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Der Wandertag kommt aus Jena oder: Wie man sein Studienfach

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Johannes Dannecker/Katharina Schumann:
Der ,Wandertag’ kommt aus Jena oder: Wie man sein Studienfach mit seinem
Studienort verbinden kann
Einige horchen auf, als die studentischen Stadtführer erzählen, dass der Wandertag einst in
Jena entwickelt wurde. Erinnerungen an eigene Erfahrungen mit diesem Element der
Schulzeit tauchen auf …
Erfahrungsgemäß wissen die meisten Studierenden der Erziehungswissenschaft und
Pädagogik zwar um die Hauptströmungen ihres Fachbereichs und Namen und Schriften
wegweisender Wissenschaftler, können aber anderseits kaum sagen, welch
erziehungswissenschaftlich interessante Geschichte der eigene Studienort genommen hat
und wie sich diese Entwicklung anschaulich und nachvollziehbar demonstrieren lässt. Dabei
bieten gerade die alten Universitätsstädte eine Vielfalt an Möglichkeiten die Geschichte so
gut wie jedes Studienfaches zu entdecken und eine gelungene Verknüpfung des
Studienfachs mit dem Studienort herzustellen, was auch die Identifikation mit der eigenen
Universität fördern dürfte. In Zeiten der der Suche nach alternativen Finanzierungsmodellen
an der Hochschule und Gründungen von Alumnivereinen sicher eine effiziente und
langfristige Kreation.
Den eigenen Studienort entdecken …
Wenn man in Jena nach den Wurzeln des eigenen Faches zu forschen beginnt, sieht man
sich hier einer jahrhundertelangen Entwicklung und Tradition gegenübergestellt; Eine kaum
fassbare Fülle an Material gibt die Möglichkeit zu ausgiebigen Recherchen. Ansätze zu einer
Reise durch die lokale Geschichte des eigenen Fachs sind in Jena bereits durch die vielen
an den Häusern angebrachten kleinen Schilder mit der kurzen Erwähnung des Namens und
der wichtigsten Lebensdaten gegeben. Ein Seminar des Erziehungswissenschaftlichen
Instituts1 begab sich auf die Spuren berühmter Pädagogen, für die Jena eine wichtige Station
ihrer Lebens- und Schaffenszeit war, und entwickelte ein Hochglanz-DIN A 0-Plakat mit einer
Übersicht verschiedener Wirkungsstätten. Zur Ermittlung der relevanten Informationen
wurden Internet- und Literaturrecherchen (unter Zuhilfenahme des Amts für Denkmalschutz,
des Stadtarchivs und der Touristeninformation) sowie ExpertInneninterviews (z. B.
UniversitätshistorikerInnen) und durchgeführt. Auf diese Weise konnte erforscht werden,
welche pädagogisch relevanten Persönlichkeiten in Jena gewirkt haben und welche
überregional und für die Entwicklung der Erziehungswissenschaft Bedeutung erlangten.
Nachdem das Interesse an der Geschichte des eigenen Fachs entfacht war, nutzten einige
Unerschrockene das vorgearbeitete Material, setzten ihre Recherchen fort und entwickelten
einen ‚Pädagogischen Stadtspaziergang’. Zur vertieften Ausarbeitung wurden die einzelnen
Stationen auf die TutorInnen verteilt, die diese eigenverantwortlich entwickelten. Bei der
Erstellung dieser Gliederung waren verschiedene Umstände zu beachten: Die Orte sollten
nah beieinanderliegen und eine möglichst nachvollziehbare Abfolge der Punkte bieten;
allgemein sollte der Rundgang nicht länger als zwei Stunden dauern und außerdem
zwischendurch Stationen beinhalten, an denen sich die Zuhörer vom langen Stehen und
Laufen ausruhen könnten.
… und mit der Tradition des Studienfaches verbinden.
In einen vertretbaren Zusammenhang gebracht, kann man sich nun innerhalb dieses
Stadtspaziergangs die pädagogische Geschichte Jenas ,erlaufen’. Einige für die
pädagogische Geschichte Jenas hochinteressante Orte sind im Bereich der Grietgasse
aufzufinden (hinter dem Kino Capitol). So war am Standort der heutigen Stoy-Schule (wovon
aber nur der Name übriggeblieben ist) die Johann-Friedrich-Schule, die Karl Volkmar Stoy
1
Das Seminar ‚Pädagogische Orte in Jena’ fand im WS 2004/05 angeleitet von Frau Dr. Heidrun
Ludwig an der Friedrich-Schiller-Universität Jena statt.
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(1815-1885) erbauen ließ, um in der Volksschulstruktur den Lehrernachwuchs auszubilden.
