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Daniel Boese Wir sind jung und brauchen die Welt Wie - Buecher.de

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Daniel Boese
Wir sind jung und brauchen die Welt
Wie die Generation Facebook den Planeten rettet
ISBN 978-3-86581-252-0
256 Seiten, 14,5 x 23,8 cm, 14,95 Euro
oekom verlag, München 2011
©oekom verlag 2011
www.oekom.de
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Vorwort
Dies ist ein Buch über eine soziale Bewegung, die nicht viele Leute kennen.
Dieser Satz ist nicht so absurd, wie er auf den ersten Blick erscheint: Alle
sozialen Bewegungen, von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung bis
hin zur Frauenbewegung, waren zu Beginn bis auf einige prominente Akteure weitgehend unsichtbar und bestanden hauptsächlich aus einer latenten
Community, in der nicht wenige gar nicht wussten, dass sie schon dazugehörten und zum selben Reformprojekt beitrugen. So steht es im Moment
auch um die Bewegung, die Daniel Boese vorstellt, indem er über ihre Aktivisten berichtet, ihre Geschichte(n) erzählt.
Die Aktivisten eint vor allem, dass sie jung sind und zu Recht um die
Zukunft besorgt, aber nicht nur um ihre eigene, sondern um die der Überlebensbedingungen der Menschheit insgesamt. Ihre Suche gilt demgemäß
der verlorengegangen Zukunftsfähigkeit, und hier vor allem der Bekämpfung eines Lebensstils und einer Konsumkultur, die Umweltfolgen in einer
Weise zeitigt, dass das Klimasystem aus den Fugen zu geraten droht. Boese
schreibt aber kein weiteres Buch über den Klimawandel (davon gibt es ja
auch genug), sondern eines über die Entstehung einer politischen Gegenbewegung gegen die globale Kultur der Verantwortungslosigkeit. Dass diese
Gegenbewegung vor allem von jungen Menschen getragen wird, ist kein
Zufall: Denn sie sind es ja, die noch eine Zukunft zu verlieren haben. Und
sie sind es auch, denen das Internet und die sozialen Netzwerke nicht nur
Kommunikations-, sondern Organisationsmedien sind.
Daraus resultieren Engagement- und Protestformen, die ein weit größeres Bewegungspotenzial bereithalten als die inzwischen etwas abgestandenen Formen des Straßenprotests mit ihren intellektuell schmerzhaften
Parolen (»hopp hopp hopp – Atomkraftwerke stopp« usw.). Auch darin liegt
ein Moment der Unsichtbarkeit, nämlich für diejenigen, die in der neuen
Vorwort
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Protestkultur nicht zuhause sind und nicht verstehen, dass sich da gerade
etwas ganz Neues entwickelt.
Seit dem Entstehen der ersten Ökologiebewegung sind vier Jahrzehnte
vergangen, und damit hat sich nicht nur die Katastrophenkommunikation
(»Es ist 5 vor 12!«) so sehr veralltäglicht, dass sie zur medialen Benutzeroberfläche so dazugehört wie die Sportnachrichten oder die Meldung des
täglichen Anschlags in Afghanistan. In der Zwischenzeit haben auch Tschernobyl und Fukushima ihre generationenübergreifenden Verheerungen angerichtet, und seither ist es nicht mehr nur ein kleiner Teil der Welt, nämlich
der Westen und – wie damals noch – der Ostblock, die die natürlichen Ressourcen plündern und den Planeten zerstören, sondern die Leitkultur der
Zerstörung und Verschwendung hat sich globalisiert. Alles geht jetzt viel
schneller, auch der Anstieg des Energieverbrauchs und der Emissionen.
Daniel Boese macht mit seinen Reportagen über die neuen Aktivistinnen und Aktivisten, Assoziationen und Aktionen klar, dass die Globalisierung der Zukunftsprobleme mit globalisierten Bewegungsformen beantwortet werden kann und beantwortet wird: und zwar so, dass die Kommunikation darüber, was man warum wo unternimmt, weltweit stattfindet, der konkrete Protest aber immer seinen Ort und immer eine nationale Politik, einen
einzelnen Konzern, eine lokale Zerstörung zum Gegenstand hat. So wie es
auch in einer Welt des Internets das Bier immer noch an der Theke gibt, so
muss eine Bewegung gegen das zerstörerische Business as Usual Orte haben,
Wege zurücklegen und an konkrete Menschen gebunden sein, die irgendwo sind, Flashmobs organisieren oder Petitionen formulieren, mit dem
Fahrrad nach Kopenhagen fahren, Abgeordnete stressen oder Verwirrung
stiften.
Und noch etwas macht dieses Buch deutlich: dass eine politische Bewegung immer eine Sache sozialen Lernens und der Herstellung von Gemeinsamkeit ist: Widerstände zu überwinden, Ziele zu erreichen, Spaß zu haben,
Freunde zu finden – das gehört zur Entstehung einer sozialen Bewegung
viel mehr als das ewige Vorführen von PowerPoints zu CO2-Emissionen, die
unablässige Berechnung von Carbon Footprints und die wissenschaftliche
Beweisführung dessen, was jedes siebenjährige Kind ohnehin schlüssig darlegen kann: dass unendlicher Ressourcenkonsum in einer endlichen Welt
nicht möglich ist.
Auch deshalb übrigens sind alle sozialen Bewegungen immer auch Generationenprojekte: Das war bei der Anti-Atomkraftbewegung so und ist auch
in der »Arabellion« der Fall. Es sind die jungen Gesellschaftsmitglieder, die
den Ausverkauf der Zukunft am ehesten spüren und die dabei am meisten
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Harald Welzer
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zu verlieren haben. Alle sozialen und politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts waren Generationenprojekte; sie alle haben ihren Ausgangspunkt
darin, dass gesellschaftliche Eliten die Lebens- und Zukunftschancen monopolisieren und die nachfolgenden Generationen damit konfrontieren, dass
ihnen jetzt, leider, nicht mehr so viel übrig bleibt. »Aber empört Euch, macht
was draus, dafür habt ihr alle unsere Sympathien …«
Kein Wunder, dass die in ihren Konturen sich abzeichnende neue soziale Bewegung selbst die Zukunft und die Generationengerechtigkeit zum
Inhalt hat; der Klimawandel ist ihr Anlass und ihr Kristallisationskern, aber
ihre politische Sprengkraft liegt darin, dass es um die Zukunft geht. Überall tauchen daher Begriffe wie »Enkeltauglichkeit« (wie beim »Morgenland«Festival in Liechtenstein) auf oder Vorsätze wie der, ein »guter Vorfahre«
sein zu wollen. Dass damit Zukunft selbst wieder zum Kernbestand des Politischen wird, dürfte ein wesentliches Verdienst der neuen sozialen Bewegung sein. Wenn es sie denn gibt.
Denn nicht wenige Leser werden ja die ganze Zeit schon denken: »Wo
zum Teufel ist sie denn, diese angebliche soziale Bewegung?« Gerade im Entstehen. Daniel Boese ist ein Überbringer der allerneuesten Nachrichten von
ihr. Sein Buch ist wichtig, um die Aufmerksamkeit auf das zu richten, was
da gerade entsteht und seine Gestalt sucht, um Geschichten zu haben, die
man weitererzählen kann, um Ideen zu haben, die man nachmachen kann,
um Communities zu finden, von denen man ein Teil werden kann.
