?
Die Antwort ist ernüchternd. Denn obwohl die Märchen Gegenstand verschiedener
wissenschaftlicher Disziplinen sind, entziehen sich ihre Ursprünge bis heute unserer
Kenntnis.
Es gibt verschiedene Theorien, woher die alten Stoffe kommen. Eine ist die
Wandertheorie. Ihr zufolge ist jede Geschichten an genau einem Ort entstanden und
dann in die Welt getragen worden – wie eben Frau Holle nach Indonesien.
Die zweite Theorie besagt, dass Märchen in verschiedenen Kulturen unabhängig
voneinander entstehen konnten. Der Literaturwissenschaftler Rölleke spricht hier von
„Ausdruckszwängen“ bestimmter Gesellschaftsformen. Das heißt: alle Sammler und
Jäger teilen ein gewisses Weltbild, und die Hirten wieder ein anderes.
O-Ton – Heinz Rölleke:
Der Hirt sieht den Mond anders, weil er nachts wachen muss, als der Bauer, der
schläft, wenn der Mond scheint. Also interessiert in der hirtenkundlichen Zeit der
Mond sehr viel mehr, und in dieser Zeit entstehen in aller Welt die gleichen
Erklärungsmuster. Dass das so und so passiert, dass das mit dem Mond so aussieht,
und dann muss man sich nicht wundern, dass eine solche Geschichte hier in
Germanien um Christi Geburt herum vielleicht – wir wissen da fast gar nichts –
erfunden worden ist, und in Australien im 16. Jahrhundert eine ganz ähnliche
Geschichte.
Erzählerin:
Nun sind sich die Geschichten teilweise so ähnlich, dass sich die Frage aufdrängt,
wie sie unabhängig voneinander entstanden sein sollen. Und doch tendiert die
Märchenforschung, ob ethnologisch oder literaturgeschichtlich motiviert, zu dieser
zweiten Theorie. Immerhin eine versöhnliche Theorie, findet Sabine Wienker-Piepho:
8
O-Ton – Sabine Wienker-Piepho:
Dahinter steckt der Gedanke: Letztendlich gibt es Grundprobleme,
Elementargedanken, anthropologische Grundkonstituenten, die alle Völker in der
Welt, egal welche ethnischen Besonderheiten sie aufweisen, gemeinsam haben. Das
ist eigentlich ein schöner Gedanke, denn es ist ein völkerverbindender Gedanke.
Musik
Zitator:
Endlich jedoch gelangte er in das Zimmer, in welchem die bezauberte Prinzessin
sich befand und rief sie, indem er glaubte, dass sie schliefe.
Erzählerin:
so erzählt der italienische Dichter Giambattista Basile fast 200 Jahre vor den
Grimms.
Zitator:
Da sie aber trotz alles seines Schreiens und Rüttelns nicht erwachte, er aber von
ihrer Schönheit durch und durch erglühte, so trug er sie in seinen Armen auf ein
Lager und pflückte dort die Früchte der Liebe. Hierauf ließ er sie auf dem Bette
liegen und kehrte in sein Königreich zurück.
Zitatorin (Grimm):
Alles war so still, dass einer seinen Atem hören konnte, und endlich kam er zu dem
Turm und öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief. Da
lag es und war so schön, dass er die Augen nicht abwenden konnte, und er bückte
sich und gab ihm einen Kuss. Wie er es mit dem Kuss berührt hatte, schlug
Dornröschen die Augen auf, erwachte und blickte ihn ganz freundlich an.
Zitator:
Dem Typ hat dem Tochtern gekusst un da ist dem aufgewacht un hat gesagt: „Alder,
wo war isch, Alder?“
Erzählerin:
Im 20. Jahrhundert wünschte mancher sich Dornröschen emanzipierter. Zum
Beispiel der Dichter Josef Reding:
Zitator:
Es kommt kein Prinz, der dich erlöst,
wenn du die Jahre blöd verdöst,
wenn du den Verstand nicht übst,
das Denken stets auf morgen schiebst.
Du kannst dir selbst dein Leben bauen,
musst allen deinen Kräften trauen.
