close

Anmelden

Neues Passwort anfordern?

Anmeldung mit OpenID

Angst ist immer ein schlechter Ratgeber, auch bei - Der VdK

EinbettenHerunterladen
Angst ist immer ein schlechter Ratgeber, auch bei Demenz. Betroffenen wie
Angehörigen ist besser geholfen mit Information, Geld und praktischer Unterstützung.
Auf dem sozialpolitischen VdK-Forum in der Evangelischen Akademie Tutzing
diskutierten Experten aus Politik, Medizin und Wissenschaft.
„Wir sprechen bei Demenz nicht von irgendwem, wir sprechen von unseren Eltern,
Partnern und Freunden“, machte VdK-Präsidentin Ulrike Mascher deutlich. Und dass
das Thema wirklich keinen kalt lässt, wurde eindrucksvoll bewiesen, als
„Fragezeichen“, das bewegende Musikvideo von Sänger Purple Schulz über den
Beginn einer Demenzerkrankung, im Vortragsraum der Evangelischen Akademie in
Tutzing verklungen war. Sehr still war es nach dem Abspann geworden. Moderatorin
Sybille Giel, Leiterin der Redaktion Gesellschaft und Familie des Bayerischen
Rundfunks, beschrieb ein „Gänsehaut-Gefühl“, das sie und sicherlich viele andere
überkommen habe.
Albrecht Engel, Landesgeschäftsführer des VdK Bayern, formulierte in seiner
Begrüßung die Leitfrage: „Wie ist ein selbstbestimmtes Leben mit Demenz möglich?“
Die Benachteiligung von Menschen mit Demenz in der Pflegeversicherung ist auch
nach Meinung von VdK-Präsidentin Ulrike Mascher ein nach wie vor ungelöstes
Problem. Dass die Bundesregierung die Anpassung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs
auf die Bedürfnisse von Demenzkranken nicht vorgenommen hat, hält Mascher „für
einen klaren Verstoß gegen den Koalitionsvertrag“. Hier war „eine neue,
differenzierte Definition der Pflegebedürftigkeit“ angekündigt worden, um „mehr
Leistungsgerechtigkeit in der Pflegeversicherung“ zu schaffen. Dafür müsste aber
mehr Geld ins System gelangen. 0,1 Prozent Beitragssatzanhebung in der
Pflegeversicherung seit Januar 2013 reichten für eine bessere Versorgung nicht aus:
„Eine Beitragssatzerhöhung um weitere 0,3 Prozent wäre notwendig.“ Mascher
zeigte sich überzeugt, dass sich dafür auch Mehrheiten finden lassen. In der
Bevölkerung sei vermutlich eine breitere Zustimmung zu erwarten als für die von der
Bundesregierung unterstützte private Vorsorge in Form des „Pflege-Bahrs“.
Ein lebenswertes Leben
Um Lebensqualität drehte sich der Vortrag von Dr. Marion Bär, Gerontologin vom
Kompetenzzentrum Alter der Universität Heidelberg. Sie plädierte dafür, Demenz
nicht nur als Defizit zu betrachten: „Wie lebenswert ein Leben mit Demenz wirklich
ist, können nur die Patienten selbst beurteilen.“ Und diese schätzen ihr Befinden sehr
oft viel positiver ein, als ihre Angehörigen vermuten. „Nutze jeden Tag und jeden
Augenblick“: Viele Patienten berichten davon, dass sie ihr Leben sogar viel
bewusster genießen.
Neuere medizinische Erkenntnisse standen im Mittelpunkt des Vortrags von Prof. Dr.
Hans Förstl von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Münchner Klinikum
rechts der Isar. So wisse man heute, dass das mittlere Lebensalter der beste
Zeitpunkt ist, um sich kognitive Reserven fürs Alter aufzubauen. „Machen Sie
Bodybuilding fürs Gehirn!“, empfahl Förstl. Ein Zusammenspiel von geistiger Aktivität,
körperlicher Fitness und guter Ernährung sei eine gute Demenz-Prävention. Einige
besondere Risikogruppen für Demenzerkrankungen kenne man bereits. So tragen
beispielsweise Patienten mit einer Depression ein doppelt so hohes Risiko, an