All die Geschichten, die in diesem Buch erzählt werden, sind Geschichten vom Arschhochkriegen, Geschichten darüber, wie viel Spaß es macht,
selbst verantwortlich zu sein für das, was man tut. Und natürlich auch für
das, was man lässt. In diesen Geschichten geht es auch um das Experimentieren einer gesellschaftlichen Praxis, die Exits aus der Kultur der Ressourcenübernutzung und der Zukunftsvergessenheit sucht und die sie mit dieser Suche zugleich bahnt. Das mag einstweilen noch punktuell sein und
wenig machtvoll erscheinen. Aber so haben, wie gesagt, alle sozialen Bewegungen begonnen, bevor sie die Welt verändert haben. Sie werden immer
von Minderheiten vorangetrieben, und fünf Prozent einer Bevölkerung reichen locker, um die Verhältnisse in Bewegung zu bringen. Wer dieses Buch
liest, möchte mit Sicherheit zu diesen fünf Prozent gehören.
Harald Welzer, im Juli 2011
Vorwort
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Daniel Boese
Wir sind jung und brauchen die Welt
Wie die Generation Facebook den Planeten rettet
ISBN 978-3-86581-252-0
256 Seiten, 14,5 x 23,8 cm, 14,95 Euro
oekom verlag, München 2011
©oekom verlag 2011
www.oekom.de
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_______________________________________TEIL I_______
Vor Kopenhagen: Die Jugend legt los
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Die Gipfelstürmer: Wie die klimarevolutionäre Jugend sich ihren Platz bei
den Vereinten Nationen erobert
Deepa Guptas Hände sind leer, als sie das Mikrofon ergreift. Sie sieht 100.000
Demonstranten vor sich, daneben steht das Kongresszentrum des Weltklimagipfels – wie ein UFO in den Dünen – mitten am südlichen Kopenhagener Stadtrand. Von der eiskalten Dezemberluft zittern ihre Finger, ihr Herz
schlägt im Stakkato, aber ihre Stimme bleibt ruhig: »Heute morgen um zwei
Uhr früh war ich unendlich verzweifelt«, sagt sie. »Meine Augen taten weh,
weil ich so viel geweint hatte. Die Diplomaten sind in ihren Verhandlungen so weit davon entfernt, ein faires und ehrgeiziges Klimaabkommen zu
schließen.« Deepa sieht die Plakate und Transparente der US-amerikanischen Studenten, der afrikanischen Kleinbauern und deutschen Öko-Unternehmer. Sie spricht weiter von ihrer Ungeduld mit den Politikern, dann ruft
sie: »Die Zeit für ›Yes we can‹ ist vorbei. Jetzt geht es um ›Yes, we will!‹«
Es ist ein klarer, sonniger Samstag im Dezember 2009. Hier in Kopenhagen, in den Sälen des Bella Centers, zweihundert Meter neben der Bühne,
auf der Deepa steht, soll der Vertrag besiegelt werden. Rund um die Welt
sind an diesem Tag Menschen auf der Straße, um ihren Politikern zu zeigen, wie wichtig ein Abkommen gegen den Klimawandel ist: 40.000 demons trieren in Melbourne, am Brandenburger Tor in Berlin laufen Leute als Kohlendioxid-Moleküle auf. Deepa Gupta ist vor ein paar Tagen aus Neu Delhi,
Indien, nach Dänemark geflogen. Die 21-jährige Aktivistin ist das Gesicht
der globalen Jugendbewegung, sie spricht nach der UN-Hochkommissarin
für Flüchtlinge und vor dem Direktor von Greenpeace. Es ist ein historischer Moment, sagt Deepa: »Heute ist einer der Tage, der unsere Bewegung
definiert – rund um den Globus schließen sich Aktivisten zusammen!« Die
Gesichter der Demonstranten sind zu weit weg, als dass Deepa die Ent-
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schlossenheit in ihrem Blick sehen könnte. Doch sie halten aus, Zehntausende Menschen trotzen der Kälte und der Trägheit der Funktionäre.
Acht Monate vorher hatte ich Deepa das erste Mal gesehen. In einem
kleinen Fenster auf meinem Laptop erklärte sie mir in einer Videokonferenz
auf Skype, wie sie Tausende indischer Jugendlicher zum Indian Youth Climate Network organisiert hatte. Ich suchte damals gerade junge Berliner Klimaschützer für einen Flashmob und hatte von einem britischen Studenten
den Tipp bekommen, mit Deepa zu reden – die wisse, wie man schnell ein
Netzwerk aufbaue. Zwei E-Mails später war ich mit Deepa verabredet. Das
Bild bei Skype war dann zwar etwas langsam, aber ich war erstaunt, mit welcher Selbstverständlichkeit Deepa von der irren Geschwindigkeit sprach,
mit der sie die Allianz indischer Jugendaktivisten aufgebaut hatte. Sie war
gerade von einem Road Trip für erneuerbare Energien quer durch Indien
zurückgekehrt und hatte dabei vor 50.000 Menschen gesprochen: auf dem
Campus der Universität in Mumbai genauso wie beim indischen SoftwareRiesen Infosys. Ich musste daran denken, dass große deutsche Umweltschutzorganisationen schon froh sind, wenn ein paar hundert Teilnehmer
bei einer Veranstaltung auftauchen. Und jetzt erzählte mir eine Studentin
aus Indien, wie sie ohne großes Budget eine Massenbewegung gestartet hatte.
Je länger ich mit Deepa sprach, umso klarer wurden mir zwei Dinge.
Zum einen, wie naiv ich selbst gewesen war zu glauben, Indien (und China)
bräuchten beim Thema Klimawandel Entwicklungshilfe aus dem Westen.
Die jungen Aktivisten wie Deepa wissen selbst schon sehr gut Bescheid über
die Zukunft ohne Kohlendioxid, die Low Carbon Future. Zum anderen
wurde mir ein deutscher Irrglaube bewusst: Wir meinen, wir kennen die
Klimaschützer schon. Die Klimabewegung sei das gleiche wie die Umweltbewegung der 1970er- und 1980er-Jahre, wie Greenpeace, die Bundjugend,
die Ökos, wie Bundestagsabgeordnete der Grünen. Sie meckern über die
EU-Richtlinien für Kohlendioxid bei Neuwagen, freuen sich über jeden
Naturpark, blockieren gerne Kohlekraftwerke und lassen sich ansonsten
ganz gut ignorieren. Denn wir haben uns ja seit fast vierzig Jahren daran
gewöhnt, die Grenzen des Wachstums zu leugnen. Und weil wir meinen, das
alles schon zu kennen, sehen wir die neue Klimabewegung nicht. Wir merken nicht, dass rund um den Globus, in Indien, China, Afrika und auf den
Malediven junge Leute für ein intaktes Klima kämpfen. Sie wissen, mit den
Werkzeugen der alten Umweltbewegung werden sie nicht weit kommen: Ein
paar neue Gesetze, Richtlinien und Modellprojekte sind nicht genug. Spätestens ab 2050 dürfen die Menschen kein Kohlendioxid mehr freisetzen –
und das geht nur mit einem massiven Umbau der Weltwirtschaft, den die
Die Gipfelstürmer
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Jugendklimabewegung anpackt. Deepa ist im Angesicht der Klimakrise nicht
ausgeflippt, sondern quer durch Indien gefahren, um Solarkraftwerke und
das Wachstum der Green Economy zu dokumentieren. Und dabei ist sie
nicht allein, Tausende Jugendliche weltweit verfolgen ähnliche Projekte.