Der direkte Schüler Johann Friedrich Herbarts (1766-1841) (vgl. Coriand 1999, S. 9) hat sich
sehr um die Lehrerausbildung verdient gemacht und war in dem Sinne für unsere Zeit sehr
modern, als dass er Theorie und Praxis verband (vgl. ebd., S. 9-10), was in der heutigen
Lehrerausbildung erneut gefordert wird (vgl. Beutel/Gröschner/Lütgert 2006, S. 5). Leider
sind Überreste aus dieser Zeit nicht mehr sichtbar vorhanden, denn an die Stelle der
Johann-Friedrich-Schule von Stoy in der Paradiesstraße trat ein neues Gebäude aus dem
ausgehenden 19. Jahrhundert. Lediglich ein dort angebrachter Gedenkstein erinnert noch an
den prägenden Pädagogen.
Pädagogisch geht es weiter, vorbei an der Grietgasse 11 (die Sitz der
Erziehungswissenschaftlichen Anstalt war und ab 1925 auch für Teile der Universitätsschule,
der Jenaplanschule, genutzt wurde) zu einem nun sanierten roten Backsteingebäude, der
Grietgasse 17a. Mittlerweile ist hier die Volkshochschule eingerichtet und setzt damit die
Tradition eines pädagogischen Ortes fort. Tafeln im Eingangsbereich erinnern daran, dass in
diesem Haus nacheinander zwei bedeutende Pädagogen wirkten: Wilhelm Rein führte hier
seine Seminarschule von 1885-1923 ein und Peter Petersen (1884-1952), sein Nachfolger
auf dem pädagogischen Lehrstuhl, entwarf an diesem Ort sein Jenaplan-Schulmodell.
Dieses Konzept erfreut sich gerade seit dem letzten Jahrzehnt wieder wachsender
Beliebtheit, da es in moderner Form schülerorientiert Lehrinhalte vermittelt. Im sogenannten
Jena-Plan wurden verschiedene reformpädagogische Bestrebungen zusammengeführt und
zu einem Gesamtkonzept verdichtet. Die Klassen wurden weitgehend zusammengezogen,
da schon aus Platzgründen anderes wenig praktikabel zu sein schien. Petersen erlangte mit
diesem Konzept internationale Bedeutung und warb in der ganzen Welt dafür. Umstritten ist
seine Rolle aber in der Zeit des Nationalsozialismus; zwar war er nie Parteimitglied, ging
aber zumindest sehr pragmatisch vor und versuchte, sein Schulmodell im Sinne der
nationalsozialistischen Erziehungsvorstellungen zu interpretieren.
Ein weiterer erziehungswissenschaftlich und pädagogisch relevanter und interessanter Ort
ist das Collegium Jenensis, wo man am Gründungsort der Hohen Schule auf eine nun fast
450jährige ununterbrochen universitäre Geschichte zurückblicken kann. Die Universität
gehört damit zu den traditionsreichsten auf deutschem Boden. Dem Gründer der Universität,
Johann Friedrich I. (1503-1554), von den Studenten ,Hanfried’ genannt, ging es nach dem
Verlust der Universität im kursächsischen Wittenberg infolge der Schmalkaldischen Kriege
darum, eine neue evangelisch-theologische Fakultät zu begründen, um den
Pfarrernachwuchs in der rechten lutherischen Lehre ausgebildet zu wissen (vgl. SchnabelSchüle 2006, S. 219).
Auch in Bezug auf die Volkshochschulbewegung gingen wegweisende Schritte von Jena
aus; es sind hier Herman Nohl (1879-1960) und Wilhelm Flitner (1889-1990), beide auch als
Vertreter der Geisteswissenschaftlichen Pädagogik bekannt, zu nennen (Röhrs/Scheuerl
1989, S. 9). Die Jenaer Volkshochschule wurde von Adolf Reichwein (1898-1944)
weitergeführt. Dieser ist durch seinen Widerstand gegen das Nazi-Regime bekannt
geworden, da er sich im Kreisauer Kreis, der Organisation um das Stauffenberg-Attentat vom
20. 07. 1944, bewegte. Auch in der Museumspädagogik hat er bis heute Wegweisendes
geleistet.
Die erziehungswissenschaftliche und pädagogische Geschichte kann aber nicht nur isoliert
betrachtet werden, sondern benötigt ebenso den Blick auf die gesellschaftspolitischen
Umstände ihrer Zeit. So lernt man auch einiges über das sogenannte ‚Silberne Zeitalter’
Jenas der Industrialisierung durch die optische Industrie. Diese war für Jena von zentraler
Bedeutung, da hierdurch auch kulturelle Einrichtungen gefördert wurden und die Nachfrage
nach einer Erwachsenenbildung wuchs.