Mach noch heute den Versuch
Und pfeif auf den Prinzen im Märchenbuch!
O-Ton – Heinz Rölleke:
9
Das sind keine Figuren wie Werther oder Wilhelm Meister, die eine ausgefeilte
Psychologie haben sozusagen, sondern die sind wie Marionetten, die transportieren
alles nach außen. Die weinen höchstens mal, aber warum sie weinen oder wie es da
drin aussieht, das wird nie gesagt. Das tragen wir in die Figuren hinein, wenn wir es
lesen oder hören, und damit ist natürlich ein fantastisches Identifikationsangebot da,
jeder kann in jede Märchenfigur hineinschlüpfen, die leistet keinen Widerstand.
Erzählerin:
Die starke Ausstrahlung der Märchen, das weiß auch der Literaturwissenschaftler
Heinz Rölleke, liegt nicht in ihrer wilden, dunklen Entstehungsgeschichte, sondern in
ihrer Beispielhaftigkeit. Nichts Menschliches ist den Märchen fremd, und dabei
werten und deuteln sie nicht, sondern bilden Lebenslagen ab. Psychologische
Literatur zu Märchen boomt nach wie vor in den Buchläden – etwa die ausführlichen
Deutungen des Theologen und Psychotherapeuten Eugen Drewermann. Und auch
ganz praktisch arbeiten Therapeuten mit den alten Motiven.
O-Ton – Angelika Benedicta Hirsch:
Da wird ein Bild hingesetzt, da wird gesagt: Ich hab mich gefühlt wie im dunklen
Wald zum Beispiel. Mit einem Mal ist ein Ausdruck gefunden, der für mich viel
aussagekräftiger und viel tiefer war, als wenn ich jetzt anfange, genau zu
beschreiben, was in mir vorgegangen ist.
Erzählerin:
Angelika Benedicta Hirsch unterstützt und begleitet Menschen in
Umbruchsituationen. Die Berliner Therapeutin greift dabei gerne auf Märchen zurück.
Denn die Fremdheit der Geschichten besteht oft nur auf den ersten Blick – wer lebt
schon im Schloss oder hat einmal Tiere sprechen hören? Für Angelika Benedicta
Hirsch sind die Prinzen, Brunnen, Frösche einfach nur Bilder, die sehr Bekanntes
ausdrücken. Im Märchen geht es häufig um die Angst vor Veränderungen.
O-Ton – Angelika Benedicta Hirsch:
Diese Märchen verdeutlichen wie kaum etwas anderes die Dramatik dieses
Erwachsenwerdens, also wir Erwachsene, die es schon eine Weile hinter uns haben,
betrachten das rückblickend sehr milde und sagen, ja das wächst sich aus, und
irgendwie sind wir da auch drüber gekommen, aber dass oft das innere Erleben
dramatisch ist und mit Tod zu tun hat, das Kind stirbt und ein neuer Mensch geboren
wird, und dass das existenzielle Unsicherheit bringt, das erzählen solche
Geschichten wie Märchen sehr gut.
Erzählerin:
Auch bei Dornröschen ist die Pubertät Dreh- und Angelpunkt für psychologische
Deutungen. Ein Mädchen setzt sich über die vermeintlich schützenden Verbote der
Eltern hinweg, es erschließt sich beim Gang durch das Schloss bisher unzugängliche
Lebensbereiche. Der Stich in den Finger wird so zum sexuellen Erwachen, der
Schlaf zum Rückzug der Pubertierenden in sich selbst, bis sie der neuen Rolle
gewachsen ist.
Auch der große alte Kinderpsychologe Bruno Bettelheim hat Dornröschen so
verstanden – und hat mit dieser und anderen Deutungen Ende der 1970er Jahre eine
Wende im pädagogischen Umgang mit Märchen eingeläutet. „Kinder brauchen
10
Märchen“ titelte er programmatisch und stellte sich damit gegen die Ansicht der
progressiven Erzieher und Lehrerinnen seiner Zeit, die die Märchen mit ihren teils
drastischen Motiven eher der schwarzen Pädagogik zurechneten.