Im etwas drögen Maritim Kongresshotel in Bonn traf ich Deepa Gupta
im Juni 2009 dann zum ersten Mal. »Bonn Two« war die zweite Vorbereitungskonferenz des Klimaverhandlungsmarathons der Vereinten Nationen
in diesem Jahr. Knapp 3.000 Delegierte aus 194 Ländern in den Gängen des
Hotels und im direkt daneben liegenden biederen Bundesverkehrsministerium. Sicherheitskontrollen, zwei Plenarsäle, ein Pressezentrum, alles genauso wie auf den Klimagipfeln, nur kleiner. EU-Umweltkommissar Stavros
Dimas guckte vorbei, der Direktor des UN-Klimasekretariats Yvo de Boer
gab fleißig Interviews und dazwischen gut 150 Jugendliche. Sie hatten alle
einen UN-Ausweis ergattert, der jetzt an einem Band um ihren Hals baumelte. Auf den schweren Ledersesseln in der Lobby saßen immer ein Dutzend
von ihnen, die Laptops und Handys an sämtliche verfügbaren Steckdosen
angeschlossen. Auch Deepa tauchte hier immer wieder auf. Es war schwer,
mehr als zwei Sätze mit ihr zu sprechen, weil sie immer in Eile und hochkonzentriert war. Sie bloggte von ihren Treffen mit den indischen Delegierten, machte sich Notizen für eine Pressekonferenz, auf der sie als Klimazeugin über Klimawandel in Indien sprach, und sprang dann schnell wieder
hoch, wenn ein indischer Delegierter vorbeilief – hier konnte sie mit ihnen
reden, in Indien verstecken sie sich in Ministerien. Hier konnte sie ihnen
sagen, wie wichtig ihr ein faires Abkommen in Kopenhagen ist, warum auch
Indien Solarenergie und Windkraft statt neuer Kohlekraftwerke braucht.
Die Verhandlungen machten in diesen Tagen keine Fortschritte, alle Länder mauerten. Die jungen Aktivisten arbeiteten in ihrer Jugendherberge
hoch auf dem Bonner Venusberg bis in die frühen Morgenstunden an ihren
Aktionen, Resolutionen und Strategiepapieren. Irgendjemand filmte immer,
ein oder zwei Skype-Videokonferenzen nach Indien, Schweden oder Australien liefen, und es wurden Poster bemalt. Ich fragte mich, wie sie das aushalten, zwei Wochen lang immer nur vier, fünf Stunden Schlaf. »Hinterher
wird man meistens krank«, sagte Robert van Waarden, ein kanadischer Fotograf, der die Bewegung dokumentiert. An einem Abend moderierte Deepa
das Treffen der »Global South Youth Working Group« – der Arbeitsgruppe
für den globalen Süden. Knapp ein Dutzend saßen zusammen: Grace aus
Kenia, Guppi aus England, Blaine aus Hollywood. Wie schaffen sie es, dass
nicht wieder Hunderte Amerikaner, Australier und Europäer zum Klimagipfel kommen, aber nur wenige Jugendaktivisten aus Afrika, Südostasien
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Teil I – Vor Kopenhagen: Die Jugend legt los
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und China? »Idealerweise sollten von 500 Jugendlichen 250 aus dem globalen Süden nach Kopenhagen kommen«, sagte Deepa. Dann fingen sie an
zu rechnen. 3.000 Dollar pro Kopf, sie brauchten also 750.000 Dollar. Ambitioniertes Ziel oder Größenwahn? Ich war mir da nicht so sicher.
Die Jugend nimmt sich ihren Platz zwischen den Diplomaten. Jede
Jugendkultur kämpft auch um Orte und Foren. Die Klimarevolutionäre
erstreiten sich ihre Position bei den Verhandlungen und Gipfeltreffen der
Vereinten Nationen, nehmen an Diskussionen teil, intervenieren mit Rapsongs, Happenings und Positionspapieren. Sie sind radikal wissenschaftlich,
denn sie fordern nicht etwa freie Liebe oder die sozialistische Revolution,
sondern dass Politiker den Empfehlungen ihrer klügsten Wissenschaftler
folgen und Kohlendioxid-Emissionen radikal senken. Die Treffen der Jugend
in Bali, Poznan und Kopenhagen bringen diese globale Bewegung zusammen, sie ermöglichen den Wissensaustausch, der auch digital über Wikis,
Facebook und Google Docs weiterläuft.
Der Generationenkonflikt des 21. Jahrhunderts
Während ich die Jugendaktivisten durch den UN-Marathon in Bonn begleitete, hatte ich immer wieder das Gefühl, zwischen zwei Filmen hin und her
zu zappen. Im offiziellen Film der Gipfelbeobachter, Diplomaten und
Experten kommen die Jugendlichen höchstens als Statisten vor. Rappende
Aktivisten im Plenarsaal taugen für schöne Bilder in der Tagesschau, alte
Männer im Anzug sind ja viel langweiliger. Aber die Entscheidungen trifft
natürlich das Establishment. Der andere Film aber erzählt, wie sich die
machtlose Jugend ihren Platz am Verhandlungstisch erstreitet, wie sie mit
unglaublicher Energie nach den Angriffspunkten sucht, an denen sie etwas
ändern kann. »Rund um die Welt schreiben junge Menschen Geschichte.
Wir bringen den Wandel, den wir brauchen, um uns vor der drohenden
Klimakatastrophe zu retten«, sagt Deepa in ihrer Rede auf einer Demonstration in Bonn. »Wir sind die solare Generation. Wir leben in einer globalisierten Welt, die jede Sekunde weiter schrumpft«, beschreibt sie den
Konflikt ihrer Generation.
Denn die Aktivisten in Bonn und Kopenhagen stehen an der Front des
größten Generationenkonflikts des 21. Jahrhunderts. Die Wut der jungen
Aktivisten ist groß. Sie erleben, wie sie von den angeblichen Eliten der fossilen Gesellschaft angelogen und um ihre Zukunft betrogen werden. Denn
die Männer, die 50 oder 60 Jahre alt sind und auf den entscheidenden Posten
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sitzen, verzögern und verschleppen das Unausweichliche. Die Vertreter von
Regierungen und Unternehmen klammern sich an die Techniken des vorletzten und letzten Jahrhunderts, an Kohlekraftwerke und Verbrennungsmotoren, und versuchen mit diesen so viel Geld wie möglich zu verdienen.
Der Umbau der Wirtschaft wird aufgeschoben und das, obwohl alle nationalen wissenschaftlichen Akademien, der Weltklimarat, und sogar NATO
und Pentagon vor den apokalyptischen Folgen des Klimawandels warnen.
Generationenkonflikt, das klingt nach vergangenen Zeiten, nach den
1960er-Jahren, nach Streit um zu lange Haare, oder nach Punks, die mit
Sicherheitsnadeln im Gesicht schockieren. Gerade im Westen, wo Eltern und
Kinder gemeinsam bei H&M und Levi’s einkaufen, Robbie Williams hören
und Serien wie O.C. California und Gossip Girl sehen, in denen die 15-jährigen Heldinnen die gleichen Kleider tragen wie ihre Mütter, hat man schon
fast vergessen, dass es so etwas wie jugendlichen Protest geben kann. Alle
Jugendbewegungen der letzten Jahrzehnte waren Pop-Phänomene: Techno,
Punk, Mods, Beatniks, Rock ’n’ Roll. Doch das Prinzip Pop hat sich erschöpft,
kein Musikstil, keine Haartolle und erst recht keine neuen T-Shirt-Stile
schockieren und provozieren heute noch. Dieses kulturelle Einverständnis
zwischen den Generationen verdeckt nun den Graben, der längst zwischen
Jung und Alt entstanden ist.