Den Abschluss des Pädagogischen Stadtspaziergangs bildet das Universitätshauptgebäude,
welches ein Beweis für die Expansion der Hochschule ist (vgl. Schmidt/Elm/Steiger 1983, S.
128 ff.; Steinmetz 1958, S. 504) und zahlreiche Referenzen zur klassischen Zeit herstellt, als
Friedrich Schiller (1759-1805) hier Professor und Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
Kulturminister war. Die Alma Mater Jenensis erlebte hier ihre Glanzzeit und galt als eine der
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besten Universitäten (vgl. Steiger 1991, S. 36). In der Aula des Hauptgebäudes wird auf
einige bedeutende Professoren der Universität verwiesen. Ihre Gemälde sind auf der rechten
Längsseite aufgehängt (beispielsweise Erhard Weigel (1625-1699) und Ernst Haeckel (18341919)). Des Weiteren bietet das Gemälde „Auszug deutscher Studenten in den Freiheitskrieg
von 1813“ von Ferdinand Hodler (1853-1918) den Aufhänger für die Darstellung der
Befreiungskriege. Dieser nationale, stark studentisch geprägte Widerstand gegen die
französische Besatzung wurde u. a. von Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), Friedrich
Ludwig Jahn (1778-1852), Lorenz Oken (1779-1851), Heinrich Luden (1778-1847) und
Jakob Friedrich Fries (1773-1843) pädagogisch gelenkt (vgl. Fichte 1960, S. 17; Steiger
1989, S. 154). Thematisch dazugehörig soll das Burschenschaftsdenkmal an die Gründung
der Urburschenschaft am 12. 06. 1815 (vgl. Steiger 1991, S. 29) erinnern.
Der Stadtrundgang endet an der Büste von Jenas berühmtestem Professor, dem
Namenspatron der Universität: Friedrich Schiller. Für die Erziehungswissenschaft und
Pädagogik ist er u. a. durch seine ,Ästhetischen Briefe’ und der darin postulierten
Anthropologie von großer Bedeutung. Es wird hier die Bedeutung des Spiels für den
zwischen Stoff- und Formtrieb gefangenen Menschen dargestellt (vgl. Schiller 2000).
Interessanterweise wurde zur Einweihung des Universitätshauptgebäudes im Foyer vor der
Aula ein Schriftzug Schillers angebracht2, obwohl noch nicht gewusst werden konnte, dass
die „Thüringische Landesuniversität“ (Steinmetz 1958, S. 559) im Jahre 1934 nach ihm neu
benannt werden würde (vgl. Steinmetz 1959, S. 625).
… verhilft dazu, die eigene Sichtweise auf sein Fach zu prägen.
Anhand der selbstständigen Beschäftigung mit der Geschichte einzelner Exponenten einer
wissenschaftlichen Disziplin wird die gesamte disziplinäre Wissenschaftsgeschichte
lebendig. Anhand der ehemaligen Wirkungsstätten von Pädagogen rückt das theoretische
Wissen aus den Geschichtsbüchern in das aktuelle Lebensumfeld. Die Disziplingeschichte
wird somit zum Erlebnis und zeigt die Dynamik des eigenen Faches auf. Handelnde
Personen gewinnen an Gestalt und ihre Ideen werden im Zusammenhang ihrer Zeit
verständlicher.
Die Entwicklung unseres Stadtspaziergangs war einer Reise ähnlich. Wir haben lange
konzentriert auf ein Ziel hingearbeitet und einen Stadtrundgang entwickelt, der für
Erstsemester, aber auch für Nicht-Studenten und Dozenten gleichermaßen interessant sein
dürfte. Wir haben unseren Gesichtskreis erweitert und sind in vorher nicht ausgelotete
Gebiete vorgestoßen. Der Stadtspaziergang ist bereits in einem weiterführenden Seminar
weiterentwickelt worden.
Wenn jemand eine Reise tut …
Karl Volkmar Stoy gilt als Begründer des heutzutage allseits bekannten Wandertages. Er
wanderte mit der Oberklasse im Jahre 1853 innerhalb von drei Tagen von Jena zum
Inselsberg. Die Klasse hatte sich schon ein Jahr lang durch Verzicht und
Spendensammlungen sowie in einzelnen Unterrichtsfächern (wie Geographie, Geschichte,
Turnunterricht) auf diese „Fußreise“ (Mollberg 1898, S. 44) vorbereitet. Sie war eine
sinnvolle pädagogische Methode, um „die Erweiterung des Gesichtskreises unserer Schüler
durch Sprache und Raum“ (ebd.), das Lernen durch Erfahrung und eigene Anschauung zu
ermöglichen (vgl. ebd., S. 47). Heutzutage erinnert auf dem Inselsberg ein im September
2006 erneuerter Gedenkstein an diese Wandertage: „K. V. Stoy. Seine Jenaer
Schulgemeinde auf der Reise 1885.“ (ebd., S. 43).