Märchen stärken die Phantasie und bringen Unbewusstes zu Tage, befand Bruno
Bettelheim. Sie sind nicht grausamer als das Leben selbst.
Auf dieser Linie liegt auch die Arbeit von Angelika Benedicta Hirsch. Sie findet, die
Beschäftigung mit Märchen ist eine „menschenfreundliche“ Methode, sich seelischen
Prozessen zu stellen.
O-Ton – Angelika Benedicta Hirsch:
Das sind so ganz sanft therapeutische Sachen, da geht man nicht so mit
verhaltenstherapeutischen Anweisungen oder tiefenpsychologischen Bohrungen an
irgendwelche Probleme ran, sondern bei Märchen kann ich sehr bestimmen, wie tief
ich das wirken lasse, ich kann es einfach nur als ästhetischen Genuss nehmen, als
etwas, was in einer schönen Sprache, in schönen Bildern mir gut tut, wenn ich das
nicht weiter wirken lassen will, Ich habe da viel selbst in der Hand, wie intensiv ich
das haben möchte.
Erzählerin:
Die ermutigende Kraft der Märchen erlebt auch Sabine Kolbe. Deswegen geht sie in
Schulen und erzählt den Kleinsten Märchen.
O-Ton – Sabine Kolbe:
Das sind so wie Blaupausen dafür, an die man sich erst mal halten kann in seiner
Phantasie, mit dem Anknüpfen seiner Emotionen, dass es schon gut gehen wird,
auch wenn der Weg schwierig ist, auch wenn ich der Dummling bin und immer
ausgestoßen werde, ich werde meinen Weg schon machen. Märchen können Boden
für so ein Urvertrauen auch legen, in die eigene Persönlichkeit. Und sie machen
Türen auf, lassen in Welt blicken, zeigen unterschiedliche Wege. Geschichten
werden sich schon so lange erzählt, da kommt uns ja auch etwas entgegen aus
längst vergangenen Zeiten, was so ein Stück Weisheit in sich hat.
Erzählerin:
Für Hunderte von Erzählerinnen und Erzählern sind allein in Deutschland Märchen
Beruf und Berufung. Sie bringen nicht nur die „Top Ten“ der Grimms unters Volk –
Dornröschen, Schneewittchen, Aschenputtel – , sie graben auch im Vergessenen,
erzählen von den drei Spinnerinnen oder dem Fundevogel und natürlich aus dem
Reichtum anderer Überlieferungen.
Eine Sternstunde für sie sei es, sagt Sabine Kolbe, wenn ein Kind sagt, es habe den
Eltern die Geschichten weitererzählt.
Atmo – Andersen-Schule:
„[alle] Krik – krak! Der Schlüssel dreht sich und kracht, die Märchentür, die schließt
sich zu, die Märchen weiter erzählst du! [Kolbe] Und du, und du … alle! Erzählt sie zu
Hause schön weiter, denn dann bleiben sie lebendig.“
11
*****
Zitierte und empfohlene Literatur:
(1) Beat Mazenauer / Severin Perrig, Wie Dornröschen seine Unschuld gewann.
Archäologie der Märchen, Leipzig: Kiepenheuer, 1995 [darin zahlreiche Vorstufen
der Grimmschen Märchen].
(2) Michael Freidank, Wem ist dem geilste Tuss in Land? Märchen auf Kanakisch un
so, Frankfurt: Eichborn, 2001.
(3) Christian Peitz, Zehn auf einen Streich. Wachgeküsste, neue und verdrehte
Märchen aus Lugabugien, Norderstedt: Books on Demand, 2010.
(4) Wolfgang Mieder (Hg.), Grimms Märchen – modern. Prosa, Gedichte,
Karikaturen, Stuttgart: Reclam, 1979 [darin Josef Reding].
Heinz Rölleke, Die Märchen der Brüder Grimm. Eine Einführung, Stuttgart: Reclam,
2004.
Sigrid Früh (Hg.), Märchen von Hexen und weisen Frauen, Krummwisch: KönigsfurtUrania, 2008.
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