Denn die entscheidenden Fragen sind heute keine ästhetischen, sondern
naturwissenschaftliche: Ist es nötig und sinnvoll, fossile Brennstoffe abzuschaffen? Öl in der Erde, Kohle im Boden und Gas unter Gesteinsdecken
zu lassen? Bis 2030 alle Kohlekraftwerke abzuschalten? Die Antworten hierauf bestimmen, wer auf welcher Seite steht. Und wer welchen Film sieht.
Die UN-Klimagipfel waren seit vielen Jahren der Treffpunkt, an dem
die Jugendbewegung zusammenkam und der sie zum Wachsen brachte.
Freundschaften wurden geschlossen, Aktionen geplant, Kampagnen gestartet und die Idee der Jugendbewegung von Kontinent zu Kontinent getragen: 2005 in Montreal, Nordamerika, 2006 dann nach Afrika in Nairobi, 2007
in Asien, auf Bali in Indonesien, dann nach Europa, in Poznan 2008 und
Kopenhagen 2009.
Die Begeisterung war ansteckend. Das Jugendengagement ist nicht ohne
Tradition – schon 1992 beim Erdgipfel in Rio de Janeiro sprach die zwölfjährige Kanadierin Severn Suzuki zu den Delegierten. Ihre sechsminütige
Rede ist unter dem Titel »Das Mädchen das die Welt zum Schweigen brachte / The girl who silenced the world« ein Youtube-Hit mit 268.000 Klicks. Sie
sagte damals: »Ihr Erwachsenen müsst Euer Leben ändern«, und dann: »Ich
kämpfe für meine Zukunft.« Sie war die erste Klimakämpferin, nun folgen
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ihr Tausende. In Kopenhagen wird die erste Jugendrede von Christina Ora
gehalten, sie ist fast 18 und kommt von den Solomon Inseln. Sie ist jünger
als die UN-Klimakonvention und genau das sagt sie den Diplomaten: »Ihr
redet schon mein ganzes Leben lang über einen Klimavertrag. Ihr könnt
nicht noch mehr Zeit brauchen.«
Sechs Monate nach dem Treffen in Bonn beginnt in Kopenhagen die erste
Schlacht im Kampf um die Zukunft. Es geht um die ganz großen Dinge:
Macht, Sicherheit, Gerechtigkeit, Wohlstand. »Keine Entscheidungen über
uns ohne uns«, ist der Schlachtruf der jungen Aktivisten, die sich ihren Platz
inmitten von Top-Diplomaten und Regierungschefs erstritten haben. 1.500
Jugendliche aus 115 Ländern nehmen am Gipfel teil, mehr als je zuvor. Für
sie geht es hier nicht um Politik, sondern um ihr Leben. Wer heute 20 ist,
wird im Jahr 2050 60 Jahre alt sein – und all die Dinge erleben, vor denen
Wissenschaftler jetzt schon warnen: Dürren, Sturmfluten, Kriege. Die
Jugendaktivisten verzweifeln nicht, sie kämpfen darum, diese düsteren Zeiten zu verhindern. Sie haben verstanden: Wir können kein endloses Wachstum auf einem endlichen Planeten haben. In Kopenhagen betritt eine neue
Generation die Weltbühne, die politischste seit Jahrzehnten. Sie vertreten
Hunderte von Organisationen, kleinen NGOs – Nichtregierungsorganisationen: Non-Governmental-Organisations – und Studenteninitiativen. Sie
werden die Welt stärker verändern, als es die 68er getan haben: Denn alle
Technologien für eine komplette Revolution der Weltwirtschaft sind längst
erfunden, und nur solch eine gigantische Veränderung kann die planetare
Ökokrise noch aufhalten. Dafür sind die Aktivisten aus aller Welt nach
Kopenhagen gereist.
Was tun, wenn man sich wütend und machtlos fühlt? Deepa Gupta ringt
am Freitag vor dem Gipfelbeginn damit, ob sie einen Hungerstreik führen
soll. Ihre Freundin Anna Keenan aus Australien hat seit 29 Tagen nur Wasser getrunken, sie organisiert den internationalen Hungerstreik für Klimagerechtigkeit. Wenn US-Präsident Barack Obama in Kopenhagen ankommt,
wird Anna den 42. Tag ohne Essen verbringen. Deepa hat vor wenigen Tagen
begonnen zu fasten, aber sie muss wohl wieder aufhören, sonst schafft sie
es nicht, die Jugendlichen durch den Gipfel zu leiten. 160 Jugendliche aus
dem globalen Süden sind nach Kopenhagen gekommen, aus Nepal, Burundi, Fiji, Nigeria. Deepa leitet die Treffen, sie gibt ihr Wissen weiter. Eine halbe
Million Dollar Budget haben sie in den sechs Monaten seit dem Treffen während Bonn Two gesammelt. Ein Erfolg, aber jetzt beginnt die Arbeit.
Die Tage in Kopenhagen sind eine Gratwanderung zwischen Wut und
Hoffnung für die Klimaaktivisten. Die Werkzeuge für den Kampf sind här-
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ter als in Bonn. Deepa und Anna bereiten die Kampagne um den Hungerstreik vor, andere arbeiten an zivilem Ungehorsam, an Sit-ins und Störaktionen im Konferenzzentrum. Die Hoffnung, die sie auf die Staatschefs gesetzt
haben, wird enttäuscht. Die Europäer weigern sich, ihre Emissionsziele bis
2020 um 30 Prozent zu reduzieren, obwohl die Pläne dafür längst ausgearbeitet sind. Die Chinesen sind unberechenbar und Amerika blockiert – weil
der Kongress noch keine Klimagesetze beschlossen hat.
Während die Klimadiplomaten hinter verschlossenen Türen in Geheimtreffen um Details des Vertrags feilschen und in den Gängen die Experten
hunderter Nichtregierungsorganisationen versuchen, den Fortgang der Verhandlungen zu verfolgen, wirbt Deepa für den Hungerstreik. An den Ständen der Jugendorganisationen spricht sie Aktivisten aus den Delegationen
von Nepal und Australien an. Sie erklärt ihnen ihre Idee für einen Tag der
Solidarität, an dem Menschen rund um den Globus fasten. Sie hat ein kurzes Konzept geschrieben, zeigt es Ben vom Netzwerk Avaaz und Will von
350.org. Beide Organisationen haben Hunderttausende von Unterstützern
weltweit, die sie per E-Mail kontaktieren können und zum Fasten auffordern. Deepa weiß nicht, ob hier in Kopenhagen noch ein wirkungsvoller Vertrag entstehen kann, die Meldungen werden immer konfuser, selbst die TopExperten von Germanwatch und dem World Resources Institute wissen nicht
mehr, was passiert. Eine Mahnwache zu organisieren scheint ihr da etwas zu
sein, was sie kontrollieren kann.