2
Diese Information verdanken wir ANKA ZINSERLING und MICHAEL PLATEN.
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Die Autoren:
Katharina Schumann, M.A. Promotionsstipendiatin im DFG-Graduiertenkolleg „Bioethik“ der
Universität Tübingen, Alumna und ehemalige Lehrbeauftragte der Friedrich-SchillerUniversität
Johannes Dannecker, Student an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, zuvor
Friedrich-Schiller-Universität Jena und Turun Yliopisto in Turku/ Finnland
Literatur:
Beutel, S.-I./Gröschner, A./Lütgert, W. (2006) (Hrsg.): Lehrerbildung im Wandel. Eine
Expertenbefragung zu den Perspektiven einer inhaltlichen und strukturellen Reform. Jena: IKS
Garamond.
Coriand, R. (1999): Das Schrifttum Karl Volkmar Stoys. Weinheim: Deutscher Studienverlag.
Coriand, R. (2000): Karl Volkmar Stoy und die Idee der Pädagogischen Bildung. Würzburg: Ergon.
Döpp, R. (2003): „... doch irgendwie mittendrin...“: „Jena-Plan“ im Nationalsozialismus. Ein Beitrag zur
„Alltagsgeschichte“ der NS-Zeit, In: Hoßfeld, U. [u.a.] (Hrsgg.): „Kämpferische Wissenschaft“.
Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus, Köln [u.a.]: Böhlau, S. 794-821
Fichte, J. G. (1960): Über patriotische Erziehung. Pädagogische Schriften und Reden. Ausgewählt
und eingeleitet von Heinz Schuffenhauer. Berlin: Volk und Wissen.
Kluge, B. (1992): Peter Petersen. Lebenslauf und Lebensgeschichte. Auf dem Weg zu einer
Biographie. Heinsberg: Dieck.
Mollberg, A. (1898): Bilder aus dem Leben einer Volkschule. Zur Erinnerung an Karl Volkmar Stoy und
seine Johann-Friedrich-Schule. Jena: Frommann’sche Hofbuchhandlung (Armin Bräunlich).
Röhrs, H./Scheuerl, H. (1989): Richtungsstreit in der Erziehungswissenschaft und pädagogische
Verständigung. Wilhelm Flitner zur Vollendung seines 100. Lebensjahres am 20. August 1989
gewidmet. Frankfurt/M. (u.a.): Lang.
Schiller, F. (2000): Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. Mit den
Augustenburger Briefen herausgegeben von Klaus L. Berghahn. Stuttgart: Reclam.
Schmidt, S./ Elm, L./ Steiger, G. (1983): Alma mater Jenensis. Geschichte der Universität Jena.
Weimar: Hermann Böhlaus Nachfolger.
Schnabel-Schüle, H. (2006): Die Reformation 1495-1555. Politik mit Theologie und Religion, Stuttgart:
Reclam.
Schwan, T. (2003): Ein politisch naiver, opportunistischer Theoretiker? Peter Petersen und der
Nationalsozialismus. Stand und Probleme der Forschung, In: Hoßfeld, U. [u.a.] (Hrsgg.):
„Kämpferische Wissenschaft“. Studien zur Universität Jena im Nationalsozialismus, Köln
[u.a.], S. 822-849: Böhlau.
Steiger, G. (1989): „Ich würde doch nach Jena gehn“. Geschichte und Geschichten, Bilder, Denkmale
und Dokumente aus vier Jahrhunderten Universität Jena. Weimar: Hermann Böhlaus
Nachfolger.
Steiger, G. (1991): Urburschenschaft und Wartburgfest. Aufbruch nach Deutschland. Herausgegeben
und bearbeitet von Marga Steiger. Zweite, bearbeitete und erweiterte Auflage. Leipzig, Jena
und Berlin: Urania.
Steinmetz, M. (1958): Geschichte der Universität Jena 1948/58 – 1958. Jena: Gustav Fischer.
Wahl, V. (1987): Jena als Kunststadt. Studien zur überregionalen Bedeutung der thüringischen
Universitätsstadt für die moderne deutsche und europäische Avantgardekunst zwischen 1900
und 1933. Dissertation.
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