Demenz zu erkranken. Auch das sei ein Grund, Depressionen so früh wie möglich zu
diagnostizieren und zu behandeln.
Aus seinem palliativgeriatrischen Alltag berichtete Dr. Christoph Fuchs vom Zentrum
für Akutgeriatrie am Klinikum Neuperlach, München. Menschen mit Demenz und
Hochbetagte auf ihren letzten Lebenswegen zu begleiten, sei eine große
Herausforderung in den Pflegeheimen geworden. Mehrfacherkrankungen sind bei
alten Patienten der Normalfall, doch Fachärzte tauschen sich untereinander oft zu
wenig aus. Folglich nehmen die Patienten viel zu viele Medikamente und leiden unter
gefährlichen Wechselwirkungen. Fuchs plädierte für die Etablierung von
festangestellten Ärzten in Pflegeheimen sowie einen höheren Personalschlüssel: „So
lassen sich belastende Krankenhauseinweisungen vermeiden, und den Menschen
wird ein friedliches Sterben ermöglicht.“ Sein Rat lautet schlicht: „Menschliche
Zuwendung in hoher Dosierung.“
Sich Hilfe organisieren
Das persönliche Umfeld ist für Demenzpatienten am wichtigsten. Heike von LützauHohlbein, Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, berichtete anschaulich
aus Sicht der Betroffenen vom Leben mit Demenz. „Nach der Diagnose wird der
Freundeskreis sehr schnell kleiner“, weiß sie aus Selbsthilfegruppen. Für die
Erkrankten sei das eine besonders schmerzhafte Erfahrung, zumal die Erkrankung
selbst schon dazu führt, buchstäblich den Halt zu verlieren. Umso wichtiger seien
Selbsthilfe und entlastende Angebote. Wenn die Bedürfnisse von Erkrankten und
Angehörigen im Gleichgewicht sind, könne man diese Zeit auch genießen, ist Heike
von Lützau-Hohlbein überzeugt: „Wir können einiges lernen: im Augenblick zu leben,
Geduld, Langsamkeit, Gefühle zuzulassen, ja, sogar Lachen und Humor.“
Besonders erschreckend ist für viele Menschen der Verlust der
Kommunikationsfähigkeit im Laufe der Demenzerkrankung. „Was tun, wenn die
Sprache zerbricht?“, fragte Thomas Brauer, Leiter der Lehranstalt für Logopäden der
Universitätsmedizin Mainz. Verringertes Sprechtempo, Wortfindungsstörungen oder
unstrukturiertes Erzählen sind häufige Kennzeichen. Vermehrt gehört deshalb auch
eine Sprachtherapie in einer logopädischen Praxis zum Behandlungsangebot bei
Demenz, berichtete Brauer. Hier lernen auch Angehörige, wie die
Kommunikationsfähigkeit so lange wie möglich erhalten bleiben kann.
Die Gerontologin Birgid Eberhardt gab abschließend noch einen Überblick über
Möglichkeiten der technologischen Alltagsunterstützung von Menschen mit Demenz.
Manches ließe sich leicht realisieren: beispielsweise Zeitschaltuhren, ein Bügeleisen,
das sich selbst abschaltet, ein ausreichend helles Licht, um Wohlbefinden und
Aktivität zu fördern, oder Sturzmatten, die einer Notfall-Zentrale sofort melden, wenn
jemand längere Zeit am Boden liegt. Das Fazit der Teilnehmer nach zwei Tagen
Tutzinger Forum: Demenz mag eine Herausforderung sein, ein Schrecken muss
diese Erkrankung aber nicht sein. (Dr. Bettina Schubarth)
Grenzen erkennen und akzeptieren, gemeinsame Erlebnisse schaffen
Heike von Lützau-Hohlbein von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft plädiert für
einen gelassenen Umgang mit Demenz
Wie kann man den Alltag als Angehöriger meistern, wenn ein Familienmitglied an
Demenz erkrankt ist? Heike von Lützau- Hohlbein, Vorsitzende der Deutschen
Alzheimer Gesellschaft, im Interview mit der VdK-Zeitung.
Was können Angehörige für sich selber tun?
Lützau-Hohlbein: Angehörige können viel für sich selber tun, sie sollten sogar