Jenseits der Wut ist die junge Generation aber voller Hoffnung. Man muss
nur sehen, mit wie viel Liebe sie die Logos aus Windturbinen und Solarzellen für ihre Organisationen gestaltet haben, die auf T-Shirts, Aufklebern auf
Laptops und Smartphones prangen. Denn sie wissen: Alle Lösungen für die
Ökokrise sind längst erfunden. Neben Windparks und Solarkraftwerken,
smarten Stromnetzen von Nordafrika bis zum Nordkap und Elektroautos
gibt es industriell produziertes Bioplastik, ästhetische Plusenergie-Häuser
und Unternehmen für grüne Chemie, die mit ewigen Rohstoffkreisläufen
nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip arbeiten. Erneuerbare Energien sind der
große internationale Konsens. Es mangelt nicht an Ideen, nur am Mut, sie
umzusetzen. Den aber besitzen die jungen Klimaaktivisten.
Zwei Tage, bevor Kopenhagen endet, ist von dieser Hoffnung allerdings
nicht mehr viel zu spüren. Fast alle Umweltschützer sind aus dem Kongresszentrum ausgeschlossen worden, Deepa kommt nicht mehr rein, auch andere Organisationen wie Avaaz und 350.org haben keinen Zutritt. Die Wut ist
groß, die jungen Aktivsten organisieren Sit-ins und Protestmärsche, aber am
Ende müssen sie gehen. Sie haben sich in ein Kulturzentrum im Zentrum
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von Kopenhagen zurückgezogen, haben einen drahtlosen Zugang ins Netz
gelegt, Schreibtische aufgebaut und schreiben ihren Tausenden Unterstützern von hier. Inzwischen sind der britische Premierminister Gordon Brown,
der indische Premierminister Manmohan Singh und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel eingetroffen, in den Plenarsälen werden nur noch
Reden gehalten, nachts verhandeln die Staatschefs in kleinen Runden.
Inzwischen hat Deepa viele Menschen gefunden, die von der Idee für
einen Tag der Solidarität mit den Hungerstreikenden begeistert sind. Am vorletzten Tag des Gipfels fasten Kumi Naidoo, der Direktor von Greenpeace
International, Mary Robinson, die Ex-Präsidentin von Irland, und auch Vandana Shiva, Trägerin des alternativen Nobelpreises. Tausend Kopenhagener
Bürger haben sich angeschlossen, die durch eine Kunstaktion Klimadelegierte bei sich zu Hause beherbergen. Und rund um die Welt fasten 10.000 Menschen, die über die Verteiler von Avaaz und 350.org vom Hungerstreik gehört
haben. Anna Keenan hat jetzt 42 Tage lang nur Wasser getrunken.
Am Abend findet eine Mahnwache statt. Deepa moderiert. Es ist ruhig,
viele Kerzen brennen. Für die meisten ist es der erste Augenblick seit zwei
Wochen, an dem sie durchatmen und sich fragen, was sie von dem Wahnsinn dieses Klimagipfels halten. Die großen Hoffnungen auf einen fairen,
gerechten und verbindlichen Deal haben sich nicht erfüllt. Die Politiker sind
weit davon entfernt, das zu beschließen, was nötig wäre. Deepa holt den Sänger Ceesay auf die Bühne, er summt das Lied »Save the Climate«. Es liegt
wieder eine große, ruhige Entschlossenheit in der Luft. Alle, die hier sind,
haben gesehen und gespürt, dass sie nicht alleine sind, dass rund um die Welt
Menschen die Klimakatastrophe verhindern wollen.
Als einen Tag später Barack Obama, Angela Merkel und Manmohan
Singh das Bella Center verlassen haben und drinnen nur noch vier junge
Aktivisten den Diplomaten beim Streit über den Kopenhagen Accord zusehen, rufen die Demonstranten draußen »Climate Shame«, das Ergebnis des
Gipfels sei zum Schämen. Auch Deepa Gupta und Anna Keenan stehen in
der eiskalten Dezembernacht am Gitter vor dem Kongresszentrum. Sie werden weitermachen. Der Kampf um ihre Zukunft hat gerade erst begonnen.
Die Entdeckung der Jugendbewegung
Wenn man mit dem 100er-Bus in Berlin vom Tiergarten zur Friedrichstraße fährt, kann man aus dem Panoramafenster des Doppeldeckers den Ausblick auf die Solarmoderne genießen: Man sieht die gläserne Kuppel des
Die Gipfelstürmer
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Reichstags, die den Plenarsaal des Bundestags mit Sonnenlicht statt Neonlampen erhellt. Man kann versuchen, einen Blick auf die Dächer des PaulLöbe- und des Jakob-Kaiser-Hauses und ihre Solarpanels zu werfen. Dabei
fährt man über die Leitungen der Erdwärme-Heizung, die im Sommer die
Büros im Bundestag kühlt und sie im Winter wärmt. Das Parlament der Berliner Republik wird mit erneuerbarer Energie versorgt – komplett –, ein
Großteil kommt aus der Erdwärmeanlage und den Solarpanels auf dem
Dach, für den Rest wird Ökostrom eingekauft. Es ist das einzige Regierungsviertel weltweit, das schon im 21. Jahrhundert angekommen ist. Ein Stück
gebauter Konservatismus: Der CDU-Politiker Klaus Töpfer war Mitte der
1990er-Jahre für den Regierungsumzug zuständig und ließ den State-of-theArt deutscher Ingenieurskunst einbauen.
Als ich im Januar 2009 mit dem 100er an Kanzleramt und Reichstag vorbeifuhr, hätte der Kontrast zwischen dem, was ich sah und wusste und dem,
was ich hörte, nicht größer sein können. Denn neben mir saß der Leiter
des Vorstandsbereichs des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und
erzählte, wie es sei, führende Politiker zum Klimawandel zu beraten. Sie hörten heute durchaus ernsthaft zu, und viele können die Dramatik der Studien der Wissenschaftler auch verstehen. Deren Urteil ist klar: Entweder
Deutschland und der Rest der Welt schaffen schnell eine neue industrielle
Revolution und feuern ihre Wirtschaft nicht mehr mit fossiler Energie an.
Oder die steigende Erdtemperatur wird die Stabilität unserer Hochzivilisation massiv gefährden. Aber die Botschaft führt zu keinen Handlungen, entweder weil man keine Ideen hat, wie man eine so große Wende politisch
gestalten soll, oder weil man die Aussagen der Wissenschaftler behandelt,
wie die Forderungen einer weiteren Interessengruppe, eines Verbandes oder
einer Gewerkschaft. Dabei handelt es sich gar nicht um eine Forderung, sondern um eine in keiner Weise interessengeleitete, wissenschaftliche Diagnose. Das Ergebnis bisher: Ein bisschen Klimaschutz ja, aber auf keinen Fall
so, dass es auch nur einen kleinen Umbau bei den großen Automobilkonzernen fordern würde.
Es war kein Geheimwissen, was er ausplauderte: Auch kurz nach der
Finanzkrise, zu dem Zeitpunkt als die Wirtschaft ohnehin auf ein Konjunkturpaket wartete, kam keine Initiative für einen grünen Umbau der Wirtschaft. Stattdessen die Abwrackprämie für funktionierende Autos. Absatzförderung statt Umweltschutz.
Die Klarheit der Analyse machte mich an diesem Spätnachmittag wahnsinnig. Und wütend. In den letzten zwei Jahren hatte ich Solarunternehmer, Elektroautobauer und Wissenschaftler, die die Energiewende durch-
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rechnen, interviewt und in Magazinen vorgestellt. Die Lösungen für den Klimawandel sind längst erfunden. Sie wärmen unseren Abgeordneten im Winter das Büro und liefern den Strom für die Schreibtischlampe. Aber den Mut,
sie flächendeckend einzubauen und anzuschalten, brachte die Kanzlerin
nicht auf. Und auch kein anderer westlicher Regierungschef. Das ambitionierteste grüne Konjunkturprogramm während der weltweiten Finanzkrise wurde in Südkorea gestartet, wie der britische Guardian berichtete.
Ich ärgerte mich über meine eigene Naivität. Obwohl ich führende Autoren des Weltklimaberichts befragt und versucht hatte, in Berichten darüber
die Dringlichkeit eines Wandels zu vermitteln, hatte ich immer noch so eine
Haltung des »da kümmern die sich schon drum«. Irgendwie glaubte ich
lange, Bundespolitiker, Umweltverbände, Wissenschaftler würden das Problem für uns schon lösen. Angela Merkel ist schließlich nicht George Bush
und sie hat auch schon einen schmelzenden Gletscher besucht …
Aber ich sah, dass bei weitem nicht genug passierte. Das Gespräch im
100er-Bus war der letzte Anstoß, den ich noch brauchte, um zu kapieren,
dass »die« sich nicht drum kümmern. Und zwar nicht, weil sie das Problem
nicht sehen. Sondern weil sie keine Ahnung haben, wie sie genug Unterstützung finden könnten. Klimaschutz ist zu teuer, zu unpopulär – das ist immer
noch die Angst.
Aber es kann unmöglich sein, dass ich der einzige auf der Welt bin, der
versteht, dass Klimawandel das größte Problem unserer Zeit ist. So schlau
bin ich leider nicht. Millionen Menschen haben Al Gores Film »Eine unbequeme Wahrheit« gesehen, haben die Berichte über den vierten Report des
Weltklimarats IPCC im Jahr 2007 gelesen. Und wer das hat, weiß auch, dass
wir jetzt handeln müssen. Bevor die Arktis komplett schmilzt, bevor die
Regenwälder austrocknen und die Riffe im sauren Meerwasser ausbleichen.
»Was tun?« ist die entscheidende Frage. Wie können die Menschen, die die
Gefahr erkannt haben, umsteuern? Und zwar so, dass die Treibhausgase
weltweit weniger werden.
Wie begegnet man dem Gefühl der Machtlosigkeit? Wie schafft man es,
ein Stück Veränderung zu erkämpfen? Die Wissenschaft als alleiniger Motor
fällt aus, denn sonst hätten die Klimagipfel von 1992 in Rio de Janeiro bis
2008 in Poznan mehr Ergebnisse produziert. Die Wirtschaft fällt auch aus,
sonst würden sich große Konzerne wie die deutschen Automobilhersteller
nicht immer noch gegen den Klimaschutz sperren. Es bleiben also nur Menschen übrig, Individuen, Staatsbürger, wir und ihr. Es geht darum, den Verhältnissen den Wandel abzutrotzen. Einfluss und Mitsprache zu erreichen.
Um die größte Herausforderung unserer Zeit zu meistern.
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Eine erste Idee wie das gehen könnte, fand ich auf der Utopia-Konferenz
2008 in Berlin. Utopia.de ist die deutsche Online-Community für nachhaltigen Konsum. Einmal im Jahr veranstalten sie eine Konferenz, zu der sie
Vordenker der grünen Industrie und der Klimabewegung einladen. Dort
sprach ich mit Greg Craven, einem Chemielehrer aus Oregon und dem
Regisseur, Kameramann und Hauptdarsteller des »gruseligsten Videos, das
du je gesehen hast«, einem Youtube-Hit mit acht Millionen Zuschauern. In
neun Minuten erklärt er sehr nüchtern – abgesehen von ein paar spektakulären Magnesiumexplosionen – warum Klimawandel das dringendste Problem unserer Zeit ist. Er räumt alle Argumente von Skeptikern und Leugnern vom Tisch – auf eine Art, die auch Laien kapieren. Das macht ihn so
sympathisch und sein Video so erfolgreich.
Greg sagte, es brauche eine Bewegung von Menschen. Er hoffe auf Versuche, Menschen zusammenzubringen, auf die Evolution: Es brauche Hunderte, Tausende Versuche, einige würden als Virus zünden und es schaffen,
die Klimabewegung zu organisieren. Ich stimmte zu: Meine Energiesparlampen und mein Ökostrom sind gut und schön, aber für echten Wandel
braucht es gemeinsames Handeln – Politik im besten Sinne eben.
Ich hatte kurz zuvor das Buch »Here comes Everybody« des InternetGurus Clay Shirky von der New York University gelesen. Shirky schreibt auf,
wie das Internet unsere Gesellschaft verändert. Wie es Menschen die »Macht
sich zu organisieren« gibt –, und wie das auch ohne Organisationen zu schaffen ist. Ein Beispiel begeisterte mich besonders: Die Fans der amerikanischen Fernsehserie »Jericho« waren enttäuscht, als ihre Serie abgesetzt
wurde. Sie dachten, die Programmplaner seien verrückt – »nuts«. Also organisierten sie sich im Internet auf einer Website und koordinierten ihren Protest. Sie schickten Nüsse – »nuts«. Um genau zu sein 25 Tonnen Erdnüsse,
die an das Büro des Fernsehsenders geschickt wurden. Die Poststelle brach
zusammen, zu viele Nüsse. Tausende Protestmails wären wohl ignoriert worden, so aber wurde »Jericho« zurück ins Programm genommen.
»Überraschender Protest, organisiert über das Internet«, so könnte die
Formel lauten, diskutierte ich mit Greg. Aber wie geht das genau?
Ich hatte keine Ahnung, aber war immer noch so wütend über die Trägheit der Klimapolitik, dass ich ein Experiment startete. Ich begann eine –
hoffentlich virale – Kampagne für einen »Green New Deal« und eine kohlendioxidfreie Weltwirtschaft. »Kohle nur noch zum Grillen« war der Slogan und ich würde ein dickes Paket Holzkohle an Angela Merkel schicken.
Wenn ich Tausend Mitstreiter überzeugen würde, bekäme sie eine Tonne,
genug, um zu reagieren, hoffte ich. Weil »Kohle für Angela« für eine welt-
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weite Kampagne zu lahm klingt, registrierte ich die Website coalforobama.org.
Dann lernte ich meine erste Lektion im Bewegungsaufbau: Man muss
ständig andere Menschen begeistern und überzeugen, damit sie mitmachten. Ohne Begeisterung keine Bewegung, keine Masse. Ich überzeugte eine
Grafikerin, ein Logo zu designen und unser Manifest als PDF zum Download hübsch zu machen. Andere Freunde drehten ein Video für Youtube.
Man sah, wie ich das erste Paket packte und schickte. Dann riefen wir zum
Flashmob auf: gemeinsames Pakete-Schicken. An einem Samstag kamen tatsächlich gut 25 Berliner Klimaschützer zum Hermannplatz in Neukölln, um
gemeinsam Kohle im Baumarkt zu kaufen und dann per CO2-neutralem
Paket an Angela Merkel zu schicken.
Hinterher gab es natürlich doofe Fragen aus der Utopia-Community:
»Was, wenn das jeder macht? Habt ihr schon mal über die Emissionen durch
die Holzkohle nachgedacht.« Ich war etwas erstaunt und merkte, dass man
symbolischen Protest offensichtlich sehr gut erklären muss. Aber es gab auch
spontane Unterstützer: In Oxford wurden Pakete an Gordon Brown verschickt, inklusive Video auf Youtube, auch in Köln drehte eine Mitstreiterin einen Film. Wir gewannen sogar einen Celebrity-Supporter: Der Rapper Jan Delay schickte zwei schwere Braunkohlebriketts an Angela Merkel
und unterschrieb unser Manifest.