unbedingt etwas für sich tun. Denn nur ein gesunder Angehöriger kann diese teils
schwierige Situation bewältigen. Gesund zu sein, bedeutet, gelassen zu sein, an sich
selber zu denken und sich um sein seelisches Wohlergehen zu kümmern. Das heißt,
man darf auf keinen Fall sein bisheriges Leben aufgeben, sondern sollte weiterhin
seine Hobbys pflegen oder etwas mit Freunden unternehmen. Manchen hilft es auch,
sich einer Angehörigen-Selbsthilfegruppe anzuschließen, um sich mit anderen
Betroffenen auszutauschen.
Wie wichtig sind gemeinsame Erlebnisse?
Es ist enorm wichtig, weiterhin gemeinsame Unternehmungen und Erlebnisse zu
organisieren – vor allem in den frühen Phasen einer Demenzerkrankung ist das auch
noch gut möglich. Diese Erlebnisse müssen aber beiden etwas bedeuten. Ein
schöner Urlaub, ein Ausflug, eine Feier – so etwas ist eine Abwechslung, von der
man wieder eine Weile zehren kann.
Wie können Angehörige mit Aggressionen umgehen?
Zunächst einmal muss man sich klar machen, dass die Aggressionen des Erkrankten
vor allem gegen sich selbst gerichtet sind. Doch weil er damit nicht umgehen kann,
bricht es eben manchmal direkt aus ihm heraus. Ich weiß, dass das sehr schwer zu
begreifen ist. Man muss sich aber immer wieder sagen: „Das hat mit mir nichts zu
tun.“ Umgekehrt kann auch das eigene Verhalten Aggressionen provozieren. Wenn
ich mit großer Ungeduld ein „Das habe ich dir doch schon dreimal gesagt“ entgegen
schleudere, verletzt ihn das genauso. Es ist ja kein böser Wille, dass er vergessen
hat, was ich gesagt habe. Man muss sich immer wieder bewusst machen, wie man
es sagt.
Aggressionen gehören jedoch nicht unabwendbar zum Krankheitsbild. Die Psyche
verändert sich, ja, doch manche Menschen werden sogar milder und
zurückgezogener als je zuvor.
Ein viel größeres Problem ist, dass Angehörige Gefahr laufen, depressiv zu werden.
Auch ohne zusätzliche Krankheiten kann eine Demenz zu Bettlägerigkeit und
schwerer Pflegebedürftigkeit führen – das ist nicht alles zu schaffen, zumal ja auch
viele betagte Menschen ihre Partner pflegen. Wir hören immer wieder, dass sich
Pflegende dann Vorwürfe machen, wenn sie die Pflege nicht mehr alleine bewältigen
können und das Familienmitglied in ein Heim umzieht. Jeder muss seine Grenzen
erkennen und akzeptieren. Schuldgefühle sind fehl am Platz.
Demenz und Humor – geht das?
Ja, das geht definitiv, man kann das Lachen wieder lernen. Das setzt aber eine
gewisse innere Distanz voraus. Man muss sich einfach fragen: Ist es denn wirklich so
wichtig, dass alles perfekt läuft? Darf ein Leben nicht auch mal anders aussehen?
Für mich persönlich war Humor ein wichtiger Weg. Ich erinnere mich daran, als ich
meine Mutter einmal zu einem Spaziergang abholen wollte. Ihr rechter Fuß steckte in
einer Sandale, ihr linker in einem Winterstiefel. Wir mussten beide herzhaft lachen
und hatten einen wunderbaren Tag.
(Fragen: Dr. Bettina Schubarth)
Tipp: Neben Informationen zu medizinischen und rechtlichen Fragen können sich
Anrufer beim „Alzheimer-Telefon“ der Deutschen Alzheimer Gesellschaft auch Rat
bei persönlichen Problemen im Umgang mit der Erkrankung holen. Beratungszeiten:
Montag bis Donnerstag, 9 bis 18 Uhr, Freitag von 9 bis 15 Uhr. Servicenummer:
(01803) 171017 (9 Cent pro Minute aus dem deutschen Festnetz) oder
Festnetznummer: (030) 259 37 95 14.
Document
Kategorie
Seele and Geist
Seitenansichten
2
Dateigröße
82 KB
Tags
1/--Seiten
melden