Trotzdem starb unser Virus: Nach einem ersten Bericht auf wir-klimaretter.de blieb das Medienecho aus, Kohle-Verschicken wurde keine Massenbewegung, und Angela Merkel antwortete nicht.
Aber die Aktion hatte meinen Blick geschärft. Ich entdeckte auf einmal
junge Aktivisten, die viel besser als ich virale Kampagnen organisierten: Eine
weltweite Jugendbewegung von Klimakämpfern formiert sich. Sie gründen
Unternehmen, setzen Politiker unter Druck und ziehen Kampagnen durch.
Digital, global, radikal.
Ich führte Video-Interviews auf Skype, fuhr zu den Klimaverhandlungen in Bonn und Kopenhagen und lernte die Klimakämpfer kennen. Will
Bates und Jeremy Osborn haben nationale Aktionstage in den USA organisiert mit Tausenden Demonstrationen. Mit der Kampagne 350.org organisieren sie die Aktionen auf der ganzen Welt. Deepa Gupta hat Zehntausende Inder über den Klimawandel informiert und Hunderte von ihnen zu einer
starken Koalition zusammengebracht, dem Indian Youth Climate Network.
Die australische Jugendklimakoalition hat über 50.000 E-Mail-Adressen in
ihrem Verteiler gesammelt, um Aktionen zu stemmen – eine Massenorganisation von Studenten. Sena Alouka aus dem kleinen westafrikanischen
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Land Togo hat seine Jugendumweltorganisation JVE über Westafrika ausgebreitet und ist dabei, in jedem afrikanischen Land ein Büro zu eröffnen.
In Wuxi bei Shanghai traf ich Wan Zhenhua und Walker Frost. Beide sind
noch keine dreißig und arbeiten bei Suntech, dem zweitgrößten Solarunternehmen der Welt; jedes Jahr machen sie Solaranlagen billiger und besser
und treiben damit den Wandel der erneuerbaren Energie-Industrie an. Und
ich lernte Wolfgang Gründinger kennen, 28, einen Pionier der deutschen
Jugendaktivisten, der die Kampagne »klimaneutraler Bundestag« mitorganisiert. Sie haben erstritten, dass auch der Strom, den der Bundestag aus
dem Netz bezieht, Ökostrom ist.
Die Avantgarde der Klimaretter
Es ist eine Avantgarde der Klimaretter, die sich zusammenschließen. Sie probieren aus, wie man Protest über das Internet so organisiert, dass er in der
real world Politik verändert.
Zwei Gefühle sind es, die diese Bewegung tragen. Zum einen ist es die
Wut, dass die Welt sehenden Auges in die Klimakatastrophe steuert. Seit
über 20 Jahren warnen Wissenschaftler in Studien über Studien vor der Erderwärmung, längst ist durchgerechnet, dass sich die Investitionen in Klimaschutz lohnen, dass sie die Welt sicherer und lebenswerter machen – trotzdem passiert nichts. Die Generation von fossilen Politikern und Managern
jenseits der fünfzig beharrt darauf, dass Veränderung unseren Wohlstand
bedrohe. Die Jugend hat längst verstanden, dass Wohlstand, Sicherheit und
Stabilität nur noch zu halten sind, wenn die Wirtschaft sich drastisch wandelt – wenn sie kohlenstofffrei wird. Und zwar so schnell es geht.
Zum anderen sind es Hoffnung und Optimismus, die die Avantgarde
bewegen. Hoffnung, den gefährlichen Klimawandel noch aufzuhalten, und
ein großer Optimismus, dass wir mit Solaranlagen und Windturbinen, mit
nachhaltiger Landwirtschaft und Waldschutz die Kohlendioxid-Emissionen
senken können. Es ist eine gewaltige Neugier auszuprobieren, wie intelligente Stromnetze für Elektroautos und Windstrom funktionieren, wie Städte mit viel mehr Fahrrädern und Fußgängern funktionieren, mit Car-Sharing und Hochgeschwindigkeitszügen.
Je länger ich recherchierte, umso sicherer wurde mein Urteil: Wir sehen
die Geburt der größten Jugendbewegung aller Zeiten, politischer und internationaler als es die 68er je waren. Internationale Solidarität ist dank Facebook, Wikis und Google.docs keine Parole, sondern Realität. Dies ist die
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erste wahrhaft globale Jugendbewegung. Sie wächst in Mikronesien, Westafrika, Mittelamerika, Amazonien, Indien und China genauso wie in Australien, den USA und Europa. Sie wird die Welt stärker prägen, als die 68er es
auch nur erträumt haben. Die Klimabewegung ist das Herz einer Generation, die als unpolitisch, chatsüchtig und konsumorientiert abgeschrieben
wird, dabei ist sie in Wahrheit gerade dabei, Weltpolitik neu zu definieren.
Man kann von der Klimabewegung nicht schreiben ohne – kurz – die
68er zu erwähnen. Wenn man von Jugendbewegung spricht, denkt vielleicht
mancher an die Lebensreformer und andere Bewegungen Anfang des 20.
Jahrhunderts, rund um die Welt denken die meisten Menschen wohl an die
Studentenbewegung der 1960er-Jahre. Anti-Vietnam-Demonstrationen in
den USA, der Streik vom Mai 68 in Paris, Proteste gegen den Besuch des
Schah in West-Berlin. Das Standardbild für Wandel von Gesellschaft und
Kultur sind die 68er. Die Klimabewegung kommt ohne den Hedonismus
von »Peace, Love, Rock ’n’ Roll« aus, ohne Joints und ohne Woodstock. Das
macht sie für manche schwieriger zu sehen. Es fehlt der revolutionäre
Gestus, Institutionen wie Ehe, Büro-Karriere und bürgerliche Angepasstheit
einzureißen.
Die Klimakämpfer sind dagegen viel pragmatischer. Sie verschwenden
nicht Jahre auf ideologische Diskussionen über den Kapitalismus – und nehmen dann trotzdem den Kampf gegen die mächtigsten Unternehmen in der
Geschichte des Kapitalismus auf: die Erdöl-, Kohle-, Auto- und Flugzeugunternehmen. Dabei sind die Verhältnisse von radikal und konservativ auf
den Kopf gestellt. Die Forderung der Jugend – kohlenstofffreie Weltwirtschaft – gilt als radikal, unbezahlbar und wohlstandsbedrohend. Dabei sind
es nur die Geschäftsmodelle der fossilen Industrie, die bedroht werden. Und
die vermeintlich radikalen Forderungen stützen sich auf die Studien der
besten Physiker, Chemiker und Klimaforscher der Welt – also eher alten,
grauhaarigen Männern, die in den nationalen wissenschaftlichen Akademien sitzen. Einem eher ungewöhnlichen Ort für radikale Forderungen. Die
Jugend fragt nicht nach irren Dingen wie freier Liebe oder »Smash Capitalism«. Sie will nur auf die Wissenschaftler hören.
Und das Ziel ist auch kein radikaler Wandel, sondern das Bewahren der
Klimastabilität der letzten 10.000 Jahre. Erst in den letzten 6.000 Jahren
haben sich die menschlichen Hochzivilisationen entwickelt – die Klimastabilität ist Grundlage ihrer Existenz. Das »Business as Usual«, also das Weiter-so der internationalen Business-Gemeinschaft führt dagegen zum wirklich radikalen Wandel, der mit »hell and high water«, Hölle und Hochwasser, wohl ganz gut beschrieben ist: Mehr Stürme, Überschwemmungen, Dür-
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ren und Waldfeuer, saure Meere, steigender Meeresspiegel. Und mehr:
Schließlich ist der Klimawandel das sichtbarste und umfassendste der planetaren Ökoprobleme; aber das Artensterben, die durch Landwirtschaft
gestörten Phosphor- und Stickstoff-Kreisläufe, die zunehmende Entwaldung
gehören auch dazu. Sie müssen gemeinsam gelöst werden, weil sie stark voneinander abhängen.
Wie viele Klimaretter gibt es, die sich wehren? Niemand hat die Bewegung gezählt, aber es gibt ein paar Zahlen, an denen man ablesen kann, dass
es um Zehn- bis Hundertausende hoch motivierte Aktivisten geht und Millionen von sympathisierenden Unterstützern. Bei den weltweiten Aktionstagen der Kampagne 350.org organisierten im Jahr 2009 Freiwillige 5.200 Events
in 181 Ländern. Manchmal kamen nur ein Handvoll, anderswo, wie zum Beispiel in Addis Abeba, gleich 15.000. Im Schnitt von zehn Teilnehmern auszugehen ist sicherlich nicht hoch gegriffen. Dann bleiben 5.200 Organisatoren und mindestens 52.000 Teilnehmer – eher mehr. Ein Jahr später waren
es beim zweiten Aktionstag schon über 7.000 Events in 193 Ländern.
Bei der Kampagne 10:10 registrieren sich Aktivisten, die ihre eigene CO2Bilanz um zehn Prozent reduzieren wollen – in ganz Großbritannien haben
das 76.294 Personen getan (Stand April 2011), 116.200 weltweit. Die australische Jugendkoalition hat allein einen E-Mail-Verteiler mit 50.000 Adressen.
Bei der amerikanischen Kampagne für Erstwähler unterschrieben 2008
350.000 junge Amerikaner ein Bekenntnis zu »Clean Energy« als Prüfstein
für ihre Wahlentscheidung.
Eine Demonstration organisieren oder die eigene Emissionsbilanz angehen zeugt von hoher Motivation – es geht auch mit weniger Einsatz. Bei
der größten Kampagne klassischer Umweltorganisationen »Tck Tck Tck«
unterschrieben in den Jahren 2009 und 2010 17 Millionen Menschen die
Forderung nach einem gerechten, ehrgeizigen und rechtlich verbindlichen
Klimaabkommen. Es sind also genügend Menschen da, um weltweit Kampagnen und Aktionen zu starten – und ausreichend Unterstützer, um diesen zu politischem Gewicht zu verhelfen. Die trickreiche Aufgabe ist es eher,
ihre Stimmen so zusammenzubringen, dass sie tatsächlich gehört werden.
Wie groß ist die Bewegung? Diese Frage geht an einem wichtigen Teil
der Situation noch vorbei. Man muss auch fragen: Wie groß ist die Generation? Denn die Klimabewegung ist nur die Vorhut einer globalen Generation, die auf einem heißen Planeten mit knappen Ressourcen leben und
überleben muss. Für sie wird die Frage nach sauberer Energie, ausreichend
Wasser, Nahrung und nicht zusammenbrechenden Ökosystemen lebensbeherrschend und lebensentscheidend sein. Seit dem ersten Earth Over-
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shoot Day im Dezember 1987 (dem kalendarischen Datum, an dem die
Gesamtmenge der von der Menschheit konsumierten Ressourcen das Vermögen der Erde übersteigt, diese Ressourcen im selben Jahr zu regenerieren) sind weltweit 3,019 Milliarden Menschen geboren worden. Über drei
Milliarden Jugendliche unter 25 leben heute auf der Erde. Sie sind groß
geworden in Zeiten, in denen die Menschheit längst mehr Ressourcen verbraucht, als der Planet zur Verfügung stellt. Seitdem ist der Overshoot Day
nach vorne gewandert, 2010 fand er am 21. August statt. (Der britische
Think Tank Global Frootprint Network berechnet ihn Jahr für Jahr.) Die
drei Milliarden Mitglieder der Facebook Generation müssen mit den
schwindenden Ressourcen und dem sich beschleunigenden Klimawandel
fertig werden – ob sie wollen oder nicht.
Und gerade für die deutsche Debatte, die bisher doch sehr auf Überalterung und Methusalem-Komplotte fixiert war, ist es wichtig zu verstehen,
dass wir auf einem unglaublich jungen Planeten leben. Das alternde Europa ist keineswegs der Normalzustand. Zählt man zu den drei Milliarden
unter 25 noch alle Menschen unter 35 dazu, so steht man vor der fast unfassbaren Masse von 4,5 Milliarden Erdenbürgern, die jünger als 35 sind. Das
sind viel mehr als die Hälfte der 6,9 Milliarden Menschen. (Alle Zahlen aus
dem Jahr 2011 vom US Census Bureau). Natürlich sind sie nicht gleich verteilt über die Welt, sondern die meisten von ihnen leben in Entwicklungsund Schwellenländern: In Afrika, Indien, China, Brasilien …
Diese Größe ist Risiko und Chance zugleich. Spätestens seit den Revolutionen in Ägypten, Tunesien und dem Jemen (70 Prozent der Bevölkerung
sind hier unter 30 Jahre alt) ist klar, welche Veränderungskraft diese Jugend
entfalten kann. Und dass dafür die Fragen nach genügend Jobs, nach
erschwinglichen Nahrungsmitteln und Aufstiegsmöglichkeiten entscheidend sind. Alles Dinge, die durch die Antwort auf die Klimakrise mit betroffen sind. Wenn das Klimaproblem nicht in den nächsten Jahren konsequent
angegangen wird, würde dies alle anderen Entwicklungschancen drastisch
verschlechtern.
Das ist auch der Grund, warum man sicher sein kann, dass die Klimabewegung nicht verschwindet. Die Probleme werden nicht über Nacht verschwinden. Im Gegenteil, sie werden dringender.
Es ist beeindruckend zu sehen, wie diese Generation die Nerven behält.
In der letzten Nacht des Kopenhagener Klimagipfels sprach ich mit Aisha
Nyaz, 26, einer Aktivistin von den Malediven. Sie hat Umweltmanagement
studiert, die Erosion der Strände auf den Inseln ihrer Heimat im indischen
Ozean gemessen und dokumentiert. Während das Plenum der Klimadiplo-
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maten den schwachen »Copenhagen Accord« diskutierte, erzählte Aisha,
wie sie den nächsten südasiatischen Jugendgipfel organisieren will, um Klimakoalitionen in Nepal, Sri Lanka, Pakistan und Afghanistan aufzubauen.
»Seit 2.000 Jahren leben Menschen auf den Malediven. Ich kämpfe dafür,
dass wir bleiben können«, sagt Aisha.
Diese Generation, die mit Napster, Google Earth und Facebook aufgewachsen ist, hat zwischen all den Ablenkungen den Blick für das wirklich
Wichtige gewonnen. Sie lässt sich nicht mehr von den Jungs in Anzügen
erklären, Quartalsergebnisse und Börsenkurse seien der Maßstab der Welt.
Sie weiß, es ist Zeit, die wirklich wichtigen Probleme zu lösen. Eine gigantische Umweltkrise droht den Planeten für Milliarden Menschen unbewohnbar zu machen.
Zeit zu handeln.
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